Vaduz (4)

stan lafleur schlafwandelt durch die rheinische sferiferie
Gestern mit Martin Smyrk im Rheinstadion, das Match zwischen den rheinischen Giganten der Schweizer Challenge League, FC Vaduz und FC Schaffhausen, zu verfolgen. Smyrk besorgte Freikarten für die Haupttribüne, sagte fatalistisch, die würden im ganzen Land verteilt, damit überhaupt noch jemand zu den Spielen gehe, und so genossen wir wahlweise einen prächtigen Blick aufs Spielfeld (durch Pierre „Litti“ Littbarskis exemplarische O-Beine – Litti, der momentan den Gentleman-Trainer des FC Vaduz abgibt) oder, wenn auf dem Feld nicht so viel los war, auf das romantisch-postkartinöse Schweizpanorama oberhalb der Gegentribüne mit seinen schneebekuppt-frühlingsgrünen Höhenzügen unter babyblauen Himmeln – soweit vorhanden zumindest, denn im Laufe des Matches zog sich die Schweiz hinter eine schwere schwarze Leere aus fortgeschrittener, aber verregneter Lichtlosigkeit zurück, wahrscheinlich auf irgendeine Konferenz. Auf der Südtribüne verlor sich unterdessen (inkl Kindern) ein knappes Dutzend Gästefans, ein fähnleinschwingender Haufe, der sich auf mitgeführtem Banner artig „Abarticus“ nannte und im Spielverlauf (evtl mittels Bierkonsum) sowohl eine wundersame Vermehrung an Fähnlein wie Personal voll- (es war grad noch so zu fassen), als auch, auf der blechernen Bandenwerbung, eine veritable Guggenmusik abzog, nebst Gesang, während die apathischen Heimfans bis ca zur sechzigsten Spielminute brauchten, um sich ein „uusse mit Schaffhuuse“ zurechtzudichten und hinauszushouten, da war der Fanslam jedoch längst zugunsten der Gästegruppe mit dem lustigen Namen entschieden, wenngleich auch jener der heimischen Supportertruppe, nämlich „Vaduz Nord“, nicht eines gewissen, nämlich subtilen Humors entbehrte. Zum Spiel bleibt nicht viel zu sagen: Smyrk erklärte mir emotionslos das schweizerisch-liechtensteinische Abseits, Littis rechter Zeigefinger kreiste und markierte oldschoolne Fußballgeheimzeichen in den flutlichtnen Dauerregen, Codes, die seine langaufgeschossenen Spieler aber nicht zu lesen vermochten, weshalb sie denn auch sang- und klangarm mit 1 zu 3 untergingen; auf der Gegentribüne immerhin schrie ein einzelner Irrer sich die Lunge aus dem Leib und fuchtelte mit den Armen, als setze er zum Rundflug an (kurz darauf war er tatsächlich verschwunden) und die lasche Fünffrankenservela ward mit noch lascherem Senf, dafür einer straffen Scheibe Brot serviert. 605 Zuschauer, für deren Besuch man sich bedanke, waren, kündete die Anzeigetafel irgendwann Mitte zweiter Halbzeit, im Stadion, und Martin Smyrk und ich zwei davon, wie uns klar wurde, als ebenjene Zuschauermassen auf der Anzeigetafel mittels simpsonesken Comicvisagen dargestellt wurden: Teil der Geschichte waren wir, jaha, jener großartigen, stets sich fortschreibenden rheinischen, allzu häufig parallel verlaufenden Geschichte der Siege, Unentschieden und Niederlagen, die auf dem gepflegten Rasen vor und im Stadionrund um uns derart symbolisch wie leibhaftig Entsprechung fand, daß wir uns beinahe küssten, so licht war dieser Erkenntnismoment, so klar und so erhaben. Der große Litti analysierte abschließend nach dem Match und durch die zunehmende Entfernung zu uns und/oder sich selbst immer kleiner werdend im Niesel das Geschehene fürs liechtensteinische Fernsehen, das es mittlerweile gibt und stattdessen aber lieber noch einmal das beliebte Portrait über den Schaaner Handorgelverein brachte, der dringend neue Mitglieder sucht.
