Rom am Rhein

Als wir die Dokumentation Der Rhein – Strom der Geschichte schauten, fehlte uns die Vertiefung der angerissenen Themen. Die rund fünfhundert Jahre währende römische Herrschaftsperiode am Rhein war innerhalb weniger Minuten abgewickelt worden: erstaunlicherweise mit Bildern und Szenen aus einer anderen Produktion: Rom am Rhein (von Christian Twente aus dem Jahr 2015, ein Dreiteiler à 45 Minuten).

Rom am Rhein ist eine Mischung aus wissenschaftlich-dokumentarischen und erzählerischen Elementen, Computeranimationen und Schauspielszenen. Sie gibt einen guten Überblick eher über kulturelle Auswirkungen der römisch-germanischen Ära denn über Kriege und Herrscher, die von anderen Produktionen (etwa über die Varusschlacht) bereits abgedeckt wurden.

Der erste Teil fokussiert auf Köln, behandelt Konflikte zwischen Römern und Germanen, thematisiert das so wacklige wie effiziente römische Befriedungsprogramm, die Ansiedlung römischer Bevölkerung am Rhein (“ubi patria ibi bebe”) und die Widerstände einzelner Gruppen bzw. des Stammes der Bataver gegen das neue System.
Der zweite Teil zeigt die Etablierung römischer Errungenschaften (Steinbauten unter Einsatz von Zement, befestigte Straßen, fließend Wasser, Thermen, Kanalisation, Glasarbeiten, Weinbau, Amfitheater etc), die mit dem Rückzug der Römer teilweise für weit mehr als 1000 Jahre aus dem deutschen Kulturgut wieder verschwinden würden.
Durch den dritten Teil, der die Herrschaft Konstantins des Großen und das Aufkommen des Christentums behandelt, führt der Dichter Ausonius, der das germanische Mädchen Bissula liebte.

Aufs Detail blickend, ohne sich darin zu verlieren, forscht der Dreiteiler möglichst vielen Aspekten des römisch-germanischen Lebens nach, Unterhaltungselemente verhindern den Anschein trockenen Geschichtsunterrichts. Ein perfekter Einstieg für Interessenten an römischer Geschichte entlang des Rheins, und insbesondere auch für (Latein)Schüler.

Alle drei Teile sind Stand dieses Eintrags bei Youtube verfügbar.

Brennender Rhein


Von einem Schiffsunglück mit drei Toten (andere Quellen berichten von zwei Toten), zahlreichen Verletzten und zwei gesunkenen Schiffen an der deutsch-niederländischen Grenze bei Emmerich im Jahr 1960, bei dem wie anno Null der Rhein gebrannt hat, handelt dieser Kurzfilm der Polygoons Wereldnieuws, dem niederländischen Äquivalent zur deutschen Kino-Wochenschau, auf Youtube eingestellt vom Nederlands Instituut voor Beeld en Geluid (Institut für Bild und Ton) in Hilversum, das die Bild- und Schallausstrahlungen der öffentlich-rechtlichen Sender der Niederlande komplett archiviert. Das Unglück wurde seinerzeit als das schlimmste der gesamten Rheinschifffahrtsgeschichte betrachtet, insgesamt sollen ein Dutzend Schiffe kollidiert sein und zehn davon gebrannt haben.

Flussgeschichten – Der Rhein

ist der Titel der neuesten Rheindokumentation aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Vor einer Woche erstausgestrahlt steht sie ein Jahr lang, bis Ende Mai 2016, in der ARD-Mediathek zur Verfügung. “Warum ist es am Rhein so schön?” lautet die Grundfrage des Films von Thomas Förster, der sich in kurzen Geschichten den Städten, Städtchen, Dörfern und Landschaften des Abschnitts zwischen Koblenz und Nimwegen widmet. “Was hebt diese Doku gegen ungezählte andere ab?” lautet die obligatorische Gegenfrage. Zum einen ist dies die Spielfilmlänge von knapp anderthalb Stunden. Zum anderen die Herangehensweise, die leidlich bekannten aktuellen Flußansichten mit Fotografien und Filmausschnitten früherer Jahrzehnte, vornehmlich aus Regionalsendungen der 50er und 60er zu verschneiden.

