Presserückschau (September/Oktober/November 2017)

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Etwas ganz Seltsames
“Eigentlich dürften wir den Rhein (…) natürlich nicht zu den Errungenschaften des Abendlandes zählen. Wenn, dann müsste es sich umgekehrt verhalten, denn er ist ja viel älter als dieses. Sucht man nach seinem Ursprung (was übrigens eine original abendländische Vorgehensweise ist), dann landet man im Oligozän, einem eher unromantischen und völlig menschenleeren Zeitalter vor etwa 30 Millionen Jahren. Der Rheingraben entstand damals als Randprozess brutaler Erdplattenverschiebungen, ein Faltenwurf auf dem Grund des Tethysmeers. All das klingt so bizarr, als würde es auf dem Jupiter spielen, und wirklich sind Flüsse, nüchtern betrachtet, etwas ganz Seltsames, das sich schwer festhalten oder (wie wir das im Abendland nennen) definieren lässt: Massen von Wassermolekülen, die sich linienförmig über mineralische Oberflächen hinwegbewegen und dabei, obwohl sich ihre Elemente permanent austauschen, etwas mit sich selbst Identisches bilden, das über Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende hinweg besteht und mit einem Namen anrufbar ist, als wäre es ein lebendiger Mensch.” (Die Welt)

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Wasserfontänen
“Jubilare müssen zusammenhalten. Und zusammen feiern. Dieser Devise folgt der Chempark Dormagen. Das Werk am Rhein feiert in diesen Tagen sein 100-jähriges Bestehen, die Rheinschifffahrt bei Monheim mit dem Piwipper Böötchen sogar ihr 800-jähriges. Zum Festakt (…) an der Monheimer Fähranlegestelle will die die Werksfeuerwehr einen ganz besonderen Geburtstagsgruß übersenden: Die Kanonen auf ihrem Löschboot werden gigantische Wasserfontänen in die Luft schießen. Bis zu 8000 Liter pro Minute können sie auswerfen, ein beeindruckendes Schauspiel.” (Rheinische Post)

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Ryybutzete
“Über 200 Helfer tragen im und am Wasser dazu bei, dass der Rhein wieder ein grosses Stück sauberer wird. Dass dabei nicht nur der üblichen Müll der ungezogenen Sommergäste des Affenfelsens “auftaucht”, sondern auch zahlreiche kuriose, teils unerklärbare Objekte, geborgen werden, macht die Sache nicht weniger ernst, aber führt immer wieder auch zum Schmunzeln. (…) Bereits am frühen Morgen wurde heute ein vier Meter langer Stahlträger aus der Kleinbasler Rheinseite gehoben (…). Der hat wohl den Seegang auf einem Frachtschiff nicht gut überstanden. In den vergangenen Jahren kam auch einmal ein Kupferkessel voller römischer Sesterzen zum Vorschein. In Anbetracht dessen, dass die Römer nun schon einige Jahre nicht mehr in unserer Region verweilen, ein durchaus merkwürdiger Fund. Das grösste Aufsehen verursachte jedoch eine Tauchergruppe flussaufwärts in Birsfelden. Die fanden doch tatsächlich einen Kleinwagen – wohl auch ein Frachtschiff-Ausreisser.” (Barfi)

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Aliens
“Wie die Wollhandkrabbe sind heute 95 Prozent der größeren wirbellosen Fluss-Tiere des Rheins Einwanderer. Sie stammen ursprünglich aus unterschiedlichen Regionen wie dem Schwarzen Meer, Nordamerika oder Ostasien, von wo sie meist per Schiff in den Rhein gelangten. (…) Die Engländer nennen sie »Aliens« (…) – und für manche heimische Art waren die Neuankömmlinge ähnlich vernichtend wie die Weltraummonster. So haben amerikanische Flusskrebse die europäischen Arten zur Strecke gebracht, weil sie eine gefährliche Krankheit, die Krebspest, mitbrachten, gegen die die heimischen Tiere nicht gewappnet waren. Der Große Höckerflohkrebs kommt aus dem Donaudelta und frisst nun kleinere Arten im Rhein weg.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Gemälde aus Duisburg
“Die neue Ausstellung des Künstlers Michael Vogt in der Galerie Liestmann zeigt „Fluss- und Hafenbilder“. Den Rhein malt Vogt gerne in Duisburg. (…) Seine Gemälde, die den Rhein und den Duisburger Hafen zum Thema haben, sind in der Galerie Liestmann noch bis Anfang Januar zu sehen. (…) In der Galerie sind bekannte Motive wie Deichlandschaften, die Homberger Rheinbrücke, Hafenansichten und der Rhein bei Wittlaer zu sehen. Vogt malt vor Ort, setzt sich an den Rhein oder sucht sich den passenden Platz im Duisburger Hafen. Für die dort angefertigten Bilder finden schnell trocknende Farben Verwendung, großformatige Landschaftsbilder malt Vogt mit Ölfarben.” (WAZ)