Nahezu unvermeidlich, in den Kulturinstitutionen der Alpenrheinrregionen auf Johann Ludwig Bleulers, selbige Landschaften einfangende, Rheinveduten zu stoßen. Neu war Rheinsein allerdings bis gestern, daß Bleuler weit über Graubünden hinaus den gesamten Rhein bereist und dabei die üblichen (plus ein paar weniger übliche) Ansichten unter dem Titel „Les vues les plus pittoresques des bords du Rhin depuis ses sources jusqu`à son embouchure dans la mer“ in Gouache- und Aquatintatechnik als sein Hauptwerk niedergelegt hat. So geschehen zwischen 1827 und 1843, zu je 80 Motiven, die z.B. heuer begradigte Rheinpassagen noch unbegradigt und einen Dampf- und Segelschiffbetrieb von teils bestürzender Heimeligkeit zeigen, dies wiederum gezeigt in einer frisch eröffneten und bis Januar 2011 laufenden Ausstellung im Landesmuseum des Fürstentums Liechtenstein, welches selbst über einen begradigten Rhein verfügt, dessen Sosein in der Gegenwart sich mit Bleulers Blick beinah (nur beinah!) aus dem Museumsfenster abgleichen läßt. Zur Eröffnung gibt es, wie für solche Anlässe weltweit typisch, steif vom Blatt gelesene Dankesworte an den Leihgeber, Schicksalsdaten des Künstlers und einen stellvertretenen, aber herzerfrischenden Gruß der auch für Kultur zuständigen Außenministerin (Gruß zurück!). Die Bilder selbst sind nicht zu sehen, bis es endlich Schnittchen gibt, für die das Vernissagevolk aus dem von ihm selbst beengten und mit Sichtblockaden staffierten Ausstellungsraum zurück in den Vortragssaal strömt. Die Schnittchen wirken glasiert (mit Haarspray gestylt?), der Wein schmeckt (laut Aussage einer Expertin gar nach einer seltenen, angenehm leichten Note alpengekräuterten Kuhdungs – was den roten anbelangt), alternativ gibt’s das berühmte Brauhaus-Bier und nebenan sind noch ein paar Wiegendrucke aus der Anna-Amalia-Bibliothek Weimar zu besichtigen: Bibeln natürlich, das Narrenschiff, aber auch Shakespeare und die vorgeblich erste Dracula-Geschichte aller Zeiten. Ein wohlmeinender Vernissage-Besucher weist Rheinsein auf Bracciolini: Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen – hin und wir werden nachschauen, was es damit auf sich hat, wo die Bezüge zum Rhein stecken mögen und wie nützlich und lustig die Chose aus Ausländersicht tatsächlich ist.
Derart rheinwassergespeist, daß ihm der Helm blau anläuft: Hinni aus Vaduz, allwo die Hydranten nebst Kopfnummern klassisch-volkstümliche Namen tragen, die hauptsächlich auf -inni enden. Das fesche Stadtwappen-T-Shirt in bleigrau, der torsoartige S/M-Look mit stark verschlankten Fernanleihen bei R2D2 und seine straßenrandhafte Menschlichkeit machen den Vaduzer Löschwasserversorger zum sympathischen Reihen-Unikat in der internationalen Hydrantenszene.
