Die drei Quellen des Vorderrheins

“Auf dieser Platte stellt sich das Schauerliche des Gegenstandes besonders dar. Wenn man das Auge nicht sehr hoch richtet, so sieht man keine Luft; ein auffallendes Gegenstück zu einem Anblick der offenen See, wo man nur Himmel und unbegränzte Wasserfläche sieht. In dieser geheimnisvollen Abgeschlossenheit, in dieser Felsenkammer, die den Wanderer, wie in einer Werkstätte der Natur, die erste Anlage ihrer Werke schauen läßt, wird das Gemüth wunderbar ergriffen. – Fettes, üppiges Grün auf der schmalen Ebene, die die Bäche durchschneiden; zwischen kahlen, nackten Steinen Schnee im heissen Sommer, neben dem Schnee einzelne Halme, weiter oben sparsam mit Moos bedeckte Felsenmassen. – Drey Bäche beleben dieses Bild durch ihr dumpfes Rauschen, mächtiges Brausen, und sanftes Rieseln. Jener Bach, gegen die Mitte hin, arbeitet sich geheimnissvoll aus der Tiefe hervor, und heisst aua (aqua) de Toma. Der zweite stürzt von der Höhe herab – aua del Parlet, der dritte rinnt bescheiden über die Fläche daher – aua del Badus. – In diesen drey verschiedenen Arten, sich zum Ganzen zu verbinden, liegt wohl manches Bedeutungsvolle des mächtigen Stroms. – Welch ein Genuss, das Grosse, Herrliche und Liebliche der Natur zu schauen, zu fühlen, und zu verstehen! -”
(Bildbeschreibung zu Johann Georg Primavesi: Die drei Quellen des Vorderrheins, Kupferstich, erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Autor des Textes ist unbekannt.)

Ein Wasserfall mit unaussprechbarem Namen

Den 7. führten uns meine Freunde nach Reichenau. Der Weg geht allmählig steigend im Thal, dem Rhein und den Gebirgen entgegen. Die runden Hügel des Vorgrundes, die wir gestern bewunderten, lösen sich in reizender Bewegung ab, und die Ruine von Felsperg steht mahlerisch; frischduftende Birkenhaine umgrünen das Bette des Rheins, welcher rechts am Fuss des Galanda in abgeneigter Thalsenkung hinfliesst. Links sind heitre grüne Vorberge mit schönem Laubholz, zumahl mit Eichen bewachsen. Die zwei Stunden Weges waren schnell gemacht; äusserst mahlerisch ist von der sich am Abhang hinab krümmenden Heerstrasse die Ansicht von Reichenau, auf kleiner Halbinsel zwischen die zusammenfliessenden Rheinarme gelagert.
Wir besuchten einen dieser linkern Eichenhügel der von dem einen Rhein benetzt, sein grünes Haupt und seine säuselnden Haine so einladend erhob. Hier sahen wir beide Rheine, den hintern der uns links war, aus dem Rheinwaldgletscher; den vordem, der unter uns aus engen Klüften wild dahin brauste vom Gletscher des Badutz herabkommen, der mit den Crispalt, Arme des Gotthardtstosses ausmacht. Dieser runde Hügel ist ein wahres Tempe! Grün spielt in Grün, und die reizende Wildniss ist ganz unentweiht, rundum schaut man durchs mildernde Grün an wildes Gebirg hinan. Dort über Reichenau schlängelt sich ob dem Hinterrhein der Weg nach dem alten Thusis, und nach den Via-mala-Schlünden hinein; weit entfernt, doch vor uns tritt ein Gletscher aus Wolken von schwarzer Granitmauer eingefasst; allein ich kehrte bald in die liebliche Nähe zurück! Wie traulich ist hier das Laub- und Nadelholz gemischt! Tannen, Lerchenbäume, Birken und Eichen (Eichen wie in Thuiskon’s Hainen und Hertha’s) breiten die krausen Aeste wirthlich über die zarten Matten, während die Tannen vom schroffen Bord mit finssterm Ernst dem hellgrünen muthwilligen Strome nachschaut. Alles redet tiefe unentweihte Einsamkeit; selbstgestorbene Bäume liegen von Farrenkraut überwildert, von Eppich umrankt, im hohen Grase, und geben der Erde wieder was ihr gehört! Mächtige Eichen heben die grüne entlaubte Scheitel, oft vom Strahl gespaltet, und ein junges Geschlecht freudig aufschiessender Bäumchen umgrünt die Greise des heiligen Haines. Wir hatten Mühe, uns aus dem Zauberkreise, in dem hohe Natur, Einsamkeit und gleichgestimmtes Gefühl uns umfangen hielten, loszureissen.
Ein freundschaftliches Mahl war im alten gothischen Gasthause bereitet, wo wir aus dem grossen Saale an die Herrlichkeit der Gebirge hinaufschauten. Nach der Mahlzeit ritt ich auf die Höhen über Reichenau nach einem Wasserfall, der einen unaussprechbaren Namen hat. Die Felswände an den engen Wegen entblössten unter andern aus sekondairem, ins Urgebirg übergehendem Gestein, Schiefertafeln vom schönsten matten Apfelgrün. Der Felsbach stürzte von zerrissenen Felsseiten hernieder, in seinem Bette lagen grosse Granitblöcke. — Schöner war wie er selbst , der Ausblick von der Bergheide gerade ins prächtige Pomlesch-Thal hinein; dort steht rechts das Schloss Razinsky, die einzige Habsburgische Besitzung im freyen Graubündten.
Ein schönes Dorf liegt weich gelagert im Thalschoos, von Wein- und Obstgärten umgeben, und Kornfeldern und fetten Triften. Wir besuchten die Erziehungsanstalt des Herrn Tschokke. Das geräumige Schloss liegt hart am pfeilschnell vorbeyströmenden Rhein; das frische Aussehen der Kinder pries die gesunde Lage desselben, und ihre zutrauliche Munterkeit die väterliche Güte ihrer Erzieher. Dieses waren die einzigen Bemerkungen, welche die Kürze der Zeit mir zu machen erlaubte, denn ein Gewitter zog drohend über den Bergen heran, und vor ihm her rauschte der Sturm durch die Wipfel. — Wir eilten hinweg, und ich hatte unterweges statt der erwarteten hohen Lust eines Gewitters in den Alpen, nur das Missvergnügen S***s auf dem Rücksitz des Phaetons vom strömenden Gewitterregen durchnässt, und vom Sturm durchkältet zu sehen, und die Angst der zärtlichen Sina zu theilen. Wir fuhren durch die finstere Nacht neben tobenden Bergwassern, die bei jedem Regen neugebohren durch die Felsklüfte herabstürzen, unter rauschenden Wäldern hin, eng zusammengeschmiegt, (und ich ein wenig verdriesslich, neben Regen und Sturm nicht auch den Donner durch die Bergthäler rollen zu hören,) nach Сhur zurück.

