Presserückschau (Februar 2018)

1
Protesthupen
“Mit lautstarkem Hupen protestieren derzeit die Binnenschiffer in Köln. Sie sind sauer darüber, dass sie nicht mehr im Rheinauhafen anlegen dürfen. Während des Rheinhochwassers hatten Schiffe zwei ältere Festmachvorrichtungen aus ihrer Verankerung gerissen. Die Anlagen an der Kaimauer seien nicht mehr für Zugkräfte moderner Frachtschiffe ausgelegt, teilen die Häfen und Güterverkehr Köln kurz HGK mit. Die verbliebenen Anlagen wurden entfernt und für die Kaimauer ein Anlegeverbot erlassen. Doch dieses Verbot stößt bei den Binnenschiffern auf Protest. Die Liegestellen am Rheinauhafen in Köln zählen zwischen Rheinland-Pfalz und der deutsch-niederländischen Grenze zu den letzten verbliebenen Möglichkeiten, um die Fahrt eines Schiffes zu unterbrechen (…). Um ihren Protest hörbar zu machen, hupen die Schiffe nun bei ihrer Durchfahrt. Vereinzelt hängen Kölnfahnen verkehrt herum.” (WDR)

2
Gesunkenes und wieder aufgetauchtes Hausboot
“Bornheim-Hersel – Ein Hausboot ist (…) in den Fluten des Rheins versunken. (…) Der Vorfall ereignete sich am Anfang des Herseler Werths, Ecke Hafenstraße/Leinpfad. Um die Sicherheit der Rettungskräfte zu gewährleisten, wurde eine Elektroleitung stillgelegt. (…) Mehr als 30 Einsatzkräfte waren vor Ort, darunter Rettungsschwimmer vom Deutschen Roten Kreuz und der Wasserwacht sowie Taucher der Berufsfeuerwehr Köln.” (General-Anzeiger)
“Das (…) in Hersel gesunkene Hausboot wurde (…) aus dem Rhein geborgen. Mehrere Helfer (…) versuchten in einer privaten Aktion, das Schiffswrack aus den Fluten zu ziehen. Nachbarschaftshilfe wird in Hersel groß geschrieben. (…) Mit einem Traktor, Seilwinden und Umlenkrollen zogen (…) Helfer das havarierte Boot aus dem Wasser. (…) Die Seile liefen über fünf Rollen, damit die Kraft zum Herausziehen verstärkt wurde. Allerdings mussten die Helfer das Ganze nach einigen Stunden abbrechen, weil das 22 Tonnen schwere Boot mit Wasser vollgelaufen und somit zu schwer geworden war. Hinzu kommt, dass die Uferböschung recht steil ist. Nun müssen alle Beteiligten erst einmal darauf warten, dass der Wasserpegel sinkt, um das Boot leer pumpen zu können. Erst dann wird es weiter an Land gezogen.” (General-Anzeiger)

3
Ausstellung
“Bad Honnef – Impressionen vom Rhein sind ab sofort in der Ladenzeile im Postgebäude an der Bahnhofstraße, die der Kunstverein antiform bespielt, zu sehen. Die vier Fotografen Helmut Reinelt, Frank Homann, Frank Landsberg und Jens Unglaube präsentieren in der Schau ihre Werke zum Thema „Der Rhein und seine Landschaft“. (…) Die Ausstellung ist bis 8. April jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet, zusätzliche Termine nach Absprache.” (Bonner Rundschau)

4
Bär im Rhein
“In Höhe des Tanzbrunnens mussten Einsatzkräfte von Feuerwehr und Wasserschutzpolizei einen als „Bär“ verkleideten Jugendlichen (17) aus dem Wasser ziehen. Mit einer Unterkühlung wurde er von Rettungssanitätern versorgt.” (Kölnische Rundschau)

5
Müll
“In Basel sind mehrere Abfallsammler des Swiss Litter Reports unterwegs – und sie finden einiges an Müll. An einem Tag im Juni etwa trug ein Sammler an einer Stelle beim Tinguely-Museum alleine über 1100 Glas- oder Keramikstücke, 336 Metall- und knapp 3000 Plastikgegenstände, wobei unter Letzteren auch (…) 2630 Zigarettenstummel verbucht sind. Auch grössere Müllgegenstände werden in Basel oft im Rhein entsorgt. An der letztjährigen «Ryybutzete» holten Taucher acht Tonnen Müll aus dem Fluss.” (Aargauer Zeitung)

6
Trinkwasser
“Der Ballungsraum ist durstig: 223 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Ried konsumieren die Rhein-Main-Bewohner pro Jahr. Bis 2030 wird der Bedarf seiner Kunden um weitere 7,5 Millionen Kubikmeter steigen, schätzt der Wasserverband Hessisches Ried. Bevölkerungsprognosen und Klimawandel erforderten, die grundwasserschonende Wassergewinnung auszuweiten. Eine weitere Infiltrationsanlage sei in Planung, kündigte Verbandsvorsteherin und Hessenwasser-Chefin Elisabeth Jreisat in Frankfurt an. Das Prinzip wird das gleiche sein wie das der vier bereits vorhandenen: Rheinwasser wird aufbereitet und versickert dann im Untergrund, um Grundwasser aufzufüllen. (…) Trotz der starken Niederschläge der vergangenen Wochen saugt der Verband derzeit weiter Wasser aus dem Rhein ab und bereitet es auf. Der Grundwasserspiegel sei noch nicht hoch genug, um für einen eventuellen trockenen Sommer gerüstet zu sein.” (Frankfurter Rundschau)

7
Hydraulische Besonderheit
“Ärger über angeblich falsche Fluss-Pegelstände gibt es in Leutesdorf am Rhein (…). Der stellvertretende Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts Bingen, Florian Krekel, sagte (…), am Pegel Andernach gebe es eine “lokale hydraulische Besonderheit” im Zusammenhang mit zwei 80 Meter davon entfernten Mess-Sensoren. Die bekanntgegebenen Pegelstände könnten daher tatsächlich verwirren. “Wir prüfen, wie wir das verbessern können”, erklärte Krekel. Das sei aber eine Sache von Monaten und nicht wenigen Tagen. “Mess-Stellen verlegt man ungern.” Denn es gehe um die Vergleichbarkeit mit früheren Werten. Krekel riet Rheinanliegern, sich bei ihren Vorkehrungen für Hochwasser nicht auf eine Genauigkeit von zehn Zentimetern bei der Vorhersage der Pegelstände zu verlassen.” (T-Online)

8
Heizungsfunktion für Halsbandsittiche
“Halsbandsittiche breiten sich langsam aus. “Sie wandern entlang des Rheins und des Untermains weiter”, sagt Bernd Petri, Vogelexperte beim Naturschutzbund NABU. So könnten sie im Winter gut überleben. Die Flüsse fungierten wie eine Heizung. Zudem gebe es dort viele Menschen und Futterstellen.” (Hessenschau)

9
Wupperbiber
“Erstmals seit 140 Jahren wurden in Leverkusen Biber gesichtet. (…) Entdeckt hat man die Wassertiere an den durchnagten Weiden, Eschen und Pappeln in der nähe des Ufers, welche den Bibern als Nahrung dienen. Die Nager können ganze Bäume fällen um an die oberen Zweige heranzukommen. (…) Da die Wasserstände der Flüsse in Leverkusen sich kaum verändern, baut der ein Meter lange und 30 Kilogramm schwere Biber keine Dämme, sondern Höhlen in der lehmigen Uferböschung, deren Eingang unter der Wasseroberfläche ist. Dort leben Biber in Familienverbänden von zwei bis acht Tieren. (…) Die Jungtiere bleiben bis zum dritten Lebensjahr im Revier der Eltern. Das neue Revier liegt im Durchschnitt 25 Kilometer vom Revier der Eltern entfernt. Wenn man genau hinschaut, dann kann man einen Biber nicht nur an den Nagespuren an einem Baum erkennen, sondern auch auf dem Wasser, wenn er mit einem kräftigen Schwanzklatscher aufs Wasser auf Tauchgang geht.” (Leverkusener Anzeiger)

