Marcel Crépon auf SWR2

Eine erste Presse-Reaktion zur Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss im Kunstpavillon Burgbrohl (der auch unter ArtLab firmiert) mit Exponaten aus der Sammlung Crépon war der mit O-Tönen von Veranstalterin Karin Meiner und dem technischen Leiter des Aufbaus Roland Bergère verschnittene, vergangenen Montag im Journal am Mittag gesendete, leider nicht als Podcast erhältliche Ausstellungs-Bericht von Marianne Lechner für den Kultursender SWR2:

„(…) Seit Jahren ist Crépon entlang des Rheins unterwegs, redet mit Menschen, sammelt Geschichten und Gegenstände, die ihm aufhebenswert erscheinen. Stan Lafleur sagt, Crépon schicke ihm diese Texte per E-Mail, dazu Fotos, Zeitungsartikel und auch Objekte. Eine kleine Auswahl davon hängt jetzt an der Rückwand des ArtLab. Die Zeichnung eines Mannes, der sich von der Rheinreise Victor Hugos inspirieren ließ. Ein Foto, das zeigt wie ein Elsässer auf einem Feld den Verlauf des Rheins nachgebildet hat: ein Mini-Flussbett, ausgegraben und dann mit Wasser gefüllt, das tatsächlich mit Eimern aus dem Rhein geschöpft und zum Feld geschleppt wurde. Drei Fläschchen Wasser aus dem Rheinfall von Schaffhausen in der Schweiz: eine kritische Anmerkung eines Künstlers zum Rheinwasser, das Touristen dort in Aludosen als Souvenir kaufen können. Ein Kasten mit Fundstücken vom Rhein: Knochen, Tierzähne, glitzernder Mineralstaub. An der Wand hängen aber auch Tablets mit bewegten Bildern. (…)“

Der Beitrag schließt mit der Vermutung, dass es sich bei Marcel Crépon, weil die Google-Suche nach seinem Namen keine Ergebnisse zeitige, um eine Kunstfigur handeln könne. Ein Schluss jedenfalls, der ganz auf Marcel Crépons feinen Nerv für Humor passen und gleichzeitig seine dem Kunstbetrieb nahezu unverständlichen Impulse zu Anonymität und Öffentlichkeitsscheu bedienen dürfte: in den für rheinsein bestimmten Schriften äußert Crépon an einer Stelle, dass die durch Saint-Maurice-de-Lignon verlaufende Rue Marcel Crépon, deren Existenz ihn vor wenigen Jahren überrascht und peinlich berührt habe, seine Anonymität letztlich schütze, weil Straßen bekanntlich nie nach lebenden Personen benannt würden.

Wir versichern: Marcel Crépon existiert, auch wenn er kein Freund von Vernissagen ist, nicht einmal (oder ganz besonders nicht) der eigenen. Die Ausstellung läuft noch, begleitet von Workshops zu Möglichkeiten von Kunstverständnis, bis 25. Mai 2018 und kann bis dahin, am besten nach vorheriger Vereinbarung, besichtigt werden.

Über Marcel Crépon

Aktuell läuft im Kunstpavillon Burgbrohl die rheinsein-Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss mit Exponaten aus der Sammlung unseres Korrespondenten Marcel Crépon. Zur Vernissage am vergangenen Samstag sprach die Bonner Kunsthistorikerin Rita Anna Tüpper einführende Worte. In einer weiteren Vernissagenrede näherten wir uns der Person Marcel Crépon anhand der raren privaten Einlassungen in seinen Texten und unserer Korrespondenz der vergangenen Jahre, sowie mit Hilfe einer Netzrecherche:

“An einem Sommertag vor fünf Jahren meldete sich Marcel Crépon bei rheinsein, per E-Mail, mit einem fotografisch illustrierten Bericht über seinen Besuch in Andernach. Umgehend fielen mir sein eigenwilliges Interesse für Nebensächlichkeiten und die hochgradig originelle Sprache auf. Damals habe ich seinen Text auf ein paar wesentliche Informationen gekürzt und ins Netz gestellt, im Glauben, dass es sich, was häufig vorkommt, um eine einmalige Einsendung handeln würde. In Abständen von mehreren Monaten langten jedoch weitere, ähnlich geartete und schließlich immer ausführlichere Berichte von Monsieur Crépon bei rheinsein ein. Nach und nach bemerkte ich, dass in Frankreich ein Autor der Randseitigkeiten sich meinem Rheinprojekt verbunden fühlte. Denn an keiner anderen Stelle hat Crépon bisher veröffentlicht. Auffällig auch, dass die zeitlich, geografisch und inhaltlich sprunghaften, nur auf den ersten Blick desorganisiert erscheinenden Beiträge perfekt mit Idee und Anlage des rheinsein-Projekts korrespondieren, das in ähnlicher Weise mit Chaos und Verdichtung arbeitet. Zunehmend kam es mir in den vergangenen Jahren vor, als würde Marcel Crépon seine Reisen an den Rhein eigens für rheinsein unternehmen, auch wenn keiner seiner Sätze direkt darauf hindeutet und ich ihn auch nicht – wie im Falle anderer Autoren geschehen – darum ersucht hatte. Was mir anfangs befremdlich vorkam – nämlich, dass ein derart für rheinsein engagierter und investigativ arbeitender Beobachter in der Korrespondenz persönliche Rückfragen konsequent ignorierte – habe ich nach dem zweiten vergeblichen Versuch einfach akzeptiert; die eigenwilligen Berichte sind eigentlich beredt genug, sich den Charakter dahinter vorzustellen: jemand, den das Abseitige, Spleenige anzieht, der zumindest ein ausgesprochenes Talent besitzt, schräge Bekanntschaften zu machen, der darüber hinaus eine nihilistische Ader zu verfolgen und gern hinter den Dingen und Fänomenen zurückzutreten scheint, vielleicht aus Scheu oder weil sie ihm absolut oder auch nur fragwürdig genug erscheinen, um volle Aufmerksamkeit zu erhalten und vielleicht auch, um in diesem Abseits, paradoxerweise, selbst zum Fänomen zu werden. Jemand, dem Kommunikation offenbar vor allem dazu dient, Geschichten aus den Menschen herauszukitzeln. Jedenfalls bin ich für diese Ausstellung, und das habe ich Marcel Crépon auch mitgeteilt, auf eigenständige Spurensuche gegangen, um etwas mehr über ihn herauszufinden.