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Kostümierte Schwimmer
“Da staunten Spaziergänger, als sie kostümierte Schwimmer im Rhein an sich vorbeiziehen sahen: Dazu eingeladen hatte der “Deutsche Unterwasserclub Köln” (DUC Köln). Die Schwimmer starteten an den Poller Wiesen und waren rund eine Stunde lang stromabwärts nach Merkenich unterwegs. Die Sicherheitsvorkehrungen waren hoch, da Schwimmen im Rhein eigentlich verboten ist. Der DUC hatte eigens ein gesondertes Sicherheitskonzept entwickelt. Die Schwimmer trugen alle Neoprenanzüge, eine Marke, Schnorchel und Flossen. Die Wasserschutzpolizei begleitete und umkreiste die Schwimmer mit vielen Booten.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Rhein im Rhein
“Die Dienstzeit der 1852 bei der Maschinenbau-Gesellschaft Emil Keßler in Karlsruhe gebauten Dampflokomotive RHEIN hatte noch gar nicht begonnen, da versank sie für nunmehr 165 Jahre bei Germersheim in den Fluten des Rheins. Als sie mit einem Segelboot über den Rhein von Karlsruhe bis Deutz transportiert werden sollte, geriet dieses in einen Sturm – die Lokomotive rutschte von der Ladefläche, und so gilt sie bis heute als verloren. Ein Forscherteam hat sich nun aufgemacht, die wohl älteste erhaltene Dampflokomotive Deutschlands wiederzufinden und hoffentlich auch bald bergen zu lassen. 2012 gelang es ihnen, den genauen Unfallort der Lokomotive mit Hilfe modernster Messtechnologien zu lokalisieren. Prof. Dr. Bernhard Forkmann, Mitautor des Buches “Lok im Rhein”, gewährt in seinem Vortrag Einblicke in die langwierige Suchaktion und die neusten Forschungsergebnisse zur Lokomotive RHEIN.” (Lok Report)

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Sanaziun cumpletta
“La renovaziun totala dals implants da las ovras electricas Hinterrhein SA è terminada. Dapi la fin d’avust èn tut ils implants puspè en funcziun ed ils custs da 300 milliuns francs èn tegnids en, uschia communitgeschan las ovras electricas Rain posteriur. Gia il 2005 han ils responsabels fatg ponderaziuns davart ina sanaziun cumpletta, il 2011 han cumenzà las emprimas lavurs. En tut eran radund 50 interpresas participadas vid il project. Dal temp cun la pli auta activitad da lavur han radund 300 persunas lavurà il medem mument vid la renovaziun.” (RTR)

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Rheinunterquerung
“Auf sieben Brücken kann man in Köln den Rhein überqueren – unterqueren kann man ihn nur an einer Stelle. Rund fünf Meter unter der Rheinsohle befindet sich ein begehbarer Tunnel (…). Zwei große Stahltüren mit mehreren Riegeln muss der Mitarbeiter der Rhein-Energie öffnen, um den Weg ins unterirdische Köln freizugeben. Es geht zu einem hochmodernen Bauwerk unter dem Rhein, der genau an Kilometer 688,6 untertunnelt ist. Der 461 Meter lange Fernwärmetunnel beginnt auf Höhe der Messe, nahe der Hohenzollernbrücke und führt auf direktem Weg auf die andere Seite unter den Musical-Dome.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Bücher als Schlüssel
“Jemanden in der Schule zu erleben, der sechs Sprachen beherrscht, das ist beeindruckend. Und dann noch jemanden zu erleben, dessen Leben in einer slumähnlichen Vorstadt von Lyon begonnen hat und der jetzt Romanautor ist und ehemaliger französischer Minister war, das ist dann richtig beeindruckend. Und so fielen dann auch die Bewertungen von Schülerinnen und Schülern der Graf-Anton-Günther Schule aus, in deren Forum Azous Begag kürzlich zu Gast war, um über sich, seine Bücher und sein Leben zu erzählen. In seinem Leben habe es eine erstaunliche Entwicklung gegeben. Und dafür seien Bücher der Schlüssel gewesen und natürlich die Möglichkeit, sich in so vielen Sprachen verständigen zu können. Sprache wird hier als Schlüssel für den sozialen Aufstieg deutlich, aber auch als Schlüssel für Integration in eine fremde Kultur. „Witzig und locker drauf“ sei er gewesen, meinten zwei Schülerinnen, und das macht wohl auch seinen Erfolg aus, wenn er auch vielleicht etwas zu wenig an seinem für das Abitur in Französisch wichtige Roman „Et tranquille, coule le Rhin“ orientiert hat.” (Nordwestzeitung)