10
Früher Film
“Es sind nur 47 grobkörnige Filmsekunden – und doch haben sie unschätzbare Bedeutung für die Erforschung von Basel an der Schwelle zum 20. Jahrhundert: Der Film „Bâle: Pont sur le Rhin“ aus dem Jahr 1896 stellt das älteste Filmdokument der Stadt am Rheinknie dar (…). Ausschnitte aus dem Basler Rheinbrücken-Film mit Erläuterungen sind im Internet unter www.filmpodium.ch zu sehen (unter dem Menüpunkt „Stummfilmfestival 2018“.)” (Weiler Zeitung)

11
Wasserbusse
“Sie könnten den Verkehr in der Region entlasten: Die Städte Köln und Leverkusen wollen prüfen lassen, ob künftig Wasserbusse auf dem Rhein fahren könnten. Eine Machbarkeitsstudie soll in Auftrag gegeben werden. Die Infrastruktur in der Region sei starken Belastungen ausgesetzt, erläuterte die Stadt Köln (…) in einer Mitteilung. Man wolle dafür Lösungen erarbeiten. (…) Das zu untersuchende Wasserbussystem solle mit dem übrigen Nahverkehrsangebot und dem Radverkehr verknüpft werden. Unter einem Wasserbus verstehen die Beteiligten nach Angaben einer Sprecherin in diesem Fall Schiffe. Partner in dem Projekt sind neben Köln und Leverkusen auch Wesseling und regionale Verkehrsanbieter.” (Rheinische Post)

12
Neuer Seitenarm
“In der Rheinaue bei Emmerich ist ein neuer, zwei Kilometer langer Flussarm entstanden, der Lebensraum für Fisch- und Vogelarten bieten soll. (…) Das Gelände ist schwer zugänglich. Die Zufahrt zur Emmericher Ward erfolgt über die Steinfabrik Muhr. Im Sommer wie im Winter ist westlich der Rheinbrücke kaum jemand zu sehen: „Na ja, ab und an ein illegaler Angler, der Bisamfänger und der Biber“, scherzt Klaus Markgraf-Maué, der die Stille an diesem Wintermorgen sichtbar genießt. Sein geschultes Ohr hört zahlreiche Vogelstimmen, und noch bevor in der Luft etwas zu sehen ist, hat er bereits Stare, Brachvogel, Wasserläufer, Kanadagänse und Weißwangengänse ausgemacht. (…) Die neue Nebenrinne des Rheins entwickele sich prächtig. Durch das Hochwasser wurde das Flussbett neu geformt. Der Biologe erkennt die ersten neuen Kies- und Sandablagerungen im Uferbereich: „Genau so wollen wir es haben“, sagt er. Durch das starke Wassertreiben im Januar haben sich auch einige steile Uferböschungen gebildet: „Das ist ein idealer Brutraum für Eisvögel und Uferschwalben.“ Fast 17 Jahre lang hat Klaus Markgraf-Maué sich für diesen Flusslauf eingesetzt. 2001 starteten die ersten Planungen, im November 2017 fuhren die letzten Bagger von der Baustelle. Zwei Kilometer umfasst der Rheinarm, der jetzt vielen Vogel- und Fischarten ein neues Zuhause bieten soll. An 270 Tagen im Jahr wird der Rhein das Gelände durchströmen: „Das ist aus ökologischer Sicht eine ideale Sache“, so Markgraf-Maué.” (NRZ)

13
Rheintote
“Am Morgen (…) entdeckten Zeugen am Anleger unterhalb der Schnellenburg in Höhe der Messe an der Rotterdamer Straße in Düsseldorf-Stockum einen leblosen menschlichen Körper im Rhein. Die zur Hilfe gerufene Feuerwehr und die Wasserschutzpolizei bargen den Körper kurze Zeit später. Bis jetzt steht laut Polizei fest: Bei dem Toten handelt es sich um einen etwa 20 bis 50 Jahre alten und 1,85 Meter großen Mann. (…) Die Leiche konnte noch nicht identifiziert werden.” (NRZ)

“In den Niederlanden ist eine Wasserleiche gefunden worden. Die Polizei konnte die Identität des Mannes bisher nicht klären. Der Mann sei (…) in Waal, einem Mündungsarm des Rheins, gefunden worden, teilte die niederländische Polizei mit. Vermutlich habe er schon mehrere Wochen im Wasser gelegen. Angaben zur Todesursache machten die Ermittler nicht. Möglicherweise stamme der Tote aus Deutschland und sei im Rhein flussabwärts getrieben. Erst vor wenigen Tagen war in den Niederlanden die Leiche eines Mannes gefunden worden, der aus Oberhausen stammte und seit einer Weihnachtsfeier in Düsseldorf vermisst worden war.” (Rheinische Post)

Im Taumelkerbel: der Rhein im Werk von Ida Gerhardt

In den Niederlanden (und auch in der Nordhälfte Belgiens) lassen sich in allen größeren und vielen kleinen Städten Gedichte im öffentlichen Raum entdecken. Sie sind weit überwiegend auf legalem Weg angebracht und auf längere Lebensdauer ausgerichtet. Auf Hauswände gepinselt, plakatiert, in den Boden eingelassen oder auf Befriedungen appliziert: an exponiert-zentraler Stelle oder in der Perfiferie mehr oder minder verborgen bereichern Verse die Stadtbilder. Die seit einem Jahr existierende Website Straatpoëzie dokumentiert und kartografiert diese lyrischen Interventionen. Bis heute sind dort 1729 öffentlich angebrachte Gedichte von 860 verschiedenen Poeten erfasst. Die mit Abstand am häufigsten vertretene Dichterin ist Ida Gerhardt (1905-1997). Gerhardt befasste sich unter anderem mit den Rheinzweigen Merwede, Lek, Waal und Ijssel. In Gorinchem ist einer ihrer Texte direkt ins Merwedeufer eingelassen:

Tekst op een rivierbaken

God weet: ik heb mijn wezen uitgestort
voor wie ik nimmer zag noch ooit zal zien.
Opdracht vol raadselen. Het uur is kort.

Misschien is het erfgenaam nadien,
Wanneer ik zelf tot stof zal zijn verdord.
Een kind dat in dit land geboren wordt.

Die Anbringung in Stein erfolgte noch zu Lebzeiten der Dichterin. In Deutschland praktisch unbekannt, beschäftigen sich in den Niederlanden Bücher und Abhandlungen mit Leben und Werk der Dichterin und insbesondere mit ihren häufig wiederkehrenden Motiven des Wassers (in den Niederlanden das Motiv schlechthin) und des Flusses. Ein unbekannter Fluss, sehr wahrscheinlich ein niederländischer Rheinabschnitt, fungiert bei Ida Gerhardt als Fluss des Vergessens und Transporteur ins Jenseits, das verzweifelte Kind im Taumelkerbel aus diesem Grabstein-Gedicht besitzt, obgleich namenlos, das Potential eines niederländischen Äquivalents zur Loreley:

Klein grafmonument

Dolle kervel, bitterzout,
oevergroei van Hollands Lethe –
hier heeft eens het kind gezeten,
vechtend om de laatste moed.

Dolle kervel, bitterzout,
- vijftig jaren bloeien uw planten -
‘t waarde radeloos langs de kanten,
kervel om de klompenvoet.

Dolle kervel, bitterzout:
tien geslachten zullen weten
hoe een kind, klein maar verbeten
zich de dood at in het bloed.

***

- In einem ausführlichen Essay entlang zahlreicher Zitate beschäftigt sich Henk Vinkers mit dem Wasser- und Flussmotiv in Ida Gerhardts Werk.
- Leben und Werk der Dichterin zeichnet Mieke Koenen in ihrer Gerhardt-Biografie Dwars tegen de keer nach.

