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	<title>rheinsein &#187; Vogesen</title>
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	<description>stan lafleur schlafwandelt durch die rheinische sferiferie</description>
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		<title>ein Schreck der Thierwelt</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 13:29:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;(&#8230;) Leise, stets lauernd, mit schiefem, scharfem Blick, halb furchtsam und halb tölpisch durchforscht der alte Mörder, den sein hagerer, knochiger Bau, sein schleichender, unentschlossener Gang charakterisiren, gegen den Wind das Dickicht des Hochwaldes, und hinterläßt eine Fährte, die der eines großen Hundes ähnlich, aber länger, breiter und gewöhnlich schnurgerade ist. Widerlich und unangenehm in seinen Manieren, gierig, boshaft, verschlagen, gehässig in seinem Naturell, unerträglich durch seinen abscheulichen Geruch, ist er ein Schreck der Thierwelt, der sich naht. Mit hängendem Schwanze lauert er auf die spärliche Beute, beschleicht ein Hasel- oder Steinhühnchen, paßt den Ratten, Wieseln und Mäusen auf und schlingt auch eine Eidechse, eine Kröte, einen Grasfrosch, oder selbst eine Blindschleiche oder Ringelnatter hinunter, wenn ihm bessere Jagd abgeht. Größere Thiere verfolgt er laufend, bis sie müde sind, was die Katzenarten nie thun. Doch verscheucht er durch seinen Gestank und sein tölpisches Wesen oft alles Gethier (er ist bei weitem nicht so vorsichtig und elegant in seinem Auftreten wie der klügere Fuchs) und lungert beinmager, elend und verkommen viele Nächte lang durch die menschenleeren Felsenödungen. Im Winter vermehrt die Kälte seinen ohnehin fast unersättlichen Heißhunger; doch ist dann die Jagd besser, die Fährte sicherer. Er überrascht den weißen Alpenhasen und selbst den vorsichtigen Fuchs; aber immer hungrig und gierig schleicht er mit seinen schiefen, funkelnden Augen, die kurzen, spitzen Ohren stets aufgerichtet, den fuchsartigen Kopf lauernd nach allen Seiten hin wendend und den Hinterkörper einziehend, als ob er lendenlahm wäre, von Berg zu Berg, von Wald zu Wald und heult in den kalten, frostklirrenden  Winternächten schauerlich durch die in Schnee begrabenen Hochweiden. Dann dehnt er seine Jagd nicht nur stundenweit aus, sondern geht durch ganze Alpenzüge, vom Engadin durch die berner und walliser Alpen bis in die offenen Ebenen des Waadtlandes oder vom Wasgau den Rhein hinan und die ganze Jurakette entlang, ein Schrecken für Mensch und Thier. (&#8230;)</p>
<p>Vor dem Beginn unsers Jahrhunderts war die Auffindung einer Wolfsspur das Signal zum Aufbruch ganzer Gemeinden, und die Chronik erzählt: „Wiebald man einen Wolf gewar wird, schlecht man Sturm über ihn: alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umbracht oder vertriben ist.“ Letzteres geschah bei solchem „gemeinen Gejägt“ denn auch häufiger als ersteres, da die Wölfe, besonders wenn sie starke Beute gemacht haben, als ahnten sie die nothwendig eintretende Verfolgung, rasch das Revier verlassen. Man bediente sich großer Netze, „Wolfsgarne“, die der Reisende noch jetzt in den Leberbergischen Dörfern und auf dem Rathhause zu Davos sieht, wo bis in die neueste Zeit noch mehr als dreißig Wolfsköpfe und Wolfsrachen unter dem Vordache herausgrinzten und ihm wol deutlich genug erzählten, wie furchtbar häufig diese Bestien in jenen Gebirgen hausten. Gar kalte Winter, die alle Alpenthiere den Thälern zutreiben, zwangen die Wölfe oft, sich bis an die größern Städte hinanzuwagen, und wir lesen in den Chroniken oft genug, wie im sechzehnten Jahrhundert und bis in die neuere Zeit diese Tiere selbst bei Zürich und Schaffhausen Menschen und Tiere zerrissen, die Schindanger aufsuchten und die Hunde an der Kette erwürgten. (&#8230;)</p>
