Presserückschau (August 2017)

1
Grusel-Schleim
“Ein gelber Schleim löste (…) einen Großeinsatz am Düsseldorfer Rhein aus. Die Feuerwehr rätselte, um was es sich bei der Substanz handeln könne, die kilometerweit am Ufer klebte. Das Landesumweltamt entnahm Proben (…). Jedoch berichtet die „Bild“, dass es sich bei dem Schlamm wahrscheinlich um Motoren-Fett handele. Die bestätigte ein Sprecher des Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (…).” (Der Westen)
“Tagelang sorgte eine widerliche Schleim-Brühe am Rheinufer für Aufsehen (…). Lange war unklar, um was es sich bei der klebrigen Masse handelte. Besonders bei Düsseldorf, Dormagen, Monheim und Leverkusen wurde die Substanz angespült. (…) Eine Untersuchung von Proben durch das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz hat ergeben: Es ist ein Gemisch verschiedener Fette. Allerdings handelt es sich offenbar nicht um Betriebsfette von Schiffen, sondern um eine Zusammensetzung, die in ganz alltäglichen Produkten vorkommen wie etwa Butter, Olivenöl, Sonnenblumenöl und ähnlichem. Wie die Fettspur ins Wasser gelangen konnte, ist unterdessen noch unbekannt.” (Express)

2
Rhi-Schwumm
“Unter dunklen Gewitterwolken und bei schwüler Hitze haben sich in Basel 4500 Schwimmer in den Rhein gestürzt. Beim 37. Rheinschwimmen ließen sie sich (…) im 21 Grad warmen Wasser knapp zwei Kilometer flussabwärts zur Johanniterbrücke treiben. Blitze und Regen blieben aus und alle Teilnehmer sind unversehrt wieder an Land gekommen, wie die Organisatoren mitteilten.
Das Rheinschwimmen veranstaltet die Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG). Sie will damit für das Schwimmen in natürlichen Gewässern werben, aber auch auf damit verbundene Gefahren hinweisen.” (Südkurier)

3
Sprung
“Weil sich ein Tankschiff seinem Sportboot bedrohlich näherte, ist ein Angler in den Rhein gesprungen. Der Motor seines Bootes sei (…) in der Nähe von Bingen ausgefallen – ausgerechnet auf Höhe des Tankers, teilte die Wasserschutzpolizei mit. Versuche, den Motor zu starten, scheiterten. Als das Schiff noch rund 20 Meter von ihm entfernt war, ging der Angler von Bord. Ein Tourist am Ufer des Flusses sprang daraufhin mit einem Treibholz in den Rhein. Er habe den total erschöpften Mann gerettet, so die Polizei. Das Boot des Anglers wurde wenig später in einen Hafen gebracht.” (Welt)

4
Canyoning
“Viamala heißt „schlechter Weg“. Für die römischen Legionäre war der „schlechte Weg“ die Alternative zur Brennerroute, um an die nordischen Grenzen ihres Weltreiches zu gelangen. Später versuchten mittelalterliche Kaufleute, ihre Ochsenkarren entlang der steil aufragenden Felsen durch die Schlucht zu bugsieren. Manche stürzten in die Schlucht hinab. Heute nehmen die Reisenden nicht mehr den „schlechten Weg“ durch die Schlucht, sondern die schweizerische Autobahn A13. Manche fahren in Thusis-Süd ab und machen einen Zwischenstopp an der Aussichtsplattform, die an einer der spektakulärsten Stellen der Viamala hoch über dem Hinterrhein liegt. Wer an diesem sonnigen Sommermorgen hinabblickt in die Schlucht, sieht sechs Gestalten in Neoprenanzügen, die auf steilen Treppenstufen zum Fluss hinabsteigen. Von oben ist kaum vorstellbar, dass sich Sportler tatsächlich gefahrlos in das sprudelnde Wasser begeben können. Tatsächlich gehört die Viamala-Schlucht zu jenen Stellen in den Alpen, an denen Outdoor-Anbieter Canyoning-Touren veranstalten.” (Schwäbische)

5
Jahrmillionen
“Bis der Rhein seine heutige Fließrichtung gefunden hat, vergehen Millionen von Jahren. (…) Gemessen am Alter der Erde formt die geologische Erdneuzeit nur eine bescheidene Zeitspanne von rund 60 Millionen Jahren. Doch gerade in der jüngsten Tertiärstufe, vor etwa zehn Millionen Jahren, nahmen unsere umgebenden Gebirge, die Alpen, der Tafeljura, Kaiserstuhl und Hegauvulkane Gestalt an. Zwischen den ursprünglich zusammenhängenden Vogesen und dem Schwarzwald brach der Oberrheingraben ein. Erst danach veränderten sich die alten Flusssysteme mehrmals. Es bildeten sich unsere Flüsse in der heutigen Fließrichtung (…). Im Quartär überzogen vier Kaltzeiten weite Teile Europas. Sie modellierten durch Gewicht und Druck die unter dem Eis liegenden Landschaften. Die eisfreien Zonen wurden durch Regen und Schmelzwässer gestaltet und Stürme formten die heutigen Lössgebiete. Die Maximalvereisung der Risskaltzeit (etwa 340 000 bis 130 000 Jahre vor heute) brachte den riesigen Rhein-Aare-Gletscher von den Alpen bis in die Gegend von Möhlin, zwölf Kilometer unterhalb Bad Säckingen, wo die äußersten Moränen nachgewiesen wurden. (…) Der aus dem abtauenden Gletscher abströmende Fluss (Rhein) querte das Stadenhauser Feld nach Westen und floss durch das heutige Laufenburg/AG südlich der heutigen SBB-Linie ab.”
(Südkurier)

6
Fiktive Stadt
“Oberucken, ein idyllisches Städtchen, liegt im Herzen des Rhein-Sieg-Kreises zwischen Niederkassel und Sankt Augustin.
(…) Doch wer Oberucken sucht, wird es nicht finden: Die fiktive Stadt am Rhein steht lediglich im Zentrum einer gleichnamigen Comedy-Serie. Die handelt von der fettleibigen Witwe Adelheid und ihrem Lebensgefährten Bernd, der seit einem „Arbeitsunfall“ außerhalb der Arbeit frühverrentet ist. Die beiden werden auf eine harte Probe gestellt, nachdem Adelheids Schwester und Schwager bei einem Hausbrand versterben und ihr Neffe Niklas bei ihnen einzieht. Die Serie ist eine sogenannte Mockumentary, also eine offensive Karikatur der klassischen Dokumentation.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