Spaltet das Flussland

biesbosch_1Vieles ließe sich sagen zum wirklich letzten Treffpunkt von Waal und Maas, wenn dort auch mittlerweile als Merwede und Amer durch die Gefilde ziehend. Zum Beispiel, dass dieses wässrige Gebiet namens Biesbosch – größtenteils in Noord-Brabant, der Gemeinde Werkendam zugehörend, teilweise auch in Zuid-Holland, innerhalb des Areals der Stadt Dordrecht – 2016 zum viertbeliebtesten Naturgebiet der Niederländer gekürt wurde.
Nur, was soll ich mir da noch den Kopf zerbrechen, mich abrackern, wenn es schon jenes eine Gedicht gibt, in dem Natur, Geografie, Geschichte und Phantasie bündig und verspielt ineinander haken, und zwar das Schlussgedicht von oever drinkt oever, dem zuletzt erschienenen Gedichtband von B. Zwaal (2013):biesbosch_2

spaltet das flußland
der stromschnitt liegt in vollem treiben

werder trugen die weiden
stakten ihre gewässer voran

lastfüße beholzschuhten den fährensteig
asteten sich mit jahrhunderten durch fuhren ab

feuermünder crossten die amer
landeten auf lacrimaestätte

kahne besamen ihre ladungen
häfen dröhnen transito

ufer trinkt ufer
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Ich wüsste kaum, was dem noch hinzuzufügen wäre, außer vielleicht, dass die Bilder hier letzten Herbst aufgenommen wurden, als wenig Menschen da waren. Im Sommer sieht die Lage ganz anders aus. Da gibt sich der von winterlichen Straßenarbeitern nahe des Biesboschmuseums vorbereitete Fremdenverkehr in
biesbosch_4großem Stil dem Genuss hin, einem Großteil der Niederlande nahezukommen, wie der hätte aussehen können, hätte es nie die Kunst der Polder gegeben, die jetzt mit ihrem Agrarland den Biesbosch so gut wie bedrängen. So ist er eine üppig grüne Reminiszenz, ein fröhliches Herumplätschern in der Geschichte, wo drum herum tüchtig gearbeitet wird mit den modernsten Geräten. Die Leute aber sind freundlich, und ihre Brücken zierlich und kunstvoll.
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***
Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein die niederländischen Rheinverzweigungen, diesmal mit einem Gedicht B. Zwaals vor Augen das Naturschutzgebiet Biesbosch.

Maas-Waal-Kanal (2)

II

Glücklicherweise gibt es am selben rechten Ufer, auf der Höhe des nicht weniger rechteckigen Viertels Neerbosch-Oost, noch ansprechende Lyrik im öffentlichen Raum, vom 2015 verstorbenen Dichter H.H. ter Balkt, einem der unbestritten wichtigsten Dichter der modernen, oder gar der niederländischen Lyrik überhaupt, der über Jahrzehnte in genau dem bescheidenen Viertel wohnte, dem er im stählernen Oktogon am Deich folgendes Gedicht widmete:

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Neerbosch-Ost

Unter den Quellwolken und den Flügelschlägen schwebt über
Neerbosch die Musik der Straßen; und von der Nachti-
gall nicht mehr … Öffne aber deine Ohren, und da hörst du die Mu-
sik, von Tango, Bolero, Zimbel und Mazurka.
Finklein zwitschern in den Hecken!
Der Boden der Stadt ist der Boden des Landes, und Luft
ist der Grund des Daseins!
Tschü, prr, weh und hüyet.
Dort wo die Stadt vom Wege abkommt, dort fangen die Dörfer an,
und Märchen fingen so immer schon an … Das Märchen des Fuchses
im Schnee im Waldstück des Barons, und ein Märchen war das
nicht.
Halb Windbö halb Rammbock ruft meine Stimme an einem Ufer
über die Bäume von Neerbosch hinweg: “Stillgestanden!” – hier ging doch
etwa einst Theofano, die Byzantinerin, als Kunst und Kul-
tur in Nijmegen blühten, auch wenn das nur 15 Jahre anhielt, als
es hier noch nicht das Jahr 1000 war.
Ja, unter den beringten Tauben und auch den unberingten
erklingen die Stimmen und wehen die Fuhren Staub!
Werfe die Türen zur Ferne auf, Neerbosch. Deine
zwei Supermärkte empfehlen deinen Gaumen.
Die Welt hat sich in ICH verwandelt, und das Land, in einem Mantel
aus Staub, hält eine Diät aus Wasser und trocknem Brot.
Ja, das Land ist Markt und Geschäft.
Aber egal wie die Gewinner gewinnen, die Vögel bleiben am Singen.
Ost oder West, Neerbosch-Ost das Beste erklingen lieblich und klar
die Sänge in Hecken und Hagen-

Der Name Neerbosch-Oost lässt schon erraten, dass es noch so etwas wie einen westlichen Teil gibt, und zwar Neerbosch selber. Die ehemalige Ortschaft wurde vom Kanalbau durchtrennt, der westliche Teil in den 1980ern noch vom Stadtteil Lindenholt verschlungen. Zur Erinnerung findet man an beiden Deichen, nur wenige Meter vom Ter Balkt-Gedicht entfernt, seit 2011 ein Werk des Künstlers Rob Sweere,

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das die bei vielen Bewohnern anscheinend noch quicklebendige Nostalgie nach dem ursprünglichen Zustand (den keiner selber erlebt haben dürfte) zum Ausdruck bringen soll, die genaue Stelle einer einst durchgehenden Straße anzeigend.

Von solchen Überlegungen unbeeindruckt, führt die Kanalfahrt weiter durch die Nijmegener Gewerbegebiete, wo man erleben kann, wie Schiffe verladen werden,

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bis hin zur (doppelten) Weurter Schleuse, nahe dem aus dem Verkehr gezogenen

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Kraftwerk, worauf schon in der ersten Folge meiner Waal-Erkundung eingegangen wurde.

Weurt selber, das linksufrige Dorf nebenan, gibt zu einem Stilbruch in meiner Schwarzweiß-Reihe Anlass, nicht weil es generell so umwerfend koloriert wäre, sondern wegen eines Privatgartens, der vor Farben nur so strotzt:

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Der Herr mit von Spinnengewebe heimgesuchten Brillengläsern, wohl als Fan der niederländischen Nationalmannschaft gedacht, ist ein einzelnes Beispiel aus einer Vielfalt farbenfroher Puppen (nicht nur menschlicher Gestalt, sondern auch tierischer, etwa ein Purzelbaum schlagendes Schwein) und weiterer Gegenstände, die auf geschätzten achtzig Quadratmetern ein lebhaftes Universum bilden, in dem übrigens auch Elvis Presley seinen Auftritt hat.

Sein Rheinkieselanzug führt unentwegt zum Kanaldeich zurück, denn umso näher ist jetzt der Waal. Auch am nördlichen Kanalende habe ich den Ventjager schon mal aufgenommen, aber es gibt ja noch andere Schiffe auf der Welt, darunter kein geringeres als den Neptun selber. Man könnte meinen, das hier ist doch nur

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die Nummer 2, aber es ist trotzdem nicht irgendein Schiff: Wegen einer Vielzahl umweltschonender Innovationen wurde dies Nijmegener Tankschiff 1997 mit dem Umweltpreis der niederländischen Schifffahrtindustrie ausgezeichnet, und so fährt hier ein wahrhaftiges Vorzeigeschiff am Containerhafen vorbei, sowie am Regelwerk der Schifffahrtaufsicht. Ich wäre allerdings gespannt, ob dort einer mitbekommen hat, was es denn mit dem hinterlassenen Klappstuhl auf sich hat. Denn nein, der Urenkel des Proviantbootbetreibers Karel van der Sluissen ist nicht vor Staunen wegen Neptun 2 umgekippt.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal berichtet er in einem Zweiteiler vom Maas-Waal-Kanal, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 1 handelte u.a. von dessen Erbauung und dem niederländischen Hang zum Quadrangulären.)

Maas-Waal-Kanal

I

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Was ist denn hier los, wo sind wir denn jetzt? Da schien’s doch gerade, als würden wir immerzu in westlicher Richtung weiterfahren, ab Werkendam gen Dordrecht oder so, aber plötzlich hat’s uns wieder weit zurück ins Landesinnere verschlagen, und nicht mal an den Waal, sondern eher näher zur Maas, wozu das Ganze? Da gibt es wohl eine Verbindung zum Waal, denn das sieht hier doch einer Schleuse recht ähnlich; ja, genau, die Schleuse zu Heumen.