<p>Das Graben von Wolfsgruben ist auch bei uns in frühern Zeiten gebräuchlich gewesen und Vater Geßner erzählt, daß ein Jäger Gobler in einer solchen einen dreifachen Fang auf einmal gemacht habe, nämlich einen Wolf, einen Fuchs und ein altes Weib, von denen jedes aus Furcht vor dem andern die ganze Nacht sich nicht gerührt habe. (&#8230;)</p>
<p>Menschen hat er im letzten Jahrhundert in der Schweiz kaum angegriffen; er flieht sie vielmehr und ist sehr feige, wenn ihn nicht der bittere Hunger halb rasend macht oder schwere Verwundung zur Nothwehr reizt. So wurde ein Herr v. Marca aus Misox, als er an einem Winterabend aus der Hauthür trat, plötzlich von einem hungrigen Wolfe überfallen. Mit einem Faustschlage streckte ihn der kaltblütige, baumstarke Mann todt zu Boden. Dann nahm er ihn beim Schwanze und warf ihn seiner Frau, die ihn eben erzürnt hatte, in der Stube vor die Füße. (&#8230;)</p>
<p>In der Reihe der thierischen Individualitäten nimmt er eine sehr tiefe Stufe ein; selbst unter den Raubtieren ist er eines der widerwärtigsten. Mit dem reißendsten wetteifert er an Heißhunger, der selbst dem schlechtesten Aase gierig nachstellt, an Tücke, Perfidie, während er dabei keine Spur vom Edelmuth des Löwen, von der frischen Tapferkeit des Eisbären, vom Humor des Landbären, von der Anhänglichkeit des Hundes hat. Tölpischer als der Fuchs, dabei aber tückisch und höchst mistrauisch, ist er tollkühn ohne Schlauheit, in seinem ganzen Wesen ohne alle Schönheit und wol überhaupt eine der häßlichsten Thiernaturen. Mit dem Hunde hat er nur körperliche Aehnlichkeit; man kann nicht sagen, er sei der wilde Hund, der Hund im Urzustande; er ist vielmehr der durch und durch verdorbene Hund, das Zerrbild des Hundes, das alle übeln Seiten der Hundenatur an sich trägt, aber nichts von den guten, sodaß er hierin, da die Natur sonst nicht so häufig in Zerrbildern zeichnet, eine wirklich interessante Erscheinung bildet. (&#8230;)&#8221;</p>
<p>(aus: Friedrich von Tschudi &#8211; Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)</p>
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		<title>Der Rhein bei Maurice Genevoix: Loreley und Zabern-Affäre</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Nov 2010 06:37:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>„Lorelei“ heißt ein später Roman von Maurice Genevoix, der eine französisch-deutsche Jugendbegegnung in Offenbach am Main im Jahre 1905, zwischen den Kriegen, schildert. Es geht ums Erwachsenwerden, um Kulturaustausch mit Worten und Fäusten, eingebettet in den intellektuellen Heroismus des Bildungsbürgertums. Der 17jährige Protagonist Julien bricht auf aus seinem beschaulichen Chasseneuil „Reisen! Wir sind auf Reisen!“ und trifft dabei erstmals auf Rhein und Mosel: „(&#8230;) Und er sah alles vor sich: die blaue Linie der Vogesen, Grenzpfähle, den alten Rhein der Erckmann-Chatrian, Storchennester auf Fachwerkhäusern, Elsaß-Lothringen in violetter Trauer, den Tatsachen zum Trotz französisch auf den Wandkarten in den Schulen. (&#8230;) Vom braunen Land steigt jetzt ein Schimmer auf. Jener Fluß&#8230; Julien steht auf. Der Fluß biegt ab, deutet unter dem Himmel eine weite umfassende Schleife an. Julien ruft Halleluja: „Die Mosel!