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Rheinspange
“Wenn irgendwo im Land NRW ein neues Stück Straße eröffnet wird, bleibt selten der Hinweis auf die lange Planungsdauer aus. Oft sind 20 Jahre, 30 Jahre, gar 40 Jahre vergangen. Das soll sich ändern – ausgerechnet beim größten Neubauprojekt, das seit Jahrzehnten in der Region ansteht. Die Rede ist von der Rheinquerung, die nun offiziell „Rheinspange“ heißt und als neue Autobahn die A 59 bei Spich mit der A 555 bei Godorf verbinden soll. Die Beteiligung der Öffentlichkeit begann (…), ohne dass die Planer auch nur eine Skizze vorweisen konnten. Genau das ist der neue Ansatz, den das Landesverkehrsministerium und der Landesbetrieb Straßen NRW erstmalig verfolgen: erst reden, dann planen.” (General-Anzeiger)

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Alleinstellungsmerkmal Maislabyrinth
“Aus einer ursprünglich dünnen Tagesordnung ergab sich im Dalheimer Gemeinderat eine grundsätzliche Debatte darüber, wie sich die Gemeinde künftig in Sachen Tourismus ausrichten soll. Vor einem Jahr hatte man, zunächst für zwölf Monate auf Probe, den Beitritt zum Verein Rhein-Selz Tourismus beschlossen. Nun schob Ortsbürgermeister Willhard Leib (FWG) nachträglich die Diskussion über die Fortsetzung der Mitgliedschaft in den Sitzungsplan. Die Mitgliedschaft kostet 50 Cent pro Einwohner, im Falle Dalheims also rund 500 Euro. Dass dafür eine hinreichende Gegenleistung erbracht wird, war im Rat umstritten. Außer dem Maislabyrinth habe man, so Gertrud Henning (BfD), eigentlich wenig zu bieten. „Ich kann den Nutzen für Dalheim nicht erkennen, 500 Euro auszugeben, um einen Hochglanz-Flyer für die Rheinfront zu finanzieren“, hielt René Muth (CDU) fest. Da die Gemeinde nicht allzu solvent sei, tue dieser Betrag bereits weh. „Unser Angebot ist nicht überreich“, stieß der Erste Beigeordnete Engelbert Sauter (CDU) zunächst ins selbe Horn, verwies dann aber neben dem „Alleinstellungsmerkmal“ Maislabyrinth auch auf die Weinbergsrundfahrten, das für den gesamten Landkreis bedeutsame Germania-Denkmal sowie den Multifunktionsplatz. Das alles über die Gemeindegrenzen hinaus zu bewerben, könne durchaus nützlich sein.” (Allgemeine Zeitung)

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Little Britain
“Viele Wanderer im Kasbachtal in der Nähe von Koblenz sind verblüfft. Aus heiterem Himmel kommen sie an roten Telefonzellen, einer lebensgroßen Queen-Figur, einer vollbusigen Hexe mit Wildschweinen an der Leine und einem britischen 52-Tonnen-Panzer vorbei. Das spleenige Privatgelände “Little Britain” in Linz am Rhein, hat schon Landtag und Innenministerium von Rheinland-Pfalz beschäftigt. Nachbarn sind erbost.(…) Der nach Deutschland eingewanderte Brite Gary Blackburn (…) ist 2016 “not amused” bei der Brexit-Entscheidung in seiner Heimat. Als Antwort darauf beginnt er, sein kleines kostenloses Freilichtmuseum auf seinem Betriebsgelände an einem Wanderweg zum Rheinsteig aufzubauen. Die Hütte des legendären Räubers Robin Hood, Palast-Wachsoldaten, ein roter Briefkasten, Ritterrüstungen und alte englische Autos zeugen vom britisch-skurrilen Humor des 53-jährigen Baumchirurgen aus dem Hinterland.” (T-Online)

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R3
“Der Rheinhafen Lauterbourg ist mit einem etwa 40 Hektar großem Gewerbegebiet und neuen Hafenanlagen Standort der neuen trimodalen Logistikplattform R3FLEX des Straßburger Hafens. (…) Diese Investition trägt der steigenden Nachfrage vor allem durch den wachsenden Containerverkehr am Standort Straßburg Rechnung. (…) Am Oberrhein gilt die Erweiterung des Lauterbourger Hafens als eine der letzten Möglichkeiten zum Ausbau von Arealen am Rheinufer. 40 Stunden Schifffahrt von Rotterdam und Antwerpen entfernt haben sich bereits Unternehmen wie Dow Chemicals France, Comptoir Agricole de Hochfelden, Béton Fehr oder auch Eiffage Métal in Lauterbourg angesiedelt. (…) Die Marke R3FLEX unterstreicht durch ihre Namensgebung und die Abkürzung R3 (Rhine, Rail, Road) die Multimodalität des Hafenareals durch die parallele Anbindung an Rhein, Schiene und Straße.” (Pressebox)

