Die totale Schweiz

Es ist stets möglich, daß wir fremde Gegenden, zB unbekannte Rheingegenden, ganz anders wahrnehmen als ihnen gebührte, insbesondere wenn die Besuche nur Minuten oder Stunden währen und kein Reiseführer zuvor bzw kein Einheimisches währenddessen uns die tieferen Geheimnisse des zu erfahrenden Raums entdeckt. Dieser Tage radelten wir, um dem Wachstumslärm zu entgehen, welchen Schaan werktagsüber entfacht, über den Fluß hinüber in die Schweiz. Das war nicht ganz leicht. Die Sonne hieb bereits über den Kartoffeläckern des fürstlichen Rheintals wie irre auf die wenigen Radler hinab. Die Pedalisten verfielen also ins Zickzack, den Stichen der Sonne zu entgehen. Das gab ein wahnhaftes Bild und war noch längst nicht alles: wir sahen und staunten über recht außergewöhnliche Helmtrachten mit Blitzableitern und anderen Deflektoren: die Raubvögel schrieen, sobald sie einen solchen Kopfschutz erblickten. Bei dem kleinen Deichanstieg im Galeriewäldchen wurden Baumstämme am Stück gehäckselt. Verschwitzt und mit Holzspänen gespickt überquerten wir den gletschermilchigen Strom mit seinen glitzernden Krönchen. Der Werdenberger See bot Schatten und neue Lärmqualitäten: daß der Aufbau eines Fest- oder Messezelts dieselben teuflischen Sounds zu entfachen vermag wie die Elektrowerkzeuge und Betonmischmaschinen des gewöhnlichen Hausbaus steht nun dreifach unterstrichen in unserem Tagebuch. Der umgehend einsetzende Fluchtreflex führte am Fuße der Berge entlang gen Süden. Diese Rheintalwinkel hatten wir bisher noch kaum erforscht, um ehrlich zu sein: wir dachten, da gäbe es nichts zu entdecken. Doch durften wir bald feststellen: die Schweiz sieht in diesem Abschnitt vollkommen aus wie die Schweiz wohl kaum in einem anderen Abschnitt vollkommener wie die Schweiz aussieht. Saftige kuhbestandene Matten wellen sich die Hänge hinan, urwüchsige Menschen grüßen behäbig von ihren Traktoren oder den in die obstbaumschattige Landschaft plazierten Stühlen, auf denen sie in maskulinen Posen ihre Bierflaschen verhandeln. Das nächste Dorf ist auf Nachfrage weit, anderthalb Kilometer, sehr weit also, die längstvorstellbaren anderthalb Kilometer überhaupt, denn das Dorf wartet ganz weit, also ziemlich weit in beinahe unvorstellbarer Entfernung, hinter der schweizerischsten aller schweizerischen Urlandschaften, mit den Errungenschaften der Zivilisation: Tankstelle, Postamt, Supermarkt. Wir radeln einige Kilometer, Stunden und Tage in Richtung dieses Dorfes. Die Landschaft läßt sich unterdessen sehr genießen. Sie ist grün und voller Kühe. Noch besser: tief in der Urschweiz stochert die gute Sommersonne nicht blindwütig nach den Menschen. Vielmehr erhellt sie, fern allen Baulärms, ihre Gedanken. Dh, sie erhellt die Umgebung, die auf diese Weise leichter zu durchschauen ist, was die Menschen wiederum denken läßt, sie hätten etwas an der Welt gewonnen. Genau dort, wo dies der Fall ist, erst rechts und dann links, führt ein Weg in den Bergwald hinauf. Es handelt sich um eine touristisch bisher unerschlossene Schlucht. Zu hören sind ein Plitschern, abgewechselt von einem Plätschern. Vom Waldrand her tönen Alphörner. Die Schlucht hinab fließt und stürzt durch sein zu sehenswerten Formationen geschliffenes Bett der Saarbach, ein Wildbach wie aus einigen allgemeinen Vorstellungen von einem Wildbach destilliert. Und mögen auch einige sein Rauschen demjenigen herkömmlichen Bau- oder Verkehrslärms nicht für unähnlich halten: so wie ein Wildbach rauscht nur ein Wildbach, basta. Etwas unterhalb des Wildbachs finden wir schließlich die zivilisierte Ortschaft Sevelen mit ihrem aufgeräumten Aldi-Markt und den aus Deutschland importierten Kassiererinnen. Es wäre eine überaus simple wie schlagkräftige Idee, das Geschehen in und um je einem Aldi Suisse und einem deutschen Aldi-Markt einen Tag lang dokumentarisch zu filmen, um aus dem gewonnenen Material die kulturellen Unterschiede zwischen beiden Nationen herauszuarbeiten. Wie auch immer, allein schon seine Klimaanlage macht den Aldi von Sevelen an heißen Sommertagen zu einem ähnlichen Geheimtip wie den Saarbach mit seinen Gletschertöpfen, Fließrinnen und Wasserstürzchen.

Felsrose

Wahnsinn, diese Alpen! Mit der Frümsener Luftseilbahn hoch auf den Stauberen (1750 Meter). In der Kabine der Werdenberger Chronist samt Gattin, die frohgemut Rheinlieder anzusingen beginnt, als sie von meiner Profession erfährt. Rachiges Schwyzerdütsch, felsiger Singsang. Kuhglocken und Sennhütten, restlos unglaubhaft für einen Höhenschwindligen, aber sie existieren, auf ihre extrem steilheitsannehmende Art und Weise. Oben: atemberaubende Blicke aufs Fürstentum im Dunst, seinen kantig eingefaßten Rhein, das vorarlbergische Österreich, Appenzell, den Bodensee, wie der klaffende Kiefer eines Tyrannosaurus Rex spannt ein zerfurchter Gipfel zur Linken, zur Rechten der Hohe Kasten, blumenübersäte Alpen (Teufelskralle, Felsrose, Pulsatilla, Siebenmänteli, Pimpinelle, Knorpellattich, Rindsauge… von rund 360 Alpenblumensorten gedeihen auf diesen Wiesen angeblich und glaubhaft 320) beflattert von sommerisch torkelnden Widderchen, Trostlosfaltern und Schwalbenschwänzen. Rasend ziehen Dunstfelder hangan, verschwinden überm Gipfel, lösen sich auf in strahlendes Nichts. Es ist eine alpenrheingeborne Muse, die mich führt in zeitloser Schönheit, ein paar hundert Meter in diese Richtung, ein paar hundert Meter in jene, bis eben immer zum allergeilsten Ausblick, „fall nicht!“, sie ist besorgt um mein Verhältnis zum Sog, den solche Höhen auf mich ausüben. Sie quatscht und quatscht, die Muse, läßt alles Lebenswichtige Revue passieren, für mich, vor diesem Panorama, lacht über meine kargen Repliken, sorgt sich, nimmt mich, wo ich zu taumeln drohe ob all der ungeheuren, massiv energetischen Pracht, zärtlich bei der Hand, schimpft auf das ferne Meer, lobt die letzten zerrieselnden Schneefelder auf den Hängen, bestellt Apfelmost in der Hütte, während ich mir ein dünnes Appenzeller Quellwasserbier genehmige. Tadelnde Fragen, ob mir dieser Ausblick denn poetisch etwas eingebracht habe. Sie spielt und sie meint es ernst. Ein Leben haben wir auf Erden.