Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth

Bonn, 7. und 9. Dezember 1864
[...]
Nun ist der Brief doch noch etwas liegen geblieben. So kann ich Dir denn noch vom Abend bei Prof. Schaarschmidt erzählen.
Seine Frau ist eine Holländerin, und wir haben beide zusammen über rheinisches Essen und rheinische Unreinlichkeit geschimpft; sie will mich nächstens einmal zu Holländisch(er) Küche einladen. Der Prof. ist urgemüthlich, Berlinerkind; wir haben ebenso angenehm uns unterhalten als gegessen.
[...]
F.

***

Bonn, 11. und 12. Dezember 1864

Meine liebe Lisbeth,
gar gerne möchte ich als Motto meines Briefes darüber schreiben “interessant und geistreich”, ich gehe nämlich von der Ansicht aus, daß ein Brief immer so ist, wie er aufgenommen wird, und vielleicht darf ich in dieser Beziehung die besten Hoffnungen haben.
Das war ein Posaunenstoß zur Einleitung. Jetzt kommt Schilderung der Situation.
Ich schreibe jetzt, morgens, eben des Bettes mich entwunden habend, zur direkten Widerlegung der Ansicht, daß ich Kater hätte. Du wirst diese geschwänzten Thiere nicht kennen. Gestern war großer Commersabend mit dem feierlichen Landesvater und unendlichen Bowlenströmen; Gäste aus Heidelberg und Göttingen; mehere Professoren, darunter Schaarschmidt waren eingeladen und haben sehr nette Reden geredet. Deussen hielt eine famose Fuchsrede; unendliche Telegramms von allen Weltenden und Burschenschaften, von Wien, Königsberg, Berlin usw. Wir waren über 40 Mann zusammen, die Kneipe war prächtig geschmückt. Ich habe eine sehr angenehme Bekanntschaft gemacht, die des Doktor Deiders, der fabelhafter Schumannfreund ist; wir haben uns unsre gegenseitigen Besuche versprochen; nun habe ich doch endlich einen tüchtigen Musikkenner gefunden. Die gestrige Gemüthlichkeit war eine herrliche, erhebende.
Weißt Du, an solchen Commersabenden herrscht ein allgemeiner Seelenschwung, da giebt es keine Biergemüthlichkeit. Heute Mittag ist großer Auszug durch die Hauptstraßen mit Paradeanzügen und fabelhafter Rennomage. Dann fahren wir mit Schiff nach Rolandseck, dort ist großes Diner in Hotel Croyen, und was weiter folgt, das steht im subjektiven Belieben. – Vorgestern Abend fieng der Commers an, wir tranken bis gegen 2 Nachts, sammelten uns gestern um 11 morgens zu einem Frühschoppen, machten dann einen Markttrottoirbummel, aßen zu Mittag und tranken bei Kley gemeinsam Kaffe. Du siehst, die Thätigkeit und die Anstrengung ist groß – und ich habe Recht, mit erhobenem Bewußtsein sagen zu können: ich habe keinen Kater.
Dies Schilderung der Situation. Jetzt kommt der literarische Briefkasten.
Viele von den Büchern, die Du beschreibst, sind mir nicht ganz unbekannt, die Lebensräthsel habe ich wohl auch einmal gelesen. Ich dächte, mehr noch als die Altejungferstube müßte Dir der junge Professor, der gegen Schluß antritt, gefallen haben. – In Daheim lies doch “Marie und Maria.” Hausse und Baisse, das Du mir vielleicht nicht zu übersetzen brauchst, scheint mir vom philosophischen Katheder herab geschrieben. Durch Kreuz zur Krone und Gott ist mein Heil, wie Morgen und Abend verschieden, wird von der Kreuzzeitung gelobt. Die Problematischen Naturen habe ich auch noch nicht ausgelesen. Wie so ich überhaupt in diesem Semester noch keinen Roman gelesen habe. –
Heute morgen setze ich den Brief fort, und Du bekommst auf diese Weise eine vollständige Schilderung unsres Commerses.
Wir haben ein wunderschönes Wetter gehabt, der Auszug mit schöner Husarenmusik machte großes Aufsehen, der Rhein hatte die schönste blaue Farbe, wir hatten Wein mit auf das Dampfschiff genommen. Wie wir nach Rolandseck kamen, wurden Böller zu unserm Empfang gelöst. Wir tafelten nachher bis gegen 6 Uhr, waren ausnehmend vergnügt und sangen viele selbstverfaßte unsinnreiche Lieder. Draußen war es Dämmrung geworden, der Mondschein lag auf dem Rhein und beleuchtete die Gipfel des Siebengebirgs, die aus dem bläulichen Nebel hervortraten. Nach Tische saß ich mit Gaßmann, vielleicht dem interessantsten Menschen der Frankonia und Bierzeitungsredakteur und Kneipwart zusammen; wir blieben bei einem edlen Rheinwein, während die andern Champagnerbowlen tranken. Die Gegend ist dort wirklich dreier Ausrufezeichen werth, besonders die reizende Insel Nonnenwörth, auf der ein Mädchenpensionat ist; darüber ragt der Drachenfels, diese mächtige steile Felswand. Der Ort macht den Eindruck der tiefsten Ruhe. – Nachher bin ich mit wenigen nach Bonn zurück gefahren, während die andern die Nacht dort geblieben sind und wahrscheinlich heute morgen eine Spritze in das Siebengebirge machen.
Heute morgen bin ich denn sehr froh und munter aufgestanden, denke zuerst an Dich und beendige den Brief, damit er noch zeitig genug eintrifft.
So hast Du denn ein Bild meiner letzten Tage, wunderschönen Tage, die Du Dir mit aller Phantasie ausmalen darfst. Allerdings habe ich bei dieser Ueberfülle des Stoffs Dir nur einiges Thatsächliche mitgetheilt und keine Gelegenheit gehabt, schöne und feine Bemerkungen zu machen. Lebe nun recht wohl und grüße die liebe Tante Rosalie, sowie alle, die sich meiner gern erinnern. Adieu, liebe Lisbeth
Dein Fritz.

