Presserückschau (August 2017)

1
Grusel-Schleim
“Ein gelber Schleim löste (…) einen Großeinsatz am Düsseldorfer Rhein aus. Die Feuerwehr rätselte, um was es sich bei der Substanz handeln könne, die kilometerweit am Ufer klebte. Das Landesumweltamt entnahm Proben (…). Jedoch berichtet die „Bild“, dass es sich bei dem Schlamm wahrscheinlich um Motoren-Fett handele. Die bestätigte ein Sprecher des Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (…).” (Der Westen)
“Tagelang sorgte eine widerliche Schleim-Brühe am Rheinufer für Aufsehen (…). Lange war unklar, um was es sich bei der klebrigen Masse handelte. Besonders bei Düsseldorf, Dormagen, Monheim und Leverkusen wurde die Substanz angespült. (…) Eine Untersuchung von Proben durch das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz hat ergeben: Es ist ein Gemisch verschiedener Fette. Allerdings handelt es sich offenbar nicht um Betriebsfette von Schiffen, sondern um eine Zusammensetzung, die in ganz alltäglichen Produkten vorkommen wie etwa Butter, Olivenöl, Sonnenblumenöl und ähnlichem. Wie die Fettspur ins Wasser gelangen konnte, ist unterdessen noch unbekannt.” (Express)

2
Rhi-Schwumm
“Unter dunklen Gewitterwolken und bei schwüler Hitze haben sich in Basel 4500 Schwimmer in den Rhein gestürzt. Beim 37. Rheinschwimmen ließen sie sich (…) im 21 Grad warmen Wasser knapp zwei Kilometer flussabwärts zur Johanniterbrücke treiben. Blitze und Regen blieben aus und alle Teilnehmer sind unversehrt wieder an Land gekommen, wie die Organisatoren mitteilten.
Das Rheinschwimmen veranstaltet die Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG). Sie will damit für das Schwimmen in natürlichen Gewässern werben, aber auch auf damit verbundene Gefahren hinweisen.” (Südkurier)

3
Sprung
“Weil sich ein Tankschiff seinem Sportboot bedrohlich näherte, ist ein Angler in den Rhein gesprungen. Der Motor seines Bootes sei (…) in der Nähe von Bingen ausgefallen – ausgerechnet auf Höhe des Tankers, teilte die Wasserschutzpolizei mit. Versuche, den Motor zu starten, scheiterten. Als das Schiff noch rund 20 Meter von ihm entfernt war, ging der Angler von Bord. Ein Tourist am Ufer des Flusses sprang daraufhin mit einem Treibholz in den Rhein. Er habe den total erschöpften Mann gerettet, so die Polizei. Das Boot des Anglers wurde wenig später in einen Hafen gebracht.” (Welt)

4
Canyoning
“Viamala heißt „schlechter Weg“. Für die römischen Legionäre war der „schlechte Weg“ die Alternative zur Brennerroute, um an die nordischen Grenzen ihres Weltreiches zu gelangen. Später versuchten mittelalterliche Kaufleute, ihre Ochsenkarren entlang der steil aufragenden Felsen durch die Schlucht zu bugsieren. Manche stürzten in die Schlucht hinab. Heute nehmen die Reisenden nicht mehr den „schlechten Weg“ durch die Schlucht, sondern die schweizerische Autobahn A13. Manche fahren in Thusis-Süd ab und machen einen Zwischenstopp an der Aussichtsplattform, die an einer der spektakulärsten Stellen der Viamala hoch über dem Hinterrhein liegt. Wer an diesem sonnigen Sommermorgen hinabblickt in die Schlucht, sieht sechs Gestalten in Neoprenanzügen, die auf steilen Treppenstufen zum Fluss hinabsteigen. Von oben ist kaum vorstellbar, dass sich Sportler tatsächlich gefahrlos in das sprudelnde Wasser begeben können. Tatsächlich gehört die Viamala-Schlucht zu jenen Stellen in den Alpen, an denen Outdoor-Anbieter Canyoning-Touren veranstalten.” (Schwäbische)

5
Jahrmillionen
“Bis der Rhein seine heutige Fließrichtung gefunden hat, vergehen Millionen von Jahren. (…) Gemessen am Alter der Erde formt die geologische Erdneuzeit nur eine bescheidene Zeitspanne von rund 60 Millionen Jahren. Doch gerade in der jüngsten Tertiärstufe, vor etwa zehn Millionen Jahren, nahmen unsere umgebenden Gebirge, die Alpen, der Tafeljura, Kaiserstuhl und Hegauvulkane Gestalt an. Zwischen den ursprünglich zusammenhängenden Vogesen und dem Schwarzwald brach der Oberrheingraben ein. Erst danach veränderten sich die alten Flusssysteme mehrmals. Es bildeten sich unsere Flüsse in der heutigen Fließrichtung (…). Im Quartär überzogen vier Kaltzeiten weite Teile Europas. Sie modellierten durch Gewicht und Druck die unter dem Eis liegenden Landschaften. Die eisfreien Zonen wurden durch Regen und Schmelzwässer gestaltet und Stürme formten die heutigen Lössgebiete. Die Maximalvereisung der Risskaltzeit (etwa 340 000 bis 130 000 Jahre vor heute) brachte den riesigen Rhein-Aare-Gletscher von den Alpen bis in die Gegend von Möhlin, zwölf Kilometer unterhalb Bad Säckingen, wo die äußersten Moränen nachgewiesen wurden. (…) Der aus dem abtauenden Gletscher abströmende Fluss (Rhein) querte das Stadenhauser Feld nach Westen und floss durch das heutige Laufenburg/AG südlich der heutigen SBB-Linie ab.”
(Südkurier)

6
Fiktive Stadt
“Oberucken, ein idyllisches Städtchen, liegt im Herzen des Rhein-Sieg-Kreises zwischen Niederkassel und Sankt Augustin.
(…) Doch wer Oberucken sucht, wird es nicht finden: Die fiktive Stadt am Rhein steht lediglich im Zentrum einer gleichnamigen Comedy-Serie. Die handelt von der fettleibigen Witwe Adelheid und ihrem Lebensgefährten Bernd, der seit einem „Arbeitsunfall“ außerhalb der Arbeit frühverrentet ist. Die beiden werden auf eine harte Probe gestellt, nachdem Adelheids Schwester und Schwager bei einem Hausbrand versterben und ihr Neffe Niklas bei ihnen einzieht. Die Serie ist eine sogenannte Mockumentary, also eine offensive Karikatur der klassischen Dokumentation.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

7
Tinker Belles
“Rund 500 Tinker aus Irland sind aktuell in NRW unterwegs. Erst waren sie in Kevelaer, dann in Neuss. (…) Die irischen Landarbeiter aus Irland campen ohne Genehmigung mit ihren Caravans nahe der Rheinkniebrücke. Knapp bekleidete junge Mädchen und ihre Luxuskarossen sorgen für Aufsehen. Erlaubt ist das nicht.” (Der Westen)

8
Kindertheater
“Am (…) 1. Oktober 2017 (…) bringt das pappmobil Kindertheater das Theaterstück “Bin im Bett! Vater Rhein” auf die Bühne des Kindertheaters in Wanne Eickel (…). Vater Rhein selber beauftragt den Theaterdiener, die herrlichen Geschichten von den Ufern des größten deutschen Flusses zu erzählen.” (halloherne)

9
Rheintote
“Ein neun Jahre altes Mädchen ist (…) bei Duisburg in den Rhein gerutscht und untergegangen. Es sei wenig später in einem Krankenhaus gestorben, teilte die Polizei mit. Das Mädchen war mit seiner 35-jährigen Mutter und seinem sechs Jahre alten Bruder am Rheinufer unterwegs. Die Neunjährige saß den Angaben nach bei Friemersheim auf einem Stein und rutschte plötzlich ins Wasser.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Beim Baggern im Rhein machten Arbeiter in Rees (…) einen gruseligen Fund. Sie zogen einen menschlichen Oberkörper aus dem Wasser! Die Arbeiten fanden in einem mit dem Rhein verbundenen Baggerloch statt, als plötzlich der stark verweste Oberkörper auftauchte. Wohl weil die Leiche wohl schon länger im Rhein trieb, waren Unterkörper und Arme abgefallen, nur Torso und Kopf sind übrig. Die Identität der Leiche ist noch ungeklärt, genauso das Geschlecht. Die Kriminalpolizei Kleve hat Ermittlungen eingeleitet, die menschlichen Überreste werden zeitnah obduziert.” (Der Westen)