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Tender Rhein
“Fünf Monate ist der Tender “Rhein” im Mittelmeer vor der libyschen Küste im Einsatz gewesen – um Menschen zu retten und Schleuserkriminalität zu bekämpfen. (…) 25.000 Seemeilen legte das Schiff während seiner Mission zurück – das entspricht einer Erdumrundung. Die “Rhein” war Teil der humanitären Operation “Sophia”. Die 67-köpfige Besatzung der “Rhein” rettete 2.100 Menschen aus dem Mittelmeer. (…) Die Deutsche Marine hat mit ihren Schiffen in den vergangenen zwei Jahren nach eigenen Angaben mehr als 22.000 Flüchtlinge im Mittelmeer aus Seenot gerettet.” (NDR)

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Maghrebiner am Rhein
“Maghrebiner stellten römische Kaiser, frühchristliche Denker und waren Wegbereiter eines Wissenstransfers, an dessen Ende die Zeit der Aufklärung in Europa stand. Die scheinbar zusammenhangslos ausgewählten Exponate der Ausstellung (Anm.: „Drucke und Handschriften aus fünf Jahrhunderten. Die Sammlung der Gesellschaft für Kultur und Wissenschaft des Maghreb” im Romaneum zu Neuss) – wertvolle alte Handschriften und Drucke, in lateinischer, deutscher, französischer und arabischer Sprache – stehen in einem großen Sinnzusammenhang: Sie spiegeln den offenen und durchlässigen Kulturraum Maghreb wider, der vermeintlich fremde Elemente absorbierte und dabei in der Lage war, sich selbst neu zu erfinden. Auch in Neuss hat der Maghreb Spuren hinterlassen: Vor fast 2.000 Jahren errichten die ersten Maghrebiner die Erftmündung am Rhein. Die Ala Afrorum, eine ursprünglich aus Nordafrikanern aufgestellte römische Kavallerieeinheit, war Ende des 1. Jahrhunderts im römischen Novaesium stationiert und hatte ihre Wurzeln in Africa proconsularis, dem heutigen Algerien, Tunesien und Libyen.” (neuss.de)

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Archäologische Sensation
“Eine 9,7 Millionen Jahre alte Entdeckung sorgt für Kopfzerbrechen bei deutschen Wissenschaftlern. (…) Wie das Mainzer Naturhistorische Museum (…) mitgeteilt hat, entdeckten ein Team deutscher Archäologen im ehemaligen Flussbett des Rheins ein rätselhaftes Gebiss. Die Zähne scheinen keiner in Europa oder Asien entdeckten Art zu gehören. Sie ähneln am ehesten denen der frühen Homininskelette von Lucy (Australopithecus afarensis) und Ardi (Ardipithecus ramidus), die in Äthiopien entdeckt wurden. Doch der neue Fund aus Eppelsheim bei Mainz ist mindestens vier Millionen Jahre älter als die afrikanischen Skelette. Diese Tatsache irritierte die deutschen Wissenschaftler dermaßen, dass sie die Veröffentlichung des Fundes zunächst für ein Jahr zurückhielten.” (RT Deutsch)

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Notlandung
“Es hätte ein kurzer Rundflug zur Loreley werden sollen – und wurde ein ziemliches Abenteuer. Ein vom Flughafen in Finthen gestartetes Klein-Flugzeug mit drei Insassen ist (…) aufgrund eines Defekts auf dem Rhein bei St. Goar notgelandet.” (Allgemeine Zeitung)

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Irre Verfolgungsjagd
“Auf der Flucht vor der Polizei ist ein 24 Jahre alter Mann in den Rhein gesprungen, um von Frankreich nach Deutschland zu schwimmen. Während ihm ein französischer Polizist in der Dunkelheit nachschwamm, verfolgte ihn ein zweiter Beamter mit einem Kanu, das er am Ufer entdeckt hatte (…). Als die Kräfte des 24-Jährigen nachließen, fasste ihn ein Beamter und brachte ihn auf deutscher Seite bei Weil am Rhein ans Ufer. Dort wurde der unterkühlte Mann vom Notarzt versorgt und danach in eine Klinik nach Frankreich gebracht.” (Berliner Kurier)