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So sieht’s da abendlich aus, als noch ein Schiff vorbeikommt, um zu jenem Strom zu gelangen, von dem hier berichtigt zu berichten ist. Als es um Woudrichem ging, habe ich es so vorkommen lassen, als träfen dort Maas und Waal zum ersten Mal auf einander, aber das stimmt so nicht. Schon viel eher vermischen sich Waal- und Maas-Wassermoleküle, dank eines Kanals, entsprechend auf Maas-Waalkanaal getauft. Über 13,5 Km läuft er von Weurt (am Waal) nach Heumen (an der Maas), Nijmegen dabei durchschneidend. Ringsherum ist wenig los, und ich kenne mich da aus, denn ich wohne keine zweihundert Meter vom Kanal entfernt. Diese Nähe hat mir eine gewisse Faszination mit dem sich allmählich aus seiner Gradlinigkeit herausbiegenden Wasserlauf eingebracht. Schon als kleiner Junge war ich verrückt nach Schleusen; öfters fuhren die Eltern speziell meinetwegen zu den Maasbrachter Schleusen, und auch in meinem Geburtsort Weert konnte ich mich an der weit kleineren Schleuse kaum satt sehen. So wohne ich jetzt schon über dreißig Jahre zwischen der kleineren Schleuse von Heumen und der eindrucksvolleren zu Weurt; und so oft ich den Kanal schon entlang geradelt bin, mag ich immer noch gerne auf das Wasser blicken, das sowohl Maas als Waal ist, gleichzeitig aber weder Maas noch Waal.

Diese Vorliebe könnte teils mit der eigenen Herkunft zu tun haben. Für die Schifffahrt war es ein neuer Ausblick, als der (schon 1862 vorgeschlagene) Kanal nach siebenjähriger Bauzeit 1927 endlich eröffnet wurde. Reichlich spät für meinen Urgroßvater mütterlicherseits (der trefflicherweise Van der Sluissen hieß, Von den Schleusen also), der einst seinen Maas-Kahn für einen Schiffszubehörladen am

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Venloer Kai ausgewechselt haben soll; durch den Kanal hätte er aber nie vorbeikommen können, nie sich freuen, dass er jetzt über Wasser vom Süden heraus das eigentlich so nahe Deutschland weit schneller erreichen konnte; dass Maas und Waal plötzlich hundert Schifffahrtkilometer näher an einander gerückt waren. Das ging einfach nicht, weil er 1902 schon verstorben war. Nun, da bereite ich ihm eben die Freude.

Es ist heute kaum noch vorstellbar, aber bei seiner Eröffnung galt der Kanal (von u.a. C.A.P. Ivens, Vater des Filmemachers Joris Ivens, initiiert) als der geräumigste Binnenschifffahrtkanal ganz Europas. Dafür sollen die Bauarbeiten ein höllisches Unterfangen gewesen sein, wie mir mal ein alter Herr erzählte, der daran noch teilgenommen hatte: Ein wichtiger Teil der Arbeit lief ja noch von Hand, schlecht bezahltes Buddeln tagein tagaus. Dank der Knochenarbeit Hunderter, sowie der Erweiterung in den 1970ern, fahren jetzt die unterschiedlichsten Schiffsarten vorbei, bis hin zu (kleineren) Containerschiffen. Darunter auch ein bescheidenes Schiff mit schlankem Bug, das mich in den vergangenen Monaten schon zweimal zu überraschen vermochte. Seit der ersten Begegnung bei Woudrichem habe ich nämlich schon zweimal den Ventjager durch “meinen Kanal” vorbeifahren sehen dürfen.

Wie hier, an der Maldener Zierziegelfabrik entlang, so wie am Knotenpunkt einiger Wanderrouten unter den üppigen Böschungen des Deiches. Gleich darauf wird der

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Ventjager zwischen zwei schroffen Gegensätzen hindurchfahren müssen: am rechten Ufer der neu eingerichtete Permakulturgarten, wo man in mongolischen

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Zelten seine Ferienbleibe beziehen kann, genau gegenüber von der, am linken Ufer, zum Himmel stinkenden und schon seit Jahren umstrittenen Nerzfarm.

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Anderseits, weit danebengeschossen ist diese Nähe nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass Pelzmäntel in der Mongolei genauso zum Nationalerbe gehören wie die jetzt unter Veganern und weiteren Naturfreunden so beliebten Jurten.

So sieht man: Noch zwischen anscheinend weit auseinanderklaffenden Gegensätzen lässt sich immer eine Brücke errichten. Davon sind die ganzen 13,5 Kilometer des Kanals mit nicht weniger als acht Stück ausgestattet, wie zum

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Beispiel die neben der Anlegestelle, wo jährlich Sankt Nikolaus meinen Stadtteil besuchen kommt, das ehemalige Dorf Hatert, das dem Bau der Brücke 1970 sowohl Kirche als Kneipen opfern musste.

Kurz darauf trifft man aufs Bootshaus des Studentenrudervereins Phocas. Die Mitglieder Nelleke Penninx und Annemarie van Rumpt gewannen zwischen 1995 und 2004 mehrere Bronze- und Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften und Olympiaden: bislang die Höhepunkte der Vereinsgeschichte. 2018 wird der Verein zur neuen Waal-Nebenrinne umsiedeln. Jetzt aber wird noch den Kanal entlang eifrig gerudert, auch an Libellen vorbei, die sich im Sommer unter den hohen Eichen des Deiches an Blüten ergötzen.

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Dies wiederum soll nicht heißen, dass die Umgebung insgesamt arkadisch ist: Am linken Ufer gegenüber findet sich der in den 1970ern erbaute, von Bäumen mittlerweile gut verhüllte Stadtteil Dukenburg. Wie ich mitbekommen habe, ist nicht jeder Deutsche von der Schönheit der Stadt Nijmegen überzeugt, aber da war

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man wohl noch nie in Dukenburg, wo das Rechteckige einige seiner schlimmsten Siege eingefahren hat. Hatert ist da nicht wesentlich schöner, wenn auch von keinem geringeren als Gerrit Rietveld mitentworfen – der sich aber bald gegen die muffige Richtung des Projektes sträubte und zurücktrat.

(Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stellt er in einem zweiteiligen Portrait den Maas-Waal-Kanal vor, der unweit seiner Nijmeger Wohnung verläuft. Teil 2 mit Elvis Presley und einem fulminanten Gedicht über Neerbosch-Oost folgt in Kürze.)

Gorinchem: eine Route voller Gefahren

Jetzt rüste dich, Leser: Der Waal beheimatet auch Verbrecher und Gefangene, wenn auch beide Kategorien sich nicht unbedingt decken, und die Haft nicht notwendigerweise in den Niederlanden vollzogen wurde.

Zwei Fälle entgegengesetzter Schicksalsrichtung haben mit Fähren zu tun, die es beide so nicht mehr gibt. Der eher fröhliche liegt schon fast vier Jahrhunderte zurück, der finstere ist bloß dreißig Jahre her, und immer noch von Geheimnissen umwoben.gorinchem_1Dem widmen wir uns hier mal zuerst. Am linken Waal-Ufer beim Dorf Brakel sieht die heutige Fähre noch recht unschuldig aus; an der anderen Seite aber, bei Herwijnen, verlässt zwar wohlgemut eine junge Frau bei dreckigem Wetter das treuherzig Tag ein Tag aus hin und zurück fahrende Gefährt, aber genau dort gorinchem_2rollte 1985 ein Benzinfass in den Fluss, um dann an einem hervorstechenden Stein stecken zu bleiben. Bald kam man zu der Entdeckung, dass kein Benzin drin war, sondern wenig fachgerecht gemischter, somit noch körniger Beton um eine Leiche herum. Bis auf den heutigen Tag sind die genauen Umstände den Justiz-Sachkundigen entschlüpft, der Tote aber war leicht zu ermitteln, wo er doch kurz zuvor Weltmeister im Kickboxen geworden war.

