Rheinische Seher und Propheten

Eine bisher zwar auch unerklärte, aber jetzt doch schon von vielen zugegebene Erscheinung ist das sogen. „Zweite Gesicht“, d. h. das Vermögen, wirkliche Begebenheiten der Gegenwart oder Zukunft fernschauend wie mit leiblichem Auge zu erkennen. Die „Vorgesichte“ – in Westfalen und am Niederrhein „Vorgeschichten“ genannt – sind, abweichend z. B. vom somnambulen Hellsehen, stets mit Rückerinnerung verbunden und nehmen nie eine religiöse oder übersinnliche Richtung, sondern halten sich ganz in der Sphäre des gewöhnlichen bürgerlichen Lebens, meist Todesfälle und Leichenbegängnisse, aber auch Brände, Hochzeiten, Geburten, Freundschaften, das Ankommen von (dem Seher oft ganz unbekannten) Fremden und dgl. betreffend. Die Gabe findet sich weit mehr bei Männern als bei Frauen, ist aber an kein besonderes Alter und keine bestimmte Zeit gebunden. Im Augenblick des Schauens ist der Seher ganz von seinem Bilde eingenommen, sieht und denkt nichts anderes und nimmt keine Notiz von seiner Umgebung: die Augenlider oft krankhaft einwärts gekehrt, sieht er starr vor sich hin. „Es giebt wenig Städte am Rhein,“ – wird 1822 berichtet – „wo nicht solche Geschichtler anzutreffen wären, und daß man bisher so wenig davon geredet hat, liegt in der nicht bloß am Rhein bekannten Erfahrung, daß die Aufklärung der Schriftgelehrten bereits so weit fortgeschritten ist, daß man in ihrer Gegenwart schon kein Faktum mehr erwähnt, was nicht durch sie anerkannt worden“. (…)

Schon im Jahre 1668 trieb in Andernach zur Zeit einer pestartigen Krankheit der Geisterseher Cornelius Schnegell sein Unwesen, indem er gegen das Verbot des Magistrats angebliche Geistererscheinungen in Umlauf setzte und dadurch Trauer und Schrecken über manche Familie brachte. Von erster Kindheit an – erzählte er – habe ich Geister geschaut, und in der letzten Matthiasnacht sind mir plötzlich die Augen derart erleuchtet, daß ich des Nachts ebenso klar sehe, wie bei Tage. Namentlich in den Prozessionen, die zur Abwendung der Pest gehalten werden, sehe ich im voraus das Schicksal meiner Mitbürger: die ich fallen und nicht wieder aufstehen sehe, müssen sterben; solche, welche nach dem Falle sich wieder erheben, werden zwar krank, sterben aber nicht; endlich diejenigen, welche bloß straucheln, werden nur von einem leichten Anfall getroffen. Ich sehe die Geister in weißen und schwarzen Kleidern und halte dafür, daß jene selig, diese verdammt werden. Wenn sie erscheinen, verbleibe ich bisweilen im Bette, häufig aber muß ich aufstehen und sie bis zur Thür begleiten. Diese Erklärung setzte den Rat, der selbst überall Spuk und Zauberei witterte, in nicht geringe Verlegenheit, obschon bekannt war, daß der Geisterseher mitunter freilich in seinen Vorhersagungen die Wahrheit getroffen, öfter aber „schändlich sich vertretten und seiner Zungen Zoll verfahren“ hatte. Man wandte sich deshalb um Auskunft an die gelehrten Franziskaner in Köln und legte ihnen die Frage vor, ob dergleichen Erscheinungen begründet und glaubwürdig seien oder nicht. Daß es kein bloßes Spiegelgefecht und keine Narrheit ist, fügt der Rat seiner Anfrage bei, kann man daraus abnehmen, daß oft in Kirchen, adligen und anderen Häusern Gespenster gehört oder gesehen werden und bald darauf Leichen folgen. Diese Erscheinungen haben auch solche, denen man nichts Böses nachsagen kann, ja die Heiligen haben solche absonderlich oft gehabt. Es ist ferner bekannt, daß in einigen Klöstern Patres eine Zeitlang vor ihrem Tode im Chor ohne Haupt erschienen sind. Dazu ist zu beachten, daß gemeldeter Cornelius von den Geistern genötigt wird, die Visionen bekannt zu machen und daß die Offenbarungen vielen zum besten gereichen, da diejenigen, welche noch nicht sterben werden, unnötige Arzneien sparen, solche dagegen, die bald sterben müssen, desto besser auf den Tod sich vorbereiten können. (…)

In der Vaterstadt eines Rheinländers lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts ein unbemittelter Tagelöhner, den man, weil er für die Metzger die gekauften Kälber herbeiholte, „Kälber-Gerhard“, seiner Gesichte halber aber meist „Geisterseher“ nannte. Gewöhnlich um Mitternacht, doch zuweilen auch bei Tage, erblickte er die Gestalt derjenigen Person, die binnen weniger Tage sterben sollte, an derjenigen Stelle, wo sie den Geist aufgab, bald in ihren gewöhnlichen Kleidern, bald im Leichengewand, bald sitzend, bald liegend, und es trieb ihn dann mit Gewalt in die Wohnung, wo die betreffende Person wohnte, oder auf die Straße, wo der Leichenzug vorüberkam und er alle Leidtragenden genau erkannte. Nur einigemal hat er infolge übergroßer Müdigkeit dem Triebe, dem Gesicht zu folgen, gewaltsam widerstanden und sein Bett nicht verlassen; da aber – so erzählte er – sei ihm zur Strafe seines Ungehorsams der „Geist“ reitend auf die Schultern gesprungen und habe ihn durch Straßen und Felder so peinigend umhergetrieben, daß er in kaltem Schweiße gebadet und vor Erschöpfung krank nach Hause gekommen sei. Anfangs machte er aus der leidigen Gabe, die er dem Umstande zuschrieb, daß er in der St. Andreas-Nacht genau um 12 Uhr geboren sei, kein Hehl und offenbarte arglos, wen er des Nachts gesehen; da aber die von ihm genannten Personen stets bald darauf verstarben, bemächtigte sich der Einwohner eine solche Angst, daß sie ihm möglichst aus dem Wege gingen und er ihre Häuser schließlich selbst am hellen Tage und in Geschäften nicht ohne Furcht vor Prügeln betreten durfte. (…)

Auch für das sogenannte Sichselbstsehen sind Fälle genug vorhanden. Noch aus der Mitte dieses Jahrhunderts wird in Führt bei Neuß erzählt, daß der Küster abends in die Kirche gegangen, um dort die ewige Lampe zu schüren. Während er den Sohn erwartete, welcher ihm das notwendige Oel bringen sollte, hatte der Ermüdete sich in einen Beichtstuhl gesetzt und war darin unversehens eingenickt. Plötzlich wurde er durch den Ausruf: „Hier hast du deinen Rock!“ geweckt und sah eine dunkle Gestalt, die einen Sarg vor ihm hinstellte, dann aber mit dem Sarge eben so rasch wieder verschwand. Erschüttert kehrte der Küster heim und lag wirklich wenige Tage später als Leiche im Sarge. (…)

Schneider und Näherin hören die Schere schnippeln, wenn sie bald ein Totenhemd fertigen sollen; doch kannte Florentin v. Zuccalmaglio (1803 bis 1869) in seiner Jugend auch eine Näherin, die ihm oft blaue Male an ihren Armen zeigte, die sie Geesterpetsche (Geisterkniffe) nannte und für Anzeichen hielt, durch die sich die Verstorbenen bei ihr anmeldeten. (…)

Der Stadt Koblenz droht eine alte prophetische Sage: „Wehe! Wehe! Wo Rhein und Mosel zusammenfließen, wird gegen Türken und Baschkiren eine Schlacht geschlagen werden, so blutig, daß der Rhein 25 Stunden Wegs rot gefärbt sein wird“; auch Johann Peter Knopp meint: „Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz.“

