Experimentelles Rheinradeln

Aus den Augen lauernder Hornschafe, die an den Düsselschnellen weideten, entronnen, ausgelaufen, Fahrt aufgenommen: die Blicke streiften Brombeerhecken, gelbe (sowie als Zwetschgen getarnte) Mirabellen, schwarze Holderbeeren, rispenweise schlaff in die Luft getunkt; so fuhren wir ein Rennen gegen den Straßenverlauf, der jedoch im Vorteil war, da er jederzeit durch seine eigenen Schlaglöcher abtauchen (und wieder auftauchen) konnte. Als wir auf Höhe der Waschmittelwerke zum Fluß durchbrachen, hatten wir bereits die Sonne verloren. Zur Sicherheit trugen wir eine weitere als 50 Cent-Münze auf dem Herzen: ein allzeitbereites Ja/Nein-Orakel von symbolischer Rundheit und mit angemessenem Nennwert. Rechts und links der Straße standen schwammbewachsene Pappelruinen und gaben exotisch wirkende Skulpturen zwischen Berlepsch, Berlepsch, Berlepsch. Die Fähre nach Zons konnte im Zeitraffer aufgefädelt werden, dh, an einen Faden gelegt, mithilfe dessen (und mittels einigen Geschicks) sie sich in irrem Tempo abspulen ließ. Dutzende Male ließen wir das Gefährt hin- und herswitchen, bis ein kolossales Dieselroß unter Schnauben und Gasen das Spiel beendete. Wir setzten über, riefen den Regen herbei, Höhe Rheinfeld bereits traf er ein. Erst tröpfelte er, entschloß sich dann zu sprühen, am Schluß formierte er sich zu hochwirksamen Güssen. Das Wasser stieg, das Radeln bekam Nuancen von Schwerelosigkeit, auf dem patxaranfarbenen Fluß krochen schneckengleich die Tanker. Kaninchenfische kamen uns schwarmweise entgegen, zwischen ihren Vorderzähnen formten sie niedliche Luftblasen, das langgezogene I eines Bussardhechtes schwang über die Algenwiesen. Unter Wasser schien es weiter zu regnen. Die Natur verlangte nach expliziter Darstellung. Um die von Wogenwürfen exzentrisch verzerrte Mülldeponie wuchsen und wucherten sie: Wolliges Honiggras, Weiches Honiggras, Stinkender Storchenschnabel, Gemeiner Reittierschnabel, Acker-Vergißmeinnicht, Hügel-Vergißmeinnicht, Kleinblättrige Nachtkerze, Geharnischtes Ferkelkraut, Volltrauerblume, Echtes Labkraut, Wiesen-Storchenschnabel, Mauer-Fellmutterblume, Mittlerer Wegerich, Marxistischer Wegerich, Schmalblättriger Wegerich, Einjähriges Rispengras, Schmierenhafer, Wiesen-Rispengras, Espe/Zitterpappel (zitterte! zitterte!), Schwermütiges Weidenröschen, Kriechendes Fingerkraut, Vogelkirsche, Schielter, Späte spröde Traubenkirsche, Apfel-Rose, Geteilter Wahn, Gelber Wahn, Mauerwahn, Fischmiere, Faultraum, Gewöhnliches Pfaffenhütchen, Liguster, Echte Kamille, Fleischweide, Rote Heckenkirsche, Feld-Heimhimse, Weiße Lichtnelke, Wald-Nabelmiere, Kleines Habichtskraut, Witwenblume, Schäfchenriegel, Schafschwingel, Zypressen-Wolfsmilch, Gesamtheitlicher Natternkopf, Kugel-Distel, Dreierlei, Kleine Wetterblume, Feld-Ahorn, Schafgarbe, Berg-Ahorn, Gewöhnliche Ochsenzunge, Wohlriechendes Fluchtgrün, Acker-Schafknöttel, Kopf-Binse, Kleine Wasserlinse, Geißfuß/Giersch, Rotes Straußgras, Gemeine Quecke, Schwarz-Erle, Gewöhnliche Felsenbirne, Quendelblättriges Sandkraut, Acker-Schmalwand, Wiesenkerbel, Dreizahn, Knoblauchs-Rauke, Weinbergs-Lauch, Heilige Birke, Weiche Trespe, Taube Trespe, Schwarz-Nessel, Wiesenflockenblume, Hain-Buche, Kanadischer Katzenschweif (schweifte! schweifte!), Sand-Hornkraut, Gemeiner Rheinfarn, Schlehe, Haselnuß, Ergriffener Weißdorn, Weißer Hartriegel, Roter Hartriegel, Fingierter Hartriegel, Männlicher Wurmfarn, Gewebter Dornfarn, Sal-Weide, Wünschel-Weide, Korb-Weide, Bruch-Weide, Purpur-Weide, Wasser-Schwertlilie, Kleiner Sauerampfer, Häschenmoos, Kriechender Hahnenfuß, Niederfliegendes Marderkraut, Kleiner Vogelfluß, Klebriges Labkraut, Wegwarte, Sicherheitsriegel, Knabenbinse, Stumpfblättriger Ampfer, Geschlingelte Schmiele, Gemeiner Heutropfen, Zaungiersch, Kraftbeere, Weiße Taubnessel, Große Brennessel, Springkraut, Geflügeltes Johanniskraut: Flora der Heimat! Der Wassergeruch, getüncht mit Blütengrüßen, vermittelte Gefahr, als ein heißer Strahl flüssiger Elektrizität aus den Wolken herabschoß: der eigentlich stabile Rahmen unseres Rades zerschmolz getroffen innert eines Lidschlags zu einem Klumpen mit überraschenden Rundungen. Donner grollte wie Möpse atmen. Es kam jetzt noch dicker. Irgendwer hatte weitflächig den Himmel eingeschwärzt. Die Leuchttiere waren in Deckung gegangen, aber das Gewitter lockte ungeheure Insekten hervor, Würmer mit Flügeln, Flossen und Stacheln und diese Viecher suchten den Dialog. Wir gingen tief in uns, so tief, daß niemand uns mehr folgen konnte. Höhe Merkenich traten wir triefend wieder hervor: die Feuerwehr war gerade dabei, die Keller leerzupumpen.