“ (&#8230;)“ Die jugendliche Euforie wird alsbald in verschiedene Regungen umgewandelt, noch bevor Julien den Rhein überquert. Denn Autor Genevoix, ein großer Freund eingeflochtener Ortssymbolik, nimmt Lorelei und Zabern-Affäre bei einem kurzen Zwischenstop der Reisegesellschaft um Julien „in Zabern, ach so, nein, in Saverne“ vorweg: „(&#8230;) Sie hatten noch immer das leuchtende Band des Flusses &#8211; der französischen Moselle &#8211; vor sich. Sie waren dann in ein oben auf einem sanften Abhang gelegenes Restaurant gegangen. (&#8230;) An der anderen Seite verlief der Abhang in ein Tälchen und in dem tat sich (&#8230;) eine (&#8230;) von einer Reihe von Bäumen umsäumte Esplanade in einem Chaos von Dächern auf: offenbar ein Kasernenhof, gottverlassen zu dieser Mittagsstunde. (&#8230;) Nachdem sie sich gesetzt hatten, trat eine Frau auf sie zu: groß, majestätisch, ein wenig blaß, ein wenig unnahbar. Julien fielen ihre wehen und schönen Augen auf; auch wie sie gekleidet ging, erstaunte ihn nicht gering: ein weißes Kleid trug sie so körpernah, daß der weiche Stoff durchfeuchtet wirkte. Unter dem mächtigen Busen zog ein breiter Gürtel, eine Art goldenes Wehrgehänge, die Taille eng zusammen. Sie reichte die Speisekarte und nahm die Bestellung stumm entgegen. „Da kann man nur staunen“, sagte Britte, kaum daß die Frau weg war. „Eine Nixe, eine Erscheinung aus der Vergangenheit. Die ist für uns aus den Fluten aufgetaucht; für dich, Julien, als sei sie dir bestimmt&#8230; Habt ihr diese Augen gesehen? Zwei flußfarbene Wasserschlünde, faszinierend. Man könnte sie für eine Lorelei von einst halten. Ihr „goldnes Geschmeide“, ihr „goldner Kamm“&#8230; Ich habe wirklich und wahrhaftig das Haar auf ihre Schultern herabfließen sehen. Nimm dich in acht, Bübchen! An deiner Stelle bekäm` ich`s mit der Angst zu tun.“ Alles lachte, wie so oft. Die Vorspeise war köstlich, der Rüdesheimer fruchtig nach Wunsch. (&#8230;) Aber dann fielen, mitten in diese Friedlichkeit, jene Schreie, ertönten jene rauhe, ehrverletzende Stimme, jene Schmäh- und Schimpfreden, die sich wie Schläge anhörten. Der Lärm kam vom Kasernenhof herauf, traf sie mit voller Wucht. (&#8230;) Die von oben im Restaurant konnten, der Entfernung wegen, die Gesichter auf dem Hof nicht unterscheiden, bloß diese zwei auf so pathetische Weise entgegengesetzten Silhouetten. Obwohl die Uniformen von derselben grünlichen Farbe waren, kontrastierten auch diese noch, denn die eine saß lose und unscheinbar, die andere elegant und akkurat, von der Schirmmütze bis zu den gut geputzten Reitstiefeln. (&#8230;) Das belfernde Gebrüll hörte keineswegs auf, es zerriß die Stille. (&#8230;) Julien, sehr blaß geworden, war aufgestanden (&#8230;). Ekel schüttelte ihn. Der Offizier hatte den Arm erhoben: einmal, zweimal zog er dem Mann mit der Reitpeitsche eins über. Und jedesmal unterstützte er den Hieb, indem er brüllte: „Wackes! Wackes!“ (&#8230;) Kurz danach (&#8230;) sah ihnen die Frau beim Aufbruch zu. Julien, noch blaß und zitternd, ging als letzter an ihr vorüber und streifte ihr Kleid dabei. Sie zeigte zum erstenmal eine Regung, blickte ihm mitten ins Gesicht. Lächelte sie? Der Jüngling hielt den Schritt an, überrascht, peinlich berührt von der dunkeln Unruhe, die sich seines Körpers bemächtigte. Unversehens, als sei das Kleid von ihr zu Boden geglitten, hatte er diesen anderen Körper ganz nah, in seiner fleischlichen Wirklichkeit, gesehen. Nichtsdestoweniger hielt er mit glutroten Wangen dem Blick der Frau stand. Aus welchen Fernen kam ihr Lächeln? Sie sprach. Mit gemessener, melodischer Stimme drückte sie sich in einem geläufigen Französisch aus, hatte jedoch einen betont deutschen Akzent: „Ich kenne diesen Offizier. Er nimmt seine Mahlzeiten in diesem Restaurant ein. Er ist höflich, aber er kann die elsässischen Wackes nicht leiden. Habt eine glückliche Zeit, lieber französischer Chevalier. Aber vergessen Sie nicht: von jetzt an befinden Sie sich in Deutschland.““</p>
