Auf den Spuren Willy Brandts (10)

wesseling_willy-brandt-str_8Die Willy-Brandt-Straße in Wesseling erstreckt sich vom Südende der Innenstadt bis zum nächstgelegenen Stadtteil Urfeld. Als Fortsetzung der Konrad-Adenauer-Straße im Zentrum bestätigt sie das Appendixhafte bzw. Nachrangige, das nach Willy Brandt benannten öffentlichen Orten in der Regel eignet, insbesondere im Vergleich zu unmittelbar benachbarten Straßen, Orten, Plätzen, die nach Konrad Adenauer benannt wurden. Die Wesselinger Willy-Brandt-Straße vermittelt den Eindruck einer durchschnittlichen Verbindungsstraße. Böschungen säumen eine in gerütteltem Maße langweilige Gerade, die auf der Westseite von der Köln-Bonner Stadtbahntrasse, auf der Ostseite von einem kombinierten Rad- und Fußgängerweg begleitet wird. Gerade reifen die Brombeeren und verblüht die Wegwarte. Wir wandern die Willy-Brandt-Straße von ihrem Südende in Richtung Ortskern ab. In schöner wie für diese Website gemachter Koinzidenz kreuzt sie zunächst die nach Urfeld hinein führende Rheinstraße. Drückende Julihitze, wenig Verkehr. Die Bahnhaltestelle zieren ungelenke Schriftzüge: anonyme Liebesbeweise mit Eddingstift und gesprayte Ausdrücke jugendlicher Frustration. Eine Böschungslücke erlaubt den Blick über Getreidefelder auf eine Herde Strommasten; dahinter reckt sich in einer Rheinkrümmung die Shell-Raffinierie. wesseling_willy-brandt-str_19 Eingezäunt die Urfelder Photovoltaikanlage, Sonnenkollektorenreihen in strenger Ordnung, aus der Welt gefallene, sinistre Energieakkumulation. Mit haarig-stacheligen, reifenartigen Wesen des Graffitisten Seak bunt besprayt das Schalthaus der Bahnübergang-Sicherungsanlage. Das Zombiestatement “Tot und Hass dem VfL” findet sich in Großbuchstaben am Pfeiler einer Straßenüberführung. Auf dem Parkplatz vor dem Raffineriegelände mit zehn Toreinfahrten wie bei einer Autobahnmautstelle warten Tanklastzüge. Auf einem der Tanks prangt eine zehn Meter breite stilisierte Kölnsilhouette. (Kleinere Kölnsilhouetten-Varianten entdecken wir später alle naslang auf Pkws in der Wesselinger Innenstadt, bisweilen findet auch der Eiffelturm seinen Platz in diesen vor allem im Kölner Umland beliebten Kölnensembles zum Aufkleben.) Kurz vor Erreichen der Stadtgrenze sichten wir im Westen Fabrikleerstand und ein aus mintgrünen Wohncontainern bestehendes, übereinander gestapeltes Viertel, das zum Verkauf zu stehen scheint. Kurz danach ist der Wesselinger Zentrumsrand erreicht, der Jonny Grill eröffnet die Perspektive auf die kleinstädtische Konsummeile, die Nahtstelle zwischen Konrad-Adenauer- und Willy-Brandt-Straße in einer majestätischen Asfaltkurve lassen wir links liegen und fokussieren uns auf die Schönheiten Wesselings, falls denn solche den Tag bevölkern sollten. wesseling_willy-brandt-str_3

Presserückschau (Mai 2017)

1
Bodennebel
“Am Rhein in Götterswickerhamm hat sich eine Gruppe aus etwa 20 Menschen versammelt. Angeführt von Bürgermeister Dirk Haarmann soll es vom Rhein aus in Richtung des neuen Voerder Marktplatzes gehen. (…) Dort wartet bereits eine größere Menschenmenge auf die Eröffnung des Platzes. (…) “Mit dem Umbau des Marktplatzes soll die Attraktivität des Kernbereichs unserer Stadt erhöht werden (…). Besser konnte die Lage unserer Stadt am Rhein nicht sichtbar gemacht werden”, erklärte der Bürgermeister (…). Mit dem Pegel, der den Wasserstand im Rhein sichtbar macht, der großen 800 zur Markierung des Rheinkilometers in Götterswickerhamm und einer Webcam, die Bilder live vom Rheinufer auf eine Projektionsfläche auf dem Platz überträgt, habe man sich den Fluss in die Stadt geholt. Ebenso mit dem Bodennebel, der den Rheinverlauf darstellt.” (Rheinische Post)

2
Giraffe auf dem Rhein
“Im Rahmen der Literaturtage (…) hat die Mediathek die Straßburger Autorin Ronja Erb eingeladen (…) ihr Kinderbuch “Die Giraffe auf dem Rhein – La girafe sur le Rhin” vor(zu)stellen. Fara, eine Giraffe im Zoo von Rotterdam, soll fortan in einem Zoo in der Schweiz leben. Ein Schiff wird sie dorthin bringen. Auf dieser Reise den Rhein hinauf entdeckt Fara viel Neues und das anfängliche Unbehagen weicht rasch einer freudigen Neugier auf das, was sie erwarten wird. Als das Schiff im Hafen von Kehl anlegt, begibt sich Fara voller Abenteuerlust auf eine Erkundungstour durch Straßburg und Kehl.” (Badische Zeitung)

