Der Rhein für die gebildeten Stände

Rhein, einer von den Hauptflüssen Deutschlands, der ein schönes, wein- und fruchtreiches Land durchströmt, einen Weg von 190 M. zurücklegt und über 12,200 Flüsse und Bäche dem Oceane zuführt, entspringt in dem helvet. Canton Graubündten aus drei Hauptquellen, welche der vordere, mittlere und hintere Rhein heißen. Der vordere quillt aus dem Gebirge Crispalt, nordöstl. vom Gotthard, und vereinigt sich bei Dissentis mit dem mittlern Rheine, welcher vom Lukmanierberge herabkommt. Diese vereinigten Flüsse vermischen sich bei Reichenau mit dem Hinterrhein, der im Gebirge Adula auf dem Vogelberge aus einem Gletscher sich sammelt und bis Reichenau 20 Stunden weit fließt. Daselbst erhalten diese drei vereinigten Rheinquellen den gemeinschaftlichen Namen Rhein und haben eine Breite von 230 F. In der Gegend von Chur wird er schiffbar; zwischen Rorschach und Fußach stürzt er mit großem Geräusch in den Bodensee, den er zwischen Stiegen und Eschenz wieder verläßt und seinen Lauf nach Schaffhausen und Basel fortsetzt, nachdem er vorher mehre Wasserfälle gebildet hat. Solcher Wasserfälle, vorzugsweise Rheinfälle genannt, gibt es vier: 1) Der Rheinfall, eine Stunde unter Schaffhausen bei den beiden Laufen, wovon das eine (Dorf und Schloß) dicht am Rhein, auf dem Boden des schweizer. Cantons Zürich, und das andere, ein altes Schloß, gegenüber auf einer Insel liegt, ist der bedeutendste und durchaus nicht zu passiren, weshalb die Ladung der Schiffe zur Achse durch Schaffhausen gebracht werden muß und erst unterhalb der Stadt wieder eingeschifft werden kann. Nachdem der Strom ungefähr 500 Schritte oberhalb der beiden Laufen zwischen ungeheuern Felsen, die zum Theil mitten aus seinem Bette hervorragen, eingeengt worden ist, schießt er dann bei immer zunehmendem Abhange in unzähligen Buchten von Fels zu Fels hin und stürzt sich endlich, 80 F. hoch, 300 F. breit, mit einem in der Nähe betäubenden und bei stiller Nacht auf zwei Meilen weit hörbaren Getöse in drei Fällen steil herab, wovon der auf der Südseite, zwischen zwei Felsenpfeilern, der gewaltsamste ist. Die ganze Breite des Sturzes übersieht man aus einem Hause, nicht weit vom Sturze, fast in der Mitte des Flusses, das durch eine Zugbrücke mit dem Ufer verbunden ist; doch kein Bild vermag dieses Schauspiel darzustellen. 2) Der Rheinfall unter Zurzach, bei der Mündung der Wutach, der nur bei hohem Wasserstande die Schiffahrt hindert. Er wird verursacht durch einen quer durch den Strom gehenden Felsendamm, in dessen Mitte eine Lücke sich befindet, durch welche bei niedrigem Wasser die Schiffe passiren. 3) Der Rheinfall bei Laufenburg, der nur in einer Stromschnelle besteht, auf welcher leere Schiffe an Seilen durch Menschen, oft jedoch mit Lebensgefahr, hinuntergelassen werden. 4) Der Rheinfall bei Rheinfelden, der Höllhaken, auch das Gewild genannt. Schon eine Stunde oberhalb Rheinfelden fangen die Felsen im Strome an und streichen bis unter die Brücke dieser Stadt dergestalt fort, daß nur eine schmale Öffnung bleibt, durch welche die Schiffe mit der größten Vorsicht geführt werden müssen.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

