Verworrene Bewohner eines Landes, in dem alle Gegenstände namenlos erscheinen und verschwinden

Aus Feldkirch fuhren wir sogleich auf einer Brücke über die schäumende Ill, und bald darauf öfnete sich ein Rückblick, der alle wilde Schönheit des hohen Alpenstyles vereinigte. Der grünliche Felsstrom drängt sich durch ein enges Nebenthal, und die jenseitige Öfnung desselben ist durch zwei prachtvolle Bergprofile bezeichnet, die mich plötzlich an den Aufgang ins Thal von Grindelwald im bernischen Oberland erinnerten. Links ab vom keilförmig gestellten Berge eröfnet sich eine erhabene Bergferne über eine verschleierte Tiefe (ich glaube das Rheinthal) hin (*).
— Es fehlt uns leider an einer guten Charte, und die Bewohner des Landes antworteten so unwillig und verworren auf jede Frage, dass ich immer nur das Land errathe. Auch zogen Wolken und Nebel so magisch um Berg und Fels, dass ich mich geduldig der Gegenwart hingab, ohne weiter wo? und wie? zu fragen: wir fahren an Berggehängen über sanftgesenkten einförmigen Wiesengründen. Plötzlich steigt links ein gewaltiger Berg mit nackten Klippenkämmen aus dem Wolkenrauch empor! Ein Dörfchen lag wie ein Ameisenhaufen von ihm überhängt zu seinen Füssen; wir fuhren hindurch: «Wie heisst der Berg da?« »Weiss nicht!« S’ist halter ä Berg! Mit dieser laconischen Zusicherung wurden wir von drei Bauern abgefertigt; das Dorf aber hiess St. Johann, und wir benahmten den Berg darnach.
Eine halbe Stunde von Vaduz kömmt man in ein ofenes Thal; der Rhein ströhmt zwischen wolkigen Bergen, wie von unbekannten Quellen herab, schon mächtig durch sein erlenumkränztes Kieselbett. Wir erkennen nun das über ihm aufsteigende Schweizergebirg rechter Hand; zur linken steigt auf sonnebeschienener Buchhöh das Schloss Lichtenstein, in dessen Gränzen wir seit Feldkirch fahren; über einer leichten Krümmung des Rheins liegt das Städtchen Vaduz, und höher auf einem Felsenvorsprung die Ruine des alten Schlosses, beides äusserst malerisch. Nie sah ich ein bunteres Wolkenspiel als die Gewölke hier um das von dreifachen Bergschichten und Reihen umdrängte Rheinthal treiben; indem sie diese Waldpyramiden, Wiesenberge und phantastischen Felszinken umgaukeln; ganze Heere derselben ziehen von der Rechten zur Linken, quer über das Rheinthal von den Schweizerbergen an die Lichtensteiner hin; hier wird ein Felshaupt gekrönt, dort ein Riese gegürtet; da kollert eine runde Wolke wie eine Lavine von schroffer Höhe hinab, bis sie in Tannenspitzen fest zu hängen scheint; bald ragt eine Klippenschulter, dann steigt ein geröthetes Bergantlitz hervor, oder eine hohe Waldscheitel sticht durchs Gewölk. Dort sinkt Wolke auf Wolke wie zu einem weichen Baumwollenlager zusammen; hier dampft’s wie Rauch aus einem volkanischen Schlunde empor; dieser droht vom über hängenden Felsblock über den Weg hinab zu stürzen; — allein plötzlich wird ein runder Zirkel mit Regenfarben geschmückt, wie aus einem ungeheuren Brennspiegel, an jene hohe bräunliche Felswand geworfen; ein heller Hintergrund lächelt im abendröthlichen Glanz. Balzers erscheint auf seinem Hügelreihen, der sich wie ein Riegel vor den Rhein lagert und das Thal schliesst, über welchem geheimnisvolle Berggestalten sich thürmen.
Wir logirten diese Nacht in Gott, von einer bunten Engelglorie umgeben. Das Quartier war elend, allein die Wirthsleute freundlich, und eine Schüssel selbstbereiteter Zuckererbsen und frischer Bergforellen genügte den zufriedenen Reisenden vollkommen; allein in der Nacht liessen uns die Insekten keine Ruh, und alle Macht der schützenden Engel scheiterte an diesen leichtfüssigen Legionen.-
Den 4. schon mit dem Morgengrau war ich munter, und genoss vor dem offenen Fenster den Segen der Frühe in der erhabenen Stille dieses tief gesenkten Grundes. Das Dörfchen Balzers liegt tief im grünen Bergbusen, doch auf einem Hügel; unmittelbar vorher sieht man noch den Rhein, nun ist er, ich begreife ganz und gar nicht, wohin? geschwunden; und zu schwach um ihm nachzugehen, unfähig mich diesen guten Vorderösterreichern verständlich zu machen, und sie zu verstehen, reise ich durch dieses wunderbare Land, wo аlle Gegenstände namenlos erscheinen und verschwinden; und alles zieht wie an einer Laternamagikawand mir vorüber. Ein enger zartbegrünter Wiesengrund vertieft sich vor unserm abwärts liegenden Häuschen; drei lieblich bewaldete pyramidalische Hügel treten freundlich aus der Tiefe, und der mittelste trägt die Ruine des Schlosses Guttenberg. — Nach einem blauen Gedankenraum (dessen Tiefe vielleicht der Rhein durchströmt) steigen schneebesprenkelte Felsen. Zu beiden Seiten erheben sich zwei furchtbare Bergriesen, aufwärts das tiefe doch steigende Wiesenthal begrenzend. Eine muntere Ziegenheerde zieht beim Ton der Hirtenflöte auf die Weide. Kleine Dörfchen ruhen kindlich schüchtern in die Falten der Tannengewänder geschmiegt, die von den Hüften der Gebirge abwallen! Dies sind die Umrisse des Alpengemäldes, welches mein erstes Erwachen begrüsste, — auch war alles farbenlos, — allein bald prangt jene erhabene Felsenstirn im reinen Morgenstrahl! Wie ragt jener Felsgipfel aus dem blendendweissen Wolkenbette hervor, während sein starrer Klippenfuss tief ins Thal tritt, und vom jungen Lichte erweckt, majestätisch fortzuschreiten scheint.