Weder eine fysische Adresse, noch seine Telefonnummer hat Marcel Crépon mir jemals mitgeteilt. Die Ausstellungsstücke erreichten mich in unausgesprochener, leicht erkennbarer Absicht in Verpackungen ohne Absender. Eine Ausnahme gibt es: die hier zu sehenden Fotos lagen in einer Versandrolle mit der Absenderadresse „Rue des Degrés“. Ein Scherz offenbar, denn in dieser sehr kurzen Straße im 2. Pariser Arrondissement, die eigentlich eine Treppe ist, gibt es weder Hausnummern noch Wohnungen. Sie erlangte sogar Ruhm, als Hauptschauplatz des Films „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.
Persönliche Informationen, die sich aus Crépons Texten ergeben, sind spärlich und stets vage. Auch wenn es sich dabei um reine Fiktion handeln könnte, selbst der Name könnte ein Pseudonym vorstellen, verleitet mich mein Instinkt, den meisten davon zu trauen. Nur helfen ein paar grobe zeitgeschichtliche Erwähnungen und die an einer Stelle angeführte Behauptung, er bereise keinen Ort der Welt je ein zweites Mal, in Hinsicht auf ein Personenprofil nicht sonderlich weiter.
Marcel Crépon bewahrt, wo er sich schon öffentlich äußert, definitiv, und das ist alles andere als selbstverständlich in unserer Enthüllungsgesellschaft, mit Geschick und leisem Witz die Würde der Privatheit.
Also habe ich mich, beginnend mit der in imposante Ferne zurückreichenden Herkunft des Familiennamens, auf eine Basisrecherche verlegt, die wenigstens sein Umfeld beleuchten könnte, um auf diese Weise vielleicht einen Schattenwurf zu fixieren:

In der Normandie existiert im Département Calvados ein 200-Seelendorf namens Crépon. Viele Indizien in seinen Texten, aber auch seine in Frankreich registrierte Mail-Adresse, deuten darauf hin, dass Marcel Crépon, obgleich er sich trittsicher im Deutschen bewegt, Franzose ist und in Frankreich lebt. Aus diesem Dorf dürften also seine Vorfahren bzw. Familie ursprünglich stammen, wobei die Toponymie den Namen als „Anhöhe“ deklariert. Crépon selber äußert sich an keiner Stelle zu seiner Herkunft.

Die normannischen Crépons sollen skandinavischen Linien entstammen, was eine Hinwendung nach Deutschland allenfalls mäßig erklären würde. Sie gehen zurück auf Roricon de Crépon, geboren ungefähr 870 n. Chr. Mit Guillaume de Crépon (besser bekannt als William FitzOsbern) starb im Jahre 1071 in der Schlacht von Cassel ein früher prominenter Namensvetter und möglicher Verwandter. Der (vermeintliche) Hinweis auf einen ersten Crépon mit Deutschland-Neigungen geht allerdings fehl, da diese Schlacht nicht im hessischen Kassel, sondern bei einem französischen Ort gleichen Namens in der Nähe von Dunkerque geschlagen wurde.

Danach klafft eine Jahrhunderte währende Lücke bezüglich öffentlich aufgetretener Familien- bzw. Stammesmitglieder. Laut Internet existierte im 19. Jahrhundert ein Illustrator namens L. Crépon, der mit Holzstichen wie „Fuchsteufelssabbath“ oder „Sportdarbietung in Kyoto“ in Erscheinung trat.

Ein Crépon mit gänzlich unbekanntem Vornamen arbeitete im Schlachthof von Diego Suárez, dem heutigen Antsiranana, auf Madagaskar, bis er 1895, offenbar fristlos, entlassen wurde. Die entsprechende Meldung ist zu finden im Journal Officiel de la République Francaise, das, Zufall oder nicht, auch Marcel Crépon in seinen Ausführungen zu Victor Hugo auf rheinsein erwähnt, weil er es liebe, auf der Suche nach journalistischen Perlen durch alte Magazine zu blättern. Die kurze Meldung ist der erste und einzige Link zwischen Marcel Crépon und einem seiner möglichen Vorfahren, der allerdings, wie alle anderen Hinweise auch, letztlich ins Leere, zumindest ins Ungewisse führt.

Besonders auffällig ist Marcel Crépons namentliche Nähe zu Marc Crépon, einem zeitgenössischen französischen Filosofen, der, ähnlich wie Marcel Crépon, des Deutschen mächtig ist, der mit Jahrgang 1962 in etwa im gleichen Alter – wenngleich wohl doch etwas jünger – sein dürfte und sich, eine interessante Koinzidenz, auf Aspekte des deutschen Denkens spezialisiert hat. Marc Crépon hat zahlreiche Veröffentlichungen vorzuweisen. Außerdem ist er Vorsitzender des Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS) und leitet die Filosofie-Abteilung der École normale supérieure. Leider konnte ich Marc Crépon nicht rechtzeitig vor dieser Ausstellung für ein Statement gewinnen.

Außerdem existiert in Saint-Maurice-de-Lignon im Département Haute-Loire eine Rue Marcel Crépon, was unserem Crépon bekannt ist, wie sich seinen Tagebucheinträgen entnehmen lässt, in denen er die Existenz einer Straße mit seinem Namen in einer eleganten Denkkurve, weil Straßen eben nicht nach lebenden Personen benannt würden, als erfreuliche Garantie für seine Anonymität deutet. Was einmal mehr bestätigt, wie sehr ihm letztere am Herzen liegt.

Erstaunlich bei aller Toponymie und Ahnenkunde: das französische Wort „crépon“ bedeutet auf Deutsch: „Krepp“ oder „Trauerflor“. Marcel Crépon zählt in seinem Tagebuch eine ansehnliche Reihe von französischen Wortspielen, Witzen, Hänseleien und Verballhornungen auf, denen er als Kind wegen seines Nachnamens ausgesetzt war. Er selbst identifiziert sich mit der Übersetzungsvariante „Trauerflor“.

Zusammengefasst: Dem Tagebuch und zeitlichen Ereignissen zufolge, die er in seinen Berichten erwähnt, lässt sich Monsieur Crépons Alter auf „ungefähr Anfang 60“ einordnen. Der Wohnsitz ist höchstwahrscheinlich Paris, darauf lassen mehrere, aber nicht alle Poststempel und einzelne Textpassagen schließen. Crépon reist, auch wenn die Reisen nur zu einem geringen Teil von eindeutigen Zeugnissen belegt sind und er den Sinn des Reisens in seinen Texten infrage stellt. Seine Reiseberichte klingen gerade aufgrund ihrer abstrusen und trotz einiger nachweislich fiktionalisierter Passagen großteils glaubhaft – zumindest für jemanden wie mich, der ähnliche Reisen unternommen und einen Gutteil der beschriebenen Orte mit eigenen Augen gesehen hat. Erwähnenswert sind exzellente Deutschkenntnisse, wobei Grammatik und Wortwahl gelegentlich den Franzosen verraten. Seine Texte spielen bisweilen mit Elementen aus beiden Sprachen. Unser Mann ist definitiv gebildet, zitiert aus Gewohnheit Werke der Weltliteratur und hegt ein besonderes Interesse für Randzonen der Kulturgeschichte. In einer kurzen Labilitätsfase offenbart er eine gewisse Zugänglichkeit für Traumdeutung und esoterische Praktiken, denen er sonst kühl gegenübersteht. Crépon gesteht in einem Text, dass er sich gerne in Warteräumen (wie Bahnhöfen, Arztpraxen oder Krankenhaus-Caféterien) aufhält. Er raucht oder war früher einmal Raucher.

Seine Rheinaffinität erklärt Crépon mit keinem Wort, wodurch sie eine, für mich nur halb verwunderliche, Selbstverständlichkeit erlangt. Sie korrespondiert mit dem Begriff „Grenzforscher“, den Crépon, nebst der Alternative „Sammler von Momenten“, angab, als ich ihn fragte, mit welcher Bezeichnung ich ihn vorstellen solle. Nach meinem Verständnis stellt der Rhein für Marcel Crépon ein Symbol dar, mit dem er als junger Mann per Zufall konfrontiert wurde und über das nachzudenken ihn seither antreibt: den schmalen Grat, die „dünne rote Linie“, die für jeden Menschen existiert, entlang derer das Leben in seiner ungleichmäßigen Gleichmäßigkeit und Zerbrechlichkeit verläuft. Seine Rheinbegehungen sind Balanceakte, auf dem Hochseil der experimentellen Erkundung entzieht sich der schwanke Blick der Diktatur der Norm.