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		<title>Rheinsein als Kartonbuch (4)</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 22:35:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1694" title="rheinsein_2_klein" src="http://rheinsein.de/wp-content/uploads/2010/01/rheinsein_2_klein.jpg" alt="rheinsein_2_klein" width="510" height="668" />Schöne Rheinbezüge auf diesem Cover mit Vogesen und Mainz. UK weist wohl auf die Themse (als Linkswendung des Rheins), Australia fällt unter Abstrakta.</p>
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		<title>Reise mit rund hundertfacher Rheingeschwindigkeit</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Dec 2009 16:31:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Alpenrheintal ist nur zur Hälfte da, der Himmel mit dampfendem Nebel verfüllt, einem milchigen Weiß, aus dem ganze Gemütszustände gekäst werden mögen. Ich verlasse mein geliebtes Schloß. Chur liegt leicht angepißt in der Vorweihnachtszeit, ein heimeliger Niesel, im Welschdörfli blinkt der Neonsex. Wer jetzt kein Birnbrot backt/kauft/futtert&#8230; Langsam schwellen die Schienenstränge aus dem Bahnhof heraus. Queren die cleane Schweiz. Milchgraue Zuflüsse schwemmen in den Hauptrhein, der Niesel wäscht Industrieanlagen und Frankenhäuser, poliert sie mit schwachem Winterlicht. Heidiland und Walensee, eine Landschaft für ewige Wanderer und solche, denen das Himmelreich&#8230; Der ganze Schnee ist in alle offenen Himmel gefallen und verstopft sie mit Normweiß. Drunter die Stümpfe der Berge, grün verhügelt. So eine Limmat scheint auf und endet in einer Kurve. Auf Deutschland zu flockt Grau in die Sicht, düstert der Nachmittag nieder. Dreisam und Kinzig huschen grad mal noch so untendurch. Die Berge im Rücken, im breiten Tal, flankiert von halbherzigen Schwarzwäldern und Vogesen, zielstrebige Menschen bevölkern die Abteile, alle wollen sie irgendwo hin, ummantelt von Zeit und Vergessen. Der Rhein erlischt in der Dunkelheit des Nachmittags: schwarzer Strich auf unheimlichem Grund, schwarzblutende Narbe auf dem Fleisch der Erde. Zwei oder drei Lampions leuchten in Deutschland. Wir rasen durch Tunnel genau ins Schwarz, trostlose Fahrt, erst bei Köln kommt der Rhein wieder zu sich &#8211; entsprechend angestrahlt. Aus Öffnungen im Stahl und Beton quellen tierisch viele Menschen in den öffentlichen Raum, wuseln da rum, docken bisweilen aneinander an, nur wenige werden von anderen Öffnungen im Stahl und Beton wieder angesogen, sie tragen Taschen durch die Gegend, stressen rum, müssen auf Weihnachtsfeiern. Die Leute in Köln sind doppelt so schnell wie jene in den Bergen und tausendmal mehr, sie laufen rum wie in einem Telespiel, in dem es Leuchtpunkte zu gewinnen gibt. Ich habe ein paar Steine mitgebracht, vom Vorder-, vom Hinterrhein, ich lege sie aus als kleine Planeten mit ihrer je eigenen Gravitation. Köder ihro Steinigkeit. Gewachsenheit. Alleinigkeit. </p>