(*) Diese durch die Flüsse abgesonderte, und gleichsam durch die Natur terrassirte Position begünstigte die tapfre Gegenwehr des edlen General Hotze ungemein; und war vielleicht der mächtigste Damm, den Gott in der Natur des Landes den wilden Usurpatoren entgegenstellte. Anm. v. 1799.

(aus Friederike Brun: Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800)

Simrock über Vaduz

Grafschaft Vaduz

Die folgenden Gegenden hat ein anderer deutscher Dichter beschrieben, und keiner der unberühmtesten. Nachdem nämlich der Rhein Graubünden, seine Geburtsstätte, verlassen hat, bespült er links, schon von Pfäfers abwärts, St. Gallen, einen Kanton der Schweiz, rechts eine zum politischen Verband Deutschlands gehörige freie Grafschaft, deren Namen die Überschrift angibt. Sie bildet einen für sich bestehenden Staat, den man mit Unrecht als Fürstentum Liechtenstein aufführt, bloß weil er von dem Fürsten von Liechtenstein beherrscht wird, der diesen Namen von anderen mediatisierten Besitzungen empfing. Als Besitzer der freien Grafschaft Vaduz, die das Glück hat, selbst auf Spezialkarten unbemerkt zu bleiben, ist der Fürst von Liechtenstein souveränes Mitglied des Deutschen Bundes so gut als der König von Preußen und der Kaiser von Österreich und hat wie diese Sitz und Stimme im Plenum der Bundesversammlung.