(aus Friederike Brun: Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800)

Presserückschau (Dezember 2016)

1
Schifferkirche
“Das weiß gestrichene Boot hat eine lange Reise hinter sich. Und wenn es sprechen könnte, hätte es viel zu erzählen: von den Neugierigen in der Halle des Nordturms des Kölner Doms, als es zwischendurch als Altar beim Gottesdienst an Fronleichnam auf der Domplatte diente, als es vor der Küste Maltas strandete, als es an der Küste Nordafrikas Menschen aufnahm, viel zu viele für das kleine Boot, als das Erzbistum das Boot kaufte und nach Europa, nach Deutschland transportierte.” (Aachener Zeitung)

“Eines der Kunstwerke in Kölns kleinster romanischer Innenstadtkirche ist eine spätgotische Marienfigur, die früher in einer Nische an der Außenfassade stand, wo sie von den Rheinschiffern gesehen und verehrt werden konnte. Nach dieser „Schiffermadonna“ wird das Gotteshaus in der Altstadt auch Schifferkirche genannt. Umso passender ist es, dass dort das Flüchtlingsboot aus Malta Platz gefunden hat, das seit dem 31. Mai im Dom gestanden hatte. (…) Für Kardinal Woelki steht das Boot nicht nur für die Not der Flüchtlinge, sondern soll darüber hinaus Anstoß dazu geben, über die Auswirkungen der Globalisierung und soziale Gerechtigkeit nachzudenken.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

2
Neue Rheinbrücke
“Der Vorderrhein ist um ein Bauwerk reicher. Zwischen Schluein und Castrisch ist (…) eine neue Brücke für den Langsamverkehr eröffnet worden. (…) Mit dem Brückensteg wird zwischen Ilanz und Reichenau bereits die fünfte Langsamverkehrs-Überquerung des Vorderrheins realisiert. (…) Bei der Brücke handle es sich um eine knapp 100 Meter lange und zwei Meter breite Schrägseilbrücke, deren Pylone leicht nach vorne geneigt seien (…). Es wurden unter anderem 95 Tonnen Stahl und 130 Kubikmeter Beton verwendet. (…) Die Brücke wurde heute zwar bereits dem Langsamverkehr übergeben, die letzten Arbeiten werden aber im Verlauf des Frühlings 2017 fertiggestellt. So auch der Rückbau der alten Rohrbrücke. Die offizielle Einweihung ist dann für Mai 2017 geplant.” (Südostschweiz)

3
Störmanöver
“Naturschützer hoffen bei Stören als einzige noch nicht in den Rhein zurückgekehrte Fischart langfristig auch hier auf Erfolge. Der «Nationale Störaktionsplan für Deutschland» nimmt zwar wegen günstigerer Voraussetzungen dafür erst die Elbe in den Blick, wie die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) mitteilte. Bei einem dortigen Erfolg solle aber in fernerer Zukunft auch im Rhein flussabwärts von Koblenz eine Wiederansiedlung dieser Fische versucht werden. In den Niederlanden gibt es bereits Versuche. «Der Europäische Stör (Acipenser sturio) ist im Rheineinzugsgebiet in den 1940er/1950er Jahren ausgestorben und gehört zu den am meisten bedrohten Arten weltweit», hieß es weiter. Nach dem massiven Ausbau der Kläranlagen an der einstigen Industriekloake Rhein sind inzwischen alle traditionellen Fischarten in den Fluss zurückgekehrt – nur nicht die sensiblen urtümlichen Störe.” (Frankfurter Rundschau)

4
Sinkende Arbeitsplattformen
“Im Rhein auf der Höhe Duisburg-Rheinhausen (…) ist ein sogenanntes Stelzenponton gesunken, eine schwimmende Arbeitsplattform mit Baggervorrichtung. Aus Sicherheitsgründen durften Schiffe hier nicht aneinander vorbei fahren, nur abwechselnd konnte der Verkehr entweder rheinauf- oder rheinabwärts fließen. (…) Fünf Tage blieb die Plattform im Rhein liegen. Aus den Niederlanden musste zunächst ein schwimmender Hebebock geordert werden, denn die Unglücksstelle lag mitten in der Fahrrinne – vom Ufer aus mit Kränen nicht zu erreichen. Auch andere Faktoren wie die Strömung verkomplizierten die Bergung.” (WDR)

“Auf dem Rhein bei Koblenz-Horchheim ist eine schwimmende Arbeitsplattform untergegangen. Der 15 Meter lange Ponton war an einem Motorschiff befestigt, das Richtung Mainz fuhr. Die Plattform riss am Morgen von dem Schiff ab, warum steht noch nicht fest. Nach Auskunft eines Sprechers der Wasserschutzpolizei in Koblenz lief auch Öl aus. Wie viel steht noch nicht fest. Verletzt wurde niemand. Der Ponton konnte bislang noch nicht gehoben werden.” (SWR)

5
Jetski-Nikoläuse
“Mit einer ungewöhnlichen Aktion hat (…) eine Gruppe von Jetski-Fans auf sich aufmerksam gemacht: Anlässlich von Nikolaus sind 15 Jetski-Fahrer in Nikolaus-Kostümen auf dem Rhein gefahren. „Der Sinn war einfach nur, den Kölnern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern“, sagt Benedikt Bereuter von der Truppe.” (WDR)

6
Barbarenschatz
“Er gilt als kostbares Überbleibsel aus der Römerzeit: Rund 1700 Jahre lang ruhten hunderte Metallobjekte in einem Arm des Altrheins. Küchengerät und Werkzeug, Tafelgeschirr und Waffen – Stücke aus Eisen, Bronze, Kupfer und Silber römischer Bürger, die von 1967 bis 1997 in der Nähe der heutigen Ortschaft Neupotz in Rheinland-Pfalz aus dem Wasser geborgen wurden. Nach langen Querelen um Zuständigkeit und Eigentum hat der “Barbarenschatz von Neupotz”, als der er inzwischen bekannt ist, jetzt eine Dauerbleibe im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte bekommen. (…) Nicht zufällig wird ein Querschnitt der Funde im Bacchussaal des Neuen Museums gezeigt. Lange stand dort einsam der Xantener Knabe, eine römische Bronzestatue, die Fischer 1858 im Rhein bei Xanten entdeckt hatten.” (Berliner Morgenpost)

7
Rheintote
“Grausige Überraschung beim Spaziergang am Rhein. Um acht Uhr (…) alarmierte ein Passant den Basler Rettungsdienst: Er sah von der Kleinbasler Seite her, rund zehn Meter vom Ufer weg, eine Leiche im Wasser treiben. Kurz darauf barg die Berufsfeuerwehr gemeinsam mit der Polizei einen toten Mann aus dem Rhein. Laut des Instituts für Rechtsmedizin trieb die Leiche schon seit mehreren Tagen im Wasser.” (Blick)

“(In Speyer) wird auf einer Sandbank bei Rheinkilometer 400 eine Leiche entdeckt. Laut Polizeipräsidium Rheinpfalz hat man den Leichnam einer weiblichen Person gefunden, die nach bisherigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen Suizid begangen hat. Die Kriminalpolizei ist mit der Spurensicherung vor Ort um Beweise zu sichern. Doch ist nicht klar, um wen es sich handelt. Auch, ob es sich um ein Gewaltverbrechen oder einen Unfall handelt, ist unklar.” (Heidelberg24)