7
Tinker Belles
“Rund 500 Tinker aus Irland sind aktuell in NRW unterwegs. Erst waren sie in Kevelaer, dann in Neuss. (…) Die irischen Landarbeiter aus Irland campen ohne Genehmigung mit ihren Caravans nahe der Rheinkniebrücke. Knapp bekleidete junge Mädchen und ihre Luxuskarossen sorgen für Aufsehen. Erlaubt ist das nicht.” (Der Westen)

8
Kindertheater
“Am (…) 1. Oktober 2017 (…) bringt das pappmobil Kindertheater das Theaterstück “Bin im Bett! Vater Rhein” auf die Bühne des Kindertheaters in Wanne Eickel (…). Vater Rhein selber beauftragt den Theaterdiener, die herrlichen Geschichten von den Ufern des größten deutschen Flusses zu erzählen.” (halloherne)

9
Rheintote
“Ein neun Jahre altes Mädchen ist (…) bei Duisburg in den Rhein gerutscht und untergegangen. Es sei wenig später in einem Krankenhaus gestorben, teilte die Polizei mit. Das Mädchen war mit seiner 35-jährigen Mutter und seinem sechs Jahre alten Bruder am Rheinufer unterwegs. Die Neunjährige saß den Angaben nach bei Friemersheim auf einem Stein und rutschte plötzlich ins Wasser.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Beim Baggern im Rhein machten Arbeiter in Rees (…) einen gruseligen Fund. Sie zogen einen menschlichen Oberkörper aus dem Wasser! Die Arbeiten fanden in einem mit dem Rhein verbundenen Baggerloch statt, als plötzlich der stark verweste Oberkörper auftauchte. Wohl weil die Leiche wohl schon länger im Rhein trieb, waren Unterkörper und Arme abgefallen, nur Torso und Kopf sind übrig. Die Identität der Leiche ist noch ungeklärt, genauso das Geschlecht. Die Kriminalpolizei Kleve hat Ermittlungen eingeleitet, die menschlichen Überreste werden zeitnah obduziert.” (Der Westen)

Mortagne

mortagne_3Die Mortagne in Rambervillers am Rande der lothringischen Vogesen. Der 75 Kilometer lange Flußlauf mündet in die Meurthe, die wiederum in die Mosel, die

mortagne_2wiederum in den Rhein mündet. Ein Nebenfluß dritten Grades, sozusagen. Als wir, selten genug dringt rheinsein ins Hinterland der Rheinzuflüsse vor, durch Rambervillers schlenderten, um etwaige Rheinbezüge zu eruieren, sahen wir die Mortagne in einen Benzinfilm gekleidet, die etwas unschlüssig wirkende Feuerwehr bereits auf dem Sprung mit einer Ölsperre, die allerdings stark einer

mortagne_1handelsüblichen Nackenstütze ähnelte. Die leicht aufgewühlten Brücken über den benzinschillernden Wassern riefen unwillkürlich Erinnerungen an das berühmte Lied von Simon & Garfunkel hervor, sodaß wir den Ort mit einem Ohrwurm verließen.

Vogesen-Loreley

lorelei_rambervillers

Straßburger Tanzwut

“An einem Julitag im Jahr 1518 begann eine Frau durch Strassburgs Strassen zu tanzen. Sie tanzte tagelang. Bald schlossen sich ihr weitere Personen an; bis Ende August hatte das Tanzfieber mehrere hundert Personen erfasst. Als alle Anstrengungen versagten, die Epidemie einzudämmen, und als die von der Anstrengung geschwächten Opfer der Tanzwut reihenweise zu sterben begannen, wiesen die Behörden sie aus der Stadt. Sie führten sie in die Vogesen zu einem Schrein des heiligen Vitus, dessen Altar die Tanzwütigen in roten Schuhen umschreiten mussten. Laut Überlieferung gebot erst dieses Ritual dem unheimlichen Geschehen Einhalt.” (NZZ)

An einem Junitag im Jahr 2016 begann eine Frau in Straßburg ganz alleine auf einem der Gastronomieschiffe am Quai des Pêcheurs zu tanzen. Bis auf die Tänzerin war niemand an Deck zu erblicken. Nachdem wir eine Weile erstaunt dem einsamen Tanz auf der Ill zugesehen hatten, hörten wir vom Ende eines benachbarten Quais Housebeats erschallen und sahen aus der Ferne mit selbstgeschneiderten abstrakten Applikationen verkleidete Menschen einem Umzugswagen folgen, auf dem zwei halbnackte Männer sich ekstatisch zuckend und offenbar tanzend bewegten. Der Wagen verschwand samt Tross und Polizeibegleitung im Straßengewirr der Stadt, das auch uns aufnahm. Auf unbekannte Weise verschlug es uns in die Rue des Orphelins, wo auf einer Bühne junge Frauen zu afrikanischen Rhythmen Formation tanzten. Bevor wir selbst der an zahlreichen Ecken willkürlich aufflammenden Tanzwut, für die keinerlei offizielle Erklärung vorlag, erliegen würden, machten wir uns auf, die Stadt zu verlassen. Allein, ein Gewitter gewaltigen Ausmaßes hielt uns für eine knappe Stunde in Hauseingängen und unter Garagenvorsprüngen zurück, zumal das Parkhaus Petite France, in dem unser Vehikel untergebracht war, vom niedergehenden Starkregen teilweise unter Wasser gesetzt wurde. Mochten die allenthalben zu beobachtenden Tänze dem Regenmachen gegolten haben, so ließe sich ihre Wirkung als schnell einsetzend und überaus effizient bezeichnen.

Zurückgekehrt, suchten wir nach Erklärungen für die Straßburger Spontantänze und stießen auf Historisches – bzw. neuzeitliche Berichte über die Chroniken des Jahres 1518 (wie oben zitiert). Die Menschen hätten seinerzeit in Straßburg “nicht aus Freude, sondern aus Angst und Verzweiflung” getanzt. Zeitgenössische Ärzte hätten auf Gehirnüberhitzung infolge “heißen Bluts” als Tanzursache geschlossen. Aktuelle Interpretationen hingegen ziehen Mutterkorn-Vergiftungen bzw spätmittelalterlich-heidnisches Kultverhalten als tanzeingebend in Betracht. Wikipedia behandelt das Fänomen Tanzwut mit einem Artikel, der den Straßburger Fall von 1518 in eine Reihe ähnlicher Fälle einordnet: “Der Frankfurter Historiker Gregor Rohmann hat 2012 eine neue Interpretation der Hintergründe der Tanzwut des 14. bis 17. Jahrhunderts vorgelegt. Demnach handelt es sich nicht um eine Form von „Hysterie“ oder der durch Halluzinogene induzierten Ekstase, sondern um ein auf religiösen Vorstellungen beruhendes Krankheitskonzept: Wer unfreiwillig tanzte, agierte so das Gefühl aus, von Gott verlassen zu sein. (…) Die wichtigsten Tanzwut-Ausbrüche fanden (…) 1374, 1463 und 1518 statt. Alle drei Fälle erfassten nicht etwa ganz Europa oder auch nur größere Gebiete, sondern jeweils relativ gut eingrenzbare Verbreitungsräume im Rhein-Mosel-Maas-Raum: 1374 vom Oberrhein bis nach Belgien, 1463 im Eifelgebiet, 1518 in Straßburg.” Ein rheinisches Fänomen!
Hinweise auf Starkregen und Gewitter wie jüngst in Straßburg ließen sich im Zusammenhang mit den historischen Ausbrüchen – ob nicht vorhanden oder nicht beachtet – nicht entdecken: für die Forschung möglicherweise ein Hinweis, dem nachzugehen sich lohnen könnte.