Der Leser hat sich unterdes besonnen, welcher deutsche Dichter wohl die Grafschaft Vaduz beschrieben habe, und tippt jetzt auf unseren zu früh verstorbenen Wilhelm Hauff, dessen Roman »Lichtenstein« aber in anderen Gegenden spielt. So leicht war auch unser Rätsel nicht zu lösen: der Dichter, den wir meinen, hat dieses Ländchen beschrieben, ohne es zu nennen, und wenn wir seinen Namen hersetzen – er heißt Goethe –, so bleibt dem Leser immer noch zu raten, in welchem seiner Werke sich diese Beschreibung finde. Wir müssen ihm zu Hilfe kommen, denn obgleich wir ihm zutrauen, daß er seinen Goethe aufmerksam gelesen habe, so riete er doch vielleicht auf »Hermann und Dorothea«, auf die »Wahlverwandtschaften« oder ein anderes naturschilderndes Werk des Dichters und verfiele eher auf die Novelle »Wer ist der Verräter?« als auf die namenlose, welche das 15. Bändchen der Ausgabe letzter Hand enthält. Mit dieser noch nicht genug gewürdigten Erfindung hat sich der Dichter viele Jahre lang getragen. Die Idee dazu faßte er bald nach Vollendung seines »Hermann«, wie aus dem Briefwechsel mit Schiller hervorgeht. Er zweifelte aber, ob sich der Gegenstand mehr zur epischen oder zur lyrischen Behandlung eigne, ja einmal äußert er die Besorgnis, das eigentlich Interessante des Sujets möchte sich zuletzt gar in eine Ballade verflüchtigen. Schiller riet ihm zu gereimter, strophenweiser Behandlung. Später enthält der Briefwechsel kein Wort mehr über diese Angelegenheit. Vermutlich hat Goethe erst nach dem Tode seines Freundes den alten Plan wieder hervorgesucht, der sich ihm jetzt zur Novelle gestaltete. Diese spät gezeitigte Frucht des Goetheschen Lebensbaums ist eine der köstlichsten und süßesten. Mehr darüber zu sagen ist hier nicht der Ort; wenn wir aber den Beweis liefern sollen, daß Vaduz der gewählte Schauplatz sei, so müssen wir den Leser ersuchen, einen Blick in die Novelle zu werfen. Wir sehen einen Fürsten und eine Fürstin in einem Schloß residieren, das in einiger Höhe über dem Ort, jedoch tief unter den hohen Ruinen der alten Stammburg liegt. Der Ort wird zwar eine Stadt genannt, da doch Vaduz nicht viel mehr als ein Flecken ist; aber es fragt sich, ob der Dichter nicht Ursache hatte, in diesem einen Punkt, der vielleicht befremdet hätte, von der Wirklichkeit abzuweichen. Alles Übrige stimmt überein. »Der Weg«, heißt es ferner bei dem Lustritt nach der Stammburg, »führte zuerst am Fluß hinan, an einem zwar noch schmalen, nur leichte Kähne tragenden Wasser, das aber nach und nach als größter Strom seinen Namen behalten und ferne Länder belegen sollte.« Wer sieht nicht, daß der Rhein gemeint ist? Sigmaringen, das einzige Fürstentum, das die Donau durchfließt, hat keine Stammburg wie die geschilderte. Wenn aber der Rhein gemeint ist, so liegt kein anderes Fürstentum an dem noch schmalen, nur leichte Kähne tragenden Fluß.

Was ist aber hiermit für den Dichter oder für die Gegend gewonnen? Für den Dichter nichts, als daß wir sehen, wie er eine schöne, durch Natur und Geschichte verherrlichte Gegend in sich aufzunehmen und verschönert wieder hervorzuzaubern verstand. Für die Gegend viel, denn sie kann nur gewinnen, wenn wir sie mit den Augen des Dichters betrachten. Goethes eigentümliche Gabe zu landschaftlichen Schilderungen ist schon öfter bemerkt worden, ein geistreicher Franzose schreibt ihm deshalb ein panoramisches Talent zu; ein Ausdruck, an dem der Dichter seine Freude nicht verbergen konnte. Aber nirgends tritt dieses Talent außer in »Hermann und Dorothea« glänzender hervor als in der fraglichen Novelle. Wie anschaulich wird uns z. B. die alte Stammburg geschildert. Doch wir widerstehen der Versuchung, die Stelle mitzuteilen.

(aus Karl Simrock: Der Rhein)

Liechtensteiner Hirtenave

Auf den Liechtensteiner Alpen Vaduzer Malbun (Pradame), Triesenberger Malbun und Sücka wird zur Zeit des Alpbetriebes allabendlich vom Obersennen ein Ave gesungen, welches volkskundlich in mehrfacher Beziehung von Bedeutung ist. Auf den beiden Malbuneralpen wird es von einem in der Nähe der Sennhütte stehenden Kreuze, auf Sücka hingegen auf der Höhe zwischen Rhein- und Saminatal gesungen, wobei sich der Sänger gegen das Rheintal wendet. So heißt es auch in der Liechtensteinischen Volkshymne in der 3. Strophe: “So frei die Gemse springt, kühn sich der Adler schwingt, der Senn das Ave singt der H e i m a t zu.”

Das Ave wird ohne instrumentale Begleitung gesungen, mitunter wird ein Jodler angeschlossen. Ueber die Zeit der Entstehung des Hirtenave ist nichts bekannt, doch mündliche Ueberlieferung und auch der Inhalt des Textes deuten auf jahrhundertealten Brauch zurück.