(aus: Friedrich Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Zweiter Band, September 1864 – April 1869)

Rheinsein an der Donau (4)

Nach gelungenem Durchqueren der Mittleren Ewigkeit nachmittägliches Gestiefel durch Wiens 7. Bezirk: filmkulissen wirkende, auf Charme getrimmte Abgeranztheit schlierig-staubiger, kitsch- und katschbefüllter, papptafelbeworbener bzw -verstellter Straßenvitrinen, den sprechenden Mäulern sozusagen k.u.kiger, massiver Gebäude. La Trouvaille – Bücher und Weine. Keine fixen Öffnungszeiten. Afrikanische Stammeskunst. Bachblüten. Kälte kriecht mit unablässiger Perfidie über die Straßen, wir suchen nach warmer bis heißer Nahrung. Solche wird an jeder zweiten Ecke, nicht selten auch dazwischen, feilgeboten, die Einzelkämpfer an/in den zerbrechlichen Wiener Würstlständen aus Glas und Brettern dauern uns, ob der Temperaturen, um sie herum jedoch herrscht ein Melting Pot nie zuvor so bunt verwirbelt gesehener Genüsse; nebst einem fülligen Arsenal einheimischer Speisen mit ihren geisterbahnhaften Bezeichnungen. Wir finden und verwerfen: Couscous mit Knödel, Delikatessen „Smak“: “polnische Produkte mit traditionellem und originalen Geschmack”, Blunzengröstl mit Brimsen, armenischen Weinbrand, Augsburger und Karfiol als Angebot eines arabischen Cafés, Beuschel, Fuschl, Fuddlstrudl etc. etc., landen schließlich in einem asiatischen Imbiß, angelockt von Meditationsfahnen, welche zwei Kraniche in verschiedenen Positionen auf so etwas wie aufgeblähten Kartoffeln hockend darstellen. Die Bildfolge wirkt chinesisch-weise bis raffiniert-dement: „Ich könnte schon weg, aber hier bin ich, hier bleib ich (bei meiner ollen Knolle).“ Nachdem die Patronin uns zunächst für einen Engländer hält (ein in letzter Zeit im deutschsprachigen Ausland etwas zu häufig auftretender Irrtum), uns dennoch von der dicken Suppe auf ihre asiatische Art abzuraten scheint, versuchen wirs mit einer klaren, vorgeblich japanischen Suppe mit hausgemachten Tintenfisch-Schweinebällchen, zu der die Patronin unter explizitem Hinweis auf die Hausgemachtheit der Bällchen eindeutig rät. Unter Zugabe handelsüblicher Chilipaste (für den Japaner des Hagakure vermutlich ein seppukuwürdiges Sakrileg) und eines Krügerls Ottakringer brennt sie denn auch ein Loch aus Wohlgefühl in den umgebenden Winter. In selbigem lungert draußen vor der Tür der liebe Augustin, ein Wiener Original, als zum Brunnen erstarrter Pestzeitentertainer, dieweil aus dem Happy Vietnam-Imbiß unter Sturzbachgelächter, Mähmäh und Quakquak ein Zechpreller taumelt, dem es, eigener Erkenntnis zufolge, gelungen ist, die Geheimnisse der asiatischen Sprachen zu lüften. Ein Wiener Original vermutlich auch er. Zur 5.1-Präsentation unseres Radiokunst-Hörstücks Am Alpenrhein (das in der oberen Menüleiste dieser Seiten dauerhaft abrufbar ist) geht es schließlich am frühen Abend in die Alte Schmiede in der berühmten, einen verstorbenen/getöteten Basilisken beherbergenden Schönlaterngasse. In deren barockem Tiefkeller sich die Hörwilligen einfinden, einer unter ihnen gar, um sich selbst Gehör zu verschaffen, vermutlich ein weiteres Wiener Original. Von der handzahmen Donau über den Main zurück zum Rhein streckt sich die Zugfahrt gehörig. Hübsch buckelt das Frankenland. Von wo der gute Hopfen stammt. Die Donau wirkt aus dem Zugfenster im Vergleich zum Rhein so mild und wohlgeschlängelt mit ihren goldglänzenden Wasserspiegeln in schönstens proportionierten Hügelsänften, daß nach rheinsein bereits das nächste zu erwandernde Projekt uns ruft, aus den silberschwarzen Meeren aprikosenschnapsverklärter Fernen: nach Ungarland, nach Bulgarien hin…

