Aus den Tagebüchern von Marcel Crépon

Die Volksweisheit findet Gefallen am Glauben, dass die vergangenen Tage angenehmer waren als die diejenigen, die heute ablaufen oder darauf warten, es noch zu tun; wenn das tatsächlich der Fall wäre, sollte ich nicht ein retro-aktives Tagebuch führen?

Worte. Ich habe weniger das Gefühl zu schreiben als abzutropfen, Wort für Wort, mich abzuworten.

Gerne spaziere ich durch die Straßen, wenn ich keinen Grund habe, der mich daran hindert raus zu gehen, weil ich immer einen guten Grund habe es zu tun, sei es nur um Fotos zu machen. Bleibe ich drin, widme ich mich meinem Tagebuch. Es ist ratsam, diese Arbeit beim Aufstehen zu erledigen: es ist noch nichts geschehen, und war die Nacht traumlos, ist der Eintrag schnell erledigt.

Nach jedem Waschgang: die Wäsche im Garten, vom Wind befummelt, wedelt Gebete, die sich in Stoff wickeln, sich an Drähten strangulieren, sich zusammenrollen und zuletzt schweigen.

Je weniger ich schlafe, desto weniger träume ich. Der Vorteil ist eindeutig: je weniger ich träume, desto länger die Zeit, während der mein Hirn keinerlei Aktivität ausübt. Eine Länge, die jedoch durch die relative Kürze des Schlafs verringert wird.

“Das ist das größte Loch der Welt”, sagte A., und zeigte auf eine Kohlengrube mit gigantischen Baggern, die den Horizont klein hackten. So ein Krater könnte einen Asteroiden eifersüchtig machen, dachte B.

Tage habe ich erlebt, ja, von exemplarischer Geschmacksneutralität. Vor Langeweile verdutzt.

Rheinsein. Rhein sein… Ich weiß nicht, warum mich das an dieses Lehrerpaar erinnert, die Velloins…, vor langer Zeit. Ich erinnere mich nur halb. Ungefähr zu dieser Zeit übte ich an einer Schule zwei Tätigkeiten aus. Im Rahmen der ersten sollte ich den Schülern die Geheimnisse der Fotografie (Aufnahme, Entwicklung, Abzüge, etc) beibringen. Fakultativer Unterricht – niemand nahm daran teil. Für die zweite Tätigkeit (Dokumentarlisten, Gehilfe, sic!), verbrachte ich meine Zeit mit dem Durchblättern von Lexika und Enzyklopädien, da die Schüler im allgemeinen den Ort mieden. Worte habe ich gesehen wie andere Dinge von der Welt sehen!

Wer sagte: Auch seine Vergänglichkeit muss man finanzieren können?

Wie reiste wohl Herodot? Sicher zu Fuß, vielleicht an Bord einer Galeere, wahrscheinlich auf einem Pferd oder Esel. Wie viele Kilometer legte er zurück? Mit ihm verglichen reiste Sebastian Münster weniger, doch besaß er ungefähr 120 Augenpaare.

In der Accademia, der Zyklus der Heiligen Ursula. Ihre Ankunft auf dem Rhein in Köln. Die Segelboote mit imposanten Masten, dunkel wie Bestattungsgondeln. Der Hund auf dem Ponton, bewaffnete Männer vor den Befestigungen, die an den Arsenale erinnern (Carpaccio soll von Reuwich (selbst von Bellini beeinflusst) inspiriert worden sein, der den Peregrinatio in Terram Sanctam von Breydenbach illustrierte). Die Figur, die mit ausgestreckten Armen, schlafwandlerisch oder blind, auf dem betürmten Pier vorankommt. Der im Vordergrund sitzende Soldat, träumend, einen Bogen in Händen (?). Auch im Vordergrund, aber rechts, in einer Gruppe, die Figur, die einen Brief hält und auf die Schiffe zeigt. Ist der Brief eine Beschreibung Ursulas? Die Frau, die es abzuschießen gilt… Ein Armbrustschütze zielt auf – was? eine Taube? ein Rebhuhn? Die Ankündigung kann das dem Heiligen vorbehaltene Schicksal sein. Vielleicht. Aber wer tötet wen? Die Familie Loredan, die die Bruderschaft unterstützte, für die Carpaccio den Zyklus der Heiligen Ursula schuf, engagierte sich im Kampf gegen die feindlichen Königreiche von Venedig (angeführt von Sultan Mehmet). Diese waren mit drei Kronen bezeichnet (die wie das Rot und das Weiß auch auf dem Wappen von Köln erscheinen). Carpaccio erzählt etwas anderes als das, was er malt …