Bevor ich kurz auf zwei Exponate eingehe, sollte Marcel Crépons Faszination für ein bestimmtes Objekt Erwähnung finden: den Eimer. In den Ankündigungen für diese Ausstellung war von einer fetischfreien Berührung mit diskreten Objekten und Texten die Rede. Auffallend ist aber doch das ständige Vorkommen von bzw. die häufige Beschäftigung Crépons mit Eimern in Text und Bild, sowie als Objekt.
Womöglich aus einer fehlerhaften Übersetzung Epiktets an einer Stelle bei James Joyce abgeleitet, empfindet Marcel Crépon, so schrieb er mir in einer Mail, das Wasser als Symbol für die Seele und den Eimer entsprechend als Seelenbehälter. Wahrscheinlich bei keinem anderen Autor (und Crépons Schriften sind bisher noch übersichtlich) häufen sich in vergleichbarem Maße Gedanken, die das Gebilde eines Eimers bzw. den Eimer-an-sich zum Ausgangspunkt nehmen.
Z.B. notiert Crépon in seinem Tagebuch eine Äußerung des Taikonauten Yang Liwei, der während der Weltraummission des Shuttles Shenzhou 5 nicht ortbare Klopfgeräusche „wie mit einem Holzhammer, der gegen einen Eimer schlägt“ wahrgenommen habe. Spätere Missionen bestätigten das mysteriöse Geräusch. Bei Laurence Sterne findet Crépon eine Stelle, die ihn zu poetisch-pragmatischen Analogien zwischen einem Wassereimer und dem Ozean anregt. Ob einen Eimer voller Farbe auf eine Leinwand zu werfen nicht die Essenz von Malerei bedeute, stellt er eine unbeantwortet bleibende, dringliche Frage. Plastikeimer bringt Crépon in einem gewagten Gedankensprung mit der schamlosen Enthüllung der Identität Godots in Verbindung, dieweil Zinkeimer sein Vertrauen erweckten. So geht das immer weiter. Eine Stelle des Tagebuchs fasst sein gesamtes Vorgehen, womöglich sein Weltbild, in einem mystischen, zugleich glasklaren Eimer-Aforismus zusammen: „Die Eimer erklären nichts, ich erkläre die Eimer nicht.“

Zum Exponat der fotografierten Nebellandschaft
Das Bild einer Nebellandschaft passt sowohl zum Ausstellungstitel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss, als auch exemplarisch auf den Beginn der Beziehung rheinsein – Crépon, als ich seine Berichte noch in indirekte Rede gesetzt in den rheinsein-Textdschungel entließ. Monsieur Crépon beschreibt zu diesem Bild extensiv sein gespenstisches Irren durch den mit märchenhaften Täuschungsmanövern aufwartenden Novembernebel – den Fluss, sein eigentliches Ziel, für das er mit dem Auto aus Frankreich angereist war, konnte er an diesem Tag, so behauptet er zumindest, trotz Mitführens moderner Navigationstechnik nicht entdecken. Ein wenig erinnert die Beschreibung an die Verlorenheit des Monsieur Hulot in den Filmen von Jacques Tati, aber auch an einen Jäger auf falscher Spur, der vor der plötzlichen Erkenntnis erschrickt, dass so etwas wie eine richtige Spur womöglich gar nicht existiert und er selber die Beute sein könnte. (Natürlich schwingt im Titel Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss auch eine zutiefst rheinische Metafer für die Unlösbarkeit der Frage nach dem Sinn mit.)

Zum Exponat der in einer Vitrine befindlichen Papierkugeln
„Was ist das für ein Mensch, der sucht, und nichts findet?“ fragt eine seiner Bekanntschaften Crépon ausgerechnet in einem Baumarkt, ausgerechnet während eines Gesprächs über Heidegger. Marcel Crépon gibt sich selbst zur Antwort: „Ich weiß es nicht. Ich habe wahrlich schon genug gefunden, ohne es gesucht zu haben.“ Auch so lässt sich Marcel Crépon leicht vorstellen: als jemand, der hinnimmt und dokumentiert, was ihm im Leben begegnet, weil das als Herausforderung mehr als genügt. Doch kann dies bestenfalls die halbe Wahrheit sein. Denn sobald ihn ein Thema, und sei es noch so abseitig, gepackt hat, geht Marcel Crépon ihm auf den Grund, recherchiert und nutzt dabei in auffälliger Weise einen Filter für getriebene Personen, Spinner, Lebenskünstler. Über Stunden und Tage setzt Crépon sich deren Manien, Ideen und Produktionen aus, um sie minutiös zu protokollieren. Zur Beharrlichkeit und Ernsthaftigkeit seines Vorgehens gesellen sich Hintergründigkeit und abrupte Brüche, sobald ein Gedanke sich abgenutzt hat.
heideggerkugeln
Exemplarisch für die Absurdität einiger seiner Fundstücke stehen die durchgekauten und zu Kugeln geformten Buchseiten, hinter denen eine lange Geschichte steckt: es soll sich um besonders zähe Passagen aus dem Werk Martin Heideggers handeln. Der typische Künstlerhumor, das Wortspiel zum Objekt zu transformieren, greift hier nur bedingt, denn eine künstlerische Absicht war ursprünglich nicht gegeben.

Hinter diesem wie allen anderen Exponaten stehen meist schräge, oft auch verwirrende Geschichten, die den ausgestellten Stücken nicht ohne weiteres anzusehen sind. Auf rheinsein hat Marcel Crépon sie alle erzählt, ein paar habe ich kurz angerissen, an unserem Ausstellungsrechner, in einem Buchunikat und natürlich auch zu Hause oder sonstwo können sie bei Interesse im Netz genau nachgelesen werden.

Ein letztes noch: Meine Bitte, seine Sammelstücke in Burgbrohl ausstellen zu dürfen, beschied Monsieur Crépon in einer für unsere Korrespondenz typischen Art mit insgesamt drei lakonischen Sätzen: „Machen Sie, was Sie für richtig halten.“ „Schreiben Sie mir, was Sie brauchen.“ Und, auf die Frage, wie er angekündigt werden wolle: „Das ist mir gleich.“ Eine Haltung, die, was Ausstellungen betrifft, ihresgleichen sucht.”

Das erste Mal

Vergangenen Herbst, als sich die aktuell im Kunstpavillon Burgbrohl stattfindende Ausstellung Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss zu Marcel Crépons außergewöhnlichen, bisher einzig auf rheinsein dokumentierten Rhein-Erkundungen und unterwegs erworbenen Fund- und Sammelstücken abzeichnete, übermittelte uns der Autor (1) mehrere Materialsendungen, die “einen bestimmten, vergangenen und eigentlich nicht wiederholbaren Rhein” in Wort, Bild und Artefakt beinhalten: ein per Mail und klassischer Post portionsweise eingelangter, im Bernstein menschlichen Ausdrucks eingeschlossener Fluss, aus dem wir mit Hilfe des ausstellungserfahrenen Kölner Künstlers und rheinsein-Korrespondenten Roland Bergère behutsam eine Auswahl trafen, die dem Rahmen einer öffentlichen Präsentation gerecht werden soll.

