Vic Hendry

Ich war auf den ersten Blick angetan, als ich in Sedrun Vic Hendrys Gedicht „Ruaussi“ in gleichmäßigen weißen Majuskeln, die etwas von hieroglyfen Schneeresten hatten, an eine dunkle Holzhauswand geschrieben fand. Zwar verstand ich kaum den Wortlaut des surselva-romanischen Texts, wohl aber Rhythmus, Knall-, Schleif-, Schwirr- und Schlepplaute, sowie die darin und dazwischen enthaltenen Naturkräfte, Silbenräume, die aus den winterbleichen Matten des Vorderrheintals und aus dem Strahlen des Himmels geschöpft schienen. Wer dieser Hendry sei, konnte ich mir nicht genau vorstellen: ob er noch lebte, und wenn ja, welchen Alters. Man erwartet dort oben ja unweigerlich Alpöhitypen. Zwar kam ich an einem Haus vorbei, an dem sein Name neben der Tür stand; dort einfach zu klingeln schien mir jedoch unpassend. Das Haus sah mittelständisch-wohlhabend aus und vor der Tür lag buntes Kinderspielzeug, ich meine aus Plastik, einem Material, das in den Bergen erhöhte Fremdartigkeit ausstrahlt. Vic Hendry dürfte, falls dem Internet zu trauen ist, ein lebender Mann von 89 Jahren sein, der dem heiligenbescheinten Sender gloria.tv (the more catholic the better) drei gefilmte Interviews (z.B. über die Profetenrolle des Dichters) gegeben hat, sodaß man ihn sich etwas klarer vorstellen kann. In der Kantonsbibliothek Graubünden finden sich zwei Gedichtbände, die ins Deutsche und andere Sprachen übertragen sind: auras (windzüge) und anemona alva (weiße anemone). Aus letzterem ein Beispiel für die karge Schönheit des Sursilvanischen, einer Sprache, die mit der sie umgebenden Landschaft aus Stein, Matten und Wasser, sowie den Wild- und Nutztieren (an anderer Stelle auch mit den ortsnotorischen Geistern), nicht zuletzt mit der jahrhundertealten Religiösität des Tals korrespondiert: „dils uauls e dils nuegls / vai jeu raquintau / dil matg culs utschals / masets el suitger / la stad sogn Martin / cun poppas da glin / dil trutg tras las vals / cun cufla el nas / selvadi e scart / han fatg vegnir ferms“ – zu Deutsch etwa: „von wäldern und ställen / hab ich erzählt / von vögeln im mai / meisen im holunder / von sommer bis martini / vom flechten des flachses / dem tälerquerenden pfad / der nase im schnee / herbe und mangel / gaben mir kraft“