3
Rheinpromenade Emmerich
“Zahlreiche Besucher kamen (…) zur Eröffnung der Bilderausstellung “Die Promenade von Emmerich am Rhein”. Die Rheinpromenade sei früher nur eine Rheinuferstraße gewesen, an der vor allem gearbeitet wurde. Dort wurden Schiffe ein- und ausgeladen. “Es gab viele Kneipen, auch welche, an denen die Schiffer ihre Post abholen konnten”, sagte Herbert Kleipaß in seiner Einführungsrede. In den 1960er Jahren schaffte man dann den ersten Schritt zu einem Freizeitraum. “Im Juni 1967 wurde die Rheinpromenade nach dem Umbau eröffnet mit Blick auf die längste Hängebrücke Deutschlands. Der Rheinuferweg lud zum Prominieren ein, die Gastronomie veränderte sich von Kneipen zu Speiselokalen.” Die Speditionen wurden immer weniger und von den zehn Zollbooten, die 1980 noch im Einsatz waren, wurden viele für Grenzflüsse in den Osten verkauft.” (Rheinische Post)

4
Reisen im Plastiksitz
“Die Feuerwehr ist (…) zu einem Einsatz auf dem Rhein nach Niederdollendorf ausgerückt. Dort war ein Mann mit einem aufblasbaren Schwimmsitz auf dem Fluss unterwegs. Wie die Feuerwehr (…) mitteilte, hatten Passanten (…) die Feuerwehr alarmiert, weil sie den Mann auf einem Plastiksitz auf dem Rhein treiben sahen. Die Feuerwehr sei daraufhin mit dem Boot ausgerückt und habe den Mann bei Niederdollendorf aus dem Rhein geborgen. Dieser war allerdings in aller Gelassenheit freiwillig auf dem Rhein unterwegs und habe laut Feuerwehr angegeben, bis zur Rheinaue fahren zu wollen. Die Einsatzkräfte ließen den Mann demnach mit einer Verwarnung davonkommen, wiesen ihn aber darauf hin, dass er mit seinem Gefährt in Zukunft nicht noch einmal über den Rhein fahren dürfe.” (General-Anzeiger)

5
Niers versus Rhein
“Dass die Gegend, in der ich aufgewachsen bin, Niederrhein heißt, habe ich Jahrzehnte nicht hinterfragt. Hier fließt eben der Rhein, der Große, der Mächtige, bedichtet und besungen seit der Römerzeit. Aber dann fiel mir auf, was der Rhein in mir auslöste, wann immer ich ihn auf einer Brücke überquerte: nichts. Ich hätte ebenso gut über die Elbe fahren können oder die Donau. Hier Rhein, da raus. Das liegt daran, dass der Rhein in großen Teilen des Niederrheins nicht zum Alltag gehört (…). Die Niers hingegen bleibt länger. Sie fließt durch den Kreis Viersen, und geradezu ewig durch den Kreis Kleve. Ich habe mir das schriftlich geben lassen: Wenn ich mit Niederrhein die Landkreise Wesel, Kleve und Viersen meine, macht die Niers am Niederrhein sieben Kilometer mehr als der Rhein, knapp 82. Doch was sind schon Zahlen, die Niers verkörpert den Niederrhein. Der Rhein kommt mit seinen Hunderten Metern Breite aus der fernen Schweiz herangebraust, er kommt als fremder Koloss und spaltet die Landschaft ins Rechts- und Linksrheinische. Für die Niers aber ist der Niederrhein nicht bloß Transit-, sondern Herzland. Der außerhalb der Region beinahe unbekannte Fluss entspringt in einem Dorf bei Erkelenz, (…) sie fügt sich ein in die Landschaft, anstatt sie zu dominieren und auseinanderzureißen, weil sie zwar breiter wird, aber nie Wasserstraße. Stets bleibt sie so beschaulich wie der Niederrhein selbst, ebenso gemächlich, halb so schnell wie der Rhein. Fließt nicht durch Köln, Düsseldorf oder Duisburg, bloß durch Mönchengladbach, Geldern, Kevelaer, Weeze, Goch. Und kaum hat die Niers den Niederrhein verlassen, endet sie auch schon in der Maas. Von ihren 113 Kilometern fließen bloß die letzten acht durch die Niederlande. Viel weiter kommen die Deutschen auch nicht, wenn sie am 1. Mai und Fronleichnam zum Einkaufen ins Nachbarland fahren.” (Rheinische Post)

6
Die arme Sau
“Zu einer „Preußen-Matinee in Liedern“ hatte die Stiftung Willy-Brandt-Forum am Sonntag eingeladen. Und da der Vorsitzende (…) den Bonner Kabarettisten Norbert Alich eingeladen hatte, sein Programmen „Der Rhein – die arme Sau“ zu präsentieren, war man direkt in den großen Sitzungssaal der Verbandsgemeinde umgezogen. (…) “Mit dem Rhein hat es aber gar nichts zu tun. Geschrieben hat es kein Rheinländer, sondern ein Hamburger Gastronom und Boxpromotor“, verriet Alich und war schon bei seinem Lieblingsthema, den „Fremden“, die „aber auch janix mit dem Rhein zu tun haben“ und sich trotzdem etwa wie Konrad Beikircher erdreisten, als Südtiroler zu erklären, was es mit dem Rhein und seinen Anrainern so auf sich habe. (…) Seit den ollen Römern sei man hier eben der Spielball der Nationen und müsse alles ertragen, vor allem die Bahn mit ihrem Lärm. „Dabei müsste die doch nur einmal die Reifen wechseln, was ich jedes Jahr zweimal machen muss“, monierte Norbert Alich, um sich dann über den furchtbaren Rhein-Reim-Zwang mit klein, sein, Mägdelein und natürlich dem Wein zu ereifern, der sich durch das Liedgut mäandert von der Romantik über Willi Schneider bis zu den Höhnern. „Man könnte doch ganz einfach auf Reben zurückgreifen und wäre schon weg vom Wein“, schlug er vor, um sich dann seinem Lieblingsthema zu widmen: Wer den armen Rhein, die arme Sau, und mit diesem Wort bewusst den Reim „Rhein-Schwein“ vermeidend, so alles gequält hat.” (Blick aktuell)

