Vaduz

Rheinisches Liedgut von der Donau: das Erste Wiener Heimorgelorchester widmet sich einigen bisher wenig besungenen Ortschaften am jüngeren Lauf des mächtigen, psychologisch noch garnicht erfaßten Bruderflußes (und seines Einzugsgebiets), welchen hendiadyoinisch zu erwähnen im Fluß der Melodie es definitiv nicht braucht – und dessen letzter regierender Fürst seit je die innigsten Verbindungen zum Lande Österreich und seiner tiefenstrukturierten Hauptstadt pflegt: „in Balzers und Davos läßt man nicht richtig los“, „man fürchtet sich in Planken sogar vor dem Gedanken“, „in Walenstadt und Quarten will man noch etwas warten“ (na? auf was? s geht um den Rhein natürlich, letztlich, garantiert, denn, um in freischwebender Logik zu verharren: „das menschliche Leben ist wie ein Wasserlauf.“ (Bertrand Russell)), „man fragt sich oft in Schaan, wo wird es noch getan?“ – natürlich tut mans (refraintechnisch ein Glücksfall!) auch (aus Schaaner Sicht) beim Agglomerationsnachbarn in Vaduz, während die Triesener fatalerweise gleich zu Beginn des Songs hintüberfallen, was aus Nonsens realtaugliche Orakel schnürt: Textgestaltung und Sound erinnern an frühe und beste Düsseldorfer Elektropoprocker. Auch das Video ist ein Hit!

Bad RagARTz

Auf der Suche nach Ersatz für meine hochalpin final zu Klump gewanderten Citytreter in Bad Ragaz gestrandet. Natürlich gibt`s in diesem poshen Örtchen nichts annähernd Bezahlbares, von Schuhwerk ganz zu schweigen – dafür aber jede Menge Skulpturales zum Gratis-Anschauen: es läuft die „4. Schweizerische Triennale der Skulptur in Bad Ragaz und Vaduz“, bedeutet: enormes Skulpturenaufkommen in Vorgärten, an Straßen, Promenaden, im Kurpark, vorm Bahnhof, selbst über der rheinwärts hetzenden Tamina sind Gruppen geflügelter Kamele (?) aufgespannt, lauter artiges Kunstwerk, mal spielerisch (Blau Miau: ein schlankes Riesenkätzchen toute en bleue), mal intellektuell unterfedert – und es scheinen schier mehr Skulpturen als Einwohner pro Quadratmeter anzutreffen im für die Triennalen-Periode hochoriginell in „Bad RagARTz“ umbenannten Dörfli, auch wenn, das sei fairerweise angemerkt, Einwohner von Skulpturen, nebst der üblichen Gartenzwerge, oft nicht klar voneinander unterscheidbar sind für den auswärtigen Besucher, selbst wenn er all diese Bemühungen absichtlich differenzierend zu wägen und zu schätzen sucht. Über Bad Ragaz weht desweitern ein dünner Hauch ale- und edelparfumgesättigten Schweißes der aktuellen Spielertruppe des großen FC Liverpool, dessen Premier League-Kader in dieser Atmosfäre traditionell sein Sommer-Trainingslager abhält: entsprechend tollen Kinder und Jugendliche in Fernando Torres-Shirts über die Straßen, trimmen ihr Schwyzerdütsch auf Merseyside-Scouse. Allem Schuhklump an meinen Füßen zum Trotz folge ich den Wegweisern zur Taminaschlucht, einem weiteren zivilisatorisch moderierten Naturversprechen der Alpen. Bergan, bergan. Mit geschlossenen Augen vorwärtstorkelnd in den Schluchtenrausch. Rinnselnde schwitzende Berge. Badenixen in coolem Naturpool. Am Bodenbach-Sturz führt der Pfäferser Steg ins Wilde. Pfiffige Grilliertipps am Schwattenfall. Bergan, bergan. Nach rund einer Stunde erreicht: das barocke Bäderhaus von Bad Pfäfers, einst wirkte Paracelsus dort, 1969 wurde der Badebetrieb eingestellt, heuer dients als Multiplex-Ausflüglerlokal mit hübsch arrangiertem Glockenspiel und Rössliposcht-Revivalwägeli; belinst von sinistren Insekten die Bierbänkler und Rauschen, Rauschen, Rauschen. (Auf der Umgebungskarte ein Ort namens Fluppe, kann leider diesmal aus Zeitgründen nicht besichtigt werden.)