Hirnrinde

Von einer himmlischen Höhe gesehen, müßte diese Alpenwelt mit ihren Tälern und ihren keulenförmigen steinernen Lappen wie die Rinde einer Hirnmasse erscheinen. Was würde dann noch zu erkennen sein von den Hecken, Landstraßen und Viehweiden in dem gleichförmigen Bewuchs ihrer Tiefe? Man würde aber an diesem Punkte hier, wo die beiden kleinen Flüsse kampflustig aufeinanderprallen, das Ende zweier langgestreckter Furchen erkennen, die von weither einander zustreben, um sich nun in einer einzigen größeren Talbreite fortzusetzen. Auf den Treppen der Bergwände stehen die Tannen, die kurzgefaßten Wiesen, auf einem samtgrünen Hügel der unscheinbare Obelisk des Kirchturms, der in entfernte Schluchten hinüberblickt. Dem Wanderer sind die Horizonte verkürzt. Die spitzen Glockentürme und die Reste hochgelegener Burgen sind in diesen Tälern wie Periskope, die das ewige Recht des Auges wahren.
Eine Landstraße rankt sich vom Bahnhof über die eiserne Brücke des Tales zu den breiten Höfen des Fleckens Reichenau hinüber, sie führt auf einer zweiten schräg gestellten Brücke über den kiesbelegten Abgrund und verzweigt sich durch Felder und waldnahe Reviere den halbversteckten Ortschaften zu. Und von der Bastei des wohlgepflegten Gartens auf dem Felsenvorsprung, auf dessen Wipfelgewölb das Dachtürmchen eines weißen Schlosses nach allen Seiten um sich blickt, sieht der Wanderer die beiden Wasserflüsse, kalkgefärbt, sonneglänzend, von einem sanften grünlichen Pastellgrau an den beschatteten Stellen. Ihr helles Rauschen, wie auf Dur gestimmt, hebt sich aus jenem kurzen, brausenden Wirbel, dessen Schollen geglättet weiterjagen. Das ist der Rhein, der hier aus seinen beiden fernen Quellen zusammenfließt, aus Gletscherwassern, von kalten Schneefeldern herabgeschmolzen, in funkelnden Wasserstürzen geläutert und im Anprall ausgehöhlter Felsenwände mit Sand, Geröll und Steinpulver gesättigt. Er flutet schwer und gläsern gegen den Fels, von dem der zierliche Pavillon aus den benetzten Gebüschen herabsieht; sein gegenüberliegendes Ufer ist eine kleine, vom Flugsand gebildete Dünenlandschaft, von strömungsloser, glasreiner Flut gestreichelt. Schon haben alle die Gewässer, die aus versteckten Tälern kamen, um dies stolze Rinnsal anzufüllen, den Namen des Rheins getragen. Rhein, Rhone und Reuß, die wie ein Stern von langen Silberadern dem gewaltigen Felsenleib des Gotthard entstrahlen, mit ihren Wurzeln zusammengebunden, doch nach drei Weltseiten entfliehend, tragen das Urwort ihres Namens durch alle Sprachen Europas und bewahren wie im romanischen und germanischen Klang so auch im halbvergessenen keltischen und griechischen den geheimnisvollen Sinn. Auf dem Felsenvorsprung hier, den der erste und schönste Garten des Rheintales mit seinen Rosenbeeten, seinen Felsenspalieren, seinen Papyruswäldchen, seinen Blutbuchen, bläulichen Kiefern und uralten Waldresten deckt, stand in der Vorzeit ein römisches Steinbild. Es war von den Fremden errichtet, die dem größeren Strom in Köln die Münze mit der Inschrift Deus Rhenus schlugen. Das weitgereiste und überschauende Volk der Römer sah den Rhein neben Nil und Tiber als einen der drei großen Naturkräfte, die zu Stützen seiner Machtbereiche geworden waren, und stellte die liegende Gestalt des Flußgottes mit dem umgestürzten Krug auf dem Kapitol zur Schau.
Im Hofe des bürgerlichen Schlosses ist der Knecht beschäftigt, einen Reitsattel zu putzen; in dem stattlichen Wirtshaus zum Adler an der Seite des Schloßgartens sitzen Bauern beim Wein; vor dem Dorfe begegnet mir ein Heuwagen mit falben Rindern, von schwarzhaarigen Männern von römischem Aussehen geführt; ein paar Kinder grüßen den Fremdling mit gelassener Freundlichkeit; im abendlichen Schatten der Bäume gehen zwei Engländerinnen. Das kleine Blockhaus des Bahnhofs steht ein wenig über der Landstraße, auf der jahrhundertelang die Karawanen mit Kaufmannsgütern, Schriftstücken und Waffen beladen von Italien nach Deutschland, von Deutschland nach Italien zogen; die beiden Täler des Rheins waren hoch und drohend, beide verdienten es, Via Mala zu heißen. In ihrer schmalen Tiefe eilen jetzt die Züge mit der Gabel am Draht, schwere Maschinenwagen, lackglänzend. Das Blockhaus, in der beginnenden Nacht, ist mit gelber Lichtfarbe angefüllt, an den Wänden die Fahrplantafeln und die Plakatbilder schwedischer Schneegebirge und Wasserfälle. Das kleine Haus ist heute nichts weiter als einer der Stützpunkte in der nüchternen und exakten Gastlichkeit der modernen Touristik. Aber diese Landschaft umfaßt in ihrer ungeheuren steilen Gedrängtheit den Süden wie den Norden, wie sie von jeher die Menschen von Süden und Norden an sich zog. Im uralten Wechsel von Tag und Nacht ist jetzt die kurze, schweigende Dämmerstunde. Noch weilt am Himmel die klare Tagesbläue, die Talwände versinken im Schwarz. Plötzlich erhebt sich das Geläute einer Dorfkirche irgendwo mit gleichmäßig tönendem Hämmern, um einsam und zögernd zu verstummen. Aus einer schwarzen Talkulisse schießt der Zug in das aufstrahlende Geleise, dessen Wegzeichen glühenden Pfeilspitzen ähnlich sind. Der Zug eilt durch die frische Heuluft einer nebelhaften Ebene der alten Stadt entgegen. Wie ein Sternbild elektrischer Lichtpunkte zeichnet die Stadt Chur in die Dunkelheit der Bergwände den Umriß der alten Schuttmoräne, auf die sie hingebaut ist.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Presserückschau (Juni 2015)

