X-mas-Gebäck

Xantner Printen, Pseudo-Aachner,
falsch wie Feigenblatt im Rücken
und wie Echtgold unterm Rhein,
wie ein Keks von Richard Wagner,
wie Tsatsiki kurz vor Brügge
und wie dieser schöne Reim.

Ein Gastbeitrag von Àxel Sanjosé. rheinsein dankt!

Scheiß-Rhein bei Bislich

„Das einzige Problem für Sabine Alt (Name geändert, Anm.: rheinsein) bei ihrem (…) Auftritt bei den Bislicher Landfrauen war die Anfahrt. Denn entgegen der Ratschläge ihres Navigationsgerätes wählte die beliebte Entertainerin (Berufsbezeichnung geändert, Anm.: rheinsein) und Weseler Eselorden-Trägerin, aus Keppeln bei Uedem kommend, den Weg über Wesel statt über Rees. „Wir waren schon in Xanten. Und Bislich ist dann ja nur noch ein Itzeken entfernt, wenn nur der Scheiß-Rhein nicht dazwischen wäre“, sagte sie unter dem Gelächter der etwa 150 Frauen, die sich im Saal der Gaststätte Brandt (Name geändert, Anm.: rheinsein) zum Herbstfest eingefunden hatten.“

Rheineck

Die Autobahn ist grausam. Ihr den Sonntag zudröhnender Sound aber beileibe kein Alleinstellungsmerkmal des an sich recht hübschen Städtchens, dem der Rhein ein wenig entrückt ist (wie etwa auch Xanten oder Zons, die aber jeweils zwei Windmühlen besitzen). Dafür besitzt Rheineck heute die höchstgelegene Schifffahrtsanlegestelle (am Rhein? Europas? egal – diese aus Mangel an Gespür für wirklich Vorzeigbares annoncierten Rekorde ennuieren doch eigentlich sehr: „stellt euch vor, ich hab die am höchsten gelegene Schifffahrtsanlegestelle der Schweiz gesehen“). Die Rheinecker Fischmeile besteht aus ins Trottoir eingelassenen Messingfischen, welche, Ruhm kennt viele Formen, Namen um Rheineck bemühter Rheinecker Persönlichkeiten bieten: darunter mit Julia Lang, William Wolfensberger und Willy Bieger drei in doppeltem Wortsinn verschiedene KollegInnen, die wahlweise mit Dichter/in oder Poet bezeichnet von ihren Bodenplatten grüßen. Über Hügel und in gedehntere Hinterhoflandschaften, sowie hübsche Stiegen hinauf/hinab streckt sich das eigentliche, vom Verkehrslärm erlegte Idyll: am evangelischen Gemeindehaus prangt als Relief die Szene vom Gang der Apostel zu den Huren. Sehr schweizerisch (trotz Anleihe bei spanischer Zeichensetzung) die Wortwahl eines den Stadtpark überprangenden Gebotsschildes in signalroten Lettern auf Unschuldsweiß: !Pflicht zur Kotaufnahme! Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. „Frauen leben anders, Frauen altern anders“ möchte ein aktuelles Frauenzmorgä ganz offenbar einiger Andersartigkeit Freiraum bieten. (Drei Sympathiepunkte.) Auch die Blumenbeete des Örtleins wirken sehr einladend, die Zahl der Weinbergschnecken ist Legion. Wenn nur nicht die Autobahn so grausam wär. Und einige Fassadeninschriften so halblustig. Daß ich sie garnicht widergeben mag.

Rheinsein-Lesung

Nach drei Rheinsein-Lesungen in Köln (März), Aachen (Juli) und Karlsruhe (September), letztere als Podcast abrufbar bei Online Radio Mühlburg gastiert Rheinsein heute zum zweiten Mal in diesem Jahr auf der Lesebühne im Kölner Raketenclub. Rheinsein debattierte in diesem Rahmen bereits mit dem Publikum über die genaue Anzahl der Windmühlen in Xanten und Zons; die Lokalpresse zeigte sich angetan bis begeistert. Beginn der heutigen Veranstaltung ist 20.30 Uhr, der Raketenclub liegt in einem Hinterhof der Weidengasse 21 im Eigelsteinviertel und ist von den Verkehrsknotenpunkten Hauptbahnhof und Hansaring in jeweils fünf Minuten zu Fuß erreichbar.

