Neues aus dem Sommerloch (3)

Die Nachrichtenlage nähert sich in hiesigen Gefilden bereits seit Mitte Mai mit Ansage ihrer alljährlichen Sauregurkenzeit, dem gefürchteten Sommerloch, weswegen der Rhein als Themengenerator wieder stärker in den Fokus der Tagespresse gerät. Da werden plötzlich exotische Tiere im Fluß ausgemacht, die eigentlich schon recht lange zugewandert sind. Krokodile, die sich alsbald als hölzerne erweisen, sind bisher noch keine drunter. (Dabei wurde bereits im März bei Duisburg-Mündelheim, taktisch wohl etwas zu früh, ein solches gefilmt und auf Youtube eingestellt.) In einem Artikel „Darum ist es am Rhein nicht so schön“ konstatiert der Kölner Stadt-Anzeiger nach all den Jahren längst in vielfältigen Publikationen von uns bedichtete Fänomene wie die Graffiti an der Zoobrücke, die vermüllten Pfade, die verwilderte Uferböschung und darüberhinaus noch (bisher von uns unbedichtete) Blumenbeete ohne Blumen. Die Autoren beziehen sich dabei aber nicht auf unsere Texte, sondern auf die deutlich älteren Kollegen Adolf von Bergsattel und Franz Suppan, die in den 1920ern in ihrem populären gleichnamigen Lied fragten „Warum ist es am Rhein so schön?“. Darin heißt es unter anderem „weil die Mädel so lustig / und die Burschen so durstig / darum ist es am Rhein so schön“. Diese wiederum altbekannten rheinischen Tugenden beklagt ein weiterer Artikel desgleichen Blattes, übertitelt „Ballermann am Rhein“, der nun erstmals von der ebenfalls seit Jahren und Jahrzehnten in der Stadt zu beobachtenden Entwicklung zum Ganzjahreskarneval handelt, indem er die Junggesellenabschiede in der Altstadt entdeckt und warnt: „(…) Ein (…) Risiko gehen die Anbieter von schicken Flusskreuzfahrtschiffen ein, wenn sie sich dafür entscheiden, in Köln gleich am Altstadt-Ufer Station zu machen. Als im neuen Vorzeigeschiff von TUI bei der Jungfahrtfahrt den fein gemachten, zahlenden Gästen das aufwendige Sechs-Gang-Abendessen serviert wurde, turnte ein Junggesellenabschied anderthalb Stunden mit einem aufblasbaren Riesenpenis vor den Panoramascheiben herum. (…)“ Die Rheinische Post wiederum scheint sich, als Rüstzeug für das dräuende Sommerloch, auf Meldungen zum Schiffsverkehr zu konzentrieren: „Es war ein lautes Krachen, das in der Nacht (…) viele Emmericher weckte: Gegen 1 Uhr kollidierte das Tankerschiff „Margaux“ mit dem Passagierschiff „River Concerto“ in Höhe des Segelflughafens aus noch bislang unbekannter Ursache. (…) Die 132 Fahrgäste, die bei dem Unfall aus dem Schlaf gerissen wurden, mussten ihre Kabinen verlassen. In Bademänteln und mit Rettungswesten standen sie mit den 36 Besatzungsmitgliedern an Deck, als das Schiff aus eigener Kraft den städtischen Steiger ansteuerte, damit Rettungskräfte an Bord kommen konnten.“ Die Passagiere wurden dann im Kernwasser-Wunderland Kalkar untergebracht, was bei uns einige Verwunderung darüber auslöste, was unter einem Kernwasser-Wunderland zu verstehen sei. Eine weitere Meldung der Rheinischen Post betraf den Düsseldorfer Hafen, in dem ein Kohlefrachter aus Rotterdam auf Grund gelaufen war und für mehrere Stunden die Einfahrt blockierte. Das Schiff hatte für den niedrigen Wasserstand zuviele Kohlen geladen, weshalb die Hafeneinfahrt für einen Tag gesperrt werden mußte. Conclusio: „Von der Sperrung waren jedoch nur zwei Binnenschiffe betroffen.“