Der Taikonaut Yang Liwei erzählte, dass er während seiner Reise im Weltraum an Bord des Shenzhou 5 Shuttles ein Geräusch hörte, dessen Quelle er nicht bestimmen konnte und das ihn an den Lärm erinnerte, welchen ein gegen einen Eimer schlagender Holzhammer machen würde. Die Shuttle-Astronauten von Shenzhou 6 und Shenzhou 7 behaupteten später, die gleiche Art von Lärm gehört zu haben.

Wenn ich also richtig verstanden habe, wäre diese weiße Substanz Carbid oder Carbid-Calcium. Mit Wasser vermischt erzeugt sie ein explosives Gas. Dieses Carbid ist vor allem der für Acetylenlampen verwendete Brennstoff. Carbidschießen-Wettkämpfe gibt es auch, und da hört mein Interesse an der Sache auf.

Auf dem Weg nach Rotterdam ein Hausboot namens “Paradox”. Am Ufer scheint eine Läuferin nicht mehr als eine Mütze, eine Sonnenbrille, ein MP3-Player, ein T-Shirt, Shorts und ein paar Tennisschuhe zu sein. Sie hatte sich gründlich zu Tode gejoggt, zu nichts.

Jenseits des Flusses, diesseits. Die Löwin und der Löwe. Der Ruf der Löwin, der Tod des Löwen (1).

Das Fenster weit offen und das ist es, die Landschaft breitet sich aus, mit rechts und links verstreuten Häusern. Und ich sage mir, dass der Weg, den ich gehen musste, um definitiv mit der Natur zu brechen, zweifellos so lange ist, wie der, den ich wieder aufnehmen müsste, um mich wirklich wieder mit ihr zu verbinden.

Im Allgemeinen schlafe ich zu wenig, um Zeit zum Träumen zu haben.

Zeit kauen.

Fixiert man eine Weile die kleinen Wellen, die gegen die Basaltblöcke springen, glaubt man tatsächlich, dass eine von ihnen uns etwas übermittelt, ohne zu wissen, was es ist.

Silhouetten von Bäumen, von Häusern, im Gegen-Licht, im Gegen-Leben…

Als er die Quelle des Nils erblickte, dachte Bruce (2) an die Rhône, den Rhein und die Saône; Gabriel Bonvalot (3), der in Tibet reiste, verglich die Ruinen, die hier und dort zu sehen waren, mit denen von Schlössern, die bei Touristen entlang des Rheins oder des Neckars so beliebt sind. In gleicher Art finden wir in Cécile de Rodt (4): “Der Hudson, der der amerikanische Rhein genannt wird”, “Der Ganges in Benares hat etwa die Breite des Rheins in Köln”, in Montesquieu (5): “… unter den letzten Kaisern, das auf die Vorstädte von Konstantinopel reduzierte Reich, endet wie der Rhein, der nicht mehr ist als ein Bächlein, wenn er im Ozean verloren geht.” Oder in einem Gedicht von Hermann Hesse, die Reise nach Indien (?). (6)

Langsam schlendernd, den Rumpf im zerfetztes Leder eingepackt, die Beine in eine abgenutzte Drillhose, der ausgebleichte Kamm, gefolgt von einem Bastard an der Leine, der seinem Zustand angemessen war: ein pensionierter Punk.

“Der Perückenmacher kommt herein. Er wirft einen Blick auf meine Perücke und weigert sich, sie zu berühren. Sie scheint etwas oberhalb oder unterhalb seiner Kunst. “Aber was dann tun?”, sagte ich zu ihm. “Monsieur, Sie müssen eine von mir nehmen, es sind welche da, fertig.” “Aber ich fürchte, mein Freund”, sagte ich und untersuchte die, die er mir zeigte, “dass diese Schleife nicht aufrechterhalten werden kann.” “Sie könnten”, sagte er, “sie ins Meer tauchen, sie würde halten.”
In dieser Stadt wird alles in großem Maßstab gemessen, sagte ich mir. Das größte Ausmaß der Ideen eines englischen Perückenmachers wäre niemals weiter gegangen, als ihn dazu zu bringen, zu sagen: “Tränken Sie sie in einem Eimer Wasser.” Was für ein Unterschied! Es ist wie die Zeit in der Ewigkeit. [...] Ein Eimer Wasser macht zweifellos eine traurige Figur neben dem Meer; aber er hat den Vorteil, zur Hand zu sein, und Sie können die Schleife in kürzester Zeit eintauchen…” (7)

