Schaaner Weih- und Rauhnächte

Es seien die Rauhnächte Tage außerhalb der Zeit, Türen zu Zwischenwelten, in denen Menschen sich in andere Wesen verwandelten, Tiere in menschlichen Dialekten weissagten (wer sie jedoch dabei belauschte, stürbe sogleich), ganz allgemein sich aus dem Rauhnachtalltag detailliert das kommende Jahr voraussagen ließe und Träumen dabei eine spezifische Bedeutung zukomme, weswegen sie besonders beachtet werden sollten.

27. auf 28. Dezember: Wir schwammen in einem blasenwerfenden Käsemeer (moitié-moitié, Gutedel, Herisauer Kirsch, recht wenig Maisstärke), die Schwimmbewegungen blieben trotz der Behinderungen, welche der anhaftende, Fäden ziehende Käse verursachte, flüssig: langsamer, gleichmäßiger, richtungsloser Crawl. Das Meer glich einer sich ins Endliche dehnenden, mithin zuckenden Scheibe, in schwer definierbarer Entfernung umgeben von unerklimmbaren Steilküsten aus weihnachtsbeleuchteter Caquelon-Keramik. Es zog uns in die Tiefe, wir tauchten. Je tiefer wir gelangten, desto flüssiger und durchsichtiger wurde das Käsegewässer, bald verwandelte es sich in ätherisch glimmenden, geheimnisvolle Rheinströme enthaltenden Schnaps, bald in simpelst bewohnbare Blasen aus Landluft, ein Zicklein tollte umher, wir sprachen es an: „Hoi, Zicklein, sag an, was ist deine Lieblingsfarbe?“ „Kartoffel“, antwortete das Zicklein, „oben grün, unten braun.“ Wie zum Beweis trug das Zicklein wildes Kartoffelgrün auf seinem Köpfchen, durch das der Föhnwind mit Buchstabengewalt rauschte, sodaß einzelne Wörter aus dem Gebüsch auf des Tieres Schädel zu Boden rieselten. Dort schnürten sich die Wörter wie Gewürm zu Sätzen, die lauter groben Unsinn ergaben. Lange befaßten wir uns mit dem Humbug nicht; schnitten stattdessen dem Zicklein einen Mistelzweig mit vielen schönen viscinösen Beeren, den es mit den Worten verschmähte, daß Knollen ihm hundertmal lieber wären, mindestens. Was blieb da zu tun? Wir küssten das Zicklein, es verwandelte sich in eine hübsche Bauerntochter, die sofort mit dem Traktor davonfuhr. Über dessen Auspuffgasen drehte sich der Himmel einige Male um die eigene Achse und bot, kaum wieder zum Stillstand gelangt, eine schwarze Tür. Dahinter lag das bekannte Hallenbad, in dessen 50-m-Becken der Bosporus sich sammelt und mal nach links, mal nach rechts strömt. Wir betraten den Ort zum ersten Mal. Auf den Startblöcken saßen Angler. Von hinten sahen sie ganz korrekt wie Türken aus. Obgleich Ausländer, gesellten wir uns ihnen zu. Als Angellaie bewiesen wir zunächst einiges typisches Ungeschick im Umgang mit Haken, Köder und Wurftechnik. Man staunte, lachte und unterwies uns schließlich, auf daß kein Unglück geschehe, mit reichlich Lässigkeit in angemessener Handhabung des Geräts. Und siehe da: kaum hatten wir die Angel ins Schwimmbecken (i.e. den Bosporus) ausgeworfen, straffte sich die Leine: „Ein schneller Fang, aber ein schwerer Fang“, behauptete der Türke zur Linken. Indem er beide Arme an seinen Körper preßte und seinen Körper in rückwärtige Schräglage brachte, zeigte er, wie wir zu ziehen hätten. Nach kurzer Zeit war unsere erste Angelbeute aus den Tiefen des Orkus hervorgezogen: ein leeres 20 Liter-Aluminium-Faß der Marke „Super Beer“. Wir fingen noch zwei magere Fische und einige Badelatschensohlen. Unterdessen senkte sich der Wasserspiegel des Bosporus bis auf wenige Zentimeter über seinem nun gut sichtbaren Kachelboden. Bald verloren wir das Interesse an diesem Türkensport. Der Notausgang bei den Umkleiden führte auf eine wacklige Fußgängerhängebrücke, die nur von wenigen Türken beschritten wurde. Sie bestand aus lose verbundenen Holzplanken, überspannte das Goldene Horn und sah sehr unzuverlässg aus. Ein Warnschild wies auf das für Brückenquerungen zulässige Höchstgewicht: 85 kg pro Türke, 95 kg pro Ausländer. Zwar wogen wir ein paar Kilo mehr, doch das scherte uns nicht. Den Türken war es auch egal. Alle gingen möglichst zügig über die Brücke. Unten warf das Meer öligschwarze Kräuselwellen. Die wenigen Menschen auf dem Weg schwiegen eisern, ihre Gesichter waren zu beschnäuzerten Masken erstarrt; einige von ihnen kämpften, ohne daß sie es sich anmerken lassen wollten, mit der Seekrankheit. Am Ende der Brücke fehlten Planken. Um an Land zu gelangen, war ein Sprung vonnöten, den nicht jeder wagte, da das Land aus glitschigem Fels bestand und der Abgrund zwar kein allzu tiefer, dafür umso schwarzer und öliger war. Mit der Kraft beider Schenkel drückten wir uns von der letzten Brückenplanke ab – und landeten mitten auf der weihnachtsbeleuchteten Schaaner Landstraße mit ihrem regen Verkehr Richtung Vaduz und Nendeln.