Durch den Breisgau

tour_weizengrün vs weingrünWeizengrün, maisgrün, weingrün, apfelgrün, weidengrün, brennnesselgrün, spargelgrün, zwiebelgrün, sogar ein wenig tabakgrün, insgesamt ganz übermäßig grün unter Azurhimmeln, in die mit Bedacht flauschige Wölkchen gesetzt wurden, fläzt sich, von freundlichen Junisonnen beleuchtet, der Breisgau ins Oberrheintal. Vereinzelte rote Tupfer stammen von Erdbeeren, Süßkirschen, Klatschmohn, an den Rändern der ans tolkiensche Auenland gemahnenden Landschaft harren in tiefblauer Wartestellung die Kurven des Schwarzwalds und der Vogesen. Schallstadt trägt seinen Namen aufgrund der B3 und der samstagmorgendlich den Hausumschwung kärchenden Einwohnerschaft. Entlang der B3 plädieren Schallstadts Einwohner für eine Umgehungsstraße, Schallstadts Einwohner entlang der möglichen Umgehungsstraße plädieren dagegen. Wir radelten schnell durch den auf unangenehme Weise schallenden Ort und auf dem Rückweg lieber daran vorbei. Auch Bad Krozingen querten wir schnellstmöglich, es zog uns hinaus in die Natur, mit ihren ländlichen Eigenheiten und Menschen. Suizidäre Weinbergschnecken schnurten übers Pflaster, von Böschung zu Böschung katapultierte Wiesel in haargesträubter Felligkeit, die Lufthoheit lag bei den von einer frustrierten Vogelwelt angezwitscherten Insekten. Von Offenburg her zogen Kolonnen knatternder Quads überland. Unweit des Dörfchens Tunsel stießen

wir auf ideenreiche und lebensfrohe Nutzungsvorschläge für üblicherweise eher vernachlässigte Orte des öffentlichen Raums; neben Gratisumarmungen waren auch Farbtestverabredungen im Angebot, versehen mit dem südbadischen Gütesiegel “Wir werden siegen!”. Je weiter wir in die Gegend vordrangen, desto stärker wehte Geruch überhitzter Erdbeeren in unsere Nase und verwirrte die Sinne. Von märchenhaft anmutenden Passanten in Gummistiefeln ließen wir uns den mehrfach verlorenen Weg erklären. In ihrem Idiom gerann unserer pluralis modestiae zur dritten Person Singular Neutrum, derart neutralisiert gingen wir vollends in der zu durchtreppelnden Umgebung auf, bis ungefähr bei Bremgarten knallharte politische Dichtung (“Bauern fordern es mit Mut / Deckel auf der Bahn ist gut” etc), auf großen Bannern am Straßenrand angebracht, uns in die Echtwelt zurückrief. Sofort witterten wir Zusammenhänge mit dem nahen Hartheim, dessen jugendkulturelles Rödelreim-Projekt dereinst mit alemannischem Bauernrap für überregionales Aufsehen gesorgt hatte.

Der Rhein fließt sich selbst zu

“Der Rhein entspringt westlich von Dodenom. Er fließt zunächst in östlicher Richtung, wechselt dann bei Dodenom nach Süden und vereinigt sich schließlich mit dem Altbach zur Boler. Der Rhein wird oft auch als Zufluss der Boler betrachtet. Die Boler fließt zunächst in südöstlicher, dann in südlicher Richtung bis sie Haute Parthe erreicht. Dort wird sie auf ihrer rechten Seite vom Klingelbach gespeist. Die Boler schlägt nun einen kleinen Bogen, fließt Basse Parthe kurz nach Norden und wendet sich dann in Richtung Osten, wobei sie stark mäandert. Sie passiert nun das gleichnamige Dorf Boler, fließt danach südlich an Breistroff-la-Grande-Évange vorbei. Kurz bevor sie in Fixem ankommt, fließt ihr auf ihrer linken Seite der aus Nordwesten kommende Faulbach zu. Sie umfließt Fixem von Norden und wird kurz darauf auf ihrer linken Seite vom Beyren gestärkt. Die Boler fließt nun südwärts, läuft dann am Westrand von Gavisse entlang und mündet schließlich auf der gegenüberliegenden Seite von Malling auf einer Höhe von etwa 146 m in die Mosel. Die Mosel entspringt nahe dem Col de Bussang in den südlichen Vogesen auf 715 Meter Höhe und mündet nach 544 Kilometern am Deutschen Eck (59 m ü. NN) in Koblenz von Westen in den Rhein.”
(Quellen: Wikipedia, Wikipedia, Stand: jeweils 27. Februar 2013)

Tulla über den Rhein

Der Rhein ist einer der merkwürdigsten Ströme in Europa, wegen seiner Größe, seiner Verbindung mit den Glätschern, und den meisten Seen der Schweiz, seiner Wasserfälle bey Schaffhausen und Laufenburg, der Veränderungen seines Laufs in ältern und neuern Zeiten, der Verschiedenheit seines Gefälles und seiner Geschwindigkeiten, wegen seiner Mündungen in das Meer, und seiner Benutzung zur Flößerey und Schifffahrt.

Der Rhein hat durch seine Geschiebe das Becken des ehemaligen, von Zürich bis Konstanz ausgedehnten Sees von Wallenstadt bis Rheinek, und die Linth von Wesen bis Schmerikon theilweise ausgefüllt, wodurch der ehemalige See in drey Seen, den Bodensee, Wallenstadter und Züricher-See, getheilt wurde.

Vom Bodensee bis Hüningen ist der Spielraum des Rheins größtentheils durch die Gebirge eng begrenzt, und die merkwürdigsten Veränderungen seines Laufes, sind nur die Einschneidungen oder tiefere Bettung, welche Veränderungen durch terrassenförmig übereinander liegende Hochgestade erkannt werden.