Damit aber nicht genug: Auch war dieser André Brilleman zu Lebzeiten als Leibwächter des Amsterdamer Drogenbarons Klaas Bruinsma tätig. Dieser aufgrund seiner Pedanterie auch unter dem Spitznamen “Der Vikar” bekannte Herr wird allgemein als der Vater des betriebsmäßig organisierten niederländischen Drogenhandels betrachtet: Seine Bande lieferte ihren Stoff weit über die Landesgrenzen hinaus, darunter natürlich auch nach Deutschland. 1991 erlag der Vikar einer Schießerei, deren Motive bis auf den heutigen Tag unaufgeklärt geblieben sind, wäre es nur weil der Hauptverdächtige selber einige Jahre später einem weiteren Mordanschlag zu Opfer fiel. Somit wird wohl auch auf ewig im Dunkeln bleiben, wer denn genau Brilleman einzubetonieren versucht hat. Nach allgemeiner Annahme soll Bruinsma selber dahintergesteckt haben, nur bezüglich der genauen Beweggründe gehen die Meinungen aus einander. Im Netz findet sich aber ein ausführlicher Leserkommentar aus 2011, der erschreckend genau die Umstände des Mordes beschreibt, fast als wäre der Autor selber dabei gewesen. Dem zufolge soll die Tat von angehenden Drogenbaronen aus Gelderland verübt worden sein, die sich mit Bruinsma zu assoziieren vorhatten, sich von Brilleman beim unangefochtenen König des Milieus einführen ließen, von dem aber zutiefst erniedrigt und misshandelt worden sein sollen, wofür dann Brilleman den Kopf hinhalten musste. Auch sollen sie mit den zuständigen Ermittlungsbehörden verstrickt gewesen sein, die sich von ihnen gerne hätten beschenken lassen. Im Kommentar werden sie nur mit Spitznamen angedeutet: “Der Alleswisser”, “Der Zwiespaltmacher”, “Der Kommissar”, “Der Vierte Blödmeier”. Aber wenn denn die Geschichte stimmt, wird allmählich schon fraglich, ob der Autor des Kommentars selber noch unter uns weilt. Vielleicht hat man für ihn doch noch irgendwo sachkundige Betonmischer aufgetrieben.

gorinchem_3Einige Kilometer flussabwärts errichteten Ende des 14. Jahrhunderts Bauarbeiter eine Burg für den Ritter Dirk Loef van Horne. Dieses daher Loevestein genannte Schloss wird heutzutage als Schauplatz für Events zur Wiederbelebung des Mittelalters touristisch vermarktet, nur wird wohl keiner auf die Idee kommen, die blutrünstigen Vorzüge des ursprünglichen Bauherren wahrheitsgetreu nachzuempfinden. Und auch die weitere Geschichte des Baus ist nicht halbwegs so romantisch wie man sie erscheinen lässt: Ab Ende des 16. Jahrhunderts bis hin zu 1831 diente das erweiterte Schloss als niederländisches Staatsgefängnis. Der unfreundliche Steinklotz zwischen den Weihern der Munnikenland genannten idyllischen Landzunge, die aufs Zusammenfließen von Waal und Maas hinausläuft, lag, zu jener Zeit als er als Gefängnis eingerichtet wurde, noch direkt an der niederländischen Grenze, und zwar: an der Maas, von deren Seite her er hier aufgenommen worden ist. Im niederländischen Geschichtsunterricht ist Slot Loevestein aber nicht ganz umsonst ein Klassiker: Ihm vermochte ein um sein Befürworten der Religionsfreiheit Inhaftierter 1621 in einer Bücherkiste auf der damaligen Fähre zum nahegelegenen Gorinchem seiner Gefangenschaft zu entschlüpfen. Das war kein geringerer als Hugo de Groot, Urvater des modernen Völkerrechts. Weniger Aufmerksamkeit aber genießt die Tatsache, dass hier 1650 kurzweilig die Deputiertenfraktion von Johan de Witt inhaftiert wurde, die sich – wahrhaftig republikanisch – gegen die politische Vorherrschaft der adligen Oranje-Familie zu Wehr stellte. Somit ist Loevestein schon fast als Symbol niederländischer Zwiespältigkeit jeglichem demokratischen Begehren gegenüber geltend zu machen: Nur unter der Ägide der Oranjes waltet hier die politische Freiheit.
gorinchem_4Aber immerhin, De Witt und seine Männer fuhren nun mal nicht in einer Bücherkiste am Punkt des Zusammenfließens der beiden Flüsse, am Anfangspunkt der Merwede vorbei, wo gute 360 Jahre später der Kahn “Ventjager” wieder sein Bestes gab, den Fluss vor Versandung zu bewahren, bevor er sich dann, wie vom vorigen Bild bezeugt, zum Dorf Lith an der Maas auf den Weg machte, um den Sand, mit dem er erschreckend schwerbeladen ist, abzulagern, als Rohstoff mehr oder weniger sachgerechter Betonherstellung etwa. (Fortsetzung folgt.)

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Diesmal stößt er in einem Zweiteiler bei Gorinchem auf Verbrechen (Teil 1) und Koreanisches (Teil 2).

Die Brücke von Arnheim (2)

arnhem_die brücke von arnheim_2Die John Frostbrug über den Nederrijn ist in Deutschland über den Umweg Hollywood bekannt als “Die Brücke von Arnheim”. Benannt wurde die Brücke nach dem britischen Generalmajor John Frost (im Film dargestellt von Anthony Hopkins), der ihr Nordende mit seinen Fallschirmjägern im Rahmen der Operation Market Garden gegen eine deutsche Übermacht einnahm und zeitweise verteidigte. Heute überqueren in Arnhem vier Brücken den Nederrijn, der touristische Fokus liegt deutlich auf der John Frostbrug, die das Zentrum mit den südlich gelegenen Stadtteilen verbindet. Die pinkfarbenen Radler weisen auf den Giro d’Italia, dessen zweite und dritte Etappe dieses Jahr abwechselnd Start und Ziel in Arnhem und der am südlichen Rheinarm Waal gelegenen Nachbarstadt Nijmegen nahmen.

arnhem_die brücke von arnheimAm nördlichen Brückenende sind Schautafeln und ein Weltkriegsgeschütz aufgestellt, die über die Wendungen und Zerstörungen der Schlacht um Arnhem informieren.

arnhem_die brücke von arnheim_3Spiegelfragiler Brückenaufbau in den Scheiben eines Gebäudes an der Rijnkade, der Arnheimer Uferpromenade.

arnhem_die brücke_strichcodeAuf rätselhafte Weise applizierter Strichcode am nördlichen, im Wasser stehenden Stützpfeiler. Den Pfeiler zu sprengen war im Krieg ein Job, von dem keine Rückkehr eingeplant war.

Nijmegen (3)

nijmegen_mauerrotNijmegen ist, eine in rheinischen Höhen und Niederungen seltene Kombination, klassisch katholisch und zugleich politisch so rot, daß es, in den Niederlanden, als La Habana der Niederlande bezeichnet wird.

nijmegen_the non beingRund ein Viertel der Einwohnerschaft Nijmegens besteht aus Studenten, der akademische Grundanstrich äußert sich u.a. im derzeitigen Trend des Heideggerrauchens: dafür werden “Onto” genannte, zu zigarrenähnlichen Gebilden gerollte Buchseiten aus “Sein und Zeit” inhaliert, um danach zur Aktion überzugehen.

nijmegen_harter winterRhein wird in Nijmegen übrigens nicht gesagt. Der Nimweger und die Nimwegerin gehen eindeutig und ausschließlich an die Waal – der Rhein fließt (als Nederrijn) in der wenig geliebten, von der Anhöhe des Valkhofs in Sichtweite gelegenen Nachbarstadt Arnhem. In Nijmegens Innenstadt ist die Waal nicht sonderlich präsent, an der Waalkade, der Flußpromenade, ist wiederum plötzlich die unmittelbar angrenzende Stadt vergessen. In einer kleinen Torbogen-Unterführung, die Stadt und Fluß verbindet, lungern zwei Jugendliche, konsumieren Ontos und unterhalten sich in unfaßbaren Schachtelsätzen, die nachhallen, dieweil wir uns im Zickzackkurs durch das allgegenwärtige Backsteinrot auf den Rückweg machen. Zum Abschied grüßt, an dieser Stelle überaschend, der zugefrorene Fluß von einer Schautafel am Bahnhof, die so ungeschickt plaziert ist, daß wir auf die Umrandung eines Hochbeets steigen müssen, um an die dargestellten Informationen zu gelangen.