Das Schlimmste jedoch soll Köln bevorstehen, das außer Knopp auch Rembold, Jasper und ein anderer westfälischer Spökenkieker als Schauplatz einer großen Schlacht bezeichnet haben. Der Magister Heinrich v. Judden, Pastor an Klein St. Martin zu Köln, fand um 1460 in einem alten Buche des dortigen Karmeliterklosters folgende Prophezeiung: „O glückliches Köln, wenn du wirst gut gepflastert sein, wirst du untergehen in deinem eigenen Blute. O Köln, du wirst untergehen wie Sodom und Gomorrha; deine Straßen werden von Blute fließen und deine Reliquien dir genommen werden. Wehe dir, reiches Köln, weil deine Einwanderer an deinen Brüsten saugen und an denen deiner Armen, die gemartert und gequält werden für dich.“ (…)

Gerade in bedrängten Zeiten tauchen prophetische Stimmen am ehesten auf, und so erschienen Anfang April 1761 plötzlich auch in Köln zwei alte Männer von ehrwürdigem Aussehen, die auf eine sonderbare Art gekleidet und barfuß waren und nur Wasser und Brot genossen. Sie verkündeten auf öffentlichen Gassen den Zorn Gottes über die Menschen und weissagten, daß im Jahre 1765 sich in allen vier Weltteilen ein allgemeiner Krieg entzünden, 1766 Konstantinopel zerstört werden, 1767 England im Wasser untergehen, 1768 die ganze Welt den wahren Gott erkennen und 1769 ein großer Mann ein wichtiges Zeugnis davon ablegen, 1770 ein allgemeines Erdbeben stattfinden, 1771 Sonne und Mond samt den Sternen vom Himmel fallen, 1772 die Welt in Flammen untergehen und endlich 1773 das allgemeine Weltgericht einbrechen werde. Man verbot ihnen sogleich, ihre Mission fortzusetzen; sie aber widersetzten sich diesem Befehle und gaben sich für Propheten aus, die der Himmel abgesendet, die Menschen zu schleuniger Buße zu ermahnen. Dieserhalb gefänglich eingezogen, wurden sie von den Jesuiten einem Verhör unterworfen; sie antworteten in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer und anderer Sprache und gaben vor, 700 Jahre alt und aus der Gegend von Damaskus gebürtig zu sein. Mit Erlaubnis der Obrigkeit von den Jesuiten gefesselt nach Rom geschickt, wollten sie dort die Richtigkeit ihrer Mission erweisen.

(Rheinische Seher und Propheten. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte von Dr. Paul Bahlmann, Münster 1901)

Stromkilometer 814

oder: Vesalia…est hospitalis

Durch das Zugfenster des von Süden
einfahrenden RE 5 zeigt sich
am Weseler Bahnhof
links eine Gruppe Hochhäuser, vierzehnstöckig;
rechts der Gleise der Schriftzug eines Geschäfts „Wohnen und mehr“
und beim Ausstieg ein Warteraum (ungewartet) auf dem Bahnsteig.

Würde man zur Niederrheinhalle wollen,
nähme man den östlichen Ausgang Friedensstraße,
Treppe einerseits und eine barrierefreie
buschgesäumte Serpentine andererseits,
für Fahrräder, Kinderwagen, Rollstühle und Rollatoren,
und bemerkte, einsetzende Dämmerung vorausgesetzt,
Ecke Fusternbergerstraße einen blau erleuchteten
Schriftzug „Dreams“, sich bei näherer Betrachtung
als Dönertraum herausstellend.
Daneben ein bungalowartiges Gebäude mit
Granit, Grableuchten und künstlichem Efeu im Schaufenster:
„Grabsteine & Küchenarbeitsplatten“ kündet ein
grünes Schild auf gelber Fassade, Marmor seit 1882.
Nebenan eine Heißmangel,
eine Trinkhalle mit erleuchtetem Stauder-Schild
und Wein und Wodka im Regal.
Dann ein Musikcafe „Quo Vadis“ und ein Schild
mit lorbeerbekränztem, gleichwohl nachdenklich schauenden Cäsar
in einem dreigeschossigen Backsteinziegelhaus von 1894.
Vis-à-vis der Park & Ride-platz.

Wollte man stadteinwärts (was so ist),
findet sich westlich der Bahngleise der Busbahnhof,
Bussteig 4 Richtung Sonsbeck, Kevelaer, Xanten, Alpen, Geldern, Rheinberg, Moers,
Bussteig 3 Richtung Emmerich, Hünxe, Hamminkeln, Bocholt, Schermbeck, Dorsten,
Bussteig 2 Richtung Voerde, Wittenberg,
Bussteig 1 Richtung Rees sowie innerstädtische Ziele.
Unterhalb der sich auf einer Eisenstange befindenden Bahnhofsuhr
wird geworben: “MPU-Beratung + Suchtberatung“.

Der Panoramablick über den Franz-Etzel-Platz fällt auf die
LBS, eine Tapasbar, den Eingangsbereich zur City, im Hintergrund der Fernsehturm.
Im Vordergrund, unweit des Bahnhofsgebäudes aus den 1950er Jahren
ein gepflegt wirkender Briefkasten, Leerung Mo-Fr 16.00 Uhr, Sa 10.00 Uhr
und ein (mittlerweile seltener anzutreffendes) Wetterschutz-Telekomhäuschen.
Daneben zwei Bänke, Sitzfläche aus Holz in Beton eingefasst –
Vorgeschmack auf viele weitere Sitzgelegenheiten Richtung Willibrordi-Dom.

Zum Durchbrausegeräusch eines langen Güterzugs
gesellt sich das Lachen einer Gruppe junger Damen
mit Primarkpapptüten und McDonaldsbechern.
In einem Beet des Parks bzw. der Vorbahnhofswiese
zwischen winterkahlen Pflanzenästen tatsächlich ein Büschlein Rosmarin.

Unweit eine Gedenkstele für die „Gefangenen und Vermissten“.
Gegenüber eine Metallskulptur (Edgar Gutbub) „Zwei gleich groß“ von 1991,
außen silbern, innen blau,
darin an diesem Dezembernachmittag 2015 die obere Brötchenhälfte
eines Cheese- oder Hamburgers und ein „Stop TTIP“ -Aufkleber,
die Kehrseite der Skulptur innen gelb, aktuell gefüllt mit trockener Laubverwehung.

Das Hotel Kaiserhof eingangs der Wilhelmstraße
beherbergt ein Steakhaus, darüber
vier Stockwerke, erblickbar pro Etage je sieben in sich dreiteilige Fenster
plus Treppenhaus, ca. 1950er / 60er-Jahre.
Schräg gegenüber weist das Scala-Kulturspielhaus
auf seinen Facebook-Auftritt hin.
Flyer für den Poetry Slam „The Lower Rhine“ liegen aus.
Tattoo-Shop, Smartphone-Shop. Gegenüber die Verbraucherzentrale.

Den Blickfang, das Berliner Tor,
- Relikt der alten Stadtbefestigung und
dem preußischen Barock zugerechnet, eines der Wahrzeichen der Stadt -
flankieren Wilhelm-Ecke-Friedrichstraße
südlich die Sparkasse und nördlich Deutsche und Sparda
(städteübergreifendes Phänomen, dass Banken
sich oft in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander befinden).
Im gewölbten hinteren Innenraum des Berliner Tors
ein Generator, der die im Advent dem Wahrzeichen vorgelagerte Eisbahn betreibt,
welche von Glühwein- und sonstigen Getränkeständen umgeben ist.

Auf dem Berliner-Tor-Platz die -wohl bronzene- Skulptur eines Esels.
Eine junge Dame, mit Töchterchen an der Hand, befragt,
was der Esel bedeute, sagt sie freundlich, sie sei zwar hier geboren,
wisse es aber nicht: “Der steht schon immer hier.“

Die Hohe Straße ist auch breit.
Als Fußgängerzone konzipiert und realisiert
(durch Bombenangriffe Mitte Februar 1945 waren,
so die offizielle Zahl, 97 % der Innenstadt zerstört gewesen).

Zahlreiche Holzbänke in Betonquader eingelassen und weitere
einladende Sitzgelegenheiten
(Gedankensprung:…gastfreundlich!…Weseler Protestantismus
kein reiner Leistungs-Protestantismus…sympathisch!…).