Wir flankieren die analoge Ausstellung mit einem April-Block erstmals veröffentlichter Créponica. Zu diesem Konglomerat gehört der Text Das erste Mal. Er handelt von Erinnerungen und Ausführungen zu den Abenteuern eines jungen Mannes, der sich mittlerweile in seinen frühen 60ern befinden dürfte. (2) Seinerzeit angestiftet von einem älteren Ehepaar, begibt sich Marcel Crépon auf seine erste Rheinreise, wahrscheinlich zugleich seine erste Auslandsreise. Seine Deutschkenntnisse sind zu diesem Zeitpunkt im Anfängerstadium. Für den jungen Mann ergeben sich erstaunliche, unübersichtliche Szenerien, die gleichwohl den Auftakt zu einer unbestimmten, aber erklecklichen Zahl weiterer Erkundungen teils unter den absonderlichsten Aspekten geben, die bisher zum “Rheinreise”-Topos niedergelegt wurden.

***

Liebes rheinsein,

Einem Fisch im Aquarium gleich, der sich fragt wie die Wesen jenseits der Scheibe bloß überleben können, stand ich am Fenster, zog an einer Zigarette, und starrte durch das Glas, während eine verirrte Biene hilflos um meinen Kopf herum summte. Es dämmerte. Aus dem gerade ausgepusteten Rauch schienen zwei Gestalten hervorzutreten. Zunächst als recht unförmiges Etwas, dann als Körper, welche einige Quadratzentimeter des Bürgersteigs in Anspruch nahmen: bescheidene Pfützen, in denen sich jedoch das Unermessliche von Zeit/Raum eines bald abgelaufenen Lebens verdichtete. Er in einen Rollstuhl gekrümmt, sie über ihn gebeugt, so als ob sie an ihn geschweißt oder genäht worden wäre. Sie hielt die Lehne fest, schnaufte und schob. Langsam gingen sie, so langsam, dass das Tempo der anderen Passanten und Verkehrsteilnehmer in der Wahrnehmung beschleunigt erschien. Vielleicht bewegten sie sich überhaupt nicht von der Stelle, während die Welt sehnsüchtig nach Sinn um sie herum raste.
Genau dengleichen Endruck hatte ich bereits zuvor einmal empfunden, vor Jahrzehnten, als ich in die Wohnung der Velloins eintrat. Monsieur Velloin saß in einem abgenutzten Ledersessel. Ein Schleudersitz, dachte ich, der ihn jeden Moment ins Jenseits katapultieren könnte. Hinter ihm stand Madame, dünn und trocken wie ein Blatt Pergament, das man vergeblich  zu zerreißen versuchen würde. Beide strahlten die Unerschütterlichkeit des Dreisatzes aus. In der Wohnung fand ein Kampf zwischen Licht und Schatten statt: schwer zu erkennen, ob die helleren Flächen die dunkleren zu verschlingen drohten oder umgekehrt. Wie auch immer. Der Grund meines Besuchs war nicht, darüber zu richten. Monsieur Velloin war Lehrer gewesen, von der Sorte, die die “écriture républicaine” als Zeichen der Einheit zwischen Geist und Körper verstand, und seine Schüler mit wohlwollendem Sadismus vor arithmetische Probleme stellte: “Ein vraquier verlässt den Hafen mit 2545 Tonnen Sand im Frachtraum, in verschiedenen Anlaufhäfen lädt er 7,5 Prozent seiner Fracht ab. Wie viele Häfen muss er besuchen, bis von seiner Ladung nichts mehr übrig ist?” Seine bevorzugten Fächer waren jedoch Geographie und Geschichte. Große Achtung hatte er vor Sebastian Münster, vor seiner Leistung, es geschafft zu haben, die gesamte Welt zu beschreiben, ohne sich dafür zu bewegen, oder doch zumindest kaum. Als Folge eines gerade noch überlebten Myokardinfarkts war Monsieur Velloins Bewegungsverminderung unfreiwillig. Zum Frührentner erkoren, nutzte er die geschenkte Zeit, um an seinem “Livre des ouï-dire” (Buch vom Hörensagen) zu arbeiten. Hunderte von Schulheften hatte er säuberlich und akribisch gefüllt mit Anekdoten aus der Stadt, Erinnerungen, umgeschriebenen Zeitungs- oder Zeitschriftenartikeln, zusammen getragenen Fernseh- und Rundfunkmeldungen, kurz: Klatsch und Tratsch aus aller Welt. Für die Illustrationen war Madame Velloin zuständig. Ihre Inspiration fand sie in alten Schulbüchern, deren bunte Abbildungen sie geschickt nach Bedarf umzeichnete, transformierte, aquarellierte. Nun wollte sie etwas Moderneres wagen, auch wenn sie keine genaue Vorstellung davon hatte. Was sie bereits probiert hatte, holte sie aus einer Schublade hervor. (Die Probe durfte ich später zur Inspiration mitnehmen.)

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Es sei nur eine Idee, also nicht fertig, betonte sie. Ein Foto hatte sie aus einer Schweizer Touristik-Broschüre ausgeschnitten, und eine ihrer Zeichnungen darauf geklebt. Das Model dafür war eine Abbildung aus einen alten Katalog des Auktionshauses Druot. Ein Arzt, ein guter Freund ihres Mannes, hatte eines Tages von einem Bericht erzählt, den er im Archiv des Krankenhauses, in dem er tätig war, gelesen hatte. Der Verfasser beschrieb den Fall der Madame L. Als er sie zum ersten Mal sah, lag sie regungslos und zwar buchstäblich im Dreck. Nach einiger Zeit stellte er fest, dass sie hochgebildet war. Sie war fest davon überzeugt, in Rheinnähe geboren zu sein, wo sie, ihren Angaben zufolge, Opfer von Soldaten der Revolutionären Armee wurde. Sie schilderte mit schwindelerregender Präzision wie zwei engelsgleiche Volksvertreter der Rheinarmee den Befehl erteilt hatten, ihr den Kopf einzuklemmen und damit unwiderruflichen Schaden verursachten: für immer, so Madame L., seien dabei ihre moralischen Empfindungen verloren gegangen. Als die Armee von Bitche in Richtung Landau marschierte, blieb allein das ”ekelerregende Wesen L.” zurück. Ihr Versuch, sich im Wasser zu reinigen, war erfolglos geblieben, was ihr verwahrlostes Erscheinen erklärte. Das Bild, so Madame Velloin, stellte den Augenblick dar, in dem L. das Eintreffen der Armee wahrnahm.