Rheinsein an der Donau (3)

Der Fußweg zum Donaukanal führt durch die Hofburg, auf deren Areal zum einen die bowlerbewehrten Fiaker neben ihren scheubeklappten eingewindelten Kutschpferden gegen die Kälte anwienern, zum andern graubefrackte Krähen anstandslos in gefrorener Hundekacke picken, und in deren Flügeln einem der Dichter Alexander Lernet-Holenia gedenktafelausweislich tätig war. Auf der Promenade des weitgehend brüstungsfreien Kanals geraten wir unversehens in eine Fairness Zone, von der wir aufgrund allgemeiner Menschenleere nicht erfahren, ob es geratener scheint, sie zu betreten oder zu meiden. Die Promenade selbst gibt sich schwerstgraffitiert und -betagged, Autorennamen lauten hier Vienna Hartwurst, Fleischvariationen II oder Falsch Richtig und erweitern auf erfrischende Weise/unter aufgespannten Hirnsegeln die zahlreichen städtischen Gedenktafeln für lang verstorbene Lokal- bis Weltberühmtheiten. Auf dem rottenden Donaudampfschifffahrtsgesellschaftsveteran „Johann Strauss“ plakatiert: „Österreichs extremstes und blut:rotes Fest“, Veranstalter: from666hell.com, mit einer draculisch geschminkten Emo- oder Waverfronttusse* lockend: zeigen Dampfkahn und Plakat sehr schön den Kontrast musikalischer Moden bei den alle Zeiten durchlaufenden Saturnalien. Nahe Radetzky-Brücke, was doch sehr wienerisch klingt, unter der angeeistes Kanalwasser sich staut wie über Jahrhunderte stockendes Blut, stampedet eine Herde langschwänziger Büffel oder felliger Krumpfl, von Arthur Summereder hingepinselt, den aufgeschütteten Strand entlang. Wir wollen einen oder zwei davon im Bild einfangen, doch versagt die Kamera, vor Kälte schlotternd, den Dienst, indem sie kurz das Objektiv ausfährt, um sich im gleichen Zug mit einer Entschlossenheit in sich selbst zu verschalen, die uns bange macht. Denn verschalen dürfen wir uns nicht, sondern müssen bei straßenfegenden Außentemperaturen weiter, Schritt um Schritt. „Der Staat ist die einzige kriminelle Organisation“ begleitet uns an die Wand schabloniert und schon verlassen wir das Wasser, das so manch Unvorsichtige/n verschluckt haben mag, schlurfen vorüber an einer Metzgerei mit günstigem Mittagstisch, an deren Glastür touristische Verhaltensweisen in chinesischen und japanischen Schriftzeichen abgemahnt werden: keine Blitzlichtbilder (das Fleisch verdirbt sonst) / nicht auf den Boden rotzen. Um St. Stephan herum gruppieren sich Touristenkulissen, ist das älteste Portrait des Abendlandes zu besichtigen, sowie das größte Schnitzel der Welt. Was aber vermag das größte Schnitzel der Welt gegen ein echtes Winner Shnitsel auszurichten, wie wir es einst auf Koh Tao verkosteten? Ganz gleich. Wir benötigen eine Auftauzone, bevor wir Wiens 1. Bezirk gegen den 7. zu vertauschen gedenken.