Tavetsch

Den zweiten Band seiner Mythologischen Landeskunde von Graubünden beginnt Büchli mit einer bildhaften Beschreibung des Val Tujetsch: „An hellen Tagen erblickt Chur zwanzig Stunden weit talaufwärts am Horizont eine Felsenzinne vor einem Gebirgsstock, ähnlich dem Turmdach einer Burg. Dort hütet der Badus in seinem Wasserschloß ein Quellseelein, den Ursprung des Flusses, der die lange, gerade Talrinne gegraben. Sein Name, das berühmteste rätoromanische Wort, ein Erbstück aus Urvölkerzeiten, führt ins Tavetsch hinauf, in die oberste Stufe des Bündner Oberlandes. Von seinen Firnen schäumen gar manch quelljunge „reins“. Nur einem von ihnen ist es beschieden, ein majestätischer Grenzstrom zu werden, der Nationen und Sprachen scheidet und die Artbenennung der Tavetscher Bäche als stolzen Eigennamen behält bis zu seiner Mündung ins Meer.“ Ganz bis oben ist im Spätherbst/Winter leider nicht zu gelangen, aber doch recht weit gen Quelle; die ersten Rheine, die dem Vorderrhein zufließen, scheinen eindeutiger und benennbarer als jene am Hinterrhein, sie haben sich deutliche Rinnen gegraben. Das hier vorausgesetzte Beibehalten des Eigennamens bis zur Mündung in die Nordsee wiederum haben die Holländer untergraben. „Die Tavetscher Landschaft eignet (…) eine feierliche Größe, sie ist klassisches Hochgebirge, aber weit hinauf besiedelt und bebaut. Wenn der Wanderer oder Fahrgast der Oberalpbahn von Disentis her kommend den äußersten Weiler Bugnei erreicht hat, sieht er sich in eine rings von hohen Waldhängen und Bergketten abgeschlossene Welt von eigenem Reiz versetzt. Da liegen, spielzeughaft geduckt in der gegen das tiefe Rheinbett geneigten Talfläche, inmitten von Wiesen und Getreideäckern die paar Dörfer und Dörflein mit sonneverbrannten Strickhäusern um hell ragende Kirchen und Kapellen geschart.“ Es ist eine Heidiwelt, heidiesker als in Maienfeld. „Talein stößt der Blick gegen die von Gletschern scheitelrecht geschliffenen Felskämme und -zacken des Piz Culmatsch und des Piz Nair vor der noch schrofferen Gneismauer des Crispalt. Von seinem scharfgezähnten Grat schweift das Auge südwärts zu der breiten Pyramide des Badus (…). Darunter treten die Talwände, mit dunkelm Tannwald bepelzt, dichter an die Rheinschlucht heran, den Durchblick auf die beiden obersten Tavetscher Dörfer wehrend.“ Es ist eine Gegend der erzählten bzw. mittels Erzählung dorthin verbannten bösen Wesen, Ursprung für il striegn, romanischer Ausdruck für vielfältiges Schadenszauberwerk. „Droben im Geklüft bricht der Hammer des Strahlers die Fülle schönster, seltener Kristalle. Doch den Hauptreichtum des Tavetsch machen seine herrlichen Weiden und sein großer Besitz an Alpen aus.“ Und auf den Alpen gibt es neben Natur auch Nachbarschaft und Christentum, ergo Sünde, ergo Geistervolk. Mit der modernen Alpbewirtschaftung und dem modernen Christentum scheint es auszuflachen – aber die Alten erinnern sich und so wie das Tavetsch (in den Augen des dummen Touristen) aussieht, lassen sich dort eher noch veritable Kleingeister einfangen als je ein herkömmliches Alpentier.

Rheinischer Steinkult

Parallel zu Büchli beschäftigt sich Christian Caminada, langjähriger Bischof von Chur und in den Tälern des Vorderrheins aufgewachsen, in seinem Buch „Die verzauberten Täler“ mit dem Bündner Volksglauben, der naturgemäß mit Steinkult verbunden ist: „Zaudernden Schrittes und geheimnisvoll erfasst gehen wir daran, jene stummen Steine, welche vielenorts in rätischen Landen auf sonnverbrannten Höhen, in Waldlichtungen, an Wasserquellen und an Flüssen als Teufelssteine, als Nixenstätten, als Elfen- und Dialenfelsblöcke und als Hexentanzplätze aus gespenstisch sich formenden Nebelfetzen der Sagen uns anstarren, zum Sprechen zu veranlassen. Die Rätoromanische Chrestomathie und andere Freunde der Volkskunde sind jenen bläulichen Irrlichtern, die zauberhaft da und dort aufhüpfen und verfliegen, sobald man nach ihnen greift, nachgeeilt und haben deren Kunde in ihren Schriften mit zitteriger Feder fest zu bannen sich bemüht; aber ob es meinen aufgeklärten Lesern entspricht, verwitterte Granitblöcke zu besuchen und Felsenwinkel zu durchstöbern, wo ekelhafte Fledermäuse mit ihrem garstigen Leib das Gesicht des erschauernden Wanderers um streichen, ist eine Frage der Wertung des Aberglaubens als Quelle der Volkskunde. Steine möchten wir zum Sprechen veranlassen, die seit Jahrtausenden stumm und trotzig am Wege späterer Kulturepochen und Völker liegen. Man kann sie erledigen, indem man geringschätzig an ihnen vorübergeht, indem man mit Dynamit den Riesenleib zerreißt und aus dem Abfall die Straße bekiest; aber sie scheinen doch zu reden aus den Mauern der Bauten, in die sie hineingefügt worden waren, und aus dem Unheimlichen gewisser Strassenstellen, die Reiter und Ross foppen mit Tod und Unglück. Das Christentum suchte das Böse zu bannen durch eingekerbte Kreuze, durch heilige Sprüche und Namen. Die Steinblöcke wurden stumm; einzig der Aberglaube machte sich an diesen Zeugen einer ehemaligen, fern abliegenden Kultur noch zu schaffen. (…)“ Entsprechend geht Caminada daran, die Sagen zu markanten Formationen auszubreiten. Und tatsächlich entspricht es dem aufgeklärten Leser bis heute aus angegebenen Gründen, verwitterte, geheimnisumwitterte Granitblöcke zu besuchen.