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		<title>Durchs Markgräflerland</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Nov 2009 21:06:13 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>In Freiburg vorm Haus „Zur lieben Hand“ umgedreht und eine Gedenktafel für Martin Waldseemüller erblickt, den jüngst erst in Sélestat entdeckten Buchdrucker, Kosmografen und ausgewiesenen Humanisten mit dem sinistren Pseudonym Hylacomylus. Das Haus „Zum Hechtkopf“ an dieser Stelle war sein Elternhaus und dient jetzt als Uni-Tiefgarage. Von dort unvermittelt weggeholt (sozusagen von der Straße geklaubt) und aufn Tuniberg chauffiert, der vor zwölftausend Jahren von Rentierjägern bevölkert oder gestreift worden sein soll. (Vielleicht besteht er ja aus Rentierdung.) Von oben Blicke auf die herbstlich geröstete Landschaft, einzeln im lauen Wind baumelnde Trauben geben das besinnlich-stille Glockenspiel. Waldverstellt der Rhein vor dräuenden Vogesen. Weiter nach Staufen, das sich seit einigen geothermischen Bohrungen 2007 monatlich um einen Zentimeter hebt, weil eine Wasserader Gipsschichten speist, die unterirdisch aufquellen, was einen beträchtlichen Katastrofentourismus nach sich zieht: fette Risse in den hübschen Altstadthäusern. Huchel lebte hier seine letzten zehn Jahre, wer wills ihm verdenken: ein pittoreskes Plätzchen mit Geschichte: „Anno 1539 ist im Leuen zu Staufen Doctor Faustus so ein wunderbarlicher Nigromanta gewesen, elendiglich gestorben und es geht die Sage, der obersten Teufel einer, der Mephistopheles, den er in seinen Lebzeiten lang nur seinen Schwager genannt, habe ihm, nachdem der Pakt von 24 Jahren abgelaufen, das Genick abgebrochen und seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortet.“ (Wirtshausinschrift) Wahrscheinlicher aber hat in der Leibhaftige mit Schladerer-Obstler ersäuft. Weitere schöne Inschrift, die auf die badische Revolution weist: „Ich, der Kronenwirt von Staufen, ich dulde es nicht, daß ich erschossen werde.“ Abschwirrn in die Umgebung: alle Straußenwirtschaften haben Ruhetag oder sind bereits dicht. Schäufele und Wildschweinwürscht müssen in Freiburg eingenommen werden. Merci mon frère, und happy birthday again!</p>
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		<title>Unterlinden</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Oct 2009 18:49:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Während die Schlettstädter Humanistenbibliothek deutlich stärker frequentiert war als erwartet, herrscht im Musée d`Unterlinden, nach dem Louvre angeblich das am häufigsten besuchte Museum Frankreichs, vergleichsweise wenig Rummel. Obwohl ich diesmal aus einer gänzlich anderen, nämlich der Bahnhofsperspektive an Colmar herantrete, erscheint die Stadt, beim letzten Besuch noch ein mittelalterliches Labyrinth, diesmal recht übersichtlich. Im Westen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Während die Schlettstädter Humanistenbibliothek deutlich stärker frequentiert war als erwartet, herrscht im Musée d`Unterlinden, nach dem Louvre angeblich das am häufigsten besuchte Museum Frankreichs, vergleichsweise wenig Rummel. Obwohl ich diesmal aus einer gänzlich anderen, nämlich der Bahnhofsperspektive an Colmar herantrete, erscheint die Stadt, beim letzten Besuch noch ein mittelalterliches Labyrinth, diesmal recht übersichtlich. Im Westen gießt die Sonne ihren Goldschmelz über die Vogesen, dringt in deren Mulden ein, in deren Tiefen wiederum sie sich dem Magma verschwistert; in der Stadt färbt sie, wie eine übereitle Mutter ihrer Tochter den eigenen Stil aufzwängt, das Blattwerk der Pappeln. Zwischen Bahnhof und Musée weist General Rapp heroisch auf die rhythmisierten, von herkunftslosen Slidegitarren unterlegten Wasserspiele der Departementshauptstadt Haut-Rhin samt Präfektur. Im Musée interessiert zunächst der Isenheimer Altar, ein monumentales Flügelgebilde, so