* Emos ficken, weiterschicken: lautet ein unweit angebrachter Mauerslogan.

Zwischenbilanz (2)

„Der Rhein ist eine Mauer“, schreibt Matthias Kehle in seinem Lyrikblog und meint damit im Speziellen die literarischen Beziehungen zwischen Karlsruhe und Edenkoben, sicher etwas zu exemplarisch hochgerechnet auf die Kulturräume Badens und der Pfalz. Dennoch fällt auf, daß die einzelnen Rheinregionen eher auf kulturelle Eigenständigkeit und Abgrenzung bedacht sind (Ausnahmen bestätigen die Regel), als den gemeinsamen Strom auch zum gemeinsamen Nenner zu nehmen. Das zieht sich durch Kantone, Bundesländer, Départements und vermutlich auch niederländische Provinzen, da und dort, wohl proportional zur Breite des Betts und zur Enge des Tals, finden sinnige Schulterschlüsse mit den Bewohnern des direkt gegenüberliegenden Ufers statt, im Allgemeinen aber herrscht Nabelschau, auch im Repräsentativen, wo es nicht unangebracht ist, und so nimmt es mich immer weniger Wunder, daß dieses vorwiegend zwar in deutscher Sprache, aber in alle Richtungen durchlässig geführte Blog mittlerweile wohl, auch wenn dies anfangs garnicht beabsichtigt war, und trotz aller Lücken eines auf Notizencharakter angelegten Arbeitsjournals sowie einer recht chaotischen Linienführung, die umfassendste zusammenhängende Sammlung kultureller Zeugnisse zum Thema Rhein im Internet vorstellt. So frage ich mich nun allmählich auch nach den Interessen meiner Leser, denn es sind, entgegen aller Erwartungen, vor allem im Laufe der vergangenen zwölf Monate, etliche geworden. Ich frage mich weiter, ob es Sinn machte, die Kulturgeschichte des Rheins im Internet zu musealisieren, nach und nach auf Basis des hier Vorhandenen Lücken zu schließen, die Sache überregional/international zu institutionalisieren, eine virtuelle Rheinbibliothek zu schaffen sozusagen. Meine Archive sind voller Texte, die ein Privatmann garnicht ohne weiteres ins Netz stellen darf. Und in virtuellen wie realen Weiten weiß ich um auszuhebendes Material für mehrere Jahre.
Dann wundere ich mich, daß klassische Produktionen, Derivate aus den hier angefallenen Texten wie das Rheinsein-Kartonbuch oder das erste, die alpenrheinischen Ursprünge behandelnde Rheinsein-Hörspiel in rheinfernen Metropolen wie Berlin und Wien stattfinden, und wundere mich auch wieder nicht, weil von dort, mit passendem Abstand, der hier gepflegte Blick aufs Ganze vielleicht verständlicher erscheint. Der Rhein könnte tatsächlich zur Mauer werden, die es einzurennen gilt, sobald mir die Mittel ausgehen (was derzeit deutlichst droht), um ihn weiter zu erforschen und, auch mithilfe all der Kollegen, die es seit Jahrhunderten in modischen Anwandlungen wie über alle Moden hinweg taten und tun, zu beschreiben. Davon werde ich nicht loslassen, solang der Fluß mich nur läßt.