1
Fischüberwachung: “Viele Jahre gab es im Fluss Rhein gar keine Lachse mehr. Es wurde zu viel gefischt und das Wasser war verschmutzt, deswegen ist der ursprüngliche Rheinlachs sogar ausgestorben. Mittlerweile gibt es aber wieder ein paar Lachse im Rhein. Sie schwimmen aus dem Atlantik den Rhein hoch, um in ruhigeren Nebenflüssen ihre Eier abzulegen. Seit Anfang des Jahres sind 142 Stück gezählt worden, das ist neuer Rekord. Gezählt werden sie an der Fischtreppe bei Iffezheim. Dort wird jeder Fisch von einer Videokamera erfasst und aufgezeichnet. Im vergangenen Jahr sind über 50.000 Fische gezählt worden, von insgesamt 25 Arten.” (Kiraka)

2
Zu schnell um gerettet zu werden: in denunziatorischer Boulevarddiktion berichtet der Express von einem “irren Schwimmer” im Kölner Rhein, der “die Polizei genarrt” habe: “Um 12.34 Uhr ging der erste Notruf einer Frau bei der Feuerwehr ein. Sie meldete einen Schwimmer, der gerade am Niehler Damm ins Wasser steigen und zum rechtsrheinischen Ufer schwimmen würde. Sofort machten sich Polizei und Feuerwehr mit einem Großaufgebot auf den Weg. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft suchten sie nach dem Mann – ohne Erfolg. Kurz darauf der nächste Anruf in der Leitstelle. Ein Spaziergänger berichtete, dass ein Mann in Stammheim an Land gegangen und kurz darauf wieder ins Wasser gesprungen sei. Wieder suchten die Retter alles ab. Wieder war der Schwimmer einfach schneller. Zeugen berichteten um 13.25 Uhr den Rettungskräften, dass eine Person am Niehler Damm aus dem Wasser gekommen sei und sich zügig entfernt habe – Einsatzabbruch!”

3
Stadion auf dem Rhein: Die Bild interviewt Fußballtrainer Christoph Daum zur möglichen Fusion der Klubs Bayer 04 Leverkusen und 1. FC Köln im Jahr 2050. Daum erklärt ein solches Kölnkusen für international wettbewerbsfähig: „Die Tradition vom FC in Verbindung mit der Organisations- und Investment-Struktur von Leverkusen würde sich ideal ergänzen. Es wäre schon sehr interessant, was bei diesem Projekt rauskommen würde…“ Auf die Frage, wo das passende Stadion für ein solches Projekt zu stehen hätte, antwortet Daum schmunzelnd: „Auf dem Rhein! Das wäre doch ein Ding, vielleicht ist so eine Konstruktion möglich. Ein Stadion, das beide Städte verbindet – was willst du mehr…?!“

4
Mehr Geld aus Berlin in den Rhein investieren: “Die Verkehrsminister der Rheinanlieger-Länder fordern vom Bund mehr Geld, um den Rhein für den Gütertransport attraktiver zu machen. Straße und Schiene allein könnten die zu erwartenden Zuwächse beim Gütertransport nicht bewältigen, sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Montag bei einem Treffen in Mannheim. Sein rheinland-pfälzischer Amtskollege Roger Lewentz (SPD) zeigte sich überzeugt, dass eine Verdoppelung des Transportvolumens auf dem Rhein möglich sei. Dafür müssten aber Brücken angehoben, Schleusen erneuert und die Fahrrinne durchgehend auf mindestens 2,10 Meter vertieft werden.” (SWR)

5
Rheingetauft: “Die etwa 180 Gottesdienstbesucher der Freien evangelischen Gemeinde Wiesbaden sitzen auf Bierbänken im Schatten einer Trauerweide. Zwei Kinder sitzen auf einer Picknickdecke und naschen Erdbeeren, andere buddeln im Sand. Der Taufgottesdienst findet an diesem Sonntag an einem ungewöhnlichen Ort statt: unter freiem Himmel auf der Rheininsel Rettbergsaue. Statt ins Taufbecken werden die Täuflinge in den Rhein getaucht.” Anknüpfend an die Flußtaufe Jesu im Jordan seien in Wiesbaden fünf Täuflinge neu in die Christenheit aufgenommen worden, berichtet der Wiesbadener Kurier.

6
Goldrausch: von einem angeblichen gold rush in Disentis am Vorderrhein berichtet das Schweizer Boulevardblatt Blick, gefolgt von weiteren Blättern. Im Zentrum der Artikel steht der lokale Goldgräber August “Gold-Gusti” Brändle, der von erstaunlichen Nuggetfunden, darunter einem knapp 50 Gramm schweren Rekordstück mit Namen “Desertina” berichtet. Der Ansturm der Rheingoldwäscher in Disentis indes scheint einige Zeilen unterhalb der reißerischen Überschrift noch halbwegs übersichtlich: “Der Ort ist bei Goldfreunden beliebt. Schatzsucher aus ganz Europa kommen zur Lukmanierschlucht im Bündner Oberland. Gegen 2000 sind es im Jahr.”

Bemerkung über den wahren Lauf des Rheins, und über die physischen Ursachen seiner Dauer.