Das Laub fegen, es langsam zu Haufen schieben, dann mit einer Schubkarre transportieren, um es schließlich zu begraben. Das ist es, was mir beim Fotografieren in den Sinn kommt. In der Tat sind Fotos nichts anderes als die toten Blätter des Waldes, durch die wir uns wohl oder übel bewegen. Wenn alles mit Glanz untergeht, wird die Gelassenheit, mit der wir dem Fall der Welt folgen können, aufsteigende Verzweiflung genannt.

***

(1) s. Jacques Brel, Le lion.
(2) James Bruce, Voyage aux sources du Nil, en Nubie et en Abyssinie, Tome VI (Paris, 1790).
(3) Gabriel Bonvalot, L’Asie inconnue : à travers le Tibet (Paris, 1896).
(4) Cécile de Rodt, Voyage d’une Suissesse autour du monde (Neuchâtel, 1904).
(5) Charles-Louis de Secondat Montesquieu, Oeuvres complètes, De l’esprit des lois, Grandeur et décadance des Romains (Paris, 1834).
(6) Tatsächlich in: Hermann Hesse, Aus Indien (Aufzeichnungen, Tagebücher, Gedichte, Betrachtungen und Erzählungen), Berlin 1913.
(7) Laurence Sterne, Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien, Die Perücke – Paris.

Kölner Rheinhochwasser 1784

Bergmüller_Rheinhochwasser Köln 1784
Nicht Venedig ist auf diesem Stich zu sehen, sondern Köln, beim großen Rheinhochwasser des Jahres 1784, in Szene gesetzt von Johann Baptist Bergmüller, der, so steht es auf Wikipedia, für die bessere Wirkung auch ein paar Augsburger Bauwerke ins Bild verpflanzte.
In den Aufzeichnungen gilt das Hochwasser als das heftigste, das Köln je heimgesucht hat. Es hat eine Vorgeschichte, die bis Island reicht. Seit dem Sommer 1783 hatten monatewährende Ausbrüche der isländischen Laki-Krater weite Teile Europas mit einer giftigen Aerosolwolke überzogen, Arbeit im Freien führte zu Atemnot, die Landwirtschaft konnte nur eingeschränkt aufrechterhalten bleiben, auf Island und den britischen Inseln starben Zigtausende an Hunger und Vergiftungsfolgen.
Die Ausbrüche zogen einen vulkanischen Winter mit extremer Kälte nach sich. Im Dezember 1783 froren die meisten mitteleuropäischen Gewässer zu. Ein von heftigen Niederschlägen begleiteter Warmlufteinbruch in den letzten Februartagen 1784 sorgte für die Hochwasserkatastrofe: “Die Fluten, auf denen schwere Eisschollen trieben, verwüsteten weite Teile der Uferbebauung und alle Schiffe. Einzelne Gebäude, darunter auch Befestigungsbauten, stürzten aufgrund des Schollengangs ein. 65 Tote waren zu beklagen. Die rechtsrheinisch gelegene alte bergische Stadt Mülheim am Rhein, heute ein Kölner Stadtteil, wurde vollständig zerstört.”

In Rotterdam

I
I gaze upon a city,—
A city new and strange,—
Down many a watery vista
My fancy takes a range;
From side to side I saunter,
And wonder where I am;
And can you be in England,
And I at Rotterdam!

II
Before me lie dark waters
In broad canals and deep,
Whereon the silver moonbeams
Sleep, restless in their sleep;
A sort of vulgar Venice
Reminds me where I am;
Yes, yes, you are in England,
And I’m at Rotterdam.

III
Tall houses with quaint gables,
Where frequent windows shine,
And quays that lead to bridges,
And trees in formal line,
And masts of spicy vessels
From western Surinam,
All tell me you’re in England,
But I’m in Rotterdam.