So wie der Rhein in das zwischen den Vogesen und dem Schwarzwald liegende Thal tritt, hat derselbe mehr Spielraum, er serpentirt in dem Bett des ehemaligen – nicht problematischen – zwischen dem Schwarzwald und den Vogesen bestandenen Sees, führt jährlich eine große Masse von Kies, Sand und Erde bis zu seinen Ausmündungen in das Meer in Holland, welches Land größtentheils durch den Absatz des Rhein gebildet wurde.

Die Geschichte des Rheinlaufes in den ältern Zeiten liegt bey den Geschichtsschreibern sehr im Dunkeln. Mehr Licht geben die sichtbaren alten Flußbette, die Hochgestade und die alten Inseln.

Nachdem der See sich, durch die allmählig, vielleicht auch plötzlich, entstandene Vertiefung seines Durchflusses, durch die Gebirge zwischen Bingen und Königswinter größtentheils, abgelaufen war, muß das verlassene Bett desselben zwischen den Vogesen und dem Schwarzwald, ziemlich eben gewesen seyn, und jede fortlaufende regelmäßige Vertiefung in dem Seebett, kann nur durch Ausflößung oder Ausschwemmungen, oder endlich durch Ausgrabung und nachherige Ausflößungen entstanden seyn.

Die Breite und die Größe der Krümmungen derartiger Vertiefungen, so wie ihre Vertheilung in mehrere Zweige, lassen immer auf das ehemalige Bestehen eines Flusses, auf seine Größe und seine Geschwindigkeit schließen, wenn gleich diese Vertiefungen nun trockenes Land sind.

Der Rhein theilte sich in den ältern Zeiten oberhalb dem Kaiserstuhl-Gebirge in drey Theile. Der eine ging links in dem jetzigen Gebiet der Ill, der andere längs dem Kaiserstuhl-Gebirge auf der linken Seite, und der dritte rechts dem Kaiserstuhl, längs dem Fuß desselben, zwischen den Vorgebirgen von Riegel und Hecklingen durch.

Man wird den erstern den gallischen Rhein, den zweiten den großen Rhein, oder auch nur Rhein ohne Beinamen, und den dritten den deutschen Rhein, nennen können.

Wegen Mangel an Localkenntnissen kann eine nähere Beschreibung des gallischen Rheins nicht gegeben werden. Die Städte Colmar, Gemar und Schlettstadt dürften auf dem linken Ufer desselben, und Straßburg, welches auf der vorspringenden Spitze des aufgeschwemmten Gebirges erbaut ist, bey der Vereinigung des gallischen Rheins mit dem großen Rhein, stehen.

Wann der gallische in einen Altrhein überging, und ob er noch zur Zeit, als die Römer an den Rheinufern waren, schiffbar war, ist unbekannt.

Der deutsche Rhein floß längs dem Fuße des Schwarzwald-Gebirgs, parallel mit dem großen Rhein, so wie gegenwärtig die Ill, und nahm in seinem Lauf die Flüsse Dreysam, Elz, Schutter, Kinzig, Rench, Murg, Alb, Pfinz und alle die kleinen Flüsse und Bäche des Schwarzwaldes, vielleicht auch den Neckar auf.

Der deutsche Rhein änderte seinen Lauf in einzelnen Distrikten wenig, in andern sehr bedeutend, letzteres zwischen der Kinzig und der Murg, und unterhalb Malsch, wo er in mehrere Arme sich theilte, bis gegen den Neckar. Da wo bedeutende Flüsse aus dem Gebirge treten, wurde sein Lauf durch den Ausschub dieser Flüsse vom Fuße der Gebirge abgetrieben, wie sehr deutlich an der Murg und der Alb zu ersehen ist.

Sein linkes Ufer war nur längs dem Kaiserstuhl mehr als das rechte, sonst aber das rechte Ufer bey weitem mehr, als das linke, bewohnt. Ein Beweis hiefür ergibt sich aus der Thatsache, daß noch gegenwärtig in der Strecke von Schwarzach bis Karlsruhe nur die Orte Sandweiher und Beyertheim am linken Ufer liegen. Die Ursache dieser Ungleichheit der Bewohnung läßt sich sehr leicht aus der Fruchtbarkeit des rechten, und Unfruchtbarkeit des linken Ufers, und der geringen Entfernung des rechten Ufers des großen Rheins von dem deutschen, erklären.

In vielen Gegenden sind die alten Läufe, die bestandenen Inseln, die Hochgestade sehr deutlich zu erkennen, in andern sind ihre Spuren mehr oder weniger durch Anschwemmungen der Flüsse des Schwarzwaldes ausgelöscht; häufig folgt das Wasser im ungezwungenen Zustand dem alten Lauf.

Wie lange der deutsche Rhein bestanden, und zu welchen Zeiten bedeutende Aenderungen mit ihm vorgefallen sind, dürfte schwerlich in der Geschichte aufgefunden werden. Indessen läßt sich mit Zuverläßigkeit behaupten, daß er zur Zeit, als die Römer ihre Herrschaft bis an den Rhein ausgedehnt hatten, noch ein schiffbarer Strom war. (…)

Quelle: Wikisource

ein Schreck der Thierwelt

“(…) Leise, stets lauernd, mit schiefem, scharfem Blick, halb furchtsam und halb tölpisch durchforscht der alte Mörder, den sein hagerer, knochiger Bau, sein schleichender, unentschlossener Gang charakterisiren, gegen den Wind das Dickicht des Hochwaldes, und hinterläßt eine Fährte, die der eines großen Hundes ähnlich, aber länger, breiter und gewöhnlich schnurgerade ist. Widerlich und unangenehm in seinen Manieren, gierig, boshaft, verschlagen, gehässig in seinem Naturell, unerträglich durch seinen abscheulichen Geruch, ist er ein Schreck der Thierwelt, der sich naht. Mit hängendem Schwanze lauert er auf die spärliche Beute, beschleicht ein Hasel- oder Steinhühnchen, paßt den Ratten, Wieseln und Mäusen auf und schlingt auch eine Eidechse, eine Kröte, einen Grasfrosch, oder selbst eine Blindschleiche oder Ringelnatter hinunter, wenn ihm bessere Jagd abgeht. Größere Thiere verfolgt er laufend, bis sie müde sind, was die Katzenarten nie thun. Doch verscheucht er durch seinen Gestank und sein tölpisches Wesen oft alles Gethier (er ist bei weitem nicht so vorsichtig und elegant in seinem Auftreten wie der klügere Fuchs) und lungert beinmager, elend und verkommen viele Nächte lang durch die menschenleeren Felsenödungen. Im Winter vermehrt die Kälte seinen ohnehin fast unersättlichen Heißhunger; doch ist dann die Jagd besser, die Fährte sicherer. Er überrascht den weißen Alpenhasen und selbst den vorsichtigen Fuchs; aber immer hungrig und gierig schleicht er mit seinen schiefen, funkelnden Augen, die kurzen, spitzen Ohren stets aufgerichtet, den fuchsartigen Kopf lauernd nach allen Seiten hin wendend und den Hinterkörper einziehend, als ob er lendenlahm wäre, von Berg zu Berg, von Wald zu Wald und heult in den kalten, frostklirrenden Winternächten schauerlich durch die in Schnee begrabenen Hochweiden. Dann dehnt er seine Jagd nicht nur stundenweit aus, sondern geht durch ganze Alpenzüge, vom Engadin durch die berner und walliser Alpen bis in die offenen Ebenen des Waadtlandes oder vom Wasgau den Rhein hinan und die ganze Jurakette entlang, ein Schrecken für Mensch und Thier. (…)