7
Pferdesegnung
“Im Rahmen seines großen Jubiläumsreitturniers hatte der Reitverein „Dreiländereck“ als besonderen Programmpunkt zu einer Pferdesegnung eingeladen. (…) Insgesamt über 20 Pferdebesitzer versammelten sich dann mit ihren Pferden auf dem großen Springplatz im Reitsportzentrum Lehmann, um an der Segnung teilzunehmen. In Anlehnung an die Lesung aus dem Buch Genesis über Mensch und Tiere wies Dekan Möller auf die Verbundenheit der Menschen mit ihren Tieren hin, da sie alle Geschöpfe Gottes seien. Danach wurde jedes Pferd einzeln mit Weihwasser gesegnet. Einige der Pferde schreckten dabei zwar mit dem Kopf etwas zurück, blieben aber dann brav stehen – dies auch während der Kirchenlieder, die der Musikverein begleitete. Zur Belohnung für das „Durchhalten“, wie Dekan Möller die Vierbeiner lobte, gab es für jedes Pferd von den Ministrantinnen noch eine Karotte.” (Die Oberbadische)

8
Rheintote
“Schockierender Fund in Bonn: Passanten entdeckten (…) eine Leiche, die am Estermannufer im Rhein trieb. Sie alarmierten sofort die Polizei, die zu Land und zu Wasser ausrückte. Auf Höhe des Fähranlegers Graurheindorf konnten die Beamten den Toten bergen. Laut Polizei handelt sich um einen Mann aus Rheinland-Pfalz. Hinweise auf ein Fremdverschulden liegen nicht vor, die Ermittlungen dauern an.” (Express)

“Einsatzkräfte der Feuerwehr haben (…) eine Wasserleiche aus dem Rhein geborgen. Wie ein Sprecher der Einsatzleitstelle auf Anfrage erklärte, sei der oder die Tote bei Rüngsdorf ans Ufer geschwemmt worden. Die Person habe sich augenscheinlich schon längere Zeit im Wasser befunden. (…) Die Einsatzkräfte bargen den Leichnam (…) nahe der Straße Am Schwimmbad aus dem Rhein. Wie ein Sprecher der Polizeieinsatzleitstelle mitteilte, dauern die Ermittlungen zur Identität der Person noch an.” (General-Anzeiger)
“Nach dem Fund einer Wasserleiche im Rhein bei Bonn (…) geht die Polizei davon aus, dass es sich bei dem Mann um das Besatzungsmitglied eines Ausflugsschiffes handelt. Er war vor einiger Zeit von Bord des Schiffes gefallen. Die Ermittler der Wasserschutzpolizei Koblenz gehen offenbar von einem Unglücksfall aus.” (WDR)

“Auf dem Rhein in der Nähe des Düsseldorfer Landtags fand (…) eine dramatische Rettungsaktion der Feuerwehr statt. Trotz stockdunkler Nacht konnten die fast 100 Einsatzkräfte einen Mann aus dem Wasser retten. Wie die Polizei (…) mitteilte, verstarb der Unbekannte allerdings später im Krankenhaus. Passanten hatten die Person im Hafenbecken Höhe der Ausfahrt zum Rhein entdeckt und sofort die Feuerwehr alarmiert. Diese lief mit einem Großaufgebot auf: Löschboot, fünf Rettungsboote mit Wärmebildkameras und 15 Landfahrzeuge mit Rettungstaucher. Außerdem unterstützte aus der Luft ein Polizeihubschrauber die Kräfte vor Ort.” (WDR)

Auf den Spuren Willy Brandts (9)

bonn_willy-brandt-alleeIn Bonn, von wo er in den Jahren 1969 bis 1974 die Bundesrepublik regierte, ist nach Willy Brandt eine Allee benannt, die durch das ehemalige Regierungs-, heute: Bundesviertel führt. Sie deckt einen Teil der sogenannten Museumsmeile ab. Eine verhältnismäßig bedeutende Trasse im Vergleich der sonst nach Brandt benannten öffentlichen Orte, zugleich Abschnitt der Bundesstraße 9 entlang des Rheins vom Westrand Deutschlands in Kranenburg nach Lauterbourg am nordöstlichsten Zipfel Frankreichs.

bonn_tDen Eingang der Willy-Brandt-Allee überwacht mit leeren Augen, einem tätowierten T (für Träne) und seiner auf dem Foto nicht sichtbaren, weil über den ansonsten kahlen Schädel nach hinten frisierten Mercedesstern-Tolle das zum Abriß freigegebene Bonn-Center.