monumental, daß es in Originalzusammensetzung garnicht in die Räumlichkeiten paßt, weswegen es nun, veraudioguidet, in vier Reihen umsortiert, großzügig doppelseitig beäugbar, zerzupft zwar, darob jedoch nicht weniger imposant, vor den Kunsttouristen posiert. Ein wenig enttäuschend zunächst, daß die Farben, selbst jene der Auferstehungsszene, deutlich weniger knallen als im Internet. Dargestellt sind Stationen aus den Lebensgeschichten Jesu und des heiligen Antonius. Extrem die Versuchung des letzteren, umstellt von allerlei Monstren (darunter ein knüppelbewehrter Habicht mit menschlichen Oberarmen, Panzerdronte, Zahnkröte, Pestgnom, Schweinepriester, Trolpertinger und Reptilbock). Antonius selbst mit Anzeichen von Brandiger Hautrose (dem durch Mutterkornverzehr ausgelösten „Antoniusfeuer“), Syfilis und Beulenpest, eine ziemlich kräftige Mischung. Aus Mutterkorn synthetisierte unweit Colmars Albert Hofmann in einer ganz anderen Zeit Lysergsäurediäthylamid, dessen Bilder dem jener Versuchungsszene, wie es gern heißt: gleichen. Gleich nebenan knallen (nun wirklich) die Farben Martin Schongauers, der in seinen biblischen Szenen nicht mit umzäunten Gärten, Einhörnern, Folterpunks und Arschgesichtern spart, ein reicher Fundus an oberrheinischer Kunst vom Neolithikum bis zur Humanistenperiode, erweitert um das düstere „Le char de la mort“ von Schuler stehen Ankäufen von weiter her (in der Moderne) gegenüber, und draußen tut Colmar, von seiner anhaltenden Schönheit linde dauerberauscht, als sei nichts geschehen.</p>
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		<title>Ins Elsaß</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Oct 2009 11:41:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Fahles Licht, als sei`s aus der Gutedel-Rebe gekeltert. Wie ein kleines, der Region vorbehaltenes Weltwunder buckelt der Kaiserstuhl in grüngoldner Beleuchtung. Um ihn rum ziehn flache Bodennebelfelder in bedeutsamer Prozession. Eigentlich existiern solche Landschaften nur in christlich motivierter altmeisterlicher Lasur oder weltflüchtigen Airbrush-Fabelwelten. Fehlte noch, daß hündchengroße Einhörner umhertollten. Übern Rhein, übern Grand Canal ins gleichnamige Elsaß. Neuf-Brisach hat sich zum Herbst hin deutlich tiefer als sonst in die Erde gegraben, mühsam, doch gleichmäßig atmen die Häuser aus ihren knapp über Bodenlevel befindlichen Dachluken, der Überlandbus kreuzt die von Vauban symmetrisch im (benebelten?) Sinne einer Rosenblüte angelegten Straßen, niemand steigt ein und schon gar keiner aus &#8211; bis zum Frühjahr, wenn die derzeit so angegriffenen Häuser wieder selbstvergessen aus dem Erdreich lugen, wird es das letzte Linienfahrzeug gewesen sein, das, gleichsam touristisch, in die unnützeste aller Festungsstädte eindrungen ist. Schöner Kontrast: Raben picken das Weiß ausm Mittelstreifen, es geht auf Colmar zu, vorbei an Dörfern mit totalitär klingenden Namen (Wolfgantzen), die von den Namen ihrer Einwohner (Chertzinger) jedoch mindestens wieder neutralisiert werden. Das Farbempfinden des Elsässers sei eben ein anderes, weiß eine Dame aus der hintersten Sitzreihe: strohiger die Felder, brauner die abgeerntete Ackerkrume, goldner die sonnengesättigte Luft als auf der badischen Seite, den perwollgewaschnen Himmel schmücken ausflockende Kondensstreifen, von rostigem Wein und wohlgestalten Burgen bestanden die Vogesen, vermitteln sie „von den blauen Bergen kommen wir“ den Eindruck des Tors zum wilden Westen, „singing yeah, yeah, jippie, jippie yeah“!</p>