Nijmegen (2)

nijmegen_wilma graat“Zij de het weten komen hier haring eten” lautet der Slogan von Wilma Graat, einem von mehreren Fischständen auf dem Samstagsmarkt, wobei sich im Niederländischen “wissen” perfekt und bedeutungsschwanger auf “essen” reimt. Die auf dem Bild zu erblickende Heringsbox steht separat neben dem großen mobilen Laden mit Meeresfischauswahl, der zugleich, wie in den Niederlanden üblich, als Fischbraterei dient. Vor dem Wagen hat Wilma Graat drei Stehtische aufgestellt, eine Plane schützt vor Aprilwetterscherzen. Der Stand ist beliebt, die Kundenschlange reißt nicht ab: gemächlich aber stet wandern Fischbrötchen und Kibbeling-Portionen über den Tresen. Den für eine Fischhändlerin passend-unpassenden Namen Graat (deutsch: Gräte) faßten wir als Lockmittel auf, das Schicksal herauszufordern, nachdem wir auf Ko Tao einst beinahe an einer Gräte erstickt wären.

nijmegen_innenstadtHäufig kam uns zu Ohren, daß Nijmegen eher unter die häßlicheren Städte des Rheinsystems zähle. Den Eindruck können wir nicht bestätigen. Zwar existieren in den Niederlanden zahlreiche zurecht als attraktiver geltende Städte, doch bietet Nijmegen, das bisweilen ein wenig künstlich und an einigen Stellen wie aus Bauklotz-Sondereditionen zusammengesetzt wirkt, genügend angenehme Ecken und Perspektiven, insbesondere im Vergleich mit vielen deutschen Städten ähnlicher Größe. Bis vor wenigen Jahren noch soll das Zentrum voller häßlicher Flecken gewesen sein. Im April 2016 wirkt es wie neugemacht und frisch geleckt. Vielleicht weil Nijmegen sich auf den Radrennzirkus Giro d’Italia vorbereitet, der Anfang Mai für zwei Tage in der Stadt gastieren und insgesamt drei Etappen lang durch die umgebende Provinz Gelderland verlaufen wird. Zur Giro-Vorbereitung sahen wir bereits allerlei Klimbim wie die goldene Säule mit den historischen Siegernamen, das Trikotrosa des Führenden in der Gesamtwertung und lautstark kommentierte Langsamfahrwettbewerbe mit dem Fahrrad in der Fußgängerzone aufblitzen.

nijmegen_babyheadDie verzweigte Fußgängerzone ist kräftig bevölkert, das Tempo ebenso gemessen wie die Freundlichkeit der Einwohner: Nijmegen präsentiert sich als wohltemperierte, an diesem Tag allerdings von untypischen Böen heftig gerüttelte Stadt. Beim Streifen durch Haupt- und Nebenstraßen werden wir unvermittelt aus einem unverhangenen Fenster beim Staunen bestaunt – innere Musik hebt an und alte Songzeilen gehen uns durch den Schädel: “Look out of your windows, watch the skies / read all the instructions with bright blue eyes” und “Old eyes in a small child’s face / watching as the shadows race / through walls and cracks and leave no trace / and daylight’s brightness shuns”.

Zaltbommel: Schriftsteller und Gespenster

Ohne Händedruck geht’s nicht im Fußball. So läuft’s auch beim Zaltbommeler Amateurverein N.I.V.O.-Sparta, der größte der Region Bommelerwaard, der bald zu einem zeitgemäßeren Gelände wechseln wird. Ausrangierte Tore sind zur Seite gestellt, ausgemusterte Materialien, wie zum Beispiel die Korbwagen, sind käuflich zu erwerben; die Trainingsplätze hingegen werden nur von der Fläche her zurückgelassen. Der Graswuchs ist von solcher Qualität, dass man die Böden zur Grundlage der neuen Plätze abzugraben vorhat.

Solches Unterfangen wirkt schon fast, als wäre da ein einfallsreicher Schriftsteller mit im Spiel gewesen, und tatsächlich, Vorstandsvorsitzender des Vereins war über längere Zeit ein Schriftsteller – der später maßgeblich an der Errettung des Traditionsvereins FC Den Bosch (aus ’s-Hertogenbosch) beteiligt war, zu der Zeit, als sich dort ein junger Ruud van Nistelrooij im Mittelfeld versuchte.
Dieser Jan Schouten verfasste damals aber noch keine Belletristik, sondern einflussreiche Sachbücher zu Themen wie soziale Kompetenz, Management, später zum Rheinischen Kapitalismus; wirkungsvoller noch ist die von ihm mit gegründete Firma, die sich über die ganze Welt verbreitet hat, ohne dafür den Hauptsitz in der alten Kleinstadt am Waal aufzugeben.

Dieses Schouten & Nelissen bietet Trainingsprogramme zur persönlichen Entwicklung als Grundlage für erfolgreiche Unternehmen an. Erste Anregung dazu fand der Diplompsychologe Schouten bei Experimenten in englischen Kohlebergwerken, die belegten, wie sehr informelle Betriebsstrukturen das Wohlergehen der Mitarbeiter fördern. Wer seine persönlichen Möglichkeiten nicht nach Abteilungen abgeschottet sieht, entwickelt sich freier und findet sich im sozialen Umfeld bequemer zurecht. Schoutens Hauptanliegen war die psychotherapeutische Komponente; später stellte sich heraus, dass derart strukturierte Betriebsamkeit auch wirtschaftlich ertragreicher ist, eine Einsicht die mit zur Idee des Rheinischen Kapitalismus beitrug. Auch wenn dieser Begriff an die Wirtschaftsordnung der Bonner Republik gemahnt, könnte man schon fast meinen, dass er auf Zaltbommel am Waal zurückverweist – als hätten im ehemaligen Schulgebäude von Schouten & Nelissen Philips und Marx wieder zu einander gefunden.

Jan Schouten, der, wenn auch im Rentenalter, gerade wieder ein Online-Projekt mit Kursen für weniger Betuchte herausgebracht hat, wirkt bei persönlicher Begegnung als ein leidenschaftlicher, nichtsdestotrotz bescheidener Mensch. Sein öffentliches Werben fürs Training sozialer Kompetenzen als gesellschaftlich relevant ab den 1970ern rühre sogar daher, dass es ihm selber an solcher gefehlt habe. Seine auf die Außenwelt visierte, geschäftliche Laufbahn sei mit der Empfindung einer inneren Einsamkeit einhergegangen, deren Grillen im Kopf ihm nur literarisch zu bewältigen erschienen.
Da betrifft es nicht unbedingt persönliches Wirrsal. Sein 2015 erschienener zweiter Roman De aanjagers greift ein verdrängtes Kapitel der jüngeren niederländischen Geschichte auf. Die Heldin Maria hat sich in heutiger Zeit den Spätfolgen zu stellen, die ihr eine selber nicht erlebte tragische Liebesgeschichte aus den ersten Nachkriegsjahren eingebracht hat. Herbeigeführt war die von der “Operation Black Tulip”, als der niederländische Staat aus Rachegelüsten eine größtmögliche Anzahl deutscher Staatsbürger in Nijmegener und Arnhemer Transitlager zusammenzuführen und abzuschieben versuchte.
Dieses Schicksal traf nicht nur Nazis und Nazi-Mitläufer, sondern auch solche, die mehr oder weniger aktiv Widerstand geleistet hatten, von ihrem Umfeld nie als Deutsche wahrgenommen, oder gar als Juden in die Niederlande geflüchtet waren – so wie in Schoutens Roman der Fall. Insgesamt wurden 3691 Deutsche abgeschoben. Die damit einhergehenden, oftmals gravierenden Ungerechtigkeiten wurden u.a. vom Erzbischof Jan de Jong (zu Kriegszeiten führende Stimme des Widerstandes) angeprangert, was mit zur allmählichen Einstellung des Programms, sowie zum späteren Totschweigen geführt hat. Die Heldin aus Schoutens Roman, die sich betont als Frau von Welt durch die Geschichte bewegt, wirkt als Sinnbild einer Gesellschaft, die sich in Äußerlichkeiten verliert ohne sich der eigenen Schuld an Ausgrenzung von Unschuldigen stellen zu wollen – was Maria letztendlich doch noch hinkriegt, als Vorbild für viele im Hier und Jetzt.

