Neuer Rheinarm

Im Urzustand und eigentlich noch bis – im Verhältnis seiner Besiedlungsgeschichte gedacht – vor Kurzem, also vielleicht – wer weiß das schon, das kommende Jahr ist ja wieder mal ein beliebtes Weltuntergangsjahr – in so etwas wie seiner mittleren oder späten Schaffensfase, bildete der Rhein sich aus sich selbst heraus (ab), zweigte sich eins, zwei, drei, schuf viele tausend Branchen, Brachen und Lachen, verließ dabei ganze Städte, änderte Fließrichtungen, sumpfte rum, brach durch, schwemmte, schwand, und allerhand mehr, kurz: machte, was er wollte. Solcherlei Willkür zu bändigen fand der Europäer tief in seinem Innern den homo faber. Bzw den homo tulla. Nun plant er, der fortgeschritten fortschreitende Europäer, einen neuen Rheinarm bei Bimmen. Das Online-Portal derwesten berichtet: „Die niederländische Wasserbaubehörde Rijkswaterstaat plant einen ein Kilometer langen Seitenarm für den Rhein. Der Nebenfluss soll auf der gegenüberliegenden Rheinseite zwischen der Steinfabrik „De Bijlandt“ und der Fähre in Millingen aan de Rijn gebaut werden. Durch die Ausdehnung des Rheins könne man die Hochwassermarken senken und eine Renaturierung der Uferbereiche vornehmen, so Rijkswaterstaat. (…) Der Seitenarm entsteht an einer strategisch sehr wichtigen Stelle: „Dies ist ein kritischer Punkt. Wir befinden uns hier unmittelbar vor der Trennung des Rheins in Waal und Pannerdenschen Kanal. Hier verteilen sich die meisten Wassermassen in den Niederlanden“, erklärt Joost de Jong von Rijkswaterstaat. (…) Der neue Seitenarm wird auf jeden Fall Konsequenzen für die beliebte Fahrrad-Fähre in Millingen haben, die künftig weiter westlich anlegen muss. Für die Fahrradtouristen wird daher auch ein neuer Fahrradweg angelegt.“ Falls die Menschheit wider vieler kritischer Geister Erwarten das Jahr 2012 übersteht, wird sie, werden wohl auch die kritischen Geister, obigen Plänen zufolge, schon 2013 einen amtlichen neuen Rheinarm bestaunen dürfen.

Der Rhein für die gebildeten Stände (2)