Rheinischer Traum

“Heute Nacht am Niehler Ufer, in den Schlaf gewiegt von den Rheinwellen und dem Verkehrsrauschen, hatte ich einen Traum von einem besseren Leben. Beim Morgenkaffee im Internetcafé fand ich völlig überrascht einen Ausschnitt daraus, “den stummen Schrei der Volksmassen”, als hätte man mir meinen Traum abgefilmt, in meinem Posteingang. Ein mir unbekannter Absender namens Leyton84 hatte mir einen Link zu Youtube geschickt. Der Link enthielt dieses Video:

Im Traum konnte ich den Handlungsort nicht bestimmen. Die Angaben zum Video verorten meinen Traum wie folgt: Puerta del Sol, Madrid, 0.00 Uhr. Aber könnte sich mein Traum nicht dennoch überall sonst abgespielt haben?”

(Eine zur Freigabe versendete Mail von Jochen Meier, hier in Ausschnitten wiedergegeben. Den Link haben wir mittels Einbetten des bezeichneten Videos ersetzt.)

Das Nashorn vom Rhein

Das Nashorn vom Rhein war (nebst Wasserbüffel und Flußpferd) eines von drei frühen Schubschiffen der Reederei Raab Karcher und wurde zum Star eines wunderbaren Lehrfilms des Museums der deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg-Ruhrort. Der gleichnamige Film zeigt aus Kapitänswarte die Einfahrt eines Schubverbands mit vier Leichtern à 1500 Tonnen Verfassungsvermögen in den Rotterdamer Hafen, das dortige Aufnehmen von Schwedenerz für die Hüttenwerke am Niederrhein und die weitere Bergfahrt, „in Gottes Namen“, vor allem durch die schwierige Passage am Binger Loch, mit Ruhrkohle für das Badenwerk in Karlsruhe. Der Kapitän erklärt Schiff, Leichter und Manöver und weist auf die herrlichen Landschaften des Stroms, für die er angeblich keine Blicke haben darf. Auf Youtube ist der knapp viertelstündige Film gestückelt, hier geht es zu Teil 1 und hier zu Teil 2.

Appenzell (6)

Wir haben uns an dieser Stelle bereits mehrfach kurz mit dem berühmten Käsekanton Appenzell befaßt. Appenzell liegt eigentlich nicht direkt am Rhein. Sondern vom Rhein aus gesehen hinter den Bergkuppen. Wohl gibt es den einen und vielleicht auch anderen Abfluß klaren appenzellischen Bergwassers, der sich letztlich im Rhein einfindet. Insgesamt aber handelt es sich bei Appenzell um ein weitgehend rheinabgewandtes, leicht vertracktes und in sich geschlossenes System, das soviele kulturelle Eigenheiten aufweist, daß wir sie einfach nicht ignorieren können und Appenzell, auch gegen seinen Willen, kurzerhand unserem Sujet, den rheinischen Regionen zuschlagen. Die appenzellischen Besonderheiten fangen damit an, daß Appenzell eigentlich nicht Appenzell heißt, sondern „die beiden Appenzell“: eines rechtgläubig (Innerrhoden, s. Foto), das andre reformiert (Ausserrhoden). Anders als in den babylonischen Welten moderner Urbanität scheint uns eine solche glaubensgerichtete Aufteilung in einer Bergregion von maßgeblicher Bedeutung für den Alltag – wir konnten diese einigermaßen billige Vermutung allerdings bisher nicht in der Praxis untersuchen und freuen uns über geflissentlichen Aufklärungsbeistand aufmerksamer Leser.

