rotraum

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Das Kreismuseum Zons zeigt aktuell die Ausstellung Rhein-Reisende. Flussabwärts-Installationen von Joachim Römer, von dem rheinsein bisher hauptsächlich als Flaschenpostsammler Notiz nahm. Römers rheinische Flaschenpostfunde, gesäubert, datiert und edel in Rundvitrinen arrangiert, sind auch Teil der Zonser Ausstellung. Über Flaschen verschiedener Materialen und Größen hinaus sammelt Römer Anschwemmsel aller Arten, die er mehr oder weniger bearbeitet für Installationen, Schaukästen, Mosaiken oder als Filmintarsien verwendet. Kunststoffprodukte nehmen den weit überwiegenden Anteil der Funde ein, weisen auf aktuelle Kontaminationen der “deutschen Lebensader”. Römers handwerklich hochwertige Arbeiten transportieren Pop- und Trashkultur über rheinischen Humorlinien. Sie wirken unmittelbar und leicht zugänglich. Das beeindruckendste Werk der Ausstellung ist der rotraum (Bilder), der sowohl an James Turrells Perceptual Cells, als auch ein wenig an die Black Lodge aus Twin Peaks erinnert. Ein roter Teppich führt in eine Bretterkammer, die vollständig mit genuin rotem Rheintreibgut ausgekleidet ist. Kleine Leuchten sorgen für Schummerakzente. Wände, Boden und Decke gehen als Reliefs ineinander über. Die Farben erinnern an die Bandbreite der Rosenblüte, ihre Intensität löst sich in Funktionalität bzw Banalität einzelner Gegenstände (Ölbehälter, Feuerzeuge, Bälle, Dildos, Nupsis und Pinörkel), die sich wiederum zu wirren Landschaften mit psychedelischem Potential fügen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Oktober 2017 im Kreismuseum Zons zu sehen. Öffnungszeiten: Di-Fr: 14-18 Uhr, Sa-So: 11-18 Uhr

Zons (2)

zons_forsythsFür seine Mauern ist Zons weit über Zons hinaus bekannt

zons_mauer_gesichterVon Horror sprechende Gesichtsausdrücke in altem Turmgemäuer

zons_fensterMauer mit eingekerkertem Fenster

zons_tricolorStilvoll koloriert: Mauer mit Auslaß

zons_landkarteKlassische Landkartenmauer

Zons

zons_platonsches himmelsgleichnisPlatons Höhlengleichnis in der Zonser Variante als Schattenspiel am Kreismuseum

zons_maria magdalenaZonser Verzweiflung: Maria Magdalena klammert sich ans Kreuz vor St. Martinus

zons_sternNicht nur farbliche Geschlossenheit herrscht in der Zonser Himmelsmetaforik

zons_sudden foxEin plötzlicher Fuchs bevölkert den Blick von Zons in Richtung Rhein, der einst an die Stadtmauern der mittelalterlichen Festung reichte, mittlerweile jedoch einen halben Kilometer Abstand bevorzugt

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sic fulgent_zons_claudiaRheinwiesen bei Zons, aufgenommen von Claudia

Flussgeschichten – Der Rhein

ist der Titel der neuesten Rheindokumentation aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vor einer Woche erstausgestrahlt steht sie ein Jahr lang, bis Ende Mai 2016, in der ARD-Mediathek zur Verfügung. “Warum ist es am Rhein so schön?” lautet die Grundfrage des Films von Thomas Förster, der sich in kurzen Geschichten den Städten, Städtchen, Dörfern und Landschaften des Abschnitts zwischen Koblenz und Nimwegen widmet. “Was hebt diese Doku gegen ungezählte andere ab?” lautet die obligatorische Gegenfrage. Zum einen ist dies die Spielfilmlänge von knapp anderthalb Stunden. Zum anderen die Herangehensweise, die leidlich bekannten aktuellen Flußansichten mit Fotografien und Filmausschnitten früherer Jahrzehnte, vornehmlich aus Regionalsendungen der 50er und 60er zu verschneiden.