Schaan (2)

Siedlungsgeschichte besitzt Schaan wie soviele rheinische Flecken seit über 6000 Jahren. Die Kelten und andres sinistres Volk: die Römer errichteten ihrerzeit auf Schaaner Grund einen antialemannischen Schutzwall. Die heutigen Römer und Alemannen ficht das nurmehr archäologisch. Vom römischen Scana rührt der gleichnamige Konservenkonzern aus der geniösen Hilti-Familie, die mit ihren elektropneumatischen, auf Baustellen „religiös verehrten“ (Harald Schmidt) Bohrhämmern an der weltweit progredierenden Abrißgeschichte schreibt. Die neugotische St. Laurentiuskirche mit ihrem schlanken 81 Meter hohen Turm geht vektoriell konform mit den dahinterliegenden Bergspitzen, auf die sie weist, bis und damit diese wiederum auf den Himmel weisen, eine Bahn nachdeutend, die Gottes Sohn zu Christi Himmelfahrt und unser aller Heil vorgeflogen haben mag. Dem Vater des Volkes, dem Helfer der Armen, dem Freunde des Friedens, dem Hirten der Kunst, kurz: Fürst Johann dem Guten (1840 – 1858 – 1929) ist ein an sozialistischen Realismus erinnerndes Relief an der talzugewandten Westseite gewidmet, daß der wenigen guten Leute gedacht werde, im Himmel wie auf Erden. Sechs Kilometer lang ist der Schaaner Kulturweg mit einigen dreißig Stationen, das Rheindenkmal eine Felstafel-Erinnerung an die große nationale Überflutungs-Katastrofe von 1927 mit Danksagung an die edlen Helfer und Spender in der Not plus Höchstwassermarkierung. Am Rheinhof künden skulpturierte Wasserspiele von der genauen Lage Schaans nach heute gängigen Vorgaben (*), der Zollimbiss offeriert „Echte Döner Kebap!!! Nur von Kalbs Plätzli“. 1943 notwasserte ein US-Kampfflieger im Schaaner Rhein, um Zentimeter auf der Schweizer Grenze, also im Buchser Rhein. Die Umbauten im Schaaner Zentrum erinnern an jene vom Potsdamer Platz, während sich von Süden her mit einigem Selbstbewußtsein die Ortschaft Triesen der Schaan-Vaduzer Megalopolis (Schaduz? Vaaan?) nähert, während sich die imposanten Holzhäuser nach und nach in der Mischarchitektur verkrümeln. Ich habe mitten im Ort ein flüchtiges Wesen mit rheinblauen Augen erkannt und mir ist es gelungen, einen Schnellzug den Schaan-Vaduzer Bahnhof passieren zu sehen.

(*) Schweizer und deutscher Nullpunkt sollen sich bei einem rheinüberschreitenden Brückenbau verhindernd ausgewirkt haben: ersterer liegt am Mittelmeer, letzterer an der Nordsee und dazwischen entscheidende Höhenzentimeter.