Vor dem Beginn unsers Jahrhunderts war die Auffindung einer Wolfsspur das Signal zum Aufbruch ganzer Gemeinden, und die Chronik erzählt: „Wiebald man einen Wolf gewar wird, schlecht man Sturm über ihn: alsdann empört sich eine ganze Landschaft zum Gejägt, bis er umbracht oder vertriben ist.“ Letzteres geschah bei solchem „gemeinen Gejägt“ denn auch häufiger als ersteres, da die Wölfe, besonders wenn sie starke Beute gemacht haben, als ahnten sie die nothwendig eintretende Verfolgung, rasch das Revier verlassen. Man bediente sich großer Netze, „Wolfsgarne“, die der Reisende noch jetzt in den Leberbergischen Dörfern und auf dem Rathhause zu Davos sieht, wo bis in die neueste Zeit noch mehr als dreißig Wolfsköpfe und Wolfsrachen unter dem Vordache herausgrinzten und ihm wol deutlich genug erzählten, wie furchtbar häufig diese Bestien in jenen Gebirgen hausten. Gar kalte Winter, die alle Alpenthiere den Thälern zutreiben, zwangen die Wölfe oft, sich bis an die größern Städte hinanzuwagen, und wir lesen in den Chroniken oft genug, wie im sechzehnten Jahrhundert und bis in die neuere Zeit diese Tiere selbst bei Zürich und Schaffhausen Menschen und Tiere zerrissen, die Schindanger aufsuchten und die Hunde an der Kette erwürgten. (…)

Das Graben von Wolfsgruben ist auch bei uns in frühern Zeiten gebräuchlich gewesen und Vater Geßner erzählt, daß ein Jäger Gobler in einer solchen einen dreifachen Fang auf einmal gemacht habe, nämlich einen Wolf, einen Fuchs und ein altes Weib, von denen jedes aus Furcht vor dem andern die ganze Nacht sich nicht gerührt habe. (…)

Menschen hat er im letzten Jahrhundert in der Schweiz kaum angegriffen; er flieht sie vielmehr und ist sehr feige, wenn ihn nicht der bittere Hunger halb rasend macht oder schwere Verwundung zur Nothwehr reizt. So wurde ein Herr v. Marca aus Misox, als er an einem Winterabend aus der Hauthür trat, plötzlich von einem hungrigen Wolfe überfallen. Mit einem Faustschlage streckte ihn der kaltblütige, baumstarke Mann todt zu Boden. Dann nahm er ihn beim Schwanze und warf ihn seiner Frau, die ihn eben erzürnt hatte, in der Stube vor die Füße. (…)

In der Reihe der thierischen Individualitäten nimmt er eine sehr tiefe Stufe ein; selbst unter den Raubtieren ist er eines der widerwärtigsten. Mit dem reißendsten wetteifert er an Heißhunger, der selbst dem schlechtesten Aase gierig nachstellt, an Tücke, Perfidie, während er dabei keine Spur vom Edelmuth des Löwen, von der frischen Tapferkeit des Eisbären, vom Humor des Landbären, von der Anhänglichkeit des Hundes hat. Tölpischer als der Fuchs, dabei aber tückisch und höchst mistrauisch, ist er tollkühn ohne Schlauheit, in seinem ganzen Wesen ohne alle Schönheit und wol überhaupt eine der häßlichsten Thiernaturen. Mit dem Hunde hat er nur körperliche Aehnlichkeit; man kann nicht sagen, er sei der wilde Hund, der Hund im Urzustande; er ist vielmehr der durch und durch verdorbene Hund, das Zerrbild des Hundes, das alle übeln Seiten der Hundenatur an sich trägt, aber nichts von den guten, sodaß er hierin, da die Natur sonst nicht so häufig in Zerrbildern zeichnet, eine wirklich interessante Erscheinung bildet. (…)”

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)