Interessanter als die Weihnachtsmarkthäuschen und -beleuchtung
sind für die Aufmerksamkeit des Besuchers die
in den Boden eingelassenen grauen Platten mit Städtenamen-Reliefs.
Mit Kuli ins Notizbuch
(und angenehmerweise frei von jedweden Argwohnfragen, was man notiere…
sonst seit der Smartphonisierung, welch Ironie!, eher übliches Phänomen…)
der Reihe nach,

- ab Poppelbaumstraße / Wallstraße:
Weliki, Ustjug, Totma, Wologda, Belozersk,
Twer, Torzhok, Tikhvin, Smolensk, Weliki (doppelt?),
Nowgorod, Vitebsk, Polozk (bei Regen sammelt sich Wasser in den O’s),
Kingissepp, Pskow, Iwangorod, Narva, Tartu,
Viljand, Koknese, Valmiera, Cesis, Straupe, Tallinn,
Limbazi, Pärnu,

- ab Am Blauen Hahn / Heuberg:
Riga, Kaunas, Turku, Kuldiga, Ventspils,
Kaliningrad, Olsztyn, Kraków, Braniewo, Frombork,
Elblag, Gdansk, Torun, Chelmno, Visby,
Strzelce, Opolskie, Lebork, Slupsk, Wroclaw,
Nyköping, Slawno, Darzowo, Kalmar, Koszalin,
Bialogard, Kolobrze (darauf weißes Fahrrad mit Bastkorb),
Stargard, Szczecinski, Goleniów, Slubice,
Frankfurt/Oder, Szczecin, Werben/Elbe, Anklam, Greifswald,
Stralsund, Demmin (leider leider Hundekacke),

- ab Kreuzung Hohe Straße / Tückingstraße:
Skanör-Falsterbo, Brandenburg/Havel, Kyritz, Pritzwalk,
Rostock, Havelberg, Merseburg, Tangermünde,
Hall[darauf Esel einer bekannten Drogeriekette]e/Saale, Stendal,
Perleberg (darauf Esel eines Schuhgeschäfts), Naumburg/Saale,
Osterburg/Altmark, Seehausen, Magdeburg,
Wismar (weißer Esel mit Weihnachtsmütze), Gordelegen,
Quedlinburg (darauf Esel einer Modekette), Salzwedel,
Helmstedt, Lübeck, Uelzen, Braunschweig, Mülhausen/Thüringen,
Goslar, Lüneburg, Duderstadt, Osterode, Kiel,
Bockenem, Hamburg, Hildesheim, Göttigen, Einbeck,
Alfeld/Leine,

- ab Viehtor:
Gronau/Leine, Buxtehude, Uslar, Stade, Höxter,
Hameln, Marienmünster, Brakel, Warburg, Nieheim,
Minden, Lemgo, Korbach, Marsberg, Bremen,
Paderborn, Mei[Notizbuch nicht leserlich],
Herford, Brilon, Geseke, Rüthen, Warstein,
Lippstadt, Melle, Rheda-Wiedenbrück, Schmallenberg, Meschede,
Soest, Arnsberg, Osnabrück, Bad Iburg, Beckum, Warendorf,

- ab Brückstraße:
Sundern, Quakenbrück, Werl, Attendorn, Ahlen,
Balve, Olpe, Hamm,Telgte, Neuenrade,
Drolshagen, Unna, Fürstenau, Kamen, Werne,
Münster, Schwerte, Lün[blauer Riesenrucksack eines Trekking-Ladens],
Haselüne, Dortmund, Breckerfeld, Rheine, Wipperfürth,
Meppen, Hattingen.

Am Leyens-Platz ist das Straßenschild untertitelt:
„Alteingesessene jüdische Kaufmannsfamilie bis 1938
Förderer der Stadt in Krieg und Frieden”.
Inmitten des Platzes eine übermannshohe Holzskulptur;
ein Zusammenhang mit dem Ort ihrer Aufstellung
mehr erahn- und interpretierbar als augenfällig.
Späteres Nachschlagen in der Stadtbroschüre „Wesel entdecken“
verweist auf Victoria Bell, Kölner Künstlerin, und dass
die Plastik eine Schutzhütte nachempfinde und
Vesalia Hospitalis benannt ist.

Dieses Attribut, gastliches Wesel, hatten 1578
Glaubensdissidenten aus dem Flämischen, die vor den Spaniern geflohen waren,
der Stadt ausgestellt – Wesel hatte sich Ostern 1540 durch Stadtratsbeschluss
der Reformation angeschlossen, wobei laut Überlieferung
das Abendmahl in beiderlei Gestalt gefeiert wurde.

In einem nach einem Weidetier benannten
Waffen- und Jagdausrüstungsgeschäft am Leyensplatz
beantwortet eine freundliche ältere Dame
frei von jeder Ungeduld oder Ruppigkeit
(womöglich, da kein Mittelgebirge in der Nähe ist,
die Menschen vielmehr seit Jahrhunderten gemeinsam, solidarisch
und dahingehend folglich konkurrenzfreier
das Wasser von Rhein und Lippe
u.a. durch Deichbau und Hochwasserschutz zu domestizieren hatten)
mit wohlwollend-gelassener Höflichkeit
die an sich naive Frage des Ortsfremden
nach der Bedeutung der Städtenamen in der Fußgängerzone:
„Das sind die Hansestädte. Die besuchen einander ja immer.“
Ein auf dem Rückweg zum Bahnhof entdeckter Hinweis unweit des Berliner Tors
weist das Hanseband von 1407 und den Stand von Juni 2010 aus.

Richtung Westen, dem Willibrordi-Dom zu, lauten die steinernen Einlassungen
- Brückstraße weiter:
Haltern am See, Coesfeld, Solingen, Dorsten, Oldenzaal,
Vreden, Duisburg, Neuss, Wesel, Groningen,
Ommen, Kalkar/Grieth, Emmerich/Rhein, Zutphen,
Deventer, Doesburg, Zwolle, Hasselt, Hattem,
Roermond, Kampen, Elburg, Harderwijk, Bolsward,
Stavoren, Bergen, Brügge, King’s Lynn, La Rochelle,
Aberdeen, Hafnarfjördur, Stykkishólmur.

Kornmarkt und Großer Markt benachbart,
steht auf Zweitgenanntem unweit des
2011 mit Steinfassade in flämischem Stil restaurierten Rathauses
aus dem 15. Jahrhundert
ein Denkmal.
Mit dem Fingernagel an dieses schnippend
ergibt sich eine Klangharmonie zum Kirchturmgeläut.
Das Denkmal erinnert an Konrad Heresbach (1496 – 1576),
einem – die offizielle Geschichtsschreibung wird zutreffen –
auf Ausgleich zwischen den Konfessionen bedachten Humanisten.
Und damit womöglich exemplarisch wie symbolisch für die Gegend.

Wenn da nicht, Stachel in der Historie fast jeder deutschen Stadt,
ein weiteres Denkmal stünde, westlich des Doms, vom 09.11.1988.
Für die jüdische Schule und Synagoge,
“aus Hass zerstört” 09/10.11.1938.

Vis-à-vis des Marienhospitals ist
St. Mariä Himmelfahrt überraschend schlicht eingerichtet,
harmonische Konzession an die überwiegend protestantische Umgebung wohl.
Zur Messezeit kniet ein Mann am Portal,
die Innenseite seiner Baseballkappe bittend ausgestreckt.

Am evangelischen Willibrordi-Dom, Südseite,
benachbart einem Parkhaus in Gestalt eines glasgekachelten Rundbaus (ca.1950er)
eine Gedenktafel
„Dem Diakon dieser Kirche und spaeteren Gruender von New York
Peter Minuit zum Gedaechtnis“
Konrad Duden, Sohn Wesels, würde wohlwollend auf die Orthographie blicken.
Von dem Bedachten ist überliefert,
um 1626 das heutige Manhattan
für 60 Gulden von Indianern gekauft zu haben,
woraus dann Nieuw Amsterdam entstand.

