wo Vater Rhein in sein Bett pinkelt

Man fährt in Deutschland an genau drei Städten vorbei, nämlich Uffeln-Salz-Badfurt, St. Umbeln mit seiner Pilzzucht, und Kaiser Lippenbär. Reisende mit Durchhaltevermögen kommen an der Pezzelentischen Höhe vorbei, wo Vater Rhein in sein Bett pinkelt und man betrachtet aus den Weinbaugebieten die Bierbäuche, die Camping machen … Auf den Autobahnen gibt es kleine Gaststätten und große Gaststätten. Hier speist man Krautrockkartoffeln mit Rockin Roll-Würstchen und für eine Mark mehr gibt es Bandsalat dazu, wenn man es mag. Ist nicht jedermanns Sache. Viele Menschen sitzen dann gerne da und haben auch lange Haare und rocken in den Autobahnraststätten ab. So ist der gesamte Rockin Roll-Sound entstanden, der auf der Autobahn sehr viel Krach macht und eine Drogengefahr provoziert. Es gibt Haschisch- und Bierfahrer, die sich das Duell liefern, wer ganz breit ist. Sie blinken mit ihren Zusatzscheinwerfern, die sie mitgebracht haben und täuschen Welten und Illusionen vor …

(aus Ulrich Bogislav: Wo ich bin ist hinten, Geschichten, Ritterverlag, Klagenfurt 2002)

the rest we knew by books

“Nil ego praetulerim jucundo sanus amico.”
—Horace.

On the night of the 1st of August 1898, two cloaked horsemen might have been seen on the platform of the Parkeston Quay Station, speaking in commanding tones to the knaves and varlets who pressed obsequiously round them, and exhorting these rapscallions, under peril of their ears, to see the iron steeds safe on board the boat for Rotterdam. The taller of the two, who twists half a dozen links from the heavy gold chain round his neck, and casts them among the rabble — forgive me, dear reader ; this strain is above me : I took them out of my righthand pocket, and they were only coppers ; but the porters, if not slavishly deferential, were at least civil and handy, and our machines were soon on board. Let me introduce you now to my travelling companion and old college friend.

Henry Schultz has nothing German about him but his name (and on this occasion, I must add, his straw hat). An accomplished mathematician, he is also familiar with the noblest poets, orators, and historians of antiquity, and more especially with such portions of them as are commonly set for a Pass Degree at either university. French he will talk you classically, if not fluently ; but he never could bend his tongue to the rough Teutonic idiom, any more than Mrs Battle could condescend to the ignoble phraseology of cribbage. A cricketer of fame (was not I myself present some ten years ago, when a public-school boy at the Cologne table d’hôte asked him whether he was the Schultz, and quite forgot the rest of his ice pudding on receiving an affirmative answer !) ; a golfer of almost equal proficiency ; a painfully energetic cyclist, as in due time you shall see— these are but a few of his superficial accomplishments, for I make no attempt here to catalogue his genuine virtues. You will understand now why I chose this motto for my first chapter ; for you doubtless remember, dear reader, that it is with reference to his own little tour with Virgil and Maecenas that Horace tells us he knows nothing like an old friend — a sentiment which will be heartily echoed by all who have tried travelling in the same way—unconditionally by the single, and by the married with all proper marital reservations.

Our plan this time is ambitious—no less than to trace and retrace the whole course of the Rhine within the only eighteen clear days we have at our disposal. We knew it must needs be a great rush, but the idea had fascinated us ; we felt that even this dizzy succession of changing scenes would have a charm of its own, and that thus, in some ways, we should learn more of the characteristics and contrasts of land and people by a plan which enabled us to see it all, as it were, at one sweeping glance. Nearly all of the route we had already seen in detail at other times ; the rest we knew by books ; and in these eighteen days we hoped rapidly to skim the cream of it all. That in this we succeeded to our own complete satisfaction, is my best excuse for publishing an account of our tour as a guide for future tourists. We ourselves spent eighteen days of bliss, only so far alloyed as to give it the necessary human consistency. Yet, among one’s later memories of even the happiest holiday, few things stand out in brighter colours than those first moments of anticipation ; and few men ever started with more confident hopes of enjoyment than we, as the ship ploughed her way through the tranquil starlit sea ; and we sat recalling memories of former holidays until prudence warned us to go below and snatch that somewhat unquiet sleep, which is the most that mortals dare hope for, even on the most unruffled passage.