Vom Bodensee bis Basel, wo der Rhein schon eine Breite von 750 F. erhält, hat er ein felsenreiches Bett. Von Basel aus wird sein Bett von vielen Inseln durchschnitten, die jedoch zum größten Theil blos aus Sand- und Kiesbänken bestehen, welche häufig von einer Seite weggerissen und an der andern wieder angesetzt werden. Von Breisach herab trifft man schon mehre bestaudete und selbst angebaute Inseln. Zwischen Strasburg und Germersheim ist das Bett immer noch sehr inselreich, aber der größte Theil dieser Inseln ist mit Gebüsch bewachsen. Zwischen Strasburg und Speier ist der Rhein 1000—1200 F., bei Mainz 1500—1700 F., und bei Schenkenschanz, wo er in die Niederlande eintritt, 2150 F. breit. Die Tiefe des Rheins beträgt 5—28, bei Düsseldorf sogar 50 F. Bei Schenkenschanz theilt er sich in zwei Arme, wovon der südl. die Waal heißt, zwei Drittheile seines Gewässers nimmt, sich hernach zweimal mit der Maas vereinigt und unter dem Namen Merwe in das deutsche Meer fließt. Der nördl. Arm des Rheins hatte vormals in seinem Laufe nach Arnheim zu mehre Windungen; seit 1720 aber hat man von der Waal aus bei dem Dorfe Pannerden einen Kanal gegraben, wodurch das alte Bett des Stroms nun größtentheils vertrocknet ist. Durch diesen pannerdenschen Kanal fließen jetzt die Gewässer des Rheins fort, nachdem sie sich unterhalb Millingen von der Waal getrennt haben. Ehe dieser Arm des Rheins nach Arnheim kommt, theilt derselbe sich wieder oberhalb Westervoort und bildet die sogenannte neue Yssel. Diese Abtheilung des Stroms ist eigentlich der Kanal, den Drusus graben ließ, indem die Gewässer sich bei Doesburg mit der alten Yssel vereinigen und zuletzt sich in die Zuydersee ergießen. Von da, wo sich der Drusische Kanal von dem Rheine trennt, wendet dieser letztere sich nach Arnheim und behält seinen Namen, bis er bei Wageningen und Rhenen vorbei ist, wo er Lech heißt und auf Wyk bei Durstede fließt. Von hier floß sonst der Rhein mit vollem Strome nach Utrecht, jetzt ist aber nur noch ein sehr schwacher Arm übrig, der krumme Rhein genannt. Weiterhin, Vianen gegenüber, ist schon vor mehren Jahren aus dem Lech ein Kanal gegraben worden, welcher nach Utrecht geht und gewöhnlich die Vaart genannt wird. Da derselbe mit Schleusen versehen ist, so kommen auf demselben sehr beträchtliche Schiffe nach Utrecht und von da weiter nach Amsterdam. Unterhalb Vianen sondert sich ein kleiner Arm vom Lech ab, den man die Yssel nennt, und der sich eine Meile oberhalb Rotterdam in die Merwe ergießt. Der Lech fließt von Vianen nach Schoonhofen und geht oberhalb Crimpen op de Lek in die Maas. Von den Gewässern des Rheins, die nach Utrecht fließen, geht abermals ein Arm ab, welcher die Vecht genannt wird und sich nach einem achtstündigen Laufe bei Muyden in die Zuydersee ergießt. Der übrige Rhein fließt von Utrecht nach Leyden, wo er beinahe einem Graben ähnlich sieht. Bei Rhynsburg vorbei kommt endlich dessen kleines Gewässer, drei Stunden von Leyden, nach Katwyk op Rhyn, wo derselbe eine halbe Stunde davon sich noch zu Anfange dieses Jahrh. in den Sand verlor. Sonst hatte der Rhein da einen Ausfluß in die See bei Katwyk op Zee. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die alte Mündung wieder zu öffnen, welche durch die entstandenen Dünen verschwunden war, hat man erst seit wenigen Jahren die Schwierigkeiten völlig überwunden, indem man in einem Kanale die in den Sand sich verlierenden Gewässer des Rheins gesammelt hat. Am äußersten Ende desselben befindet sich eine Hauptschleuse, eine zweite inmitten, beim Anfange der Seedünen, eine dritte kleinere beim Ausgang des Kanals aus dem Rhein, und so ist durch Hülfe der Kunst der Ausfluß des Rheins wiederhergestellt worden. Hierbei hatte man den Hauptzweck, die niedrigen Gegenden der Provinz Holland von dem überflüssigen Wasser zu entledigen und dadurch deren Werth zu erhöhen, welcher Zweck auch in hohem Grade erreicht worden ist.

(aus: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, Band 9, F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1836)

52 Tage bis zum Meer

Eine Filmdoku von Anke Riedel und Carsten Linder bereist den Rhein von den Quellen bis zur Mündung, unter Berücksichtigung wie auch Aussparung so manch interessanten Fleckens, in knapp einer halben Stunde – während der Strom selbst etwa 52 Tage für die berühmte Strecke benötigt. Die Kamera startet vom Hubschrauber aus überm Tomasee und landet recht bald im Wasser. Das flott das Vorderrheintal hinab und zügig auch in den Bodensee schießt und dabei jede Menge alpiner Kleinstlebewesen mit sich trägt. Im Bodensee faulenzt der Rhein zwölf schöne Urlaubstage lang, als Hochrhein zieht er weiter, fällt, fängt sich und schon befinden wir uns im Taubergießen und verweilen einen Moment beim Flutenden Hahnenfuß. Nebenan im Kanal schütten Kies-Schuten das Bett des regulierten Laufes zwischen den Staustufen auf, 400.000 Tonnen jedes Jahr. Rekorde, Rekorde: Europas größter Fischpaß bei Iffezheim, ein künstlicher Wildbach aus Beton. Unterm Loreleyfels erreicht der Strom seine Höchstgeschwindigkeit, was durch Zeitrafferaufnahmen von den Mythenklotz umfahrenden Containerschiffen veranschaulicht wird. Roboterisierte Häfen. Auf der Landzunge zwischen Nederrijn und Waal grasen Wildpferde. Rekorde, Rekorde: Das Rheindelta gilt als das am dichtesten befahrene Gewässer der Welt und somit größte europäische Nachreifezone für Normsüdfrüchte.