20
Jamaika am Rhein
“Am Bonner Hauptbahnhof haben sie das Schild „Bundesstadt Bonn“ durch eines ersetzt, auf dem „Stadt der Vereinten Nationen“ steht. Das bringt mehr fürs Bonner Selbstbewusstsein. Im November findet am Rhein der Klimagipfel statt. Danach aber wäre es höchste Zeit, wieder mal ein neues Schild anzubringen: „Bonn – Hauptstadt von Jamaika“. Wenn im 600 Kilometer entfernten Berlin wirklich eine Koalition aus Union, FDP und Grünen zustande kommt, hat das viel mit der alten Hauptstadt am Rhein zu tun. In der saturierten Bürger- und Studentenstadt haben alle drei Jamaika-Parteien ihre gefestigten Milieus: Grüne und FDP sammelten bei der Bundestagswahl 16 und 14 Prozent der Zweitstimmen, für die CDU blieben da noch 30 Prozent. Im Bonner Rathaus regiert seit 2014 eine Jamaika-Koalition, die ein schwarz-grünes Bündnis ersetzt hat.” (Neue Presse)

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Rheintote
“Nachdem Ende August Arbeiter im Rhein Teile einer verstorbenen Person gefunden haben, ist die Identität der Toten nun mithilfe eines DNA-Vergleichs geklärt. Die Arbeiter hatten die Leichenteile bei Baggerarbeiten im Rhein bei Rees gefunden.
Wie die Polizei mitteilt, handelt es sich bei der Frau um eine 72-jährige, in Köln geborene Frau. Die Seniorin war am am 22. Dezember 2016 aus einem Krankenhaus in Dormagen verschwunden war und galt seitdem als vermisst.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Eine Joggerin hat (…) eine Person entdeckt, die im Rhein trieb. Sie löste einen Großalarm aus, bei dem auch ein Hubschrauber zum Einsatz kam. Doch jede Hilfe kam zu spät. Um 7.35 Uhr habe die Joggerin eine leblose Person im Rhein entdeckt, als sie über die Theodor-Heuss-Brücke lief. Am linken Rheinufer treibe ein Körper im Wasser. Wenig später sei sie aus einem Polizeihubschrauber heraus lokalisiert worden. In Höhe der Rotterdamer Straße sei die Leiche dann auf der linksrheinischen Seite von Feuerwehrleuten in Spezialanzügen aus dem Wasser gezogen worden. Es handelte sich um einen 66-Jährigen aus Düsseldorf. “Er war bekleidet und hatte einen Ausweis dabei”, sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage. Ein Notarzt habe dann um 8.20 Uhr versuchte, den Mann wiederzubeleben. Doch der Arzt konnte nur noch dessen Tod feststellen.” (NRZ)

“Die 91-Jährige Senioren aus Rheinberg, die (…) vermisst wurde, ist (…) im Rhein tot aufgefunden worden. (…) Die Leiche wurde im Rhein bei Ossenberg gefunden. Angaben zur Todesursache konnte die Polizei (…) noch nicht machen. Die Polizei hatte (…) unter anderem mit einem Hubschrauber nach ihr gesucht.” (NRZ)

“Duisburg. Ein Arbeiter (43) ist (…) auf dem Gelände der Hüttenwerke Krupp Mannesmann mit einem Minibagger in den Rhein gestürzt. Zunächst fehlte jede Spur von dem Mann, jetzt ist er tot geborgen worden. Wie die Polizei berichtet sei der Arbeiter der Firma „Buss Imperial“ ins Hafenbecken gestürzt.” (Der Westen)

Wanderpfade am Rhein

Vor drei oder vier Tagen in Edinburgh hatte ich einen Traum, so intensiv, dass ich mich heute noch gut daran erinnere: Ich stand am Ufer des Rheins, irgendwo bei uns im Norden, Kaiserswerth, Wittlaer, eines dieser vielbewanderten Ausflugsziele. Und außer mir stand da ein recht alter, magerer Mann und schimpfte auf das Gottserbärmlichste. Ich trat zu ihm und sah den Grund für seinen Zorn: Seitlich des Wegs war ein großes Metallschild angebracht; auf der oberen Hälfte war ein unscharfes Schwarzweißfoto zu sehen, in der Art, wie man sie aus Kriegszeiten kennt, eigentlich war nichts zu erkennen, nur schwach waren Personen zu erahnen. Der Skandal lag für den Senior eindeutig im Text, denn der stellte einen Text von Hanna Krabbe dar, den sie wohl im Gefängnis in typischer Kassiber-Sprache verfasst hatte, und am Ende informierte das Schild, dass es Teil eines RAF-Wanderwegs sei. Zuerst nahm ich die Idee vor dem Greis schon aus bloßem Prinzip in Schutz, aber während ich noch sprach, ging mir plötzlich auf, dass das Pathos solcher Texte und Schilder immer das selbe sei, egal ob Bonhoeffer, Geschwister Scholl, aber auch weitergedacht, Martin Luther, der ganze deutsche Idealismus, die Romantik, Expressionismus, völlig gleich – immer geht es um eine Kultur des Todes, letztlich auch bei solchen Übersteigern wie Nietzsche oder Canetti, je mehr sie ihn verlachen oder bekämpfen, desto sichtbarer kriecht er um sie herum, kein Ausweg aus der Gruftmisere, und deshalb schlug ich dem alten Mann vor, wir könnten ja einen Todes-Wanderpfad daneben errichten, und ich glaube, er hat die Idee ganz gut gefunden.