Der Fußgänger betrachtet Wesel von außen
am besten von der Rheinbrücke;
links des Rheins Ruinen der 1945 zerstörten Eisenbahnstrecke von 1874,
während unter seinen Füßen z.B. ein gigantisches niederländisches Schubschiff
mehrere Etagen voll fabrikneuer Automobile stromaufwärts landeinwärts schafft.
Aufs rechte Rheinufer zuflanierend zeigt sich
ein Pegelhäuschen (angestrichen im rot-weißen Wechsel,
was davon unabhängig auch die Farben der Hanse sind)
und die Skyline von Wesel:
die Türme von Willibrordi, St. Mariä, Fernseh- und Wasserturm
stehen – tatsächlich wie symbolisch- im Hintergrund der ufernahen
großen Raiffeisen-Anlage mit Silos, Halle und Turm.

Die Lippemündung überquerend geht es
auf die Zitadelle zu
bzw. die heutigen Relikte der ab den 1680ern errichteten Festung
(ursprünglich in Form eins fünfzackigen Sterns).

Beiderseits der stadteinwärts führenden Schillstraße
Wohngebäude, häufig Doppelhäuser aus rotem Backstein
in der Tradition des niederrheinischen Ziegelhandwerks.

Zur Geschichte Preußens am Niederrhein zählt
die Erschießung der elf Schillschen Offiziere
durch Napoleon unterstellte Soldaten im September 1809,
die in Wesel zu Volkshelden wurden.
Vorausgegangen war ab Frühjahr 1809 ein
vom preußischen Königshaus nur bedingt gedeckter,
auf eigene Faust betriebener Aufstandsversuch des Korps
um den Husarenmajor Ferdinand von Schill
gegen die napoleonische Besatzung
hauptsächlich im Königreich Westfalen
und eine Reiterodyssee durch deutsche Lande.
Das Unternehmen scheiterte mit Schills Tod bei
Straßenkämpfen in Stralsund Ende Mai 1809.
Seine Leiche wurde enthauptet
und der Kopf, in hochprozentigem Alkohol eingelegt,
dem König von Westfalen, Jérome, einem Verwandten Napoleons,
überreicht.
Die Truppen mussten als Gefangene nach Frankreich.
Im Juni 1809 wurden in Braunschweig
aus den westfälischen Staatsangehörigen des Schillschen Korps
14 ausgelost (!)
und stellvertretend als Deserteure hingerichtet.
Elf Offiziere kamen als Gefangene
in die Zitadelle Wesel und wurden am 16. September 1809
nach Urteil durch ein napoleonisches Kriegsgericht
auf den Lippewiesen erschossen.
Ihr Mythos wurde später freilich auch missbraucht,
insbesondere durch die Nazis für ihre Propaganda.
Nur knapp entging deshalb die Schillstraße
nach 1945 zu Zeiten alliierter Verwaltungsaufsicht
einer Umbenennung.
Heute ist die Historie von 1809 museal kanonisiert
und im Gebäude der Zitadelle zu besichtigen.

Architektur ist häufig auch Symbol.
Die Fußgängerzonen, entstanden
im Zuge der Wirtschaftswunderjahre in den 1950er/60er Jahren
sind heute urbane Realität
ebenso wie gewissermaßen Ausdruck eines
Geschichtswogenruhens.

Dankbar in einem tieferen und vielschichtigeren Sinn
darf man daher sein auch für selbstverständlich scheinende
Annehmlichkeiten wie Sitzgelegenheiten.
Neben Bänken z.B. hier sogar
- unweit der Wegkreuzung Am blauen Hahn/Heuberg und Hohe Straße –
Wippen in Form von Wieseln (dem Wappentier)
die zum Verweil einladen.

(GrIngo Lahr mit einem Gastbeitrag zur niederrheinischen Hansestadt Wesel)

Vatertag zwanzichvierzehn

Nervöses Gesichtszucken
zeigt sich inzwischen häufiger
auch bei föhnfrisierten Graumelierten.

Bunte Epoche.
Z.B. Maghreb – höflich,
Asiaten mit handgerechteckigen Platt-phonen,
kinderwagenschiebende Frau, ganzkörperverschleiert.
Westfälischer Maurer, kräftig armhändig
plus drei Lehrlinge / Söhne, denen er in der
Straßenbahn die vorbeifensternde Landeshauptstadt
erklärt: “Da ist die Tonhalle.”
(Vielleicht der einzige CDU-Wähler im ganzen Waggon.)
Native Senioren wirken
günstig gekleidet und irgendwie schüchtern.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr. rheinsein dankt!)

Riesbeck über Köln (2)