In Koblenz widmet sich der Film ganz dem Reiterstandbild am Deutschen Eck, mit knapp 40 Metern Höhe angeblich das größte seiner Art weltweit. Kurt Tucholsky hat es zureichend beschrieben. In Andernach geht es um den Geysir, der wiederum ein rekordträchtiger ist. Von Remagen sehen wir die Brücke, von der bis 1976 noch zwei Pfeiler in der Flußmitte standen und Romy Schneider, die sich in einem Remagener Synchronstudio, das seit 20 Jahren Geschichte ist, selbst synchronisiert. Für Linz steht der Schwimmer Klaus Pechstein, der 1969 als erster Mensch den Rhein komplett durchschwommen haben soll. Fotos und Bewegtbilder zeigen den Sportler im Gummianzug in schickem Barakuda-Design, wie er beim

klaus pechstein

Schwimmen kleine Raucherpausen einlegt oder ein Pils zischt. Neun Jahre vor Pechstein hatte bereits der Franzose Louis Lourmais den Rhein durchschwommen – der Film behauptet: erst ab Schaffhausen. Königswinter wird als Sehnsuchtsort attributiert. Touristen amüsieren sich bei Juxfotografen und Eselstrecks auf den Drachenfels. 1958 entgleiste die damalige Drachenfels-Dampfbahn, die Touristen auf den Berg brachte, bei einem Bremsversagen aufgrund zu geringen Dampfdrucks. Das Unglück forderte 17 Tote. Den Erzählautomaten kennen wir von

drachenfels_erzählautomat

unserem ersten Besuch. Er dürfte mittlerweile den Modernisierungen rund um die Drachenburgruine zum Opfer gefallen sein. Für Rhöndorf wärmt der Film den Streit zwischen Konrad Adenauer und Peter Profittlich auf. Letzterer wollte eine Seilbahn, die den Ort mit der Drachenburg verbinden sollte. Adenauer wollte sich nicht von Touristen in den Garten schauen lassen. Eine Seilbahn gibt es in Rhöndorf bis heute nicht, Adenauers Garten kann besichtigt werden. 1959 berichtete der Spiegel von der Auseinandersetzung. Die ehemalige Hauptstadt Bonn streift der Film nur knapp, in Form von Motorradartisten, die sich der Godesburg per Luftseil näherten. Für Köln portraitiert der Film Sigrud Knubben, mehrfache und jung verstorbene Weltrekordlerin im Motorboot. Motorbootrennen fanden an der Kölschen Riviera bei Rodenkirchen statt – der Rhein wurde für den Normalverkehr einfach gesperrt. Weiters aus Köln berichtet wird die illegale Hebung des Grabmals des Poblicius, das einen ausführlichen Wikipedia-Artikel besitzt und der Einfluß der Fließbandgeräusche der Fordwerke auf das musikalische Werk von Gavino Soro – mit seinem Lied Ju-Ju-Juliette findet sich auf Youtube ein Beispiel für den italienisch-rheinischen Werkhallenschlager. Über die Zonser Freilichtspiele und einen Abstecher ins Braunkohlerevier, dessen Grundwasser über die Erft in die Rhein abgeführt wird, was die Flußstärke der letzteren ungefähr verfünffachte, geht es auf Düsseldorf, den Querverschub der Oberkasseler Brücke, Radschläger, Altstadtoriginale und eine Performance der ZERO-Künstler. Für Duisburg stehen Rheinhausen und Ruhrort. Die Stahlschmelze in Rheinhausen war 1962 Gegenstand der ersten TV-Satelliten-Direktübertragung zwischen Deutschland und den USA, ein Stück Rundfunkgeschichte. Ruhrort zeigt der Film zu Zeiten des Niedergangs der Schleppschifffahrt, als die Schlepperbesatzungen noch mit Proviantschiffen versorgt wurden. In den Weiten des Niederrheins befinden sich Ortschaften, deren Existenz uns zuvor unbekannt war. Über Orsoy (das Anfang der 60er kurzzeitig Ideenzentrum der von den Alliierten nicht genehmigten deutschen Raketenindustrie war) und Götterswickerhamm (dessen Orderstation die Passagezeiten der Schiffe notierte und die vorüberziehenden Schiffer mit Informationen  und Musik beschallte), geht es auf Borth, die niederrheinische Salzpfanne, ein Bergwerk mit ausgeprägtem Straßennetz in 500 bis 800 Metern Tiefe, auf Mars, dessen Name für sich steht und einen Schokoriegelhersteller auf die Idee brachte, die Dorfbewohner für eine Kampagne als Marsmenschen einzuspannen, auf Elten, das nach dem Krieg vorübergehend an die Niederlande ging, als Pfand für noch zu leistende Reparationszahlungen und schließlich vorbei an Schenkenschanz nach Nimwegen.