Caesar über Rhein und Maas

Die erste Brücke über den Rhein baute vermutlich Caesar, ebenso vermutlich im Gebiet zwischen Andernach und Koblenz, und zwar in der Rekordzeit von zehn Tagen. Im vierten Buch der Comentarii de bello gallico berichtet der große Imperator u.a. über die groben Sueben, gegen die jene – nach erfolgreicher Mission wieder abgebrochene – Brücke gerichtet war, sowie die urkölschen Ubier und viele andere Germanenstämme und gibt frühes Zeugnis über den Rhein:

“Mosa profluit ex monte Vosego, qui est in finibus Lingonum, et parte quadam ex Rheno recepta, quae appellatur Vacalus, insulam efficit Batavorum [in Oceanum influit], neque longius ab Oceano milibus passuum LXXX in Rhenum influit. Rhenus autem oritur ex Lepontiis qui Alpes incolunt, et longo spatio per fines Nantuatium, Helvetiorum, Sequanorum, Mediomatricorum, Tribocorum, Treverorum citatus fertur, et ubi Oceano adpropinquavit, in plures diffluit partes multis ingentibusque insulis effectis, quarum pars magna a feris barbarisque nationibus incolitur, ex quibus sunt qui piscibus atque ovis avium vivere existimantur, multisque capitibus in Oceanum influit.”

In etwa: “Die Maas entspringt dem Vogesengebirge, das auf lingonischem Gebiet liegt, und verbindet sich dann mit einem Rheinarm, der Waal genannt wird, bildet keine 80 Meilen vom Meer die Insel der Bataver, und fließt in Rhein und Ozean ein. Der Rhein hat seinen Ursprung bei den Lepontiern, welche die Alpen bewohnen, und schleunigt weitläufig über die Gebiete der Nantuaten, Helvetier, Sequaner, Mediomatriker, Triboken und Treverer, und wo er sich dem Meer nähert, zerfließt er, riesige Inseln aufwerfend, die großteils von wilden Barbarenstämmen bewohnt werden, von denen welche von Fischen und Vogeleiern leben sollen, in viele Mündungsarme und ergießt sich ins Meer.”