IV
Those sailors, how outlandish
The face and form of each!
They deal in foreign gestures,
And use a foreign speech;
A tongue not learn’d near Isis,
Or studied by the Cam,
Declares that you’re in England,
And I’m at Rotterdam.

V
And now across a market
My doubtful way I trace,
Where stands a solemn statue,
The Genius of the place;
And to the great Erasmus
I offer my salaam;
Who tells me you’re in England,
But I’m at Rotterdam.

VI
The coffee-room is open—
I mingle in its crowd,—
The dominos are noisy—
The hookahs raise a cloud;
The flavor, none of Fearon’s,
That mingles with my dram,
Reminds me you’re in England,
And I’m at Rotterdam.

VII
Then here it goes, a bumper—
The toast it shall be mine,
In schiedam, or in sherry,
Tokay, or hock of Rhine;
It well deserves the brightest,
Where sunbeam ever swam—
‘The Girl I love in England’
I drink at Rotterdam!

(Thomas Hood)

Berliner Rhein (4)

“Warum fließt der Rhein nicht durch Berlin?”, fragte seinerzeit Alfred Kerr – und gab gleich selbst die Antwort: “Berlin liegt an der Panke.” Jede Weltstadt braucht eben ihren Weltfluß. Auf einen weit zurückliegenden, dafür eklatanten Berliner Rheinismus hingewiesen wurden wir indessen bezeichnenderweise bei einer vollherbstlichen Bootsfahrt auf Spree und Landwehrkanal: „Berlin müßte eigentlich Köln heißen“, klangs ungefähr bei Moabit aus dem Bordlautsprecher, der schon die ganze Zeit interessante Informationen hervorpustete, welche wir stochastisch aus dem berlinerweißebeschwipsten Seniorenmassensächseln des Unterdecks und den widrigen Wetterschüben des Oberdecks filtrierten, ähnlich jener Dame Melitta Bentz, die ihrerzeit (also etwa eine Dreiviertelstunde früher, was unsere Bootstour betraf, aber noch vor dem Ersten Weltkrieg) für ca. 78 Pfennige eine selbstentwickelte Methode des Kaffeefilterns am rechten Ufer zum kaiserlichen Patent angemeldet hatte, nachdem sie zuallernächst mit persönlich nageldurchlöcherten Blechdosen und dem Löschpapier ihres Sohnemanns experimentiert gehabt haben soll. Eine Investition, die sich für Frau Bentz und Nachkommen rechnete und rechnet, in Reichsmark, D-Mark und Euro, ein Paradebeispiel simpel konstruierter Nachhaltigkeit, den Deutschen auf Filterkaffee einzuschwören. Unsere Investitionen hingegen bestehen aus reinen Kopfgeburten und werfen lediglich zweifelhafte Geistesfrüchte ab: hätten wir tatsächlich heute – wie zw den beiden Frankfurts – zw Köln/Spree und Köln/Rhein zu unterscheiden, stellten sich unzählige Fragen nach und Szenarien möglicher Verwerfungen, Verwechslungen, Verwirrungen zwischen den preußischen und den rheinländischen Kölnern, welche aber doch eben alle Kölner wären, was sie vermutlich verbrüderte. Ungleich verbrüderte zwar. Aber kein aber. Rheinländer jedenfalls hätten, verkündete der Bordlautsprecher, bei der heutigen Museumsinsel ein Cölln gegründet (und aus rheinischen Beweggründen genauso und nicht anders genannt), das vor 750 und mehr Jahren mit dem angrenzenden Berlin fusionierte. Warum Berlin nun aber doch Berlin heiße und nicht Köln, ließ der Bordlautsprecher offen. Ohnehin ist der rheinische Geist dieser Stadt, falls er jemals in den märkischen Sümpfen geherrscht haben sollte, längst verweht. Und stattdessen der berlinische (Berlin soll ja nichts anderes als Bärchen bedeuten) an allen Ecken vorhanden, welcher im polymeren Post-Post der schweifenden Zeiten seine reine Selbsteinbisüberschätzung suchend bisweilen gummiberlinische Tarngestalt annimmt, in welcher Form wir ihn denn auch dann und wann bereits häufig erblickten, als streuenden gar außerhalb Berlins, gar in rheinischen Regionen – ein Beweis für die These, daß alles mit allem zusammenhängt? Oder umgekehrt? Ist ein heutiges Köln innerhalb der Tore Berlins wirklich so unvorstellbar? Wo Berlin doch Istanbul und Venedig (um nur zwei weithin bekannte Städte der mittleren Umgebung zu nennen) gewissermaßen einschließt (zumindest abbildet), und Köln und Istanbul über das reine Partnerstadtverhältnis hinaus einige frappante Kongruenzen aufweisen, die dann ja auch, angefangen bei historischen Ost-West- oder West-Ost-Brüchen und -Brücken, in Berlin zählen dürften? (Erhellende Antworten werden erbeten und können direkt unter diesen Eintrag hinkommentiert werden.)