Rheinsein an der Donau (2)

Von der Donau in Wien nur den Donaukanal gesehen. Beim versehentlichen Streifen durch die Außenbezirke blitzten ständig diese Momente auf, daß es schien, als würde der junge Hitler (aus dem Männerwohnheim) an den Hausmauern entlangschnuren, die Wahrnehmung zerfloß, es bildete sich so eine Stimmung vieler vergangener, durcheinandergeschobener, aber harmonierender Epochen, k.u.k., nachkolorierte Schwarzweißfotos, die simplen Inschriften an gekonnt verranzten Gebäuden: „Fleisch“, oder woanders, spezifischer: „Geflügel“ (dahinter: hinter verstaubten Scheiben: garnix oder wenn doch: sehr krudes Inventar). Momente kafkahaften Verfolgungswahns: unter den Passanten fände sich schon ein Wahnsinniger, der einem, weil man sie halbvoll entsorgt habe, die Flasche eines fürchterlichen Modegetränks tage- und wochenlang mit unerbittlicher, wienerisch schwadronierender Penetranz nachtrüge. Auch Adolf Kottans Kollegium ist, zivil getarnt, auf den Straßen unterwegs, die Farben jetzt: späte 70er. Die Aufnahmen für Literatur als Radiokunst dauerten drei Tage. Knapp bemessen, dennoch gelang es, klanglich da und dort ein Stück weit in die Tiefe zu gehen. Das ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße besitzt Charme, vor der Tür gehen Preßlufthämmer, das gelbbraune Licht auf den Fluren, die ganzen Apparate der Radiofrühzeit in Vitrinen ausgestellt: abenteuerliche Empfänger, Bakelit-Mikrofone, die Kantine mit ihren krummen Getränkepreisen hat etwas von einer Kneipe. Viel zu viel Text hatte ich letztlich mitgebracht (und eingesprochen), zuviele Ideen auch, die alle auszuprobieren die Zeit nicht reichte. Der Schnitt mußte gegen Ende mitten in die Schachtelsätze, um Zeitvorgabe und inhaltliche Anschlüsse zu wahren. Auf diese Art ist einiges verlorengegangen, das ich noch gern im Stück gehabt hätte. Doch der Rest läßt sich weiterhin hören. Martin Leitner, der virtuose Tonmeister, kam immer wieder mit großartigen Einfällen, und so können wir stolz sein auf den vielleicht ersten maschinellen Jodler der Radiogeschichte. Mit Pseudoromanisch und Pseudobadisch werden Sprachen anklingen, die es auch noch selten öffentlich zu bestaunen gab. Und natürlich rauschen die Alpen, überklungen vom Schrei des Murdlers. Die Sendung läßt sich auch per Livestream im Internet verfolgen, den passenden Link gebe ich noch zeitnah bekannt.

Rheinsein an der Donau

In Kürze begibt sich Rheinsein nach Wien, um ausgerechnet an der schönen blauen Donau, des Rheins leibhaftigem, in puncto Myth- und Mystik mindestens  ebenbürtigem Schwesterfluß immerhin, einige alpenrheinische Sequenzen zu einem Stück “Literatur als Radiokunst” für den ORF einzusprechen, einzujaulen, einzugrummeln, einzuplaudern etc. Im schlimmsten Fall gar: einzujodeln. Die von Christiane Zintzen wunderbar betreute und im deutschsprachigen Raum wohl einzigartige Sendereihe verspricht dem Autor die Erfüllung eines langgehegten Traums: einen literarischen, speziell fürs Radio erstellten mehrschichtigen Text nur mit eigener Stimme und eigenem Körper aufzunehmen; eine einzige Ausnahme wird gestattet sein, für die ich das originale Pfeifen eines Alpenmurmels gewählt habe, denn selbst akribischstes Imitationstraining führte bisher nur zu dilettantischen Annäherungen an diesen charismatischen Pfiff (falls überhaupt). Momentan herrscht Hektik bis Panik, den Text (der zu erheblichen Teilen auf hier vorhandenen Notizen fußt) und die Partitur zu einem runden Ganzen zu schleifen: kommenden Montag starten die dreitägigen Aufnahmen inkl Bearbeitung und Schnitt, wovon zu gegebener Zeit noch zu berichten sein wird. Die Ausstrahlung ist für den 06. Juni vorgesehen, genauer zu finden in der Rubrik “Termine”. (Ob die Sendung auch übers Internet verfolgt werden kann, werde ich noch herausfinden und ggf  hier bekanntgeben.)