Der Text, welcher ohne nähere Erläuterungen zuerst 1910 von Dr. Eugen Ripp im Liechtensteiner Volksblatt (…) mitgeteilt und schließlich im Liechtensteiner Lesebuch für Oberklassen abgedruckt ist, lautet:

Juhu!
Oho! Oho! Ave Maria!
Gott Vater, der Schöpfer von Himmel und Erd’,
Beschirm’ unsern Ring, behüt’ unsern Herd!
Unsere liebe Frau mit ihrem Kind,
Breite den Schutzmantel über Alp’ und Gesind’!
Sankt Petrus, du Wächter an der Himmelspfort’,
Schütz’ uns vor Raubtieren, sei unser Hort!
Bann’ dem Bären die Tatzen, dem Wolf den Fang,
Verschließ’ dem Luchs den Zahn, dem Stein den Gang,
Sperr’ der Leue die Bahn, dem Wurm den Schweif,
Zertritt dem Raben den Schnabel, die Kralle dem Greif!
Sankt Theodul, du heiliger Schutzpatron,
Bitte für uns bei Gott am Himmelsthron!
Sankt Sebastian, hör’ unser Bitten und Flehen,
Laß’ kein Unglück zu Holz noch zu Stein geschehen!
Sankt Cyprian, Fürbitter in aller Not,
Bewahr uns vor Unfall und jähem Tod!
Sankt Wendelin, Heiliger mit dem Hirtenstab,
Recht wende du und weise unsere Hab’!
Lieber Sankt Veit, weck’ auf uns zu rechter Zeit,
Behüt’ uns in unserm Tal
Allhie und überall!
Das geschehe im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit
Und in Gottes höchster Dreieinigkeit!
Oho, behüt’ uns Gott!
Oho, behüt’ uns Gott!
Oho, behüt’ uns Gott!
Juhu! Juhu!

Quelle: Hofrat Dr. August Mahr, Das Hirtenave von Liechtenstein, gefunden in: eliechtensteinensia

Presserückschau (August 2014)

Indem die Berichterstattung über die Krisenherde Ukraine, Israel/Gaza und Syrien/Irak das diesjährige Sommerloch stopfte, hatten Flußmonster und Konsorten kaum Chancen auf mediale Öffentlichkeit. Die Meldungen des Augusts handeln von den Erfolgen der beiden Rheindurchschwimmer, alten Straßenkurvennamen und Lachsen, einer rasenden Plattform und einem Wärememodell:

1
Eine 40 Tonnen schwere schwimmende Bauplattform mit zahlreichen Geräten (Hebebock, Generator, Seilwinde) hat sich in Rossboden bei Chur bei starker Strömung aus ihrer Stahlseil-Verankerung gelöst und trat eine unaufhaltsame Reise mit rund 15 Stundenkilometern Richtung Bodensee an: “Auf ihrem Weg zwischen Chur und Hard touchierte sie mehrere Brückenpfeiler. Auf Schweizer Seite kam es laut der St. Galler Kantonspolizei zu fünf Kollisionen. Dabei verlor der Ponton einige Geräte.” (Südostschweiz) Von Passanten erstellte Videos im Netz zeigen wie das 9 mal 15 Meter messende Geschoß die Pfeiler der Vaduzer Holzbrücke ohne Berührung passiert, dafür mit gewaltigem Rumms auf andere Brückenfüße prallt. Die für den Brückenrückbau eingesetzte Plattform erreichte schließlich den Bodensee, wo Seepolizei und Feuerwehr die Bergung einleiten konnten.

2
Die Kehren des San Bernardino-Passes erhalten Namensschilder. Dies berichten einige Schweizer Zeitungen, am ausführlichsten jedoch die Website des Parc Adula: “Wie die Hinterrheiner Häuser alle ihren Namen haben, so von früher her auch die Kehren auf der Passstrasse, welche ehemals für die Existenz der Tal- und Dorfbevölkerung von äusserster Wichtigkeit war. Man musste sich genau darüber verständigen können, wovon man sprach, wenn man zum Beispiel als Ruttner oder Postpferdehalter etwas weiterzuleiten hatte – eine Schwierigkeit auf dem Weg, die Meldung über einen Unfall, ein Unglück. Der Unterhalt der Strasse war gerade im Winter eine grosse Herausforderung, manchmal ein Wagnis. Ein Lawinenunglück ereignete sich im Winter 1939 zwischen dem Obersten und dem Tschensch-Cheer. Der vordere Schlitten der passierenden Pferdepost wurde mitgerissen und verschüttet, der Postillion und ein Pferd verloren beim Unglück ihr Leben. Die herbeieilenden Helfer konnten nur eine Person lebend bergen.”