Berliner Rhein

Seit bald einer Woche durchstreifen wir Berlin – natürlich auch auf der Suche nach rheinischen Fragmenten. Mit geringem Ertrag. Das Preußische scheint sich mit dem Rhenanischen in fortgesetzter Tradition zu beißen. Fanden wir in den Berliner Innenbezirken beinahe an jeder Ecke exponiert Istanbulisches und in den Außenbezirken gar versteckt Venezianisches, gelangen uns bisher nicht mehr als vier Aufnahmen schlichter Schriftzüge, welche auf höchst letterntrockene Art auf die berüchtigte Provinz im Westen weisen – kaum mehr als ein Schriftzug für ca. je eine Million Hauptstadtbewohner:

berlinerrhein

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Mme de Staël über Unterschiede im (gegenseitigen) intellektuellen Verständnis links und rechts des Rheins

“(…) Les hommes de génie de tous les pays sont faits pour se comprendre et pour s`estimer; mais le vulgaire des écrivains et des lecteurs allemands et français rappelle cette fable de la Fontaine, où la cigogne ne peut manger dans le plat, ni le renard dans la bouteille. Le contraste le plus parfait se fait voir entre les esprits développés dans la solitude et ceux qui sont formés par la société. Les impressions du dehors et le recueillement de  l`âme, la connaissance des hommes et l`étude des idées abstraites, l`action et la théorie donnent des résultats tout à fait opposés. La littérature, les arts, la philosophie, la religion des deux peuples, attestent cette différence; et l`éternelle barrière du Rhin sépare deux régions intellectuelles qui, non moins que les deux contrées, sont étrangères l`une à l`autre. (…)”

(aus: Oeuvres complètes de Mme de  Staël: De l`Allemagne. Seconde partie. De la littérature et des arts. Chapitre premier. Pourqoui les Français ne rendent-ils pas justice à la littérature allemande?)

“(…) La poésie française, étant la plus classique de toutes les poésies modernes, est la seule qui ne soit pas répandue parmi le peuple. Les stances du Tasse sont chantées par les gondoliers de Venise; les Espagnols et les Portugais de toutes les classes savent par cœur les vers de Calderon et de Camoëns. Shakspeare est autant admiré par le peuple en Angleterre que par la classe supérieure. Des poèmes de Goethe et de Bürger sont mis en musique, et vous les entendez répéter des bords du Rhin jusqu`à la Baltique. Nos poëtes français sont admirés par tout ce qu`il y a d`esprits cultivés chez nous et dans le reste de l`Europe, mais ils sont tout à fait inconnus aux gens du peuple et aux bourgeois même des villes, parce que les arts en France ne sont pas, comme ailleurs, natifs du pays même où leurs beautés se développent. (…)”

(Dortselbst. Chapitre XI. De la poésie classique et de la poésie romantique.)

“(…) Klopstock a souvent beaucoup de grâce sur des sujets moins sérieux: sa grâce tient à l`imagination et à la sensibilité; car dans ses poésies il n`y a pas beaucoup de ce que nous appelons de l`esprit; le genre lyrique ne le comporte pas. Dans, l`ode sur le rossignol, le poëte allemand a su rajeunir un sujet bien usé, en prêtant à l`oiseau des sentiments si doux et si vifs pour la nature et pour l`homme, qu`il semble un médiateur ailé qui porte de l`une à l`autre des tributs de louange et d`amour. Une ode sur le vin du Rhin est très-originale: les rives du Rhin sont pour les Allemands une image vraiment nationale; ils n`ont rien de plus beau dans toute leur contrée; les pampres croissent dans les mêmes lieux où tant d`actions guerrières se sont passées, et le vin de cent années, contemporain de jours plus glorieux, semble recéler encore la généreuse chaleur des temps passés.
Non – seulement Klopstock a tiré du christianisme les plus grandes beautés de ses ouvrages religieux, mais comme il voulait que la littérature de son pays fût tout à fait indépendante de celle des anciens, il a tâché de donner à la poésie allemande une mythologie toute nouvelle, empruntée des Scandinaves. Quelquefois il l`emploie d`une manière trop savante; mais quelquefois aussi il en a tiré un parti très-heureux, et son imagination a senti les rapports qui existent entre les dieux du Nord et l`aspect de la nature à laquelle ils président. (…)”