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Fakt ist: jedesmal, wenn wir vom Rheintal aus das Felsbollwerk betrachten, hinter dem sich Appenzell verbirgt, fragen wir uns, was wohl gerade dort oben abgeht. Es ist von archaischen Morden die Rede, motiviert durch Hexerei. Ebenso von einer saftigen Freitodrate. Von großen Ansammlungen approbationsloser Heiler, denen Appenzell als behütendes Stammland gilt. Von Himmels-, Berg- und Erdstrahlen in hoher Konzentration. Vom Käsen, viel vom Käsen. Von seit Jahrtausenden betriebenen Fingertänzen. Insgesamt von vordergründig naiven Ausdrucksweisen, hinter denen sich vielfältige Belastungen offenbaren. Immer wieder gerne fällt im Zusammenhang mit Appenzell die Bemerkung, daß dessen männliche Bevölkerung sich am längsten von allen helvetischen Stämmen gegen das Frauenwahlrecht gestemmt habe. Die Appenzeller Sportart ist Schwingen, eine Variante des Ringkampfs: um im Schwingen zu bestehen, muß man mindestens zwei Meter lang sein und auch zwei Meter breit. Am besten zusätzlich noch zwei Meter tief. Frauen sind nicht zugelassen. Auch nicht beim Silvesterchlausen. Bei diesem Brauchtum sind zwar Frauenkostüme zu erblicken, die auch erwähnten Schwingermindestmaßen (ca acht Kubikmeter) sich annähern: in den Kostümen aber steckt ausschließlich Mannsvolk. Die Kostüme scheiden sich in Schöne, Schö-Wüeschte und Wüeschte. In jedem Dorf zieht eine Chlausentruppe von Hof zu Hof, um ein gutes neues Jahr zu wünschen. Das übrigens auch nach dem alten julianischen Kalender, am heutigen 13. Januar. Die Beglückwunschungen gehen nach festen (Kuhschellen-)Ritualen vonstatten, dabei kommt es zu einem harmonischen wellenähnlichen Gejodel, Zauern genannt. Wer das noch nicht kennt: auf Youtube gibt’s ein paar Videos, ein ganz besonderes unter Stichwort: „Silvesterkläuse im Ochsen Schönengrund“ (Wirtshausszene mit zauernden Nadelbäumen).

In Germany before the war

Randy Newmans Song “In Germany before the war” ist inspiriert von Peter Kürten, der sich als Serienmörder den Beinamen “Vampir von Düsseldorf” verdiente, indem er Schwanenblut (nebst Menschen zählten auch Tiere zu seinen Opfern) getrunken haben soll. Newman nimmt es in seinem Song mit den historischen Fakten nicht genau. Die Zeile “I`m looking at the river / but I`m thinking of the sea” ist dabei in all ihrer Schlichtheit eine der ergreifendsten und hinterrücks komplexesten, die bis dato über den Rhein bzw seine Anwohner geschrieben wurden.

Fiebrig durch Konstanz (2)