3
“Zwei schwere Wintersalme, die 1881 oberhalb von Rees gefangen wurden, kamen (…) in Berlin bei der Hochzeit des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., auf den Tisch” schreibt die Rheinische Post in Folge 21 ihrer vorbildlichen Sommerserie “Unser Rhein” mit Geschichten und geschichtlichen Rekursen über den Niederrhein im Großraum Düsseldorf und stromabwärts, in diesem Fall über die Umgestaltung des “Schnellen Brüters Kalkar” zum Vergüngungspark: “Wo Besucher im “Wunderland Kalkar” Achterbahn fahren und Pommes essen, gingen die legendären Rheinfischer bis vor circa 100 Jahren ihrer harten Arbeit nach. Häfen wie Grieth, heute Ortsteil von Kalkar, lebten von Fischerei und Schifffahrt. Der Name Grieth geht zurück auf “Gritt”, was Kies bedeutet. Und eben jene Kiesbänke, die zur Rheinmitte abfallen, waren ideale Fanggebiete für die Fischer, die ihre langen Netze dort leicht auslegen und einholen konnten und meist stattliche Lachse, genannt Salme, aus dem Rhein holten. Auf Stromkilometer 834,6 befand sich eine der besten Lachsfangstellen am Rhein. In Körben mit Eisstücken wurden die schönsten Exemplare an die Herrscherhäuser und Luxushotels in ganz Deutschland geliefert.”

4
“Der Schweizer Extremsportler und „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis hat es geschafft: Innerhalb von 44 Tagen – einschließlich Ruhezeiten – durchschwamm der 46-Jährige den gesamten Rhein. (…) Gestartet war er am 7. Juli im Lago die Dentro am Lukmanierpass (Kanton Graubünden), dem von der Nordsee am weitesten entfernten Punkt des Rheins. Mit seiner Schwimmaktion über 1247 Kilometer warb der Schweizer für die Umsetzung des Menschenrechts auf sauberes Wasser. Im Mai 2012 hatte er einen ersten Versuch nach rund 400 Kilometern aufgegeben – unter anderem weil ihm die seinerzeit niedrigen Wassertemperaturen zu schaffen machten. Zudem erwiesen sich die damaligen Tagesetappen von 40 Kilometer als zu anstrengend.” (Hessische/Niedersächsische Allgemeine)

5
Und auch der zweite Rheinschwimmer, Andreas Fath, hat im August seine letzte Etappe durchschwommen und die Nordsee erreicht: “Bei 17 Grad Wassertemperatur und neun Grad kalter Luft war er (…) zunächst zehn Kilometer bis zum Rotterdamer Hafen geschwommen und dort auf ein Boot der Hafenbehörde umgestiegen. Bei Hoek van Holland legte er dann die letzten fünf Kilometer bis zur Nordsee schwimmend zurück. Ende Juli hatte der 49 Jahre alte Chemieprofessor (…) seinen Schwimm-Marathon begonnen. In den 28 Tagen hatte ihn ein Team auf Booten auf der 1.231 Kilometer langen Strecke von der Quelle bis zur Mündung begleitet und Wasserproben entnommen. “Kein Tag war wie der andere”, sagte Fath nach seiner Ankunft. Überall hätten ihm Menschen zugejubelt und ihn ermutigt. Aufgeben sei für ihn nie eine Option gewesen: “Manchmal musste ich mich extra motivieren, aber das muss man ja manchmal auch, wenn man morgens zur Arbeit geht.”" (SWR) “Fath schilderte auch Eindrücke vom Rhein, die den meisten verborgen bleiben. “Unheimlich laut” sei der Strom, vor allem unter Wasser. Fortwährend rausche der Kies auf dem Grund, das klinge wie ein riesiges Glas voll Murmeln.” (Schwarzwälder Bote)

6
“Ein neues Wärmemodell für den Rhein von Basel bis Köln soll ein massenhaftes Fischsterben wie im Jahr 2003 verhindern. Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) stellte (…) in Karlsruhe ein entsprechendes Gemeinschaftsprojekt mit Hessen und Rheinland-Pfalz vor. “Wassertemperaturmanagement” nennt sich das Vorhaben, mit dem bei Bedarf steuernd eingegriffen werden soll bei zu hohen Temperaturen. Für den Neckar gibt es ein solches Monitoring bereits seit Sommer 2005, für den Oberrhein bis Worms seit 2011″, schreibt die Badische Zeitung. Kühlere Wassertemperaturen sollen dabei durch Drosselungen der Kraftwerke und Auflagen für die Großindustrie entlang des Rheins erreicht werden. So könne allein die BASF Ludwigshafen als größter Wärmeeinleiter in Rheinland-Pfalz die Rheintemperatur um ein Grad Celsius beeinflussen.