(Dortselbst. Chapitre XII. Des  poëmes allmands.)

Wir danken unserem Korrespondenten Roland Bergère fürs Aufstöbern und häppchengerechte Servieren. Mme de Staëls Gedanken ufern sehr viel weiter aus, als wir hier darstellen mögen, und sind tiefere Einblicke wert. Klopstock!, sagen wir nur. Der Originaltext findet sich ua bei Google Books.

Bündner Allerlei

Im Räthischen Museum in Chur hängen aktuell in einer Sonderausstellung die Veduten Johann Jakob Meyers (1749-1829, Schüler von Heinrich Füssli, Lehrer von Karl Bodmer) mit Ansichten vom Hinterrhein, die der Maler während seiner Fußreise auf der Via Spluga skizzierte, konterkariert von den Fotografien Tino Sands, der knapp zweihundert Jahre später dieselben (doch nimmer dieselbigen) Blickwinkel einnahm, aufgelockert das Ganze von einigen flotten Zitaten des Reiseschriftstellers Johann Gottfried Ebel, der gemeinsam mit Meyer das Werk “Die Bergstrassen durch den Canton Graubündten nach dem Langen- und Comer-See” schuf, welches heuer um 25.000 Euro antiquarisch auf Liebhaber-Käufer harrt. So erfährt Rheinsein u.a. von den in manchen Gegenden äußerst mißtrauischen Alpenbewohnern, die zu knurren beginnen, wenn sie Reisende beim Zeichnen erblicken, was sie “das Land abreißen” nennen – und wenn sie zu knurren begönnen, sollte man schleunigst stiften gehen. Über das Fondueritual und seine Derivate finden sich die warnend an den Fremden gerichteten Zeilen: “Man hüte sich, von den fetten Käsen, besonders, wenn sie gebraten sind, viel zu essen; sie erregen dem Ungewohnten heftige Koliken.” Lepontisch beschriftete Stelen im Keller und ein buntes Sammelsurium an Bündner Allerlei machen das Museum darüberhinaus sehens- und hörenswert: die romanisch gesprochenen Filme überzeugen durch die Bank, besonders der Zwölfminüter “Vert cunter cotschen” (Grün gegen rot), in dem zwei Bergbauern die Liebe zu ihren Kleintraktoren der Marken Rapid und Aebi beschwören “das Schönste daran sind die Schalthebel”, und nebenbei fallenlassen, daß Mitnahmegabel auf Romanisch Mitnahmegabel heißt. Rheinsein erfährt von Bluzgern (Bündner Münzen) und Blakten, dem Alpenampfer, der gesotten einst als Sauerkrautersatz verwendet heute als Unkraut aus den Almen gerupft wird, sowie den Schwabengängern, Bündner Kindern, die sich um geringsten Lohn in den Sommern bei süddeutschen Bauern verdingten. Aus dem Handbuch Bündner Geschichte von 1558 eine Episode über das emigrativ expandierende Bündner Zuckerbäckertum: “Vor mir, dem Notar und dem Zeugen, hat Nuot Tretschins seinen Sohn Nott für vier Jahre dem in Venedig wohnhaften Meister Nott Christen übergeben, damit dieser ihn als Lehrling auf eigene Kosten nach Venedig bringe, ihm das Schulgeld für die Handwerkerschule bezahle, ihn während vier Jahren mit schicklichen Kleidern und Schuhen ausstatte und ihn im Zuckerbäckerhandwerk ausbilde. Wie einen Sohn soll er ihn ferner in anständigem Benehmen unterweisen und züchtigen und in allen Bereichen sich ihm gegenüber wie ein Vater verhalten; und ebenso soll der Lehrling Nott ihm gehorchen wie ein Sohn, lernen und arbeiten.”