Der Traum ist noch nicht zur Gänze ausgedeutet (unsere Experten streiten seit Stunden um diverse Details), auch ist unklar, ob es sich ausschließlich um Traumsequenzen handelt, da einige Fotos existieren, die auf das Gegenteil (nämlich reale, vor allem mit Lichtern und Tieren, also klassisch ausgestattete Weih- und Rauhnachtserlebnisse) schließen lassen. Da wir versichern können, noch am Leben zu sein, werden die darauf zu erblickenden Tiere immerhin nicht wirklich in Menschensprachen gesprochen haben. (Fortsetzung folgt)

Almabtrieb

Heimkehr von der Vadozner Alp Pradamee, gesehen auf Höhe Triesenberg.

Das Lachen der Hühner: Rezension

Eine erste Rezension (von Janine Köpfli) zu Das Lachen der Hühner erschien, flankiert von einem Foto des aufgeschlagenen Bändchens,  gestern im liechtensteinischen Kultur-Monatsmagazin KuL:

“Ein kleines, einfaches Heft, mit Heftklammern gebunden, gibt einen besonderen Eindruck von Liechtenstein. Stan Lafleur und Helena Becker kombinieren Gedichte und Papierschnitte – hübsch, kritisch und zum Schmunzeln.

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Bewusst unscheinbar und schlicht scheint Helena Beckers und Stan Lafleurs Büchlein gestaltet worden zu sein. Es erinnert ein wenig an selbst gebastelte Hefte – so wie man sie in der eigenen Schulzeit fertigte, um die ersten selbst geschriebenen Geschichten und passend dazu die Zeichnungen zu binden. Ein umweltschützendes Trennblatt, das ein bisschen dicker ist als normales Papier, dient als Umschlag – einfach, ohne Schnickschnack, kurz und bündig: «Das Lachen der Hühner» von Stan Lafleur und Helena Becker. Und doch ist es wie jenes Geschichtenheft aus der Schulzeit, das das Kind mit Stolz in den Händen hält, weil es viel mehr ist, als auf den ersten Blick ersichtlich. Schon das grobe Durchblättern zeigt die Qualität, die von der Schlichtheit – von diesem unspektakulären Schwarz und Weiss – ausgeht. Helena Beckers Papierschnitte zeigen Szenen aus Liechtenstein, vornehmlich architektonische Aspekte der elf Gemeinden, wie es in einem Pressetext zum Büchlein heisst. Ortstypische Tiere stehen im Vordergrund, Störche in Ruggell, Hasen in Schellenberg oder Maikäfer in Vaduz. Elf Papierschnitte, die nicht immer zu Stan Lafleurs Gedichten passen. Dies sei aber auch nicht die Absicht gewesen, denn Texte und Bilder entstanden «zu weit überwiegenden Teilen unabhängig voneinander», heisst es. Es sind zwei nebeneinander laufende Zyklen, Eindrücke, die selten die ländliche Idylle zeigen, die so gerne mit Liechtenstein verbunden wird. Vor allem Lafleurs Gedichte beschreiben die Aussensicht auf den Kleinstaat. Der Autor lebte mehrere Wochen und Monate in Liechtenstein. Er beschreibt Gottesreste und Strassenlärm, Almrausch und Geldkäfer, Treuhändersümpfe und zahnspangige Teenies, die sich in Fremdenfeindlichkeit üben und ihre Lehrer beleidigen. Papierschnitte und Texte gehen ihre eigenen Wege, im Gemeinschaftsband schreiten sie Liechtenstein aber parallel in Nord-Süd-Richtung ab und weisen hie und da thematische Gemeinsamkeiten auf. Herausgebracht hat das Heft voller Liechtenstein-Gedichten und Papierschnitten die Kölner «parasitenpresse» anlässlich der Leipziger Buchmesse vom 17. bis 20. März. Ein originelles Heft – einfach und unspektakulär und doch einzigartig in seiner Offenheit und Ehrlichkeit.”

Das Lachen der Hühner: Bonusmaterial

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Das Lachen der Hühner ist womöglich die erste künstlerisch-literarische Kompaktbeschreibung des Fürstentums Liechtenstein in der Moderne. Von Anfang an war der Band auf je elf Gedichte und Bilder veranschlagt, den elf Gemeinden des Landes zu entsprechen. Rheinsein zeigt nun in einer Miniserie, exklusiv und den Start des Bandes begleitend, etwas Bonusmaterial: Bilder und Texte, die es nicht in den Band schafften. Den Auftakt macht eine Stadtansicht von Vaduz (von Helena Becker).

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer.

Bestellbar über den lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei Rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.
In Liechtenstein sind die Bände in den Buchhandlungen Bücherwurm/Vaduz, GMG/Schaan und Omni/Eschen vorrätig.

Preis für Besteller aus Deutschland: 9 Euro (inklusive Porto und Verpackung)
Preis für Besteller außerhalb Deutschlands: 9 Euro / 12 Schweizer Franken (plus Portopauschale)
Ladenpreis: 9 Euro / 12 Schweizer Franken