Nach Emiland Estienne’s Aufsatz im 2ten Bande der Annales de Statistique S. 14

Man ist in Frankreich ganz allgemein der Meinung, dass der Rhein am Gotthardsberge entspringt: das ist ein Irrthum. Wenn man sagt, dass man über den Gotthardsberg geht, so versteht man, wie Saussure und alle Alpenbewohner, jenen erhabenen Rücken, welcher das Thal Urseren von dem Thale Levantine, zwischen dem Dorfe l’Hopital gegen Norden, und dem Dorfe Ayrolo gegen Süden scheidet. Nun, die berge, auf welchen die Quellen des Rheins liegen, sind vom Gotthardsberge ganz unterschieden, welcher wenigstens drey Myriameter (beynahe 6 Meilen) von der nächsten Rheinquelle entfernt ist.
Der Rhein, lateìnisch Rhenus, entspringt auf den Bergen von Graubünden, wo er drey unterschiedliche Quellen hat, welche aber durch die regelmässige Schmelzung des Eises und durch die Herabsenkung der Wolken, die der Wind dahin treibt und der beeiste Gipfel dieser hohen Berge anzieht, ihre Entstehung und Dauer erhalten.
Die erste dieser Quellen , oder vielmehr jene, die am meisten gegen Norden liegt, ist unter dem deutschen Namen Vorderrhein, Nieder- und Unterrhein bekannt; diese Quelle entsteht aus vielen kleinen Bächen, welche durch ihre Vereinigung einen Gussbach formiren, in einer Spalte des Cima del Badur, welches der höchste von allen jenen Bergen ist, die zusammen das, was man Crispalta nennet, das ist, jene Gebirgskette ausmachen, welche gegen Westen Graubünden von dem Thale Urseren scheidet.
Die zweyte Quelle, welche den Namen Mittel-Rhein fUhret, kömmt vom Cadelin, der einen Theil des schrecklichen Luch- Mannier ausmacht.
Nach einem Laufe von sieben bis acht Meilen fällt diese Quelle in den Unter-Rhein, nahe bey der Abtey Disenty. Endlich die dritte Rheinquelle, oder der Hinter-Rhein (hohe Rhein), welche am meisten gegen Süden, und eben desswegen von seiner Mündung am weitesten entfernt liegt, entspringt am Vogelberge, Colme dell’Uccello, und vereiniget sich mit den andern zwey Aesten bey dem Schlosse und der Brücke Reichenau, von wo der Rhein seinen natürlichen Lauf gegen Coire nimmt, wo er anfängt schiffbar zu werden, das Rheinthal von Tyrol scheidet, und sich in den Konstanzersee ergiesst, bey Stein aus diesem See herausgeht, von hier seinen Lauf gegen Westen nimmt, dann bey den Mauern von Diessenhofen und Schaffhausen vorbeyfliesst, eine kleine Weile unterhalb dieser letzten Stadt den berühmten Wasserfall zu Lauffen bildet, wo das Wasser bey 15 metres hoch sich mit sehr grossem Geräusch zwischen Felsen hinabstürzt, Waldshut, Lauffenbourg, Seckingen und Rheinfelden bewässert, nach Basel kömmt, welches er in zwey sehr ungleiche Theile vertheilet, dann die Sçhweitz verlässt und indem er seinen Lauf nach Norden richtet, Frankreich von Deutsehland scheidet bis auf die Gränzen Bataviens, wohin er noch bis drey Kilometres über die Schenkenschanz hinausgehet.
Kaum kommt der Rhein in das Batavische Gebieth, so theilt er sich in zwey Arme , einen südlichen und einen nördlichen, mittels eines Kanals (der, neue Kanal genannt) der im Anfange des letzten Jahrhunderts bey Panderen, einem beylaufig einen Myriameter oberhalb Niwegen gelegenen Dorfe, errichtet worden ist.
Der südliche Arm, oder der Waal, nach einen Lauf von einigen Meilen über Niwegen, Thiel und Bommel, vereinigt sich bey Fort André mit der Maas, und bildet durch diese Vereinigung die Insel Bommel, unterhalb welcher der Waal und die Maas sich neuerdings vereinigen und unter dem Namen der Merwe fortfliessen, die sich nachdem sie bis unterhalb Gorcum gekommen, südlich in eine grosse Anzahl Aeste ausbreitet, welche eine Menge kleiner unter dem flamandischen Namen Waarden bekannter Inseln machen, hernach fliesst dieser Fluss nordwestlich gegen Rotterdam, wo er den Namen Maas wiederum annimmt, und gegen Briel geht, und sich da in das Meer ergiesst. Der nördliche Arm erhält den Namen Rhein. Kaum kömmt er auf die Höhe von Arnheim, dem vornehmsten Orte des batavischen Départements von Geldern, so zertheilt er sich neuerdings, um den neuen Yssel zu formiren, der seinen Lauf nördlich gegen Doesburg richtet, wo der alte Yssel, der von den westphälischen Gebirgen herabkömmt, sich mit ihm zu einem einzigen Flusse vereiniget, welcher dann in den Zuiderzée fällt.
Der zweyte Theil des Rheins aber theilet sich bey Utrecht wieder in zwey Arme, deren einer sich gegen Norden unter dem Namen Vecht wendet, und bey Veesp und Muyden vorbeyfliesst, und in den Zniderzée fällt.
Der andre Arm, der den Namen Rhein behält, geht seinen natürlichen Lauf durch Woerden, und entladet sich, ehe er nach Leiden kömmt, eines beträchtlichen Theils seines Wassers, das durch drey verschiedene Gänge iu den Harlemersee ausfliesst.
1) Durch den Heimans-Water, einen Kanal, welcher beym Dorfe Oudshorn N. Oe. von Alpher anfängt, und an den Drasemersee endet, der mit dem Harlemer durch einen eine halbe Meile langen Kanal verbunden ist.
2) Durch den Does, einen andern Kanal, der westlich eine Meile von Leyden anfängt, und gleichfalls an den Brasemersee endet.
3} Endlich durch den Kromezyl bey Leyden, der in das Kager-Meer, oder in den Kagersee fällt, welcher ein Busen oder eine Ausdehnung des Leydnersees ist, der einen Theil des grossen Harlemersees ausmacht.
Also geht der Rhein, nachdem er 0,900 seines Wassers vertheilet, nach Leyden, und verliert fich in den Catwykschen Sandhügeln, deren Entstehung im Jahre 860 den Aussluss dieses Flusses ins Meer zerstöret hat.

(Archiv für Geographie und Statistik, ihre Hülfswissenschaften und Litteratur mit vorzüglicher Rücksicht auf die österreichischen Staaten: Verfasset von einer Gesellschaft Gelehrten u. Hrsg. Von Joseph Marx Freiherrn von Liechtenstern, Wien 1802)

Die letzten Rheinmeter

An der Quelle des Vorderrheins steht inmitten erhabener Gipfel am Oberalppaß ein Nachbau des Leuchtturms von Hoek van Holland in verkleinertem Maßstab. An der Mündung des Nieuwe Waterweg bei Hoek van Holland wird der begehbare Pier von alpenähnlichen Gesteinsformationen (hier zwei Gipfel des Gizeh Massief) en miniature ins Meer fortgesetzt. Beides Bauwerke von Menschenhand weisen sie auf die Weltenschlange der germanischen Mythologie, deren Kopf- und Schwanzende sich in Vervollkommung aufheben. Aus dem Nichts hinter der sich selbst umschlingenden, genügenden, erfüllenden Rheinwelt dringt indes ein futuristisches Vehikel ein, beladen vielleicht mit unvorstellbaren Mengen brasilianischen Orangensaftkonzentrats oder mit Zigtausenden chinesischer TV-Geräte, die, sobald sie in unsere Breiten gelangt sind, die immergleichen Rheindokumentationen empfangen, damit wir uns nach Feierabend bei vollster tropisch basierter Gesundheit unserer selbst und unserer einzigartigen Heimat vergewissern zu können.

Fliegende Kühe

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Graubünden ist reich an Mythen und Geschichten, Arnold Büchli hat bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts tausende Seiten mündlicher Überlieferungen über das Auftreten seltsamer Bergwesen, verzauberter Kühe oder des Ewigen Juden in Camischolas und sonstige besondere Begebenheiten in Dialekt und Hochsprache zusammengetragen. Auf rheinsein läßt sich u.a. die Geschichte einer deftigen Bündner Gerstensuppe finden, die eine Lawine überstanden hat. Ein Vorfall, der sich jüngst im Vorderrheintal ereignete, und über den verschiedene Schweizer Zeitungen berichteten, dürfte, ein wenig ausgeschmückt, sicherlich das Interesse des Mythologen geweckt haben. Acht Kälber, hieß es in der Presse, seien des Nachts von ihrer Weide ausgerissen (hinter solchen Vorgängen steckte in früheren Zeiten immer ein böswilliger Zauber), die eine Hälfte habe sich im steilen Gelände verstiegen, die andere sei zwischen Sagogn und Valendas in der wildschönen Ruinaulta in den Fluß geraten und von ansteigendem Wasser auf einer Kiesbank eingeschlossen worden. Die Bergung der Tiere, an der Feuerwehrleute, Tierärzte, Landwirte, Rettungshubschrauber und Polizeitaucher beteiligt waren, habe sich über Stunden erstreckt. Schließlich seien die Kühe wohlbehalten auf ihre Weide zurückgeflogen worden. Das Motiv der fliegenden Kuh, in der heutigen Schweizer Bergwelt kein allzu ungewöhnliches Bild, ist indes andernorts (“Aus dem Himmel stürzende Kuh versenkt Fischerboot im Ochotskischen Meer”) in den modernen Sagenschatz eingegangen. Womöglich nur eine vorläufige Lücke, denn bildnerisch und literarisch scheint das zeitgenössische Motiv der zwischen Alpengipfeln schwebenden Kuh durchaus kraftvollen Stoff zu bieten.