Der Vandalismus hat Einzug gehalten im Liechtenstein der neuen, am (dreimal laut: haha!) sauberen (i.e. z.B. auch Köln beinhaltenden) Europa orientierten Ära. Molotowcocktails auf Wohnhäuser, eingeworfene Scheiben im unschuldigen Landesmuseum, zerstörte „Beleuchtungskörper“ der „Freizeitanlage“ in Mauren. So berichten beide Liechtensteiner Tageszeitungen „Volksblatt“ und „Vaterland“ ihrer Klientel über ein jahrzehntelang ungekanntes Horrorwochenende. Auf der Suche nach dem Liechtensteiner Ghetto fotografiere ich eine grasende Kuh vor zehngeschossigem Wohnhochbau, direkt am von ohrenschutztauben Laubbläsern gerockten Hang zwischen Vaduz und Triesen; darüber, im Dampfbad, die glitschigen Berge. Zentrale Straßen schreiben sich fort als peristaltische Reihung aus Bauernhöfen, Banken, Tanken, Gewerbe, Wohnhaus und Table Dance Bar, zwischen Landtag und Rathaus passen noch ein Souvenirshop (mit im fernen Ausland hergestellter, vorgeblicher Alpenware), ein Markenjuwelier und eine Pizzeria, die das Land durchziehende Hauptstraße als reißender Geldstrom, Kuhglocken und Motorrauschen, die argusbewachten Besucherparkplätze unterhalb der Stiftungen wachsen sich allmählich aus zu (noch nicht ganz) denkmalgeschützten Brachen einer soeben verwehenden Kultur. (Liechtenstein war einst=bis vor kurzem, proportional zu sich selbst gesehen, einer der größten bewachten Besucherparkplätze der Welt.) Autos verschwinden im Niesel, andere tauchen daraus auf. Ihre Geschäftigkeit hat etwas modernes, plastikbasiertes, zwischen Playmobil- und Echtwelt. Triesen beginnt entsprechend verspielt mit einem McDrive, in fosforgrünen Bussen grasen behütete Kinder der von allgemeiner Geldpotenzierung auf schnellen Reichtum verworfenen Neo-Bourgeoisie, üben heimlich das Zähnefletschen unter Aufsicht der fürstlichen Bastion. So wächst festverwurzelte bäurische Identität sich langsam aus und hinein in eine monetär bedingte Internationalität, ein geschmackvoll eingerichtetes Fake aus Weltläufigkeit innerhalb wohlstandsgedehnter Provinzialgrenzen (Dehnungen, die zuvorderst nach innen hin statt finden und erstaunliche Blasen werfen, doch:) begrenzt sind alle Ewigkeiten, so schließlich auch die Fassungslosigkeit.
Bei Steg zischt die Samina talab, um sich der Ill, somit dem Rhein einzuverleiben. In der Zwischensaison dämmernde Ferienhütten, auf Malbun zu mehrt sich harter nasser Schnee. An den Hängen warten ungeordnete Stellungen der Schneekanonen in bedrohlicher Ruhe auf das große Schießen. Malbun, dessen Nordhälfte zu Vaduz, dessen Südhälfte zu Triesenberg gehört, Namenspatron des Malbuner, zu Werbezwecken stilvoll alpengipfelig und im Geiste milkakompatibel („lila Kühe auf rosa Matten“) präsentierten, Rohschinkens aus der Ospelt-Fabrik – doch kein Schwein weit und breit. Steinbockgehörnte Teufel zu Füßen der staubsaugerklingenden Friedenskapelle mit untertitelten Heiligendarstellungen (darunter Ausschnitte aus dem Liechtensteiner Hirten-Ave („Oho! oho!“)) und Berglerflehen („Liebe Mutter mit dem Kind, breit deinen Schutzmantel über Hütt und Gsind“). Aufm Rundweg geht’s den Gipfeln zu, gesprenkelte, vom Donner getupfte Hangdrosseln flüchten sich in den Dämmer, mitten im Lawinengebiet ächzen tonlos trotz Verbots errichtete und nach lawinaler Zerstörung wiedererrichtete Häuser, der Pfad wird schneeiger, schmaler, rutschiger, droht sich im Allgemeinen zu verlieren, über feuchte steile Hänge gelingt der Abstieg auf die eisüberzogene Straße. Unter der dünnen Eisdecke herrscht ein abartiges Gewimmel amorfer schwarzer Schlangen, immer wieder überraschend und schier unermeßlich die Bösartigkeit der Berge, die zugleich so wunderbare Aussichten (hier aufn Säntis samt seinem Sendeturm) bieten, daß die Grundstückspreise die Gipfelhöhen noch übersteigen. Nach einigem Schliddern zurück im Dorfkern. Vom Wintersporthalligalli keine Spur, der Exklusiv-Kiosk hat geschlossen, einzig regen sich, und zwar sehr mäßig, die Stimmübungen absolvierenden Steinadler in der Voliere des Dorffalkners Vögeli (sic!) und die ähnlich klingenden Baukräne im kalten Wind.