Schaan

Rheinsein erobert seinen Lieblingszwergstaat, das Fürstentum Liechtenstein, verortet sich zumindest im dortigen Schaan. Genauer gesagt: ziemlich exakt zwischen lokalem Programmkino und Migros, umspült von jeher kühl und klar schießenden, mit improvisierten, nichtsdestotrotz vertrauenswürdigen Bretterkonstruktionen überbrückten Gießen, unweit der restlos alle sieben Wochentage bis zum Schluß geöffneten Damage Bar, gegenüber dem an die Durchgangsstraße zur Schweiz eingebuchteten Ha Long Take-Away. Schaan… hat Elan, behauptet die Eigenwerbung dieser mit der fürstlich-liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz mittlerweile zum kaum mehr überschaubaren Agglomerationsgebiet zusammengewachsenen Rheinmetropole. In der Tat, Schaan… hat Elan: die Bautätigkeit ist enorm, die Busse fahren grob nach Plan. Auch alpenbestanden büßt das Rheintal nichts von seinen verkehrs- und baulärmerischen Qualitäten ein. Zumindest nicht in Liechtenstein. In den Gärten reifen auf verheißungsvollste Art formschöne Spalierbirnen, wälzen sich frühe Glasäpfel waidwund auf meditativ rasierten Rasenflächen. Spielerisch, ungelenk und sinnlos sich bespringende Kühe mitten im stets Richtung Zukunft orientierten Schaaner Zentrum; Geruch frischgebügelter Fränklinoten mit Akzenten von Pferdeschweiß. Im össara Loma schießt der Ribelmais. In den Vorgärten schwellen Hortensien: kalbskopfgroße Blumenmonster saisonaler Schönheit zwischen den Bergrücken. Es muß mal gesagt sein: von der Eisenbahntrasse zwischen Sargans und Buchs sieht Liechtenstein sehr niedlich und winzig aus, ziemlich genau so wie in allen billigen Witzen über dieses erstaunliche Land – doch ist dieser äußerst rare Flecken erst einmal betreten, weitet und vertieft er sich plötzlich ungemein, die Straßen werfen, nebst ihren Baustellen, lauter bedeutungsschwere Häuser auf. In denen lauter ungewöhnliche Begriffe lagern. Wie Zustupf (dt.: Geldgabe/Spende) z.B. Dies nur als kleiner, randseitiger, beliebig mit tausend anderen multiplizierbarer Ansatz interkulturellen Verstehens, Scheiterns, Liebens etc. Rheinsein jedenfalls ist soeben erst in der Alpenregion angekommen, sucht noch ein wenig Orientierung, und mag jubelnd vermelden, daß der Geist des Schaaner Autors Stefan Sprenger sich dankenswerterweise einfach mal so, aus dem angewandten Weltverständnishandgelenk, als guter Stern über alle anstehenden Regionalerkundungen an den Rheinsein aktuell verfügbaren Abendhimmel emporgeschwungen hat; welch letzterer mit den Sternbildern des Milchbrötchens und des iMacs in übernatürlicher Klarheit protzt, eine seltene stellare Konstellation, die sowohl auf übermäßigen Wortfluß hinweist, als auch auf feinste (resp. gröbste) alpine Zerdrängung.