Der Rhein bei Maurice Genevoix: Loreley und Zabern-Affäre

„Lorelei“ heißt ein später Roman von Maurice Genevoix, der eine französisch-deutsche Jugendbegegnung in Offenbach am Main im Jahre 1905, zwischen den Kriegen, schildert. Es geht ums Erwachsenwerden, um Kulturaustausch mit Worten und Fäusten, eingebettet in den intellektuellen Heroismus des Bildungsbürgertums. Der 17jährige Protagonist Julien bricht auf aus seinem beschaulichen Chasseneuil „Reisen! Wir sind auf Reisen!“ und trifft dabei erstmals auf Rhein und Mosel: „(…) Und er sah alles vor sich: die blaue Linie der Vogesen, Grenzpfähle, den alten Rhein der Erckmann-Chatrian, Storchennester auf Fachwerkhäusern, Elsaß-Lothringen in violetter Trauer, den Tatsachen zum Trotz französisch auf den Wandkarten in den Schulen. (…) Vom braunen Land steigt jetzt ein Schimmer auf. Jener Fluß… Julien steht auf. Der Fluß biegt ab, deutet unter dem Himmel eine weite umfassende Schleife an. Julien ruft Halleluja: „Die Mosel!“ (…)“ Die jugendliche Euforie wird alsbald in verschiedene Regungen umgewandelt, noch bevor Julien den Rhein überquert. Denn Autor Genevoix, ein großer Freund eingeflochtener Ortssymbolik, nimmt Lorelei und Zabern-Affäre bei einem kurzen Zwischenstop der Reisegesellschaft um Julien „in Zabern, ach so, nein, in Saverne“ vorweg: „(…) Sie hatten noch immer das leuchtende Band des Flusses – der französischen Moselle – vor sich. Sie waren dann in ein oben auf einem sanften Abhang gelegenes Restaurant gegangen. (…) An der anderen Seite verlief der Abhang in ein Tälchen und in dem tat sich (…) eine (…) von einer Reihe von Bäumen umsäumte Esplanade in einem Chaos von Dächern auf: offenbar ein Kasernenhof, gottverlassen zu dieser Mittagsstunde. (…) Nachdem sie sich gesetzt hatten, trat eine Frau auf sie zu: groß, majestätisch, ein wenig blaß, ein wenig unnahbar. Julien fielen ihre wehen und schönen Augen auf; auch wie sie gekleidet ging, erstaunte ihn nicht gering: ein weißes Kleid trug sie so körpernah, daß der weiche Stoff durchfeuchtet wirkte. Unter dem mächtigen Busen zog ein breiter Gürtel, eine Art goldenes Wehrgehänge, die Taille eng zusammen. Sie reichte die Speisekarte und nahm die Bestellung stumm entgegen. „Da kann man nur staunen“, sagte Britte, kaum daß die Frau weg war. „Eine Nixe, eine Erscheinung aus der Vergangenheit. Die ist für uns aus den Fluten aufgetaucht; für dich, Julien, als sei sie dir bestimmt… Habt ihr diese Augen gesehen? Zwei flußfarbene Wasserschlünde, faszinierend. Man könnte sie für eine Lorelei von einst halten. Ihr „goldnes Geschmeide“, ihr „goldner Kamm“… Ich habe wirklich und wahrhaftig das Haar auf ihre Schultern herabfließen sehen. Nimm dich in acht, Bübchen! An deiner Stelle bekäm` ich`s mit der Angst zu tun.“ Alles lachte, wie so oft. Die Vorspeise war köstlich, der Rüdesheimer fruchtig nach Wunsch. (…) Aber dann fielen, mitten in diese Friedlichkeit, jene Schreie, ertönten jene rauhe, ehrverletzende Stimme, jene Schmäh- und Schimpfreden, die sich wie Schläge anhörten. Der Lärm kam vom Kasernenhof herauf, traf sie mit voller Wucht. (…) Die von oben im Restaurant konnten, der Entfernung wegen, die Gesichter auf dem Hof nicht unterscheiden, bloß diese zwei auf so pathetische Weise entgegengesetzten Silhouetten. Obwohl die Uniformen von derselben grünlichen Farbe waren, kontrastierten auch diese noch, denn die eine saß lose und unscheinbar, die andere elegant und akkurat, von der Schirmmütze bis zu den gut geputzten Reitstiefeln. (…) Das belfernde Gebrüll hörte keineswegs auf, es zerriß die Stille. (…) Julien, sehr blaß geworden, war aufgestanden (…). Ekel schüttelte ihn. Der Offizier hatte den Arm erhoben: einmal, zweimal zog er dem Mann mit der Reitpeitsche eins über. Und jedesmal unterstützte er den Hieb, indem er brüllte: „Wackes! Wackes!“ (…) Kurz danach (…) sah ihnen die Frau beim Aufbruch zu. Julien, noch blaß und zitternd, ging als letzter an ihr vorüber und streifte ihr Kleid dabei. Sie zeigte zum erstenmal eine Regung, blickte ihm mitten ins Gesicht. Lächelte sie? Der Jüngling hielt den Schritt an, überrascht, peinlich berührt von der dunkeln Unruhe, die sich seines Körpers bemächtigte. Unversehens, als sei das Kleid von ihr zu Boden geglitten, hatte er diesen anderen Körper ganz nah, in seiner fleischlichen Wirklichkeit, gesehen. Nichtsdestoweniger hielt er mit glutroten Wangen dem Blick der Frau stand. Aus welchen Fernen kam ihr Lächeln? Sie sprach. Mit gemessener, melodischer Stimme drückte sie sich in einem geläufigen Französisch aus, hatte jedoch einen betont deutschen Akzent: „Ich kenne diesen Offizier. Er nimmt seine Mahlzeiten in diesem Restaurant ein. Er ist höflich, aber er kann die elsässischen Wackes nicht leiden. Habt eine glückliche Zeit, lieber französischer Chevalier. Aber vergessen Sie nicht: von jetzt an befinden Sie sich in Deutschland.““

Rheinsein als Kartonbuch (4)

rheinsein_2_kleinSchöne Rheinbezüge auf diesem Cover mit Vogesen und Mainz. UK weist wohl auf die Themse (als Linkswendung des Rheins), Australia fällt unter Abstrakta.

Reise mit rund hundertfacher Rheingeschwindigkeit

Das Alpenrheintal ist nur zur Hälfte da, der Himmel mit dampfendem Nebel verfüllt, einem milchigen Weiß, aus dem ganze Gemütszustände gekäst werden mögen. Ich verlasse mein geliebtes Schloß. Chur liegt leicht angepißt in der Vorweihnachtszeit, ein heimeliger Niesel, im Welschdörfli blinkt der Neonsex. Wer jetzt kein Birnbrot backt/kauft/futtert… Langsam schwellen die Schienenstränge aus dem Bahnhof heraus. Queren die cleane Schweiz. Milchgraue Zuflüsse schwemmen in den Hauptrhein, der Niesel wäscht Industrieanlagen und Frankenhäuser, poliert sie mit schwachem Winterlicht. Heidiland und Walensee, eine Landschaft für ewige Wanderer und solche, denen das Himmelreich… Der ganze Schnee ist in alle offenen Himmel gefallen und verstopft sie mit Normweiß. Drunter die Stümpfe der Berge, grün verhügelt. So eine Limmat scheint auf und endet in einer Kurve. Auf Deutschland zu flockt Grau in die Sicht, düstert der Nachmittag nieder. Dreisam und Kinzig huschen grad mal noch so untendurch. Die Berge im Rücken, im breiten Tal, flankiert von halbherzigen Schwarzwäldern und Vogesen, zielstrebige Menschen bevölkern die Abteile, alle wollen sie irgendwo hin, ummantelt von Zeit und Vergessen. Der Rhein erlischt in der Dunkelheit des Nachmittags: schwarzer Strich auf unheimlichem Grund, schwarzblutende Narbe auf dem Fleisch der Erde. Zwei oder drei Lampions leuchten in Deutschland. Wir rasen durch Tunnel genau ins Schwarz, trostlose Fahrt, erst bei Köln kommt der Rhein wieder zu sich – entsprechend angestrahlt. Aus Öffnungen im Stahl und Beton quellen tierisch viele Menschen in den öffentlichen Raum, wuseln da rum, docken bisweilen aneinander an, nur wenige werden von anderen Öffnungen im Stahl und Beton wieder angesogen, sie tragen Taschen durch die Gegend, stressen rum, müssen auf Weihnachtsfeiern. Die Leute in Köln sind doppelt so schnell wie jene in den Bergen und tausendmal mehr, sie laufen rum wie in einem Telespiel, in dem es Leuchtpunkte zu gewinnen gibt. Ich habe ein paar Steine mitgebracht, vom Vorder-, vom Hinterrhein, ich lege sie aus als kleine Planeten mit ihrer je eigenen Gravitation. Köder ihro Steinigkeit. Gewachsenheit. Alleinigkeit.