Frauenstimmrecht gibt es in Liechtenstein seit 1984. Drei Jahre später wurde die Todesstrafe abgeschafft. Die letzte in Liechtenstein zum Tode verurteilte und hingerichtete Person war am 26. Februar 1785 Barbara Erni, bekannt als die Goldene Boos. Am 15. Februar 1743 kam sie in Feldkirch als Tochter eines heimatlosen Paares zur Welt. 1779 heiratete sie den weithin als Verbrecher bekannten Tiroler Franz. Vier ihrer fünf Kinder starben noch im Kindesalter. Um der Armut zu entkommen, faßte Barbara schließlich einen Plan wie sie auf Kosten anderer zu Geld gelangen konnte. Innerhalb von sechs Jahren gelangte sie mit ihren Methoden zu Ruhm und bekam dank ihres rotblonden Haars den Spitznamen Goldene Boos verpaßt. Ihr wurden eine riesige Gestalt und übermenschliche Kräfte nachgesagt. Mit einer großen hölzernen Brustlade wanderte sie durch die Landeam jungen Rhein. Wo immer sie übernachtete, verlangte sie, die Holzlade, die einen wertvollen Schatz enthalte, solle im besten Zimmer des Hauses aufbewahrt werden. Statt eines Schatzes barg die Lade ein Geheimnis: in ihr war ein kleiner Mann versteckt. Ob es sich dabei um den Tiroler Franz oder einen anderen handelte, verschweigt die Geschichte. Zu nachtschlafener Zeit kam das Männlein aus seinem Versteck hervor und räumte die Wertsachen der Gasthäuser ab. Auf diese Weise sollen beide zu einigem Vermögen gekommen sein. Dieser waghalsige Trick, der neben Körperkraft sicher nicht weniges an mündlicher Überzeugungsarbeit gefordert haben mußte, ging über lange Zeit immer wieder neu auf, bis Barbara in Eschen (wo heute eine Gasse nach ihr benannt ist) damit aufflog und auf Schloß Vaduz für 276 Tage in eine winzige Zelle ohne Tageslicht gesteckt wurde. Ein anonym verfaßtes „Gefangenenlied der Goldenen Boos“ („ach ist doch kein Mensch auf Erde / der mich noch erlösen werde“) fand Eingang ins lokale Volksgut. Bei ihrem Prozeß gestand Barbara Erni mindestens 17 Diebstähle. Am 7. Dezember 1784 wurde sie zum Tode verurteilt, vornehmlich wohl, um eine abschreckende Wirkung auf die Ganoven des Umlands auszuüben, denen Liechtenstein mehr und mehr als sichere Zufluchtsstätte galt. Schließlich wurde sie auf den Rofenberg geschleppt, wo sich eine Menge von über tausend Schaulustigen versammelt hatte. Der Landammann brach den Stab über sie. Weil Liechtenstein keinen eigenen besaß, mußte ein Henker von außerhalb bestellt werden. Im Alter von 42 Jahren wurde Barbara Erni professionell enthauptet. Das weitere Schicksal ihres kleinen Komplizen ist nicht überliefert.
Alexandre Dumas der Ältere (der Musketiere- und Graf von Monte Christo-Dumas) hält auf seiner Reise entlang den Ufern des Rheins gezwungenermaßen in Vaduz und erhält eine kostenlose Lektion in Sachen Sauerkraut: “Obwohl ich den Bodensee so schnell wie möglich erreichen wollte, war ich gezwungen, in Vaduz Halt zu machen. Seit unserer Abfahrt regnete es in Strömen. Pferd und Kutscher weigerten sich hartnäckig, auch nur einen weiteren Schritt zu tun – das Pferd unter dem Vorwand, daß es bis zum Bauch im Schlamm versinken würde, und der Kutscher, daß er bis auf die Knochen naß sei. Es wäre übrigens tatsächlich grausam gewesen, auf Weiterfahrt zu bestehen. Aufgrund dieser filantropischen Erwägung entschloß ich mich, die jämmerliche Herberge zu betreten, vor deren Schild mein Wagen so jäh angehalten hatte. Das war keines jener hübschen Schweizer Châlets, gegen die bloß einzuwenden ist, daß sie leider in unseren englischen Gärten so oft nachgebildet werden. Bei der Luziensteig hatten wir die helvetische Republik verlassen und das kleine Fürstentum Liechtenstein betreten, das sich, so sehr es sich auch seiner Freiheit rühmt, gegenüber dem Kaiserreich nur