Mythologische Landeskunde

Auf den Alpen des Vorderrheins gehen die verdammten Missetäter. Die Mythologische Landeskunde ist, trotz der geringen Einwohnerzahlen, voll von ihnen. Da ist der Bauer, der im Leben Marksteine versetzt hat oder der typische und wiederkehrende Bündner Krämer, der seine Kunden übervorteilt (und, ganz bös: alles aufschreibt). Schlimm triffts denjenigen, der zeitlebens Steine aufs Nachbargrundstück entsorgt (mit einem glühenden Korb muß er sie nach dem Tode wieder einsammeln). Ehefrauen entpuppen sich als bilokationsfähige Hexen, welche die ohnehin schon aufreibende Arbeit ihrer Angetrauten behindern und töten, was sich ihnen in den Weg stellt, solangs keine geweihten Gegenstände bei sich trägt. Sie enden ertappterweise mit Hufeisen beschlagen, dann verpuffend. Schwarzhaarige ZigeunerInnen ziehen durch die Gegend und verstehen sich auf allerlei Zauberwerk, greifbar sind sie nicht; wer ihnen verlustfrei begegnen will, muß sie austricksen. Der ewige Jude hat ebenfalls die Gegend bereist, bei Pfarrer Gaudenz Engler in Camischolas bekam der Wandergesell ein Essen, das er im Herumlaufen einnahm. Kühe verschwinden einfach spurlos und tauchen wieder auf, als sei nichts vorgefallen. Die Toten des Folgejahres versammeln sich in der Silvesternacht vorsorglich auf dem Friedhof. Wandbilder dürfen nicht verrückt werden, sonst treten die Geister hinter ihnen hervor. In Disentis geht eine große wüste Büßerin mitternachts auf dem Friedhof um, die Zunge bis zum Gürtel herausgestreckt. Bisweilen tauchen warnende Gestalten, unvermittelt in Flammen gehüllt, an einsamen Dorfbrunnen auf. Und hat man den Schwarzen oder sonst unliebsamen, z.B. des Nachts tönenden, jedoch völlig unsichtbaren Besuch im Haus, muß die Geistlichkeit ran, die auf solche Probleme geschult stets zielsicher Abhilfe schafft.

Ruinaulta (2)