Titisee

Holzschnitzereien, Kuckuckspfeifen, Rübezahlen, Vesperbrettle, Bollenhüte, Touristenkitsch, Jugendleere, Schäufele, Sauerkraut und Schupfnudle, Hirschgulasch aus eigener Jagd, Rheingoldhotels, selbst hier oben 858 m.ü.M. Versammelt sich, was das Oktoberfest übrig läßt. Titisee Hexe (Kräuterlikör), Schwarzwald Creme (Sahnelikör mit Kirschwasser), Schwarzwald Teufel (hochprozentiger Kräuter zum Flambieren), Schwarzwald Hochzeit (Likör aus Kirschwasser mit Vanille und Sahne). Hinter der jahrmarktartigen Souvenirbudenzeile herrscht Seeblick mit Tret-, Ruder-, Elektromotorbootausleihe. Gutachaustritt nach Wutacheintritt oder vice versa, alles ist beschildert, nur das Flüßchen nicht, das den Titisee verläßt. Chinesentrauben, lautstark gestikulierend richten sie ihr technisch verlängertes Augenmerk auf ein paar Rotaugen und Blähdöbel im Flachwasser des künstlichen Ufersaums: „Happy fish?“ „(Chinesisches Glücksgurgeln)“. Wanderung um den See: allem Walde wohnt ein Grummeln inne. Hier zusätzlich noch Rundfahrtsschifflautsprecherdurchsagen und Verkehrstrassenrauschen. Reichlich Badeeinstiege, Speise-, ungenießbare und Kontaktgiftpilze, Heidelbeern`n`Sauerklee, sowie Blickwinkel auf den Ort Titisee, die dessen Disneylandismen aus diversen Fernperspektiven bestätigen. Der Griff ins klare Seewasser kündet von Badetemperaturen. Nordic walking-Horden. Die Wasserhaut des mythischerweise unermeßlichen Gewässers rillt und pfeilt sich zu Magnetfeldlinien, Geschichten aus dem Erdinnern, hier, an dieser vom Kosmos aus lesbaren Oberfläche, sachte nacherzählt.

Wutachschlucht (2)

Die Baar liegt arschknapp unterm Himmel, teilweise sogar darüber, Zuckerwattewolken flocken langsam durch die Gegend, in den sanft geschwungenen Matten zirpts, schnurpts und wächsts. Über Ewattingen an die Wutach mit ihren vielen endemischen Arten. An der Wutachmühle steht die Bergwacht, beobachtet, fotografiert und zählt entschlossene Wanderer, die sich kopfüber in den Eingang zur Schlucht stürzen. Nicht jeder kommt wieder hinaus. Schon nach wenigen Metern ergeben sich erste sensationelle Ausblicke auf frühere Zwergen- und Geisterpaläste, die heute von seltenen Flugwürmern und insektoiden Kleinsauriern bewohnt werden, vorzeitliche Wesen, die sich in Spalten und Mikroklima der Schlucht über hunderttausende Jahre halten konnten, ohne sich maßgeblich fortentwickeln zu müssen: Blindschleichen und Zahnwürmer finden sich ebenso häufig im Schlamm der ausgetretenen Pfade und Stiegen wie der endemische Hosenbeinschleicher, ein pfeilförmiges, desorientiertes Wesen, das sich meist hospitalistisch auf der Stelle wiegt und alle paar Minuten in unvorhersehbaren ruckartigen Ausfällen über den Boden kreucht. Noch weniger angenehm: Zweirüßlige Stechmücken, der Gemeine Saugschlauch und der Mehrstachelige Wadenhader, die es allesamt auf die zahlreich einherhetzenden Wanderer abgesehen haben. Schwärme winziger Kamerafliegen behindern die digitale Dokumentation des pittoresken Naturwunders, indem sie durch pures Auftauchen zu Bildstörungen führen. Drei Arten Fischfrösche. Das Badische Leberle als unikes Amfibium. An Käfern wären hunderte zu nennen, die touristische Vermarktung der Schlucht erfolgt weitgehend über „die raren Drei“: Spackenläufer, Blasser Gottfriedkäfer und Faulrüßler, welch letzterer vor allem den omnipräsenten Pestwurz bekaut. An Vögeln der bis zur Unsichtbarkeit getarnte Weidenziesling und der beinahe ausgestorbene Bollenschnapper, der, auf Kirschgehölze und Trachtenfeste spezialisiert, außerhalb der Saison sein Rückzugsgebiet an die Wutach verlegt. Das ganze Huschen und Pfuschen lebendig kommentiert von der blubbernden plätschernden Wutach. Mitten in ihrem tiefsten Innern liegt der inexistente Kurort Bad Boll, der einst den aristokratischen Fliegenfischern des Londoner „Fishing Club“ gehörte. Neben einer verrottenden Kapelle entspringt die für solcherlei Orte angemessene Heilquelle und steht das ebenfalls angemessene touristische Hinweisschild. Für einen Nichtort wirkt Bad Boll recht ansprechend, sogar die Römer sollen hier bereits auf Lachs, Bachforelle, Äsche und Weißfische ausgegangen sein. Bevor sich die Straße bemerkbar macht, auf der die Sahnetanklaster das Rohmaterial für die gigantischen Schwarzwälder Kirschtorten der österreichisch geführten Schattenmühle transportieren, noch ein letzter Blick auf Holzschläger, Zumsel und Türkenbund, die sich am Wegrand ständig zwischen einem Dasein als Pflanze und Tier umentscheiden.