Flussgeschichten – Der Rhein bietet eine ausgewogene Mischung aus bekannteren und randseitigen Geschichten. Insbesondere das in WDR-Archiven ausgegrabene Bildmaterial aus der jungen Bundesrepublik macht den Film, der über weite Strecken wie eine Sendung mit der Maus für Erwachsene wirkt, sehenswert.

Rhein-Meditation: Rezension (2)

Unter dem Titel Alles fließt ist heute auf dem Literaturportal fixpoetry eine weitere, ausführliche Besprechung der Rhein-Meditation erschienen: Ursula Teicher-Maier stellt Vergleiche mit Eva Demskis Flußbetrachtung Mama Donau an und geht insbesondere auf strukturelle Aspekte der Textkomposition ein, die ihr “wie ein Zwitter zwischen Erzählung und Langgedicht” erscheint. Die Rezensentin unterscheidet zwischen inhaltlichen und assoziativen Textebenen und assoziiert selber über dem Text, wenn sie die Figur der Mara mit einigen ihrer zahlreichen, im Buch nicht explizit erwähnten Namensbedeutungen in Verbindung bringt, etwa sinnigerweise mit dem “Verführer, der Gautama Buddha der Legende nach von der Erleuchtung beim Meditieren abhalten wollte”. Auch die komischen Aspekte der Meditation kommen zur Sprache, ihren besonderen Fokus legt Teicher-Maier auf die Tempo- und Perspektivwechsel: so schnell rausche an manchen Stellen der Text, daß sie beim Lesen immer wieder abdrifte und sich “wie beim Meditieren, dauernd zurückrufen muss, zurück zum Text, der mich in Gedankenstrudel zieht und wieder daraus entlässt”. Der Erzähler wiederum sei “ein Kind seiner Zeit, dem Wikipedia genau so vertraut ist wie YouTube oder japanische Anime-Filme (…); die Meditation am Fluss führt ihn immer wieder vom Alltäglichen der Wahrnehmung dessen, was ihm begegnet, zu Gedanken, die die Ebenen des Mystischen, des “Erhabenen” streifen. Alles wird in größere Zusammenhänge gestellt, und dies geschieht vor allem durch die Langlebigkeit, die Größe des Rheins, der “vom All betrachtet (…) eine unwesentliche Narbe unter vielen dieses Planeten” ist.”

Der volle Wortlaut der Besprechung ist hier nachzulesen.

Zwei Rebläuse auf dem Weg zur Loreley

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Die Rheinkulisse, insbesondere der Mittelrheinabschnitt, diente in den 60er und 70er Jahren gleichsam als eigenständiger, die Handlung zusammenhaltende Darsteller in Spielfilmen, die einen Humor pflegten, der seither freiwillig in seinem deutschen Käfig verharrte, und wenn er nicht gestorben ist, noch heute vor sich hinröchelt. Ein Beispiel solch eines monumentalen Humorzombies findet sich derzeit auf Youtube, wo Quirin Steiners Wenn’s juckt wird gejodelt (Alternativtitel: Zwei Rebläuse auf dem Weg zur Loreley) von Zehntausenden abgerufen wird. Das Kinoportal Moviepilot faßt den Plot der mit gelegentlichen Nacktszenen frisierten Heimat- und Sittenkomödie wie folgt zusammen: “Wenn sich zwei trottelige Burschen und ein notgeiler Priester auf den Weg machen, nach den unehelichen Söhnen eines alten Kapitäns zu suchen, kann das nur schief gehen. Wenn sich dann aber zu allem Überdruss noch herausstellt, dass die gesuchten Söhne in Wahrheit Töchter sind, dann kommt’s erst recht zu allerhand Verwicklungen und Reibereien. Eine wilde Fahrt durchs Rheinland beginnt, in der ziemlich viel gekuppelt und geknüppelt wird.” Bayerische Binnenschiffer treffen auf einen rheinischen Doppel-Tünnes und Schäl, eine resolute schwäbische Haushälterin auf strunzdumme Blondinen. Dialektgebrauch, schauspielerische Armut und Maske vorschlaghämmern grob gearbeitete Gags ins Panorama, das sich an einigen Stellen bis heute nicht davon erholt zu haben scheint.