Bis weit außer Sichtweite schneidet sich die Rabiusa mit ihrem wilden Namen ins Tal, schnitzt dabei eine mächtige unzugängliche Schlucht Gott zu Gefallen – entsprungen bei den hinteren und eingefangen von den vorderen Rheinen. Irgendwo dort liegt das Walserdorf Safien, Welten von seinem Bahnhof Versam-Safien entfernt. Die Straße nach Versam ist nur unter vehementer und mehrfach akzentuierter Blickwurfgefahr passierbar, eine kleine Aussichtspyramide überhängt die Rheinschlucht und bietet, bescheiden am Straßenrand plaziert, einen der grandioseren Ausschnitte unserer guten Welt. Unten fließt der Rhein wohl noch auf den Schutttrümmern des Flimser Bergsturzes und er tut dies mit bezauberndem Wildbachcharme, d.h. mit dieser visuell so reizvollen schaumbekrönten Klarheit und in den Farben Klarlack, Amethyst, Turmalin und Türkis. Auch zwischen Versam, einem nett an den Hang gedrückten Dörflein und dem Bahnhof direkt in der Schlucht liegt noch eine gefühlte Sommertagesreise Fußweg und die Differenz einiger hundert Höhenmeter. Damit der Reisende sein Gepäck nicht den berg hinauf- und hinabschleppen muß, verkehrt ein per Verkehrsschild als gefährlich angekündigtes Postauto auf den Serpentinen. Auf halber Strecke läßt sich das verlassene Geistergefährt beim Verschnauferli am Wegrand beobachten. Neben dem Bahnhof steht an der Schlucht ein Zentrum für Kanu- und Energiereisende, es gibt zwei Wanderwege, einer führt schluchtauf, der andere schluchtab. Der Fels wirkt gespalten, bisweilen balanciert er nach Absturz riechende Brocken am Rande der Frischluft. Durchs dunkle Unterholz der schmalen Auwäldchen splitzert der Glitz des Vorderrheins. Der sich spaltet, eint und eilt und Schlaufen vollführt, mal rauscht und mal plätschert, meisenhaft zwitschert und die tief in den Kieseln verborgenen Gesichter freischleift. Zwierheinische Mündungen erfunden wirkender Wasserfälle, insgesamt herrscht eine Ästhetik der vorvorletzten Jahrhundertwende, gelegentlich gekreuzt von Räthischer Bahn und Helikoptern. Unmotiviert hinter feistere Kiesel geduckt läßt sich eine Groppe beim Schwanz aus dem Flußlauf ziehen. Sie windet sich, doch ihre Depressionen scheinen kaum mehr heilbar. Anstiege und Kiesbänke, raschlige Wasauchimmer geschäftigen durchs Gebüsch, übern Rheinkies schrabben grüßende Kanutengruppen. Und droben auf den Alpen werden die Ziegen von vorbeifliegenden Vögeln gemolken.

Vorderrheincruising (2)

Ganz und gar durchzogen von flachen, dünnen, geteilten, in ihren zerwühlten Betten zeitlos-unverständliches grummelnden Rheinen, blauschattigen Wiesen, versteckten Industrien und urigen Holzdörfern, behütet vom Skitourismus: die Surselvaner wachsen noch direkt aus den Böden ihrer Magerwiesen. Was die Maulwürfe hier oben wohl suchen? In Einmachgläsern sterilisierte Voressen zwischen deftigen schwärzlichen Würsten, in Mangoldblätter und Spätzleteig gewickeltes Trockenfleisch und Sedruner Käse unterfüttern das Dasein mit Nährsubstanz. „Wenns hagelt, dann Salsiz!“ Oder Dachlawinen. Das eine ins andre gewandelt per Photo Play. Zwischensaison schafft Zwischenwelten mit Zwischenwesen. Von Sedrun ein Spaziergang von Sommer zu Winter und retour. Leicht eisbedeckt die stark abfallende Straße ins hier inmitten heftigster Natur nie vermutete Kies- und Industriegebiet: Räumfahrzeuge und Laster, Schienen und energieentzogener Restrhein. Lärm, Eis, Schatten, Staub, Rauschen, Kälte. Röhren und Maschinen. Dazwischen überleben auf unbekannte Art leicht deplaziert anmutende Arbeiter in Signalwesten. Gauklerblume und Moorlurch leben hier sommers, direkt am Werkzaun weist ein Schild die Szenerie als Naturschutzgebiet aus. Es ist der 19. November 2009 um 12.36 Uhr, an der genauen Grenze zwischen Sommer und Winter, als es mir erstmals gelingt, mit einem einzigen Satz (und trotz der schweren Stiefel trockenen Fußes) über den Rhein hinwegzuspringen. Die Sonne brennt dieweil, weils besser aussieht, den Reif von Büschen und Matten, unterm verziehenden Reifdampf wandelt sich der verbliebene Tau in glitzernde Juwelen, als hätten die Maulwürfe die Wiese mit Perlensaat bestreut bzw. als seien diverse Sternschnuppensplitter über Nacht zu funkelnder Kitschbeleuchtung in Pipilottiristfarben gereift. Vergleichstest: schmeckte der Hinterrhein mineralisch, schmeckt der angeeiste Vorderrhein vor allen Dingen weich. Jenseits des Rheinflüßleins ragt der düstere Kaltwald, und diesseits auf Rueras, Sedrun, an dessen Holzhäusern Vic Hendrys romanische Heimatgedichte zu lesen stehen, blöken die Schafe vor fototapetentauglicher Bergkulisse ihr ewiges warum? warum? warum?