(George Gordon Coulton: Father Rhine, Chapter I, Edinburgh 1898)

Der Rhein in Antwerpen

antw_waterpoortDas Waterpoort (Wassertor) war ursprünglich ein Stadttor an der Schelde. Im 17. Jahrhundert wurde es zunächst auf dem Vlasmarkt nach einem Entwurf von Peter Paul Rubens errichtet. Aufgrund zweier Standortverlegungen wird es auch “das wandernde Tor” genannt. Seit 1936 steht das triumfbogenähnliche Gebilde im Stadtteil Zuid auf dem Gillisplaats. Weiterhin zur Schelde ausgerichtet ist der an Vater Rhein erinnernde Flussgott mit Füllhorn und Wasserkrug. Auch die Inschrift erwähnt den Rhein:

“Cui Tagus et Ganges, Rhenus cui servit Indus
Huic famulas gaudet volvere scaldis aquas
Quasque olim proavo vexit sub Caesare puppes
Has vehet auspiciis, Magne Philipp, tuis.
S. P. Q. Antuerp. hanc molem dedic.
XVII. Kalend. Maii
MDCXXIV.”

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antw_rijnkaai_friendship buildingAm Südende der Antwerpener Hafenanlagen befindet sich, als Teilabschnitt der Straße entlang des von Docks gesäumten Scheldeufers, der Rijnkaai. Markantestes Gebäude des Abschnitts ist das Friendship Building, ein zweiflügeliges Bürohochhaus mit Verspiegelungen in Kupfer und Himmelblau. Im Volksmund wird es Chiquita genannt, seitdem der gleichnamige Bananenexporteur dort ansässig war.

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antw_rijnmuseumDirekt unterhalb des zehn Ebenen aufweisenden, an einen kubistischen Clownsfisch erinnernden Museum aan de Stroom (MAS), das mehrere Ausstellungen gleichzeitig zeigt und dessen Terrassendach Panoramablicke über ganz Antwerpen erlaubt, befindet sich das Rhein- und Binnenfahrtmuseum, das aus drei alten Binnenschiffen besteht und selten geöffnet ist.

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antw_schelde_hafenkräneDer Rhein, läßt sich konstatieren, zeigt für eine Stadt, die nur indirekt mit ihm verknüpft ist, in Antwerpen überraschende Präsenz. Die Schelde erinnert stark an den zur Maas umbenannten Rhein Rotterdams. Während unserer Uferspaziergänge überlagern sich diese Eindrücke von in Hafenbecken sich ausbreitenden Flussenden und industriellen Übergängen vom Kontinent zum Meer, das aus den Plastikmassen, mit dem Schifffahrt und Flüsse es kontaminieren, neue Kontinente heranbildet. Vom Dach des MAS allerdings ist das Meer nicht zu erblicken. Die Schelde mündet in graublauweißem Dunst, in einer Kälteschicht hinter geometrischen Hafenbecken, Kränen, Windrädern, sakralen und industriellen Turmbauten, während sie die Innenstadt mit sanftem Schwung zum Anschmiegen verleitet.