Geschichten von doazmol: Leben und Landschaft am Alpenrhein

Karin Lehner betreibt mit Doazmol eine Art Miniatur-rheinsein zur Region Werdenberg im St. Galler Rheintal und hat uns schon mehrfach mit Gastbeiträgen vom Alpenrhein versorgt. Parallel zu ihrer Website, die das Leben im Werdenberg in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts dokumentiert, hat sie ihre Forschungen auch in einer Buchreihe niedergelegt, die just mit Band 5 (von Frauen aus der Region erzählte Anekdoten und Geschichten) abschloß. Karin Lehner hat die folgenden Ausschnitte eigens für rheinsein zusammengestellt. Wir freuen uns über ausgewählte Stimmen zur Werdenberger Landschaft mit Fluß, insbesondere über die im Text integrierte Tondokumentation im Rheintaler Dialekt zum auf der gegenüberliegenden Rheinseite verheerenden Hochwasser von 1927, in dessen Zuge halb Liechtenstein Land unter meldete:

„Doazmol gab es beim Rheindamm zwei Seeli, auch ein Tannenwäldchen und der schöne Erlenwald reichte bis nach Buchs.“ „Im Tannenwäldchen wurden in der Sonntagsschule die Ostereier versteckt.“ „Ringsedumi ischt eigentli nur Streui gse.“ „Im Frühling, bevor sie mit den Schafen auf die Alp gingen, waren diese dort in der Rheinau.“ „Das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen: Hatte ich im Kreuz abends die Fenster geöffnet, hörte man Frösche quaken, Grillen zirpen und die Schafe in der Au blöken.“

„Unser Gebiet zum Spielen war in der Rheinau. Es stand später auch eine Hütte vom Natur- und Vogelschutzverein dort.“ „Di junge Haager hend denn no e Schiffli g’macht, dass me het chönne uf dem Seeli umegöndele.“ „Mit dem Schiff Libelle fuhren sie auf dem oberen Seeli umher. Es hatte dort auch eine kleine Insel.“ „An Sonntagen spazierten wir häufig dorthin mit den Kinderwagen und ‛hend det bröötlet’.“ „Als dann die Industrie kam und wegen des Baus der Autobahn musste die Naturschutzgruppe umziehen und baute ihre Hütte dann im Waro-Wäldli.“

oberes seeli in der rheinauOberes Seeli in der Rheinau

„Wenn der Rhein hoch war, wurden die Schleusen geöffnet und Wasser in die Auen gelassen.“ „Da iusse im Wald isch denn alles volle Wasser gse.“ „Es schwemmte viele Fische in die Seelein. Das obere Seeli war ein sehr tiefes, türkisfarbenes Gewässer, dort gab es auch Hechte. Weiter oben war noch ein Gewässer, ‛dr Hechtgunta’.“ „Sobald das Wasser abgeflossen war, wurde der Kies weggeführt und der fruchtbare Schlamm in die Äcker gebracht, um diese zu düngen.“ „Südlich der Brücke gab es viel Letten. Durch den Grundwasserdruck des Rheins entstanden in diesem Letten wie kleine Vulkane, aus denen das Wasser heraussprudelte.“

„1927 isch de Rhii so platzet voll gse, dass mer Angscht ka het, er gaht drüberuus und chäm in Haag duri – mir hend jo e schwachi Stell im Damm ka. Wo dia schwache Stelle gse sind, hend alli g’wüsst. Mer sind denn als Boba go luege, wenn de Rhii hoch gse ischt: bi de Schwächene het’s blooteret, s’Wasser het denn uii druggt. I sebem Jahr hend d’Haager g’mont, si müsend flüche mit em Väh. De Ätti het emool verzellt, do hend’s echli Soue ka und e paar Schwänz Väh und denn hegend’s dia Soue uufglaade und sind uf Sax ui, s’Väh hend’s uitriibe. Bis s’Wasser duri gse ischt. Es ischt denn tatsächli überuus, aber is Liechtestei.“

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„Mein Vater war Rheinholzer – hatten wir Mädchen jeweils Angst, wenn es wieder so weit war. Das war eine gefährliche Arbeit und dann gingen sie auch noch nachts. Mit Wurfhaken oder langen Stecken fischten sie nach dem hertreibenden Holz und versuchten es ans Ufer zu ziehen. Vater machte dies nicht aus Abenteuerlust, wir brauchten das Holz zum Feuern.“ „Es wurde ganz unterschiedliches Holz dahergeschwemmt: Manchmal ganze Bäume, zum Teil aber auch gesägte Bretter, welche es im Bündnerland weggeschwemmt hatte.“ „Die alten Haager waren richtig ‛aagfrässe’.“ „Mein Grossvater war ein leidenschaftlicher Rheinholzer, obwohl er nur einen Arm hatte. Er nahm seine Töchter mit, damit er nicht alleine war, falls etwas passiert.“