Xanten, Xanten, Xanten

Von Xanten zu sprechen geht kaum ohne die zahlreichen Sehenswürdigkeiten des Städtchens zu erwähnen. Tatsächlich sind Attraktionen unterschiedlichster Größe, Gestalt, Sinnhaftigkeit und Echtheit in Xanten omnipräsent. Oft genügt ein einziger Blick um unverhofft eine knappe Handvoll von ihnen zu erfassen. Dann beginnt das mühsame Einprägen. Xanten anzuschauen vermittelt ein wenig die Stimmung aus Rudi Carrells alter Fernsehsendung „Am laufenden Band“, nur statischer und noch ein Stückchen weiter aus der Zeit gehauen. Verbunden sind die Attraktionen mittels ins Pflaster eingelassener Fußabdrücke mehr oder minder bekannter Personen, die vermitteln sollen, daß Hinz und Kunz sich ebenfalls für Xanten interessierten. Innerhalb der Stadtmauern, in seinem absoluten Zentrum, ist Xanten in seiner ganzen Art von ähnlichen Ortschaften wie z.B. Zons nur im Detail unterscheidbar. Wo es in Zons einen Schweinebrunnen gibt, gibt’s in Xanten eben einen Schweineturm. Und wo Zons keine rechte Windmühle zu bieten hat, bietet Xanten zum Ausgleich derer zwei, klitternd benannt nach Siegfried und Kriemhild. Etc etc. Doch bei aller Verwirrung und geschichtlicher Supraorientierung, zurück geht es in Xanten, ob man will oder nicht, immer zur Tourist Information, sie ist das mathematische Zentrum des gesamten Attraktionsgefüges, nicht wenige Attraktionen werden hier erst zu solchen gemacht und ganz gleich, wohin sich der Xanten-Besucher wendet, früher oder später steht er wieder vor der Tür mit dem einquadrateten I obendran. Ja, wirklich alle Straßen Xantens führen zur Tourist Information und das macht Xanten dann doch fast einmalig. Die Tourist Information vollzieht nämlich heimlich die Bewegungen der Xanten-Touristen mit und bietet unaufdringlich ihre Front in Sichtweite, sobald dem Besucher auch nur die Andeutung eines Fragezeichens aus dem Schädel wächst. So wird Wissensdurst butterweich abgefedert. Drinnen in der Tourist Information sitzen freundliche und höchst kompetente Damen, die alles über Xantens Attraktionen wissen, sie wissen sogar noch viel mehr und erklären notfalls auch diejenigen Sehenswürdigkeiten, die der Besucher übersehen, vergessen oder nicht richtig verstanden hat. Weisen darüber hinaus auf Xantener Sehenswürdigkeiten hin, die garnicht in Xanten selber zu sehen sind, sondern in Berlin oder vielleicht Amerika. Erzählen bereitwillig die Anekdote vom englischen Touristen, der Xanten für ein spezifisches Weihnachtsgebäck hielt. Erzählen verständnisvoll die Anekdote vom belgischen Ehepaar, das seinen Sohn Xanten nannte. Geben unumwunden zu, daß ihnen Xanten auch mal zum Hals raushängt. Und wer`s nicht glaubt, muß selber hin.