Madame Velloin bat mich, einige photographische Hintergründe für sie zu realisieren, die sie als Vorlagen verwenden wollte. Dafür hatte sie eine Wunschliste verfasst, die sie mir überreichte. “Der Rhein ist der Fluss der Träumer,” sagte sie lächelnd, “träumen Sie also, lassen Sie Ihr Objektiv träumen, und sparen Sie sich die von Hugo zu Tode beschriebenen pittoresken Landschaften.” Das waren Worte! Mit einem bezwingenden “Nehmen Sie!” drückte sie mir eine Interrail-Fahrkarte in die Hand, sowie einen Briefumschlag, den ich unbesehen einsteckte. Der wahre Historiker fragt nicht nach Sinn oder Unsinn der Dinge, sondern geht einfach der Sache nach. Ich war jung, es war Sommer, ich würde fremde Länder besuchen und den Rhein sehen – warum nicht?
Schon am Anfang der Reise meldeten sich zwei Legenden, die zwar mit dem Fluss in keinerlei Verbindung standen, jedoch in meiner Erinnerung geblieben sind, weil ich kurz vor seiner Überquerung und kurz danach Notiz von ihnen nahm. Die erste hob sich in höchste Höhen empor, auf Nimmerwiedersehen in die Tiefe fiel die zweite. Beim Verlassen des Zuges in Mülhausen hatte ein Reisender ein Musik-Magazin auf seinem Sitz liegen lassen: nicht darin zu blättern wäre töricht gewesen. Es enthielt einen Bericht über die Sex Pistols wie sie das silberne Thronjubiläum der Königin mit einer lärm- und bierreichen Ehrenrunde auf der Themse gefeiert hatten. Im muffigen Fernsehzimmer der Pension, in der ich später Unterkunft gefunden hatte, lief ein Western, als Andenken für den frisch aus dem Leben geschiedenen Elvis Presley. Fröhlich bunt hatte London im Magazin ausgesehen. Recht verschneit dagegen Texas, des schlechten Empfangs wegen.
- Der King is’ tot, kommentierte einer der Gäste, und nippte an seinem Bier.
- So isses, bestätigte ein anderer, mit seinem Schaum gurgelnd.
- Der King of Rock’n'Roll…
- Trotzdem reingefallen.
- ???????
- Ins Todesloch…
”In den Rhein gefallen”, hatte ich verstanden. Im Rhein ertrunken war also Elvis. Dachte ich. (Aufgedunsen wie er war, hätte er doch eigentlich schwimmen können.) Wie die Party in die Themse gefallen war, nach Intervention der Bobbies. Breit und kräftig trug der Fluss beide Legenden mit seiner Strömung fort, das Vergangene und das Aufgehende, um sie später in der Nordsee mühelos auszuspeien, bei seiner eigenen Entlassung in die weite Welt des offenes Meeres.
Ich setzte meine Reise fort, als stiller Peregrinus, den Fluss entlang, so nah als möglich an seinen Ufern, einen Monat lang, mal in der damals noch so genannten BRD, mal in Frankreich, mal in der Schweiz oder sogar in den Niederlanden, gebeugt über meine Brownie Flash, in deren Sucher die Welt verkehrt herum aussah. Hier und da schoss ich Photos, immer 12 Aufnahmen. Dann wechselte ich die Filmrolle aus und setzte die Jagd nach Motiven fort. Den Wünschen und Anweisungen Madame Velloins nachzugehen erwies sich mehr als schwierig, denn genauer betrachtet war ihre Liste ein fein zusammen getragenes Durcheinander.

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Die daraus resultierende Verwirrung festzustellen war eine Sache, damit umzugehen eine andere. Glücklicher Carpaccio, der einfach und gekonnt venezianische zu rheinischen Gebäuden ummalte, die Kronen der Feinde der Republik als kölnische Wappen umdeutete, ottomanische Krieger hinter Hunnen versteckte. Ein Armbrustschütze zielte auf einen Vogel, eindeutig war die Botschaft: für die Heldin der Légende Dorée bedeutete es schlicht das Massakriertwerden. Ruhig und glatt lag der Rhein im zarten Lagunenlicht. Frühmorgendunst. Es war Herbst. Es war Sommer und als ich den Hauptbahnhof verließ, schlug mir die erdrückende Luft eines bald darauf ausbrechenden Gewitters ins Gesicht, während herumziehende Männerbünde mir die Ohren mit ihrem Gegröhle vollstopften. Vom Gewölbe der Hohenzollernbrücke geschützt wartete ich und bezüglich der Ankunft Ursulas hatte ich keine Frage mehr. Nun, welcher Hintergrund passte zu “Et quos nascentes explorat gurgite Rhenus” oder “Rheni mihi Cæsar in undis / Dux erat, hic socius, facinus quos inquinat, æquat”? Mein Latein, liebes rheinsein, ist schon beim Aufschreiben der Worte am Ende. Und was halten Sie von einer 1609 Meter langen Brücke des Heiligen Geistes, welche angeblich von Brückenbrüdern über dem Fluss erbaut wurde? Würden Sie das Biotop der Ephemera longicauda erkennen? Und das des Misgurnus? Wann läßt der Barsch sich sehen, wo versteckt sich die Mulette? Die Strecke, welche d’Enghien von Bingen aus schwamm, um seine Geliebte in Rüdesheim zu besuchen, wäre noch zu erkunden und photographisch festzuhalten, schwieriger nur der Weg, welchen Harpalos auf Bimsstein zurücklegte, wie ein gewisser Dr. Müller einst schilderte. Wo ein Laufkäfer weilt, sind die Ägypter nicht weit. Laut Voltaire gab ihre Lieblingsgöttin Paris seinen Namen, verehrt wurde sie von den dortigen Schiffern, die ihren Kult, samt anderen Waren, zu ihren Kollegen ans Rheinufer paddelten. Kulissen für die dabei praktizierten Rituale brauchte Mme Velloin selbstverständlich auch. Augenentzündungen kuriert der Philosoph übrigens mit einem Cocktail aus Maas-, Weser-, Elbe- und Rheinwasser, eine passende, magische Quelle musste also her. Natürlich durfte das Geburtshaus Sebastian Münsters nicht fehlen, ebenso wenig adäquate Schauplätze für Poum, den Polizeihund (sic!). Aufgelistet war desweiteren ein geeigneter Hintergrund für die Strandidylle der Schwanenritter und die schöne Kleverin – Lohengrin ließ also ebenfalls grüßen, oder sein Cousin. Puzzolanerden, Rhein-Pottasche, oberbergisches Lignit sollten als Gedächtnisaufbewahrer und damit als Geschichtenerzähler erkundet und unter die Lupe bzw. das Objektiv genommen werden, nicht zu vergessen das Echo, welches ein Ton 17 Mal zu wiederholen imstande ist. Über den geistigen Zustand Mme Velloins stellte ich mir, wie gesagt, keinerlei Frage, sondern suchte pragmatisch nach Lösungen, ihre Bitten zu erfüllen.
So versuchte ich, an diesen fliehenden Wassermassen abzulichten, was sie inspirieren könnte, auch das, was an ihrer Oberfläche schwamm, schimmerte, navigierte, abtrieb, schäumte, auftauchte, versank, sich spiegelte, wellte, von links rückwärts geschaukelt nach vorne rechts gezogen zickzackte, wippte, was an den Ufern schwappte, wuchs, gedieh oder unter der Augustsonne verdorrte, abblätterte, verblichene Palisaden, schattige Promenaden, dichte Gebüsche, zu Tode urinierte Grasflächen. Auf Brücken stand ich, dem Vertigo trotzend, um ganze Panoramen zu erfassen, welche aufgrund der geringen Brennweite meiner Kamera höchstwahrscheinlich Eisenbahn-Landschaftsmodellen ähneln würden. Wie unentbehrlich Reisen für die allgemeine Bildung ist, bewies die Symbiose zwischen dem französischen ”pays-bas” und der Niederlandschaft, die ich für das Porträt eines holländischen Offiziers G. Courbets auswählte.
Auf der Rückfahrt in erhöhte Gefilde trat eine Frau ins Abteil, in dem ich halb im Schlaf zu rekapitulieren versuchte was ich alles schon im Kasten hatte. Sprachbrocken und Handzeichen gestatteten eine Art wackeliger Unterhaltung. Meine Kamera lieferte genügend Informationen für den Grund meiner Anwesenheit im Zug, auch wenn der Zweck für sie recht mysteriös blieb. Ihrerseits erzählte sie – besser gesagt: ich glaubte zu verstehen, dass sie es erzählte –, sie käme aus der Nähe eines vulkanischen Sees. In der Umgebung wußte sie eine Stelle, an der eine Art Lachgas aus der Erde entweichen würde, womit sie und ihre Freunde sich genüßlich berauschten. Was die Skizze, die sie trotz des ruckelnden Abteilwagens in mein Notizbuch kritzelte, mir verdeutlichen sollte.

