Gewächshaus City

gewächshaus citygewächshaus city_3gewächshaus city_2De glazen stad, die Glasstadt wird im Niederländischen die nördliche Gegend der letzten Rheinkilometer in der Provinz Südholland genannt: umrandet von Kanälen reiht sich kilometerweit ein Gewächshaus ans andere. Das Gebiet heißt seit einer Gemeindereform im Jahr 2004 offiziell Westland und umfaßt die Gemeinden De Lier, ’s Gravenzande, Monster, Poeldijk, Ter Heijde, Naaldwijk, Honselersdijk, Maasdijk, Wateringen und Kwintsheul. Ein lokales Wiki nennt unter Regionalkultur an erster Stelle den Alkoholkonsum in sogenannten hokken, “verlängerten Wohnzimmern” auf Dachböden, in Scheunen, Kantinen oder Wohnwagen, Wochenendtreffpunkte mit privatem bis kommerziellem Charakter.

Monster

Der sprechende Ortsname des hinter den Dünen in Deckung gehenden Städtchens soll sich von Monasterium (Kloster), nicht von Monstrum (Ungeheuer) ableiten. Aus architektonischer Sicht wäre, anbetrachts einzelner Hausentwürfe, sicherlich auch Letzteres gerechtfertigt, solange das Monströse im Detail gesucht wird zumindest, denn Hochbauten besitzt Monster außer der Reformierten Kirche, die noch aus der Zeit vor der Reformation datiert, keine.

monster

Wohnkomfort im Herzen von Monster, sagt das Banner im Herzen von Monster

Wo im Rheindelta der Rhein als Flußname so gut wie garnicht auftaucht, gibt es in Monster immerhin einen Rijnweg. Er befindet sich in einer Wohnsiedlung, welche die konsequente Vermeidung des Vorgartens praktiziert und aussieht, als wäre sie von Gorrh persönlich sauber gelutscht. Als kleines Wunder verzeichnen dürfen wir die in Monster sowohl im Stadtzentrum, als auch in akuter Strandnähe kostenfreien Parkplätze und hoffen, mit diesem Post keine schlafenden Hunde in der westländischen Gemeindeverwaltung zu wecken. Denn zu Westland gehört Monster. Das erfuhren wir anbetrachts Essies Verse Vis, einem mobilen Fischstand, der hin und wieder am Kreisverkehr bei der Landstraße am Ortsrand hält. Essie wirbt mit „de lekkerste kibbeling van het hele westland“. Die Ausmaße des Westlands, fanden wir heraus, sind deutlich beschränkter als der weltläufige Name verspricht, Essies Kibbeling ist dennoch keinesfalls zu verachten. Außer vom Kibbeling, den Parkplätzen und dem Strand, auf dem ein kompaktes Raupenfahrzeug Senioren über den Sand bewegte, gäbe es aus Monster sicherlich noch viel zu berichten, etwa von Leerstand und Zentrumsumbau, von Wi-Fi-Losigkeit und zweifelhaften Dünentieren, doch blieb uns zu wenig Zeit, all das zu verifizieren; vielleicht ein andermal.

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monster_ter heijde_4 (Bilder: Matthias Kühn)

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (3)

Mutiger Beginn des letzten Dokuteils, wiederum von Klaus Kafitz: Drachenfels, Köln und Düsseldorf sind in ca 15 Sekunden abgehandelt. Im Duisburger Hafen werden 21 Becken gezählt, die Hängebrücke von Emmerich hält irgendeinen Rekord, bei Kalkar hockt Rudi Hell auf seiner Grieth, dem angeblich letztverbliebenen Schokker am Rhein, um Aale und Chinesische Wollhandkrabben aus seinen Fluten hervorzuziehen. Die Grieth ist gewiß nicht der einzig verbliebene Aalschokker auf dem Fluß, vielleicht aber der einzig aktive. Über die Wollhandkrabbe weiß Wikipedia: “Zur Zubereitung werden die Krabben mit Schnüren zusammengebunden, um zu verhindern, dass der wohlschmeckende Saft beim Kochen austritt. Danach werden sie in Dampf gegart. Weil die große Menge von Wollhandkrabben aber nicht ausschließlich in der Gastronomie verwertet werden kann, erfolgt eine Nutzung vor allem gewerblich-industriell, etwa zur Chitosan-Herstellung und zur Biogas-Produktion. Chitosan ist ein begehrter Rohstoff, der z. B. bei der Abwasserbehandlung, in der Medizin (Nahtmaterial), in der Landwirtschaft (Saatgutbehandlung) und in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird. (…) Inzwischen soll die Art sogar von Europa in das Ursprungsland China zurückverfrachtet werden, um die dortigen Bestände zu stützen (…)” Bei Lobith finden Jugend-Speedboatmeisterschaften statt, in Schoonhoven am Lek sehen wir einer Kunstmalerin beim Aquarellieren von Strandkühen zu. Kühe im Wasser und Kühe am Rhein seien ein Markenzeichen der Niederlande, sagt die Malerin, der es nur aufgrund jahrelanger Gewöhnung vergönnt ist, bis auf wenige Meter an die scheuen Tiere heranzukommen. Hausboote, Windmühlen. Die Merwede verbreitert sich zu einem imposanten Fluß- und Inselsystem: de Biesbosch, im kleinen Holland ein Nationalpark so groß wie ganz Paris, mit Fischadlern über Polderland. In Bodegraven am Oude Rijn steht eine Biermühle, in Koudekerk aan den Rijn die einzige Klappbrücke über den schmalen Restfluß, der bei Katwijk als kleinster von fünf Mündungsarmen in die Nordsee fließt. Bei Rotterdam wird Westland, die gläserne Stadt, in der vornehmlich Gewächshausgemüse wohnt, bei Regenknappheit rheingespeist. Es sieht wie eine kosmische Versuchsanordnung aus, wenn ein einsamer Gärtner, für ein fünf Fußballfelder großes Gewächshausareal alleinverantwortlich, leuchtend grünen Kopfsalat in Klarsichttüten schneidet, während um ihn herum im nichtbeschriebenen Raum des computergenerierten Gewächshausklimas fantastische Neozoen sich ausbilden, nukleargetriebene Untiere, farblose Läuse, UV-Strahlen absondernde Motten und mimikryfähige Blütenpredatoren – ein schillernder und versöhnlicher Abschluß der Reihe, bei der Lang- und Kurzweil sich in etwa die Waage halten.