(…) Den lezten, dritten Theil machen einige Patrizierfamilien, die Kaufleute und Handwerker aus, von denen die 2 andern Drittheile leben. Ueberhaupt ist Köln wenigstens noch um ein Jahrhundert hinter dem ganzen übrigen Deutschland zurück, Bayern selbst nicht ausgenommen. Bigotterie, Unsittlichkeit, Trägheit, Grobheit, Sprache, Kleidung, Meublen, kurz alles zeichnet sie so stark von ihren übrigen Landsleuten aus, daß man sie mitten in ihrem Vaterlande für eine fremde Kolonie halten muß. Ich habe nicht nöthig dir zu sagen, daß es auch hier, wie überall Ausnahmen giebt. Ich bin in einigen Häusern bekannt, wo der feinste Geschmack und die beste Lebensart herrscht; allein es sind der Ausnahmen doch sehr wenig.
Die Regierungsverfassung sezt diese Stadt so weit hinter die meisten andern Städte Deutschlands zurück. Nebst dem allen Republikanern eigenen Haß gegen Neuerungen, und der gewöhnlichen Ohnmacht und Trägheit ihrer Regenten, herrscht hier das unsinnige Zunftsistem noch mit ungleich mehr Stärke, als in irgend einer andern Reichsstadt. Nur einen Zug will ich dir mittheilen, um dir begreiflich zu machen, wie unmöglich es ist, daß diese Stadt gleiche Schritte mit dem übrigen Deutschland zur Kultur machen kann. Vor einigen Jahren ließ sich hier ein oberrheinischer Becker als Bürger nieder, der sich durch schönes Brod um so geschwinder eine zahlreiche Kundschaft verschaffte, da die übrigen Becker alle ein Brot backen, das nur ein Kölner genießen kann. Eifersüchtig auf das Glück dieses Mannes, stürmten seine Zünfter in sein Haus, und rissen ihm seinen Ofen nieder. Die Sache kam vor den Rath. An dem Tag, wo sie entschieden werden sollte, versammelten sich vor dem Rathaus nicht nur alle Becker, sondern auch ein großer Theil der andern Gildegenossen, Schuster, Schneider u. s. w. und schrieen vor der Thüre des Rathhauses, daß sie allen Rathsherren, wenn sie herunterkämen, die Köpfe einschlagen würden, wenn man der Beckerzunft nicht gegen den Neuling, der, dem alten Zunftgebrauch zuwider, anderes Brod gebacken, als seine Zünfter, Gerechtigkeit verschaffte. Der Rath kannte seine Leute, die auch wirklich schon den sogenannten Gewaltrichter, der den alten Reichsvogt repräsentiren soll, vor ihrem Zug vor das Rathhaus, in den Stadtgraben geworfen hatten. Erbaut durch dieses Beyspiel fällte also der hochweise Rath von Köln das Urtheil: “Daß der Becker, der sich unterfangen, die Gildegerechtsamen zu verletzen und unzunftmäßiges Brod zu baken, seinen eingerissenen Ofen auf seine Kosten wieder aufbauen, und in Zukunft kein anderes Brod baken soll, als wie alle seine Zunftgenossen von alten Zeiten her zu baken gewohnt sind.”
In Rücksicht auf die Hartnäckigkeit, womit die verschiedenen Gemeinden hier ihre Privilegien behaupten, so sehr sie auch in Misbräuche ausgeartet sind, auf die Grobheit des Pöbels, die man Gefühl der Freyheit zu nennen beliebt, und auf die durchaus herrschende Ausgelassenheit, die von keiner Polizey eingeschränkt wird, verdient Köln allerdings den Namen des kleinen Londons, womit es einige seiner Einwohner beehren. Es herrscht auch hier die nämliche Verachtung der Fremden und der nämliche Nationalstolz, der den Janhagel von London auszeichnet. Wenn die Stadt sich etwas unartig gegen ihre Nachbarn, die Kurfürsten von Köln und der Pfalz beträgt, so ergreifen diese sogleich das wirksamste Mittel, sie gefälliger zu machen, und schneiden der Stadt die Zufuhr von Lebensmitteln ab. Der geängstigte Rath fertigt sodann augenbliklich einen Kourier an den Kaiser ab, mit unterthänigster Bitte, die beyden Kurfürsten dahin zu vermögen, daß sie die armen Bürger von Köln nicht Hungers sterben machen. Unterdessen rottieren sich die Bürger in allen Wirthshäusern, und auf allen öffentlichen Plätzen zusammen, schwören den Kurfürsten Rache und Tod: Besichtigen ihre rostigen Gewehre, und machen sich zur blutigsten Fehde gefaßt. Der Kaiser, aus Erbarmen über die bedrängte Stadt, hat nun den Kurfürsten wirksame Vorstellungen gemacht, und die Zufuhr wird wieder geöfnet, und nun schreyen die Bürger von Köln Triumph über Triumph. “Gelt, sagen sie, wir haben die Kurfürsten zur Raison gebracht. Sie haben sich vor unserm Anmarsch geförchtet, und thaten wohl daran, daß sie es nicht zum Krieg kommen liessen.” – Ganz im Ton des Janhagels von London.
Ein regierender Bürgermeister von Köln (Es sind ihrer sechs, die zu zwey jährlich in der Regierung abwechseln) wird auch mit dem nämlichen Gepränge, wie der Lord Mayor von London, behandelt. Er trägt eine römische Toga, halb schwarz und halb Purpurfarb, einen grossen spanischen Hut, spanische Beinkleider und Weste u. s. w. Er hat seine Liktoren, die ihm feyerlich die Fasces vortragen, wenn er in seinem Karakter öffentlich erscheint. Bey seiner Wahl giebt man Beleuchtungen, macht Knittelverse, besauft sich, förmlich wie zu London, auf seine Gesundheit, und schlägt sich auf sein Wohl Arme und Beine entzwey. – Im lezten Krieg war eines unserer Regimenter im Anmarsch gegen die Stadt. Diese wollte es mit dem König in Preussen nicht verderben, der als Herzog von Kleve und Graf von der Mark ihr Schutzherr ist. Sie ließ also dem Kommandanten des Regiments, der die Thore geöfnet haben wollte, bedeuten: “Sie sey gesinnet, die Neutralität zu beobachten” Umsonst stellte unser Landsmann dem Rath vor, seine Truppen wären Auxiliartruppen des Kaisers, ihres Oberherrn. Man verschloß die Thore, und der rasende Pöbel jauchzte, das Vergnügen zu haben, seine Häuser im Schutt zu sehen. Als der Kommandant seine Kanonen vor ein Thor gepflanzt hatte, und gefaßt war, losbrennen zu lassen, besann sich der Rath eines bessern, und ließ die Thore zum grossen Leidwesen des Janhagels öfnen. Der Kommandant gieng auf das Rathhaus, um den Senatoren Vorwürfe zu machen. Bey Erblickung desselben rief der vorsitzende Bürgermeister seine Liktoren, und gebot ihnen mit den Fasces neben seinem Thron zu stehn. Als der Offizier einige beissende Bemerkungen gemacht hatte, steifte der Konsul den Hals, ließ die Liktoren die Insignien in die Höhe heben, und fragte den Kommandanten mit der ernstlichsten Miene: “Ob er wohl einen Begriff von einem römischen Bürgermeister hätte? Ob er wüßte, daß er des römischen Kaisers Majestät repräsentirte, und daß man die Thore bloß aus gutem Willen gegen den Kaiser geöfnet?” Der Offizier, welcher seine Truppen auf dem öffentlichen Plaz mitten in der Stadt mit geladenen Gewehren und brennenden Lunten postirt hatte, und im unbedingtesten Besitz der Stadt war, konnte sich des lautesten Gelächters nicht enthalten; aber, indem er die Thüre in die Hand nahm, auch nichts anders antworten als: “Sie sind nicht recht bey Verstand.”
Der Mangel an Polizey, welcher hier ausschließlich das Wesen der Freyheit ausmacht, lokt vom Oberrhein, aus Westphalen, den kaiserlichen Niederlanden, zum Theil auch aus Holland und Frankreich eine Menge Leute hieher, die Inkognito leben wollen oder müssen. Der bessere Theil dieser Aventuriers, die Offiziers von den zahlreichen kaiserlichen und preußischen Werbkorps, einige Korherren der hiesigen Stifter und verschiedene Patrizier, und protestantische Handelshäuser lassen es an guter Gesellschaft und artigen Lustparthien nicht fehlen. Die lebhafte Schiffahrt, besonders der Holländer, für welche diese Stadt der Stappelort ist, den sie mit ihren Schiffen nicht überfahren dörfen, der geringe Preis der Lebensmittel, die Nähe von Bonn, die Entfernung von dem beschwerlichen Hof= und Adelton, welcher in den meisten andern Städten herrscht, die gesunde Luft, und die Munterkeit des Volkes in den benachbarten kurkölnischen und bergischen Ländern machen diese Stadt für jeden, der etwas vom Stadtleben mit den Reitzen des Ländlichen verbinden will, zu keinem unangenehmen Aufenthalt, so abschrekend auch der grosse Haufen hier ist. Dieser dient einem philosophischen Zuschauer zum Stoff unendlicher Betrachtungen, die er anderstwo nicht so leicht machen kann. Alle Auftritte des bürgerlichen Lebens sind hier stärker karakterisirt als in irgend einem andern Lande.
Dieses düstere und schwerfällige Völkchen zeichnet sich eben so stark durch religiöse, als politische Schwärmerey von allen übrigen Europaern aus. In verschiedenen Gegenden der Stadt erblickt man Schandsäulen, worauf Köpfe von Bürgermeistern und Rathsherren an eisernen Spiessen steken, die das Opfer der politischen Begeisterung der hiesigen Bürgerschaft geworden sind. Der republikanische Stolz weiß allen, auch den alltäglichsten Vorfällen hier ein Kolorit zu geben, das den Menschenfreund äusserst intereßiren muß, und sollte es auch nur seyn, um lachen zu können, wie Demokrit die Handlungen seiner Mitbürger von Abdera zur wohlthätigen Erschütterung seiner Lungenblätter gebraucht hat. (…)

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Johanna Schopenhauer quert das Rheinland im Eilverfahren und setzt zu einigem Westfalenbashing an

“(…) In Lille ließ ich ein paar Tage von unsern Freunden wie ein verzogenes Kind mich pflegen; in Lüttich, wo keine uns bekannte Seele lebte, mußte ich zum ersten Mal seit wenigstens zehn Jahren einen ganzen Tag im Bette zubringen, weil das schnelle Reisen meine Kräfte erschöpft hatte. Dann ging es nach dem nahen Aachen. Dort verbrannte ich in einem frisch aus der heißesten Quelle geschöpften Glase Wasser aus kindischer Neugier mir die Finger und verlor darüber einen nicht kostbaren, aber mir sehr werthen Ring; weiter weiß ich für diesmal von der uralten berühmten Kaiserstadt nichts zu bemerken.

Von der vortrefflichen Kunststraße, die jetzt von Köln nach Mainz längs dem Rhein durch das Paradies von Deutschland führt, war vor fünfzig Jahren noch keine Spur vorhanden; der Weg war theils unfahrbar, theils gefährlich und in keinem Fall uns zu empfehlen. Wir wandten uns also von Aachen geradezu nach Düsseldorf, um von dort aus durch Westphalen den kürzesten Weg nach Berlin einzuschlagen, ohne das wegen seiner Düsterheit damals verschrieene Köln mit seinen dreihundert Kirchthürmen, welche die Sage der frommen Stadt zuschrieb, zu berühren.