Rheineck

Die Autobahn ist grausam. Ihr den Sonntag zudröhnender Sound aber beileibe kein Alleinstellungsmerkmal des an sich recht hübschen Städtchens, dem der Rhein ein wenig entrückt ist (wie etwa auch Xanten oder Zons, die aber jeweils zwei Windmühlen besitzen). Dafür besitzt Rheineck heute die höchstgelegene Schifffahrtsanlegestelle (am Rhein? Europas? egal – diese aus Mangel an Gespür für wirklich Vorzeigbares annoncierten Rekorde ennuieren doch eigentlich sehr: „stellt euch vor, ich hab die am höchsten gelegene Schifffahrtsanlegestelle der Schweiz gesehen“). Die Rheinecker Fischmeile besteht aus ins Trottoir eingelassenen Messingfischen, welche, Ruhm kennt viele Formen, Namen um Rheineck bemühter Rheinecker Persönlichkeiten bieten: darunter mit Julia Lang, William Wolfensberger und Willy Bieger drei in doppeltem Wortsinn verschiedene KollegInnen, die wahlweise mit Dichter/in oder Poet bezeichnet von ihren Bodenplatten grüßen. Über Hügel und in gedehntere Hinterhoflandschaften, sowie hübsche Stiegen hinauf/hinab streckt sich das eigentliche, vom Verkehrslärm erlegte Idyll: am evangelischen Gemeindehaus prangt als Relief die Szene vom Gang der Apostel zu den Huren. Sehr schweizerisch (trotz Anleihe bei spanischer Zeichensetzung) die Wortwahl eines den Stadtpark überprangenden Gebotsschildes in signalroten Lettern auf Unschuldsweiß: !Pflicht zur Kotaufnahme! Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. „Frauen leben anders, Frauen altern anders“ möchte ein aktuelles Frauenzmorgä ganz offenbar einiger Andersartigkeit Freiraum bieten. (Drei Sympathiepunkte.) Auch die Blumenbeete des Örtleins wirken sehr einladend, die Zahl der Weinbergschnecken ist Legion. Wenn nur nicht die Autobahn so grausam wär. Und einige Fassadeninschriften so halblustig. Daß ich sie garnicht widergeben mag.

