Kaiserstuhl

Wenn der Kaiserstuhl den Rheinblick vom Freiburger Münster blockiert, vielleicht bietet er ja selbst einen? Der höchste Gipfel trägt den attraktiven Namen Totenkopf, erreichbar über ein gewisses Liliental, in dem der Wanderer sich angeblich mit Schneckensuppe stärken kann. Mit einem passenden Song der Vietnam Veterans („sweet little girl, lily of the valley“) zwischen den Synapsen stapfe ich los, durch sanft ansteigende Weinlagen, an schwer behangenen, verheißungsvoll glühenden Kirschbäumen vorbei, begleitet von dunklen rotgeränderten Faltern, während die Sonne an den Härtegraden von Kopf und Schuhsohlen feilt. Schon bald bietet sich eine feine Aussicht auf das Breisacher Münster, Vogesen und Schwarzwald, das Band des Rheines läßt sich hinter Baumreihen jedoch nur ahnen. Vor mir öffnet sich ein Hohlweg im Löß, der per äolischem Transport auf den Vulkangrund gelangt tatsächlich aus Rheinschlamm besteht, dh, der Rhein ist akut präsent, ich bewege mich durch einen Trockenfluß mit halluzinogener Lichtgestaltung und psychedelischem Vogelgezwitscher, der Bienenfresser soll diese Gegend bevölkern, die Gottesanbeterin und aus den Lößhöhlen gurrt und knurrt der Wolpertinger bzw sein Fernsehprogramm. Hin und wieder ein Weinbauer, der seine Rebstöcke streichelt und sie mit magischen Formeln bespricht. Gelegentlich Baumschatten beim selbstischen Tanz. Fernes Aufscheinen von Feen mit Mützen und zügiges Fadeout derselben. Seltsam gebaute Insekten mit noch seltsamerer Flugmethodik zu allerseltsamsten Brummlauten, friedlich gestimmt. Im Liliental plötzliches Seniorenaufkommen. Die Schneckensuppe gibt es nur im Internet. Dafür gibt es hier bereits den Wein, der rundherum noch reift und wächst. Bergab nehme ich die Straße. Auf Wasenweiler zu kirschts, beerts und obsts in gelungener Pracht, fröhliche Nixen bevölkern kleine Seerosen-Teiche, in Wiese und Gehölz verstecken sich Affen-, Helm-, Mädchen- und Brand-Knabenkraut vor dem Schwertblättrigen Waldvögelein, Wasenweiler selbst ist dafür eine typische von der Sonne erschlagene Neubausiedlung am Nachmittag.

Frankfurt am Main

Die Paradieshaftigkeit des Oberrheins verliert sich auf Frankfurt zu. Plötzlich laufen Schwarzwald und Vogesen aus, Pfälzer Wald und Odenwald bieten nur sehr mäßigen Panoramaersatz. Der lustige badische Dialekt weicht sich noch weiter auf, kippt ins Kurpfälzische, das Hessische schließlich rangiert in der Hitliste der furchtbarsten Idiome ganz weit oben; allein die Vorstellung, ein Hessisches mit einem Schwäbischen Mundart babbele zu hören, und sei es in Weimar, hat etwas entsetzlich Peinigendes. Daß der Frankfurter Hauptbahnhof ein Sackbahnhof ist, in den man sozusagen einfährt, um ihn auf dem gleichen Wege wieder zu verlassen, spricht ebenso über den Charakter der Stadt wie die wirre Architektur, die sich zwischen Gemütlichkeit und Ambition nicht zu entscheiden vermag und in diesem Zuge beides auf einen Schlag vernichtet. Als Wahrzeichen der Stadt fungiert ein leicht überdimensioniertes blaues, besterntes Eurozeichen vor einem Bankhochhaus. Hierzu erübrigt sich hoffentlich jeder Kommentar. Im Bahnhofsviertel liegen schrundige ausgehöhlte Dreißigjährige in schäbigen Klamotten auf dem Bürgersteig und spritzen sich braune Flüssigkeit zwischen die Zehen. Die Straßen um den Bahnhof herum sind bevölkert von archaischen Gestalten, mit offen getragenem Brusthaar die einen, kopftuchbedeckt die andern, aber alle wild, hier scheint noch Waffenrecht zu gelten. Und wie es in Großstädten eben so ist: in einem Hinterhof trifft sich die Subkultur, die exakt jener langweiligen Hochkultur nacheifert, die es eigentlich zu verdrängen, bloßzustellen, auszuhebeln gälte. Der Frankfurter Subkulturgänger setzt automatisch ein Suhrkamp-Gesicht auf, ist langsam und hat miese Laune. Kein Wunder, wo er doch in Frankfurt lebt. Die Fassade Frankfurts fordert förmlich illegale, über die Stränge schlagende Handlungen. Und wir können davon ausgehen, sie finden auch statt, in einem Maße, das die meisten Nicht-Frankfurter erschrecken würde. Nachts zieht in künstlichem Blau, als wäre er eine Meisterillusion aus Las Vegas, der Main durch die Stadt, er dehnt und reckt und übt sich, als hoffte er auf ein nahes Meer, um für immer darin zu verschwinden und sich von allen Lügen reinzuwaschen. Man schaut ihm nach und wünscht ihm Glück und weiß, daß er in halbwegs vernünftige Gegenden fließt. Das gibt ein gutes Gefühl, daß man in Frankfurt so nur auf den Mainbrücken kennt. Oder mit (der rheinischen Erfindung) Heroin in den Adern bzw. beim Äppelwoi, wenn halt alles zu spät ist.