So viel ich von Düsseldorf, das ich seitdem nicht wieder gesehen, mich erinnere, machte die Stadt einen recht freundlichen Eindruck auf mich; die berühmte, damals noch nicht nach München abgeführte Bildergallerie war die erste bedeutende, die ich seit Berlin und Potsdam, oder vielmehr überhaupt gesehen, und staunend über den Reichthum, der hier sich mir offenbarte, schlich ich langsam durch die weiten Räume, bis ich vor Rubens’ jüngstem Gerichte stand. Auch dieses weltberühmte Gemälde habe ich seitdem nicht wieder erblickt, aber den gewaltsamen, ich kann sagen fürchterlichen Eindruck, den es auf mich machte, haben die fünfzig Jahre, die seitdem verstrichen sind, nicht völlig auslöschen können.

Alle diese wunderseltsam in einander verschlungenen nackten Leiber verzweifelnder oder zu Paradiesesseligkeit entzückter Menschen, die wilden Teufelsfratzen, die holden Engelsbilder, die alle zusammen rings um das kolossale Gemälde zu einem schauerlichen Kranz sich gleichsam verflechten! ich konnte vor innerem Grauen den Anblick kaum ertragen und auch nicht mich davon abwenden. Lange hat er wachend und im Traume mich verfolgt. Ich wünsche, das Gemälde jetzt wieder zu sehen, um es in der Wirklichkeit mit dem zu vergleichen, das noch immer meiner Phantasie davon vorschwebt.

Aber wie soll ich es anfangen, um die tragikomischen, oft unüberwindlich, oft unaushaltbar scheinenden Mühseligkeiten unserer ferneren Reise durch Westphalen gebührend zu beschreiben? diese mit großen rohen Feldsteinen überschütteten Straßen, welche die Leute Chausseen nannten, auf welchen wir Tage lang uns fortschleppen lassen mußten, wollten wir nicht zur Abwechselung auf dem daneben hinlaufenden sogenannten Sommerwege bis über die Achse in Koth versinken! (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Jugendleben und Wanderbilder)

Ah quel chien de pays!, schimpft die Schopenhauer gleich im Anschluß an obigem Textausschnitt auf Westfalen und berichtet wortreich über die Unbill dieses Landstrichs. rheinsein hingegen zieht sich vornehm aus der Berichterstattung zurück und verweist Interessenten an frühem Westfalenbashing auf das Projekt Gutenberg.

Presserückschau (März 2013)

Der März war arm an rheinspezifischen Meldungen. Die aufregendste Nachricht, nämlich daß Google Maps den Rhein gegen die Ruhr vertauschte, haben wir an anderer Stelle bereits dokumentiert. Schließlich tauschte Google den neuen Ruhrverlauf so zügig wieder zurück gegen den des alten Rheins, daß vielen Zeitungen, die darüber berichteten, nicht einmal mehr der  Screenshot-Beweis gelang. Hier die restliche Auswahl unserer Pressedurchsicht:

1
Von rheinischen Hauptbaumarten und Ahorn-Sechsern im Waldlotto kündet der Bonner General-Anzeiger: „(…) Das Holz aus den Wäldern zwischen Siebengebirge und Kottenforst hat bundesweit einen sehr guten Ruf. Die sogenannte Wertholzversteigerung Rheinland war in diesem Jahr geprägt durch eine gute Nachfrage und stabile Preise. 23 Bieter gaben Angebote für 508 Stämme von 19 verschiedenen Baumarten (insgesamt 713 Festmeter Holz) ab. (…) Die Eiche war die Hauptbaumart, die zur Versteigerung kam. (…) Dieses Mal gab es allerdings keinen Stamm, der sich preislich von der Masse absetzen konnte. Im Vorjahr hatte ein Ahorn bei der Versteigerung 7650 Euro erzielt.“

2
Über die Wittelsbacher-Ausstellung in Speyer befindet der Deutschlandfunk: „Die berühmtesten Pfälzer der näheren Zeitgeschichte sind Fritz Walter und Helmut Kohl. Sie finden sich, allerdings nur als Pappmaschee, in einer Art Walhalla großer Söhne (und einiger Töchter) der Pfalz am Ende der Ausstellung. Dort sieht man auch Max Slevogt und Ernst Bloch, den BASF-Gründer Friedrich Engelhorn und Henry John Heinz, der als Kind pfälzischer Einwanderer in den USA die segensreiche Ketchupsoße erfand. Diese doch eher virtuelle Versammlung pfälzischer Persönlichkeiten macht auch schon das Grundproblem der Ausstellung deutlich: Es war unheimlich schwer, Exponate zu finden. Eigentlich soll die Zeit der Wittelsbacher bebildert werden, also jenes Jahrhundert zwischen 1816 und 1918, in dem die linksrheinische Pfalz von Bayern aus regiert wurde.“

3
Warum der Rhein auf dem Landeswappen von Nordrhein-Westfalen seit Jahrzehnten in die falsche Richtung fließt erklärt die Rheinische Post: „Die Landesflagge von Nordrhein-Westfalen hat (…) grün-weiß-rote Querstreifen. Das wurde (…) so in einem Gesetz festgelegt. Es ist vor 60 Jahren, am 10. März 1953, in Kraft getreten. Die FDP wollte damals Schwarz-Rot-Gold auch für NRW, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Das Grün, so wurde im Landtag erläutert, stehe für das Rheinland und das Rot für die rote Erde Westfalens. Das Gesetz von 1953 bestätigt zugleich die Gestaltung des Landeswappens: Es zeigt im linken Feld einen “linksschrägen” silbernen Wellenbalken, der den Rhein symbolisiert. Dass der Flusslauf in die falsche Richtung weist, nämlich von Südwest nach Nordost, ist keine Schludrigkeit des Wappengestalters, sondern den Regeln der Heraldik geschuldet. Im rechten Feld ist das traditionelle westfälische Ross zu sehen und unten im Wappenschild die lippische Rose.“

4
„Der Kies im Rhein soll wieder rollen“ titelt die Badische Zeitung in Anlehnung an einen berühmten Bob Dylan-Song. Der „Masterplan Geschiebe“ soll dafür sorgen, das Geschiebe am Hochrhein wieder in Gang zu bringen und damit die Lebensgrundlagen für Fische und Kleintiere im Rhein zu erhalten: „Mit dem Bau der insgesamt elf Kraftwerke am Hochrhein habe der Rhein einen großen Teil seiner Selbstreinigungskraft verloren, nur noch bei den kleineren Kraftwerken funktioniere sie einigermaßen. Vor dem Stau sei durch die natürliche Strömung das sogenannte Geschiebe – Kies – ständig über den Flussboden gerollt und habe dabei die Sedimente aufgewirbelt. Nach dem Stau sei es damit insbesondere bei den großen Kraftwerken vorbei gewesen, Kies und Sedimente verbacken, den Fischen fehlen Laichmöglichkeiten. Das Kraftwerk Ryburg-Schwörstadt etwa sei eine regelrechte Geschiebefalle. Dort liege eine regelrechte Schlammwand. Es könne nur helfen, wenn jetzt an geeigneten Stellen Kies ans Ufer geschüttet und bei Hochwasser immer wieder etwas davon mitgeschwemmt werde.“

5
Tierische Sensation am Hochrhein: „Die Welt der Romane hat Moby Dick, den weißen Wal; Freunden des Katastrophenfilms bleibt der weiße Hai auf ewig unvergessen. Weil am Rhein hat nun sein weißes Reh.“ Der sportliche Leiter, Platzwart und Jugendtrainer des FV Haltingen hat es auf einem Bolzplaz entdeckt und gefilmt, schreibt die Badische Zeitung und erklärt: „Nach Ansicht der Fachzeitschrift “pm”, die sich dem Thema “Albinos” ausführlich gewidmet hat, ist es wahrscheinlicher vom Blitz getroffen zu werden, als ein solches Tier zu Gesicht zu bekommen.“

Daß Papst Franziskus einst als Jorge Mario Bergoglio in Boppard die deutsche Sprache erlernte und daß auf der Rheinfähre Kaiseraugst-Herten nun Käsefondue angeboten wird, beschließt die Meldungen für diesen Monat.