Von brennenden Ghettos schreibt Jochen Kelter in seinem Konstanz-Gedicht „Ruderer“ von 1982 und von acht Mann, die sich auf dem Seerhein ranlegen, als wollten sie übers schilpende Wasser bis Stein oder Rotterdam, während überm Ried der Mond mit der Republik seine Schärpe tauscht. Kräftige Bilder, an deren Entschlüsselung wir noch arbeiten. Das Konstanzer Ghetto ist auf unseren fiebrigen Erkundungsgängen nicht zu entdecken, wahrscheinlich ist es mittlerweile überbaut oder versteckt sich im Internet. Tatsächlich hat ein User auf Youtube einen Konstanzer Ghettorap eingestellt, in dem es unter anderem heißt: „Konstanz, diese Psychostadt ist krank / vor ihr hat sogar der Teufel Angst (…) Aufgewachsen bin ich in dunklen Gassen / wo Freunde dich verraten und eigentlich hassen (…) Abschaum City (…)“ Der relativierende Refrain: „Diese eine Stadt, in der ich aufgewachsen bin / diese eine Stadt, in der ich immer bleiben will / Das ist nicht nur Ghetto, sondern auch ein guter Shop“ Lyrische Zeilen über Konstanz, mutmaßen wir, sowohl von uns auf andere schließend, als auch aufgrund solcher Fremdzeilen, unterliegen offenbar, solang sie in der Gegend selbst entstanden sind, unmittelbar den Ausdünstungen des Seewassers. Deren Schwingungen versetzen nicht nur den Körper in erhöhte Temperatur, sondern auch den Geist in matschbirnigen Frohmut: „Durch die Gitter meiner Zelle / grüßt der See mich jeden Tag. / Lächelt mir mit jeder Welle, / und vergessen ist die Plag`“ schreibt Hans Arnold 1885 einen „Gruß aus dem Konstanzer Amtsgefängnis“. Der See wirkt also schon länger. Und die von ihm ausgelösten Fieberwellen bewirken, daß wir uns vorstellen müssen, wie es früher, als alles noch viel größer war, der See das Rheintal bis weit in die Alpen hinauf füllte, zugegangen sein mochte: welche Sorte Saurier wohl an seinen Ufern sich tränkten und fraßen, welche Urfelchen ihre Traumräume vom Landgang, vom Fortflug gar, verwoben, welche Außerirdischen die Gegend damals besuchten, um Bodenproben zu entnehmen und schicke abenteuerliche Postkartenmotive ausfindig zu machen, welche Grundschulkinder – jedoch nur in hirngewebeähnlicher Spontanmanifestation eines letztlich materielosen kugelblitzförmigen Welt/Geistes – in aus damaliger Sicht ferner Zukunft die brennenden Ghettos von Konstanz in Wasserfarben zu bannen hätten. Wir wollen uns solche Szenen nicht vorstellen, wir müssen es. Das Seefieber zwingt uns dazu. Die Wasseroberfläche säuselt – oder surrt wie eine Stechmücke, ganz nah am Ohr. Vielleicht meint Jochen Kelter mit seinen acht Ruderern heroische Kämpfer, die sisyfotisch versuchen, die Wasseroberfläche zu erschlagen. Vielleicht angelehnt bei den Sieben Schwaben, die ursprünglich einmal neun gewesen sein sollen. Und von denen einer Seehas geheißen haben soll. Wie man heuer die Konstanzer nenne oder diese sich selbst oder die Friedrichshafener sich oder andere am See. Weil der Hase ja (bei den Sieben Schwaben) ein Ungeheuer und als Seehas in Fisch-Hasen-Mischform… Es gibt eine Pille gegen das Seefieber. Wer die einwirft, hat für 24 Stunden davor Ruhe. Und vor allem anderen auch. Der dämmert weg in wohlige Welten, während am Horizont das leise Geknister und die Rauchzeichen brennender Vorstädte mit der Unerheblichkeit ausgestorbener, noch dazu niemals bekannter Randvölker und ihrer Dialekte vor sich hinwerkeln und nuscheln: aus Weltraumsicht, elf hoch fümmunzwanzig Galaxien weit entfernt von der Erde.

Rheintochter (2)

fr_schwarzwaldmaedel

Die letzten Tage wagnerianisch geprägt: Rheintöchter noch und noch, der Ring des Nibelungen kleingestückelt auf Youtube, Lesung in der Kölner Richard-Wagner-Straße, kaum in Freiburg angekommen: wird dort der Ring gegeben. Allerdings bereits ausverkauft. Große Kartenkontingente gingen an Japaner, Koreaner und sonstige Interkontinentalwagnerianer. Als Ersatz grüßt uns diese dem ewigen Schwung lustvollen Shoppens entsprungene Freiburger Rheintochter von der Straße ins Zimmerfenster, dh, natürlich ist sie als Schwarzwaldmädel ein wenig mehr Berg- als Rheintochter, vereint dabei jedoch aufs Vorzüglichste Tradition mit Moderne und eskortiert uns standesgemäß zum vorübergehenden Ausgang aus dem Wagner-Wahn.

Rheintochter

Wikipedia bietet im Artikel zu obiger Rheintochter aktuell weitere voll- bis starkdeutsche Komposita: Flugkörper, Flugabwehrrakete, Brenndauer, Treibsatz, Durchmesser, Leitflosse, Gefechtskopf, Berstscheibe, Flüssigkeitstriebwerk, Brennschlußgeschwindigkeit, Truppenerprobung, Jägernotprogramm, Überschallgeschwindigkeit.