Presserückschau (August 2017)

1
Grusel-Schleim
“Ein gelber Schleim löste (…) einen Großeinsatz am Düsseldorfer Rhein aus. Die Feuerwehr rätselte, um was es sich bei der Substanz handeln könne, die kilometerweit am Ufer klebte. Das Landesumweltamt entnahm Proben (…). Jedoch berichtet die „Bild“, dass es sich bei dem Schlamm wahrscheinlich um Motoren-Fett handele. Die bestätigte ein Sprecher des Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (…).” (Der Westen)
“Tagelang sorgte eine widerliche Schleim-Brühe am Rheinufer für Aufsehen (…). Lange war unklar, um was es sich bei der klebrigen Masse handelte. Besonders bei Düsseldorf, Dormagen, Monheim und Leverkusen wurde die Substanz angespült. (…) Eine Untersuchung von Proben durch das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz hat ergeben: Es ist ein Gemisch verschiedener Fette. Allerdings handelt es sich offenbar nicht um Betriebsfette von Schiffen, sondern um eine Zusammensetzung, die in ganz alltäglichen Produkten vorkommen wie etwa Butter, Olivenöl, Sonnenblumenöl und ähnlichem. Wie die Fettspur ins Wasser gelangen konnte, ist unterdessen noch unbekannt.” (Express)

2
Rhi-Schwumm
“Unter dunklen Gewitterwolken und bei schwüler Hitze haben sich in Basel 4500 Schwimmer in den Rhein gestürzt. Beim 37. Rheinschwimmen ließen sie sich (…) im 21 Grad warmen Wasser knapp zwei Kilometer flussabwärts zur Johanniterbrücke treiben. Blitze und Regen blieben aus und alle Teilnehmer sind unversehrt wieder an Land gekommen, wie die Organisatoren mitteilten.
Das Rheinschwimmen veranstaltet die Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG). Sie will damit für das Schwimmen in natürlichen Gewässern werben, aber auch auf damit verbundene Gefahren hinweisen.” (Südkurier)

3
Sprung
“Weil sich ein Tankschiff seinem Sportboot bedrohlich näherte, ist ein Angler in den Rhein gesprungen. Der Motor seines Bootes sei (…) in der Nähe von Bingen ausgefallen – ausgerechnet auf Höhe des Tankers, teilte die Wasserschutzpolizei mit. Versuche, den Motor zu starten, scheiterten. Als das Schiff noch rund 20 Meter von ihm entfernt war, ging der Angler von Bord. Ein Tourist am Ufer des Flusses sprang daraufhin mit einem Treibholz in den Rhein. Er habe den total erschöpften Mann gerettet, so die Polizei. Das Boot des Anglers wurde wenig später in einen Hafen gebracht.” (Welt)

4
Canyoning
“Viamala heißt „schlechter Weg“. Für die römischen Legionäre war der „schlechte Weg“ die Alternative zur Brennerroute, um an die nordischen Grenzen ihres Weltreiches zu gelangen. Später versuchten mittelalterliche Kaufleute, ihre Ochsenkarren entlang der steil aufragenden Felsen durch die Schlucht zu bugsieren. Manche stürzten in die Schlucht hinab. Heute nehmen die Reisenden nicht mehr den „schlechten Weg“ durch die Schlucht, sondern die schweizerische Autobahn A13. Manche fahren in Thusis-Süd ab und machen einen Zwischenstopp an der Aussichtsplattform, die an einer der spektakulärsten Stellen der Viamala hoch über dem Hinterrhein liegt. Wer an diesem sonnigen Sommermorgen hinabblickt in die Schlucht, sieht sechs Gestalten in Neoprenanzügen, die auf steilen Treppenstufen zum Fluss hinabsteigen. Von oben ist kaum vorstellbar, dass sich Sportler tatsächlich gefahrlos in das sprudelnde Wasser begeben können. Tatsächlich gehört die Viamala-Schlucht zu jenen Stellen in den Alpen, an denen Outdoor-Anbieter Canyoning-Touren veranstalten.” (Schwäbische)