Stein und Mensch

angelika hofer_seeschwalbe_1“Seeschwalbe”

angelika hofer_segelboot“Segelboot”

Rheinkiesel sind Thema einer bisher 17-teiligen Serie auf dieser Seite, in deren sechstem Teil im Kommentarstrang auch mögliche Eignungen als Mittel und Träger von Kunst zur Sprache kommen. Nun schickt uns Angelika Hofer ihre Bilder einiger Fundstücke und den Hinweis auf eine reale Ausstellung, “Stein und Mensch”, die vom 11. Juli bis 03. August im Dorfmuseum Roßhaupten im Allgäu stattfindet (Vernissage: Freitag, 11 Juli um 19 Uhr). Aus dem Begleittext:

“Drei Menschen, drei verschiedene Sichtweisen, drei mal die gleiche Leidenschaft – Steine.
Da sind die Steine. Gefunden am Alpenrhein, oberhalb des Bodensees. (…) Manche Musterungen bilden Greifbares ab wie Zahlen oder ein Auge. Manche sind einfach nur schön. Wenn Angelika Hofer erzählt, wie mancher Findling sie fand und welche Botschaft er ihr brachte, könnte man stundenlang zuhören. Einige Kiesel schmiegen sich in hölzerne Fundstücke.
Steine als Freunde. Das gilt auch für die großformatigen Fotografien von Günter Ziesler. Ob in Namibia oder Korsika. Ob in Sardinien oder in Island. Diese Steine und Felsen leben und erzählen Geschichten.
Idealer Partner in dieser Welt Haymo Aletsee aus Pfronten. Der Holzbildhauer hat Figuren und Stelen mitgebracht, in die Steine integriert sind. Seine Steine stammen aus dem Lech.
Hart und weich, steinig und kuschelig, männlich und weiblich kommen zusammen. Eine inspirierende Verbindung der Elemente: archaisch, augenzwinkernd, sinnlich.”

Über die im Rahmen der Ausstellung zu erwartenden Geschichten hinaus hat Angelika Hofer Sein und Wesen einiger Rheinkiesel mithilfe eines HRV-Meßgeräts zu Musik transformiert. Das Ergebnis ist in diesem Youtube-Video dokumentiert.

Creatures

Stefan Zöllner alias fatagaga wirkt als Bildender Künstler und Musiker. Für seine aus Vorfindseln hergestellten, bisweilen in Jäger- und Präparatormanier als Trofäen annoncierten Objekte durchstreift er nach den Frühjahrshochwassern alljährlich die wilden Rheinauen zwischen Stammheim und Flittard. Reichlich Sinistres wird über kurze oder lange Winter dort angespült, defekte Insekten, halbe Hechte und haarige Haushaltswaren. Flehmende, fickrige, fliehende Fantome huschen und wuscheln durchs liederlich sich kaprizierende, von kränkelnden Krokuskraken und hustenden Krusten durchforstete Raschel-Büschelgras, dem traurigen Schicksal eines Objet trouvé zu entkommen. Haha, als wenn es gelänge! Das Frühlingsgeflitze, mithilfe fieser visueller Fallen verfilmt, wirkt exakt so verhängnisvoll wie es für die angespülte Kreatur auch in Wirklichkeit ist. In fatagagas Fängen werden einkassierte Wesen zu Klang, bevor er sie als Stefan Zöllner in Schubladen aufbahrt und posthum auf der Werkbank mit anderen Wesen kombiniert, um sie hinter Vitrinen herzuzeigen oder an dünnen Fäden von der Decke baumeln zu lassen. Eine Kunstform, die tief in der menschlichen Seele wurzelt.
(Falls das Video nicht auf Anhieb erscheinen sollte, empfehlen wir ein Neuladen der Seite bzw diesen Youtube-Direktlink.)