Hick

An der Grenze Westphalens nach dem Bergerlande hin liegt die vormalige Reichsgrafschaft Gimborn-Neustadt, in deren Bereiche das, jetzt wegen seiner bunten Kirche bekannte, Dörfchen Lieberhausen ist. Gegenwärtig wohnen in diesem brave und wohlhabende Leute, ein guter Menschenschlag, einsichtsvolle Ackerwirthe, thätige Handwerker. Vor vielen hundert Jahren aber waren die Einwohner Lieberhausens weit und breit bekannt, eben so sehr durch ihre Armuth als durch ihre Dummheit. Nur ein einziges gescheutes Männlein wohnte damals im Dorfe Liebershausen, das hieß Hick. Allein so pfiffig und listig dieser Hick auch war, so arm war er doch, der ärmste im ganzen Dorfe. Denn nur ein kleines Hüttchen, von Lehm und Baumzweigen aufgebauet, und eine alte Kuh machten sein ganzes Vermögen aus, und, damit wir nichts vergessen, ein klarer, frischer Quell, der neben seiner Hütte aus dem Felsen sprang. Dabey hatte Hick freylich einen starken Körper und ein paar gesunde Arme, aber ein Handwerk verstand er nicht, wie man in ganz Lieberhausen keins verstand; er konnte daher nur taglöhnern, und das ging schlecht und brachte wenig ein.

Daher kam es, daß es dem armen Hick recht herzlich sauer wurde, sich und seine fünf kleinen Kinder durchzubringen, ja, ihnen nur das Leben zu fristen. Seine Frau war schon vor ein paar Jahren im Kindbette gestorben. Bittere Noth war in dem Häuschen Hicks, und wohl keine Woche ging vorbey, wo der arme Tagelöhner mit seinen Kindern sich nicht hungrig zu Bette legte. Er hatte zwar mit seiner gewohnten Listigkeit eine ganz absonderliche Speiseordnung in seiner kleinen Familie eingeführt; des Morgens nemlich vertheilte er unter seinen fünf Kindern ein Stück Brodt, das bald groß, bald klein war, und dabey ließ er sie nach Herzenslust aus dem klaren Quell trinken, der neben dem Hüttchen entsprang. Des Mittags kochte er ein Süppchen von der Milch, die ihm seine Kuh gegeben hatte; weil das aber für Alle nicht ausreichte, so hatte er die Einrichtung getroffen, daß jedesmal nur ein Theil der Kinder Milchsuppe bekam, und die übrigen schwarzes trocknes Brodt und dabey wieder frisches, klares Wasser; und hiemit ließ er sie alle Tage wechseln; wer aber Milchsuppe bekam, der erhielt kein Brodt, und wer Brodt bekam, keine Milchsuppe. Er selbst aß blos trockenes Brodt, und trank Wasser dazu, Kartoffeln kannte man damals noch nicht. Des Abends gab es wieder trocknes Brodt, wann er etwas hatte.

Trotz dieser weisen Einrichtung konnte Hick es aber nicht verhindern, daß manchen Abend sowohl er, als seine Kinderchen mit bitterem Hunger zu Bette gehen mußten; oder wohl nicht zu Bette, denn ein Bette hatte Hick nicht, sondern auf ihr Lager von Moos und Laub, das Hick zurecht gemacht hatte, so gut es angehen wollte.

Dabey verlor jedoch Hick seinen frohen, lustigen Muth nicht. Einstmals aber, es war gerade große Theurung in der ganzen Gegend, und wahre Hungersnoth in Lieberhausen, besonders in dem Hick`schen Hüttchen, lag er des Nachts schlaflos auf seinem Laublager und warf sich von einer Seite auf die andere, weil ihm der Leib weh that vor Hunger, und auch seine Würmerchen die nicht weit von ihm lagen, und die ebenfalls hungrig hatten sich schlafen legen müssen, hörte er ächzen und sich bald links, bald rechts herum werfen; und das jüngste Kind, ein Mädchen von zwey Jahren, weinte gar leise, aber desto bitterlicher. Da vergaß der arme Hick zwar seines Hungers und seiner Schmerzen, aber um so eher bekam er einen Stich ins Herz über das Leiden seiner hungrigen Würmerchen. Und, so leid es ihm auch that, faßte er den Entschluß, diesem Elende abzuhelfen, seine alte Kuh zu schlachten. Sie war zwar lange Jahre hindurch seine treue Gefährtin gewesen, und so manchen lieben Tag hatte sie ihn und die Kinder, und auch seine verstorbene Frau noch, mit ihrer süßen Milch ernährt und gestärkt. Aber dennoch mußte sie jetzt daran. Sie ist überdieß schon alt, vertröstete Hick sich selbst, und gibt alle Tage weniger Milch; von ihrem Fleische aber können wir ein ganzes Vierteljahr lang essen, und die Haut trage ich nach Cöln; gewiß bekomme ich dort ein schönes Stück Geld dafür!

Gesagt, gethan! Noch in der Nacht stand Hick auf, schlachtete seine Kuh, aß sich mit seinen Kindern herzlich satt an dem schmackhaften Fleische, hing den Ueberrest in den Rauchfang, und machte sich dann, beladen mit der Haut, wohlgemut auf den Weg nach Cöln.

Cöln, die heilige Stadt, liegt bekanntlich zwölf Stunden von Lieberhausen. Hick marschirte fröhlich und guter Dinge, pfiff sich eine lustige Weise, und machte Pläne, wie jenes Milchmädchen. Auf einmal aber überfiel ihn ein heftiges Gewitter. Einkehren konnte er nirgends, um sich da wieder zu schützen, denn keine Herberge und kein Haus sah er auf seinem Wege, nicht einmal einen Baum, unter den er sich hätte stellen können. Er wickelte sich daher, um von dem gewaltigen Regen nicht ganz durchnäßt zu werden, in seine Kuhhaut ein, aber so, daß die Fleischseite nach außen gekehrt war, damit er sich nicht schmutzig mache. So ging er munter fort; als aber der Regen etwas nachgelassen hatte, sah ihn ein Rabe, der von dem frischen Geruche der Kuhhaut herbeygelockt war; dieser hielt ihn für ein Stück Aas, und stürzte sich auf ihn los, um sich einen guten Bissen zu verschaffen. Hick aber sah ihn wohl, dachte: den kannst du vielleicht gebrauchen, wickelte daher ganz sachte seine Hand los, schnappte dann schnell nach dem Vogel, und erwischte ihn glücklich. Dann ging er weiter mit seinem Fange, ohne daran zu denken, welches Glück ihm dieser bringen sollte.

Westfalen im Odenwald am Rhein

Und kaum erschallte Rittershaus` Westfalenlied ein zwei Dekaden, was wenig ist vor dem Auge der Geschichte, wurde es via Odenwald zurück an den Rhein beordert, von Jakob Klassert, mit folgender Adaption:

Ihr mögt den Rhein, den stolzen preisen
und seiner Ufer goldne Pracht,
ihr möget schön die Alpen heissen
und, wo Italiens Sonne lacht.
Ich lobe mir mein Heimatland
das Land, wo meine Wiege stand,
wo über sonnbeglänzten Höh´n
die grünumrankten Burgen stehn.
Dir ruf´ ich zu, dass laut es schallt:
O grüss´ dich Gott, mein Odenwald!

Nach deinen Eichen, deinen Buchen
sehnt sich mein Herz im fremden Land,
und in die Ferne schweifend suchen
dich die Gedanken unverwandt.
Und kehr´ ich endlich dann zurück
und sieht in blauer Fern´ mein Blick
die Berge tauchen all hervor
da jauchzt mein ganzes Herz empor.
Aus voller Brust mein Ruf erschallt:
O grüss dich Gott, mein Odenwald!

Vom klaren Neckar bis zum Maine
der träg und trüb sich dahin zieht,
entbieten Gruss dem Vater Rheine
die Gipfel übers feuchte Ried!
der trunkne Blick schaut nah´ und weit
hoch über alle Herrlichkeit,
die Wälder, Dörfer, Burgen all
die Wiesen, Bächlein ohne Zahl!
O du mein liebster Aufenthalt!
O grüss dich Gott, mein Odenwald!

Nicht bergen Silber unsere Schluchten
nicht Gold – doch mehr als solchen Tand
schon manche in den Bergen suchten
und mancher in den Bergen fand.
Schön wie der Tag im Morgenstrahl
flink wie die Reh im Felsental,
fromm wie ein Engel, treu wie Gold
dies Lob man unsern Mädchen zollt.
Gott segne, schütze und erhalt
mein teures Lieb im Odenwald!