Geistreisen mit dem Rheinischen Antiquarius

Die Strömungen und Riffe des Rheinischen Antiquarius laden zum Querlesen und Verweilen, das Switchen zwischen den Jahrhunderten mit ihren seltsamen rheinischen Reichen und Sprachen macht süchtig, ich bette meinen Nacken in den langsam westwärts ziehenden Wolken, die anbetrachts der irdischen Kugelform durchaus auch ostwärts ziehen, schlage eine beliebige Stelle auf und lande bei Louis XIV, der Schenkenschanz und bedeutungslosen Verlusten: „Von dem Einfluße der Maas in die See kehren wir zurük nach unserm Rheinstrom, welcher sich, wie gemeldet, bey Schenkenschanz in zwey Ströme oder Aerme, nemlich in die Wahel, so zur Linken fließt, und die wir allererst kürzlich beschrieben haben, ferner in den Rhein theilet, der noch immer der rechte Arm bleibt. Es komt dieser von gemeldeter Festung zuvorderst auf Lobet oder Lobith, ein Schloß, Flecken und Zollhaus, so zum Herzogthum Cleve und dem Könige in Preussen gehört. Etwas weiter fort, aber auf der andern Seite, zu dem kleinen Dorfe und Schloß Tolhuys, so eine halbe Meile unterhalb Schenkenschanz, zwey kleine Meilen von Cleve, fünf von Arnheim und viere von Nimmegen im holländischen Geldern im Gebiete von der Berin liegt. Im Jahr 1672. lies der König in Frankreich Ludwig der XIV. an diesem Orte seine Armee über den Rhein setzen, nachdem ein Einheimischer von Adel dem Prinzen Condé eine Gegend gezeigt hatte, allwo auf einer Seite leicht in den Fluß hinein, und auf der andern gemächlich wieder heraus zu kommen war, daß man nicht über zweyhundert Schritte weit schwimmen dorfte. Die ganze Armee kam auch ohne sonderlicher Mühe hinüber, weil Montbas, welcher diesen Posten verteidigen solte, sich wohl zu verschanzen, keinesweges angelegen seyn lies, und sich, so bald die französische Armee anrukte, zurükzog. Es blieben zwar etliche holländische Truppen allda stehen, welche noch einigen Widerstand thaten, daß auch der Prinz von Condé selbst verwundet, der Herzog von Longueville aber nebst noch vielen andern vornehmen Herren gar getödtet wurden, allein es hatte weiter gar nichts zu bedeuten.“

Die Brücke von Arnheim

Die Brücke von Arnheim heißt im Original A Bridge Too Far, der epische, mit jeder Menge Stars und Statisten besetzte Spielfilm aus den Siebzigern behandelt das relative Scheitern der Operation Market Garden, mit der die Allierten 1944 Waal und Rhein bei Nijmegen und Arnhem überqueren wollten und sich dabei um eine Brücke übernahmen. Der Rhein selbst taucht erst spät und ausschließlich als flüssige Kulisse für Kampfhandlungen auf, es ist ein elendiges Sterben auf dem Wasser, das die alliierten Truppen mit Pionierbrücken, Falt- und Schlauchbooten überwinden, nur um, sobald sich der Tarnnebel verzieht, ins Mündungsfeuer der Wehrmacht zu geraten. Leichen über Leichen. Doch der Rhein wirkt seltsam unbeteiligt, auch wenn die Dramaturgie einen kräftigen, schwer zu bezwingenden Strom aus ihm herauskitzeln möchte, alles Brausen und Grausen, Scheppern und Stöhnen, Bluten und Blubbern rührt von den Geräuschemachern und Maskenbildnern, der Fluß selbst strahlt keinerlei Gefahr aus, kein Charisma, nichts Rheinisches eben, er benimmt sich vielmehr wie irgendein durchschnittliches stehendes oder gar totes Gewässer, kein einziger Nix, der Erschossene und Verblutende an Händen und Füßen in sein Reich zerrt, kein eisiges Wasser das die Soldaten fürchten, der Filmrhein scheint ein neutrales Rinnsal, ein vernachlässigtes Bluebox-Fake, die Szenen scheinen zudem in beachtlichen Zeitabständen gedreht, mal wirkt der Fluß wie ein dünner Streifen, dann wieder mächtiger, aber an keiner Stelle unüberwindlich und die tatsächlichen Aufnahmen zeigen offenbar die Ijssel bei Zutphen und Deventer. Weswegen mir auch die Brücken bekannt vorkamen. Ich hab sie einst an sonnigen Sommertagen mit dem Rad überquert. Dort stapften also auch sie herum, im Sumpf komplexer Kriegshandlungen, und versanken in filmischer Heroik und Verzweiflung: Laurence Olivier, Dirk Bogarde, Michael Caine, Sean Connery, Gene Hackman, Robert Redford, Anthony Hopkins, als „Arnheim auslöschen!“-Nazis Hardy Krüger und Maximilian Schell und für den holländischen Widerstand Liv Ullmann. Die Welt ist klein und zieht uns immer an dieselben Orte, in Krieg und Frieden. Und wenn kein Krieg ist, verfilmen wir ihn. Um die Welt in unserer Erinnerung gerecht zu verfälschen.