Von der Innenstadt betrachtet, setzt die Willy-Brandt-Allee die Adenauerallee fort und geht in die Friedrich-Ebert-Allee über. Die breit angelegte Straße mit zweispuriger Fahrbahn, Radweg und Bürgersteig wird zudem von einer U-Bahnlinie untertunnelt. Ästhetische Mängel der Nord-Süd-Flucht verbinden sich in Bonn daher nicht allein mit Willy Brandts Namen, sondern verteilen sich zusätzlich auf die vorgenannten Schultern.

bonn_heussDem einst verwirrend großen Auflauf namhafter Politiker im kleinen Bundesdorf Bonn mag geschuldet sein, daß statt Willy Brandt Theodor Heuss in der Willy-Brandt-Allee die Passanten grüßt.

bonn_brdDas Plakat auf der Museumsmeile ist weder Kunst noch Fake, sondern ernst gemeint: “Der 67. Ord. Bundesparteitag der Freien Demokraten stand unter dem Motto Beta Republik Deutschland. Der Gedanke dahinter: Auch bei der Digitalisierung stehen wir für German Mut. Das heißt: Ausprobieren. Austesten. Auch wenn es nicht sofort perfekt ist. Beta eben.”

bonn_gnade und gefahrWeitere Spruchweisheiten mit Anleihen bei Politik und Poesie sind auf den verglasten Eingängen zur Unterwelt angebracht.

bonn_rheinwegEine wie für rheinsein erdachte Koinzidenz: Am Haus der Geschichte (linker Bildrand) mündet, unter für das winterliche Rheinland typischem Leichentuchhimmel, der Rheinweg in die Willy-Brandt-Allee.

Dinslaken, Dienstag Fünfter Juli

Fahrradreichtum
ist das einfallende Wort für den ersten Eindruck
auf dem Bahnhofsvorplatz.

Südlich von und parallel zu
den Gleisen verläuft die
Wilhelm-Lantermann-Straße.
(Bis 1933 in der SPD und ab
1946 wieder bis zum Tod 1973
siebenundzwanzig Jahre Bürgermeister.)

Auch die Schillerstraße
bildet einen nach Norden
zulaufenden Schenkel eines
geographischen Dreiecks
mit der Willy-Brandt-Straße.

Darin,
der Stadtplan orientiert den Besucher,
findet sich zwischen Goethe- und
Hölderlin- eine
Scharnhorststraße.

Schneller als angenommen
passiert die Straßenbahn 903
via Friedrich-Ebert-Straße
den Kreisverkehr des Platz d`Agen,
in dessen womöglich bewusst ungemähter
Mitte aus Sommerblumen einige
Elstern spazieren.

Fußläufige Dimension.
Haltestelle Neustraße
am Bürgerbüro ausgestiegen.

Das Fantastival, Juli 2016, kündigt
Anastacia als Stargast an.

Wind und Sonne.

Eine Garten- und Landschaftsbaufirma
verrichtet finale Schönheitsgriffe
vor dem, ein Plakat kündet es an,
ersten Frankreichfest (am 09. Juli).
Über den Parkbänken noch Plastikfolie.
Unweit der nach der ehemaligen Theaterintendantin
benannten und derzeit geschlossen /saniert werden erscheinenden
Kathrin-Türks-Halle ein frisch angelegtes Areal
junger Bäume in Dreierreihen
(deren eher spitz zulaufende Blätter sie dem botanisch
kaum Kundigen und auf Bestimmungsabbildungen Angewiesenen
mehr vermutet als möglichen Steineichen-Nachwuchs ausweisen).

Hinter der Halle,
am Rathaus als Teil der ehemaligen Burg
- dort einige Beete ggf. dem Urban Gardening zurechenbar -,
ein Teich mit lebendigem Goldfischschwarm
im nicht ganz algenarmen Wasser,
Taubenfedern auf der Oberfläche wie Croutons.
Zu Lande eine Plastik,
zwei schnatternde Vögel stilisierend,
deren wasserzugewandte Seite stärker
oxidiert, wohl durch die Springfontäne.

Über den Teich hinweg schweift der Blick
auf eine Reihe überwiegend auf jeweiligen Garagen
einstöckig erbauten niederrheinischen Häusern mit Giebeldach,
über denen der Kirchturm von St. Vincentius wetterhahngekrönt
aufragt.

Laut Stadtplan (hinterm Rathaus steht freundlich ein weiterer)
liegt das Gewerbegebiet Dinslaken-Mitte
östlich des Zentrums und zu geschätzten zwei Dritteln
nördlich der DB-Gleise.
Weiter südlich ist eine Trabrennbahn eingezeichnet.

Per pedes Perspektive
für den Nachmittag:
Schillerstraße nordwärts,
Willy-Brandt-Straße südwestwärts,
Adenauerstraße west- das heißt stadtaus- und rheinwärts,
genauer: ab der Emscher diese flussabwärts bis zur Mündung.

Kurz hinterm Platz d`Agen beheimatet
die Schillerstraße das Finanzamt (1950er zweckästhetische Architektur)
und das Amtsgericht, dessen Hauptportal um circa 16 Uhr
von einer Dame mit größerem Schlüsselbund zugeschlossen wird,
und ist nach Norden hin alleebaumbestanden.