Liechtenstein (2)

Ein Artikel aus dem Liechtensteiner Volksblatt von Ende 1985 hält unter dem vielsagenden Titel „Ein abergläubisches, albernes und dummes Volk“ Rückschau auf Volksmentalität und Landeszustand vor (damals) 200 Jahren – aus Sicht hoher Beamter der fürstlichen Hofkanzlei zu Wien (der Landesvater residierte seinerzeit noch nicht im Lande selbst). Einige Zitate: „Von einer besseren Schul-Ordnung wollen sie gar nichts hören, sondern sagen gleich, es sei auf diese Art schon lange gut genug gewesen, und sie wollten nicht wie in den Österreichischen Landen eine neue Ketzerlehre einführen lassen. Denn so wird die allgemein nützliche Volksschule, wie sie in den k.k. Staaten eingeführt wurde, von den hiesigen Leuten betitelt.“ „Es ist eine weltbekannte Sache, dass überall viele Feiertage aufgehoben worden sind. Und in welchem Lande wäre es wohl notwendiger, nützlicher und anständiger als im hiesigen Reichsfürstentum Liechtenstein, da viele Grundstücke wegen der Menge der Feiertage nur schlecht kultiviert werden? Tatsächlich halten die Untertanen die vielen Feiertage nicht ein und können diese auch gar nicht einhalten. Die benachbarten Reformierten halten sich darüber auf, wenn die Katholiken ihre Feiertage nicht ordentlich halten, obwohl sie selbst nichts von Feiertagen halten. Allem diesem könnte durch die Aufhebung der Feiertage abgeholfen werden.“ „Die Polizei betreffend, so mag dieses Wort wohl mal gehört worden sein, ohne aber dass die innerliche Bedeutung desselben bewusst worden wäre. Genug wäre es gewesen, wenn man nicht eine gute, sondern nur ehrliche Mannszucht angetroffen hätte. Wir mussten aber leider erfahren, dass die hiesigen Untertanen grob, ungesittet und ungezogen sind, die – weil sie rings umher mit Republikanern umgeben sind – auch selbst Republikaner zu sein glauben und nur zum Schein einen Landesherrn und die Obrigkeit in so lang erkennen, als es ihnen gefällig.“ „Es ist ein albernes, abergläubisches und von den dümmsten und gröbsten Vorurteilen eingenommenes Volk, dem weder etwas von einer wahren Religion oder Chrstentum noch Tugend bekannt ist. Ihre Sache ist nur äussere Scheinheiligkeit und Verstellung. Daneben herrschen unter ihnen alle Laster der Untugend, sie sind auf die alte heidnische und höchst verderbliche Missbräuche versessen, zur Schwelgerei, zu Unhändeln, zum Prozessieren sehr geneigt, hingegen in ihren Arbeiten sehr nachlässig und träg.“ „Von der Polizei und dem Finanzwesen wäre gar unendlich viel zu reden. Ich will aber nur von den notwendigsten Hauptgegenständen eine Meldung machen: Dass dies nämlich ein Land ist, in welchem die Untertanen jedem herrenlosen Wegler, Kessler und Diebesgesindel den Unterschlauf geben, ungeachtet sie hören, es seie dieser oder jener Nachbar ausgeraubt worden. In den meisten Dörfern hat es keine Nachtwache und keine Feuerkübel. Es gibt kein Spital oder Krankenhaus, in welchem ein armer, kranker Bettler oder sonst ein bedürftiger Mann versorgt werden könnte. Alles wird elend administriert, und sagt eine nachgesetzte Obrigkeit etwas, so heisst es, dies gehe die Obrigkeit nichts an. Im ganzen Reichsfürstentum gibt es keine Manufakturen oder Fabriken, ja nicht einmal die nötigen Handwerksleute. Die Gemeinden besitzen schöne Weingärten, Äcker, Wiesen, Alpen, Auen oder gemeine Weidgänge und Waldungen, alles wird aber grösstenteils schlecht bearbeitet. Kurz der grösste Teil der Untertanen sind arme Fretter. Geht man auf die Untersuchung, woher dies alles komme, so wird man keinen anderen Grund finden als die schlechte Erziehung und den fehlenden Unterricht der Jugend.“