In Koblenz widmet sich der Film ganz dem Reiterstandbild am Deutschen Eck, mit knapp 40 Metern Höhe angeblich das größte seiner Art weltweit. Kurt Tucholsky hat es zureichend beschrieben. In Andernach geht es um den Geysir, der wiederum ein rekordträchtiger ist. Von Remagen sehen wir die Brücke, von der bis 1976 noch zwei Pfeiler in der Flußmitte standen und Romy Schneider, die sich in einem Remagener Synchronstudio, das seit 20 Jahren Geschichte ist, selbst synchronisiert. Für Linz steht der Schwimmer Klaus Pechstein, der 1969 als erster Mensch den Rhein komplett durchschwommen haben soll. Fotos und Bewegtbilder zeigen den Sportler im Gummianzug in schickem Barakuda-Design, wie er beim

klaus pechstein

Schwimmen kleine Raucherpausen einlegt oder ein Pils zischt. Neun Jahre vor Pechstein hatte bereits der Franzose Louis Lourmais den Rhein durchschwommen – der Film behauptet: erst ab Schaffhausen. Königswinter wird als Sehnsuchtsort attributiert. Touristen amüsieren sich bei Juxfotografen und Eselstrecks auf den Drachenfels. 1958 entgleiste die damalige Drachenfels-Dampfbahn, die Touristen auf den Berg brachte, bei einem Bremsversagen aufgrund zu geringen Dampfdrucks. Das Unglück forderte 17 Tote. Den Erzählautomaten kennen wir von

drachenfels_erzählautomat

unserem ersten Besuch. Er dürfte mittlerweile den Modernisierungen rund um die Drachenburgruine zum Opfer gefallen sein. Für Rhöndorf wärmt der Film den Streit zwischen Konrad Adenauer und Peter Profittlich auf. Letzterer wollte eine Seilbahn, die den Ort mit der Drachenburg verbinden sollte. Adenauer wollte sich nicht von Touristen in den Garten schauen lassen. Eine Seilbahn gibt es in Rhöndorf bis heute nicht, Adenauers Garten kann besichtigt werden. 1959 berichtete der Spiegel von der Auseinandersetzung. Die ehemalige Hauptstadt Bonn streift der Film nur knapp, in Form von Motorradartisten, die sich der Godesburg per Luftseil näherten. Für Köln portraitiert der Film Sigrud Knubben, mehrfache und jung verstorbene Weltrekordlerin im Motorboot. Motorbootrennen fanden an der Kölschen Riviera bei Rodenkirchen statt – der Rhein wurde für den Normalverkehr einfach gesperrt. Weiters aus Köln berichtet wird die illegale Hebung des Grabmals des Poblicius, das einen ausführlichen Wikipedia-Artikel besitzt und der Einfluß der Fließbandgeräusche der Fordwerke auf das musikalische Werk von Gavino Soro – mit seinem Lied Ju-Ju-Juliette findet sich auf Youtube ein Beispiel für den italienisch-rheinischen Werkhallenschlager. Über die Zonser Freilichtspiele und einen Abstecher ins Braunkohlerevier, dessen Grundwasser über die Erft in die Rhein abgeführt wird, was die Flußstärke der letzteren ungefähr verfünffachte, geht es auf Düsseldorf, den Querverschub der Oberkasseler Brücke, Radschläger, Altstadtoriginale und eine Performance der ZERO-Künstler. Für Duisburg stehen Rheinhausen und Ruhrort. Die Stahlschmelze in Rheinhausen war 1962 Gegenstand der ersten TV-Satelliten-Direktübertragung zwischen Deutschland und den USA, ein Stück Rundfunkgeschichte. Ruhrort zeigt der Film zu Zeiten des Niedergangs der Schleppschifffahrt, als die Schlepperbesatzungen noch mit Proviantschiffen versorgt wurden. In den Weiten des Niederrheins befinden sich Ortschaften, deren Existenz uns zuvor unbekannt war. Über Orsoy (das Anfang der 60er kurzzeitig Ideenzentrum der von den Alliierten nicht genehmigten deutschen Raketenindustrie war) und Götterswickerhamm (dessen Orderstation die Passagezeiten der Schiffe notierte und die vorüberziehenden Schiffer mit Informationen  und Musik beschallte), geht es auf Borth, die niederrheinische Salzpfanne, ein Bergwerk mit ausgeprägtem Straßennetz in 500 bis 800 Metern Tiefe, auf Mars, dessen Name für sich steht und einen Schokoriegelhersteller auf die Idee brachte, die Dorfbewohner für eine Kampagne als Marsmenschen einzuspannen, auf Elten, das nach dem Krieg vorübergehend an die Niederlande ging, als Pfand für noch zu leistende Reparationszahlungen und schließlich vorbei an Schenkenschanz nach Nimwegen.