Friederike Brun besucht die Via Mala

Vor uns steigen romantische Felsgestalten auf, und spalten bald in finstere Klüfte zerrissen, deren eine man mir als unsern Weg nach Via-mala bezeichnet. Warme Purpurtinten schiessen an die kalten Felszinken, Gold schwebt hoch in den Buschkränzen, — wir biegen um eine Bergecke, und das alte Thusis erscheint tief im Felskessel versenkt.
Den 10. Ich war lange vor der Sonne auf, die Nähe der Via-mala hatte mich nicht ruhen lassen. Schon der Name hat für ein Wesen meiner Art etwas einladendes; nur hörte ich beinahe mit Bedauern, dass sie bei weitem nicht so sehr via mala sey, wie ehedem; allein doch nur zu Pferde zu passiren. Noch standen die drei nackten Titanenhäupter der Felsen dunkelgrau mit mürrischem Ernst, und kleine Schneebärte hingen an ihnen herab; bald spielte ein lieblicher Sonnenstrahl quer durch eine Bergkluft noch unter ihnen an vergoldeten Waldbergspitzen: — die Murrköpfe achteten es lange nicht, bis das schmeichelnde Licht leise und freundlich (wie mit warmer Hand ein rosiges Mädchen die Stirn des grauen Grossvaters entrunzelt) bis an die nackten Scheitel stieg, die dann plötzlich vor der süssen Gewalt errötheten, und friedlich erhellt, gleichsam freundliche Blicke ins noch dämmernde tiefe Thal warfen, — durch welches wir über einen finstern Giessbach hinreiten, und bald an dem noch gegenüberstehenden Felsberge auf steilen Wegen uns erheben. Die begleitenden Tannen sinken neben uns; links kocht hart am Felssaum die schwarze Nola herunter; rechts steigen von Augenblick zu Augenblick höher die rund aus – und eingewölbten Felsenmauern; der Abhang links sinkt immer tiefer zum Abgrund; der Rhein entschwand uns schon gestern beim Anblick von Thusis; wir können ihm nicht ganz in seiner eignen Via-mala folgen, so ungern wir den lieben Freund auch verlassen haben.
Und nun ist eine einsame hohe Alpenwiese erreicht. Wir sehen die Sonne auf thauigem Grün funkeln; die schwarzen Köhler irren auf schwarzen Pfaden im hellen Grün, und sehen so unfreundlich aus, die Armen! als sey ihr ganzes Leben eine via-mala. Von hier beginnen die echten Alpensteige, von allen Schauern der Einsamkeit und Frühe durchwallt. Tief bergab versinkt Weg und Aug und Herz in die ewige Tannennacht! Uralte moosbehangene ungeheure Tannensäulen streben aus der Tiefe zu uns empor, hängen von grausenden Höhen auf uns herab, liegen um uns hergestürzt; fern, und dann immer näher kömmt uns das Aechzen des gefangenen Rheins entgegen; — wir sind an der ersten Brücke, sie ist kühn über dem Höllenschlund von einem umnachteten Gestade an das andere geworfen; der Rhein stönt in tiefer enger Kluft hindurch! Ich kann nicht viel Worte machen; ich
bin wirklich so beängstigt, dass ich kaum bei der zweiten Brücke auf immer mühsamer klimmenden Pfaden Luft geschöpft habe! Ein schäumender Wassersturz braust 80 Fuss hinab durch die Cozytische Finsterniss
«wo Todesahndungen walten
in grässlichen Spalten.«
Erst bei der dritten Brücke schöpfte ich Athem. Der Felsschlund reisst sich auseinander, man erblickt die Schneefelsen über dem hohen Schembserthale im Sonnenlicht. Rechts sind freundlich emporgetragene Wiesenhöhen mit Erlen, Buchen, Haseln- und Berberitzen-Büschen umkränzt. Links steht ein ungeheurer senkrechter, doch rund ausgewölbter Kalkfelsen. Der Rhein in ungebändigter Jugendkraft und Fülle tobt zwischen, unter, durch und über Granitblöcken, die er wohl selbst von den Wolkenhöhen der Urgebirge herabgerissen hat, muthwillig umher, und hüpft von Damm zu Damm, Wasserfall auf Wasserfall herab!
Hier frühstückten wir auf einem Felsenstück über dem laut-, doch fröhlichrauschenden Strom, uns des warmen Sonnenlichts inniglich erfreuend.
Und nun, lieber Leser, (oder wenn ihr nach Männerart zu störrig seyd) ihr meine lieben Leserinnen allein, seyd so gütig euch anzustellen, als wenn ihr noch gar nichts von der Via-mala gesehen hättet, sondern als wenn wir gestern vom Splügen herabgestiegen, und heute früh durch das Schambserthal bis hieher an die erste Brücke des Rheins beim Eintritt in die Via-mala geritten oder gegangen wären. Ich habe hiezu gute Gründe, denn erstens muss man grossen Ströhmen und grossen Menschen immer so nah wie möglich bis zu ihrem Ursprung folgen; — zweitens ist’s ja natürlicher, vom alten Italien hinab, als aus dem jungen Transalpinien hinaufzusteigen.
Nachdem wir genügsam ausgeruhet, verlassen wir unsern Standpunkt an der ersten Brücke und betreten muthig den finstern Weg, der anfangs leicht am Gürtel der umgrünten Felsen hinschwebt; über ungezählte Tannenlängen steigt das Auge wie von einer Leiter herab in die Tiefe, wo der zart-grüne junge Rhein mit schaumbedecktem Rücken hineilt: herrlich, voll Kraft und Harmonie, ist der Klang seines freudigen Rauschens! aber er versinkt schon allmählig tiefer zwischen wilderen Felstrümmern, doch scheint er sie noch mit unaufhaltbarer Kraft und Fülle, vielmehr vor sich hinzuschieben, als durch sie gehemmt zu seyn. Die immer engeren Pfade krümmen sich bergab in eine öde Wildniss, die eben der erste Sonnenstrahl über ungeheure Felsen steigend begrüsst; ein Giessbach schaümt links aus den steigenden Klippen über den Weg; eine hölzerne Lehne führt hinüber an ein gestürztes Felsenstück, welches Fluss und Abgrund verbirgt; um den Felsblock schlingt sich der Pfad; wir sind herum : — welche Wandlung! Das Gebirg hat sich plötzlich zusammengedrängt; erst senkrecht, dann überhängend, dann Luft und Himmel verschliessend, steigen sich die ungeheuren Klippen zusammen zur grausenden Schlucht, wo Stimm’ und Athem stockt; hoch
erscheint der Felsenrand mit Tannen behaart, im Abgrund windet der Rhein sich erst mühsam durch tiefe Engen, und wird dann von Sekunde zu Sekunde fester und finstrer umschlossen.
Die zweite Brücke erscheint von einer Klippenspitze auf die andere geworfen, und man steigt auf sie herab, doch hängt sie gleichsam am Absturz; denn rechts strahlt der Rhein in einem angstvoll gedrängten Sturz durch die enge, in die Felskluft gerissene Spalte tief in nächtliches Dunkel hinab. — Der Standpunkt auf der Brücke war nicht umfassend; neben ihr hing über dem Abgrund ein Häufchen abgerollter Steine ; ich stieg über die Brustwehr, und nahm Besitz von der schauerlichen Stätte! Die Sonne warf eben den ersten Blick (und es ist bald Mittag) durch die entsetzliche Spalte: die magische Wirkung dieser Erscheinung auf das grün in Schaum zerkochende Gewässer, auf die mit Wassertuff und Moosgrün angeflognen Höhlen und Ränder der Stromkluft — Lasst mich verschweigen! ich vergass dass ich über Grab und Tod, auf einem Häufchen gerollter Steine hing: dieser allmächtige Götterblick zog mich aus mir selbst empor!
Ach! ich sah nicht die Todesangst meiner lieben Gefährten, die theils vor dem Geräusch des Wasserfalls mir nicht zurufen konnten, theils mich gleich den Nachtwandelnden nicht wecken wollten, weil ein schneller Blick auf die Gefahr den Schwindel erregt, dieser aber unmittelbar den Tod nach sich gezogen hätte: ich stieg ruhig wieder über die Brustwehr, auf die Brücke; kaum war ein Bein hinüber, — so zogen sie mich pfeilschnell wie aus dem Feuer, — und es regnete Liebkosungen und Vorwürfe und Schmälen! Der Rhein aber gleitet nach seinem Salto-mortale, in die grässliche Tiefe unter der hochgewölbten Brücke, und wallt in ein kleines tiefes meergrünes Felsbecken, welches ihn wie ein Freundesschoos oder wie der Schlaf den Leidenden, ach! nur zur kurzen Ruh empfängt. Sogleich dämmen ihn zwei ungeheure Granitblöcke von neuem! Wie vom Schicksal getrieben, strömt er aus der stillen Gruft, umfluthet, überschäumt sie, und mischt im innern Kampf des Urstoffs, Schneeschaum und Krystallgrün in wechselnder Bewegung. Hohe, jetzt erst morgenröthlich bestrahlte Felsen, warfen ihren Abglanz hinab ins schaurig glatte Felsbecken, dann aufs Schaumgewoge, welches nie ein Sonnenblick erreichte. Bald waren wir zur dritten und letzten Brücke hinabgestiegen: — sie ist und bleibt doch der entsetzlichste Moment auf diesem Todeswege! Denn hier erstirbt alle Hofnung, hier wo die schwärzeste Nacht mit gleich schwerem Fittig den dunkelsten Abgrund und die schwindelndste Höhe umschwebt; wo fern, kalt und unerreichbar, des Aethers tiefe Bläue uber engem Raum dahingleitet, wo aus den Eingeweiden der Erde der klagende Laut des leidenden Stromes aus seinem kalten Kerker wie die Stimme eines Sterbenden ertönt! Dieser Ton des Rheines rührte mich bis zu Thränen; ich verweilte lange, ich vergass alles über ihm selbst, Felsen, Himmel und Erde! Er war mein junger unvorsichtiger, doch edler Freund. Er war hülflos im tiefsten Leid, er war mein Bruder! er war mein Sohn! Er war das erhabenste wahrste schönste Bild der menschlichen Jugend.
Jetzt wölben sich Felsendächer über dem engen Pfad, und nur verstohlen gleitet der Blick in die Höllennacht des Rheinbettes, wo er mühsam in Felsspalten sich durchkrümmt, — und bald wieder gänzlich entschwindet. Silberquellen rieseln von den Klippen über unsern Weg, wie Freundinnen mit sanftem Trostwort zu ihm in die Tiefe. Jenseit der Stromkluft steigen noch immer finster bewaldete unwirthbare Felsen; fernhallend seufzt er ungesehen aus der entsetzlichen Tiefe.
Plötzlich ist die Bergkluft auseinander gerissen, und der Blick fliegt wie ein entfesselter Adler dahin in die lächelnde Ferne des heitern weit aufgeschlossenen Domletschger Thales. — Dort spielt der Rhein muthwillig in der Ebene mit Hügeln und Wiesen, mit Dörfern, Schlössern und lieblichen Gebüschen umher.
»Vergessen ist all sein Leid,
«Er lebt in Herzensfreud.«
Ich war bei dieser Erscheinung der Zukunft wie festgewurzelt! Hier neben mir hör’ ich ihn aus tiefer Nacht unsichtbar klagen, — vor mir seh’ ich ihn unhörbar spielen! diese anti-Aristotische Schakespearische Zweiheit in der Handlung kann nur die
Alpennatur tu einem grossen Ganzen verschmelzen.