5
Jahrmillionen
“Bis der Rhein seine heutige Fließrichtung gefunden hat, vergehen Millionen von Jahren. (…) Gemessen am Alter der Erde formt die geologische Erdneuzeit nur eine bescheidene Zeitspanne von rund 60 Millionen Jahren. Doch gerade in der jüngsten Tertiärstufe, vor etwa zehn Millionen Jahren, nahmen unsere umgebenden Gebirge, die Alpen, der Tafeljura, Kaiserstuhl und Hegauvulkane Gestalt an. Zwischen den ursprünglich zusammenhängenden Vogesen und dem Schwarzwald brach der Oberrheingraben ein. Erst danach veränderten sich die alten Flusssysteme mehrmals. Es bildeten sich unsere Flüsse in der heutigen Fließrichtung (…). Im Quartär überzogen vier Kaltzeiten weite Teile Europas. Sie modellierten durch Gewicht und Druck die unter dem Eis liegenden Landschaften. Die eisfreien Zonen wurden durch Regen und Schmelzwässer gestaltet und Stürme formten die heutigen Lössgebiete. Die Maximalvereisung der Risskaltzeit (etwa 340 000 bis 130 000 Jahre vor heute) brachte den riesigen Rhein-Aare-Gletscher von den Alpen bis in die Gegend von Möhlin, zwölf Kilometer unterhalb Bad Säckingen, wo die äußersten Moränen nachgewiesen wurden. (…) Der aus dem abtauenden Gletscher abströmende Fluss (Rhein) querte das Stadenhauser Feld nach Westen und floss durch das heutige Laufenburg/AG südlich der heutigen SBB-Linie ab.”
(Südkurier)

6
Fiktive Stadt
“Oberucken, ein idyllisches Städtchen, liegt im Herzen des Rhein-Sieg-Kreises zwischen Niederkassel und Sankt Augustin.
(…) Doch wer Oberucken sucht, wird es nicht finden: Die fiktive Stadt am Rhein steht lediglich im Zentrum einer gleichnamigen Comedy-Serie. Die handelt von der fettleibigen Witwe Adelheid und ihrem Lebensgefährten Bernd, der seit einem „Arbeitsunfall“ außerhalb der Arbeit frühverrentet ist. Die beiden werden auf eine harte Probe gestellt, nachdem Adelheids Schwester und Schwager bei einem Hausbrand versterben und ihr Neffe Niklas bei ihnen einzieht. Die Serie ist eine sogenannte Mockumentary, also eine offensive Karikatur der klassischen Dokumentation.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

7
Tinker Belles
“Rund 500 Tinker aus Irland sind aktuell in NRW unterwegs. Erst waren sie in Kevelaer, dann in Neuss. (…) Die irischen Landarbeiter aus Irland campen ohne Genehmigung mit ihren Caravans nahe der Rheinkniebrücke. Knapp bekleidete junge Mädchen und ihre Luxuskarossen sorgen für Aufsehen. Erlaubt ist das nicht.” (Der Westen)

8
Kindertheater
“Am (…) 1. Oktober 2017 (…) bringt das pappmobil Kindertheater das Theaterstück “Bin im Bett! Vater Rhein” auf die Bühne des Kindertheaters in Wanne Eickel (…). Vater Rhein selber beauftragt den Theaterdiener, die herrlichen Geschichten von den Ufern des größten deutschen Flusses zu erzählen.” (halloherne)

9
Rheintote
“Ein neun Jahre altes Mädchen ist (…) bei Duisburg in den Rhein gerutscht und untergegangen. Es sei wenig später in einem Krankenhaus gestorben, teilte die Polizei mit. Das Mädchen war mit seiner 35-jährigen Mutter und seinem sechs Jahre alten Bruder am Rheinufer unterwegs. Die Neunjährige saß den Angaben nach bei Friemersheim auf einem Stein und rutschte plötzlich ins Wasser.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Beim Baggern im Rhein machten Arbeiter in Rees (…) einen gruseligen Fund. Sie zogen einen menschlichen Oberkörper aus dem Wasser! Die Arbeiten fanden in einem mit dem Rhein verbundenen Baggerloch statt, als plötzlich der stark verweste Oberkörper auftauchte. Wohl weil die Leiche wohl schon länger im Rhein trieb, waren Unterkörper und Arme abgefallen, nur Torso und Kopf sind übrig. Die Identität der Leiche ist noch ungeklärt, genauso das Geschlecht. Die Kriminalpolizei Kleve hat Ermittlungen eingeleitet, die menschlichen Überreste werden zeitnah obduziert.” (Der Westen)

Dem Erbprinzen von Weimar, als er nach Paris reiste. In einem freundschaftlichen Zirkel gesungen.