Vorm Stadtplan stehend, keimte die Hoffnung
dass die These, nach Willy Brandt benannte Plätze und Straßen
wirkten oft nüchtern bis trist
(von rheinsein erkannt, auf rheinsein diskutiert und empirisch belegt)
in Dinslaken ein freudiges Pendant erfahren könnte,
weist doch die Kartographie eine breite, blickeinnehmende Straße aus.

Tatsächlich handelt es sich dann real um ein Teilstück der B8,
um diese Tageszeit von Stau geprägt.
Obwohl keine Prachtallee, neigt der Chronist im
Falle Dinslaken dennoch zur Annahme, dass die
Straßenbenennung eine eindeutige Würdigung Brandts darstellt.
Das Straßenschild an mehreren Stellen nicht nur an einem,
sondern zwischen zwei Pfählen.

So Ecke Voerder Straße, wo allerdings das Hotel
Zum schwarzen Ferkel den Namensblickfang bildet.

Rötlich schimmerndes Bachbett
führte zum Namen Rotbach.

Eine alteingesessene Bäckerfamilie seit 1853
bietet an der Ecke Im Bremerkamp nebst Backwaren
kostenloses WLAN, während gegenüber
ein gelbes Telefonhäuschen noch
funktionsfähig und gepflegt ist, weil
am Krankenhaus St. Vinzenz gelegen.
Diesem vis-à-vis der Friedhof – falls es anders nicht weitergehen sollte,
an dessen Eingang ein Blumengeschäft mit
schwarzen, roten, goldenen Kunststoff-Schafen
und ebenso angeordneten Gartenzwergen mit Sonnenbrille, je 19,95 €.

Die Konrad-Adenauer-Straße westwärts wirkt
vergleichsweise ländlich
(was die oben angedeutete Einschätzung zur Würdigung Willy Brandts stützt).

Wo sie die Emscher überquert, blickt es sich
über Weizenfelder auf das Kraftwerk Walsum,
im Volksmund Block 10 genannt
wie eine hundebegleitete Dame auskunftet.

Die begradigte und wegen Bergbaufolgen umdeichte
Emscher ist, teils mit Stacheldraht, eingezäunt,
es wird mit Schildern vor Ertrinken gewarnt.

Neben der westlichen Verlängerung des Emscherwegs
auf Eppinghoven zu beenden Kühe und Kälber ihre
Mittagsruhe, sich träge erhebend auf ihrer Wiese
mit eingezäunten Apfelbäumen, vereinzelt Jogger anmuhend.
Die Siedlung mehr bevillt als bloß behaust mit gepflegten Gärten,
die, wohl durch Gala-Betriebe, eher fremdgestaltet denn eigengepflegt wirken.
Ruhig. Zum Augenblick passt sonnige relative Windstille.

Auf dem Rheindeich pfeift der Wind.
Während nördlich ein riesiges Kraftwerk den Blick bestimmt,
das Steag-Kohlewerk in Voerde-Möllen,
wühlen südlich davon und nördlich der
aktuellen Emschermündung
Bagger und Baufahrzeuge,
um die Flussmündung (2014 begonnen) nach Norden zu verlegen.

Hagelstraße 53 ist die Adresse des Baubüros,
in der nördlichen Doppelhaushälfte von 1910,
die südliche Hälfte wurde bereits abgerissen.

Die Straße heißt nach dem Hagelkreuz,
an dem früher zum Schutz vor Hagel gebetet wurde.
Das Kreuz wurde vor dem Fronleichnamstag 1935
durch Nazis geschändet, so ein Informationsschild
unweit des Hofes Emschermündung.

Rückflanierend präsentiert sich stadteinwärts
die Konrad-Adenauer-Straße östlich der
Willy-Brandt-Straße doch einfamilienhaus-
und bungalowgesäumt, kurz hinter dieser
Straßenecke durch einige Ziegen und eine
Gruppe Gänse grasbesiedelt.

Höhe des Kreisverkehrs Duisburger Straße
finden sich vorm Edith-Stein-Caritashaus
drei große Kruzifixe,
wie auch an der Fassade von St. Vincentius.

Nah dem stadthistorischen Museum Voswinckelshof
und dem Neubau des Stadtarchivs
findet sich eine alte Wasserpumpe samt
Hinweisschild auf die vor der Kanalisierung
ehedem lebenswichtigen Pumpennachbarschaften.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr)

Auf den Spuren Willy Brandts (8)

Kontroversen und Konflikte reichen bei Erwähnungen und Würdigungen Willy Brandts bis in die Gegenwart. Wieweit die nach ihm benannten Straßen und Plätze den verstorbenen Bundeskanzler tatsächlich “würdigen”, prüfen wir in dieser Serie, die uns diesmal zu einer Provinzposse ins niederrheinische Wesel leitet. Unter dem Titel “Nur Ärger mit der Willy-Brandt-Straße” berichtete im Oktober 2013 die Rheinische Post von den Beschwerden eines Gastronomen, den nach der Namensumstellung von “Hindenburgstraße” auf “Willy-Brandt-Straße” Post und angeblich auch Gäste nicht mehr erreichten. Der Umbenennung war ein kompliziertes Procedere vorausgegangen:

“Bis zum Frühjahr lag sein Restaurant an der Hindenburgstraße. Doch dann kam es Anfang März im Weseler Rat zu einer denkwürdigen und höchst umstrittenen Abstimmung. SPD, Grüne und Linke votierten damals für eine Umbenennung des Teilstücks der B 8 von der Lippe bis zum Wesel-Datteln-Kanal in Willy-Brandt-Straße – und setzten sich nur denkbar knapp mit 26 zu 24 gegen CDU und FDP durch. Wie berichtet, war Wesel damit einer Entscheidung des Voerder Rates gefolgt. Der hatte nämlich zuvor dafür gestimmt, die Fortführung der Straße auf Friedrichsfelder Gebiet umzubenennen. Dann allerdings wurde der Ratsbeschluss im Juli durch das eindeutige Ergebnis eines Bürgerentscheids (8966 Voerder stimmten gegen eine Umbenennung, nur 719 dafür) gekippt. Grotesk: Die B 8 heißt in Voerde also nach wie vor Hindenburgstraße, auf Weseler Gebiet Willy-Brandt-Straße.”
Die Voerder Bürger scheinen demnach Paul von Hindenburg in besserer Erinnerung behalten zu wollen als Willy Brandt. Die Entscheidung wirkte sich auch auf die moderne Navigation aus: “Wer Willy-Brandt-Straße in Wesel bei Google Maps oder in sein Navigationsgerät eingibt, wird entweder nach Dinslaken geleitet oder bekommt gar keine Route angezeigt.” (Dieses Problem hat sich, was Google Maps belangt, in der Zwischenzeit erledigt; Anm.: rheinsein) Die Weseler Bürgermeisterin Ulrike Westkamp schob der Zeitung gegenüber die Verantwortung für das Problem weit von sich: die Umbenennung sei allein Entscheidung des Stadtrates gewesen. Wie häufig entlang der Rheinschiene zu beobachten wurde dem Namenspatron Willy Brandt, in vieler Augen einer der bedeutendsten deutschen Kanzler der Geschichte, auch in Wesel nur ein nachrangiger Straßenabschnitt zugestanden – so äußert sich besagter Gastronom: “Wem hat das irgendetwas gebracht? Es geht hier um acht oder neun Häuser.”

Auf den Spuren Willy Brandts (7)

Der Willy-Brandt-Ring in Leverkusen ist die bisher mächtigste nach Willy Brandt benannte Straße, die wir für diese Serie aufsuchten. Gleichwohl vermittelt auch sie vor allem den Eindruck gehöriger Tristesse. Sie zweigt ab von der Carl-Duisberg-Straße, die an den Chemiker und späteren Industriellen erinnert, der maßgeblich am Umzug der Firma Bayer von Elberfeld an den Rhein beteiligt war.
Der schnurgerade “Ring” verbindet den Chempark (ehemals: Bayerwerke) mit dem Stadtteil Schlebusch.
Die in beide Richtungen doppel- bis dreispurige, stark befahrene Straße wird von Alleebäumen und einzelnen Gewerbebetrieben gesäumt.
So entführt sie, für den vom Chempark sich Fortbewegenden, die zentrale Unansehnlichkeit Leverkusens unter urbaner Natureskorte in die Periferie.

Auf den Spuren Willy Brandts (6)

Der Kölner Willy-Brandt-Platz liegt im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz. Die Wahl der Schäl Sick scheint die Theorie der allgemeinen Nachrangigkeit und Trostlosigkeit der nach Willy Brandt benannten öffentlichen Orte zu stützen.

Leicht ließe sich auf den Gedanken verfallen, daß der Deutzer Willy-Brandt-Platz mitnichten einen Platz darstellt: sein Straßenschild, verankert im Trottoir des Gotenrings, markiert einen unbestimmten Abschnitt mit angrenzenden Parkstreifen anstelle eines Platzes. Es dürfte eigentlich den Fußweg meinen, der den Gotenring mit der Lanxess Arena (vormals: Kölnarena) verbindet und zu

dessen rechter Seite eine konische Rasenfläche mit einem Platz tatsächlich verwechselt werden könnte, jedoch offenbar nicht wird, da der gepflegte Rasen, im Gegensatz zu seiner unmittelbaren Umgebung, völlig unbevölkert bleibt.

Bei näherem Betrachten erweist sich der aus Betonplatten bestehende Rundweg um die Arena, die aufgrund ihrer Bogenarchitektur den Volksnamen Henkelmännchen trägt, ebenfalls als Willy-Brandt-Platz; zusammengenommen ergibt seine Architektur aus der Luft gesehen einen Löffel, in dessen Vertiefung die Arena liegt. Um die Arena mit ihrer Kapazität von 20.000 Zuschauern herum stehen mobile Kaffee-, Wurst- und Bierbuden.

Die äußere Begrenzung des Rundwegs bilden massive Gebäudekomplexe. Darin befinden sich neben den städtischen Gewerbe- und Bauaufsichtsämtern einige Lädchen, in denen der Kunde sich enthaaren lassen oder betrinken kann. Der Komplex wird mit mehreren der in Köln zahlreichen Fälle politischer und behördlicher Unfähigkeit zum Nachteil der Bürgerschaft in Verbindung gebracht.