(aus Friederike Brun: Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800)

Fontane über die Via Mala

“Auf Beschreibung dieses großen Stücks Natur laß ich mich nicht ein; diese undankbare Aufgabe überlaß ich den Touristen generis communis, die keine Ahnung davon haben, daß die äußerliche Beschreibung nur klein macht und daß die Schilderung der Wirkung dieser Szenerie nur von einem Poeten in seiner besten Stunde geleistet werden kann. Nur eins. Ich hätte nicht geglaubt, daß nach allem, was ich in meinem Leben gesehen habe, ich noch so mächtig von Dingen dieser Art bewegt werden könnte.”

(Theodor Fontane in einem Brief an seine Frau. In “Der Stechlin” klingt Fontanes Staunen vor der Via Mala nochmal anders, fraglich ob die Niederschrift zu seiner besten Stunde stattfand, immerhin taucht ein Drache auf.)

Hirnrinde

Von einer himmlischen Höhe gesehen, müßte diese Alpenwelt mit ihren Tälern und ihren keulenförmigen steinernen Lappen wie die Rinde einer Hirnmasse erscheinen. Was würde dann noch zu erkennen sein von den Hecken, Landstraßen und Viehweiden in dem gleichförmigen Bewuchs ihrer Tiefe? Man würde aber an diesem Punkte hier, wo die beiden kleinen Flüsse kampflustig aufeinanderprallen, das Ende zweier langgestreckter Furchen erkennen, die von weither einander zustreben, um sich nun in einer einzigen größeren Talbreite fortzusetzen. Auf den Treppen der Bergwände stehen die Tannen, die kurzgefaßten Wiesen, auf einem samtgrünen Hügel der unscheinbare Obelisk des Kirchturms, der in entfernte Schluchten hinüberblickt. Dem Wanderer sind die Horizonte verkürzt. Die spitzen Glockentürme und die Reste hochgelegener Burgen sind in diesen Tälern wie Periskope, die das ewige Recht des Auges wahren.
Eine Landstraße rankt sich vom Bahnhof über die eiserne Brücke des Tales zu den breiten Höfen des Fleckens Reichenau hinüber, sie führt auf einer zweiten schräg gestellten Brücke über den kiesbelegten Abgrund und verzweigt sich durch Felder und waldnahe Reviere den halbversteckten Ortschaften zu. Und von der Bastei des wohlgepflegten Gartens auf dem Felsenvorsprung, auf dessen Wipfelgewölb das Dachtürmchen eines weißen Schlosses nach allen Seiten um sich blickt, sieht der Wanderer die beiden Wasserflüsse, kalkgefärbt, sonneglänzend, von einem sanften grünlichen Pastellgrau an den beschatteten Stellen. Ihr helles Rauschen, wie auf Dur gestimmt, hebt sich aus jenem kurzen, brausenden Wirbel, dessen Schollen geglättet weiterjagen. Das ist der Rhein, der hier aus seinen beiden fernen Quellen zusammenfließt, aus Gletscherwassern, von kalten Schneefeldern herabgeschmolzen, in funkelnden Wasserstürzen geläutert und im Anprall ausgehöhlter Felsenwände mit Sand, Geröll und Steinpulver gesättigt. Er flutet schwer und gläsern gegen den Fels, von dem der zierliche Pavillon aus den benetzten Gebüschen herabsieht; sein gegenüberliegendes Ufer ist eine kleine, vom Flugsand gebildete Dünenlandschaft, von strömungsloser, glasreiner Flut gestreichelt. Schon haben alle die Gewässer, die aus versteckten Tälern kamen, um dies stolze Rinnsal anzufüllen, den Namen des Rheins getragen. Rhein, Rhone und Reuß, die wie ein Stern von langen Silberadern dem gewaltigen Felsenleib des Gotthard entstrahlen, mit ihren Wurzeln zusammengebunden, doch nach drei Weltseiten entfliehend, tragen das Urwort ihres Namens durch alle Sprachen Europas und bewahren wie im romanischen und germanischen Klang so auch im halbvergessenen keltischen und griechischen den geheimnisvollen Sinn. Auf dem Felsenvorsprung hier, den der erste und schönste Garten des Rheintales mit seinen Rosenbeeten, seinen Felsenspalieren, seinen Papyruswäldchen, seinen Blutbuchen, bläulichen Kiefern und uralten Waldresten deckt, stand in der Vorzeit ein römisches Steinbild. Es war von den Fremden errichtet, die dem größeren Strom in Köln die Münze mit der Inschrift Deus Rhenus schlugen. Das weitgereiste und überschauende Volk der Römer sah den Rhein neben Nil und Tiber als einen der drei großen Naturkräfte, die zu Stützen seiner Machtbereiche geworden waren, und stellte die liegende Gestalt des Flußgottes mit dem umgestürzten Krug auf dem Kapitol zur Schau.
Im Hofe des bürgerlichen Schlosses ist der Knecht beschäftigt, einen Reitsattel zu putzen; in dem stattlichen Wirtshaus zum Adler an der Seite des Schloßgartens sitzen Bauern beim Wein; vor dem Dorfe begegnet mir ein Heuwagen mit falben Rindern, von schwarzhaarigen Männern von römischem Aussehen geführt; ein paar Kinder grüßen den Fremdling mit gelassener Freundlichkeit; im abendlichen Schatten der Bäume gehen zwei Engländerinnen. Das kleine Blockhaus des Bahnhofs steht ein wenig über der Landstraße, auf der jahrhundertelang die Karawanen mit Kaufmannsgütern, Schriftstücken und Waffen beladen von Italien nach Deutschland, von Deutschland nach Italien zogen; die beiden Täler des Rheins waren hoch und drohend, beide verdienten es, Via Mala zu heißen. In ihrer schmalen Tiefe eilen jetzt die Züge mit der Gabel am Draht, schwere Maschinenwagen, lackglänzend. Das Blockhaus, in der beginnenden Nacht, ist mit gelber Lichtfarbe angefüllt, an den Wänden die Fahrplantafeln und die Plakatbilder schwedischer Schneegebirge und Wasserfälle. Das kleine Haus ist heute nichts weiter als einer der Stützpunkte in der nüchternen und exakten Gastlichkeit der modernen Touristik. Aber diese Landschaft umfaßt in ihrer ungeheuren steilen Gedrängtheit den Süden wie den Norden, wie sie von jeher die Menschen von Süden und Norden an sich zog. Im uralten Wechsel von Tag und Nacht ist jetzt die kurze, schweigende Dämmerstunde. Noch weilt am Himmel die klare Tagesbläue, die Talwände versinken im Schwarz. Plötzlich erhebt sich das Geläute einer Dorfkirche irgendwo mit gleichmäßig tönendem Hämmern, um einsam und zögernd zu verstummen. Aus einer schwarzen Talkulisse schießt der Zug in das aufstrahlende Geleise, dessen Wegzeichen glühenden Pfeilspitzen ähnlich sind. Der Zug eilt durch die frische Heuluft einer nebelhaften Ebene der alten Stadt entgegen. Wie ein Sternbild elektrischer Lichtpunkte zeichnet die Stadt Chur in die Dunkelheit der Bergwände den Umriß der alten Schuttmoräne, auf die sie hingebaut ist.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Via Mala: ein unbeschreibliches Gemisch von Angst und Muth