durch die Unsauberkeit seiner Einwohner auszuzeichnen scheint. Kaum hatte ich den Fuß in den engen Flur zur Küche gesetzt, die gleichzeitig als Aufenthaltsraum für die Reisenden diente, als mir ein unangenehmer Geruch nach Sauerkraut die Kehle zuschnürte, der mir – gleichsam wie die Speisekarte am Eingang einiger Restaurants – das mir bevorstehende Menu meines Abendessens ankündigte. Also ich neige dazu, bezüglich Sauerkraut dasselbe zu sagen, was ein gewisser Pfarrer bezüglich Schollen gesagt hat, nämlich daß die Welt bald untergehen würde, wenn es nur Sauerkraut und mich auf Erden gäbe. Ich begann also, meinen ganzen deutschen Wortschatz aufzubieten, um ihn für das Studium der Speisekarte dieses Dorfgasthofs zu verwenden. Die Vorsicht war durchaus angebracht, denn kaum hatte ich mich zu Tisch begeben (…) wurde mir auch schon ein gehäufter Teller mit besagtem Gericht vorgesetzt. Zum Glück war ich auf diesen infamen Scherz vorbereitet, und so wies ich den wie der Vesuv dampfenden Teller mit einem so deutlich ausgesprochenen „nicht gut“ zurück, daß man mich für einen reinrassigen Niedersachsen halten mußte (…). Ein Deutscher wird immer glauben, schlecht gehört zu haben, wenn jemand behauptet, daß er kein Sauerkraut mag. Wenn man seine Ablehnung gegen sein Nationalgericht gar in dessen Muttersprache zum Ausdruck bringt, so wird sein Erstaunen selbstverständlich grenzenlos sein. Es herrschte also einen Moment lang Schweigen, ja Verblüffung – so als hätte ich eine abscheuliche Gotteslästerung begangen, während die Wirtin ihre völlig in Verwirrung geratenen Gedanken mühsam wieder in Ordnung zu bringen suchte. Das Resultat ihrer Überlegungen war schließlich ein mit gequälter Stimme hervorgebrachter Satz, von dem ich kein Wort verstand. Aber nach dem Minenspiel zu urteilen, das die Worte begleitete, meinte sie offenbar: „Aber gütiger Gott, wenn Sie kein Sauerkraut mögen, was mögen Sie dann?“ „Alles dies, ausgenommen“, erwiderte ich unter Aufbietung all meiner sprachlichen Fähigkeiten, was soviel heißen sollte wie „alles, nur kein Sauerkraut!“ Anscheinend hatte mein Abscheu auf mich dieselbe Wirkung wie die Empörung auf Juvenal. Nur anstatt mich zu Versen anzuregen, hatte er mir den entsprechenden Gesichtsausdruck verliehen. Das bemerkte ich an der unterwürfigen Art, mit der die Wirtin das unselige Sauerkraut vom Tisch nahm. Ich wartete also auf den nächsten Gang, und um die Zeit tot zu schlagen, amüsierte ich mich immer damit, Kügelchen aus meinem Brot zu formen und grimassierend wie ein Affe ein saures Gesöff zu probieren, das nach Essig schmeckte und so vermessen war, sich als Rheinwein auszugeben, bloß weil es in einer Flasche mit langem Hals serviert wurde. „Und nun?“, fragte ich die Wirtin. „Und nun?“, antwortete sie. „Was ist mit dem Abendessen?“ „Ach so!“ Und da brachte sie mir wieder das Sauerkraut. Ich dachte, wenn ich dem Sauerkraut nicht die Ehre erwiese, dann würde die Wirtin mich bis zum Jüngsten Gericht verfolgen. Ich rief also einen Bernhardiner, der mit geschlossenen Augen auf seinem Hinterteil saß und sich unverdrossen Schnauze und Pfoten vor einem Riesenfeuer röstete, an dem man einen Ochsen hätte braten können. Sowie er meine guten Absichten begriffen hatte, verließ er seinen Platz am Kamin, kam zu mir, und mit drei Happen hatte er das fragliche Gericht verschlungen. „Gutes Tier“, sagte ich, streichelte es und gab der Wirtin den leeren Teller zurück. „Und Sie?“, fragte sie mich. „Ich esse etwas anderes“, erwiderte ich. „Aber ich habe nichts anderes“, erwiderte sie. „Wie bitte?“, schrie ich aus der Tiefe meines Magens. „Haben Sie denn keine Eier?“ „Nein.“ „Kein Kotelett?“ „Nein.“ „Keine Kartoffeln?“ „Nein.