Von Thusis nach Chur

“(…) I will now returne unto that part of the Grisons country where-hence I digressed, even to Tossana, where I entred a fourth valley which is called by the same name as the other immediately behind it, namely the valley of Rhene, because that river runneth through this also where it inlargeth it selfe in a farre greater bredth then in the other valley. Also some doe call it the valley of Curia from the citie of Curia the metropolitane of the country, standing in the principall and most fertil place thereof.
I departed from Tossana about seven of the clocke in the morning, the three and twentieth of August beeing Tuesday, and came to Curia tenne miles beyond it, which is the head citie of the country (as I have before said) about one of the clocke in the afternoone.
I observed many wooden bridges in this valley, made of whole pine trees (as those of Savoy) which are rudely clapped together. One of those bridges is of a great length, about one hundred and twenty paces long, and sixe broad, and roofed over with timber. Also it hath foure very huge wooden pillars in the water. This bridge is made over the river Rhene, about five miles on this side the citie of Curia, over the which every stranger that passeth payeth money.
I observed this country to bee colder by halfe then Italie, the ayre beeing heere as temperate as with us in England.
The abundance of peares and apples in many places of Rhetia, especially about the citie of Curia, is such that I wondred at it: for I never saw so much store together in my life, neither doe I thinke that Calabria which is so much stored with peares, can yeeld more plenty for the quantitie or space of ground, then this part of Rhetia doth. Their trees being so exceedingly laden, that the boughes were even ready to breake through the weight of the fruite. (…)”

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Vergeblich suchten wir in den Crudities nach einer Beschreibung der Via Mala, die Coryat – so ziemlich zu ihren wildesten Zeiten – auf seiner Alpenrheinreise passiert haben müßte. Der Marktflecken Tossana (Thusis) bleibt ebenso nahezu unbeschrieben wie die übrigen Dörfer des Hinterrheins, erst Chur erfährt ausführlichere Notizen (die wir evtl noch hier vorstellen). Von Chur geht Coryats Reise den Rhein abwärts bis Sargans, von wo er über Walastat (Walenstadt) nach Zürich abbiegt, um erst wieder bei Basel auf den Strom zu treffen. Seine Ausführungen zu diesem Alpenrheinabschnitt bleiben dürftig, viel mehr als Schätzungen der Wiesenflächen stehen nicht zu Buche, doch vermerkt Coryat, daß er ab Sargans bis tief in die Niederlande fortan lückenlos jeden Reisetag mindestens einen Rheinwein kredenzt bekam.

Walensee (2)

walensee

Idyllischer Walensee zur blauen Stunde. Bei den fünf einzeln stehenden Pappeln am hinteren (Walenstädter) Seeende mündet die Seez. Hinter den Bäumen jene Talmulde, die sich der Rhein eines Tages als Bett suchen könnte. Auf dem Grund des Sees, gehen Gerüchte, horteten die Schweizer tonnenweise Lebensmittel für den Ernstfall: natürliche Kühlung.

Walensee

Der Walensee ist ein erquickliches Naturschauspiel und Erholungsgebiet (mit Bade- und Panoramablickmöglichkeiten): das Schweizer Militär hat den Schweizern aus Dankbarkeit für die gute Zusammenarbeit mehrere ausgewählt sanfte Strandabschnitte zur Freizeitgestaltung zur Verfügung gestellt. Es gibt einige imposante Wasserfälle (schmale, sehr hohe: auch diese Wasser sollen, dem Wortstamm nach, zumeist Rheine heißen), die Zugstrecke zwischen Ziegelbrücke und Walenstadt lohnt den Ticketpreis: der ständige Blick auf den im Norden an die steilen Felswände der Appenzeller Alpen ufernden See, das plötzliche Dörflein Quinten, in einer, wies vom Zug her aussieht, hangartigen Bucht gelegen, die nur übers Wasser erreichbar scheint. (Zur Beachtung: die Schweizer Züge fahren pünktlich los und kommen pünktlich an, ohne zwischenzeitliche Verspätungen, sogar bei Schnee – in Deutschland seit der Mehdorn-Ära nahezu undenkbar.) Walenstadt macht dann natürlich mit einem Wal Werbung und den Anschein eines Kurorts, an dem man sich trotz des verjüngenden Effekts eines kühlen Gebirgswasserbades aufgrund des Stadtbilds gleich dermaßen alt fühlt, daß die stattfindende Verjüngung einen bestenfalls auf sein wahres Alter zurückwirft. Insofern wäre nicht viel gewonnen, aber es gibt noch den Blick Richtung Sargans und dort tut sich ein hohlwegartiges, vorbildliches Tal auf, von dem sich leicht vorstellen läßt, wie der Rhein, einmal in diese Richtung losgelassen, es durchschwemmte, in biblischen oder sogar prähistorischen Dimensionen, volle Spülung auf einen zu, von den Appenzeller an die Glarner Alpenwände klatschend und zurück, die ganzen Heidiland-Schilder entwurzelnd, ein Alpentsunami (japanische Touristen, angeführt von Bokushi Suzuki, dem tiefschneeerfahrenen, ersten aller japanischen Alpentouristen, sitzen auf sicheren Föhrenholzpodesten um wenige Franken Benutzungsgebühr und zeichnen die Wellen, ersinnen und kalligrafieren zum Schauspiel passende Haikus), sogar die Tagesschau berichtet, der Rhein findet sein neues Bett und von Speedbooten aus lassen sich jetzt Touren in die natürlich umgestaltete Region unternehmen, bei denen man mit etwas Glück regionaltypische hornlose Kühe auf regionaltypischen Fettwiesen fotografieren kann.

Vaduz

Rheinisches Liedgut von der Donau: das Erste Wiener Heimorgelorchester widmet sich einigen bisher wenig besungenen Ortschaften am jüngeren Lauf des mächtigen, psychologisch noch garnicht erfaßten Bruderflußes (und seines Einzugsgebiets), welchen hendiadyoinisch zu erwähnen im Fluß der Melodie es definitiv nicht braucht – und dessen letzter regierender Fürst seit je die innigsten Verbindungen zum Lande Österreich und seiner tiefenstrukturierten Hauptstadt pflegt: „in Balzers und Davos läßt man nicht richtig los“, „man fürchtet sich in Planken sogar vor dem Gedanken“, „in Walenstadt und Quarten will man noch etwas warten“ (na? auf was? s geht um den Rhein natürlich, letztlich, garantiert, denn, um in freischwebender Logik zu verharren: „das menschliche Leben ist wie ein Wasserlauf.“ (Bertrand Russell)), „man fragt sich oft in Schaan, wo wird es noch getan?“ – natürlich tut mans (refraintechnisch ein Glücksfall!) auch (aus Schaaner Sicht) beim Agglomerationsnachbarn in Vaduz, während die Triesener fatalerweise gleich zu Beginn des Songs hintüberfallen, was aus Nonsens realtaugliche Orakel schnürt: Textgestaltung und Sound erinnern an frühe und beste Düsseldorfer Elektropoprocker. Auch das Video ist ein Hit!