Rheinsein-Lesung

Nach drei Rheinsein-Lesungen in Köln (März), Aachen (Juli) und Karlsruhe (September), letztere als Podcast abrufbar bei Online Radio Mühlburg gastiert Rheinsein heute zum zweiten Mal in diesem Jahr auf der Lesebühne im Kölner Raketenclub. Rheinsein debattierte in diesem Rahmen bereits mit dem Publikum über die genaue Anzahl der Windmühlen in Xanten und Zons; die Lokalpresse zeigte sich angetan bis begeistert. Beginn der heutigen Veranstaltung ist 20.30 Uhr, der Raketenclub liegt in einem Hinterhof der Weidengasse 21 im Eigelsteinviertel und ist von den Verkehrsknotenpunkten Hauptbahnhof und Hansaring in jeweils fünf Minuten zu Fuß erreichbar.

Xanten, Xanten, Xanten

Von Xanten zu sprechen geht kaum ohne die zahlreichen Sehenswürdigkeiten des Städtchens zu erwähnen. Tatsächlich sind Attraktionen unterschiedlichster Größe, Gestalt, Sinnhaftigkeit und Echtheit in Xanten omnipräsent. Oft genügt ein einziger Blick um unverhofft eine knappe Handvoll von ihnen zu erfassen. Dann beginnt das mühsame Einprägen. Xanten anzuschauen vermittelt ein wenig die Stimmung aus Rudi Carrells alter Fernsehsendung „Am laufenden Band“, nur statischer und noch ein Stückchen weiter aus der Zeit gehauen. Verbunden sind die Attraktionen mittels ins Pflaster eingelassener Fußabdrücke mehr oder minder bekannter Personen, die vermitteln sollen, daß Hinz und Kunz sich ebenfalls für Xanten interessierten. Innerhalb der Stadtmauern, in seinem absoluten Zentrum, ist Xanten in seiner ganzen Art von ähnlichen Ortschaften wie z.B. Zons nur im Detail unterscheidbar. Wo es in Zons einen Schweinebrunnen gibt, gibt’s in Xanten eben einen Schweineturm. Und wo Zons keine rechte Windmühle zu bieten hat, bietet Xanten zum Ausgleich derer zwei, klitternd benannt nach Siegfried und Kriemhild. Etc etc. Doch bei aller Verwirrung und geschichtlicher Supraorientierung, zurück geht es in Xanten, ob man will oder nicht, immer zur Tourist Information, sie ist das mathematische Zentrum des gesamten Attraktionsgefüges, nicht wenige Attraktionen werden hier erst zu solchen gemacht und ganz gleich, wohin sich der Xanten-Besucher wendet, früher oder später steht er wieder vor der Tür mit dem einquadrateten I obendran. Ja, wirklich alle Straßen Xantens führen zur Tourist Information und das macht Xanten dann doch fast einmalig. Die Tourist Information vollzieht nämlich heimlich die Bewegungen der Xanten-Touristen mit und bietet unaufdringlich ihre Front in Sichtweite, sobald dem Besucher auch nur die Andeutung eines Fragezeichens aus dem Schädel wächst. So wird Wissensdurst butterweich abgefedert. Drinnen in der Tourist Information sitzen freundliche und höchst kompetente Damen, die alles über Xantens Attraktionen wissen, sie wissen sogar noch viel mehr und erklären notfalls auch diejenigen Sehenswürdigkeiten, die der Besucher übersehen, vergessen oder nicht richtig verstanden hat. Weisen darüber hinaus auf Xantener Sehenswürdigkeiten hin, die garnicht in Xanten selber zu sehen sind, sondern in Berlin oder vielleicht Amerika. Erzählen bereitwillig die Anekdote vom englischen Touristen, der Xanten für ein spezifisches Weihnachtsgebäck hielt. Erzählen verständnisvoll die Anekdote vom belgischen Ehepaar, das seinen Sohn Xanten nannte. Geben unumwunden zu, daß ihnen Xanten auch mal zum Hals raushängt. Und wer`s nicht glaubt, muß selber hin.