Sie kämmt ihr goldenes Haar

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Unverkennbar: die Loreley. Die Screenshots entstammen einem Trickfilm aus einem Schulworkshop an der rheinfernen Gesamtschule Busecker Tal.

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Die charmante Verfilmung von Heines Versen bietet einen singenden rheinischen Oktopus im Wellengewoge, einen funkelnden Bergesgipfel, freien sehnsüchtig-schwanken Möwenflug im goldnen Abendsonnenschein und nicht zuletzt die lang vermißte Männer-Streichliste der traurigen Schönheit.

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Das Video dauert etwa dreieinhalb Minuten und ist anzuschauen bei Youtube.

Paul Linckes Rhein

Als kleine Reminiszenz an unsere gegenwärtige Residenz am Paul-Lincke-Ufer spielen wir Paul Linckes Festmarsch Vater Rhein aus seiner Operette Fräulein Loreley aus dem Jahre 1900 in einer grammafonischen Youtube-Version.

The girl on a motorcycle (2)

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Alain Delon als Daniel, motorradfahrender, pfeiferauchender Jungdozent, hier bei der Arbeitsvorbereitung in einem luftigen Pavillon hoch über dem Neckar. Der Unterricht seiner vier Studenten findet in einem mondänen Ledersesselclub statt: “Das am meisten mißverstandene Wort auf der Welt ist… Liebe.” Dementsprechend verläuft seine Beziehung mit Rebecca (Marianne Faithfull), die sich verzweifelt an Daniel heranwirft und während ihrer Motorradpendelei zwischen Ehemann und Geliebtem ihre knappe, aber komplexe Lebensgeschichte aufarbeitet. Immer wieder rastet Rebecca auf ihren Touren zu/von Daniel im badischen Wald, Inspirationsquelle für zeittypische Exkurse etwa zum Soldatendasein (“ich frage mich, ob sie wissen, wie man Liebe macht”) oder zum Sonnenaufgang (“rise quickly, burn me”). Auf Rebeccas Wegen liegt der

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Grenzübergang Neulauterburg, ein vertrautes Bild unserer Jugend. Die Filmstory steuert indessen auf die längst anzunehmende Katastrofe hin. Bei einer weiteren Durchfahrt beschimpft Rebecca in Karlsruhe die Passanten (“Bastards! Bastards!”), ihre Instabilität tritt offener und offener zutage, in einer badischen Gaststube mit berlinerndem (“Mensch Meier, kiek ma die!”) Altherreninventar und einer rigoros herumschnauzenden Wirtin (“Frühstück? Kaffee?”) schreitet

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Rebecca bei zwei Kirsch zur inneren Abrechnung mit ihren Männern, die sie noch ein letztes Mal verwerfen wird. The girl on a motorcyle ist derzeit bei Youtube in der Originalversion eingestellt.

Wie Siegfried den Drachen erschlug

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Unverkennbar der Drachenfels zu Zeiten als es noch Drachen gab, mit nordisch-knapp prächristlich-mythischem Heiligenschein-Regenbogen. Mit dieser Einstellung beginnen Die Nibelungen von Fritz Lang nach dem Skript seiner damaligen Frau Thea von Harbou. Youtube bietet derzeit eine knapp fünfstündige Vollversion mit englischen Zwischentiteln.

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Mime, der Schmied und Siegfrieds Lehrmeister, gespielt von Georg John, der auch die Rolle des Alberich mimt. Unter den Nazis erhielt John, der 1924 in diesem großen Filmepos der Deutschen mit expressivem Spiel aufwartete, Berufsverbot.

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Siegfried in gleißendem Blond. Einer der größten Superhelden der Geschichte. Gespielt von Paul Richter, einem Österreicher. Im folgenden Bild wird er im Blute des sabbernden Drachens (einem höchst sehenswerten Filmmonster) baden, da ihm ein Vöglein von verblüffenden Nebenwirkungen des Drachenblutbadens zwitscherte.