Flussgeschichten – Der Rhein bietet eine ausgewogene Mischung aus bekannteren und randseitigen Geschichten. Insbesondere das in WDR-Archiven ausgegrabene Bildmaterial aus der jungen Bundesrepublik macht den Film, der über weite Strecken wie eine Sendung mit der Maus für Erwachsene wirkt, sehenswert.

Notizen von unterwegs (2)

Bei Zons. Schimpfender Rheinangler. Hat eine Chinesische Wollhandkrabbe aus dem Fluß gezogen. Verzieht die Miene, belegt das mit den Scheren protestierende Krustentier mit abwertenden Begriffen. Beklagt das Überhandnehmen des Fremdlings, redet sich in Rage, “Eindringling”, “Schädling”, “Freßfeind”, “Vormarsch”. Klingt nach Kriegspropaganda, HoGeSA* und PEGIDA**, tendenziell puristisch Anti-, insgesamt nach überreichlich bekanntem Vokabular. Das ausgerechnet im Rheinland, wo der Toleranzgedanke nach Einschätzung des Rheinländers mit der Muttermilch an die Kinder weitergegeben wird. Toleranzland. Auf Basis des rheinischen Jrundjesetzes. (Und wieder nicht: “Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet.” (Artikel 6).) Unterm Strich: Hat sich was mit Tolerieren! Nicht nur beim Angeln. In rheinischen Städten häufen sich Demonstrationen religiös-politisch-herkunftsbezogener Intoleranz. Samt Gegendemonstrationen der Intoleranz-Intoleranten und Toleranz gegenüber Intoleranz-Intoleranten. Fast schon Alltag der Toleranz und Sojamilch einfordernde Laktoseintolerantenterror in unseren Cafés. Nun die neue rheinische Intoleranz gegenüber der Wollhandkrabbe: “Sie ist schon bis zur Obererft vorgedrungen!” Wem die Obererft gehört, gehört Deutschland. Unsere Obererft-Kernkultur.
Die Ablehnung des jeweils Fremden, Befremdenden, selbst im Vertrauten Fremdartigen drückt nichts anderes als das Mißtrauen gegenüber dem Eigenen aus, die Schwierigkeit, den selbst gestellten Ansprüchen zu genügen, das heimliche Wissen ums eigene Scheitern, das zuzugeben den Freitod des Einzelnen in der Gesellschaft markiert, die letztlich aus denselben, sich mißtrauenden Einzelnen besteht, deren Mißtrauen wiederum darin gründet, zu wissen, daß sie ihr Mißtrauen nicht zugeben dürfen. Stattdessen: Weiterschieben des Schwarzen Peters. Nach außen gelebte, offen vorgetragene Toleranz gegenüber der eigenen Position, längst abgehandelt als staatstragende Doppelmoral des Bürgertums.
Die Chinesische Wollhandkrabbe war lange vor den Chinesen in China, einem uralten Kulturvolk, das seit Jahrtausenden mit der Krabbe zu leben versteht. Das sie gekocht oder gedämpft und klaglos bis freudig mit einem Reisessig-Ingwer-Dip verspeist. Was wiederum der Rheinländer (noch) nicht weiß und woran sich seine Toleranzdiskrepanz bezüglich der Wollhandkrabbe bemißt. Was nichts macht. Toleranzdefizite sind immer vorübergehender Natur. Sie verschwinden über Nacht, im Schlaf, dem Tolerantmacher schlechthin, und falls sie anderntags mit ihrem Wirt erwachen und sich erneut berappeln, werden sie eben mit einer Narrenkappe kuriert: am Tag, an dem der Rheinländer dereinst die Verspeisbarkeit des Tiers begreift, wird er’s immer schon gewußt haben.

* Hooligans gegen Salafisten
** Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes

Presserückschau (September 2012)

Schreckensnachricht in der Welt: “Ein gefräßiger Chinese wütet am Rhein”. Gemeint ist vorderhand der Asiatische Laubholzbockkäfer, der bereits vor sieben Jahren in Bonn eingefallen ist und dort mit seiner Guerillataktik den alten Ahornbestand bedroht. Die militärische Berichterstattung über die Invasion derselben Käferart in Weil scheint unterdessen zu ruhen. Weitere ausgewählte Nachrichten des Septembers:

1
Über das in Basel populäre Rheinschwimmen berichtet ausführlich die Zeit und holt aus, daß der Fluß in den 80er Jahren auch und insbesondere in Basel als Kloake galt: „Luftaufnahmen aus dieser Zeit zeigen drei Farbströme im Wasser: einer aus den Chemieanlagen, einer aus den Haushalten und einer von der Schlachterei.“ Rhodamin hieß der fluoreszierende rote Farbstoff, der bei der Sandoz-Katastrofe 1986 nebst tonnenweise Giften mit dem Löschwasser der Feuerwehr in den Rhein gelangte.