kühe in der ruinaulta_3_kl(Bilder: Kantonspolizei Graubünden)

Gartenrhein

(…) Kurz nach unserm Abenteuer auf dem Uhlenberge waren die großen Ferien zu Ende, und wir trotteten eines Morgens, mit stummer Ergebung in ein unvermeidliches Schicksal, mit unsern Büchern zu dem gewohnten Unterricht. Wir trafen Onkel Philipp, wie er auf der Bank am Rheinfall saß und seine Morgenpfeife rauchte. Die letzte Wandlung, die nämlich die von ihm so sehr geliebte Quelle durchzumachen gehabt hatte, war, daß sie den Rhein darstellen mußte, vom Ursprung bis zur Mündung. Dies war zurzeit der größte Stolz seines Gartens. An der höchsten Stelle, wo das Wässerchen in das Grundstück eintrat, wurde es zunächst durch ein gemauertes Sammelbassin aufgefangen, dessen Inhalt bei festlichen Gelegenheiten den Springbrunnen zu speisen hatte. Für gewöhnlich aber lief das Wasser an drei Stellen über den Rand dieses durch Felsblöcke und Steintrümmer verkleideten Gemäuers und trat als Vorder-, Mittel- und Hinterrhein in eine großartige Alpenlandschaft ein, deren höchste Gipfel sich mindestens sechs Fuß hoch über die umliegende Ebene erhoben. Daß in den Thälern und an den Hängen dieses Gebirges nur Alpenpflanzen, wie Edelweiß, Enzian, Alpenglöckchen, Alpenrosen, Alpenveilchen, Edelraute und dergleichen wuchsen, ist selbstverständlich. Hatten sich nun die drei fadendünnen Gerinnsel zum wirklichen Rhein vereinigt, so trat dieser sehr bald in den stattlichen und langgestreckten Bodensee ein. Es zuckte uns oft sehr in den Beinen, diesen prächtigen See zu überspringen, und nur die Überlegung hielt uns von dieser hasenfüßigen That zurück, dass Onkel Philipp das als eine schwere Kränkung empfunden haben würde. Gab es ihm doch schon immer einen Stich durch das Herz, wenn man diesen Rheinstrom anderswo als auf den eigens dazu angelegten Brücken zu überschreiten wagte. Im Bodensee lebte eine Anzahl sehr stattlicher Goldfische, denn die Forellenzucht hatte sich leider als zu schwierig erwiesen. Nicht sehr weit hinter ihm war dann natürlich der Rheinfall, wo der stattliche Strom anderthalb Fuß breit über einen glatten Stein schäumend in einen kochenden und wirbelnden, mindestens drei Fuß tiefen Abgrund stürzte. An ganz stillen Tagen konnte ein sehr scharfes Ohr den Donner dieses Falles fast durch den ganzen Garten vernehmen. Dort hatte Onkel Philipp ein Bänkchen und einen Tisch, und wenn ihn einmal die Lust ankam, Betrachtungen anzustellen über die Ewigkeit, über die Vergänglichkeit alles Irdischen oder die Erhabenheit des Weltalls, so fand er, daß dergleichen hier am besten zu erledigen ging, während er aus einem echt türkischen Tschibuk gelben gelockten Tabak dazu rauchte. In ruhigerem Laufe zog dann hinter dem Falle der Rhein dahin, vorüber am Schwarzwald, Odenwald, Taunus, Hundsrück und so weiter, bis er langsam und träge Holland, eine blumige Wiese am Ufer des Sees, in mehreren Armen durchkroch, um endlich in die Nordsee zu münden. Daß die kleineren Gebirge an seinen Ufern mit den Pflanzen des Mittelgebirges bis hinunter zur Ebene bestanden waren, versteht sich wiederum von selbst. Diese ganze sinnreiche Anlage hatte aber einen Übelstand, der Onkel Philipp manchen Kummer bereitete. Wurde bei besonderen festlichen Gelegenheiten der Springbrunnen losgelassen, und hatte dieser nur eine kurze Weile mit seiner goldenen Kugel gespielt, so machte der vermehrte Wasserverbrauch, daß der Vorder-, der Mittel- und der Hinterrhein alsbald versiegten, so daß die Speisung des Bodensees aufhörte und dieser den Rheinfall nicht mehr zu versorgen vermochte. Nach einer Viertelstunde war dann der ganze Rhein bis auf ein paar kleine Tümpelchen weggelaufen, und der Rheinfall tropfte nur noch ein wenig, als weine er über seine eigene Unzulänglichkeit. Die Erhabenheit des Wasserfalles und die Lieblichkeit des Springbrunnens schlossen sich aus, beide zusammen konnte man nicht genießen. (…)

(Heinrich Seidel: Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande)

O Beyspiel für die Welt

Albrecht von Haller kommt in seinem epochalen Gedicht Die Alpen, das für die Entdeckung der Naturschönheiten der Schweizer Berge zumindest von Seiten der Germanistik verantwortlich gemacht wird, auf die Quellregion des Vorderrheins und zieht aus deren Höhen einen weitblickenden Vergleich mit der Sahara heran, deren Sandwehen in der Tat den einen oder anderen Alpenhang erreicht haben sollen:

„Dann hier, wo Gotthards Haupt die Wolken übersteiget,
Und der erhabnen Welt die Sonne näher scheint,
Hat, was die Erde sonst an Seltenheit gezeuget,
Die spielende Natur in wenig Land vereint:
Wahr ists, das Lybien uns noch mehr neues giebet,
Und jeden Tag sein Sand ein frisches Unthier sieht:
Allein der Himmel hat dieß Land noch mehr geliebet,
Wo nichts, was nöthig, fehlt, und nur was nutzet, blüht:
Der Berge wachsend Eiß, der Felsen steile Wände,
Sind selbst zum Nutzen da, und tränken das Gelände.“

Haller hatte als 19-Jähriger, nach Abschluß seiner Studien im Ausland, im Jahre 1728 eine Reise durch die heimatliche Schweizer Bergwelt unternommen, die ursprünglich botanischen Forschungen zugedacht war. Er schrieb dann allerdings keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern besagtes Langgedicht, dem er voranstellt, daß es sein schwierigstes gewesen sei: „(…) ich wählte eine beschwerliche Art von Gedichten, die mir die Arbeit unnöthig vergrösserte. Die zehensilbigen Strophen, die ich brauchte, zwangen mich so viel besondre Gemählde zu machen, als ihrer selber waren, und allemahl einen ganzen Vorwurf mit zehen Linien zu schliessen. Die Gewohnheit neuerer Zeiten, daß die Stärcke der Gedanken in der Strophe allemahl gegen das Ende steigen muß, machte mir die Ausführung noch schwerer. Ich wandte die Nebenstunden vieler Monate zu diesen wenigen Reimen an, und da alles fertig war, gefiel mir sehr vieles nicht. Man sieht auch ohne mein warnen noch viele Spuren des Lohensteinischen Geschmaks darinn.“ Ganz so wenige Reime sind es dann doch nicht geworden. Ein paar exemplarische, die sich dem Aarelauf widmen, seien an den Schluß gestellt. Der komplette Text ist bei Google Books verfügbar.