Wanderer, kommst du nach Liechtenstein…

Es existiert, zumindest im geistigen Sinne, für Auswärtige eine gewisse Varianz von Annäherungsmöglichkeiten an Liechtenstein. Zu meiner Kindheit hieß es allenthalben nur, Liechtenstein sei ein „Briefmarkenland“ und in meiner infantilen Fantasie war das ein klitzekleines, kaum mehr als vorgartengroßes Gebiet, ganz und gar mit bunten Marken zugekleistert, beherrscht von einem riesigen zentralen Postamt – in Gestalt und Größe vergleichbar dem heutigen Postamt von Vaduz. Später, in der gymnasialen Quinta oder Quarta, proklamierte mein Lateinlehrer B. den berühmten Gedenktafel-Vers „Wanderer, kommst du nach Liechtenstein…“(*), der sich spartanischemeilentief in mein Gedächtnis grub und manchem braven Liechtensteiner vermutlich ebenso weit zum Hals heraushängt. Jedenfalls wollte ich Liechtenstein seitdem unbedingt einmal per pedes bereisen. Erstmals fysisch genähert habe ich mich dem Fürstentum dann allerdings mit der Bahn über eine eigentlich ansehnliche Schweizer Landschaft, die sich jedoch nicht entblödet mit riesigen Heidiland-Lettern für sich zu werben. Von Sargans aus ging es mit dem Auto weiter. Ich war erstaunt wie problemlos das Vordringen auf fürstliches Hoheitsgebiet vonstatten ging – keine schwerbewaffnete Grenzkontrolle, nicht mal Kofferträger, garnichts. Schwupps, ging es über die Brücke: „Das dort isch dein Rhein“, hochdeutschte mein Chauffeur gerade noch so eben, da hatten wir denselben bereits überquert: „Jetzt sind wir in Liechtenstein!“ So schnell und spektakulär können Träume in Erfüllung gehen. Vor uns ragte, glomm und dräute eine mit Fotoshop bearbeitete Bergkulisse aus den alten Liedern, in denen alles gut ist und sowieso seine Richtigkeit hat. Dort oben, stellte ich mir vor, würde in höhlenartigen Druckereien, als Alphütten getarnt, das ganze Geld hergestellt und gebunkert, für das Liechtenstein mittlerweile so berühmt ist. In der Dämmerung brächten Schwertransporter täglich einige Säcke hinab ins Tal. Ein Zehntel dem Fürst, der Rest würde nach altehrwürdigen Schlüsseln unterm Volk aufgeteilt. Alle profitierten: zuerst die Notare, Wachdienste, Industriebosse und Banker, dann der Plebs, ganz am Schluß sogar der lokale Dichter. Und drunt im Tal schien niemand Angst um sein Geld zu haben, nicht einmal der Dichter – äußerst bemerkenswert. Bald begriff ich, daß in Liechtenstein selbst die Lebensmittelpreise astronomische Höhen erreichen, nur damit ein minimaler Bruchteil des ganzen schönen Geldes überhaupt verkehrt und Nutzungsspuren sammelt. Ein interessantes Wirtschaftssystem. Doch habe ich nicht vor, von profanen Dingen zu berichten. Mich interessierte in Liechtenstein nämlich, weiter oben im Text hat sichs bereits leise abgezeichnet, vor allem der Rhein, der ja aus vorantikem Göttergeschlecht stammt. Mit ihm, der in Köln als jecke Vaterfigur bekannt ist, wollte ich hier in seiner Eigenschaft als jugendlich-alpiner Draufgänger meditative Zwiesprache halten und nach Möglichkeit herausfinden wie seine hiesigen Jünger über ihn dächten. Ich fand ihn eingezwingert, gerichtet und psychologisch zum ewigen Fluchtpunkt degradiert. Neben ihm her schossen hübsche Gießen. Jünger hatte er sonst kaum welche. Ich wandelte auf dem Damm, befuhr ihn mit dem Fahrrad. Immer hin und her. Durch die Zeiten, durch die Wetter. Der Fluß hatte mir nicht viel zu sagen. Hier und dort warf er eine Kiesbank auf, wusch symbolisch Unmengen Schotter. Eilte ansonsten schnell davon, wie einer, dem etwas unangenehm ist, entwand sich ansatzlos meinen Fragen. Also suchte ich nicht allzu flußferne Kurzweil und verfolgte zu diesem Zweck im schmucken Rheinstadion mit seinen formschönen Sitzschalen aus Hartplastik ein Match des grandiosen FC Vaduz. Gegen eine allerdings noch grandiosere Mannschaft aus Zürich. Höher als das Resultat fielen nur die Eintrittspreise aus. „Außer Vaduz isch alles Scheißi“, sangen die einheimischen Fans und betonten Vaduz auf der ersten Silbe. In den Lücken und oberhalb der freistehenden Tribünen öffnete sich ein erhebender Panoramablick auf die mächtigen Berge nächst der liechtensteinischen Metropole. An den Fels geduckt hockte das klobige Fürstenschloß wie eine böse Kröte, die jede Bewegung im Tal registriert. Seit Tagen war der Himmel immer tiefer zwischen die Hänge gesackt, aus denen Dunst stäubte, und hatte bedrohliche Färbung angenommen. Grauer Niesel sickerte auf den Stadionrasen, und, als das Match beendet war, auch auf glitschige Straßen, zwischen verregneten Banken und Stiftungen bimmelten apokalyptische Glocken (der Niederlage wegen?), vereinzelt schlichen Untertanen durch die bei Kaiserwetter durchaus ja postkartentaugliche Gegend und ließen die Schultern hängen. Häufiger als auf Menschen traf ich auf renitent im Freien weidende Kühe, deren Augen nichts als Wahnsinn, Trauer und Einsamkeit verhießen. Es war dieser Tag, der mich dazu verleitete, Liechtenstein – poetisch komplex – mit einem liegengebliebenen Cabrio zu vergleichen, das trotz oder wegen seiner modernen Elektronik dem Insassen volle Fahrt vorgaukelt und es war derselbe Tag, an dem ich mir – poetisch sicherlich griffiger – selber zuraunte: wenn ein Traum Wirklichkeit wird, heißt das noch lange nicht, daß man deswegen das Regenzeug zu Hause lassen sollte.

(*) …tritt nicht daneben, tritt mitten rein.