So zogen wir von Tusis aus, an einem düstern Morgen, über den kleinen Flus Nolla, in das wilde Gebirge hinein. Nachdem wir eine Zeitlang einen jähen, schlangenweis sich emporwindenden Pfad hinan, und dann in ein enges finstres Thal  hinabgestiegen waren,  befanden wir uns in der Via Mala. Stellt euch ein hohes Felsengebirge vor, das vom Gipfel herab in eine schmale Kluft auseinander gesprengt ist; unten in einer schwindlichten Tiefe der Rhein, der sich mit lauter Wasserfällen zwischen den Oefnungen der Felsen durchdrängt; in der Mitte der schroff aufsteigenden, oft überhängenden Felsenwände läuft an einem schmalen Rande, unmittelbar über dem Abgrunde des Stroms, der Weg in beständigen Krümmungen fort, und springt dann auf das entgegengesetzte Ufer. Die Brücke, die den Uebergang macht, ist mit einem einzigen kühnen Bogen über die Kluft hinüber gesprengt. Ich stieg iezt vom Pferde ab, um mit desto mehr Sicherheit mir einen Anblick, der der Einzige in seiner Art ist, zu verschaffen. Ich weis nichts mit der Empfindung zu vergleichen, die ich hatte, als ich über den Rand der Brücke gelehnt, in die schwarze Tiefe hinabsah, und das dumpfe Tosen des Stroms hörte, der hier einen Kessel bildet, und durch eine enge Ritze in Felsen weiter abfließt. Der schaudervolle Gedanke: da hinab zu stürzen! wiegt sich mit dem Bewußtseyn, du bist in Sicherheit! auf und ab; ein unbeschreibliches Gemisch von Angst und Muth erfüllt die Seele. Augen und Ohren empfangen die Eindrücke des Erhabnen; eine gewisse Tiefheit, ein feyerlicher Ernst ist die herrschende Empfindung. Und so wie einem in einer lachenden, heitern Gegend nicht selten ein paar Zeilen aus einem frohen Gesange, glückliche Stellen aus einem, mit der schönen Natur vertrauten Lieblingsdichter einfallen: so glaubt man hier in dieser furchtbaren Kluft, die Bilder jener gräßlichen Scenen aus den Gefilden der Hölle zu finden, mit denen Dante und Milton einst unsre Imagination erschütterten.
Nicht weit von dieser Stelle, war vor einiger Zeit ein Saumroß, von einer herabfallenden Schneelaue ergriffen und in den Flus hinab gestürzt worden. Weil sich unter seiner Ladung auch ein Beutel mit hundert Thalern befand, so wurde ein Prämie von sechs Dukaten, glaub ich, demjenigen geboten, der das halsbrechende Unternehmen wagen und den Beutel herausziehen würde. Unter den Einwohnern von Tusis fand sich auch wirklich ein solcher Wagehals. Er wählte sich noch einige Gehülfen, versah sich mit Stricken, Stangen und dergleichen Geräthen; so weit es möglich war, kletterten sie an der jähen Felsenwand hinab, und als sie nicht weiter fortkommen konnten, ließ sich jener an Stricken in die Tiefe hinunter, suchte so zwischen Felsen und Wasser schwebend, mit einem Haken das Gepäck von dem zerschmetterten Saumrosse loszumachen, und brachte auch einen Sack herauf, welches zum Glück gerade derjenige war, in dem sich die hundert Thaler befanden. Schade, daß dieser Muth um sechs Ducaten feil war! Als wir heute von Tusis ausreisten, begegneten wir eben dem Manne, der dieses unglaubliche Abentheuer bestanden hatte; dis gab denn Gelegenheit, daß Herr von Salis uns die Geschichte an Ort und Stelle erzählte.
Wir hatten auch einen wunderschönen und seltsamen Anblick an den unzähligen Eiszapfen, die gleich silbernen Franzen, an allen Ecken der feuchten Felsen, oft in Mannsgröße herabhingen.
Zwey Stunden brachten wir fast in der Via Mala zu, die sich endlich in das Schamserthal öfnet.

(aus Samuel Gottlieb Bürde: Erzählung von einer gesellschaftlichen Reise durch einen Theil der Schweiz und des obern Italiens, Halberstadt 1795)

The Via Mala.

(…) About five miles south of the old market town of Thusis, the traveler comes to the fearful gorges of the Via Mala (…). The Via Mala is one of the most extraordinary defiles in the Alps. From the northern end of the Schamser Thal it extends four miles down the valley to within a short distance to the village of Thusis. The walls of this gigantic cleft are nowhere less than 1,500 feet in height, and in places they overhang the valley to such an extent as to approach within 30 feet of each other. The broad roadway is carried with marvelous ingenuity and skill, now on the face of one cliff, now spanning the ravine in a bold bridge, now on the face of the opposite wall of rock. In one part it pierces the rock for 220 feet – Verlorne Loch – in others the rocks are hollowed out so as to overhang the road as with a canopy. Far below the path the impetuous torrent rushes along, as Southey sings: “Recoiling, turmoiling, and toiling and boiling.” The remainder of the Splügen route from the Via Mala abounds in beauties and picturesque views. The lower part of the valley, known as the Domleschger Thal, is remarkable for the large number of old castles which crown many of the eminences on either bank of the Hinter Rhine, and also for the rich cultivation of the lower slopes of the mountains. (…)

(The Aldine. The art journal of America, New York, 1874-79)

Das Felsenloch von Pfäfers, die christliche Ehe und ein Saurier in der Via Mala

(…) “Aber wohin denn, Doktor?”
“Nach Pfäffers.”
“Pfäffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu?”
“Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizerbad mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden kann, war mal an diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ‘ne Beschreibung davon gemacht. Habe natürlich auch noch im Baedeker nachgeschlagen und unter anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina heißt. Erinnert ein bißchen an “Zauberflöte” und klingt soweit ganz gut. Aber trotzdem eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen, in den man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die Indianer hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf. Wer da nicht wieder zu Stande kommt, der kann überhaupt einpacken. Übrigens will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn das darf ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein Gliederreißen ehrlich verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf meine Frau gefallen ist.”
“Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe…”
“Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit “christlicher Ehe” auch immer bloß soso ist. Da hatten wir, als ich noch Militär war, einen Compagniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von so was hörte: “Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken in Burgunder. Das eine is immer da, aber das andere fehlt.”"
“Ja”, sagte Dubslav, “diese richtigen alten Compagniechirurgusse, die hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben… Und in solchem Pfäffersschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zubringen?”
“Nein, Herr von Stechlin, nicht so lange. Bloß vier, höchstens vier. Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise schon italienisch sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land Italia hineinkucken. Und da haben wir denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Pfäffers aus erst noch durch die Via Mala zu fahren, den Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben, dann kehren wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen Mantel an (denn für die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee.”
“Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal rauskommen. Und bloß wenn Sie durch die Via Mala fahren, da müssen Sie sich in acht nehmen.”
“Waren Sie denn mal da, Herr Major?”
“Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins Bayrische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt man natürlich nach Dresden. Also Via Mala nie gesehen. Aber ein Bild davon. Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall, und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man doch so was, und war da auf dem Via-Mala-Bilde ‘ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen, der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß.”
“Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.”
“Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich. Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese Via Mala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen, und ein Zug von Menschen (es können aber auch Ritter gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die Brücke.”
“Sehr interessant.”
“Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden aufmacht und nachsehen will, wie’s Wetter ist. Der aber, der an dieser Brücke da von ungefähr rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein Spießbürger, sondern ein richt’ger Lindwurm oder so was Ähnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht dagegen ankann, und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu noch einen Augenblick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is weg.”
“Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier, soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die kriegt nämlich mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist immer was los.” (…)