Cologne piece

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Wahlweise als Cologne piece, Cologne log piece oder Float piece betitelt findet sich diese höchstrheinische Arbeit Bill Bollingers, dem das Kunstmuseum zu Vaduz derzeit eine Retrospektive widmet. Schwerkraft, Gleichgewicht und Spannung seien Bollingers Grundideen gewesen, erklärte Kuratorin und Vernissage-Rednerin Christiane Meyer-Stoll, die Bildhauerei fortzuentwickeln: eine Radikalisierung. Damit habe Bollinger Ende der 60er, Anfang der 70er Maßstäbe gesetzt und zur ersten Riege seiner Zunft gezählt, sei dann jedoch, weil er sich als alleinerziehender Vater das Leben in New York nicht mehr leisten konnte, nach und nach aus dem Kunstzirkel gebröckelt. Wie immer wenn Künstler, die zu Lebzeiten vergessen oder fallen gelassen wurden, posthum geehrt werden, vermeinen wir plötzlich Risse im Raum-Zeit-Kontinuum wahrzunehmen, aus denen bedrohliche Materie quillt. Diese eigenartige Form der Halluzination geht einher mit Hitzewallungen, die weitere Wahrnehmungsstörungen hervorrufen, sodaß wir uns einem solcherart präsentierten Werk kaum noch unbefangen nähern können: unweigerlich atmen wir die Aromen des Todes, des Vergessens und der Wertsteigerung, ein betäubendes Gemisch. So schien uns gestern etwa der Museumsboden zu flimmern und Bollingers darauf gebreitete Werke anzugreifen, ja gar: zu schlucken – eine verzweifelte Widerstandsaktion des ewig getretenen Parketts. Schwerkraft, Gleichgewicht und Spannung gerieten in den Waber der heiligen Unendlichkeit. Skelettierte oder rohe Ideen marschierten auf farblosen wassergelenkigen Spinnenbeinen in kontextfreier Selbstgenügsamkeit einher, führten eine Art Bienentanz auf, auf daß sie alle dem menschlichen Zugriff entkämen, verwertungsfrei und rein. Wir müssen sehr schockiert ausgesehen haben, denn die Aufsicht sprach uns mitfühlend an, hielt uns gar für einen Engländer. Sagen Sie das bloß nicht den Engländern, konnten wir der Aufsicht noch raten, bevor es uns gelang ins Freie zu torkeln. Wir radelten zum nahen Rhein, in dessen dunklen Fluten sich selbsterschaffene Holzskulpturen abzeichneten, Rümpfe, Rumpfideen gelassener Schicksalserwartung. Ihr baldiges Auftauchen und ebenso baldiges Verschwinden und Verschwappen übte beruhigende Wirkung aus. Wir hielten dem Treibholz eine stumme Rede. Es schien uns zuzunicken. Ein paar Sterne funkelten am Himmel. Die Welt war groß und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Die Kunstsoirée war, im Sinne der Kunst, an uns mal wieder vollständig gelungen.

Des Land isch nur luuter Schtrooss

Rheinsein bestreitet aktuell die Monatskolumne des KuL-Magazins des Liechtensteiner Vaterlands:

“Wenn ich in Deutschland gefragt werde, wie es denn in Liechtenstein so wäre, antworte ich meist banal: „Es ist das Paradies. Das heißt, es eigentlich genauso wie bei uns – nur sind dort die Autos wesentlich größer, die Häuser voluminöser (insbesondere ihre Garagen), der Verkehr dichter, der allgemeine Lärmpegel höher und die Leute glauben noch offiziell an Gott.“ Oder, wie die Einheimischen sagen: „Des Land isch nur luuter Schtrooss.“ Natürlich sollten solche Aussagen relativiert werden. Ich rede so, weil ich meinen unwissenden Gesprächspartnern gern das gängige Klischee von friedlich zwischen Treuhandfirmen, Stiftungssitzen (den Stiftungssinn umkehrender Stiftungen) und Bankhäusern grasenden Kühen in Unordnung bringe, welches das Liechtensteinbild der Deutschen für lange Zeit irreparabel durchseucht hat.
Zugegebenermaßen bin ich bei meinen Aufenthalten im Fürstentum nicht bis in die hintersten Täler der liechtensteinischen Seele vorgedrungen. Dafür habe ich die Oberflächenstrukturen des Landes mit der Pinzette abgetastet. Ich kenne die hübschen Almen, welche der Liechtensteiner als sein Naturerlebnis hegt, indem er sie, von Murmeln angepfiffen, mit dem Mountainbike erklimmt und hinabrast. Ich kenne aber auch all die mit höchstem Eifer genutzten asfaltierten Strecken, welche den Alltag des Liechtensteiners vom Morgen in den Abend schieben, während er an ihrem Seitenrande mit einer Hartnäckigkeit, die den deutschen Vorgartenmichel zum demokratisch übersättigten Faulpelz degradiert, den Rasen trimmt, stutzt, vertikutiert, als gäbe es kein Morgen und hätte Gestern niemals stattgefunden.
Von der vielbefahrenen, von Dopplereffekten nur so surrenden Straße fällt mein Blick über den mit gewaltigen Mähmaschinen bearbeiteten Vorgarten hinweg in eine Baulücke – die auf den zweiten Blick bereits keine mehr ist. Hinterm infernalischen Motorenlärm der Gartengeräte kündet zähes Klopfen von der Tätigkeit des pünktlich hinzugeeilten lückenschließenden liechtensteinischen Bauarbeiters. Sein Hammer gibt den Takt an: die Betonmischer stimmen ein. Allradgetriebene Benzinschleudern jaulen auf. Überm Tal erhebt sich die Landessinfonie. Unterm Schloß setzen die Laubbläser ein. Mählich sich steigernder Stakkatogesang einer Flex. Dieweil das Rollgitter vorm Schloßtor donnernd erzittert: ein absoluter Höhepunkt: der Fürst (oder ein sonstiges Mitglied der Familie) verläßt sein Domizil.