Ein anderer Zaltbommeler Schriftsteller heiratete selber eine rumänische Jüdin mit deutschem Pass um sie vor Inhaftnahme zu schützen. Da lebte dieser Johannes van de Walle (1912-2000) aber noch nicht im Zaltbommeler Bau namens De Trippen von 1610,

sondern als Journalist in der niederländischen Kolonie Curaçao, wo 1940 deutsche Staatsangehörige vorsorglich inhaftiert wurden. Da Curaçao nie von den Deutschen besetzt wurde, dauerte ihre Haft bis zum Kriegsende, woraufhin sie in die oben erwähnten Transitlager verlegt wurden. Genauso hätte es der Frau Van de Walle ergehen können.
In den Jahren 1942-1946, als Van de Walle selber von der niederländischen Exilregierung beauftragt war, die Bewohner der damaligen Kolonie Surinam zu den Kriegsumständen in den Niederlanden aufzuklären, geriet er von der Kolonialherrschaft immer tiefer angewidert. Bei seiner Heimkehr in die Niederlande wurde ein von ihm verfasster Bericht, der fürs allgemeine Wahlrecht in den Kolonien plädierte, nicht dankend abgenommen. Mehr noch als zuvor in den Kolonien, wurde Van de Walle zum Fremden im eigenen Land.
Seine fünf, zwischen 1956 und 1963 erschienenen Romane setzen sich mit dem Kolonialismus auseinander, aus der Perspektive hellhäutiger Außenseiter heraus, die sich mit den Umständen zurechtzufinden versuchen. Mal betrifft es Missionare, mal Goldgräber oder auch Großgrundbesitzer zu Zeiten der Abschaffung der Sklaverei. Van de Walle wird nachgesagt, sein Schreiben mache auch den Leser zum Außenseiter: Dies hat ihm nur ein beschränktes Interesse der niederländischen Leserschaft eingebracht, die sich eh kaum um die Umstände in den westlichen Kolonien scherte. Dort hingegen wurde er fleißig gelesen. Eine Neuauflage seiner Werke in den 1990ern brachte ihm ein denkwürdiges Fernsehinterview ein, führte aber erneut nicht zu allgemeiner Anerkennung, auch wenn er von der Kritik als Vorläufer von Gabriel García Márquez geehrt wurde. So gilt es nach wie vor, ihn zu entdecken.

Ein dritter Schriftsteller hält sich zur Entdeckung in einer Zaltbommeler Dachrinne bereit.

Die Betonskulptur zeigt ihn voll konzentriert bei der Arbeit, der er über Jahrzehnte nachgegangen ist, bevor er sich in der Dachrinne zu Ruhe setzte. Hier ist tatsächlich keine Phantasiefigur dargestellt, sondern die reale Person des Amsterdamer Sportjournalisten Ed van Opzeeland. Als erster niederländischer Fußballreporter vertrat er der Meinung, Zeitungen sollten sich nicht mit der bloßen Wiedergabe der Ergebnisse wichtiger Spiele begnügen: So fuhr er 1956 nach Paris, als dort das erste Europapokal-Endspiel ausgetragen wurde. Keine niederländische Zeitung zeigte sich aber interessiert, dem von ihm verfassten Bericht (zu Real Madrid : Stade de Reims 4:3) in ihren Kolumnen Platz einzuräumen. 1966 war das schon anders: Da landete er seinen größten journalistischen Coup, als zum ersten Mal ein niederländischer Verein es in die zweite Runde des Europapokals schaffte. Nach dem legendären, bei dichtem Nebel ausgetragenen Spiel in Liverpool, wo Ajax Amsterdam den FC Liverpool 5:1 zu schlagen vermochte, fügte er seinem Interview mit Ajax-Coach Rinus Michels eigenständig den Satz “Fußball ist Krieg” hinzu, der dann über Jahre weltweit als der von Michels gemünzte Inbegriff der (mittlerweile ins Stocken geratenen) niederländischen Spielauffassung galt. Im Übrigen hat Van Opzeeland, Verfasser von mehreren Büchern zu Sportthemen und öfters mit dem berühmten Fotografen Ed van der Elsken unterwegs, auch den Namen “Studio Sport” ausgedacht, das niederländische Pendant des Aktuellen Sportstudios.

Sein eigenes Dachrinnenpendant ist ein Werk des Künstlers Joris Baudoin,

lange in Zaltbommel, jetzt im nahegelegenen Heerewaarden wohnhaft. Es ist auch beileibe nicht die einzige Betonskulptur, mit der Baudoin (auch gerne als Joris Beton bezeichnet) eine Zaltbommeler Dachrinne ausgestattet hat: Seit 1994 hat er so viele solcher “Rinnengespenster” (“gootspoken”) hergestellt, dass eine spezielle Wanderroute des örtlichen Fremdenverkehrsamts an ihnen entlang führt. Sogar tauchen sie mittlerweile auch außerhalb Zaltbommels auf, bis hin nach Deutschland und Frankreich.
Anregung zu seinen poetisch-skurrilen Betonüberraschungen fand Baudoin bei den üppigen Figuren, mit denen die gotische Sankt-Johannes-Kathedrale in ‘s-Hertogenbosch ausgeschmückt ist. Die eigenen werden von ihm immer nach Maß des jeweiligen Baus und Auftraggebers hergestellt, mit einer bunten Palette zufolge. So gibt es Affen, Beginen, spielende Kinder, einen Korbflechter, ein Nilpferd, einen Drachen, Cupido, Schilfgespenster, einen Zahnarzt, eine zeigende Frau, und und und – so wie auch diesen Fotografen,

der bei Instandsetzungsarbeiten etwas nach unten weggesackt sein soll. Sein Einfassen der Welt findet aber unabänderlich in der Rinne des Fotogeschäfts statt, wo Baudoin regelmäßiger Kunde war, als er täglich die Fortschritte beim Bau der Nijhoff-Brücke fotografierte: Aus insgesamt 700 Dias stellte er einen anderthalbminutigen Filmstreifen her, in dem sich die Brücke in Windeseile errichtet.
Solches Durchhalten bezeugt die präzise Vorgehensweise Baudoins. Ohne jede Menge Skizzen und genaue Überprüfung der gewünschten Stelle gibt es keine Rinnengespenster. Auch ist die Platzierung der Skulptur nicht immer ohne Gefahr:

Dieses vergoldete Ferkel zum Beispiel konnte Baudoin nur im Korb eines Mastwagens mit Todesverachtung an Ort und Stelle bringen. Das Schwein, eigentlich gedacht als Geschenk zum vierzigsten Geburtstag des Kneipeninhabers, ließe sich übrigens auch getrost als ein Prosit betrachten auf die Zeit bis 1933, als die Hauptverkehrsstraße zwischen Utrecht und ‘s-Hertogenbosch, mit Inbegriff der örtlichen Waalfähre, noch durch Zaltbommel lief. Zur Erholung der Reisenden gab es damals am Markt gute sechzig Kneipen, weit mehr als heutzutage noch der Fall.
So umrunden wir jetzt noch mal die Ecke in Richtung Waal, dort wo es die Fähre gab: Unterwegs begegnen wir einem weiteren Baudoin-Gespenst, angeregt von einer versuchten Plastiknachahmung auf dem Dach der Frittenbude “Restauratie Tigo”: ein Fußballer im Tenue des Nijmegener Eredivisionisten NEC, Lieblingsvereins des Inhabers. Auf Geheiß von dessen Ehefrau hat Baudoin dem einen NEC-Fan hinzugefügt. An Tigo-Fritten ißt der sich gerne richtig satt.

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Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den – oder wie es heute häufiger in Gebrauch ist: die Waal, einen der niederländischen Rheinabschnitte. Hier zum zweiten Mal das Städtchen Zaltbommel.
(Zum Flußgeschlecht des/der Waal eine kurze Anmerkung: die deutsche Wikipedia weist die Waal als weiblich aus. In älteren Quellen hatten wir zuvor nur den männlichen Artikel gefunden. In französischer und spanischer Sprache ist der niederländische Rheinfortsatz jeweils männlich. Im Niederländischen ist de Waal weiblich, die männliche Bezeichnung zugelassen, der niederländische Artikel lautet im Maskulinum und Femininum gleich.)

Zaltbommel

zaltbommel_1Der brave Bursche marokkanischer Herkunft hat gerade Brot geholt bei der Bakker Bart-Filiale in Zaltbommel. Bakker Bart ist eine (aus Nijmegen stammende) Ladenkette, die mittlerweile das ganze Land überspannt. Sich dort als marokkanische Familie das Brot zu besorgen, darunter auch ein Brot typisch niederländischer Machart, kann man getrost als Anzeichen gelungener Integration bezeichnen.