2
François Hollande kündigt die Stillegung Fessenheims, des ältesten Atomkraftwerks Frankreichs für 2016 an. „Erst am Mittwoch vergangener Woche hatte es wieder einen Zwischenfall gegeben. Bei Routinearbeiten mit nicht radioaktivem Wasserstoffperoxid kam es nach Angaben des Betreibers EDF zu einer Dampfentwicklung, die einen Brandalarm auslöste. Zahlreiche Sicherheitskräfte und die Feuerwehr rückten aus. Im April war in einem Maschinenraum des Reaktors II ein Feuer ausgebrochen.“ (Welt)

3
Irischer Rhein: „Nach jetzt fünf Jahren bekommt dieses Festival in der Region einen immer besseren Namen und großen Bekanntheitsgrad.“ (lokalkompass.de) Die frohe Ankündigung handelt vom „Irish Rhine Festival“ am letzten Septemberwochenende im Keekener Schützenhaus. Für irische Stimmung sollte u.a. der zweimalige niederländische (!) Meister im Dudelsack(!)spiel, Ewald Verhoeven sorgen, nebst „Guinness und Whisky sowie Cider“ und „einem besonderen Leckerli (!)“ (Niederrhein Nachrichten)

4
Eine Reportage über den kleinen Gernsheimer Hafen, den einzigen Rheinhafen Hessens, brachte die FAZ. Täglich knapp ein Schiff landet in Gernsheim an, ca anderthalb könnten derzeit gleichzeitig beladen/gelöscht werden.

5
Eine Bilanz nach 20 Jahren Rhein-Main-Donau-Kanal zieht nordbayern.de: Das Stahlwerk Maxhütte in der Oberpfalz gäbe es nun nicht mehr, ebensowenig die großen Kohlekraftwerke in Erlangen und Nürnberg, hingegen geblieben seien trocken gefallene Natur und eine Maximierung des Betons – soweit der Bund Naturschutz. Die zuständigen bayerischen Ministerien sehen das erwartungsgemäß anders. Bundesverkehrsminister Volker Hauff (SPD) immerhin meinte seinerzeit zum CSU-geführten Durchstich zwischen Main und Donau: „Das ziemlich dümmste Projekt seit dem Turmbau zu Babel“. (Welchen er letztlich ebenfalls nicht genehmigt hatte.)

6
„Die Regierungsgeschäfte von the Rhine, ehemals Deutschland, wurden im Frühling 1990 durch den Regenten Jefka übernommen. Beobachter klassifizieren den mittelgroßen Staat als progressive neoliberale Parteiendemokratie, bekannt für seine hohe Verdienstmöglichkeit und die niedrige Kriminalität. Die Mehrzahl der gebildeten und vernünftigen Bewohner ist glücklich mit den Verhältnissen. Sie genießen den Ruf, sportlich und freiheitsliebend zu sein, und erfreuen sich einer hervorragenden Infrastruktur. Der größte Unterschied zu anderen Ländern besteht im Bereich Zuwanderung. Der Regent konnte seinen Einfluss gegenüber dem Vorjahr steigern. the Rhine ist nicht Mitglied in einem Bündnis.“ (ars regendi)

7
„Nach 35 Jahren gibt es jetzt wieder eine direkte Fährverbindung zwischen Monheim und Dormagen (…). Im September wird das Piwipper Böötchen samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr im Testbetrieb über den Rhein pendeln. Es können bis zu zehn Personen mitfahren. Die Überfahrt ist kostenlos, Spenden sind erbeten.“ (lokalkompass.de) Ein Userkommentar: „mit der piwipp sind wir schon als schulkinder rübergefahren und nach zons gegangen, zurück haben wir den kapitän geärgert indem wir alle auf einer seite standen und die piwipp in schräglage brachten.“