Es ist erstaunlich, daß der moderne Lärm noch keinen Widerhall in der zeitgenössischen Kunst des Landes erfahren hat. Dezibel Art. Tönende Ölschinken. Naive Bauernmalerei mit höllischen Motorsounds kombiniert. Kannibalistische Vertikutiererskulpturen. Grasfressende Maschinen mit zwiespältigen Botschaften. Der Hilti-Bohrhammer ersetzt die Fürstenkrone in der Landesflagge. Wer das Kunstmuseum betritt, hat die Wahl zwischen mindestens fünf landestypischen Sounds: per Knopfdruck läßt sich, sublime Interaktion, allerdings nur auf Höchstlautstärke, der Nächste mit Arbeitsgeräuschen beschallen. Alles im Rahmen der Kunst natürlich. Die ja ihre Epoche abbilden, erbauen und zum Nachdenken anregen soll. Was nicht ist, kann ja noch werden.
Aber vielleicht wäre das auch des Guten zuviel. Das Kunstmuseum als Refugium der Stille hat jedenfalls seinen – schützenswerten – Reiz. Drum hocke ich auch dort, bis es dunkelt. Ab abends gibt es weitere Orte der Ruhe, sogar in der Metropole Vaduz: so suche ich das berühmte ehemalige LGT-Geheimportal in der Gemeindetiefgarage auf. Meditiere davor bis Mitternacht. Über Geldflüsse, Gott und die Welt. Schlag Zwölfe mache ich mich auf. Im Land ist es, bis auf das viertelstündliche Erschallen der Kirchglocken, das nun nicht mehr vom Tageslärm übertönt wird, paradiesisch ruhig geworden.”

Rheineis

eisrheinÜberfrorenes Hinterwasser im äußersten Osten der halbstarken Kiesbank vor dem Vaduzer Rheinparkstadion. (Mit Dank für das freundlicherweise zur Verfügung gestellte Foto an: Thea Flach/Liechtensteiner Lärmkunsttrio)

Miss Liechtenstein

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Beim Besuch der Wahlen zur Miss Oberland im Rahmen des Vaduzer Jahrmarkts hatten wir uns eine radikale Kuhgrippe zugezogen, an der wir bis heute laborieren. Deshalb konnten wir auch nicht den Eschener Jahrmarkt besuchen, auf dem Miss Unterland, Miss Euter und Miss (Gesamt-)Liechtenstein (Siegerin Kenia oben im Bild) gekürt wurden – sodaß wir die Geschehnisse im Nachhinein den Zeitungen entnehmen mußten. Auch nach Eschen (wie zuvor schon nach Vaduz) waren demnach eigens neutrale Schweizer Kuhsachverständige geladen, die schärfsten, modernsten Kühe ausfindig zu machen. Kuhadäquate Fachbegriffe (Unteranlage, Drittlaktation, Rot- und Schwarzflecken, Cheibli, Vählatr) gehen uns nun wie auch immer locker von der Zunge. Und einige neue Kuh- (Amanda, Alwina, Andorra, Bella, Edelweiß, Elektra, Enzian, Gämsli, Hanni, Malta, Para, Primel, Tiffany, Toplady, Venus, Zora) stehen fürder neben nicht minder feschen Stiernamen (Eros, Glenn, Prinz, Zaster) auf der Bedichtungsliste.