Rhein bei Xanten

Xanten besitzt (ich habe es, glaube ich, an anderer Stelle bereits erwähnt) für seine Größe eine enorme Anzahl Sehenswürdigkeiten – ich aber möchte, wo ich schonmal in der Gegend bin, den Rhein sehen, der Xanten vor rund 500 Jahren verlassen hat und bis heute nicht zurückgekehrt ist. Es mag ja Gründe geben, und wenn es sie gibt, sollten sie auch herauszufinden sein. Um den Rhein zu erreichen wandert der unbedarfte Besucher zunächst durch Xantens Außenbezirke und Vororte, die außer typisch deutschen Hausgärten kaum Sehenswürdigkeiten aufweisen. Sind die Außenbezirke und Vororte durchmessen, öffnet sich das Feld. Und mit und über dem Feld eröffnet sich sogleich eine Weite und Kälte, die schon manchen guten Mann das Leben gekostet haben mag. Freiheit von der anstrengenden Sorte. Hier läßt sie sich an, ließe sich prima ein Werbeclip für extraherbes Bier drehen. Vage Raine strukturieren ein wenig das allenthalben gültige Nichts. In der Ferne hockt und pickt eine Krähe. Eine unbefahrene Straße führt sonstwohin. Frost, Reif, Schneereste auf Gattern. Der Himmel zugeeist. Dahinter eine Sonnenscheibe aus frisch abgekühltem Platin. Der Maulwurf, dessen bizarre Hügel ihn als maßgeblichen Landschaftsarchitekten ausweisen, schläft tief unter der Erde bei voll aufgedrehter Heizung. Vom Rhein ist weit und breit nichts zu sehen, was wundert, sämtliche Karten verzeichnen ihn ganz in der Nähe, die Landschaft aber verweigert jeglichen Hinweis auf einen nahen Fluß. Ein Fluch scheint auf diesen Quadratkilometern zu lasten. Der Luftdruck ist sehr hoch, sorgt für fysische Belastung. In Bodennähe geliert die Luft, erschwert das Fortkommen zusätzlich. Rinderschädel am Wegrand: undeutbare, dennoch besorgniserregende Zeichen. Schlimm auch, daß die Himmelsrichtungen ständig wechseln und alles gleich aussehen lassen. Bestimmt gibt es überall unter Bodenklappen versteckte Schnapsdepots – anders läßt sich diese Landschaft dauerhaft garnicht ertragen. Ich kann allerdings keine finden. Leise klirrt der Frost vor sich hin. Ansonsten Totenstille. Ein paar Kilometer weiter und die Situation hat sich nicht verändert. Außer Himmel gibt es nur reifbedecktes Grün und Braun. Keine Spur von Flüssen. Verzweifelt drehe ich mich mehrfach um die eigene Achse und stehe plötzlich vor zwei Mädchen auf Inlineskatern. „Geht es hier zum Rhein?“ Die beiden lachen sich kaputt. Vor uns fließt der Fluß in all seiner Majestät. Besitzt sogar einen Fähranleger. Unvermittelt gerate ich auf die Kopfsteinrampe, die in die Fluten führt. Sie ist glatteisüberzogen. Unter meinen Sohlen gleitet der Hang nach oben, mit atemberaubender Geschwindigeit nähere ich mich meinem Ziel. Am Himmel skaten die lachenden Mädchen in ihren dicken Anoraks davon. Sie zwitschern wie die Amseln.

Xanten

Von den 35, 36, 37 offiziellen, auf engstem Raum versammelten Sehenswürdigkeiten Xantens ist der Dom Sankt Viktor mit Douvermanns psychedelisch-mystischer Marien-Predella die sehenswerteste, das sogenannte Pesthaus (ohne jeden Pestbezug) die charmanteste, der Rest dazwischen von eher mittlerer Einprägsamkeit. Alles in allem macht der niederrheinische Himmel hier die Musik, er drückt und strahlt und weitet diesen Winkel Erdenrund Richtung Kosmos, außerhalb des Städtchens wölbt er sich von Horizont zu Horizont über die metallische Schlinge des verzweifelt nach Endlichkeit gierenden Rheinstroms, der zwischen gigantischen Maulwurfshügeln davonflieht, die burgengleich aus den ewigen simpel gestrickten Feld-, Weide- und Wiesenteppichen ragen. Der niederrheinische ist seit jeher an die holländischen Himmel gekoppelt, lange vor Inkrafttreten des Schengener Abkommens wurden ihre berühmten Farben über die Grenze geschmuggelt und als ortsnotorische Blaupalette etabliert: Schieferblau, Kornblumenblau, Dunkeltürkis, Schönwetterblau, Schwindligblau, Tiefhimmelblau, Radioaktivblau: Farbtöne, die ihren betörenden Sinn nebenbei auch beim Verdauen des regionaltypischen Frühstücks offenbaren wie es im Train-Stop am Xantener Bahnhof serviert wird: Trockenes Brötchen, Portion Sahne, Brühwurst, einen Apfel – für sagenhafte Zweieurosechzich.
Um das winterliche Xanten herum: tausende dumpf vor sich hintrötender Wildgänse, bisweilen bohren sie sich als ruckende Keile in verrutschte Himmelsteile oder trauern am bereiften Grund mit den Grünkohlbüscheln. Nix von Siegfried und den Nibelungen außer Fake und angestrengter Fantasie: Lidlungenpaläste vor den Toren ersetzen nicht die literarische Tiefe ihrer mythischen Vorgängerbauten, der Kampf ums Dasein zwischen niederen und höheren Angestellten vor Überlebensmittelsortimenten ist allenfalls schwacher Abklatsch großer historischer Schlachten, das ganze Gelände, das dem Vernehmen nach auf Menschenblut stehen müßte, macht einen äußerst drögen Eindruck, einzelne Kraftfahrzeuge stören, wo die Gänse erstmal schweigen, gelegentlich die umgebende Stille: sie besitzt eine besondere Note nie zur Gänze gereifter Heiligkeit. Reichtum und Überfluß des Xantener Hofs, so wie im Nibelungenlied vorgestellt ergo kaum mehr nachvollziehbar in dieser behäbigen Landschaft mit ihren vereinzelten Pappelgruppen und der großen, ständigen, höchstens alle Jubeljahre erfüllten Hoffnung, daß flauschige Schafe aus dem leuchtenden Himmelsgebreite sinken, um unter geräuschlosem Aufprall, seifenblasenähnlich, die Szenerie zu vervollständigen. Das Land ist wild, das Land ist stumm, man treibt sich leidlich dort herum.