Vorderrheincruising

Zarte zaubrische halbdurchsichtige Morgennebel verschleiern das Tal, von der Straße im Hang sieht es aus, als sei dies ein Vorhang für elbisches Treiben oder sonstwelche Märchenrevival. Es folgen nichtfarbene Wälder wie von anderen Planeten. Das also ist die Surselva. Ein Land für Geister und Gottesmenschen. Auf den ersten Blick scheint sicher, daß hier mindestens ein Wolf umherstreicht. Daß jedes geäußerte Wort mindestens ein Pfund wiegt. Schwere Hänge, wildes Wesen. Sumvitg war einst das letzte räthische Dorf talan. Bis heute wird dort romanisch gesprochen. Nachdunkelnde Holzbauten. Weiß auf himmelblauem Grund “Latg“: Wegweiser zur Milchzentrale. Um 700 n. Chr. pilgerte der fränkische Asket Sigisbert an Sumvitg vorbei und weiter aufwärts, um seine einsiedelnde Ruhe zu finden, steckte etliche Kilometer weiter seinen Stab in die Erde und baute sich in der nahezu unbesiedelten Gegend, die Desertina (= Einöde) hieß, eine stille Klause, aus der das weithin berühmte Kloster Disentis hervorging, dessen von der Schweinegrippe heimgesuchtes Internat geschlossen hat und in dessen Klosterkirche barocker Prunk herrscht: goldüberzogene Altäre und pausbäckige Schmerzensengel, mit Gesichtsausdrücken, als sinnierten sie unter schwerem Einfluß von Wein und Marihuana erstmals in aller Tiefe über die mögliche Sinnlosigkeit der Existenz. Akzentuierte Deckenbilder geben Ausschnitte der Klostergeschichte wider: der heilige Lucius, wie er mit seinem abgeschlagenen, tief in der Kutte vergrabenen, vor anstehender Heiligkeit bereits gleißenden Schädel noch zum Kloster zurückkehrt, bevor er fürs Erste endgültig vergeht. Ein der Gegend angemessenes Eindruckschinden. So tönts auch hinter mir von freundlich-zarter Stimme: „Märtyrertod ist nicht das schlimmste, wenn man gläubig ist“, allerdings in ü-lastigem Alpendialekt. Eine bergfeenhafte Erscheinung, die durch die heiligen Räume huscht, auf der Suche nach der eigenen Heiligkeit. Heilig wird man kaum von selbst, dazu machen einen erst geschulte Katholiken. Es braucht die passenden Grundvoraussetzungen, die richtige Umgebung, Beziehungen, Umstände. (Heiligenverehrung als von der Kirche uminstrumentalisierter Ahnenkult?) In einer Nebenkirche Ex voto-Preisungen der Jungfrau. Die von der Wand blickt auf ihre Verehrerinnen und einen Elektriker, der die Beleuchtung wartet.