Rheinische Tierwelt (9)

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Der erste Waschbär, der jemals in Liechtenstein gesichtet wurde, überlebte das Betreten des fremden Staatsterritoriums nur um wenige Minuten. Berichtet ein Schild zu einer Schautafel im liechtensteinischen Nationalmuseum zu Vaduz. Wo auch der ausgestopfte Corpus des betreffenden Tiers hinter Vitrinenglas zu besichtigen steht, gleichsam als subtile Warnung an unerwünschte Eindringlinge. Wie der Waschbär über den Rhein gelangte, oder ob er über österreichische Berggrate kam – wir werden es nicht mehr erfahren. Heidi Starck schnitt die letzten Sekunden des Tiers zu Schaan in Pappe: gut erkennbar der Kirchturm von St. Laurentius und die berühmten Schaaner Quitten.

Die Stahltür

LGT-Geheimtür

Den Wellenbewegungen des Geldflußes nachzuspüren, begeben wir uns in die Vaduzer Gemeindetiefgarage, auf deren zweiter Ebene immer noch jene berühmte „geheime“, doch nicht versteckte, vielmehr mit dem Auto befahrbare Stahltür vorzufinden ist, von der Heinrich Kieber erst der Welt erzählte, durch die ua den deutschen Staat so viele Gelder um-, um nicht zu sagen: demselben ent- und zielstrebig der höchstfürstlichen liechtensteinischen LGT-Group zuflossen, wo sie, hinter dicken Tresormauern, per pervertierter Stiftungsturbinen vertreuhandet, verquirlt und verzumwinkelt, zu unkenntlicher Energie transponiert wurden, so unkenntlich gestaltet wurden jedenfalls, daß sie ua dem deutschen Volke nachher fehlten wie sonstewas, daß dieses Volk, metaforisch gesprochen, wo steuergeldgenährte Struktur hätte erblickt werden können, sogar sollen, bloß in eine blasse, rheinauf führende Röhre schaute… – und um nicht nur den Wellenbewegungen des Geldflußes nachzuspüren, sondern auch ein Gefühl für den treudeutschen Röhrenblick gemeinen Volkes zu gewinnen, betrachten wir nun, wiederum betrachtet von der Vaduzer Gemeindepolizei, das stählerne Portal und fühlen uns dabei ganz unvermittelt blitzgeschwinde wie eine Figur, die Kafka vor langer Zeit bereits entworfen haben dürfte, eine Figur nämlich, die Einlaß (zu was auch immer, vermutlich zu so etwas wie ihrem eigenen lächerlichen Begriff „der Wahrheit“) verlangt, Einlaß, der ihr natürlich nie gewährt werden wird. Doch hebeln wir sogleich unsere kleinmütigen europäischen Denkweisen aus, um lotussitzend vor der abweisenden Türe, die ohnehin längst nicht mehr in den befahrbaren Tresor der LGT führt, und deren „den gemeinen Mann“ so blockierender Charakter die Neonbeleuchtung der Tiefgarage noch eindrücklich verstärkt, zu meditieren: und tatsächlich lösen sich aus dem unhörbaren Tönen und Tosen solch feinstofflicher Hirnvorgänge atomähnliche Partikeln, die sich zu wesentlichen Bildern verbinden, zu Flußdiagrammen, die darzustellen scheinen, daß vermeintlich sicher abgespeicherte Vergangenheiten (sogenannte „Perfekte“) frontal aus der Lücke zwischen Zukunft und Gegenwart zurückkehren und mit nicht geringer, reichlich Schaum aufwirbelnder Wucht einherstürzen können, fast jederzeit.