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Zu sehen ist hauptsächlich Siegfrieds schöner Rücken. Rechts oben der Drachenblutduschstrahl. Zwischen den Schulterblättern des Helden klebt ein fatales Laubblatt. Und hier noch der Drache:

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Tauchervideos vom/im Hochrhein

Die meisten TV-Dokus über den Rhein vernachlässigen die Taucherperspektive zugunsten von Luftaufnahmen. Dabei lassen sich unter Wasser mindestens ebenso sehenswerte Aufnahmen einfangen. Bei Youtube gibt es einige innerrheinische Videos, die nahelegen, daß insbesondere der Hochrhein ein lohnenswertes Tauchrevier darstellt. Wir möchten gerne auf zwei Kurzfilme hinweisen, die exemplarisch für spezifische Tauchgänge stehen mögen. Einen stellenweise leicht gespenstischen Nachttauchgang bei Wagenhausen im Thurgauischen dokumentiert dieses Video (4:12 Minuten). Das Licht stammt aus einer Stablampe. Wir sehen offenbar schlafende/aus dem Schlaf aufgescheuchte Fische über grundbestrüppten Unterwasserwüsteneien. (Die illustrierende Musik läßt sich bei Bedarf ausschalten.) Hochwertige Tagaufnahmen an einer nicht näher bezeichneten Stelle des Hochrheins bietet dieses Video (7:02 Minuten) zu streckenweise recht passenden, den Unterwasservorgängen synchronen Haydnklängen. In wunderbaren Farben strömende, fischbewohnte Kleindschungel aus Ofeliahaar lassen an ein perfekt inszeniertes Aquarium denken. In den Verwandtschaftsspalten finden sich weitere Rheintaucher-Videos, etwa zum Strömungstauchen bei Schaffhausen: darin sehr gut ersichtlich die Flußgeschwindigkeit.

Die Harald Schmidt Show zu Gast auf Vater Rhein

Allerjüngste Rheindokus warben und werben mit angeblich sensationell neuen Luftaufnahmetechniken (wir berichteten). Aufnahmen, die sich gegen Gewohntes deutlich abgehoben hätten, blieben in den Endprodukten bisher eher rar. Womöglich ist die jeweils neueste Luftaufnahmetechnik bereits seit Anbeginn des Luftaufnahmezeitalters Produktionsgrund für die jeweils neueste Rheindokumentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Im September 2003 veranstaltete Harald Schmidt seine Show, damals auf Sat. 1, über rund drei Stunden auf dem Rhein. Sicherlich ein Höhepunkt der fernsehgeschichtlichen Beschäftigung mit dem Fluß. Schmidt füllt den Niedrigwasser führenden Rhein („Ist das nicht hochtoxisch, das Wasser?“ (Anke Engelke)) ua symbolisch mit kohlensäurefreiem Mineralwasser auf und chefentläßt, knapp an den Schiffsschrauben vorbei, satte Aale in die liebe Wasserheimat. Wir bekommen grandios gescheiterte Sketche der deutschen Unterhaltungselite geboten, Megafonansprachen an die Bewohner der Ufernester, auf dem Gipfel des Privatfernsehens zieht sich der Moderator nackich aus, um, sobald der Gipfel überwunden ist, das Deck zu schrubben.

Aber sehen Sie selbst: nebst dem Schiff, auf dem die Show stattfand, charterte Schmidts Team auch einen Begleithubschrauber, um Show, Landschaft und Rheinatmosfäre von oben einzufangen. Nun sollten wir ein Showformat natürlich nicht mit Dokumentationen vergleichen, und Livebilder nicht mit solchen, die einen längeren Produktionsprozeß durchlaufen. Wo wirs insgeheim dennoch tun, möchten wir geneigten Lesern die Möglichkeit nicht vorenthalten, sich selbst ein Bild machen zu können: „Vater Rhein und Mutter Elbe – ist für viele fast dasselbe.“

Nebenbei: wie lange dieser Link zum Ziel führen wird, können wir nicht sagen/garantieren. Auf rheinsein existieren mittlerweile eine ganze Reihe toter Links. Die durchschnittliche Lebenserwartung haltbarer Netzseiten ist nicht nur auf Youtube eine niedrige. Insbesondere Videodateien tauchen nach ihrem Ableben in Zombiemanier häufig wieder aus ihren Gräbern auf, bis sie erneut in die Gruft versenkt werden. Die toten Links auf rheinsein betrachten wir als historische Abbruchszeugnisse und überlassen dem gewitzten Surfer, der es immer wieder auf unsere Seite schafft, das evtl Wiederauffinden der Inhalte gekappter Links in den unfaßbaren Kulturräumen des Netzes.

rheinsein unterwegs im September

rheinsein war im September als Gast bei drei Abendveranstaltungen auf der Bühne, zwei davon in Museen im liechtensteinischen Vaduz.