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Spuckte ein Ufer eine Legende aus, fing das andere sie ab und schickte sie zurück. Und so ging es weiter und weiter, doch besaß der Interrail-Fahrschein die gleiche Eigenschaft wie das Chagrinleder. Je mehr ich davon Gebrauch machte, desto weniger Zeit blieb mir, ihn zu verwenden. Kurz: ich trat die Rückfahrt an – bis zur Wohnung der Velloins. Darin war der Schatten zu Licht und dieses zu Schatten geworden, wenn ich mich recht erinnere. Die belichteten Filmrollen übergab ich Mme Velloin. Mr. Velloin rieb sich die Hände, tunkte seinen Federhalter in ein Tintenfass aus Porzellan und schrieb sorgfältig neue Einträge nieder.
Nun, liebes rheinsein, Sie werden sich bestimmt fragen, ob die Fotos, die ich damals schoss, ihren Zweck erfüllt haben? Ich erfuhr es nie. Einen Tag nach Abgabe der Filmrollen verließ ich die Stadt und kehrte nie wieder dorthin zurück.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,
Ihr Marcel Crépon

***

(1) Berufsbezeichnungen wie Autor gefallen Marcel Crépon nicht sonderlich. Wenn es sich schon nicht vermeiden ließe, schrieb er in einer seiner wenigen, stets überaus kurz gehaltenen Repliken auf unsere Nachfragen, möge er als Grenzforscher oder Sammler von Situationen angekündigt werden.
(2) Marcel Crépon gibt über seine Person so gut wie keine direkte Auskunft. Ob seine Verweigerung biografischer Daten aus Scheu, Konzept oder sonstigen Gründen rührt, ist rheinsein nicht bekannt. So sehr wir diese Haltung respektieren, kommen wir hinsichtlich der Ausstellung nicht umhin, einige Spekulationen über den Autor (denn ein solcher ist er, auch wenn ihm die Wortwahl nicht behagt) anzustellen, die sich aus verstreuten Indizien zusammen puzzeln lassen.

Die Germania und die Billigbombe

Dimanche 26 juin. Rüdesheim. J’attrape de justesse le bateau, sur l’embarcadère de la Compagnie Köln-Düsseldorf. Je suis le dernier sur la passerelle. Il est 10 heures quand le Deutschland s’éloigne du quai.
Au-dessus de Rüdesheim s’aperçoit, dressée sur les hauteurs couvertes de vignobles, la statue de la Germa­nia du monument du Niederwald. Lothar Baier me racontait que des anarchistes francfortois avaient voulu profiter de son inauguration par Guillaume II, en 1893, pour assassiner l’empereur. Mais « en bons protestants allemands », dixit Lothar, ils avaient acheté pour leur bombe la mèche la moins chère qu’ils aient pu trouver. Or il plut ce jour-là et la mèche ne fonctionna pas. Ils furent arrêtés, condamnés à mort et exécutés. Lothar voyait là une nouvelle preuve par l’absurde de l’incapa­cité des Allemands à réussir une révolution.
La présence de ce monument en ces lieux, parmi les vignobles, loin de Berlin la capitale, est exemplaire de l’extraordinaire dissémination des monuments symboli­ques de l’unité nationale dans ce pays. Le Walhalla de 1842, construit sous Louis Ier de Bavière pour servir « au renforcement et à l’accroissement du sens allemand », se trouve au sud de Regensburg. A Cologne est la cathédrale dont l’achèvement, à partir de 1840, devait annoncer « une grande et puissante Allemagne ». A Mayence, l’érection, en 1837, d’un monument à Gutem-berg symbolisait « la conscience que nous avons une patrie commune, une langue commune, les mêmes lois, les mêmes espoirs et le même but ». A Leipzig se dresse, gigantesque, le monument témoin de la renaissance nationale, celui de la « Bataille des Peuples » contre Napoléon. Le monument symbole de la puissance germanique, celui qui commémore la victoire de Her­mann sur les Romains, se trouve près de Bielefeld, dans la Teutoburger Wald. Dans l’île de Norderney est la pyramide faite des pierres de toutes les villes alleman­des. Et à Berlin, bien sûr, sont quelques monuments « d’intérêt national », mais finalement guère plus qu’ail­leurs.
La Germania est un peu la cousine allemande de Marianne. Mais celle-ci est chrétienne lorsque, dans la mémoire nationale, elle se confond avec Jeanne d’Arc, porteuse de révolte et de liberté quand elle grimpe avec Gavroche sur les barricades. La Germania n’est pas cela, mais une réminiscence de légendes germaniques, une resucée de Walkyrie. Elle est grave et massive, grise et guerrière. Elle sert le prince et non la liberté, et le prince s’en sert pour tuer la liberté. A Rüdesheim, elle est tournée vers l’ouest et provoque la France. Elle monte la garde sur le Rhin.
Il n’y a qu’une société d’Allemands du troisième âge sur le bateau, ils restent vissés à leurs table, étroitement assis, et il m’est impossible de trouver leur compagnie. Les autres touristes sont des Japonais et des Français, deux groupes de chaque, et quelques Américains.
Passé Rüdesheim, le Rhin circule dans les méandres encaissés du massif schisteux rhénan. Son lit parfois est si étroit qu’il a dû être élargi pour les bateaux modernes, comme, après-guerre, à Bingen. A l’approche du rocher de la Lorelei, le bateau s’emplit, via les haut-parleurs, d’un mâle chœur chantant le poème de Heine mis en musique par Sucher. Les touristes se ruent à bâbord et photographient un morceau de la falaise qui les sur­plombe. A son sommet, à 132 mètres, flotte le drapeau allemand : ce bout de rocher est lui aussi monument national.
La légende de la Lorelei n’est que l’une des nombreu­ses légendes que ce fleuve charrie depuis toujours. On trouve de tout sur ces rives et ces îlots, « dans cette vague superbe qui fait bondir la France, dans ce murmure profond qui fait rêver l’Allemagne », comme l’écrit Hugo dans Le Rhin. Sous tous ces burgs dont les silhouettes déchiquetées accompagnent le voyage, se jouent des histoires odysséennes, comme celle, juste­ment, de la Lorelei, cette Circé germanique dont les longs cheveux d’or appellent les marins à fracasser leurs barques à ses pieds ; apparaissent des empereurs de légende, comme Frédéric Barberousse qui, à Pfalz, fait triompher l’amour, deus ex machina, au terme d’une histoire compliquée d’amoureux empêchés ; se mêlent christianisme et paganisme, comme dans la légende du Drachenfels, près de Bonn, où une jeune vierge livrée à un dragon se sauve par sa foi. Les mythes sont souvent effroyables et nocturnes : la parure d’or de la Lorelei ne se voit qu’à la nuit ; dans sa « tour aux souris » de Bingen, le méchant archevêque est bouffé tout vivant par les rats. On songe à ce que, dans De l’Allemagne, Heine dit des « légendes de l’Allemagne, ces tristes enfantements pétris de sang et de nuages, dont les formes sont si grises et si blafardes, et l’aspect si cruel ! ». Pourtant ici, sur ce fleuve, les monstres sont vaincus par la justice et par l’amour, le seul monstre triomphant, finalement, est la belle Lorelei qui tue insolemment.
La force et l’importance du Rhin sont d’abord en lui-même avant que d’être dans les rêveries des hommes. Ce fleuve, plus qu’aucun autre, est fluidité, mobilité, communication, trait d’union. Il fait définitivement échapper le pays qui le borde à cette Bodenständigkeit, cette « fixation au sol » tellement forte ailleurs et dérangeante. Son lit semble boire, autant qu’à l’eau venue des chutes de Schaffhausen, à celle, dorée, qui court en vert déferlement sur ses pentes somptueuses et qui, gavée de soleil et de sucre, rendra, muée en vin, tout le pays aimable. La douceur est vertu du Rhin malgré les sombres légendes et les orgueilleux monu­ments de la puissance de Guillaume, de Ruedesheim et de Coblence, qui paraissent ici ridicules et obscènes. C’est cette douceur aussi qui fait que, de la plus terrible et de la plus froide des légendes, Heine ne retient dans son chant qu’indicible tristesse : « Ich weiss nicht,/ Was soll es bedeuten,/ Dass ich so traurig bin. »