(aus Theodor Fontane: Der Stechlin)

Presserückschau (April 2013)

Das Mit- und Gegeneinander von Mensch und Tier beherrscht die augenfälligste rheinische Berichterstattung des Monats April:

1
Über Zugvogelstau am Rhein berichtet der Deutschlandfunk: „Wildgänse watscheln auf einer Wiese am Rheinufer. Am Rande strecken einige weiß und grau gefiederte Wächter aufmerksam den Kopf nach oben. Sie kontrollieren, was auf dem nahen Wanderweg passiert. In den Rheinauen bei Bingen sind einige hundert Vögel versammelt. (…) Noch sperrt hier niemand ab, um Spaziergänger daran zu hindern, entkräftete Zugvögel aufzuscheuchen, die sich hier zusammendrängen. In diesem kalten Frühjahr landen am vergleichsweise warmen Rhein Vögel, die sonst auf ihrem Weg Richtung Norden keinen Zwischenstopp einlegen. Manche ziehen weiter und kommen zurück, weil es auf ihrem Weg immer kälter wird. An einigen Stellen am Rhein gibt es jetzt einen regelrechten Vogelstau und Stoppschilder für Wanderer – zum Schutz von wintergebeutelten Kranichen und Kibitzen auf ihren Rastplätzen.“

2
Selbst – wenngleich vom Empfänger regulierbarer – Emissionär berichtet der Hessische Rundfunk über den Lärm im Rheintal: „Ein Krach von mehr als 100 Dezibel wird nachts an der Messstation Rüdesheim/Assmannshausen erreicht. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die das Hessische Umweltministerium (…) vorgestellt hat. Das entspricht ungefähr dem Lärm einer Motorsäge. Und verbessert hat sich noch nichts: Seit drei Jahren habe sich der Bahnlärm im Mittelrheintal nicht verringert, so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung.“

3
Subtile Kriegsberichterstattung auf morgenweb.de: “Die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) ist in die “Saison” gestartet. Am Donnerstag wurde mit einem Hubschrauber und zu Fuß das Bekämpfungsmittel BTI entlang des Rheins ausgebracht – unter anderem in Ludwigshafen. Am Freitag sind laut KABS-Geschäftsführer Dr. Norbert Becker Lampertheim und Worms an der Reihe.” Auch die Badischen Neuesten Nachrichten berichten über Kampfstoffausbringungen in den Rheinauen um Karlsruhe. Mit “Schnake” wird im Regiolekt die Stechmücke bezeichnet, während die Schnake im Badischen als “Reiter” tituliert wird.

4
“Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf (17/13030) zur Änderung des Ausführungsgesetzes zu dem Übereinkommen vom 9. September 1996 über die Sammlung, Abgabe und Abnahme von Abfällen in der Rhein- und Binnenschifffahrt vorgelegt. Im Zusammenhang mit der Einführung des elektronischen Bezahlsystems sei es notwendig, die im Ausführungsgesetz enthaltenen Ordnungswidrigkeitentatbestände anzupassen. Der Bundesrat macht in seiner Stellungnahme drei Änderungsvorschläge, die die Bundesregierung in ihrer Gegenäußerung teilweise ablehnt.“ (bundestag.de)

5
Ein neues Museum, das nicht nur Herrn Topowski interessieren dürfte, soll in der zweiten Jahreshälfte am Hinterrhein eröffnen, berichtet die Südostschweiz: “Der Verein Erzminen Hinterrhein ist noch jung. Trotzdem hat er in den ersten drei Jahren des Bestehens beachtliche Aktivitäten entwickelt, wie das «Pöschtli» schreibt. Dazu gehört der Aufbau eines Bergbaumuseums in Innerferrera. Hier werden ab Herbst 2013 die früheren Bergbauaktivitäten im Gebiet südlich der Viamalaschlucht dokumentiert. (…) Schliesslich wird für das Jahr 2015 ein internationaler Bergbau-Workshop in Thusis geplant.“ Die gleiche Quelle informiert, daß im Dorf Hinterrhein (als einem von drei Bündner Dörfern) kein Ausländer gemeldet sei. Somit dürfte Hinterrhein das erste und letzte Dorf am Rhein sein, das noch ausschließlich von Aboriginees bewohnt wird.

6
Gleich anschließend ein Schweizer Rechenexempel: über ein Großprojekt mit „bäuerlichem Namen“ berichtet die NZZ: „Rhesi ist die Abkürzung für Rhein, Erholung und Sicherheit. Es steht für ein höchst ambitiöses Vorhaben, das den Hochwasserschutz im unteren Alpenrheintal verbessern soll. Die ETH Zürich schätzt die Kosten in einer Machbarkeitsstudie auf 600 Millionen Franken; sie dürften schliesslich wohl bei einer Milliarde Franken liegen. Noch befindet sich das Projekt im Stand der Voruntersuchung, bereits jetzt aber äussern neben den Bauern auch die vielen betroffenen Gemeinden dies- und jenseits des Rheins Ängste und Vorbehalte. Thema ist neben dem Kulturlandverlust auch die Sicherung des Grund- und Trinkwassers. Frühestens 2017 soll Baubeginn sein, die Realisierung dürfte 20 Jahre dauern. Unbestritten ist, dass der Hochwasserschutz im unteren Rheintal verbessert werden muss; das Schadenspotenzial im Fall von Überschwemmungen wird auf mindestens sechs Milliarden Franken geschätzt.“

7
„Im Dorfgemeinschaftshaus von Götterswickerhamm sind die Kinder schon kreativ tätig. Mit Bunt- und Filzstiften bemalen sie eifrig Blätter. Es sind kleine Werke des Protestes, welche die jungen Künstler aufs Papier bringen – ein Protest gegen die Hundehaufen, die sich entlang des Leinpfades am Rhein in Massen finden lassen. “Der Hundekot nimmt überhand, und das nicht nur direkt am Rhein, sondern im ganzen Dorf”, erklärt Anneliese Rühl, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft “Unser Dorf hat Zukunft” in Götterswickerhamm.“ (Rheinische Post)

8
„Vorarlberg hat ein neues Naturschutzgebiet am Alten Rhein in Hohenems. Der 4,8 Hektar große Abschnitt besteht überwiegend aus seichten Wasserflächen und Röhrichten und ist Lebensraum von über 20 teils stark gefährdeten Libellenarten sowie von einer Vielzahl von Schmetterlingen, Käfern und Reptilien. (…) Der Alte Rhein der “Hohenemser Kurve” ist der letzte naturnahe Rest von einst vielfältigen Feuchtgebietsabfolgen mit Stillgewässern zwischen der Mündung der Ill und dem Rheindelta. Er ist als Biotop und Erholungslandschaft von überregionaler Bedeutung ausgewiesen, mit einer besonders wichtigen Funktion als Brut- und Aufzuchtsgebiet für Vögel. Außerdem befindet sich dort eines der letzten Vorkommen der vom Aussterben bedrohten Bachmuschel in Vorarlberg.“ (Der Standard)