(Ein Gastbeitrag von Martin Knepper)

Strandgut

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Bei Wittlaer spie der Strom diese Vierfächer-Gefriertruhe aus. In den rheinischen Unterwasserfabriken werden ansonsten hauptsächlich linke Schuhe, Essensreste und Ready-mades hergestellt. (Bild: Rainer Vogel)

Hochwasser, Treidelstation

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Bei Wittlaer staut sich der Schwarzbach bei Hochwasser von der Rheineinmündung zurück. Den Mittelgrund befächern mächtige Hybrid-Pappeln. Hinter ihrem Gebreite und Gespreite versteckt sich ein Fachwerkhaus: die alte Treidelstation zwischen Wittlaer und Kaiserswerth, an welcher die Pferde, die die Kähne rheinaufwärts ziehen mußten, gewechselt wurden. Auch Napoleon soll hier in der Nähe seine Pferde ausgetauscht haben. (Bild und Info: Rainer Vogel)

Radtour am Rhein

(Rheinsein bedankt sich für diesen Gastbeitrag bei claudia!)

Erst einmal durchfuhren wir Wittlaer und kreuzten dann im Zickzackkurs die Felder. Ich schaute auf die sich verändernden Häuser: Sie schienen immer größer und luxuriöser zu werden. Mit dem Bus war ich die Strecke auch schon gefahren, aber vom Fahrrad aus sieht man doch mehr. Plötzlich lag der Ort hinter uns und die flache Feldlandschaft breitete sich vor uns aus. Die Gerüche waren sehr organisch und die Farben erdig und dunkel, von Feuchtigkeit gesättigt. R. sieht Dinge, die ich nicht wahrnehme. So entdeckte er viele Muschelschalen und Walnüsse, die anscheinend von Raben auf die Wege geworfen worden waren, damit die Vögel den Inhalt zu sich nehmen konnten. Das fand ich spannend. Aus Dokumentarfilmen wusste ich, dass Vögel so etwas machen. Aber hier? Muscheln? Der Beweis lag auf dem Weg. Und Raben sind intelligente Tiere. Wir zickzackten weiter bis wir die Uerdinger Brücke erreichten. Der Rhein hatte extrem niedriges Wasser, die schlammbedeckten Kiesel erstreckten sich über eine riesige Fläche. Auf der Wiese waren etliche Menschen mit sehr verschiedenen Drachen beschäftigt. Die Weite der Landschaft tat gut. Am anderen Rheinufer befanden sich Industrieanlagen und Lagerhallen. Bayer war hier ebenso vertreten wie eine Speiseölfirma und ein Guanodüngerwerk. Die Gebäude, die am Uerdinger Hafen standen, waren zum Teil recht alt und nicht von einer so anonymen Architektur geprägt wie viele neuere Gebäude, deren Zweckmäßigkeit oft etwas abweisend wirkt. Solche Gebäude passierten wir später auch noch. Ein kleiner Abstecher brachte uns zu einem Teil des Krefelder Hafens. Eine stählerne Brücke führte über das Wasser. Die Brücke war alt und es gab Holzbohlen, auf denen wir fuhren, neben der Straße. R. erzählte, dass die Uerdinger Brücke im zweiten Weltkrieg zumindest zum Teil zerstört worden und dann wieder komplett aufgebaut worden war. Dann durchfuhren wir das Industriegebiet, kleinere und größere Firmen, Hallen und Produktionsstätten zogen an uns vorbei. Als wir an einem Schild vorbeifuhren, das auf Cargill hinwies, dachte ich daran, dass diese Firma sehr dominant in Bezug auf den Verkauf gentechnisch veränderten Getreides und Sojas ist. Gerade für Entwicklungsländer hat das üble Folgen. Wohl auch aus weit entfernten Landen stammte das Guano, dessen strenger Geruch uns in die Nase stieg als wir an einer (ich denke) Düngerfirma vorbeifuhren. Da war ich doch froh, als wir nach links abbogen und auf den Rhein zufuhren. Wir folgten einem Weg durch ein Naturschutzgebiet bis zum Rheinufer. Das Ufer war sehr weitläufig, weil der Wasserstand so niedrig war. Die Szenerie hatte etwas urtümliches an sich, obwohl überall Spuren von Menschen in Form von mehr oder weniger verwitterten Abfällen zu sehen waren. Die Weiden waren