(aus: Patrick Démerin, Voyage en Allemagne (Paris 1989))

Victor Hugo am Rheinfall in seinem Gehirn

Mon ami, que vous dire ? Je viens de voir cette chose inouïe. Je n’en suis qu’à quelques pas. J’en entends le bruit. Je vous écris sans savoir ce qui tombe de ma pensée. Les idées et les images s’y entassent pêle-mêle, s’y précipitent, s’y heurtent, s’y brisent, et s’en vont en fumée, en écume, en rumeur, en nuée. J’ai en moi comme un bouillonnement immense. Il me semble que j’ai la chute du Rhin dans le cerveau.

J’écris au hasard, comme cela vient. Vous comprendrez si vous pouvez.

On arrive à Laufen. C’est un château du treizième siècle, d’une fort belle masse et d’un fort beau style. Il y a à la porte deux guivres dorées, la gueule ouverte. Elles aboient. On dirait que ce sont elles qui font le bruit mystérieux qu’on entend.

On entre.

On est dans la cour du château. Ce n’est plus un château, c’est une ferme. Poules, oies, dindons, fumier ; charrette dans un coin ; une cuve à chaux. Une porte s’ouvre. La cascade apparaît.

Spectacle merveilleux !
Effroyable tumulte ! Voilà le premier effet. Puis on regarde. La cataracte découpe des golfes qu’emplissent de larges squames blanches. Comme dans les incendies, il y a de petits endroits paisibles au milieu de cette chose pleine d’épouvante ; des bosquets mêlés à l’écume ; de charmants ruisseaux dans les mousses ; des fontaines pour les bergers arcadiens de Poussin, ombragées de petits rameaux doucement agités. ― Et puis ces détails s’évanouissent, et l’impression de l’ensemble vous revient. Tempête éternelle. Neige vivante et furieuse.

Le flot est d’une transparence étrange. Des rochers noirs dessinent des visages sinistres sous l’eau. Ils paraissent toucher la surface et sont à dix pieds de profondeur. Au-dessous des deux principaux vomitoires de la chute, deux grandes gerbes d’écume s’épanouissent sur le fleuve et s’y dispersent en nuages verts. De l’autre côté du Rhin, j’apercevais un groupe de maisonnettes tranquilles, où les ménagères allaient et venaient.

Pendant que j’observais, mon guide me parlait. ― Le lac de Constance a gelé dans l’hiver de 1829 à 1830. Il n’avait pas gelé depuis cent quatre ans. On y passait en voiture. De pauvres gens sont morts de froid à Schaffhouse. ―

Je suis descendu un peu plus bas, vers le gouffre. Le ciel était gris et voilé. La cascade fait un rugissement de tigre. Bruit effrayant, rapidité terrible. Poussière d’eau, tout à la fois fumée et pluie. À travers cette brume on voit la cataracte dans tout son développement. Cinq gros rochers la coupent en cinq nappes d’aspects divers et de grandeurs différentes. On croit voir les cinq piles rongées d’un pont de titans. L’hiver, les glaces font des arches bleues sur ces culées noires.

Le plus rapproché de ces rochers est d’une forme étrange ; il semble voir sortir de l’eau pleine de rage la tête hideuse et impassible d’une idole hindoue, à trompe d’éléphant. Des arbres et des broussailles qui s’entremêlent à son sommet lui font des cheveux hérissés et horribles.

A l’endroit le plus épouvantable de la chute, un grand rocher disparaît et reparaît sous l’écume comme le crâne d’un géant englouti, battu depuis six mille ans de cette douche effroyable.

Le guide continue son monologue. ― La chute du Rhin est à une lieue de Schaffhouse. La masse du fleuve tout entière tombe là d’une hauteur de « septante pieds ». ―

L’âpre sentier qui descend du château de Laufen à l’abîme traverse un jardin. Au moment où je passais, assourdi par la formidable cataracte, un enfant, habitué à faire ménage avec cette merveille du monde, jouait parmi des fleurs et mettait en chantant ses petits doigts dans des gueules-de-loup roses.

Ce sentier a des stations variées, où l’on paie un peu de temps en temps. La pauvre cataracte ne saurait travailler pour rien. Voyez la peine qu’elle se donne. Il faut bien qu’avec toute cette écume qu’elle jette aux arbres, aux rochers, aux fleuves, aux nuages, elle jette aussi un peu quelques gros sous dans la poche de quelqu’un. C’est bien le moins.

Je suis parvenu par ce sentier jusqu’à une façon de balcon branlant pratiqué tout au fond, sur le gouffre et dans le gouffre.

Là, tout vous remue à la fois. On est ébloui, étourdi, bouleversé, terrifié, charmé. On s’appuie à une barrière de bois qui tremble. Des arbres jaunis, ― c’est l’automne, ― des sorbiers rouges entourent un petit pavillon dans le style du café turc, d’où l’on observe l’horreur de la chose. Les femmes se couvrent d’un collet de toile cirée (un franc par personne). On est enveloppé d’une effroyable averse tonnante.

De jolis petits colimaçons jaunes se promènent voluptueusement sous cette rosée sur le bord du balcon. Le rocher qui surplombe au-dessus du balcon pleure goutte à goutte dans la cascade. Sur la roche qui est au milieu de la cataracte, se dresse un chevalier troubadour en bois peint appuyé sur un bouclier rouge à croix blanche. Un homme a dû risquer sa vie pour aller planter ce décor de l’Ambigu au milieu de la grande et éternelle poésie de Jéhovah.

Les deux géants qui redressent la tête, je veux dire les deux plus grands rochers, semblent se parler. Ce tonnerre est leur voix. Au-dessus d’une épouvantable croupe d’écume, on aperçoit une maisonnette paisible avec son petit verger. On dirait que cette affreuse hydre est condamnée à porter éternellement sur son dos cette douce et heureuse cabane.

Je suis allé jusqu’à l’extrémité du balcon ; je me suis adossé au rocher.

L’aspect devient encore plus terrible. C’est un écroulement effrayant. Le gouffre hideux et splendide jette avec rage une pluie de perles au visage de ceux qui osent le regarder de si près. C’est admirable. Les quatre grands gonflements de la cataracte tombent, remontent et redescendent sans cesse. On croit voir tourner devant soi les quatre roues fulgurantes du char de la tempête.