Der Rhein stank – Rolf Dieter Brinkmann packt sich das Internet

In den 60ern und bis zu seinem Tod am Piccadilly Circus* Mitte der 70er Jahre lebte Rolf Dieter Brinkmann in Köln. Das Haus in der Engelbertstraße, in dem er zur Miete wohnte, ist bis heute, wo dort weder eine Tafel angebracht ist, noch angeblich irgendjemand vom berühmten Vorbewohner weiß, beliebter Pilgerort für junge Schriftsteller. Mit Super 8-Kamera oder Tonband ausgerüstet schweifte Brinkmann seinerzeit durch die Stadt und formulierte, was er dabei sah, in einer Radikalität, die für Köln gänzlich untypisch erscheint und für deren Entstehen es wohl zwangsläufig einen Zugewanderten brauchte. So entstanden Dokumente aus Wut, Ekel, Distanz und Teilnahme zugleich. Ein vor klaren Worten strotzendes Beispiel eines solchen Original-Tondokuments findet sich mittlerweile unter dem Titel Fratzen in der Straßenbahn auf Youtube: Brinkmann ledert ab über „den stinkenden Rhein“ und „die schmierigen Rheinländer“: „Ich brauch mir die Kölner bloß in Kantinen angucken, da kriegt man das Kotzen.“ Und weiter im Fetzenstil: „Fette, schlampige, schweinsfüßige Kölnerinnen.“ „Pfusch, Gemuschel, Gemauschel, überall Durchwinseln und Arschkriechen, das tun sie hier.“ Brinkmann erregt sich über „kölnische Fressen“, ihre „Pellkartoffelmentalität“, brandmarkt ihre rheinischen „Muffwörter“, indem er anhand der Veedelsnamen meditiert: „Kölnische schleimische Wörter: Sülz, Sülze, Wackelpeter, schmierige Glibbermasse: Köln-Sülz“. Wiederkehrende Erregungen, wie sie durch allfällige Skandale in wechselnden, doch nahezu voraussehbar kurzen Intervallen für Köln charakteristisch sind, bringt Brinkmann darin ein für alle Mal auf den Punkt, im Grunde eine (weitgehend ungenutzte) Standardantwort bzw -absage an die rheinische Mentalität, seine finale Betrachtung der Stadt: „Zum Weggehen. Was ich tun werde. Was ich tue“ mengte sich schließlich am Piccadilly Circus ins allgemeine Weltenschicksal.
Etwas zurückhaltender, doch nicht weniger aussagestark tönt eine weitere Stadtbetrachtung unter dem Titel Köln. Montag, den vierzehnten Mai 1973 aus den Tagebüchern – beide Sequenzen von einem Nutzer namens Das Laken verfügbar gemacht.

* Gerüchten zufolge sollen seine letzten Worte eine Schimpfkanonade auf die zurückhaltende Art der Briten gewesen sein.

Schweiz ohne Schweiz

„Schweiz ohne Schweiz“ lautet der für manchen wohl leicht provokante, wir würden sagen: lustige Titel einer Kunstausstellung, die derzeit und noch bis zum 26. September 2010 im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen läuft, und sich, wie der Beititel „Alpenlose Landschaften“ nahelegt, jener wenig bekannten Schweiz diesseits bzw jenseits der Alpen widmet, wie sie sich ua in unmittelbarer Rheinnähe zwischen Basel und Bodensee findet. Kuratiert hat die Ausstellung Markus Stegmann, bis vor Kurzem eine virtuelle Bekanntschaft aus gemeinsamen Zeiten im Forum der 13, der für den Ausstellungskatalog, welcher neben Abbildungen ausgewählter Exponate einige literarische, insbesondere lyrische Texte versammelt, auch bei Rheinsein fündig wurde: Rheinfallgedichte von Mörike und lafleur, eine freundliche Gegenüberstellung schwäbisch-euforischen Scheinbiedermeiers und badisch-bodenständigen Hochleistungstrashs, von genau den wuchtigen Wasserstürzen, deren Sinn und Kraft zur jeweils herrschenden Zeit die Gedichte in Worte zu fassen suchen, umbildert. Ansichten vom Rheinfall markieren denn auch den ersten und thematisch kompaktesten Schwerpunkt der Ausstellung, von klassischer Landschaftsmalerei bis hin zu Michael Lios spektakulärem, an ein Youtube-Still erinnernden Foto eines Känzeligumpers, der sich kopfüber in die schäumenden Wasser stürzt. Desweiteren zu sehen: entidyllisierte Idyllen, Agglomerationscharme, alleinerziehende Natur, himbeerfarbene Wälder, ein verwirrendes Servelatpicknick und ein ziemlich überraschender Otto Dix.