“ „Keine…“ Mir war eine Erleuchtung gekommen. Ich erinnerte mich an die Empfehlung, das Fürstentum Liechtenstein unter keinen Umständen zu verlassen, ohne seine Pilze probiert zu haben, die zwanzig Meilen im Umkreis berühmt sind. Doch als ich diesen glücklichen Einfall umsetzen wollte, stieß ich auf eine Schwierigkeit: Ich konnte mich weder auf Deutsch noch auf Italienisch an das Wort erinnern, das es unbedingt auszusprechen galt, wenn ich nicht hungrig zu Bett gehen wollte. Ich saß also mit offenem Mund da und fand keine Worte. „Haben Sie… haben Sie vielleicht… Zum Teufel, wie heißen die Dinger auf Deutsch?“ „Die Dinger?“, wiederholte die Wirtin mechanisch. (…) Ich nahm also meinen Bleistift und zeichnete mit aller Sorgfalt, derer ich fähig war, die kostbare Pflanze, das Objekt meiner Begierde, auf ein schönes, leeres, weißes Blatt Papier. Ich darf wohl behaupten, daß meine Zeichnung soviel Ähnlichkeit aufwies, wie man erwarten kann, wenn Gottes Werk von Menschenhand wiedergegeben wird. Meine Wirtin folgte meiner Arbeit mit sichtlich intelligenter Neugierde, sodaß ich voller Hoffnung war. „Ah! Ja, ja, ja!“, rief sie, als ich den letzten Bleistiftstrich getan hatte. Sie hatte verstanden, die gute Frau! Sie hatte so gut verstanden, daß sie nach fünf Minuten mit einem aufgespannten Regenschirm zurückkam. „Bitte schön“, sagte sie. Ich warf einen Blick auf meine mißglückte Zeichnung. Die Ähnlichkeit war tatsächlich vollkommen. „In Gottes Namen“, sagte ich, mich geschlagen gebend. „Dann bringen Sie mir eben das Sauerkraut.“ „Das Sauerkraut?“ „Ja!“ „Es gibt kein Sauerkraut mehr. Drago hat den letzten Rest gefressen!“ (…)”
Mauren vereint in sich nicht nur ein locker gepflanztes und für das ganze talweite, erst im Osten enorm steil aufschießende Land ausgesprochen ansehnliches Häuserensemble, dessen alten bäuerlichen Notwendigkeiten geschuldete Komposition in der Neuzeit weiter den natürlichen (= non-artifiziellen) Eindruck wahrt, sondern auch drei europäische Metropolen, denn wie Rom liegt Mauren über sieben (im Lokalfall sogar saftige) Hügel verteilt, mit Moskau gemein hat Mauren den Roten Platz (besitzt darüberhinaus, genau wie Rüppurr, noch einen Schwarzen), und das architektonisch so erstaunliche neue Vaduzer Parlamentsgebäude verliert einiges an Überraschungseffekt, kennt man nur bereits das Maurner Gemeindehaus, das ganz genauso einem gelb vermauerten Kasperletheater entlehnt ist wie der nur um weniges imposantere metropolitane Prachtbau der Landeshauptstadt. Zentral plaziert die Büste Peter Kaisers, welcher die„bahnbrechende“ (Wikipedia) „Geschichte des Fürstentums Liechtenstein: nebst Schilderungen aus Churrätiens Vorzeit“ verfaßte und dem von Passanten längs seiner Büste zum wenigsten regionale Bekanntheit bis auf den heutigen Tag attestiert wird. Nicht ganz denselben Bekanntheitsgrad erreicht/e bis heute Johann Georg Helbert, dem die entsprechende Skulptur vorm Pfründehaus in Eschen aufgestellt wurde und der als erster Chronist Liechtensteins gilt, wogleich die Nase über den eigenen Gartenzaun hinauszustrecken um 1800 im Tümle noch eher als ehrenrührig galt. Im Pfründehaus-Schaukasten ist eine tönerne Schabmadonna abgebildet, praktisch abnutzbares Bittgut katholischer Prägung. Eine rasante Fahrt vorbei an der „Schwarzes Loch“ genannten Hilti-Lagerhalle, sowie am Papstdenkmal im Sportpark (das, auf magisch-trianguläre Weise einem Besuch Karol Wojtylas vor 25 Jahren gewidmet selbst außerirdische Kornkreiszeichner anzulocken verstand) nendelt Rheinsein der oberländischen Absorptionslinie entgegen, an der ganze angefangene Tage zu verpuffen vermögen um als gewesene, als Unterbau, als sonstewas Eingang in die Annalen zu finden.