Im sehenswerten Kunstmuseum Liechtenstein fand zu Monatsbeginn unser erster Gemeinschaftsauftritt mit Helena Becker statt, die für Das Lachen der Hühner die Dorfansichten (hier ein Beispiel) geschnitten hatte. Mithilfe projizierter Screenshots der Website stellten wir rheinsein als multiple Projektform vor, moderierten unsere kleine, randseitige, von den Postkartenständern der Vaduzer Innenstadt jedenfalls deutlich abweichende liechtensteinische Fotokollektion – und brachten Texte zum Vortrag, welche die nicht allzufernen Quellregionen und das Fürstentum selbst betrafen, darunter natürlich auch Gedichte aus Das Lachen der Hühner, zu denen Helena eine neue Papierschnittserie angefertigt hatte, welche nun Motive aus den Sonetten auf- und sich an den Museumswänden prächtig ausnahm.
Das Lachen der Hühner, vor anderthalb Jahren bei der parasitenpresse herausgekommen, befindet sich mittlerweile in der dritten Auflage; derzeit laufen Verhandlungen über eine limitierte Sonderedition mit Helenas im Kunstmuseum erstmals präsentierten neuen Schnitten an. Der Auftritt fand anderntags Niederschlag in der Printausgabe des Liechtensteiner Vaterlands.

Schräg gegenüber des Kunstmuseums Liechtenstein befindet sich das ebenfalls sehenswerte Liechtensteinische Landesmuseum. Während der Termin im Kunstmuseum ein gutes halbes Jahr im voraus feststand, ergab sich der Termin im Landesmuseum vorort ganz kurzfristig zwischen zwei Gläsern Wein. Über die Vernissage zur Bleuler-Ausstellung hatten wir seinerzeit kurz berichtet, nun kamen wir im Gespräch mit Rainer Vollkommer, dem neuen Direktor des Landesmuseums überein, rheinsein mit dem Bleuler-Konvolut des Museums zu kombinieren: nicht mit den Originalen, denn die sind derzeit in Baden-Baden zu sehen, sondern mit Diaprojektionen, die Bleulersche Spätromantik in einer textlichen Zeitreise zu spiegeln, von präromantischen Ausschnitten über damals zeitgenössische bis hin zu aktuellen, über Städte wie Leverkusen etwa, die es zu Bleulers Zeit noch garnicht gab. Vlado Franjević kreierte aus unserem Auftritt drei kurze Videos für das Museum: ein Interview vor der Veranstaltung, sowie Mitschnitte eines seefiebrigen Textes über Konstanz und eines Rhein-Gedichts aus Das Lachen der Hühner, die nun auf Youtube zu finden sind. Sehenswert für alle Liechtensteininteressierten ist sicherlich Vlados Interviewserie mit Besuchern aus aller Welt, zu finden in der Verwandtschaftsspalte.

Zurück in Köln präparierten wir uns sogleich für einen alpinen Abend mit Hartmut Abendschein und Egon Zähringer im überaus netten kleinen kunstraum dellbrück weit draußen auf der Bergisch-Gladbacher-Straße (also fast schon in Polen), welche alles in allem eine der sehenswertesten Straßen Deutschlands, wenn nicht der ganzen Welt vorstellt. Der Abend stand unter dem Motto „es ist fast gar keine Stimmung vorhanden“ – eine Zeile aus unserem Nendeln-Gedicht. Die Markgräfler Weinbatterien des Kunstraums jedoch schufen zunehmend Stimmung, Hartmut zeigte seine Flooksbooks, las aus seiner Neuerscheinung Dranmor über Dranmor, einen Berner Randgänger, Egon Zähringer jodelte und sang deutsch-schweizer Wirtschaftsnachrichten zum Örgeli, das für den Abend geborgte Murmeltier unseres Sohnes sorgte für Ordnung im Stall und alles in allem ging wieder einmal eine knappe halbe Auflage über den Tresen. Ein paar Bilder der Veranstaltung gibt es bei Hartmut Abendschein.