Wutachschlucht

Eine reiche Fundgrube für Informationen und verfolgenswerte Quellen zu allen möglichen Rheinbelangen, noch dazu plastisch geschrieben, ist Paul Hübners Buch „Der Rhein – Von den Quellen bis zu den Mündungen“ (Frankfurt 1974, insofern nur antiquarisch erhältlich). Heute morgen erwachte ich mit einem noch aus dem Schlaf stammenden Gedanken an die Wutachschlucht und blätterte bei Hübner: „Die Wutach, die so harmlos und sanft dem Rhein sich nähert, ist in ihrer dunklen Schlucht als „Wütende Ach“ der elementarste und dramatischste deutsche Fluß. Die geologisch und biologisch aufregende Wutach, in deren canonartiger Schlucht vierzehnhundert Käferarten gezählt wurden und klimatische Unterschiede wie zwischen Spitzbergen und Sizilien bestehen, ist von Heinrich (?, Anm. des Lesers) Cloos, dem mit dichterischer Kraft schreibenden letzten Klassiker der Geologie, das von dem starken Arm des Rheins regierte Schwert genannt worden, das die Enthauptung des alten Donautals vollzog, womit dem Donautal Zuflüsse aus den Tälern des Schwarzwald-Osthanges abgetrennt wurden.“ Vor zwanzig Jahren wanderte ich sommers mit zwei Freunden das erste Mal durch die Schlucht. Wir hatten nur das Nötigste dabei: Schlafsäcke, Brot, Käse, Wein und eine Gitarre. Es dürfte unter der Woche gewesen sein, wir trafen im Wald auf keine Menschenseele. Auf und ab entlang des rauschenden, bisweilen schäumenden Flüßchens, es war ein prächtig gelungenes Abziehbild deutscher Romantik, Eichendorffsches Getaugenichtse in Reinkultur. Gegen Abend ruhten wir uns in einer Niederung an einer zahmen Flußstelle aus, aßen, tranken, sangen, begleitet von der Wutach und ihren hochmusikalischen Wesen. Diese flache Landzunge war bestanden von fünf im Kreis geordneten Tannen oder Kiefern, als markierten sie die Eckpunkte eines Pentagramms. Der Boden war bedeckt mit trockenen Nadeln und bevölkert von einigen der Hübnerschen Käfer. Als es dämmerte, beschlossen wir, in der Schlucht zu nächtigen. In solchen Fällen wird man morgens mit der Sonne wach. In der Schlucht brauchte sie natürlich etwas länger, als in der freien Ebene, um durch das Walddickicht zu uns auf den Boden vorzudringen. Unabhängig voneinander, stellte sich heraus, nachdem wir unsere Schädel in den morgenkühlen Fluß getunkt hatten, hatten wir in der Nacht alle drei Besuch von Wildschweinen gehabt. Ob der nur im Traum oder in Wirklichkeit geschehen war, ließ sich nicht sicher feststellen. Schnell war von der Magie des Schwarzwalds die Rede. Da kamen plötzlich zwei Wanderer aus dem Gebüsch und wünschten uns guten Morgen. Das Wochenende mußte begonnen haben. Wir schlugen uns durch zu einem Ausgang aus der Schlucht und suchten nach unserem Wagen, einem edlen Fabrikat, das eigentlich dem Vater des einen Freundes gehörte. Über einer saftigen Bergwiese klarte mit leisem Brummen der Tag. Ich schmiß ein Butthole Surfers-Tape ins Kassettendeck. Es war eine erhebende, gigantische Mischstimmung.