8
Der Brand in Krefeld dürfte es bis in die Tagesschau geschafft haben: „Eine riesige Rauchwolke ist (…) über mehrere Städte am Niederrhein und im Ruhrgebiet hinweggezogen. Entstanden war sie durch einen Großbrand in einer Krefelder Düngemittelfabrik. Im betroffenen Gebiet wurden die Bewohner gewarnt, ihre Häuser zu verlassen, Krisenstäbe tagten, kilometerweit war Sirenengeheul zu hören.“ (Rheinische Post) “Der Rhein wurde wegen der starken Rauchentwicklung zwischen Düsseldorf und Duisburg auf einer Strecke von fast 40 Kilometern zeitweise für den Schiffverkehr gesperrt, ebenso eine wichtige Rheinbrücke zwischen Krefeld und Duisburg. Der Flugverkehr war leicht beeinträchtigt (…)” (Süddeutsche Zeitung)

Experimentelles Rheinradeln

Aus den Augen lauernder Hornschafe, die an den Düsselschnellen weideten, entronnen, ausgelaufen, Fahrt aufgenommen: die Blicke streiften Brombeerhecken, gelbe (sowie als Zwetschgen getarnte) Mirabellen, schwarze Holderbeeren, rispenweise schlaff in die Luft getunkt; so fuhren wir ein Rennen gegen den Straßenverlauf, der jedoch im Vorteil war, da er jederzeit durch seine eigenen Schlaglöcher abtauchen (und wieder auftauchen) konnte. Als wir auf Höhe der Waschmittelwerke zum Fluß durchbrachen, hatten wir bereits die Sonne verloren. Zur Sicherheit trugen wir eine weitere als 50 Cent-Münze auf dem Herzen: ein allzeitbereites Ja/Nein-Orakel von symbolischer Rundheit und mit angemessenem Nennwert. Rechts und links der Straße standen schwammbewachsene Pappelruinen und gaben exotisch wirkende Skulpturen zwischen Berlepsch, Berlepsch, Berlepsch. Die Fähre nach Zons konnte im Zeitraffer aufgefädelt werden, dh, an einen Faden gelegt, mithilfe dessen (und mittels einigen Geschicks) sie sich in irrem Tempo abspulen ließ. Dutzende Male ließen wir das Gefährt hin- und herswitchen, bis ein kolossales Dieselroß unter Schnauben und Gasen das Spiel beendete. Wir setzten über, riefen den Regen herbei, Höhe Rheinfeld bereits traf er ein. Erst tröpfelte er, entschloß sich dann zu sprühen, am Schluß formierte er sich zu hochwirksamen Güssen. Das Wasser stieg, das Radeln bekam Nuancen von Schwerelosigkeit, auf dem patxaranfarbenen Fluß krochen schneckengleich die Tanker. Kaninchenfische kamen uns schwarmweise entgegen, zwischen ihren Vorderzähnen formten sie niedliche Luftblasen, das langgezogene I eines Bussardhechtes schwang über die Algenwiesen. Unter Wasser schien es weiter zu regnen. Die Natur verlangte nach expliziter Darstellung. Um die von Wogenwürfen exzentrisch verzerrte Mülldeponie wuchsen und wucherten sie: Wolliges Honiggras, Weiches Honiggras, Stinkender Storchenschnabel, Gemeiner Reittierschnabel, Acker-Vergißmeinnicht, Hügel-Vergißmeinnicht, Kleinblättrige Nachtkerze, Geharnischtes Ferkelkraut, Volltrauerblume, Echtes Labkraut, Wiesen-Storchenschnabel, Mauer-Fellmutterblume, Mittlerer Wegerich, Marxistischer Wegerich, Schmalblättriger Wegerich, Einjähriges Rispengras, Schmierenhafer, Wiesen-Rispengras, Espe/Zitterpappel (zitterte! zitterte!), Schwermütiges Weidenröschen, Kriechendes Fingerkraut, Vogelkirsche, Schielter, Späte spröde Traubenkirsche, Apfel-Rose, Geteilter Wahn, Gelber Wahn, Mauerwahn, Fischmiere, Faultraum, Gewöhnliches Pfaffenhütchen, Liguster, Echte Kamille, Fleischweide, Rote Heckenkirsche, Feld-Heimhimse, Weiße Lichtnelke, Wald-Nabelmiere, Kleines Habichtskraut, Witwenblume, Schäfchenriegel, Schafschwingel, Zypressen-Wolfsmilch, Gesamtheitlicher Natternkopf, Kugel-Distel, Dreierlei, Kleine Wetterblume, Feld-Ahorn, Schafgarbe, Berg-Ahorn, Gewöhnliche Ochsenzunge, Wohlriechendes Fluchtgrün, Acker-Schafknöttel, Kopf-Binse, Kleine Wasserlinse, Geißfuß/Giersch, Rotes Straußgras, Gemeine Quecke, Schwarz-Erle, Gewöhnliche Felsenbirne, Quendelblättriges Sandkraut, Acker-Schmalwand, Wiesenkerbel, Dreizahn, Knoblauchs-Rauke, Weinbergs-Lauch, Heilige Birke, Weiche Trespe, Taube Trespe, Schwarz-Nessel, Wiesenflockenblume, Hain-Buche, Kanadischer Katzenschweif (schweifte! schweifte!), Sand-Hornkraut, Gemeiner Rheinfarn, Schlehe, Haselnuß, Ergriffener Weißdorn, Weißer Hartriegel, Roter Hartriegel, Fingierter Hartriegel, Männlicher Wurmfarn, Gewebter Dornfarn, Sal-Weide, Wünschel-Weide, Korb-Weide, Bruch-Weide, Purpur-Weide, Wasser-Schwertlilie, Kleiner Sauerampfer, Häschenmoos, Kriechender Hahnenfuß, Niederfliegendes Marderkraut, Kleiner Vogelfluß, Klebriges Labkraut, Wegwarte, Sicherheitsriegel, Knabenbinse, Stumpfblättriger Ampfer, Geschlingelte Schmiele, Gemeiner Heutropfen, Zaungiersch, Kraftbeere, Weiße Taubnessel, Große Brennessel, Springkraut, Geflügeltes Johanniskraut: Flora der Heimat! Der Wassergeruch, getüncht mit Blütengrüßen, vermittelte Gefahr, als ein heißer Strahl flüssiger Elektrizität aus den Wolken herabschoß: der eigentlich stabile Rahmen unseres Rades zerschmolz getroffen innert eines Lidschlags zu einem Klumpen mit überraschenden Rundungen. Donner grollte wie Möpse atmen. Es kam jetzt noch dicker. Irgendwer hatte weitflächig den Himmel eingeschwärzt. Die Leuchttiere waren in Deckung gegangen, aber das Gewitter lockte ungeheure Insekten hervor, Würmer mit Flügeln, Flossen und Stacheln und diese Viecher suchten den Dialog. Wir gingen tief in uns, so tief, daß niemand uns mehr folgen konnte. Höhe Merkenich traten wir triefend wieder hervor: die Feuerwehr war gerade dabei, die Keller leerzupumpen.