Le pont de bois était inondé. Les planches glissaient. Des feuilles mortes frissonnaient sous mes pieds. Dans une anfractuosité du roc, j’ai remarqué une petite touffe d’herbe desséchée. Desséchée sous la cataracte de Schaffhouse ! Dans ce déluge, une goutte d’eau lui a manqué. Il y a des cœurs qui ressemblent à cette touffe d’herbe. Au milieu du tourbillon des prospérités humaines, ils se dessèchent. Hélas ! C’est qu’il leur a manqué cette goutte d’eau qui ne sort pas de la terre, mais qui tombe du ciel, l’amour !

Dans le pavillon turc, lequel a des vitraux de couleur, et quels vitraux ! Il y a un livre où les visiteurs sont priés d’inscrire leurs noms. Je l’ai feuilleté. J’y ai remarqué cette signature : Henri, avec ce paraphe : (hier im Original die Abbildung eines einfachen verschnörkelten handgezeichneten, vielleicht lateinischen, vielleicht auch griechischen Buchstabens; Anm. rheinsein) Est-ce un V ?

Combien de temps suis-je resté là, abîmé dans ce grand spectacle ? Je ne saurais vous le dire. Pendant cette contemplation, les heures passeraient dans l’esprit comme les ondes dans le gouffre, sans laisser trace ni souvenir.

Cependant on est venu m’avertir que le jour baissait. Je suis remonté au château, et de là je suis descendu sur la grève d’où l’on passe le Rhin pour gagner la rive droite. Cette grève est au bas de la chute, et l’on traverse le fleuve à quelques brasses de la cataracte. On s’aventure pour ce trajet dans un petit batelet charmant, léger, exquis, ajusté comme une pirogue de sauvage, construit d’un bois souple comme de la peau de requin, solide, élastique, fibreux, touchant les rochers à chaque instant et s’y écorchant à peine, manœuvré comme tous les canots du Rhin et de la Meuse, avec un crochet et un aviron en forme de pelle. Rien n’est plus étrange que de sentir dans cette coquille les profondes et orageuses secousses de l’eau.

Pendant que la barque s’éloignait du bord, je regardais au-dessus de ma tête les créneaux couverts de tuiles et les pignons taillés du château qui dominent le précipice. Des filets de pêcheurs séchaient sur les cailloux au bord du fleuve. On pêche donc dans ce tourbillon ? Oui, sans doute. Comme les poissons ne peuvent franchir la cataracte, on prend là beaucoup de saumons. D’ailleurs dans quel tourbillon l’homme ne pêche-t-il pas ?

Maintenant je voudrais résumer toutes ces sensations si vives et presque poignantes. Première impression : on ne sait que dire, on est écrasé comme par tous les grands poèmes. Puis l’ensemble se débrouille. Les beautés se dégagent de la nuée. Somme toute, c’est grand, sombre, terrible, hideux, magnifique, inexprimable.

De l’autre côté du Rhin, cela fait tourner des moulins.

Sur une rive, le château ; sur l’autre, le village, qui s’appelle Neuhausen.

Tout en nous laissant aller au balancement de la barque, j’admirais la superbe couleur de cette eau. On croit nager dans de la serpentine liquide.

Chose remarquable, chacun des deux grands fleuves des Alpes, en quittant les montagnes, a la couleur de la mer où il va. Le Rhône, en débouchant du lac de Genève, est bleu comme la Méditerranée ; le Rhin, en sortant du lac de Constance, est vert comme l’océan.

Malheureusement le ciel était couvert. Je ne puis donc pas dire que j’aie vu la chute de Laufen dans toute sa splendeur. Rien n’est riche et merveilleux comme cette pluie de perles dont je vous ai déjà parlé, et que la cataracte répand au loin ; cela doit être pourtant plus admirable encore lorsque le soleil change ces perles en diamants et que l’arc-en-ciel plonge dans l’écume éblouissante son cou d’émeraude, comme un oiseau divin qui vient boire à l’abîme.

De l’autre bord du Rhin, d’où je vous écris en ce moment, la cataracte apparaît dans son entier, divisée en cinq parties bien distinctes qui ont chacune leur physionomie à part et forment une espèce de crescendo. La première, c’est un dégorgement de moulins ; la seconde, presque symétriquement composée par le travail du flot et du temps, c’est une fontaine de Versailles ; la troisième, c’est une cascade ; la quatrième est une avalanche ; la cinquième est le chaos.

Un dernier mot, et je ferme cette lettre. À quelques pas de la chute, on exploite la roche calcaire, qui est fort belle. Du milieu d’une des carrières qui sont là, un galérien, rayé de gris et de noir, la pioche à la main, la double chaîne au pied, regardait la cataracte. Le hasard semble se complaire parfois à confronter dans des antithèses, tantôt mélancoliques, tantôt effrayantes, l’œuvre de la nature et l’œuvre de la société.

(aus Victor Hugo: Le Rhin, Lettres à un ami, 1842)

Dunkel wie der Rhein, aufgebracht wie eine Wildsau

„Juvénal hérissé montre son vers ainsi
Qu’un sanglier sa hure ;
Comme tombe à la mer le Rhin sombre et tonnant ;
Tel Pindare orageux se rue en bouillonnant
D’une immense embouchure.“

(Victor Hugo, Oeuvres complètes, Océan – Tas de pierres (Posth., Paris 1942))

Victor Hugo, Walter Benjamin und rheinsein

Eine ausführliche Reaktion auf den vorangegangenen Eintrag erschien auf acheronta movebo, dem Blog von Chris Bader. Ausgehend von Victor Hugos Zitat einer lautmalerisch niedergelegten Speisekarte zu Schaffhausen, assoziiert Bader nun auf acheronta movebo über das Flußmotiv, Sprachbrodeln und Lebensnarben und vergleicht rheinsein “in Hinblick auf die Materialfülle sowie auf Lafleurs erfrischendem Mix von Gestern und Heute, “High” and “Low”" mit dem Passagen-Werk Walter Benjamins, das von der Kritik als “Notizenfragment” und “Buch, das es nicht gibt” beschrieben wurde: “In seinem Blog zitiert Stan Lafleur den zitierenden Victor Hugo. Deshalb – weil er viel zitiert – hatte auch Walter Benjamin Victor Hugo gerne zitiert. Alle drei – Stan Lafleur, Walter Benjamin, Victor Hugo zitieren allerdings transparent: Sie zitieren in Achtung und Nennung der Quellen. Lesen also fremdes Material auf, kennzeichnen es als fremdes Material, integrieren es in ihr literarisches Mix: Damit outen sich alle Drei – Lafleur, Benjamin, Hugo (…) als Literatur-, Philosophie- und Quellen-DJs, die den alten Materialien einen neuen und jetzigen Kon-Text stiften, eine jetzige und heutige Ästhetik und damit Verdaulichkeit verleihen.” Daß rheinsein in Einzelteilen oder zur Gänze wahlweise als ausschnitthafte bis umfängliche Allegorie auf das menschliche Leben aufgefaßt werden kann, läßt sich zwischen den Zeilen und vollständig unter dem sprechenden Titel: “IN THE MIX: Schweizerisch-französische Onomato-Omelette-Poetik, gefunden von Stan Lafleur bei Victor Hugo. – Notizen zum Motiv der “Narbe” und zum Motiv “Fluss”” nachlesen.