Vic Hendry
Ich war auf den ersten Blick angetan, als ich in Sedrun Vic Hendrys Gedicht „Ruaussi“ in gleichmäßigen weißen Majuskeln, die etwas von hieroglyfen Schneeresten hatten, an eine dunkle Holzhauswand geschrieben fand. Zwar verstand ich kaum den Wortlaut des surselva-romanischen Texts, wohl aber Rhythmus, Knall-, Schleif-, Schwirr- und Schlepplaute, sowie die darin und dazwischen enthaltenen Naturkräfte, Silbenräume, die aus den winterbleichen Matten des Vorderrheintals und aus dem Strahlen des Himmels geschöpft schienen. Wer dieser Hendry sei, konnte ich mir nicht genau vorstellen: ob er noch lebte, und wenn ja, welchen Alters. Man erwartet dort oben ja unweigerlich Alpöhitypen. Zwar kam ich an einem Haus vorbei, an dem sein Name neben der Tür stand; dort einfach zu klingeln schien mir jedoch unpassend. Das Haus sah mittelständisch-wohlhabend aus und vor der Tür lag buntes Kinderspielzeug, ich meine aus Plastik, einem Material, das in den Bergen erhöhte Fremdartigkeit ausstrahlt. Vic Hendry dürfte, falls dem Internet zu trauen ist, ein lebender Mann von 89 Jahren sein, der dem heiligenbescheinten Sender gloria.tv (the more catholic the better) drei gefilmte Interviews (z.B. über die Profetenrolle des Dichters) gegeben hat, sodaß man ihn sich etwas klarer vorstellen kann. In der Kantonsbibliothek Graubünden finden sich zwei Gedichtbände, die ins Deutsche und andere Sprachen übertragen sind: auras (windzüge) und anemona alva (weiße anemone). Aus letzterem ein Beispiel für die karge Schönheit des Sursilvanischen, einer Sprache, die mit der sie umgebenden Landschaft aus Stein, Matten und Wasser, sowie den Wild- und Nutztieren (an anderer Stelle auch mit den ortsnotorischen Geistern), nicht zuletzt mit der jahrhundertealten Religiösität des Tals korrespondiert: „dils uauls e dils nuegls / vai jeu raquintau / dil matg culs utschals / masets el suitger / la stad sogn Martin / cun poppas da glin / dil trutg tras las vals / cun cufla el nas / selvadi e scart / han fatg vegnir ferms“ – zu Deutsch etwa: „von wäldern und ställen / hab ich erzählt / von vögeln im mai / meisen im holunder / von sommer bis martini / vom flechten des flachses / dem tälerquerenden pfad / der nase im schnee / herbe und mangel / gaben mir kraft“