„Aus Furkens kaltem Haupt, wo sich in beyde Seen
Europens Wasser=Schatz mit starken Strömen theilt,
Stürzt Nüchtlands Aare sich, die durch beschäumte Höhen,
Mit schreckendem Geräusch und schnellen Fällen eilt;
Der Berge reicher Schacht vergüldet ihre Hörner,
Und färbt die weisse Flut mit Königlichem Erzt,
Der Strom fließt schwer von Gold, und wirft gediegne Körner,
Wie sonst nur grauer Sand gemeines Ufer schwärzt:
Der Hirt sieht diesen Schatz, er rollt zu seinen Füssen,
O Beyspiel für die Welt, er siehts, und läßt ihn fliessen.“

Hydrometrischer Flügel

„(…) Der Pegelstand des Vorderrheins wird kontinuierlich mit zwei Sonden gemessen. Eine Pneumatiksonde ist seitlich am rechten Ufer angebracht. Sie ermittelt den Pegel durch eine Druckmessung unterhalb des Wasserspiegels. An einem Auslegerbalken ist eine Radarsonde montiert. Sie bestimmt den Pegel durch eine Distanzmessung von oben. Die Doppelmessung erlaubt eine ständige Kontrolle der Messwerte.
Als Abfluss bezeichnet man die Wassermenge, die einen Flussquerschnitt pro Sekunde durchfliesst. In Ilanz wird der Abfluss entweder mit Hilfe eines hydrometrischen Flügels gemessen, an dem ein rotierender Propeller die Fliessgeschwindigkeit anzeigt, oder es kommt ein Akustik-Doppler-Gerät zum Einsatz, das die Fliessgeschwindigkeit mittels Schallwellen bestimmt. Durch die Messungen werden das Flussquerprofil und die Fliessgeschwindigkeiten detailliert aufgenommen. Aus diesen Angaben kann der momentane Abfluss berechnet werden. Da die Gewässersohle sich durch Geschiebe oder Ablagerungen laufend ändert, müssen die Abflussmessungen periodisch wiederholt werden.
Abflussmessungen können nicht automatisch und kontinuierlich durchgeführt werden. Zwischen Pegelstand und Abfluss besteht aber eine direkte Beziehung. Mit der sogenannten Pegelstand/Abfluss-Beziehungskurve können die Pegelstände in Abflussmengen umgerechnet werden. (…)“

(Quelle: Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Umwelt)

Ustrinkata am Vorderrhein

“Jetzt lass ihn, sagt die Tante, muss ja nur Wasser lassen, nicht dass er mir in die Hosen macht wie der Georg, ist auch schon Jahre tot, wer ist gestorben, fragt die Grossmutter, niemand, sagt die Tante und steckt sich eine neue Mary Long zwischen die Lippen, ich habe geträumt, sagt die Grossmutter, das Ross sei im grünen Gras am jungen Rhein gestorben, es lag da ganz müde und tot, die Tante bläst den Rauch aus, der Georg also, sagt die Tante, der sass jeweils da auf dem Bänkli, immer auf dem gleichen Platz, ganze Nachmittage sass er da und sagte nichts, und wenn er genug intus hatte, zog er den Kopf in die Schultern, und gestorben ist er auf der Toilette, sagt die Silvia und hält das brennende Zündhölzchen der Tante hin, hatten ja auch alle gestaunt, dass er plötzlich auf die Toilette wollte, wo er doch nie ging, sie zündet ihre Select an, nur dass er nicht mehr zurückkam.”

Arno Camenischs Sprache ist hochrhythmisch. Sie besteht aus kurzen, kommagetrennten Einheiten, die sich zu langen Sätzen, zu einem schnaufenden Sermon dehnen, der nicht nur einen Sprecher zu besitzen scheint, bzw falls doch nur einen, dann einen, der aus verschiedenen Raumecken mit Ideen gefüttert wird, die abzumischen er gezwungen wirkt, als Kleister benutzt er Capunsmasse. Denn auch eine Mischung aus Hochsprache, Bündner Dialekt und dem sursilvanischen Romanisch ist diese Sprache, die plätschert und anzieht wie der Vorderrhein, den sie häufig beschreibt. Eine rauhe Mischung, kantig, Berglerbeat, langsam, bald schwer, bald unberechenbar bis luzid, von exzellenter Qualität. Ob eine solche Sprache in 200 Jahren noch verstanden wird fragen wir uns, wie wir uns das sonst nur bei zeitgenössischen Gedichten, unsere eigenen eingeschlossen, fragen. Und verwerfen die Frage sogleich, weil es fürs erste ausreicht, daß uns diese Sprache ganz ausgezeichnet gefällt, auch weil sie bei allem Flow beinahe stets vom Wesentlichen spricht, Leben und Tod. Die Wirtshausszenen aus der “Helvezia” in Tavanasa erinnern uns an jene, die wir einen Monat lang in Linas “Calanda”-Gaststube in Haldenstein, am bereits zusammengeflossenen Alpenrhein erlebten. Urchiges Stammpersonal mit markigen, auf den winzigen Provinzflecken Welt ihres Daseins bezogenen Erzählungen, ein Personal, dem jederzeit zuzutrauen ist, daß es die Gläser nach dem Leeren gleich noch auffrißt, das als verborgener Gegenbeweis für die im Literaturbetrieb kursierende These vom Ende der Zeit der großen Geschichten hinter Nikotinnebeln vor sich hin existiert, wenngleich es seine Geschichten recht einsilbig erzählt. Groß sind sie allemal. Und: Arno Camenisch liefert die literarisch stärksten Beschreibungen der Macht des Vorderrheins, die uns bisher bekannt sind.

Arno Camenisch: Ustrinkata, Engeler 2012
ISBN 978-3-033-03028-2, Gebunden, Schutzumschlag, 18,5 x 12 cm, 100 Seiten, Euro 17.- / CHF 25.-

Rheinischer Engel

breiter engel

Die spirituellen Wirkungen des Weihrauchs stehen diesem, die schöne blattgoldne Jahreszeit kündenden Exemplar, zu bestaunen in der Klosterkirche Disentis am Vorderrhein, ins Gesicht geschrieben.