So bringet denn die letzte volle Schale
Dem lieben Wandrer dar,
Der Abschied nimmt von diesem stillen Thale,
Das seine Wiege war.

Er reißt sich aus den väterlichen Hallen,
Aus lieben Armen los,
Nach jener stolzen Bürgerstadt zu wallen,
Vom Raub der Länder groß.

Die Zwietracht flieht, die Donnerstürme schweigen,
Gefesselt ist der Krieg,
Und in den Krater darf man niedersteigen,
Aus dem die Lava stieg.

Dich führe durch das wild bewegte Leben
Ein gnädiges Geschick!
Ein reines Herz hat dir Natur gegeben,
O bring es rein zurück!

Die Länder wirst du sehen, die das wilde
Gespann des Kriegs zertrat;
Doch lächelnd grüßt der Friede die Gefilde
Und streut die goldne Saat.

Den alten Vater Rhein wirst du begrüßen,
Der deines großen Ahns
Gedenken wird, so lang sein Strom wird fließen
Ins Bett des Oceans.

Dort huldige des Helden großen Manen
Und opfere dem Rhein,
Dem alten Grenzenhüter der Germanen,
Von seinem eignen Wein.

Daß dich der vaterländ’sche Geist begleite,
Wenn dich das schwanke Brett
Hinüberträgt auf jene linke Seite,
Wo deutsche Treu vergeht.

(Friedrich Schiller)

Bonn

bonn_altstadtSummer in the city. Sonne leuchtet allgegenwärtige Ehemaligkeit aus. “Bonn. Berlin. Brüssel. Bonn.” heißt es bündig auf einem Sticker der notorischen Partei Die Partei. Als alliterierende Ansage im B-Bereich ein dadaistisches Moment in der linksalternativ dominierten Altstadt, die jedoch keinen alten Stadtkern bezeichnet, deren Name sich vielmehr unsichtbaren Arms an der längsten Theke der Welt, der Düsseldorfer Altstadt, anlehnt.

bonn_pippilotta“Alle Menschen werden älter / Alle Menschen werden gleichzeitig alt / Jeden Tag, jede Stunde, pro Minute, pro Sekunde / werden alle Menschen gleichzeitig alt”. Harald “Sack” Zieglers Songzeilen gelten für Heldinnen wie für Flaneure, die Schablonen-Updates ihrer Heldinnen fotografieren.

bonn_rhenus bicornisNoch älterer Held: Vater Rhein als Rhenus bicornis, vermutlich Teil eines römischen Grabmonuments aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, als janusköpfiges Relief unprätentiös auf einem brusthohen Sockel positioniert auf dem Parkstreifen der Adolfstraße.

bonn_yesterdays poemDeutlich jünger, dennoch veraltet: das Gedicht von gestern.

bonn_beobachterZeitlos hingegen: der stille Beobachter.

Der Rhein. Eine europäische Flußbiografie

Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie war die größere der beiden, parallel stattfindenden Bonner Rhein-Ausstellungen betitelt. Zu besuchen war sie in der Bundeskunsthalle und erlangte reichlich Aufmerksamkeit auch in der überregionalen Presse.