Auch die Einarmigkeit des rheinholzenden Großvaters hat natürlich eine Geschichte: „Sie lebten alle gemeinsam in Vaduz, wo Grossvater Postautochauffeur war. Dann ereignete sich ein folgenschwerer Unfall. Die Bremsen wurden doazmol an der Aussenseite des Autos bedient. Auf dem engen Strässchen von Malbun herunter musste er mit einem entgegenkommenden Auto kreuzen, dabei hat es ihm den Arm, den er zum Bremsen benutzen musste, abgedrückt. Dieser Arm wurde amputiert und mit nur einem Arm durfte er nicht mehr Postauto fahren. Die Häuser in Haag waren doazmol billig und so kauften sich meine Grosseltern dort ein günstiges Haus. Sie betrieb ein Lebensmittellädeli und er eine Velowerkstatt.“

Die Doazmol-Frauengeschichten können wie auch die anderen vier Bände über Karin Lehners Website bestellt werden. Eine erste Rezension zum Abschlußband gibt es in der Regionalzeitung Werdenberger & Obbertoggenburger.

Unter-Föhn-ein-Fluß

“Fluß, Du fließt in alter Weise / durch Dein programmiertes Tal” beginnt ein Ohrwurm aus den frühen Achtzigern (1). Gemeint ist der Rhein, nicht nur nach David Hume schönster Fluß der Welt (2), der auf immerhin gut zwanzig Kilometern als schlingernder Rebell, die Taschen voller Steine (3) das Fürstentum tangiert, bedrängt und mit seiner eigenartig-eingezwängten Rheinheit bestäubt. Es mag am Föhn oder der gerade aufkeimenden Leichtigkeit des klimawandelnden, bisher noch ewig wiederkehrenden Frühlings liegen, auch dürfte die Übersichtlichkeit Liechtensteins dazu beitragen, daß im Spannungsfeld dahingeträllert-erinnerter Liedzeilen und literarischer Zitate ganze Utopien und Dystopien für diesen Landstrich entstehen und zerfallen. So zeichnete bereits vor zwei Jahrhunderten der notorische Rheinromantiker Brentano ein kirmesartig überdrehtes “Vadutz” als Mischung aus verlorenem Paradies, Eldorado und Schlaraffenland, dessen Fluß die ganze Woche ein unzugängliches Steinmeer ist und nur am Sabbath seine Wogen bewegt (4), ein Land voller Absonderlichkeiten wie Schlüsselblumen-Champagner und wasserdichten Lobzetteln, ein Land aber auch des “Alles, wie es seyn soll und nie seyn wird” (5).

Der Utopie wohnt die Dystopie wohl zwangsläufig inne – und umgekehrt. Und ein nur feiertags fließender Fluß gibt Grund zu grübeln. Was, wenn der Rhein, zum Eingewöhnen gerne zunächst nur unter der Woche, schließlich aber komplett vor Balzers Richtung Walensee abflösse? Eine Programmierung gewissermaßen, die schon einmal zum Einsatz gekommen sein soll, in einer Zeit allerdings, bevor es Menschen gab, die davon Zeugnis hätten ablegen können – während heute keine halbe Stunde verginge, bis eine solche Sensation im Internet stünde, mit Videobeweis und jeder Menge abstruser Äußerungen in der Kommentarspalte. Nicht nur würden wir derartige Wunder heute postwendend nachweisen, wir hätten sie wahrscheinlich selber bewerkstelligt, eben: programmiert. Es muß schließlich immer weitergehen. Daß ein Flußlauf sich korrigieren, stauen und angesichts des entstandenen Schlamassels hübsch renaturieren läßt, gehört längst zum kulturellen Repertoire der Menschheit.

Was die Schweizer mit dem neuen Flußverlauf anfingen, sei an dieser Stelle außen vor. Schauen wir auf die Chancen für das Fürstentum. Ohne Rhein würde es etwas trockener in Liechtenstein, gewiß, doch ließe sich mit dem gewonnenen Areal Begeisterndes beginnen. Das Rheingold entpuppte sich neuerdings als Bauland, auf den Kiesbänken wüchsen zunächst, was ihnen umgangssprachlich ohnehin innewohnt: Banken. Statt des Rheins strömte einfach noch mehr Geld durchs Land. Welchem ernstzunehmenden Menschen gilt heute die Metafer vom Leben, das als Wasserlauf betrachtet werden sollte (6)? Vielmehr liest sich ein modernes Leben in Kontoauszügen und Börsendiagrammen. Im Rheintal entstünde, Kapital zieht Kapital an, mit Kapital wird gebaut, wo gebaut wird kommen ungelernte Kräfte, die sich bekanntlich rasend vermehren, Schaan, Vaduz und Triesen machen es derzeit ganz zaghaft vor, eine Megalopole mit Angeboten weit über Brentanos nicht selten kindliche Vorstellungen hinaus, das planierte Rheinbett diente, endlich, als International Airport, die neuerdings animierten Bergzacken leuchteten als wechselnde Tageskurse ins Tal, die riesigen Fußballstadien von Ruggell und Triesenberg wären weithin gefürchtete Festungen, vermutlich in Planken siedelte unter einem überdimensionierten Schriftzug die Filmindustrie und das Fürstenhaus wäre tägliches Thema im deutschen Fernsehen. Klingt das phantastisch oder realistisch? Spinnerei und Business liegen viel näher beieinander, als allgemein angenommen wird. „Unsere Geldsorten schnitten wir aus Goldpapier“ (7) schrieb Brentano über sein Traumland Vadutz, als Liechtenstein Bauernland war – von seiner Vorstellungskraft läßt sich bis heute lernen.