Duisburg Hauptbahnhof

Uns ist in alten maeren wunders vil geseit, hochmoderne Verwunderung (d.h. aufheiternde Verwirrung) schafft wiederum die einzigartige Vitrinenlandschaft in der kränklich beleuchteten Flucht des Duisburger Hauptbahnhofs. Wer per Bahn ins ehemals Siegfriedsche Xanten reisen möchte, bekommt in Duisburg Umsteigen aufgebrummt. Das ist nunmal so. Das hat auch mit Herrn Mehdorn nichts zu tun. Xanten ist abseits geraten, seit die Römer, die Siegmunds, Sieglindes und Siegfrieds, ja selbst der Rhein von dort abgezogen sind. Es fällt also Wartezeit in Duisburg an. Die zu nutzen empfehle ich eine eingehende Besichtigung der Innenwände des maroden Bahnhofsgebäudes. Auf den ersten Blick kaum ersichtlich treiben sie nämlich einen Heiden-Schabernack mit den Wahrnehmensweisen der Passanten. Das konsumbudenartige Ambiente der in die Wände eingelassenen Vitrinen weist vorderhand auf osteuropäischen Einfluß (Budapester U-Bahn, Zentralbahnhof Kattowitz), bietet Wurzelreste längst abgestorbener Kulturstränge (70er Jahre-Ruhrgebiets-Selbstverständnis) und hinterfotzig-infiltrative Installationen aus dem topaktuellen Medienkunstgenre, ohne letztlich zu verraten, welcher Vitrineninhalt welcher Absicht dient. Das wirkt zunächst einmal abstoßend, kehrt sich in seiner Liebe zum deplazierten Detail jedoch zügig in nichts minder als vertrackte Evokation entzückten Staunens. Seit Jahrzehnten vernachlässigte Werbeflächen für namenlose Innenausstatter, bei denen die Tapeten von den Wänden blättern. Design-Toiletten für den Niederrhein. Antikapitalistisches Schmunzeln auslösender Kunstschnee auf fingierten Weihnachtswünschen führender westlicher Industrie- und Bankenbosse. Dazwischen durchgeknallte Installationen vorderorientalischer Lifestyle-Ästhetik in verwaschenen Leuchtfarben. Diese pseudomuseale Verschiebung zwischen artifiziellen und realen Schauwelten, zwischen der Aufforderung zu kaufen und der Aufforderung nachzudenken (am besten jedoch beides!), zwischen Raum und Zeit, und das hüben wie drüben mit krassen gestalterischen Mitteln geht ordentlich auf die Pedipalpen des Betrachters, der sich (mittels seines von den Vitrinen gesteuerten Willens zum Betrachten ebenjener) unversehens in eine kontraktive Zeitzone begibt: der Anschlußzug nach Xanten kommt plötzlich schneller als erhofft, beinah geht er sogar flöten, die Welt dreht sich ferne ächzend einmal kurz auf links, in einem ruckartigen unsichtbaren Schub, fast als wäre nichts geschehen, das Ächzen könnte auch das Bremsgeräusch eines Zuges gewesen sein, der nun in die Weite der Landschaft hinausgleitet. Adieu, Duisburg Hauptbahnhof, adieu!