Der Mann

“(…) René Pellken, ein junger Dichter, den ich gelegentlich in Serhats Café am Eigelstein treffe, erzählte vor ein paar Monaten eine merkwürdige Geschichte. Er habe während des jüngsten Hochwassers einen Mann gesehen, der über die Treppen bei der Bastei in den Rhein gestiegen sei. Der Mann sei gut gekleidet gewesen und mit frappierender Selbstverständlichkeit in die Fluten gegangen. Auf René Pellken wirkte der Mann „wie ein Manager oder Geschäftsmann“. Was er im Rhein suchen mochte, konnte René sich nicht erklären. Und noch etwas verstand René Pellken nicht:
„Das Wasser übte keine Kraft auf den Mann aus. Er verdrängte es, als würde er durch die Fußgängerzone flanieren, als wäre da nichts als Luft.“
„Die Szene hast du am Computer gesehen und legst sie dir nun zurecht. Was hattest du an dem Tag eingenommen?“
„Nicht viel. Das war draußen, definitiv. Es hat leicht geregnet.“
„Das läßt sich am Computer simulieren, das weißt du.“
„Die Willi Ostermann fuhr vorbei, ein paar Leute winkten vom Boot aus.“
„Haben die auch den Mann gesehen?“
„Da war der Typ doch schon komplett unter Wasser.“
„Und er hatte keinen Schnorchel dabei oder so etwas?“
Serhats Café war schlecht besucht. An einem Wandtisch saßen drei prekäre Deutschländer und klopften Sprüche. Sie waren weit genug entfernt. Die Atmosphäre bestimmte Serhats neuer LED-Fernseher. René Pellken vertrug das nicht gut. Seine Augen begannen zu wandern, er herrschte mich an:
„Dieser Scheißsender spielt fünfmal hintereinander dasselbe Lied!“
„Das täuscht.“
„Sag bloß.“
„Den letzten Titel hat eine Frau gesungen, jetzt ist es ein Mann.“
„Diese Schwuchtel verstellt doch ihre Stimme.“
Wir blickten auf den Bildschirm. Das Video war in Köln gedreht worden! Die Kamera zeigte den Schnulzensänger wie er vor den Liebesschlössern auf der Hohenzollernbrücke posierte. Der Regisseur des völlig uninspirierten Videos machte reichlich von Weichzeichnern Gebrauch. Der Refrain des Liedes lautete auf die magischen Wimpern einer Schönheit und ihren unfaßbaren Gleichmut. Auch mir kam es nun vor, als hörten wir ihn bereits einige Male zu häufig hintereinander.
„Da!“, schrie René Pellken plötzlich, „da! da! da!“ Seine Augen hatten das Wandern unterbrochen und sich hastig in ihren Höhlen eingerenkt, was seinen Blick noch wahnsinniger erscheinen ließ. Mit dem Zeigefinger stocherte er im dreidimensionalen Raum umher, eine sehr deutsche Geste.
„Hast dus nicht gesehen, hast dus nicht gesehen?“
„Was denn? Steht dein Name auf einem dieser Liebesschlösser?“
„Auf jedem zweiten, du Idiot! Aber Mann, hinter dieser Schwuchtel, hinter den bescheuerten Schlössern, ganz hinten auf dem Bild, da, unten am Deutzer Ufer, da ist eben der Mann im Anzug aus dem Rhein gestiegen, derselbe Mann, von dem ich dir erzählt hab.“
„Ich frage Serhat, ob er weiß, wo man das Video bekommen kann.“
Wir mußten die DVD aus Ankara bestellen. Wir zahlten mit allem Drum und Dran fast 50 Tacken für das beschissene Teil, das nach acht Wochen tatsächlich seinen Weg ins tiefste Köln gefunden hatte. Ein Mann, der aus dem Rhein steigt, war darauf nicht zu sehen. René Pellken beharrte weiter auf seiner Geschichte:
„Es muß das falsche Video sein, eine falsche Kopie.“
„Du meinst, es gibt Kopien mit und ohne Rhineman?“
„Du hast es doch selbst gesehen!“
Nichts hatte ich gesehen und René Pellken wußte das. Ständig erfand er solche Geschichten, aber wehe, man nahm sie ihm nicht ab. Sobald jemand an seinen Worten zweifelte, verließ er beleidigt den Raum. Man hörte dann, daß er bei Dritten schlecht über einen redete. (…)”

Der Text ist ein (inzwischen schon wieder überarbeiteter) Ausschnitt aus Ersin Öners Romanprojekt “Der Mann, der aus dem Fluß zu uns kam und nicht wußte warum die Welt ein Tal der Leiden ist” – exklusiv für rheinsein. Herzlichen Dank, Ersin!