Ein einsames Haus und eine Sägemühle

“In einem schmalen Seitentale des Vorderrheins, dem Tal der Yzolla, stand ein einsames Haus und daneben eine Sägemühle.” So beginnt John Knittels berühmter Roman Via Mala, der die gleichnamige wilde Rheinschlucht vom Tal des Hinterrheins in das fiktive Yzollatal verlegt. Die umgebenden Ortschaften heißen im Roman Nauders und Andruss und all diese Namen erinnern stark an die tatsächlichen Namen der Nolla, Thusis`, Zillis`, Andeers: “Dicht unterhalb von Nauders zwängte sich die Yzolla durch eine nur wenige Meter breite Felsenlücke, eine schäumende, kochende, tobende Wassermasse, und ergoß sich dann in eine höhlenartige Spalte, in die noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte.” Die geografischen Verschiebungen im Roman bewirken, daß die Koordinaten des Bösen nicht mit den realen Koordinaten der Via Mala in Deckung zu bringen sind. Doch gerade aufgrund dieser Verzerrungen werden die Geschehnisse des Romans in der tatsächlichen Via Mala umso vorstellbarer und omnipräsenter: die gesamte Schlucht steht für das fiktive Verbrechen (nicht, daß sich nicht auch historische, aber weniger berühmt gewordene  Schrecken am bezeichneten Ort ereignet hätten). Die reale Schlucht besitzt sommers einiges an Idyllenkraft, ist heuer trotz steiler Passagen leicht begehbar, es führt sogar eine Autostraße hindurch bzw über sie hinweg. Knittel, der Fakten und Fiktion stets gut miteinander verrührt: “(…) um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts nahm die Regierung die Sache (…) in die Hand. Die hölzernen Bretterstege und wackeligen Stufen wurden beseitigt, und man konnte nun auf bequemer Straße reisen, ohne ständig Gefahr zu laufen, in einen Abgrund zu stürzen. In den allerletzten Jahren hat das kantonale Baudepartement in das Gestein Tunnels sprengen und Mauern und Zäune errichten lassen zum Schutze der modernen Touristen, die hierherkommen und mit ehrfürchtigem Staunen das Werk der Natur bewundern.” Touristenziel ist die Via Mala heute in eher geringfügigem Maße. Wer dort über Waldpfade und eine schwankende, aber sichere Hängebrücke in den Schluchtenrhein hinabsteigt, spürt die Fragilität menschlicher Sicherheit und die Großartigkeit der Natur, wer die hoch im Fels bezeichneten Saumwege früherer Zeiten erblickt, den erfaßt, wenn er nicht grad geübter Alpinist ist, auch heute noch schnell das Schaudern bei der Vorstellung, selbst dort herumkraxeln zu sollen. Im Roman ist die Gegend überhaupt nur während vierer Sommermonate querbar, den Rest des Jahres liegt der Paß “im Schnee begraben”. Die Langeweile der überlangen Winter habe den Sägemüller Jonas Lauretz zum Tyrannen seiner Familie geformt, heißt es im Buch. Nach solcher Lektüre wird verständlicher wie ein Ahnherr der Familie, die das Gasthaus an der benachbarten, einige Kilometer tiefer im Hinterrheintal gelegenen Roflaschlucht besitzt, über sieben solcher (wenngleich vielleicht nicht ganz so langer) Winter in unermüdlicher Kleinarbeit eine unfaßbare Galerie in den Felsen hackte, die heute als Touristenplattform dient: die Einflüsse der alpinen Jahreszeiten auf die Seele sind in erheblichem Ausmaße vorhanden, dieses gleichzeitig formbare und so schwer faßbare Organ reagiert jedoch recht individuell auf klimatische Ausgesetztheiten.

Zitate aus
John Knittel: Via Mala. Roman, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes, Stuttgart/München (ohne Jahresangabe)

Abenteuer Rhein (2)

Abenteuer Rhein von Andreas Ewels und Christine Elsner, zuvor kräftig beworben, auch auf rheinsein vorab angekündigt, dann aber still und leise im Termin (auf den heutigen Sonntag) verschoben, wirkt, wie im Vorfeld anzunehmen war, vor allem über seine Luftaufnahmen aus dem Blimp (“Prallluftschiff”), d.h. einem ferngesteuerten Kleinzeppelin und war schon vor der Urausstrahlung auf planet e am heutigen Tag in der ZDF-Mediathek (welche den Vorteil bietet, Filme anzuhalten oder zu spulen) vorhanden.
Wie der Tomasee plötzlich hinter Bergkuppen, die er spiegelt, aufscheint und die Kamera dem Alpenrhein durch enge Schluchten talab folgt, gibt visuell durchaus Stimmungen wider, die uns dort oben noch vor Kurzem erfaßten. Aus den folgenden Bildausschnitten Sedruns, der Ruinaulta, der Via Mala hätte sich mehr machen lassen.
Freundliche, bisweilen etwas unmotiviert wirkende Kurz-Interviews markieren die menschlichen Bojen im Kamerafluß. Tiermotive bevorzugt: ein Bündner Steinbockhüter, die südbadische Biberbeauftragte, der Artenreichtum des Taubergießens und ein Schlangenexperte, der nächst Wiesbaden mähshreddergefährdete Äskulapnattern präsentiert, dabei seine eigene Frage, wie die Schlangen an den Rhein gekommen seien, unbeantwortet läßt.
Kitschige, in der verwendeten Art völlig unangebrachte Hintergrundmusik spült die Talgeräusche weich, überspielt sie die meiste Zeit. Doppelte Länge (sowohl für Bildeinstellungen, als auch Interviews) und deutlich höhere Geschmackssicherheit bei der Musikauswahl (bzw weniger Verblendung bei den Originalgeräuschen) hätten der Doku wohl getan.
Alles in allem ein typisches ZDF-Produkt mit Mut zu Lücke und Lenor und mehrkamerafachem Befliegen der Oberfläche. Welche dann auch häufig (und häufig nichtmal zu unrecht) hübsch aufscheint. Der zweite Teil folgt Sonntag in einer Woche, in der Mediathek vielleicht sogar früher.

Von Thusis nach Chur

“(…) I will now returne unto that part of the Grisons country where-hence I digressed, even to Tossana, where I entred a fourth valley which is called by the same name as the other immediately behind it, namely the valley of Rhene, because that river runneth through this also where it inlargeth it selfe in a farre greater bredth then in the other valley. Also some doe call it the valley of Curia from the citie of Curia the metropolitane of the country, standing in the principall and most fertil place thereof.
I departed from Tossana about seven of the clocke in the morning, the three and twentieth of August beeing Tuesday, and came to Curia tenne miles beyond it, which is the head citie of the country (as I have before said) about one of the clocke in the afternoone.
I observed many wooden bridges in this valley, made of whole pine trees (as those of Savoy) which are rudely clapped together. One of those bridges is of a great length, about one hundred and twenty paces long, and sixe broad, and roofed over with timber. Also it hath foure very huge wooden pillars in the water. This bridge is made over the river Rhene, about five miles on this side the citie of Curia, over the which every stranger that passeth payeth money.
I observed this country to bee colder by halfe then Italie, the ayre beeing heere as temperate as with us in England.
The abundance of peares and apples in many places of Rhetia, especially about the citie of Curia, is such that I wondred at it: for I never saw so much store together in my life, neither doe I thinke that Calabria which is so much stored with peares, can yeeld more plenty for the quantitie or space of ground, then this part of Rhetia doth. Their trees being so exceedingly laden, that the boughes were even ready to breake through the weight of the fruite. (…)”

(aus: Coryat`s Crudities, hastily gobled up in five moneths travells in France, Savoy, Italy, Rhetia commonly called the Grisons country, Helvetia alias Switzerland, some parts of high Germany and the Netherlands; newly digested in the hungry aire of Odcombe in the county of Somerset, and now dispersed to the nourishment of the travelling members of this kingdome)

Vergeblich suchten wir in den Crudities nach einer Beschreibung der Via Mala, die Coryat – so ziemlich zu ihren wildesten Zeiten – auf seiner Alpenrheinreise passiert haben müßte. Der Marktflecken Tossana (Thusis) bleibt ebenso nahezu unbeschrieben wie die übrigen Dörfer des Hinterrheins, erst Chur erfährt ausführlichere Notizen (die wir evtl noch hier vorstellen). Von Chur geht Coryats Reise den Rhein abwärts bis Sargans, von wo er über Walastat (Walenstadt) nach Zürich abbiegt, um erst wieder bei Basel auf den Strom zu treffen. Seine Ausführungen zu diesem Alpenrheinabschnitt bleiben dürftig, viel mehr als Schätzungen der Wiesenflächen stehen nicht zu Buche, doch vermerkt Coryat, daß er ab Sargans bis tief in die Niederlande fortan lückenlos jeden Reisetag mindestens einen Rheinwein kredenzt bekam.