Rhein vs Rest der Welt

In der Lyrikzeitung von heute nimmt Michael Gratz aus der Aachener Zeitung die Geschichte von Niklas Beckers berühmt-berüchtigtem Rheinlied „Sie sollen ihn nicht haben / den freien deutschen Rhein“ und folgenden Erwiderungen (u.a. von Heine und de Musset) als spezifische „Rheinlichkeiten“ auf. Das Dissen und Bashen per Volkslied erreichte im Vormärz gefühlte Dimensionen, denen so manch Vorstadt-Gangsterrapper fetten Respekt für die endkrasse Vorlage zu zollen, so er sie denn in seinem Bezugsrepertoire abrufbar hätte. Die Lyrics der Deutschtümlergang liefert das Buch: „Klänge aus der Zeit. Hervorgerufen durch die neuesten politischen Ereignisse und zunächst durch das Becker`sche Rheinlied. Gesammelt und herausgegeben von B. Funck. Erlangen, in der Palm`schen Verlagsbuchhandlung. 1841“ Es geht im rheinischen Volkslied ansonsten primär ja eher um Glückseligkeit, insbesondere assoziiert mit der Endreimverbindung W-ein/Rh-ein und “der blonden Maid”, sowie das Wettstreiten der anliegenden Landschaften um eben den höchsten Seligkeitsfaktor. Was den ein oder andern Nichtrheinländer ebenfalls zum Verseschmieden bewegte, um seine eigene Heimat anzupreisen, ohne jedoch Vergleichen mit dem in puncto Seligkeitsstiften im deutschen Raum taktgebenden Rhein ausweichen zu können, wie Emil Rittershaus im Jahre 1868, dessen Lied jedoch niemals groß als Abschreckungsszenario gegen potentielle Invasoren aus dem Südwesten ausgeweidet werden mußte:

Ihr mögt den Rhein, den stolzen, preisen
der in dem Schoß der Reben liegt
Wo in den Bergen ruht das Eisen
da hat die Mutter mich gewiegt.
Hoch auf dem Fels die Tannen steh´n
im grünen Tal die Herden geh´n
als Wächter an des Hofes Saum
reckt sich empor der Eichenbaum.
Da ist´s wo meine Wiege stand
O grüß dich Gott, Westfalenland!

Wir haben keine süßen Reben
und schöner Worte Überfluß
und haben nicht sobald für jeden
den Brudergruß und Bruderkuß.
Wenn du uns willst willkommen sein,
so schau auf´s Herz, nicht auf den Schein
und sieh´ uns grad hinein ins Aug!
gradaus, das ist Westfalenbrauch
Es fragen nichts von Spiel und Tand
Die Männer im Westfalenland.

Und uns´re Frauen, uns´re Mädchen
mit Augen blau wie Himmelsgrund
Sie spinnen nicht die Liebespfädchen
zum Scherz nur für die müß´ge Stund.
Ein frommer Engel hält die Wacht
in ihrer Seele Tag und Nacht
und treu in Wonne, treu im Schmerz
bleibt bis zum Tod ein liebes Herz
Glückselig, wessen Arm umspannt,
Ein Liebchen aus Westfalenland!

Behüt dich Gott, du rote Erde,
du Land von Wittekind und Teut!
Bis ich zu Staub und Asche werde
mein Herz sich seiner Heimat freut.
Du Land Westfalen, Land der Mark
wie deine Eichestämme stark
dich segnet noch der blasse Mund
im Sterben, in der letzten Stund!
Du Land wo meine Wiege stand
O grüß dich Gott, Westfalenland.

Die Zeit der Gaben

Ziemlich genau in der Niederrheinecke, die ich in einem Jahrtausendwendesommer mit dem Fahrrad durchkreuze, um nach Arnhem, Zutphen, Deventer zu gelangen, dringt im verschneiten Winter 1933/34 ein Engländer namens Patrick Leigh Fermor zu Fuß aus der entgegengesetzten Richtung vor auf Goch, um gut vierzig Jahre später, anhand seiner damaligen Aufzeichnungen, in einem Buch namens Die Zeit der Gaben von seinen Erlebnissen Zeugnis abzuliefern. Im Drehkreuz der Zeiten treffe ich auf einen großen Wanderer: „An diesen ersten Tag in Deutschland entsinne ich mich nur noch ganz verschwommen: an verschneite Wälder und einsame Dörfer in der düsteren westfälischen Landschaft, fahle Sonnenstrahlen aus wolkenverhangenem Himmel. Meine erste klare Erinnerung ist das Städtchen Goch, das ich bei Einbruch der Dunkelheit erreichte; (…) Überall in der Stadt hingen nationalsozialistische Fahnen, und das Schaufenster des benachbarten Herrenausstatters präsentierte Parteiuniformen mit allem, was dazugehörte: Hakenkreuz-Armbinden, Fahrtenmesser und Blusen für die Hitlerjugend und braune Uniformhemden für erwachsene SA-Männer; kleine Hakenkreuzabzeichen waren so ausgelegt, daß sie den Schriftzug Heil Hitler ergaben, und eine androgyne Schaufensterpuppe mit unschuldigem Lächeln trug die vollständige Uniform eines Sturmabteilungsmanns. (…) Das Knarren von Stiefeln im Gleichschritt zum Klang eines Marschliedes drang aus einer Seitenstraße. Geführt von einem Standartenträger, marschierte ein Trupp SA-Männer auf den Platz. Auf das Lied, das den Takt ihrer Schritte angab, Volk ans Gewehr! – ich sollte es in den nächsten Wochen noch oft hören -, folgte der unerbittliche Rhythmus des Horst-Wessel-Lieds: wer es einmal vernommen hat, wird es nie wieder vergessen; und als das zu Ende war, hatten die Sänger einen auf drei Seiten umbauten Platz erreicht und waren stehengeblieben. Mittlerweile war es dunkel geworden, und dicke Schneeflocken tanzten im Licht der Laternen. Die SA-Männer trugen Reithosen und Stiefel, steife braune Bergmützen, die Kinnriemen heruntergeklappt wie bei Motorradfahrern, und Gürtel mit Pistolenhalfter und Schulterriemen. Ihre Hemden, mit einer roten Armbinde am linken Ärmel, wirkten wie Packpapier, doch als die Männer den Worten ihres Anführers lauschten, sahen sie finster und bedrohlich aus. Er stand in der Mitte der offenen vierten Seite des Platzes, und bei seinem schnarrenden Tonfall lief es mir kalt den Rücken hinunter, obwohl ich nicht wußte, was seine Worte bedeuteten. Ironische Crescendi wechselten mit wohlplazierten Lachpausen, und nach jedem Lacher wurde der Ton ernst und eindringlich.“ Als die Rede mit Sieg! und dreifach Heil! endet, wendet sich Fermor in ein Gasthaus, in dem es ganz deutsch nach Bier, Maggi und Sauerkraut riecht. Nach einer Weile heben ebenfalls dort eingetroffene SA-ler von hübschen Försterstöchtern und kleinen Finken an zu singen: „Der Rhythmus wurde mit den Füßen gestampft, (…) später wurden sie leiser, ließen das Stampfen sein, die oberen Stimmen woben sich zu komplexeren Mustern, und der Gesang klang weicher, harmonischer. Deutschland hat einen reichen Schatz an regionalen Volksliedern, und was ich jetzt hörte, waren wohl Liebeserklärungen an die Wälder und Wiesen von Westfalen, lange, sehnsüchtige Seufzer, in Noten gesetzt. Es war bezaubernd. Unmöglich, sich bei soviel Schönheit vorzustellen, daß dieselben Sänger üble Schläger waren, daß sie jüdische Schaufenster zertrümmerten und in nächtlichen Feuern Bücher verbrannten.“ Fermor wandert dann weiter, immer den Rhein entlang, bis er an dessen Oberlauf Richtung Donau abzweigt.

Die Zeit der Gaben als Hardcover: Dörlemann, Zürich 2005
Die Zeit der Gaben als Taschenbuch: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2007