Schauinsland

Aufn Schauinsland rauf mit der Schauinslandbahn. Aus der Seilbahn-Gondel weitet sich stufenlos der Blick übers Rheintal, Freiburg schmilzt zu einer überschaubaren Siedlung, überraschende Restschneestapel an der Gipfelstation, einige nördliche Matten und der obere Feldberg sind noch schneebedeckt, während Löwenzahn die abgetauten Wiesen bewimmelt und beleuchtet. Die restliche Flora trägt je nach Standpunkt interessante bis bedrohliche Namen: Bärwurz, Blutwurz, Schwarze Teufelskralle. Scheuchzers Glockenblume gilt als Eiszeitrelikt. Aus Blutwurzsaft wird ein lokaler Schnaps destilliert, die Pflanze trägt außerdem folgende Namen: Dilledapp, Natternwurz, Rotwurz, Ruhrwurz, Siebenfinger, Tormentill. Gegenüber liegt der Tote Mann, ein weiterer Berg mit sprechendem Namen, der Rundumblick endet an den Silhouetten der Vogesen und wird getrübt von einem schwer erklärlichen Dunst, den der unsichtbare Rhein auszuschwitzen scheint. Windgestaltete Laubbäume gibt es oben auf dem Schauinsland, während die Hänge voller Tannen stehen. Scheffels Waldgeist Meisenhartus läßt sich hier vermuten, überhaupt jede Menge Kleinlebewesen, von käfrigen Zwergen, welche nach Genuß von versteinertem Schnaps die knolligen, flechtenbärtigen, treppenbepilzten Bäume emporhüpfen über drollige, holzige Langarmmakaken hin zu Vollmeisen, Wolpertingern und Nadelingen, nicht alle gutmütig, aber bodenständig und zu urig-knarzenden Geräuschen imstande. An der Gipfelstation dann typisches Schwarzwaldvesper, Wurstplatte und Schäufele, die Fabel- und Halbwesen verschmähen seit einigen Jahrhunderten Produkte vom Schwein, der westliche Mensch nimmt auch das als Zeichen der Absonderung wahr, anstatt froh zu sein, daß die Bedrohung seines Viehs durch klauenzähnige, schnelle, gedrängte Nachtlinge nurmehr Geschichte ist.

Rheinrausch

Den Rhein als hochwirksame Droge beschreibt offenbar unter Einfluß derselben Rudolf G. Binding (1867-1938), zu finden in dessen Gesammeltem Werk, Band II, Die Spiegelgespräche, Hamburg 1954: „Seligen Laufs unaufhaltsam führt der Rhein seine Wasser zum Meer. An hundert Städten eilt er vorüber, bei keiner verweilend, mit keiner sich mengend. Keiner gehört er: ein Wanderer ewig, voll von Sehnsucht. Er ist’s, der Rhein, der die ewige Unruhe bringt in die Landschaft wie in die Seele des Menschen. Er nur rauscht und berauscht und versteht sich aufs Rauschen. Wir sind Gefangene in seinem Anblick. Gefangener ist jeder in gleicher unerklärlicher Regung. Mag er von steinerner Brücke in Basel zwischen den unsteten Möwen in das enteilende Grün seiner Kreise schauen, mag er in ängstlichem Schiff herangesogen gegen die Enge der Schieferfelsen im Loch von Bingen mit ihm dahingleiten, mag über gewaltiger Breite stehend durch das leichte Eisengehänge der Brücke von Köln er den Strom in die Weite verfolgen, immer ist er verfallen, immer ist er entführt. (…) Rauschende Guirlanden von Wäldern begleiten von fern her den Lauf, nachdem der Strom im Knie hinter Basel entschieden den Weg durchs Herz deutscher Stämme sich bahnt. Nichts noch beengt oder neidet ihm das breite Tal. Ehrfürchtig und fern stehen Gebirge, das weite Bett ihm zu hüten. Nur Wiesenland und niedriges Gestrüpp der Ufer drängt sich unten heran und lange Reihen von Pappeln stehen unbeachtet wie niedere Diener. Doch die Gebirge, die dunklen Abfälle des Schwarzwalds und drüben die blauen Kämme der Vogesen, bekennen sich zu ihm als dem einziehenden Herrscher. In das heroischste Tal, langgestreckt wie zu siegendem Lauf, schäumen erregt und erregend die weißen Wogen der blühenden Obstbäume über die Hänge zur feuchten Sohle des Stromes hernieder und schon brüstet sich Wein in seiner Nähe. (…) Verfallende Burgen auf vordringenden Höhen suchen vergebens ein Wort. Das Leben der fließenden Straße achtet ihrer nicht mehr. Die weißen Schiffe führen mit schäumenden Rädern und Schrauben fröhliche Menschen in dichtem Gedränge zu Tal und stromauf, dazwischen reißen die schwarzen Schlepper lange Gefolgschaften dunkler Schiffsleiber mit schwarzer beschwerlicher Last hinter sich her. Tief sind die Furchen der Kiele, tief die wühlenden reibenden Wunden der Schrauben, der Anker, der Ketten. Düstere Rauchfahnen peitschen erregte Gewasser. Aber die Narben verheilen in silbernen Nähten, verrauschen hinter dem Schiff. (…) Wo zieht er hin, der nun alles erfahren? Der den Schnee sah, Berge und See, Städte und Ebene, Wein Weizen und Früchte? Der versunkene Schiffe sah, versinkende Leiber, Unselige und Selige? Zu dem Bräute kamen heimlich des Nachts? (…) Aus übervollem Herzen sich verschwendend, breitet er ins Unermeßliche sich hin. – Der Abend öffnet sich. – Die Ebene wird Strom. – Noch immer Land? – Wo bist du Meer? Wenn du nicht nahe bist: der Strom muß sich verbluten.“