Durchs Markgräflerland

In Freiburg vorm Haus „Zur lieben Hand“ umgedreht und eine Gedenktafel für Martin Waldseemüller erblickt, den jüngst erst in Sélestat entdeckten Buchdrucker, Kosmografen und ausgewiesenen Humanisten mit dem sinistren Pseudonym Hylacomylus. Das Haus „Zum Hechtkopf“ an dieser Stelle war sein Elternhaus und dient jetzt als Uni-Tiefgarage. Von dort unvermittelt weggeholt (sozusagen von der Straße geklaubt) und aufn Tuniberg chauffiert, der vor zwölftausend Jahren von Rentierjägern bevölkert oder gestreift worden sein soll. (Vielleicht besteht er ja aus Rentierdung.) Von oben Blicke auf die herbstlich geröstete Landschaft, einzeln im lauen Wind baumelnde Trauben geben das besinnlich-stille Glockenspiel. Waldverstellt der Rhein vor dräuenden Vogesen. Weiter nach Staufen, das sich seit einigen geothermischen Bohrungen 2007 monatlich um einen Zentimeter hebt, weil eine Wasserader Gipsschichten speist, die unterirdisch aufquellen, was einen beträchtlichen Katastrofentourismus nach sich zieht: fette Risse in den hübschen Altstadthäusern. Huchel lebte hier seine letzten zehn Jahre, wer wills ihm verdenken: ein pittoreskes Plätzchen mit Geschichte: „Anno 1539 ist im Leuen zu Staufen Doctor Faustus so ein wunderbarlicher Nigromanta gewesen, elendiglich gestorben und es geht die Sage, der obersten Teufel einer, der Mephistopheles, den er in seinen Lebzeiten lang nur seinen Schwager genannt, habe ihm, nachdem der Pakt von 24 Jahren abgelaufen, das Genick abgebrochen und seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortet.“ (Wirtshausinschrift) Wahrscheinlicher aber hat in der Leibhaftige mit Schladerer-Obstler ersäuft. Weitere schöne Inschrift, die auf die badische Revolution weist: „Ich, der Kronenwirt von Staufen, ich dulde es nicht, daß ich erschossen werde.“ Abschwirrn in die Umgebung: alle Straußenwirtschaften haben Ruhetag oder sind bereits dicht. Schäufele und Wildschweinwürscht müssen in Freiburg eingenommen werden. Merci mon frère, und happy birthday again!

Unterlinden

Während die Schlettstädter Humanistenbibliothek deutlich stärker frequentiert war als erwartet, herrscht im Musée d`Unterlinden, nach dem Louvre angeblich das am häufigsten besuchte Museum Frankreichs, vergleichsweise wenig Rummel. Obwohl ich diesmal aus einer gänzlich anderen, nämlich der Bahnhofsperspektive an Colmar herantrete, erscheint die Stadt, beim letzten Besuch noch ein mittelalterliches Labyrinth, diesmal recht übersichtlich. Im Westen gießt die Sonne ihren Goldschmelz über die Vogesen, dringt in deren Mulden ein, in deren Tiefen wiederum sie sich dem Magma verschwistert; in der Stadt färbt sie, wie eine übereitle Mutter ihrer Tochter den eigenen Stil aufzwängt, das Blattwerk der Pappeln. Zwischen Bahnhof und Musée weist General Rapp heroisch auf die rhythmisierten, von herkunftslosen Slidegitarren unterlegten Wasserspiele der Departementshauptstadt Haut-Rhin samt Präfektur. Im Musée interessiert zunächst der Isenheimer Altar, ein monumentales Flügelgebilde, so monumental, daß es in Originalzusammensetzung garnicht in die Räumlichkeiten paßt, weswegen es nun, veraudioguidet, in vier Reihen umsortiert, großzügig doppelseitig beäugbar, zerzupft zwar, darob jedoch nicht weniger imposant, vor den Kunsttouristen posiert. Ein wenig enttäuschend zunächst, daß die Farben, selbst jene der Auferstehungsszene, deutlich weniger knallen als im Internet. Dargestellt sind Stationen aus den Lebensgeschichten Jesu und des heiligen Antonius. Extrem die Versuchung des letzteren, umstellt von allerlei Monstren (darunter ein knüppelbewehrter Habicht mit menschlichen Oberarmen, Panzerdronte, Zahnkröte, Pestgnom, Schweinepriester, Trolpertinger und Reptilbock). Antonius selbst mit Anzeichen von Brandiger Hautrose (dem durch Mutterkornverzehr ausgelösten „Antoniusfeuer“), Syfilis und Beulenpest, eine ziemlich kräftige Mischung. Aus Mutterkorn synthetisierte unweit Colmars Albert Hofmann in einer ganz anderen Zeit Lysergsäurediäthylamid, dessen Bilder dem jener Versuchungsszene, wie es gern heißt: gleichen. Gleich nebenan knallen (nun wirklich) die Farben Martin Schongauers, der in seinen biblischen Szenen nicht mit umzäunten Gärten, Einhörnern, Folterpunks und Arschgesichtern spart, ein reicher Fundus an oberrheinischer Kunst vom Neolithikum bis zur Humanistenperiode, erweitert um das düstere „Le char de la mort“ von Schuler stehen Ankäufen von weiter her (in der Moderne) gegenüber, und draußen tut Colmar, von seiner anhaltenden Schönheit linde dauerberauscht, als sei nichts geschehen.

Ins Elsaß

Fahles Licht, als sei`s aus der Gutedel-Rebe gekeltert. Wie ein kleines, der Region vorbehaltenes Weltwunder buckelt der Kaiserstuhl in grüngoldner Beleuchtung. Um ihn rum ziehn flache Bodennebelfelder in bedeutsamer Prozession. Eigentlich existiern solche Landschaften nur in christlich motivierter altmeisterlicher Lasur oder weltflüchtigen Airbrush-Fabelwelten. Fehlte noch, daß hündchengroße Einhörner umhertollten. Übern Rhein, übern Grand Canal ins gleichnamige Elsaß. Neuf-Brisach hat sich zum Herbst hin deutlich tiefer als sonst in die Erde gegraben, mühsam, doch gleichmäßig atmen die Häuser aus ihren knapp über Bodenlevel befindlichen Dachluken, der Überlandbus kreuzt die von Vauban symmetrisch im (benebelten?) Sinne einer Rosenblüte angelegten Straßen, niemand steigt ein und schon gar keiner aus – bis zum Frühjahr, wenn die derzeit so angegriffenen Häuser wieder selbstvergessen aus dem Erdreich lugen, wird es das letzte Linienfahrzeug gewesen sein, das, gleichsam touristisch, in die unnützeste aller Festungsstädte eindrungen ist. Schöner Kontrast: Raben picken das Weiß ausm Mittelstreifen, es geht auf Colmar zu, vorbei an Dörfern mit totalitär klingenden Namen (Wolfgantzen), die von den Namen ihrer Einwohner (Chertzinger) jedoch mindestens wieder neutralisiert werden. Das Farbempfinden des Elsässers sei eben ein anderes, weiß eine Dame aus der hintersten Sitzreihe: strohiger die Felder, brauner die abgeerntete Ackerkrume, goldner die sonnengesättigte Luft als auf der badischen Seite, den perwollgewaschnen Himmel schmücken ausflockende Kondensstreifen, von rostigem Wein und wohlgestalten Burgen bestanden die Vogesen, vermitteln sie „von den blauen Bergen kommen wir“ den Eindruck des Tors zum wilden Westen, „singing yeah, yeah, jippie, jippie yeah“!