Übers Wasser gehn

Mit der Viafier retica hoch nach Reichenau. Die Sonne blendet als 200 Watt-Birne ins Tal. In Reichenau ist nicht viel außer Rheinzusammenfluß, was nicht wenig ist, aber niemand interessiert sich für den heiligen Ort. Ich suche den Einstieg in die Ruinaulta, die Schilder weisen auf Tamins, streng bergan. Die Pfeilspitzen der Schilder verlieren sich schließlich im Grau der Autostraße, zu unangenehm zum Weiterwandern, die Einheimischen kennen keinen Fußweg in die Schlucht „so etwas gibt es wohl nicht“, „so etwas soll wohl mal kommen“, „man kann bis da und dort zu Fuß gehen, dann aber endet man im Wald“. Im letzteren gähnt das Gutschaloch. Wenn es aus Reichenau-Tamins nicht recht hinaus geht, wird die Ortschaft schnell zum bedrückend-gebuckelten Kaff. Die nächste Bahn in die Schlucht geht in einer Stunde. Doch da!: führt ein Fußweg hinaus, auf Bonaduz. Hinterrhein also, statt Vorderrhein. Und: aufgetaute Schmetterlinge üben das Flügelklappen auf noch und schon entfalteten Alpenblüten, die haarige Kugel einer schwebenden Hummel wirkt um diese Jahreszeit wie ein Miniaturufo über den bleichen Halmen. Unter der Eisenbahnbrücke durch, unter der südlichen Autobrücke, an die „BÖHS“ gesprayt steht, unter der ein Zaunkönig huscht. Nach einer Viertelstunde verabschiedet sich der Wanderweg von der Fernstraße, der Fluß fließt plötzlich durch selbstaufgeworfene Inseln und übernimmt die Geräuschhoheit. Obgleich streng vorm Betreten des Flußbetts gewarnt, steige ich hinab in die Kiesel, sammle grüne, rote, gelbe, glimmernde derselben, darunter den berühmten Verde Andeer, schreite über den Rhein, der durchs Profil meiner Sohlen rinnt, Jesus muß sich ganz ähnlich gefühlt haben, am See Genezareth. Einige Minuten geht’s durch ein Schluchtidyll, wilder als in der Hauptromantik, und voller Schwirr-, Schmier-, Brumm- und Stechzwirren, mit ihren 17 Unterarten die lästigsten und verbreitetsten aller Schweizer Insekten, dann taucht, kurz vor Bonaduz, mit der Brücke auch der Verkehr wieder auf und überschwemmt die Lage mit seinem Rauschen.

Bündner Gerstensuppe

Mündlich überlieferte Geschichten aus den Bündner Dörfern sammelte Arnold Büchli bis in die 1960er Jahre für seine „Mythologische Landeskunde von Graubünden. Ein Bergvolk erzählt“, drei fette, nach Regionen geordnete Bände von jeweils knapp 1000 Seiten Stärke. Hieraus eine aus der Ursprungsgegend des Vorderrheins: „Zwei Leutchen von Selva hielten Hochzeit und gingen nach Sedrun in die Kirche. Nachher sind sie in großer Eile heimgegangen und haben ihre Mehlsuppe mit Knollen gegessen. Es war im Frühling, und man trug Mist auf die Wiesen. Kaum waren die beiden Hochzeitsleute zu Hause angekommen, zogen sie ihre Werktagskleider an und machten sich ans Mistaustragen wie die Nachbarn. Ein paar Jahre später an einem Wintertag machte sich der gleiche Mann den Bart vor dem Fensterglas, hinter das er eine Schindel gestellt hatte. Eine Gesichtshälfte war schon sauber geschabt, da ist die Lawine gekommen und hat die bretterne Diele heruntergedrückt, und vor Schrecken schnitt er sich das Ohr ab. (…) Da kam gerade die Frau in die Stube und er hat ihr geklagt: jetzt habe er sich ein Ohr abgeschnitten. Sie hat aber gar nicht darauf geachtet, nur gejammert: „O weh, der Erzhafen mit dem guten Fleisch und der Gerstensuppe! Das ist das Schlimmste!“ Das Mittagessen reute sie, denn sie hat gemeint, es sei alles zugrunde gerichtet in der Küche. Diese war zum Teil gemauert, dort hatte die Lawine größern Schaden getan. (…) Aber der Erzhafen war unversehrt, alles in Ordnung, in einer Ecke das Feuer, nicht erloschen, und die Suppe kochte noch. Das hat die Frau gefreut. Aber das Ohr ihres Mannes galt ihr nichts.“ Eine Geschichte, so kräftig wie die Bündner Gerstensuppe selbst. Wie wohltuend diese z.B. gegen Kälte wirkt, erfuhr der Autor gestern Abend. Bereits den ganzen Tag war die Kastellanin mit der Zubereitung beschäftigt, zwei riesige Kessel dampften vor sich hin, die Bürgerversammlung wollte verpflegt sein, am Abend brachte sie auch dem zurückgekehrten, höhendurchfrorenen Gast einen Eimer in seinen Atelierflügel: deftig, heiß und stark. Fortab eine willkommene Bereicherung auf Rheinseins wachsendem, zunehmend international geprägten Wintersuppenspeisezettel.