Vaduz

Rheinisches Liedgut von der Donau: das Erste Wiener Heimorgelorchester widmet sich einigen bisher wenig besungenen Ortschaften am jüngeren Lauf des mächtigen, psychologisch noch garnicht erfaßten Bruderflußes (und seines Einzugsgebiets), welchen hendiadyoinisch zu erwähnen im Fluß der Melodie es definitiv nicht braucht – und dessen letzter regierender Fürst seit je die innigsten Verbindungen zum Lande Österreich und seiner tiefenstrukturierten Hauptstadt pflegt: „in Balzers und Davos läßt man nicht richtig los“, „man fürchtet sich in Planken sogar vor dem Gedanken“, „in Walenstadt und Quarten will man noch etwas warten“ (na? auf was? s geht um den Rhein natürlich, letztlich, garantiert, denn, um in freischwebender Logik zu verharren: „das menschliche Leben ist wie ein Wasserlauf.“ (Bertrand Russell)), „man fragt sich oft in Schaan, wo wird es noch getan?“ – natürlich tut mans (refraintechnisch ein Glücksfall!) auch (aus Schaaner Sicht) beim Agglomerationsnachbarn in Vaduz, während die Triesener fatalerweise gleich zu Beginn des Songs hintüberfallen, was aus Nonsens realtaugliche Orakel schnürt: Textgestaltung und Sound erinnern an frühe und beste Düsseldorfer Elektropoprocker. Auch das Video ist ein Hit!

Donauquelle

Die hübsch gefaßte Donauqualle, eine schöne Lau, für deutsche Verhältnisse beinahe antik, sagenhafte Schöpferin des unbeschreiblichen Blautopfblau, Kopf voll arschlanger Nesselfäden, fersenlanger Tentakeln, leicht besingbar, Suse und Meduse, mit den Jahren glycerin davongeschwemmt untern Wasserspiegeln. Schade, schade. Traditionsvereine pflegen ihr Andenken mittels heidnisch inspirierter Rituale besonders im Sommer am Rande abgelegener Baggerseen und vergleichbarer Lachen im südsüdwestdeutschen Raum.
„Verunreinigungen u. Beschädigungen der Anlage sowie das Fischen in der Quelle nach Gegenständen jeder Art, wird polizeilich verfolgt.“ (Fürstlich Fürstenbergische Liegenschaftsverwaltung)
Die Donauquelle, die offizielle wesenshelle Karstaufstoßquelle mit ihren blibbernden blabbernden Blubberblasen, säumen markige Sprüche, feist in Stein gemeißelt. Was dort hochsteigt aus dem Grund derer zu Fürstenberg, in einer Art sublimierten Volkskochtopfs, zwar nicht zuletzt weil die katholische Stadtkirche St. Johann sich in ihm spiegelnd Reines verheißt inmitten sektiererisch veranlagten Berg- und Waldchristentums: diese klare Suppe ergibt zunächst den unterirdisch abfließenden Donaubach, der sich am Rande des Schloßparks in einem heidnisch inspirierten Tempel der Brigach vereint, deren Zusammenfluß mit der Breg den eigentlichen Donauursprung markiert, nach anderer offizieller Rechnung (von denen es einige weitere gibt).
An der Quelle stehen und in ihren münzengefüllten Topf glotzen schafft Gefühlswallungen. Aus diesem ungetrübten Diamantwässerchen wächst dieselbe braune Donau, wie sie in Wien zu sehen ist oder in Budapest, die zickige weichherzige Rheinschwester, Tochter der Mutter Baar, Vater unbekannt, mit ihrem nibelungischen Ostverlauf eine ziemlich kräftige Mythenmaschine: doch hier in Donaueschingen werden in homöopathischen Dosen bereits die Wellen erzeugt, in denen im Flußverlauf Heutiges, Einstiges, Künftiges unwiderruflich vergeht, während es sich in religiöser Ekstase und natürlicher Logik einander auf Deibelkummnaus vermengt. Das ist groß, größer als die Touristenhorden, das hat bereits Sebastianus Munsterus begriffen, in präpauschaltouristischer Zeit und somit festgelegt in seiner Cosmographia, Beschreibung aller Lender, in welcher begriffen Aller völcker, Herrschafften, Stetten und namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glauben, secten vnd hantierung, durch die gantze welt, vnd fürnemlich Teutscher nation. Was auch besunders in iedem landt gefunden, vnnd darin beschehen sey. Alles mit figuren vnd schönen landt taflen erklert, vnd für augen gestelt. Damit der geneigte weniger welt- und wandererfahrene Leser sich auch zuhaus in einer ruhigen Stunde in etwa eine Vorstellung von Gottes Wundern machen kann.