Rheineck

Die Autobahn ist grausam. Ihr den Sonntag zudröhnender Sound aber beileibe kein Alleinstellungsmerkmal des an sich recht hübschen Städtchens, dem der Rhein ein wenig entrückt ist (wie etwa auch Xanten oder Zons, die aber jeweils zwei Windmühlen besitzen). Dafür besitzt Rheineck heute die höchstgelegene Schifffahrtsanlegestelle (am Rhein? Europas? egal – diese aus Mangel an Gespür für wirklich Vorzeigbares annoncierten Rekorde ennuieren doch eigentlich sehr: „stellt euch vor, ich hab die am höchsten gelegene Schifffahrtsanlegestelle der Schweiz gesehen“). Die Rheinecker Fischmeile besteht aus ins Trottoir eingelassenen Messingfischen, welche, Ruhm kennt viele Formen, Namen um Rheineck bemühter Rheinecker Persönlichkeiten bieten: darunter mit Julia Lang, William Wolfensberger und Willy Bieger drei in doppeltem Wortsinn verschiedene KollegInnen, die wahlweise mit Dichter/in oder Poet bezeichnet von ihren Bodenplatten grüßen. Über Hügel und in gedehntere Hinterhoflandschaften, sowie hübsche Stiegen hinauf/hinab streckt sich das eigentliche, vom Verkehrslärm erlegte Idyll: am evangelischen Gemeindehaus prangt als Relief die Szene vom Gang der Apostel zu den Huren. Sehr schweizerisch (trotz Anleihe bei spanischer Zeichensetzung) die Wortwahl eines den Stadtpark überprangenden Gebotsschildes in signalroten Lettern auf Unschuldsweiß: !Pflicht zur Kotaufnahme! Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. „Frauen leben anders, Frauen altern anders“ möchte ein aktuelles Frauenzmorgä ganz offenbar einiger Andersartigkeit Freiraum bieten. (Drei Sympathiepunkte.) Auch die Blumenbeete des Örtleins wirken sehr einladend, die Zahl der Weinbergschnecken ist Legion. Wenn nur nicht die Autobahn so grausam wär. Und einige Fassadeninschriften so halblustig. Daß ich sie garnicht widergeben mag.