Vom Fliegen der Murmeltiere oder: Neue Schifffahrtswege über die Alpen

Über einen in mehrerlei Hinsicht kolossal erscheinenden, vor 100 Jahren in Italien ernsthaft diskutierten Plan des Bündner Ingenieurs Pietro Caminada berichtet Till Hein für die Zeitschrift mare in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 84): eine Schifffahrtstrasse über die Alpen! Zu Beginn des längeren Artikels konstatiert der Autor, daß es zwar Naturgesetze gäbe, die besagten, daß etwa Murmeltiere nicht fliegen könnten, begeistert sich im Verlaufe des Artikels nichtsdestotrotz für einen Plan, der am Aufheben von Naturgesetzen kratzen dürfte:

„(…) Caminada (…) will Lastschiffe in einem Kanal über die Alpen schwimmen lassen, über den 2113 Meter hohen Splügenpass in Graubünden. Caminada schwebt ein durchgängiger Wasserweg von der Nordsee bis zum Mittelmeer vor – eine viele hundert Kilometer lange Wasserstraße, die von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass, den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee.“

1907, als Caminada an die Öffentlichkeit ging, wird über Umweltbelange wohl kaum diskutiert worden sein. Denn die natürliche Umwelt gilt noch eher als feindlich und bezwingens-, anstatt erhaltenswert. Wenige Jahrzehnte zuvor wurde die große Rheinbegradigung vollzogen, vermutlich galt der, immerhin nicht selten bedichtete, Rheinfall, für ein Handelswegprojekt als wenn schon nicht sprengens-, dann doch sicherlich umbuddelnswert. Den Hinterrhein, der bis heute trotz diverser Eingriffe Naturschönheiten (Rofla, Via Mala, Domleschg) aufweist, wollte Caminada mit einem Röhrensystem beehren, das, mithilfe von Wasserkraft und Spezialschleusen, 50 Meter langen Schiffen mit einer Lastenkapazität von 500 Tonnen das Überwinden der örtlichen Steigung von fast einem Kilometer ermöglichen sollte.

Auch wenn Murmeltiere nicht aus eigener Kraft fliegen können, ist es (nicht erst) mit heutigen technischen Gerätschaften unzweifelhaft möglich, sie fliegen zu lassen. Es wird ihnen als eingefleischten Troglodyten nur nicht sonderlich bekommen. In den Alpen fließt das Wasser seit Menschengedenken aus Fels und Gletscher zu Tal. Wer jemals sah, wie die, teilweise gebändigten, Rheine sich zu Tal bewegen, kann sich Schifffahrt an Vorder- oder Hinterrhein nur unter erheblichen Schmerzen vorstellen. Ohnehin schon durchbohrte Berge indes könnten statt Eisenbahntrassen natürlich auch druckregulierte Wasserleitungen für die Schifffahrt führen. Solche müßten einfach nur noch länger, größer, breiter gebohrt werden. Befürworter der Alpenflußfahrt jedenfalls finden sich bis heute: der Südtiroler Albert Mairhofer, „ein Wasserkraftaktivist und pensionierter Staatsbeamter, hat sich von Caminadas Projekt inspirieren lassen. Die Entwürfe des Pioniers seien “sehr beeindruckend”, schwärmt er, “aber etwas zu kompliziert”. Sein eigener Vorschlag kommt denn auch ohne raffinierte Doppelkammerschleusen oder hydraulische Schiffshebewerke aus: Statt über die Alpen will er mittendurch.“

Einfalte Delineation (4)

Rheinursprung
„Der andere Hof ist das Tawetscher Thal, eine Wildnus. Die ältesten Einwohner allhier hießen Aetuatii. Hier findet man die rudera des Schlosses Pultmenga, item die Nachbarschaften: 1. St. Jakob, 2. Selva, 3. St. Vigili, 4. Cumanils, 5. Cimunt, quasi cima del munt in Rhaetischer Sprach. Das ist der höchste Gipfel des Bergs, trifft auch schier ein, dann hier besteigt man den allerhöchsten Berg, der so zu sagen in der Welt zu finden, und komt man zum Ursprung des vordern Rheins aus dem Berg Crispalta, an welchem auf der einten Seiten Ursulen und der Gotthard, auf der andern Seiten der Berg Bicornus oder die Furken anstosen. Dieser überaus hoche Berg, aus deme der Rhein entspringet, wird sonsten auch genennet Badus. Auf dem Gipfel dieses Bergs ist ein See. Einige beschreiben diesen See groß, so gar dz etwelche in die Welt schreiben dörfen, er sey zwei Meilen lang und eine breit, – als wie Castelberg, Pfarrer in Tavetsch, deme es Escharbotj, französischer Dollmetsch, nachgeschrieben. Andere aber, denen mehr zu glauben und mit dergleichen einem ich auch selbst geredt, beschreiben diesen See klein, allso daß er kaum 1/4 Stund lang und breit in der Circumferenz.
Under diesem See entspringt der Rhein aus einem harten Felsen, formirt sogleich einen schönen Wasserfall und senkt sich mit praßlen und Geräusch eine gewaltige Tiefe hinunder, von welchem Fall in dieser Gegne auch im warmen Sommer ein so kalter rauchender Dampf erreget wird, dz die sich herzunachende selbigen keineswegs vertragen können. Bey bemeltem Berg Crispalta passirt man Sommerszeit über hoche Alpen auf Ursulen.
Auf der andern Seiten dieses Bergs, aus der Furka entspringt der Rhodanus, so Wallis durchströhmet, aus dem Grimsel, so ein Ast der Furka ist, entspringt die Aar, welche durch die Schweiz hinfließt. Allso, daß die Distanz der Quellen dieser drei Hauptflüssen nach geometrischer Ausrechnung nicht über 20 000 Schritt ausragt.
Zwischen der Aar und dem Rhein entspringet aus dem Gotthard auch die Reuß, und gegenüber auf der italiänischen Seiten entspringt der Thesin, item der Aracer, die Madian etc. und nicht weit davon die Muesa. Ist allso dieses fünfspizige Kreuzwerk in der Höche dieses Gebirgs gleichsam ein hydrophilacium, oder Wasserkammer, aus welcher sich viel Haubtflüsse in ganz weit von einander zertheilte Ende der Welt ergießen.“

Nolla
„Der Bach Nolla hat diese Eigenschaft, dz er über Jahr immer trüb komt, mehrentheils Zeit ist er recht schwarz, gleichsam wie Dinten. Das rührt daher, weil oberhalb under Tschoppina ein faul Gebirg ist, von welchem immerhin etwas von blauem Leim und Erden in den Bach reißet. Deßwegen dieses Bachwasser auch von sonderbarer Schwere ist – also dz wann ein starker Mann in diesen Bach fiele, auch wann er klein gehet, und seine Kleider damit benezte, so wäre es ihm ohnmöglich, sich allein ohne Jemands Hilf heraus zu wikeln, weil seine Kleider an ihm nicht anderst sind als wie ein bleyerner Mantel, allso dz er seine Glieder kaum regen kan. Die Proben sind schon mehrmalen gemacht. Dieser Bach wütet zu Zeiten erschreklich und verursachet bisweilen ziemlich Schaden. Von diesem Bach ist auch dieses curieuses zu annottiren, dz er das gemeinlich jederzeit ganz klare oder helle Wasser des hindern Rheins von seiner Vereinigung an bis hinab under der Fürstenauer Zoll Bruk bis an seine Hälfte tingirt, allso dz der hindere Rhein einen guten Strich under Thusis hinab halb weiß und halb schwarz anzusehen, weil sich das schwere, schwarze Nollawasser nicht sogleich durchaus mit dem Rheinwasser vermischet.“

Via Mala
„Vor Zeiten gienge die Landstraß neben Ronggellen den gächen und hohen Berg hinauf bis auf die Höche desselben, und von danen wieder einen weiten Weg hinab bis in die Ebene von Schammß. Vor Jahren aber hat man durch Anwendung vieler Unkosten und Sprengung vieler Felsen die Landstraß durch Viamala, oder das sehr enge rauche gräßliche Felsen Thal hinein gemacht bis in Schamß. Dieses enge Thal hat auf beiden ganz gäche Wolken hoche Felsen neben sich, under sich fließt der Hinderrhein durch eine ungeheure tiefe Kluft hinunter gegen Thusis, da die Felsen an theils Orten zusammen ragen, und beynache an einandern stoßen, dz man nichts vom Rhein sehen mag, an theils Orten machen sie auch eine Oeffnung, dz man in einen entsezlichen abyssum hinunder sehen kan, wie der Rhein mit seinem Anputschen an die enge Felsen einen weisen Schaum zeiget, und einen Wasserstaub von sich wirft. Man kan nicht wohl ohne Grausen und Schwindel durch diese Felsenklüfte hinunder sehen.“

Einfalte Delineation (3)