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		<title>Gorrh (3)</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Jun 2009 18:21:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Was Gorrh in Südbaden treiben würde? Wir sehn ihn, auf Menschengröße projiziert, auf der Rückbank eines Überlandbusses kiffen. Er hockt am Straßenrand und leert wahllos Gutedel-, Silvaner- und Müller-Thurgau-Bouteillen, trägt das Haar mittellang, versucht sich allgemein, aber sehr halbherzig an ein paar Che Guevara-Posen. Er bettelt auf dem Kopfstein historischer Altstädte, taggt alle Unterführungen, außer in Villingen. Genießt die bleichen glattrasierten Beine der flanierenden Jugend, lacht sich kaputt über ihre Pseudowildheiten, die alkoholischen, kokainösen Animalitäten. Er ist irgendwie weg von seinen Gewaltausbrüchen, überlegt, auf welcher Seite er eigentlich steht (für mehr Gewalt? für den totalen Frieden?), ob das Persönlichkeitsentwicklung ist, ob er in Therapie gehen soll. Gorrh beginnt, vom Hersteller gesponsort, seine experimentelle Abhängigkeit von Roth-Händle ohne Filter. Gorrh befaßt sich an Feldrainen mit dem exaltierten Schillern der Klatschmohnblüte, betreibt Maiskornmeditation, liest sogar ein wenig linke Theorie, die ihn langweilt, in all ihrer bornierten Kunst- und Zukunftsfeindlichkeit und weil stets schon nach der ersten Seite klar ist, wie die Chose ausgeht. Gorrh läßt sich vom Himmel erdrücken, speit im bewußt-fahrlässigen Stile Jackson Pollocks Wolken aus. Gorrhs Hochrheinexkursionen führen zur Bekanntschaft mit den Elektrohippies im Raum der Zeit im quadratischen Kreis, Gorrh wird in die Maklerkreise des Himmelreichs eingeführt, er säuft eisige Rheinsuppe. Gorrh beantragt in einer Haschlaune die schweizer Staatsangehörigkeit: „Ich muß meinen Altruismus bekämpfen!“ Dann geht er in der Armenküche speisen. Eines Morgens faltet er den Schwarzwald und die Vogesen zusammen und packt sie auf die Alpen drauf. Gorrh erlernt die Musikinstrumente Akkordeon und Alphorn. Gorrh bereitet sich auf etwas vor. Er hat das hundertste Lebensjahr bald abgeschlossen.</p>
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		<title>Neuf-Brisach</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Jun 2009 12:58:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In der nur gelegentlich von motorisierten Rasern durchbrochenen Sonntagsruhe legt sich die Landschaft in aller Sorgfalt und mehreren Klarlackschichten über sich selbst. Um Mittag herum kündigen sich für den Abend Regenwolken an, erst wollen sie aber noch was über die Vogesenkämme zockeln. Vorm Basler Tor (wieviele Basler Tore hab ich in den letzten Tagen gesehen: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der nur gelegentlich von motorisierten Rasern durchbrochenen Sonntagsruhe legt sich die Landschaft in aller Sorgfalt und mehreren Klarlackschichten über sich selbst. Um Mittag herum kündigen sich für den Abend Regenwolken an, erst wollen sie aber noch was über die Vogesenkämme zockeln. Vorm Basler Tor (wieviele Basler Tore hab ich in den letzten Tagen gesehen: zehn? zwanzig?) der oktogonal-sternförmigen Vauban-Festung Neuf-Brisach am Square Rhin et Danube ein Denkmal in Schwertform („à nos frères d`armes 1870-71“) einerseits und ein sehr zurückhaltendes laminiertes Pappschildchen mit einer Hommage eines anonymen Autors an die Ehemaligen andererseits: „Oyez&#8230; Oyez vous qui passez. Jeunes gens souvenez vous la plus part ont disparu, ceux qui restent sont fatigués par le poids d`années. Comme toi ils ont eu vingt ans mais pour eux c`était la guerre. Ils ont combattu, ils ont connu la misère, ils ont vu la mort, ils ont souffert dans leurs chair et dans leur coeur, mais toujours ils ont gardé l`espoir du retour et d`un monde meilleur. Ils ne demandaient rien. Mais je vous dis, fermez les yeux et ayez une pensée pour eux. Merci.