Auf den Spuren Willy Brandts (5)

fr_willy brandt alleeIn Freiburg im Breisgau liegt zentral der Konrad-Adenauer-Platz, die Willy-Brandt-Allee durchzieht das perifere Rieselfeld, eine Neubausiedlung, die sich festungsähnlich gegen die Stadt, deren Teil sie ist, abgrenzt. Zwar bildet auch die Willy-Brandt-Allee im Rieselfeld keine zentrale Achse (das ist die Rieselfeldallee), doch von allen Willy-Brandt-Alleen, die wir bislang an der Rheinschiene sahen, ist die Rieselfelder die mit Abstand sympathischste und architektonisch beachtenswerteste. Neben funktionalen Wohnbauten entdeckten wir ein asiatisches Restaurant mit roten Lampions, das weithin strahlende Logo eines LIDL-Markts, das gewölbte, rasenbewachsene Dach einer Sporthalle, das vielen Rieselfeldern als Aussichtspunkt auf ihre Willy-Brandt-Allee dient (auf dem Skifahren allerdings ebenso wie der Aufenthalt während Gewittern verboten ist) und nicht zuletzt die Maria-Magdalena-Kirche, die in stilvoll erschlagender Hochbunkerhaftigkeit einen staubigen, weitläufigen Platz beschließt, an dessen anderem Ende ein ebenfalls klobiges Gebäude allerlei Kurzweil für die wissbegierige Jugend verheißt.fr_willy brandt allee_3

Unkel (2)

unkel_willy brandt gedenktafelPetrifizierter Bundeskanzler (Holozän)

Von Unkel war uns bis dato hauptsächlich bekannt, daß Willy Brandt (auf dessen Spuren wir uns für rheinsein gelegentlich begeben) (1) dort seinen letzten Wohnsitz nahm. Wir erreichten das Städtchen, dessen Name nach einer märchenhaften Mischung aus Unke und Onkel klingt, von Rheinbreitbach kommend über den lauschigen Fußpfad entlang des Flußufers, der in Unkel in ummauerte Parkanlagen und die lokale Rheinpromenade mündet. Kurz vor Erreichen Unkels fielen zahlreiche wild an Bäume und Pfähle geklebte Fahndungszettel ins Auge, die ohne nähere Begründung zu Informationen über eine durchschnittlich aussehende, durchschnittlich alte Frau mit normal aussehendem Schäferhund aufriefen, die einen Tag zuvor am Rheinufer erblickt worden sein soll. Auf Unkeler Gebiet wurden die sauber angefertigten, privaten Denunziationsaufrufe ergänzt um städtische Schilder voller Eigenlob für die Um- und Weitsicht der Lokalpolitik. Auf der Unkeler Promenade fand gerade ein Kunst-Handwerk-Design-Markt statt, stark bevölkert von durchschnittlich aussehenden Frauen durchschnittlichen Alters. Die Promenade, mithin die schönste Passage Unkels, ist, das war auffällig, nicht nach Willy Brandt benannt, sondern nach Konrad Adenauer, der während der NS-Herrschaft ebenfalls für einige Monate in Unkel wohnte. Eine Willy-Brandt-Straße fanden wir in Unkel nicht, wohl aber ein Willy-Brandt-Forum, eine Willy-Brandt-Gedenktafel vor dem Rathaus und den Beethoven-Freiligrath-Brandt-Brunnen mit Bronzeschädeln der genannten, wobei Beethoven für Universalität, Freiligrath (2) für Freiheit und Brandt für Frieden einstünde. Ein wenig Fachwerk, gelecktes Pflaster, Petunien auf den Fensterborden und die Speisekarten der Gastronomie vermittelten den schnellen Gesamteindruck, daß Unkel mit seiner gepflegten Kulisse, dem Von-allem-nicht-zuviel-und-nicht-zu-wenig, dem zeitnah aktualisierten, in gedeckten Farben transportierten Geschmack eine ganz feine Nuance oberhalb des Massengeschmacks womöglich ein in der Brigitte-Redaktion entworfenes Städtchen vorstellen könnte, eine von störender Individualität (3) und Gegenwart befreite Gesamtfassade für einen perfekten Tag neutralen Glücks, am besten abgerundet mit dem Genuß einer Raffaello-Kugel. Als Ort, den man gesehen haben, an dem man gewesen sein muß, wurde Unkel noch in den Jugendjahren unserer Eltern bezeichnet – womöglich die letzte Generation mit dieser Einstellung.
unkel_gefängnisturm Laminierte Zeichnung am Gittertor des historischen Gefängnisturms, der in den Sommermonaten alle zwei Wochen für zwei Stunden zur Besichtigung geöffnet wird

(1) “In Unkel, wo Anfang der fünfziger Jahre Rotbäckchen, der erste Kinderfruchtsaft der Nation, erfunden wurde und bis heute weit über das Rheinland hinaus getrunken wird, hatte Willy Brandt am Rheinufer sein Häuschen. “Unkel Willy”, so nannte man Brandt am Ende seines Lebens.” (Gisbert Baltes: Rheinland, Hamburg 2012)
(2) “Fahr am Rheine auf und nieder / geh’ zu Fuße kreuz und quer; ein Unkel findest du nicht wieder – / ein solches Plätzchen gibt´s nicht mehr.” (Freiligrath)
(3) Affirmative Individualität: Beim Kleen, ehemals guinessbuchoffiziell kleinste Kneipe der Welt