Der Mordpfarrer
„Ein Stuk vor Ronggellen hinein mitten in der Viamala ist ein gräßlicher Durchpaß bey einem Ponte pensili, oder gleichsam in die Luft hinaus angesezten steinernen Bruk an einem ausgesprengten Felsen zu, über welche Bruk man nicht ohne Grausen durch eine gäche Felsen Kähle hinab siehet in die grausame Tiefe des Tobels. An diesem Ort ist anno 1705 eine greuliche Mordthat verichtet worden, wie jederman beglaubt von einem Pfarrer; es ware nemlich Pfarrer in Farära ein Under-Engadiner M. ex M. Der hatte ein junges starkes Baurenmensch geschwängert. Am heil. Wienacht Fest theilt er noch selbsten in seiner Gemeind das heil. Nachtmal aus, nachdeme er den Bissen eingenommen hatte, fuhr der Teufel in ihne, wie in den Verräther Judas. Er gehet zu seiner schwangern Concubin oder Braut hin (dann er hatte ihr die Ehe versprochen) und beredet sie, er wolle mit ihr irgendwo heimlich Hochzeit halten und zu solchem End hin wollen sie morgens früh vor Tag mit einandern verreisen, welches sie noch Abends ihren Hausgenossen eröffnet. Was geschiecht? In der Nacht verreisen diese beide von Hauß mit einandern an bemeltes Ort, die Stein Bruk, allda pakt der durchteufelte Mörder das arme schwangere Mensch unvermuthet an und ersticht sie mit etlichen Messerstichen und schmeißt sie über die Bruk hinunder, durch die Felsenkähle in den Abyssum des wüsten Tobels, doch muß sich das Mensch noch vor ihrem End tapfer gewehrt haben, denn man fande im Schnee den Kampf Plaz völlig zerstampfet und etliche Resten Haar, die sie dem Mörder ausgerissen hatte – unden in den Felsen-Kähle bliebe auch noch ihr Halß Fazolettlin an einem Stäudlin behangen, zum Zeichen, dz es eine Weibs-Person gekostet. Er der Mörder eylet nach der That allsobald in Schamß zurück, gehet alldorten in eine Filial Kirchen nach Zillis, allwo Hr. Pfarrer Calleonard Predigt hielte, mit Nammen zu Ruschein; nach der Predig ruft ihm der Pfarrer, er solle auch kommen gen helfen singen; der Mörder parirt, doch ware er voller Schweiß und zitterte darbey, dz er das Buch nicht wohl halten konte. Dem Pfarrer kame die Sach suspect vor, bald nach vollendetem Gottes-Dienst stellte er ihn zurede, warum er so übel aussehe und was seine blutige Schuhe bedeuten. Der elende Kerl befande sich in seinem Gewissen geschlagen und sagte, die Leuth haben ihn in Verdacht unverschuldeter weiß, als wann er das und das Mensch ermordet hätte etc. Der Pfarrer erseufzende und wohl sehende, wie viel die Gloken geschlagen, sagt: O du elender Mensch, mach dich bald ab den Augen und aus dem Land, dz dich niemand nimmer mehr sehe; er schiede allso von ihme und passirte selbige Nacht einen sonst Winterszeit unpassablen Berg, allso dz sich Jedermann darüber bestürzen müssen und niemand glauben können, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, durch den ungebrochnen Schnee über den Berg zu kommen, allso eschappirte er. Bald noch selbigen Tags wurde es in Schamß kund, dz an bemeltem Ort eine Mordthat geschehen. – Die Obrigkeit inquirirt bald, der Argwohn kam auf bemelten Mann, doch weil er entronnen, konte man nicht weiter; es war Jammer im Land über den Greuel und Aergernus. – Gegen dem Frühling bey anwachsendem Wasser wurde der Körper der Ermordeten durch den hindern Rhein aus seiner kalten Winterherrberg heraus geschwemet bis hinder Thusis under alta Rhaezia, allda ans Land geworfen gefunden. Die Oberkeit hat ihn sogleich visitiren lassen, da dann selbiger mit etlichen Stichen durchbohrt befunden worden, und da man den Leib aufgeschnitten, fande man in selbigem ein beynache ausgetragenes Knäblein. Der Körper wurde auch mit vieleren Thränen ehrlich zur Erden bestattet. Der Thäter indessen kam nach seiner Flucht hinaus in die Pfalz, bekam sogleich einen guten Dienst, heurathete, wurde Scholarcha und lebte äußerlich in gutem Wohlseyn. Als ich Pfarrer zu Malix ware, ist er einmal ins Vaterland kommen, logirte zu Chur beym Ochsen; er reiste zu Pferd und wohl mondirt und hatte keinen Scheu, seinen Nammen anzugeben, sagende: er sey der, den man vor Jahren in Schamß so greulich verleumdet gehabt. Die Sach komt bald in Schamß, allda war man in procinctu, ihne in seinem Vaterland oberkeitlich abzufordern. Seine Verwandte schmekten Feur und schafften ihn drei Tag nach seiner Ankunft wieder aus dem Land, er kehrte wieder in die Pfalz zu seiner Frau und Kindern und stirbt einige Jahre hernachen alldorten in seiner Würde als Scholarcha. Allso ist mir die ganze Historie erzählt worden. O wie sind die Verhängnisse Gottes so wunderbar und wie ist die Langmuth Gottes so groß, die Gefäße des Zorns zu ertragen. Wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Rathgeb gewesen? O wie lang wartet die göttliche Langmuth auf der sündlich verkehrten Menschen-Kindern Buß und gestattet ihnen noch Zeit dazu, wie manche züchtiget er noch hie in Zeit, damit sie zur Buß getrieben werden? Wie manchen erweiset er alles Guts, damit sie seine Gerichte zur Buße leite? Wie manche läßt er auch in ihrer Sicherheit wie die Schlacht-Schaaf dahin laufen bis an ihr End, damit sie zum Gericht aufbehalten werden, zu empfangen, was ihrer Thaten werth ist. Wie unbegreiflich sind Gottes Wege und wie unerforschlich sind seine Gericht. Rom. Cap. 11.“

Miss Tschingels Bekannter

W. A. B. Coolidge, eine Neffe der Alpinismus-Pionierin Margret Claudia Brevoort und in jungen Jahren guter Bekannter ihres Beagles Miss Tschingel, welcher beide auf zahlreichen Bergtouren begleitete und dafür die Ehrenmitgliedschaft im britischen Alpine Club zuerkannt bekam, was seinem Frauchen (o tempora, o mores) zeitlebens verwehrt blieb, dieser Coolidge verfaßte, herangereift und aus der Erfahrung seiner tantenbehüteten Gratwanderungen gespeist „The Alps in Nature and History“, darin beschrieben u.a. das sprachlich wie religiös hoch Verwirrende an den Lagen der Dörfer in den Rheinursprungstälern, und, so trocken als irgend möglich, auch die Via Mala, nämlich garnicht sie selbst, sondern die Geschichte ihrer Umgehung: „The San Bernardino (6769 ft.) route, like that of the Splügen, follows the course of the main or Hinter Rhine nearly to its sources, and then turns S. to cross the Alps. Throughout the entire Middle Ages it bore the name of „mons avium,“ „Vogelberg,“ or „Monte Uccello“ (i.e. „the pass of the birds,“ in three languages), and to this day there rises some way to its W. a peak called the Vogelberg, while on the E. the pass is overhung by another point, named the Pizzo Uccello. But some time in the second half of the fifteenth century, this name gave way to the present one, given in honour of San Bernardino of Siena, who had wandered through the N. parts of Lombardy as a missionary preacher and was canonised in 1450 – six years after his death. A chapel on the S. slope of the pass was dedicated to him. It is possible that the left wing of the Frankish army crossed this pass in 590 on its way to attack the Lombards. More certain is that in the winter 941 Willa (wife of Berengar, Marquess of Ivrea), though far advanced in pregnancy, fled across it, to escape from Hugh, king of Italy. Much later, in the winter of 1799, Lecourbe, with a French army, traversed the pass. But no doubt, it, like the Splügen, was kept for long in the background through the difficulties of getting through or round the Via Mala gorge, above Thusis. Probably it served only the traffic between the german-speaking colony at the sources of the Rhine with the Italian bailiwicks held by the Swiss, especially after, in 1496, the Val Mesocco (on its S. slope), came into the hands of the Raetians, who thus had direct access to the St. Gotthard route. In 1818-23 the present fine carriage road was built over the pass, and, like that of the St. Gotthard, lies for its whole length within Swiss territory. Most of the expenses were borne by the king of Sardinia, who wished to secure for himself a road across the Alps, which should not be in the hands of the Habsburgers.“

Rheinische Tierwelt (5)

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Saumtier. Oberhalb der Via Mala bei Sils im Domleschg finden sich im Wald, in den 1980ern entdeckt, die Felszeichnungen von Carschenna, unter ihnen die Darstellung obigen Tiers, das als Lastenträger, speziell als Esel gedeutet wird. Ein rüsseltragender asinus tricornis? Wie kam das Iglu auf den langgestreckten Rücken? Die Wissenschaft bedürfte wohl eines perfideren, neuen Namens, wenn sie solche Fragen eindeutig zu klären imstande wäre. (Foto: Christoph Gassmann)