Vom LVR-Landesmuseum in Bonn sind es nur wenige Straßenbahnstationen zur Museumsmeile am Rande des ehemaligen Regierungsviertels. Grauer Jännerregen plästert: eine neoromantische Deutschlandinszenierung mit tagsüber eingeschalteten Autoscheinwerfern entlang pudelesk begossener Bauten. Die Ausstellung findet in einem Rundgang wellenförmig geschnittener, großzügig mit Vitrinen ausstaffierter, thematisch geordneter Kojen statt. Dicht bei dicht hängen Wandexponate. Über Audioguide gibt die deutsche Stimme Robert De Niros kurze Erklärungen zu ausgewählten Stücken ab. Direkt in der ersten Koje Andreas Gurskys Rhein II im Original: das berühmte Foto, das wir in der bilderstrom-Ausstellung erst vermisst und dann als Laminat aus dem Besenschrank unter die Nase gehalten bekommen hatten. Gegenüber sowohl Moritz von Schwinds monumentaler, als auch Max Ernsts grünblaugrüner, surrealistischer “Vater Rhein”: hier wird auf den ersten Blick geklotzt und zugleich gekleckert. Die erstaunte Frage, was diesem Auftakt wohl folgen solle, beantwortet die zweite Koje u.a. mit einem vermüllten Landschaftsmodell Dieter Roths, unserem Lieblingsstück der Ausstellung. Auch dieser Raum wirkt chaotisch und zu 80 bis 100 Prozent dem rheinsein-Konzept entlehnt. Ein Eindruck, der sich von Koje zu Koje abschwächt. Je weiter wir schreiten, desto strenger umreißen die Kojen ihre Themen. Zunehmend sind Exponate aus dem ökonomisch-politischen Komplex zu betrachten, den rheinsein bisher weitgehend ausgespart hat.

Da wir den Besuch gemeinsam mit unserem französischen Korrespondenten Roland Bergère unternehmen, verleiten insbesondere die Darstellungen des Rheins als Grenzfluss, etabliert mit der Eroberung Galliens durch Caesar, hier ausschließlich als neuzeitliche Symbollinie deutsch-französischer Konflikte dargestellt, zu rhetorischen Fortsetzungen vergangener Kriegsakte mehr bis minder hoch angesehener Militärs und Staatsmänner. Ungefähr auf der Hälfte des Rundgangs führt ein Kino zwei oder drei kurze Dokumentarfilme in Endlosschlaufe auf. Vielleicht weil es in den Kojen bis dahin an Sitzgelegenheiten mangelt, sind die Kinoplätze stark begehrt. Ein neuer Film trägt im Titel stolz die falsche alte Rheinlänge – was wir, aufgrund Platzmangels auf dem Teppichboden Platz nehmend, zu sehen bekommen, deckt sich weitgehend mit Inhalten der jüngsten Rhein-Dokus der öffentlich-rechtlichen Sender. Zumindest soweit wir folgen können, denn aus dem Kindern vorbehaltenen Nachbarsaal ertönt in Intervallen organisiertes Gejohle, welches das Kinoprogramm übertönt.

bonn_beethoven_lüpertzBlaugesichtige Beethoven-Büste von Markus Lüpertz, aufgestellt 2014 in der Bonner Innenstadt unweit der Universität und des Rheinufers

Sitzgelegenheiten finden sich dann wieder in der letzten Koje, der größten, in der wir zu Wagnerklängen über Kopfhörer, leichten Ermüdungserscheinungen trotzend, aus sämtlichen, leider nur beschränkt zur Verfügung stehenden Blickwinkeln Joseph Beuys’ Rhein Water Polluted, eine vom Künstler signierte Glasflasche voll gefärbten Wassers, betrachten – und das zuvor Erschaute auf dieser meditativen Oberfläche Revue passieren lassen: neben viel Bekanntem und Teurem bietet die Ausstellung auch seltener beachtete Aspekte der rheinischen Geschichte in reichem Maß. Geflissentlich verliert sie sich, gleich einem Fluss, um in der nächsten Windung mit Pomp zurückkehren. Interaktionsmöglichkeiten Fehlanzeige. Die Begehung evoziert das Gefühl, die Ausstellung zu erfassen bestünde in (intensiver) Arbeit. Die sich auf zwei Stunden, ebenso gut jedoch auch auf zwei Tage verteilen ließe. Reichlich Input, der das Bewusstsein um die dazwischen klaffenden Leerstellen gleich mit befördert. Kunstlicht, Messe-Atmosfäre und ein leiser Sensationismus, der sich nicht erfüllen mag. Draußen plästert es wieder oder weiterhin. Wir schlendern durchs Regierungsviertel ans Rheinufer. Der Blick auf den Strom: selbst im Regengrau wirkt er besser, realer, tiefgehender als jede Ausstellung.