Ilanz

Sehr profan, fast kanalartig und ziemlich grau im Gesicht erscheint der von lauten vordergründigen Asfaltbändern eskortierte Rhein (Rein anteriur) in Ilanz. Kaum vorstellbar, daß er kurz darauf in der Ruinaulta zu einem Naturfänomen erster Kategorie aufläuft. Die Stadt Ilanz selbst, wies heißt “die erste am Rhein”, auf 702 Metern Höhe gelegen, gibt sich merklich kühl. Es ist die Zeit zwischen den Saisons, das von außen etwas ranzige, mit einem abstrusen Verkehrsschild behaftete, insofern erfahrungsgemäß vielversprechende Museum Regiunal Surselva hat leider geschlossen. Ein paar Hotels, darunter ein kastenförmiges, mehrstöckiges, ein paar mehr Restaurants, drei oder vier Pubs: Ilanz gibt äußerlich ein urban übertünchtes Dorf, und läßt sich als solches furchtbar schnell abschreiten. Als Besonderheiten fallen auf: Zwei Häuser mit bündnertypisch illusorischen Fensterverzierungen, traditionelle Versuche am 3d-Effekt. Die Gewölbemalereien in der reformierten St. Margarethenkirche. Gotische, eichelnbewachsene Ranken umwuchern Renaissancemotive: das zentrale Heiliggeistloch (durch das vor der Reformation zu Pfingsten der Heilige Geist in Gestalt einer Holztaube eingelassen wurde) ist mit tierischen Evangelisten umrahmt, vierfach im Geranke versteckt und doch präsent lugt der zierliche Tod (schwertumgürtet, pfeileschießend, Waage und Stundenglas haltend, Schach mit einer Frau spielend) auf die Gemeinde herab. Das lyrische Apotheken-Schaufenster zum Thema „Aromabäder“, gestaltet von Patienten und Team der Psychiatrischen Tagesklinik: „In Fichtennadeln baden, das ist mega, / da brauch ich nach dem Boarden keine Rega!“ Die Ilanzer Artikel zur Trennung von Kirche und Staat aus den Jahren 1524 und 1526, bzw. ihre ausgeschilderte Existenz als Bedeutungsgeber der Ortschaft. Die von den lange vorherrschenden Schmid von Grünecks erbaute Casa Gronda (1677), wichtigstes Profangebäude des Städtchens und bedeutendstes Bürgerhaus des Bündner Oberlands. Die goldene Krone, durchflossen vom Rhein, am Obertor, sowie die einsame und todtraurige, aus einer fernen Welt dem mittelalterlichen Kopfstein eintransplantierte Parkuhr davor. Das Mundaun Center, eine gut getarnte Einkaufshalle samt Kantine, in der sich zumindest um die Mittagszeit das eigentliche Stadtleben abspielt. Der Glogn/Glenner, ein rascher Rheinzufluß aus den stilisierten Bergen. Schi ditg che siattan cuolms e vals stai ferm Surselva nossa. Abfahrt!