Gorrh (3)

Was Gorrh in Südbaden treiben würde? Wir sehn ihn, auf Menschengröße projiziert, auf der Rückbank eines Überlandbusses kiffen. Er hockt am Straßenrand und leert wahllos Gutedel-, Silvaner- und Müller-Thurgau-Bouteillen, trägt das Haar mittellang, versucht sich allgemein, aber sehr halbherzig an ein paar Che Guevara-Posen. Er bettelt auf dem Kopfstein historischer Altstädte, taggt alle Unterführungen, außer in Villingen. Genießt die bleichen glattrasierten Beine der flanierenden Jugend, lacht sich kaputt über ihre Pseudowildheiten, die alkoholischen, kokainösen Animalitäten. Er ist irgendwie weg von seinen Gewaltausbrüchen, überlegt, auf welcher Seite er eigentlich steht (für mehr Gewalt? für den totalen Frieden?), ob das Persönlichkeitsentwicklung ist, ob er in Therapie gehen soll. Gorrh beginnt, vom Hersteller gesponsort, seine experimentelle Abhängigkeit von Roth-Händle ohne Filter. Gorrh befaßt sich an Feldrainen mit dem exaltierten Schillern der Klatschmohnblüte, betreibt Maiskornmeditation, liest sogar ein wenig linke Theorie, die ihn langweilt, in all ihrer bornierten Kunst- und Zukunftsfeindlichkeit und weil stets schon nach der ersten Seite klar ist, wie die Chose ausgeht. Gorrh läßt sich vom Himmel erdrücken, speit im bewußt-fahrlässigen Stile Jackson Pollocks Wolken aus. Gorrhs Hochrheinexkursionen führen zur Bekanntschaft mit den Elektrohippies im Raum der Zeit im quadratischen Kreis, Gorrh wird in die Maklerkreise des Himmelreichs eingeführt, er säuft eisige Rheinsuppe. Gorrh beantragt in einer Haschlaune die schweizer Staatsangehörigkeit: „Ich muß meinen Altruismus bekämpfen!“ Dann geht er in der Armenküche speisen. Eines Morgens faltet er den Schwarzwald und die Vogesen zusammen und packt sie auf die Alpen drauf. Gorrh erlernt die Musikinstrumente Akkordeon und Alphorn. Gorrh bereitet sich auf etwas vor. Er hat das hundertste Lebensjahr bald abgeschlossen.

Neuf-Brisach

In der nur gelegentlich von motorisierten Rasern durchbrochenen Sonntagsruhe legt sich die Landschaft in aller Sorgfalt und mehreren Klarlackschichten über sich selbst. Um Mittag herum kündigen sich für den Abend Regenwolken an, erst wollen sie aber noch was über die Vogesenkämme zockeln. Vorm Basler Tor (wieviele Basler Tore hab ich in den letzten Tagen gesehen: zehn? zwanzig?) der oktogonal-sternförmigen Vauban-Festung Neuf-Brisach am Square Rhin et Danube ein Denkmal in Schwertform („à nos frères d`armes 1870-71“) einerseits und ein sehr zurückhaltendes laminiertes Pappschildchen mit einer Hommage eines anonymen Autors an die Ehemaligen andererseits: „Oyez… Oyez vous qui passez. Jeunes gens souvenez vous la plus part ont disparu, ceux qui restent sont fatigués par le poids d`années. Comme toi ils ont eu vingt ans mais pour eux c`était la guerre. Ils ont combattu, ils ont connu la misère, ils ont vu la mort, ils ont souffert dans leurs chair et dans leur coeur, mais toujours ils ont gardé l`espoir du retour et d`un monde meilleur. Ils ne demandaient rien. Mais je vous dis, fermez les yeux et ayez une pensée pour eux. Merci.“ Dazu ein Bild mit Soldaten, hinter die Festungsmauer geduckt. Kaum ist der Vaubansche Stern geentert, erklingt Musik: aufm Rasenstreifen an der Mauer ist heut ein Freiluft-Super-Karaoke eingerichtet, wo die auch am Wochenende weißbekittelte Bäckereiverkäuferin Blondietitel und französische Schlager nachsingt, notfalls mit Vollplayback. Abgerissenes Publikum, Bier aus Plastikbechern. Der erste Eindruck innerhalb der Mauern bestätigt sich an jeder Ecke: ein versifftes Örtchen, das schon als militärische Festung niemals sonderlich taugte und nun hinter seinen denkmalgeschützten Wällen gegen jeden Ausbau gefeit im eigenen Saft vor sich hingart. Erinnert mich an die Geschichte jenes elsässischen pot-au-feu, eines ewigen Eintopfs in einem riesigen Kessel, der in einem namenlosen Traditions-Restaurant jeden Tag wieder neu aufgefüllt doch immer noch Reste vom Vortag enthalten soll, sodaß er bis heute die geschmacklichen Essenzen vergangener Jahrhunderte enthalte. In einem Schaufenster ausgestellte Einmachgläser enthalten Choucroute garniture royale (mit Bauchspeckstreifen) und Baeckaoffa, einen früher auf der Restwärme der Brotbacköfen erwärmten Eintopf. In einem weiteren Schaufenster steht auf einem handgeschriebenen Zettel, daß Väter ganz besondere Menschen sind. In der Mitte des Städtchens der Exerzierplatz, auf dem heuer Markt gehalten wird. Erinnert stark an Saarlouis. Vauban halt: mauerdick, mit Graben außenrum und Glacis in jede Himmelsrichtung. Man stellt sich lebhaft die Louis XIV-Perücken beim sternförmigen Spaziergang übern staubigen Kopfstein vor: voltieren, hecken, zecken. Die Kirchglocken sind mittlerweile (als Friedenssymbol) mit denen des Breisacher Münsters abgestimmt und beide Städte jumeliert. Nun denn, und weil außer einer langsam näher rückenden Regenfront so ziemlich gar nichts los ist: auf zurück gen Breisach!