Rheinsein-Lesung

Nach drei Rheinsein-Lesungen in Köln (März), Aachen (Juli) und Karlsruhe (September), letztere als Podcast abrufbar bei Online Radio Mühlburg gastiert Rheinsein heute zum zweiten Mal in diesem Jahr auf der Lesebühne im Kölner Raketenclub. Rheinsein debattierte in diesem Rahmen bereits mit dem Publikum über die genaue Anzahl der Windmühlen in Xanten und Zons; die Lokalpresse zeigte sich angetan bis begeistert. Beginn der heutigen Veranstaltung ist 20.30 Uhr, der Raketenclub liegt in einem Hinterhof der Weidengasse 21 im Eigelsteinviertel und ist von den Verkehrsknotenpunkten Hauptbahnhof und Hansaring in jeweils fünf Minuten zu Fuß erreichbar.

Xanten, Xanten, Xanten

Von Xanten zu sprechen geht kaum ohne die zahlreichen Sehenswürdigkeiten des Städtchens zu erwähnen. Tatsächlich sind Attraktionen unterschiedlichster Größe, Gestalt, Sinnhaftigkeit und Echtheit in Xanten omnipräsent. Oft genügt ein einziger Blick um unverhofft eine knappe Handvoll von ihnen zu erfassen. Dann beginnt das mühsame Einprägen. Xanten anzuschauen vermittelt ein wenig die Stimmung aus Rudi Carrells alter Fernsehsendung „Am laufenden Band“, nur statischer und noch ein Stückchen weiter aus der Zeit gehauen. Verbunden sind die Attraktionen mittels ins Pflaster eingelassener Fußabdrücke mehr oder minder bekannter Personen, die vermitteln sollen, daß Hinz und Kunz sich ebenfalls für Xanten interessierten. Innerhalb der Stadtmauern, in seinem absoluten Zentrum, ist Xanten in seiner ganzen Art von ähnlichen Ortschaften wie z.B. Zons nur im Detail unterscheidbar. Wo es in Zons einen Schweinebrunnen gibt, gibt’s in Xanten eben einen Schweineturm. Und wo Zons keine rechte Windmühle zu bieten hat, bietet Xanten zum Ausgleich derer zwei, klitternd benannt nach Siegfried und Kriemhild. Etc etc. Doch bei aller Verwirrung und geschichtlicher Supraorientierung, zurück geht es in Xanten, ob man will oder nicht, immer zur Tourist Information, sie ist das mathematische Zentrum des gesamten Attraktionsgefüges, nicht wenige Attraktionen werden hier erst zu solchen gemacht und ganz gleich, wohin sich der Xanten-Besucher wendet, früher oder später steht er wieder vor der Tür mit dem einquadrateten I obendran. Ja, wirklich alle Straßen Xantens führen zur Tourist Information und das macht Xanten dann doch fast einmalig. Die Tourist Information vollzieht nämlich heimlich die Bewegungen der Xanten-Touristen mit und bietet unaufdringlich ihre Front in Sichtweite, sobald dem Besucher auch nur die Andeutung eines Fragezeichens aus dem Schädel wächst. So wird Wissensdurst butterweich abgefedert. Drinnen in der Tourist Information sitzen freundliche und höchst kompetente Damen, die alles über Xantens Attraktionen wissen, sie wissen sogar noch viel mehr und erklären notfalls auch diejenigen Sehenswürdigkeiten, die der Besucher übersehen, vergessen oder nicht richtig verstanden hat. Weisen darüber hinaus auf Xantener Sehenswürdigkeiten hin, die garnicht in Xanten selber zu sehen sind, sondern in Berlin oder vielleicht Amerika. Erzählen bereitwillig die Anekdote vom englischen Touristen, der Xanten für ein spezifisches Weihnachtsgebäck hielt. Erzählen verständnisvoll die Anekdote vom belgischen Ehepaar, das seinen Sohn Xanten nannte. Geben unumwunden zu, daß ihnen Xanten auch mal zum Hals raushängt. Und wer`s nicht glaubt, muß selber hin.