Der Rhein von oben (2)

Auf Arte läuft seit gestern und noch bis Freitag um jeweils 19.30 Uhr eine fünfteilige, jeweils dreiviertelstündige neue Rheindoku: Der Rhein von oben. Der Sender verspricht „das wohl ausführlichste Bild des europäischen Stroms, das je gezeigt wurde“. (Aus der Luft mit der Cineflex-Kamera gefilmt mag das sogar zutreffen – Ausführlichkeits-Interessenten empfehlen wir nichtsdestotrotz das Vergleichsstöbern in mittlerweile deutlich über 1200 rheinsein-Einträgen.)

Die erste Teilfolge, Der Alpenrhein, widmet sich, logisch, den Quellen des Vorder- und Hinterrheins und endet beim Einfluß in den Bodensee. Die Macher (Regie: Luzia Schmid) verfahren nach zuletzt bei Rheindokumentationen bewährtem Strickmuster: beeindruckende Luftaufnahmen zu seicht-pathetischer Musik wechseln mit Kurzportraits bzw -interviews von/mit Anwohnern.

„Den Rhein möcht ich noch einmal machen“ hören wir zu Beginn Ernst Bromeis, der im und vor dem Tomasee posiert und dessen gescheiterter Versuch den Fluß der Länge nach zu durchschwimmen vergangenen Mai für öffentliches Aufsehen (und ein paar rheinsein-Notizen) sorgte. Sogleich beschleicht uns Furcht, daß wir den x-ten Aufguß allzu bekannter Anekdötchen aufs Auge gedrückt bekommen sollen. Eine unnötige Furcht, wie wir erfreut feststellen dürfen. Die Bodenbeiträge erweisen sich als wohlgewählt, erfrischend und kompetent und das Team scheut bei seinen alpinen Erkundungen keine Seitenpfade in selten geschaute Nebentäler, die doch von elementarer Bedeutung für das Verständnis des Alpenrheins und somit des gesamten Rheinsystems sind und bei vergleichbaren Gelegenheiten gerne übersehen werden.

Zwischen dem energiewerkenden Ex-Abt von Disentis und der tauchenden Archäologin in Sipplingen findet sich Platz für kleine Erkenntnisse über hunderte Schmelzwässer, den italienischen Rheinanteil, historisch bedingte Kuriositäten und den unterseeischen Wasserfall der Bodenseeeinmündung, in deren Hintergrund wir für einen Augenblick sogar Paradise Island zu entdecken glaubten, wenngleich die kontroverse Insel in Der Rhein von oben (noch) keine Rolle spielte.

der rhein von oben_rheinalpen_04(Pressebild: © WDR/Vidicom)

Der vergleichsweise gediegene Zeitrahmen jedenfalls scheint dieser Dokumentation zu bekommen wie auch der allenthalben eingefangene Respekt und das Staunen vor der Kraft des Wassers. Einziger Wermutstropfen bleibt die musikalische Untermalung. Die gestern ausgestrahlte und die kommenden Folgen sind rheinsein eine Empfehlung wert.

Die erste Folge ist derzeit in der Arte-Videothek verfügbar.

Wiederholungen der ersten Folge auf Arte:
Montag, 18.03.2013 um 12:05 Uhr
Samstag, 30.03.2013 um 12:30 Uhr

Ein einsames Haus und eine Sägemühle

“In einem schmalen Seitentale des Vorderrheins, dem Tal der Yzolla, stand ein einsames Haus und daneben eine Sägemühle.” So beginnt John Knittels berühmter Roman Via Mala, der die gleichnamige wilde Rheinschlucht vom Tal des Hinterrheins in das fiktive Yzollatal verlegt. Die umgebenden Ortschaften heißen im Roman Nauders und Andruss und all diese Namen erinnern stark an die tatsächlichen Namen der Nolla, Thusis`, Zillis`, Andeers: “Dicht unterhalb von Nauders zwängte sich die Yzolla durch eine nur wenige Meter breite Felsenlücke, eine schäumende, kochende, tobende Wassermasse, und ergoß sich dann in eine höhlenartige Spalte, in die noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte.” Die geografischen Verschiebungen im Roman bewirken, daß die Koordinaten des Bösen nicht mit den realen Koordinaten der Via Mala in Deckung zu bringen sind. Doch gerade aufgrund dieser Verzerrungen werden die Geschehnisse des Romans in der tatsächlichen Via Mala umso vorstellbarer und omnipräsenter: die gesamte Schlucht steht für das fiktive Verbrechen (nicht, daß sich nicht auch historische, aber weniger berühmt gewordene  Schrecken am bezeichneten Ort ereignet hätten). Die reale Schlucht besitzt sommers einiges an Idyllenkraft, ist heuer trotz steiler Passagen leicht begehbar, es führt sogar eine Autostraße hindurch bzw über sie hinweg. Knittel, der Fakten und Fiktion stets gut miteinander verrührt: “(…) um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts nahm die Regierung die Sache (…) in die Hand. Die hölzernen Bretterstege und wackeligen Stufen wurden beseitigt, und man konnte nun auf bequemer Straße reisen, ohne ständig Gefahr zu laufen, in einen Abgrund zu stürzen. In den allerletzten Jahren hat das kantonale Baudepartement in das Gestein Tunnels sprengen und Mauern und Zäune errichten lassen zum Schutze der modernen Touristen, die hierherkommen und mit ehrfürchtigem Staunen das Werk der Natur bewundern.” Touristenziel ist die Via Mala heute in eher geringfügigem Maße. Wer dort über Waldpfade und eine schwankende, aber sichere Hängebrücke in den Schluchtenrhein hinabsteigt, spürt die Fragilität menschlicher Sicherheit und die Großartigkeit der Natur, wer die hoch im Fels bezeichneten Saumwege früherer Zeiten erblickt, den erfaßt, wenn er nicht grad geübter Alpinist ist, auch heute noch schnell das Schaudern bei der Vorstellung, selbst dort herumkraxeln zu sollen. Im Roman ist die Gegend überhaupt nur während vierer Sommermonate querbar, den Rest des Jahres liegt der Paß “im Schnee begraben”. Die Langeweile der überlangen Winter habe den Sägemüller Jonas Lauretz zum Tyrannen seiner Familie geformt, heißt es im Buch. Nach solcher Lektüre wird verständlicher wie ein Ahnherr der Familie, die das Gasthaus an der benachbarten, einige Kilometer tiefer im Hinterrheintal gelegenen Roflaschlucht besitzt, über sieben solcher (wenngleich vielleicht nicht ganz so langer) Winter in unermüdlicher Kleinarbeit eine unfaßbare Galerie in den Felsen hackte, die heute als Touristenplattform dient: die Einflüsse der alpinen Jahreszeiten auf die Seele sind in erheblichem Ausmaße vorhanden, dieses gleichzeitig formbare und so schwer faßbare Organ reagiert jedoch recht individuell auf klimatische Ausgesetztheiten.

Zitate aus
John Knittel: Via Mala. Roman, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes, Stuttgart/München (ohne Jahresangabe)