Neues aus dem Sommerloch (3)

Die Nachrichtenlage nähert sich in hiesigen Gefilden bereits seit Mitte Mai mit Ansage ihrer alljährlichen Sauregurkenzeit, dem gefürchteten Sommerloch, weswegen der Rhein als Themengenerator wieder stärker in den Fokus der Tagespresse gerät. Da werden plötzlich exotische Tiere im Fluß ausgemacht, die eigentlich schon recht lange zugewandert sind. Krokodile, die sich alsbald als hölzerne erweisen, sind bisher noch keine drunter. (Dabei wurde bereits im März bei Duisburg-Mündelheim, taktisch wohl etwas zu früh, ein solches gefilmt und auf Youtube eingestellt.) In einem Artikel „Darum ist es am Rhein nicht so schön“ konstatiert der Kölner Stadt-Anzeiger nach all den Jahren längst in vielfältigen Publikationen von uns bedichtete Fänomene wie die Graffiti an der Zoobrücke, die vermüllten Pfade, die verwilderte Uferböschung und darüberhinaus noch (bisher von uns unbedichtete) Blumenbeete ohne Blumen. Die Autoren beziehen sich dabei aber nicht auf unsere Texte, sondern auf die deutlich älteren Kollegen Adolf von Bergsattel und Franz Suppan, die in den 1920ern in ihrem populären gleichnamigen Lied fragten „Warum ist es am Rhein so schön?“. Darin heißt es unter anderem „weil die Mädel so lustig / und die Burschen so durstig / darum ist es am Rhein so schön“. Diese wiederum altbekannten rheinischen Tugenden beklagt ein weiterer Artikel desgleichen Blattes, übertitelt „Ballermann am Rhein“, der nun erstmals von der ebenfalls seit Jahren und Jahrzehnten in der Stadt zu beobachtenden Entwicklung zum Ganzjahreskarneval handelt, indem er die Junggesellenabschiede in der Altstadt entdeckt und warnt: „(…) Ein (…) Risiko gehen die Anbieter von schicken Flusskreuzfahrtschiffen ein, wenn sie sich dafür entscheiden, in Köln gleich am Altstadt-Ufer Station zu machen. Als im neuen Vorzeigeschiff von TUI bei der Jungfahrtfahrt den fein gemachten, zahlenden Gästen das aufwendige Sechs-Gang-Abendessen serviert wurde, turnte ein Junggesellenabschied anderthalb Stunden mit einem aufblasbaren Riesenpenis vor den Panoramascheiben herum. (…)“ Die Rheinische Post wiederum scheint sich, als Rüstzeug für das dräuende Sommerloch, auf Meldungen zum Schiffsverkehr zu konzentrieren: „Es war ein lautes Krachen, das in der Nacht (…) viele Emmericher weckte: Gegen 1 Uhr kollidierte das Tankerschiff „Margaux“ mit dem Passagierschiff „River Concerto“ in Höhe des Segelflughafens aus noch bislang unbekannter Ursache. (…) Die 132 Fahrgäste, die bei dem Unfall aus dem Schlaf gerissen wurden, mussten ihre Kabinen verlassen. In Bademänteln und mit Rettungswesten standen sie mit den 36 Besatzungsmitgliedern an Deck, als das Schiff aus eigener Kraft den städtischen Steiger ansteuerte, damit Rettungskräfte an Bord kommen konnten.“ Die Passagiere wurden dann im Kernwasser-Wunderland Kalkar untergebracht, was bei uns einige Verwunderung darüber auslöste, was unter einem Kernwasser-Wunderland zu verstehen sei. Eine weitere Meldung der Rheinischen Post betraf den Düsseldorfer Hafen, in dem ein Kohlefrachter aus Rotterdam auf Grund gelaufen war und für mehrere Stunden die Einfahrt blockierte. Das Schiff hatte für den niedrigen Wasserstand zuviele Kohlen geladen, weshalb die Hafeneinfahrt für einen Tag gesperrt werden mußte. Conclusio: „Von der Sperrung waren jedoch nur zwei Binnenschiffe betroffen.“