gigantisch, wie Zelte breiteten sie ihre Zweige aus. Der Strand bestand aus feinem Sand und Steinen. Der größte Teil der Kiesel war von getrocknetem Schlamm bedeckt. Hier floss normalerweise Vater Rhein, durch dessen Bett wir nun voller Entdeckungsfreude wanderten. R. entdeckte einen verrosteten Stahlzylinder, der auf einer abgetragenen Betonschicht lag. „Guck mal, hier liegt eine Bombe. Die kann doch nicht mehr hochgehen? Hier sind Flügel dran und da muss der Sprengkopf gewesen sein. Bestimmt war hier mal etwas gebaut, das dann bombardiert worden ist.“ Wir sahen viele verrostete metallene Gegenstände und reimten uns die dazugehörigen Geschichten zusammen. Die Sonne senkte sich bereits während wir noch über Schlamm und Steine gingen und immer neue Entdeckungen machten. Auch das Rätsel, wie die Raben an die Muscheln kamen, löste sich: Das Niedrigwasser hatte riesige Muschelbänke freigelegt. Teilweise hatte die Landschaft etwas Surreales an sich. Wie ein Monolith stand eine verrostete Waschmaschine in der weiten Ebene und zahlreiche deplaziert wirkende Gegenstände, die der Rhein freigegeben hatte, verschmolzen gleichzeitig wieder mit der verschlammten Umgebung. Da gab es zum Beispiel einen uralten Einkaufswagen oder zahlreiche dicke Stahlseile, die zu zerreißen eine gewaltige Kraft nötig gewesen sein muss. Nach nochmaliger Rast nahm R. ein Oktoberbad im Rhein. Der Mond war riesig groß aufgetaucht, die Sonne war noch tiefer gesunken. R. stapfte mutig ins Wasser, das erstaunlich lange nicht tiefer zu werden schien. Dann endlich konnte er eintauchen ins kalte Nass. Der Rhein war so schmal und schien so seicht zu sein, dass ich zeitweise befürchtete, R. könnte ans andere Ufer schwimmen. Dort befindet sich der Biergarten Aschlöksken, der noch zu Wittlaer gehört. R. kam aber nach dem erfrischenden Bad zurück. Er wusste um Stromschnellen und ertrunkene Rheinschwimmer. Obwohl auch ich gut kaltes Wasser vertrage, blieb ich an Land. Ich bin noch nie im Rhein geschwommen. Während wir die Fahrräder durch den feinen weißen Sand schoben, ging die Sonne unter. Der Himmel verfärbte sich rötlich, der unrealistisch große Mond stieg über dem jenseitigen Ufer immer höher: Eine blassblaue große Scheibe vor leuchtendblauem Himmel, der von Wolken durchzogen war. Während wir Pause machten überlegten wir, ob die in der Dämmerung sich schnell fortbewegenden Tiere Ratten oder Igel waren. Wir kamen aber zu keinem Ergebnis. Die Rufe der Vögel klangen anders als tagsüber, es waren auch die Stimmen von Vögeln dabei, die am Tag nicht zu hören sind. Ab und zu klang das Zirpen einer Zikade. Während wir noch unseren Gedanken über das Angenehme an abendlichen Spaziergängen im reizarmen Dunkel nachhingen, lief ein großer Krebs an uns vorbei. Er sah wie seine Artgenossen an der Nordsee aus, handtellergroß, mit dunklem Körper, langen dünnen Beinen und kleinen Zangen, die er erhob, als wir ihn im Lichtschein von R.s Handy in Augenschein nahmen. So ein Tier hatte ich hier nicht erwartet. Wir waren beide fasziniert und beobachteten den Krebs, dessen Beine auf dem steinigen Grund leise tapsten. R. hatte schon weiße Krebse am Rhein gesehen, mir waren kleine längliche Krebse im Süßwasser begegnet, aber dies war eine wirklich außergewöhnliche Begegnung. Wir schoben weiter unsere Fahrräder und ließen uns vom Mondlicht verzaubern, dass gleißend vom Rhein reflektiert wurde. Wenn man es so malen würde, würde das Bild wohl als kitschig und unrealistisch angesehen werden. Ohne Kameras konnten wir das Naturschauspiel entspannt auf uns wirken lassen. Etwas später stießen wir auf einen befahrbaren Weg, der es uns erlaubte, wieder auf die Fahrräder zu steigen.