Dies ist umso bedeutungsvoller in einem Ort wie Zaltbommel. So um 2010 herum gab es da jede Menge Wirbel und Besorgnis wegen einer Truppe junger Kerle marokkanischer Herkunft, die herumrandalierten und Frauen belästigten. Sie trieben es sogar so weit, dass sie den Bürgermeister bedrohten, der sich sehr negativ über sie geäußert hatte (er verkündete sogar die nie nachgewiesene Mär, die Kerle versuchten sich als sogenannte Loverboys Grundschülerinnen gegenüber). Natürlich war ihr Verhalten nicht in Ordnung, nur war die einseitige Fokussierung auf die marokkanische Komponente das auch weniger. Polizeiangaben zufolge gab es zu jener Zeit 276 kriminell auffällige Jugendliche in der Gemeinde, davon aber nur 38 marokkanischer Herkunft. Die übergroße Mehrheit entstammte also dem alteingesessenen Klientel des Bakker Bart. Solche Kerle aber galten zum verschmitzten Vergnügen ihres Umfelds vielleicht eher als bescheidene Fortsetzung der blutrünstigen Tradition des Maarten von Rossum, der ja hier geboren wurde, und auf den die Stadt immer noch stolz ist. Mittlerweile wohl auch auf die Teilnehmer der sogenannten “Vierteleltern”-Initiative, die seit einigen Jahren jeden Samstagabend ihre Runden läuft, um jeglicher kriminellen, jugendlichen Energie zuvorzukommen. Die wichtigste, von diesen Eltern gewonnene Erkenntnis: Die Jungs brauchen mehr Fußballplätze. Bemühungen in diese Richtung haben bislang offensichtlich gereicht: Es hat sich, auf angehender Schwerverbrecher-Ebene, in den letzten Jahren kaum noch etwas getan. Die Gerüchteküche brodelt, aber nie gibt es Ernsthaftes zu berichten.
Dass die Zaltbommeler Jungmarokkaner es nicht im Entferntesten so weit treiben wie die des Amsterdamer Bandenkrieges, wobei kürzlich einer sogar geköpft wurde, den Kopf dann aufgespießt bekam, kann man nur begrüßen. Aber wie wäre es mal mit einem Bürgervater, der nicht gleich schmutzige Sexualfantasien in die Welt hineinkatapultiert, auch nicht als ein wahrhafter Maarten van Rossum “Schlagt sie zusammen!” ruft, wenn es um Ladendiebe geht? Der Herr ist immer noch im Amt.

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Das könnte vielleicht mit der Verträglichkeit neuen Stils zu tun haben, die zu erleben man am Waalufer aufgerufen wird. Aber doch eher nur in dem Sinne, dass auch der Bürgermeister hin und wieder Gast sein dürfte bei “De verdraagzaamheid”, denn so heißt das in der Stadt führende Restaurant hier. Und auch die im Pflaster versenkte Aluminiumfigur vom Künstler Marcel Smink verweist nicht auf diese Affäre, sowie auch ihre Hand nicht grapscht: Sie zeigt die Höhe der neu errichteten Wasserschutzanlage an, geschmückt mit dem hier übersetzten Gedicht von Willem van Toorn:

Zwischen Stadt und Fluß möchte das Auge eine Grenze
gezogen sehen die klar andeutet wo
Schönheit in Gefahr hinüberfließen kann.
Wer aber das Maß überschreitet entnimmt dem Menschen

seine Sicht aufs Leben selber. Beim Verlassen
der Stadt durchs Tor möchte ein Bewohner Wasser
erleben, Schiffe, Deichvorlände
und über allem das Glänzen aus der straff

gespannten neuen Brücke. Keine Mauer
die den Anschein neuer Sicherheit verspricht
wird dem Auge dieses Strömen vorenthalten:
immer gleich und immer anders – der Fluß.

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Im Deichvorland hat der Junge im Pflaster noch einen Bruder, der genau dasselbe macht wie er, wobei er auf die Brücke Ausschau hält, von der im Gedicht von Van Toorn die Rede ist. Für literarische Bezüge hätte sie dieses Gedicht nicht mal gebraucht. Nicht von ungefähr wurde sie auf den, als es um Tiel ging, schon mal erwähnten Dichter Martinus Nijhoff getauft. Der nämlich schrieb in den 1930ern einen weiteren Lyrikklassiker, oder doch wenigstens eine der allerberühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur:

DIE MUTTER DIE FRAU

Ich ging nach Bommel um die Brücke zu sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Seiten gegenüber
die einst sich zu fliehen schienen
werden wieder zu Nachbarn. Gute zehn Minuten
wo ich da lag, im Grase, mein Tee getrunken
mein Kopf von der Landschaft weit und breit erfüllt–
Da wurde mir mitten aus der Unendlichkeit heraus
eine Stimme gewahr, dass mir die Ohren ertönten.

Es war eine Frau. Das Schiff, auf dem sie fuhr kam
gemächlich stromabwärts durch die Brücke gefahren.
Sie war alleine am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie da sang, ich hörte es waren Psalmen.
Ach, dachte ich, ach, fuhr doch meine Mutter dort.
Lobe Gott sang sie. Bewahren wird Dich Seine Hand.

Die kleine alte Festungsstadt hat nebst Van Rossum und Nijhoff noch ein weiteres Wahrzeichen mit Bezug auf Sankt Martin, und das ist natürlich die Sint Maartenskerk. Ohne dessen stumpfen Turm ließe sich Zaltbommel kaum denken. Als ich klein war, war’s mir sogar, als gäbe es dort nur diesen einen Turm. Ich hatte ein Buch mit Aquarellen von niederländischen Kirchtürmen: Besonders der Zaltbommeler Turm war so dargestellt, als täte das menschliche Umfeld gar nicht zur Sache.
Das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft ist auch in Zaltbommel entschieden gekippt; auch hier, in der ehemaligen Grenzfestung der protestantischen Republik der sieben vereinigen Niederlanden, ist die Kirche in den Hintergrund gerückt.

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Die evangelische Sint Maartenskerk wird heutzutage sogar für nicht-kirchliche Eheschließungen zur Miete angeboten. Nichtgläubigen wünschen sich anscheinend doch den Anschein irgendeiner Transzendenz beim großen Lebensschritt, während Kalvinisten (nach gut niederländischer Tradition) eben auch über die Runden kommen müssen.
Ortsgerecht ist es aber auch deswegen, weil es in der Welt ohne Zaltbommel vielleicht nicht mal jenes eine Buch geben würde, das wie kaum ein anderes die gesellschaftliche Rolle des Geldes und des Kapitals unter die Lupe genommen hat: Das Kapital von Karl Marx wurde teilweise hier geschrieben, und zwar im weißen Haus im Hintergrund des Bildes.

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Da war Marx öfters zu Gast bei seiner aus Nijmegen gebürtigen Tante Sophie Presburg, die mit dem ortsprominenten Tabakhändler und -fabrikanten Lion Philips verheiratet war. Dessen Sohn Frederik sowie die Enkel Gerard und Anton Philips standen später an der Wiege des Philips-Konzerns. Die lebensfreudige Gangart der jungen Dame, die zuvor zusammen mit ihrer Familie die Plakette am Haus studiert hatte, muss also nicht unbedingt zu Ehren von Karl Marx gemeint gewesen sein. Vielleicht ist sie schlichtweg Fan vom Fußballer Luuk de Jong, der ohne die ehemalige Philips-Betriebself der PSV Eindhoven vielleicht nie seine fehlgeschlagene Auslandskarriere hätte gutmachen können.
Vielleicht schafft auch der brave junge Brötchenkäufer es irgendwann dorthin.
Oder aber er fragt sich, wieso denn gerade in einem Ort, wo Marx tätig war, Marokkaner nur über den sportlichen Weg zum Einklang mit der Gesellschaft zu bewegen sein sollten, während doch ein großer Teil der hellhäutigen Gesellschaft sich kaum beeindruckt zeigt vom ständigen Fluss neuer Jungprofis marokkanischer Herkunft, die sich auf niederländischen Fußballplätzen zu behaupten versuchen. Man könnte, nur mal eine Idee, für sie ja auch eine Lese-, ja gar Schreibegruppe gründen. Das könnte auch mal, sogar noch umso nachhaltiger, dazu beitragen, dass sie sich weniger als gesellschaftlichen Müll ins Abseits gedrängt fühlen würden.

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Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den Waal, diesmal die Stadt Zaltbommel, ohne die es “Das Kapital” von Karl Marx vielleicht nicht gäbe.