“ Dazu ein Bild mit Soldaten, hinter die Festungsmauer geduckt. Kaum ist der Vaubansche Stern geentert, erklingt Musik: aufm Rasenstreifen an der Mauer ist heut ein Freiluft-Super-Karaoke eingerichtet, wo die auch am Wochenende weißbekittelte Bäckereiverkäuferin Blondietitel und französische Schlager nachsingt, notfalls mit Vollplayback. Abgerissenes Publikum, Bier aus Plastikbechern. Der erste Eindruck innerhalb der Mauern bestätigt sich an jeder Ecke: ein versifftes Örtchen, das schon als militärische Festung niemals sonderlich taugte und nun hinter seinen denkmalgeschützten Wällen gegen jeden Ausbau gefeit im eigenen Saft vor sich hingart. Erinnert mich an die Geschichte jenes elsässischen pot-au-feu, eines ewigen Eintopfs in einem riesigen Kessel, der in einem namenlosen Traditions-Restaurant jeden Tag wieder neu aufgefüllt doch immer noch Reste vom Vortag enthalten soll, sodaß er bis heute die geschmacklichen Essenzen vergangener Jahrhunderte enthalte. In einem Schaufenster ausgestellte Einmachgläser enthalten Choucroute garniture royale (mit Bauchspeckstreifen) und Baeckaoffa, einen früher auf der Restwärme der Brotbacköfen erwärmten Eintopf. In einem weiteren Schaufenster steht auf einem handgeschriebenen Zettel, daß Väter ganz besondere Menschen sind. In der Mitte des Städtchens der Exerzierplatz, auf dem heuer Markt gehalten wird. Erinnert stark an Saarlouis. Vauban halt: mauerdick, mit Graben außenrum und Glacis in jede Himmelsrichtung. Man stellt sich lebhaft die Louis XIV-Perücken beim sternförmigen Spaziergang übern staubigen Kopfstein vor: voltieren, hecken, zecken. Die Kirchglocken sind mittlerweile (als Friedenssymbol) mit denen des Breisacher Münsters abgestimmt und beide Städte jumeliert. Nun denn, und weil außer einer langsam näher rückenden Regenfront so ziemlich gar nichts los ist: auf zurück gen Breisach!</p>
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		<title>Freiburger Notizen (3)</title>
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		<pubDate>Fri, 12 Jun 2009 15:32:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stan Lafleur</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es finden sich doch noch rheinische Spuren in Freiburg: in der Fischerau, gegenüber dem Altstadt-Café, besagt eine plakettierte Inschrift &#8220;Haus zum Rheinfisch&#8221;. Dürfte ein paar Jährchen aufm Buckel haben. Viele Gehwege sind aus Rheinkieseln gelegt, die Römer haben damit begonnen, um die ewige Kopfstein-Ästhetik aufzulockern, es ist ihnen prächtig gelungen und wird als Tradition bis [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es finden sich doch noch rheinische Spuren in Freiburg: in der Fischerau, gegenüber dem Altstadt-Café, besagt eine plakettierte Inschrift &#8220;Haus zum Rheinfisch&#8221;. Dürfte ein paar Jährchen aufm Buckel haben. Viele Gehwege sind aus Rheinkieseln gelegt, die Römer haben damit begonnen, um die ewige Kopfstein-Ästhetik aufzulockern, es ist ihnen prächtig gelungen und wird als Tradition bis heute aufrecht erhalten. Vom Schloßberg schließlich die schöne Aussicht auf die Stadt und den Erdkreis, schwarzwald- und vogesengerändert, drunt im Tal dampft der ansonsten unsichtbare Rhein, dh, sein Dunst schwebt dort rum, man weiß jedenfalls auch in Freiburg: es gibt ihn.</p>
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