Ammianus über Rhein und Bodensee

Im menschheitsgeschichtlich sehr jungen Internet scheinen Zeitalter wenn schon nicht im Wochen-, so doch Monats- oder Jahresrhythmus anzubrechen und sich abzulösen. Dabei geht es nicht nur um Geschwindigkeit und Kapazität, sprich technologischen Fortschritt, welcher fraglos Takt und Rahmen vorgibt, sondern weiterhin auch um Inhalte. Zumindest besteht auch im Internet die Möglichkeit, Inhalte zu filtern und experimentell von ihren technischen Bedingungen zu entkoppeln. Der römische Historiker Ammianus Marcellinus verfaßte seine Res Gestae in der ausgehenden Antike des 4. Jahrhunderts, einer markanten historischen Bruch- bzw Übergangsfase. Über Ammianus` Rheinstellen lasen wir erstmals bei Hübner, der in den 70ern schrieb, daß sie in der Klosterbibliothek von St. Gallen zu finden seien. Heute gibt es sie, vielleicht mit kleinen Scan-Fehlern, auch im Internet, das u.a. die weltgrößte Bibliothek aller Zeiten parat halten dürfte:

“Lentiensibus, Alamannicis pagis indictum est bellum conlimitia saepe Romana latius inrumpentibus, ad quem procinctum imperator egressus in Raetias camposque venit Caninos, et digestis diu consiliis id visum est honestum et utile, ut eo cum militis parte Arbetio magister equitum, cum validiore exercitus manu relegens margines lacus Brigantiae pergeret protinus barbaris congressurus, cuius loci figuram breviter, quantum ratio patitur, designabo.”

(Der Abschnitt handelt von der Kriegserklärung Roms an die linzgauischen Alemannen und dem Plan des Kaisers, am Bodensee auf diese Barbaren zu treffen. Die kaninischen Felder liegen vermutlich bei Zizers, wo laut des Schweizer Vereins gegen Tierfabriken im Jahre 2008 auf dem Gelände der räthischen Bahn ein Kaninchen-KZ ausgehoben wurde.)

“Inter montium celsorum anfractus inmani pulsu Rhenus exoriens per praeruptos scopulos extenditur nullos advenas amnes adoptans, ut per cataractas inclinatione praecipiti funditur Nilus, et navigari ab ortu poterat primigenio copiis exuberans propriis, ni ruenti curreret similis potius quam fluenti.”

(Zwischen erhabenen Bergen entspringt naturgewaltig, ohne Nebenwässer aufzunehmen, ähnlich wie der Nil, der Rhein. Wenn er nicht so reißend wäre, wäre er bis zur Quelle hin schiffbar.)

“Iamque ad planiora solutus altaque divortia riparum adradens lacum invadit rotundum et vastum, quem Brigantiam accola Raetus appellat, perque quadringenta et sexaginta stadia longum parique paene spatio late diffusum horrore silvarum squalentium inaccessum, nisi qua vetus illa Romana virtus et sobria iter composuit latum barbaris et natura locorum et caeli inclementia refragante.”

(Der Rhein mündet in den Bregenzer See, wie der Räthier sagt. Er ist 460 Stadien lang und etwa genauso breit. Gäb es nicht den zivilisierten und zivilisierenden Römer, die schrecklichen Wälder, ihre Barbaren und das rauhe Klima machten den Bodensee zu einem völlig unzugänglichen Ort.)

“Hanc ergo paludem spumosis strependo verticibus amnis irrumpens et undarum quietem permeans pigram, mediam velut finali intersecat libramento et tamquam elementum perenni discordia separatum nec aucto nec imminuto agmine quod intulit, vocabulo et viribus absolvitur integris nec contagia deinde ulla perpetiens oceani gurgitibus intimatur.”

(Mit tosenden Strudeln dringt der Strom in den See, dessen feindliche Trägheit er gleichsam spaltend durcheilt, um am andern Seeende mit unveränderten Kräften und Namen wieder auszutreten, um dem Ozean zuzustreben.)

“Quodque est impendio mirum, nec stagnum aquarum rapido transcursu movetur nec limosa subluvie tardatur properans flumen, et confusum misceri non potest corpus: quod, ni ita agi ipse doceret aspectus, nulla vi credebatur posse discerni.”

(Erstaunlich, daß weder der Fluß das Seewasser aufwühlt, noch daß er vom schlammigen Grund aufgehalten wird und sich diesen auch nicht vermischt, was nur glauben kann, wer es mit eigenen Augen gesehen hat.)

(Zitate: Ammianus Marcellinus – Res Gestae XV, 4, 1-5)

Haldenstein (4)

Von Haldenstein Richtung Norden geht’s mit dem Velo besser rechtsrheinisch, hart längs an Zugtrasse und Autobahn, aber immerhin auf Wegen, die sonst nur noch für Gänger und Reiter zugelassen sind. Machtlos plätschert der Rhein gegen die dominante Umgebung an, wirft trotzig ein paar Silberhäubchen, wirkt dennoch stark in die dritte, vierte Reihe verdrängt. Schmale Auwaldstreifen dämmen zwar kaum den Verkehrslärm, geben dem Strom jedoch Blickwinkel und Aufmerksamkeiten zurück, die sich als landschaftsmalereitauglich bezeichnen ließen, hielte die romantische Epoche noch an. Gegenüber Trimmis Industriegebiet mit seinen Kleinmuldenservices und skulptural überhöhten Quaderschleppern hoch droben auf den Rauchgasreinigungsanlagen ragt denn auch ein Lurleyfels in den industriegedeckten Hintergrund, ein hübscher chancenloser Halunke von Fels, der auf diese Weise wohl noch ein paar tausend Jahre der Entdeckung seiner Talente harren mag. Ein paar Pedalumdrehungen weiter harrt Zizers (einst Zutzers etc), 955 n.Chr. erstmals urkundlich erwähnt, aber sicherlich viel viel älter, unter Burg Friedau des nahenden Fremden. Der es rechts liegen läßt. Sich stattdessen für den schwarzen Sandstrand interessiert, den er von den Kanaren zwar, aber nicht vom Rhein kennt, bisher. Nur wenige hundert Meter weiter erneuter Halt auf dem Gelände „Geschiebe-Rückgabe Versuch der Gemeinde Zizers“, einer ansehnlichen, betretbaren Kiessammlung: gewachsene, verkrüppelte, gepfropfte Steine, gescheckte, (höhen)linierte, gebänderte, gegurtete, terrassierte, zugespitzte, abgestumpfte, gerundete, verfingerte, getigerte, gezebrate, mit Aufsitzern geschlagene Steine, Steine, Steine, die neue Steingewächse, -geflechte und -konstellationen bilden, der Farbe Grau zu ihrem unerreichten Höhepunkt verhelfen, indessen dort herumliegen und warten, bis sie vom Rhein abtransportiert und zu Feinstaub verschliffen ins Steinnirwana eintunken. Militärhubschrauber überfliegen das Gelände mit angeleinten Jeeps. Ein zwei freilaufende Hunde unsicherer Herkunft. Der Rhein selbst kann sich nicht recht entscheiden zwischen Bergbach und Strom. Ich mache den Wurftest. Fliegt der Stein bis ans andere Ufer, kann es sich nicht um einen voll ausgewachsenen Fluß handeln. Vier fünf Versuche und der Kiesel knallt gegen die jenseitige Uferbefestigung.