→ in unkel am rhein

auch lag eine große Schlaflosigkeit im Flattern der Tauben
Christine Kappe

»Also hier«, dacht ich.
Adelbert von Chamisso

kein schwafeln ∙ kein wenndann ∙ kein witz
→ in unkel am rhein

tänzelt ein schatten
knapp heut nach mittag
durch schwer gestreßte gassen
wir sehn ihn ∙ er blutet ∙ abwegig weit
letzte braunglassplitter greifen
massenweis besetzte plastikstühl (rings ums
café haas) stehn blitzlings zack all leer

leut ( die eben noch zu tafeln hatten )
sind stillunauffällig weggegangen — — —
schwülwind um die eck – jetzt lacht das gewitter :
ungeheuer ∙ dunkel ∙ graulich
ein backfisch schwänzelt mit gymnastikreifen
schreit einmal knallschrillaut
sehr unvermutet : feuer

doch nun ( wann sonst ) zum rest vom fest :
denn – hinter vierfachfensterstreifen
ruhn stumm
wutbürgerlich    unmenschlich
viele fraun
und
schaun

(Das Gedicht aus dem postwillybrandtschen Unkel ist ein Gastbeitrag von Theo Breuer. rheinsein dankt!)

Auf den Spuren Willy Brandts (4)


Die Willy-Brandt-Allee in Andernach als ausgemacht häßlich zu bezeichnen würde den Punkt nicht treffen. Sie ist nicht häßlicher als benachbarte Straßen des mit historischen Bauten und heimeligen Ecken ebenso wie mit einer riesigen Brachfläche im Zentrum gesegneten Rheinstädtchens, das zu den ältesten Deutschlands zählt. Bemerkenswert ist vielmehr ihre Länge und Lage, vor allem im Vergleich zur Konrad-Adenauer-Allee, der in Andernach wesentlich größere Bedeutung zukommt. Die kurze, nach Willy Brandt benannte Allee zweigt von der zentralen, rheinseits die gesamte Innenstadt flankierende, nach Adenauer benannten Achse in die Randlage eines Wohngebiets. Auf die Konrad-Adenauer-Allee stoßen Andernachs Besucher unweigerlich, die Willy-Brandt-Allee müssen sie finden. Ihr Alleegedanke manifestiert sich in wenigen, vom Straßenrand zurückgenommenen Bäumchen, die als karge Schattenspender für die auffällige Parkplatzreihe dienen. Schilder weisen die Allee als Spielstraße aus, doch ihr Spielwert wirkt bescheiden. In der Frühjahrssonne machte sie einen für Neubausiedlungen typischen, depressiven Eindruck: zu clean die Fassaden, zu glatt der Asfalt, zu hell der Tag, angemischt mit bedrückender Leere unter Baumgerippen – eine von Melancholie bereinigte Starktristesse, die nicht einmal für ein Gemälde  im Stile Edward Hoppers taugte.

Auf den Spuren Willy Brandts (3)

In Karlsruhe erinnert seit 1994 ein Straßenname an Willy Brandt. In Verlängerung des südlich das zentrale Schloß im Halbkreis umrundenden Zirkels und der den Zirkel in Richtung Nordwesten verlängernden Hans-Thoma-Straße markiert die Willy-Brandt-Allee einen Teilabschnitt der in die nördlichen Stadtteile führenden Linkenheimer Landstraße (Kreisstraße 9656). Die Willy-Brandt-Allee beherbergt im Wesentlichen eine Tankstelle. Die Kreuzung Moltkestraße, Beginn der heutigen Willy-Brandt-Allee und Standort für unsere Fotos, besitzt eine historische Dimension. Im Frühjahr 1977 erschoß das RAF-Kommando Ulrike Meinhof an dieser Stelle den Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seinen Fahrer Wolfgang Göbel und den Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft, Georg Wurster. Der Dreifachmord gilt gemeinhin als Einleitung des folgenden Deutschen Herbsts. Willy Brandts Kanzlerschaft war zum Zeitpunkt des Attentats seit drei Jahren beendet.

Auf den Spuren Willy Brandts (2)

Digital StillCameraZur diffusen, vom Hörensagen an uns herangedrungenen Theorie, daß Orte, Straßen, Plätze, die nach Willy Brandt benannt wurden, stets von ausgesuchter Trostlosigkeit bis Häßlichkeit geprägt seien, fiel uns zuletzt angesichts der Avenue Willy Brandt in Lille/Frankreich, die mitten im Stadtzentrum von der riesigen Shopping Mall Euralille und diversen besprayten Gebäuderückseiten flankiert in ein stark befahrenes Übergangsgebiet mündet, auf, daß das Benennungskonzept, so es denn tatsächlich existiert, nicht auf Deutschland beschränkt, sondern grenzüberschreitend, womöglich einer wenig bekannten EU-Vorgabe folgend, ausgerichtet sein könnte. Was wirklich an der Theorie dran ist, können wir nur stichprobenhaft überprüfen und hier ausschließlich für Orte entlang des Rheins dokumentieren. So stießen wir in Ettlingen auf eine Willy-Brandt-Straße. Sie wird verlängert von einer vornamenlosen Schröderstraße und reiht sich in ein Straßenensemble mit Altkanzlernamen. Die ästhetische Bewertung fällt schwer. Parkplätze dominieren. Linkerhand befinden sich ein stattlicher Schulkomplex mit geometrisch betonierten Wasserflächen, sowie ein Bürogebäude mit noch mehr Parkflächen; rechterhand reihen sich durch Privatwege abgetrennte Wohnblöcke. Der Blick am Ende der Straße geht übers freie Feld in Richtung der Bundesautobahn 5.