Rheinspaziergang

Rotweißer Schal über schwarzer Lederjacke, korrespondiert mit dem Saucengemisch über seinen Pommes am Stehtisch. „Effzeeh, Effzeeh!“, schreit er, hält ne bleiche Bierdose in der Schwebe. Ausm Bahnhof dröhnts ebenfalls „Effzeeh, Effzeeh!“ vom Chor der schnauzbärtigen All-Podolskis. Eine Germanwings-Maschine fliegt lautlos in den Dom, in dessen Kuppel sie freischwingend verbleibt. („Wir senden das, aber später, und erstmal nur in den Lokalnachrichten.“) Rosmarin, Thymian und Lavendel wachsen auf der Treppe zur Rheinpromenade. Dazwischen tummelt sich ansatzlos eine der zahllosen rheinischen Festivitäten. Städtische Kasperletheater erteilen nachwachsenden Kölnern Generalvorababsolution: „Und wenn du den Ball in die Scheibe schießt, dann ist das halb so wild, du hast es nicht gewollt, daran trägt niemand schuld.“ Auf kleinen Promoscreens diverser volksnaher Aktionsbündnisse laufen knallige kleine Filme von aufsteigenden Luftballons vor einstürzenden Städten. Im halboffenen Festzelt schunkelt der Oberbürgermeister vor einer künstlich betriebenen Wochenendkulisse, die unermeßlichen kulturellen Reichtum generiert, während die alte Zellkultur zerfällt: „Lurens, dat is dä Mützing vun dr neue Moscheh em Ihrefeld, dä ruft uns hä ens probeweis, dat klingt äwwer beschtimmt vill löstiger vun dem singe Mingjarett.“ Die jüngste Tochter der letzten Wespe stöckelt arschwackelnd durch die Lüfte, der Himmel verschüttet ein Glas Wein. Ein Trupp CDU-Techniker ist bereits eine Woche vorm Wahltag mit Meßgeräten und Abhaklisten unterwegs, die Partei scheint sich ihrer Sache sicher zu sein: „Dann werden wir natürlich die Sonne austauschen, neue Regierungskoalition bedeutet automatisch auch neue Lichtverhältnisse.“ Würstchendunst weht vom „Bratort“, der luftigen mobilen Ölhöhle aus den WDR-Tatorten. „Einmal am Rhein“ singen die bekittelten Damen vom Grill gegen Schichtende einen Willi Ostermann-Klassiker. Dämmerung. Der Tag erhält einen beruhigenden Anstrich, Zeit auch für die Rheinelefanten, die tagsüber im Geschiebe dösend halbherzig nach Schwebteilchen rüsseln, nun auf Zugluft auszugehen. Selbst viele Einheimische wissen nicht, daß die gelegentlich auftauchenden, ovalen, glatten, schalen Stellen der gerippten Wasseroberfläche die einzig geeigneten für die gelegentlichen, membranen, dunklen Atemzüge der Rheinelefanten sind. Sie brauchen mit ihrem Rüsselende nur wenige Sekunden und Zentimeter die Wasserfläche zu dehnen, um genug Luft, Geräusche und Informationen für eine Woche Tauchgang aufzunehmen. Weiter südlich häutet sich der hauptsächlich von Robotern bewohnte, gläserne Rheinauhafen. In den leeren Gastronomiesälen bügeln und polieren elektronische Servicekräfte leeren Blicks das Wechselgeld. Der Rhein spürt den aufziehenden Herbst. Es ist ihm anzumerken, daß er nur noch schnellstmöglich nach Norden fliehen möchte, bis weit hinter den Winter.