Am Niederrhein (von Rainer Vogel)

Am Sonntag kamen noch Freunde zum Kaffee und Kartenspielen, inklusive Spaziergang zum Biergarten am Rhein in Wittlaer, „Aschlöksken“ im Volksmund genannt, früher sei dort die Asche gelöscht worden. Eine andere Erklärung für den Namen lautet: dass dort der Ort seit jeher sein Ende hat. Gegenüber vom Biergarten, auf der Meerbuscher/Krefelder Rheinseite sah ich immer Sandstrände und Auwälder, wo auch abends Leute an Lagerfeuern saßen. Da ich gestern frei hatte, fuhr ich mit dem Rad zur Kaiserswerther Rheinfähre, setzte dort über, hielt mich rechts, am dortigen Camperidyll vorbei, und fuhr auf holprigen Treckerspuren, Weidenalleen und vergessenen Reitwegen zu den gesuchten Buchten und Rheinstränden. In eine Bucht, in die man durch einen schmalen Pfad zwischen mannshohen Schilf gelangte, trat ich ein, um einen vorgelagerten Tümpel, Weiden mit freistehenden Wurzeln, eine Art Wilden Flieder, Löwenmäulchen zu entdecken, und das gegenüberliegende Ufer und in der Nähe lagernde Wildgänse zu fotografieren. Der Schweiß floss mir in Strömen herunter, meine Haut juckte aufgrund einer heftigen Sommerallergie, und ich fuhr weiter mit dem Rad, um die Bucht gegenüber dem Biergarten am Ende von Wittlaer zu finden, und mir ein mitgeführtes Alt am Strand zu genehmigen. Ich fand einen seitlich einströmenden Zufluss oder See, mit einer Unzahl von Jungfischen, die in Schwärmen vor meinem Schatten flüchteten, ein Graureiher stob krächzend auf, wer stört in seinem Revier? Keine Menschenseele weit und breit, bis auf einen Mann im Liegestuhl am Strand, die paar Angler am Ufer und auf den aufgeschütteten Felsbrocken im Rhein, unzählige Mücken und Bremsen. Ich fotografierte einen Korbstuhl ohne Beine im Sand, ein bis zwei rostige, im Sand verschüttete Öltonnen, auf einer lag eine längst geleerte, verlorene Geldbörse. Über die Mündung des Zuflusses am Rhein hatte jemand dicke Steine gelegt, sah fast wie ein Dammbau aus, bis auf einen riesigen Stein, den eigentlich keine Menschenhand bewegt haben konnte. Zwischen den Steinen die bleichen Schalen toter Krebse. Mir fiel der Roman ein, den ich in meiner Pubertät eigentlich hatte schreiben wollen, eine Geschichte über einen Wanderer, der am Strand der Ostsee entlang zieht, den magischen Feuerstein, den er sammelt, knirschend unter seinen Sohlen, am Ende seiner Wanderung ist er nicht mehr allein, reitet auf einem Wildpferd und hat eine junge Frau mit schwarzem Haar und braunen Augen an seiner Seite. Teile meines Traums haben sich wohl verwirklicht, jedenfalls habe ich auch jemanden gefunden. Der Held des Romans baut ein Haus, zeugt Kinder, geht in seinem Stamm auf. Parallelhandlung in einem Raumschiff, irgendwo im All. Die Erde ist mittlerweile von einer unkontrollierbaren Technologie beherrscht. Dann trinke ich nahe einer erloschenen Feuerstelle das Bier, auf einem Stein im Sand sitzend. In der Nähe ist ein Angler mit zwei von der Leine gelassenen Schäferhunden, weswegen ich mich ein wenig unwohl fühle. Drüben sitzen die Leute im Biergarten in Plastikstühlen am Weidenzaun, Galloway- Rinder grasen friedlich. Als der weiße Ausflugsdampfer der KD rheinaufwärts vorbeifährt, winken einige Leute den Menschen auf Deck zu. Später schlage ich mich in die Büsche, um eine Abkürzung zur nächsten Straße zu finden, und lande im undurchdringlichen Dickicht, wo ich mir die Schienbeine mit Brennnesseln verbrenne. Stiele wuchernder Riesenpflanzen knacken hohl unter meinen Füßen, als ich die Orientierung verliere. Endlich erreiche ich das Ufer wieder, wohin ich nach einer Kurve im Urwald wieder zurückfinde, und schiebe das Rad über den Sand, finde später eine Zufahrt. Doch erst nehme ich noch ein Bad im Rhein, um die Haut zu kühlen und den Juckreiz zu lindern. Als ich mich wieder anziehe finde ich ein bearbeitetes Stück braunen Feuerstein im Sand, in Form einer Pfeilspitze, und nehme den Stein in meinem Rucksack mit. Auf dem Rückweg fahre ich über Felder, Landstraßen, an dem großen Hafenbecken im Industriegebiet des Krefelder Rheinhafens vorbei, über die im Krieg gesprengte, wieder aufgebaute Uerdinger Brücke mit den schweren, genieteten Stahlträgern, erreiche ich die andere Rheinseite.

(Besten Dank für diesen Bericht an Rainer Vogel, Buchhändler in Kaiserswerth.)