Wie bitte, Sie würden den Rhein vermissen? Dieses eingedeichte Abziehbild von einem Fluß? Ist nicht nötig, noch ist er ja da. Besonders gut zu betrachten aus den höheren Warten. Im aktuellen Energiekonzept der Landesregierung wird er demnach als potentieller Energielieferant geführt. Das klingt nach Staustufen und Kraftwerksbauten und Rückfall in die Zukunft. Noch hat niemand die Verklappung des Flußlaufs unter eine Asfaltdecke vorgeschlagen, ein Projekt, welches Energie- und Siedlungspolitik sinnvoll vereinen könnte. Nutzen Sie also, falls Sie den Rhein wirklich vermissen würden, den Mai, machen Sie einen Ausflug auf den Damm, nehmen sie Bruce Springsteen im Kopfhörer mit, der unvergleichlich von Lügen gewordenen Träumen orakelte und ausgetrockneten Flüssen (8) und schauen Sie sich den Rhein nochmal in seiner jetzigen Form an. Wer weiß – Warnungen gibt es zuhauf (9) – wie lange das noch möglich ist.

1 Rheingold: Fluß
2 „the finest river in the world“ (David Hume: The Letters)
3 Richard Pietraß: Mit einem Bein in Liechtenstein
4 Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia
5 Ebd.
6 „An individual human existence should be like a river“ (Bertrand Russell: Portraits from memory and other essays)
7 Clemens Brentano: a.a.O.
8 Bruce Springsteen: The River
9 Golgowski-Quartett: Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang

(Aktuelle Kolumne für das Monatsmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands)

Bernard Heidsieck: Vaduz

Vaduz als Zentrum Europas setzt Bernard Heidsieck in seinem Stück Lautpoesie, indem er Kreis auf Kreis um die liechtensteinische Hauptstadt (“ce maxivillage, capitale de ce mini-territoire”) zieht, und auflistet, wen er in diesen Zirkeln alles antrifft: “(…) Il y a tout autour de Vaduz… il y a… il y a des sangres… des elfes… des korrigans… des ondines… il y a… il y a des daoines… des farfadets… des nobiots… des lutins… des trows… autour de Vaduz… autour de nous… il y a des tilwithtegs… des silkies… des goblins… des kobolds… il y a des wichtlein… des fanfrelons… des frappeurs… des nains… des sorgues… il y a… tout autour de nous… tout autour de Vaduz… des bogons… des fongres… des poucs… des facheux… des harpies… des bigles… il y a… il y a des ganovres… des algoines… des échonises… des grandsviviers… des sauteurs d’eau… des coquillards… tout autour de Vaduz…  tout autour de Vaduz…  tout autour de nous il y a… il y a des scarilles… des otarelles… des sirenes… (…)”

Der Geiger auf dem Vaduzer Galgen

Geiger Hans-Jöri ging spät abends von Sargans über den Rhein in die Grafschaft Vaduz, wo er zum Tanz aufspielen sollte. Als er unter Balzers hinkam, dunkelte es schon tief. Unversehens wurde er da an der Strasse von schön gekleideten Leuten beiseite gerufen und traf eine glänzende Gesellschaft.
Man hiess ihn auf eine Bühne sitzen, wo er auserlesenes Essen und Trinken vorfand; ein Herr aber bedeutete ihm, er möge sich durch nichts beunruhigen lassen, auf nichts achten und namentlich keine Gesundheit trinken. Das fiel ihm zwar auf, aber er schwieg, spielte und liess sich’s schmecken. Es wurde toll und bunt getanzt, nur kümmerte sich niemand um ihn, so dass er sich schliesslich doch langweilte. Der Mahnung vergessend, sagte er nach seiner Gewohnheit in sich hinein: “Gesundheit, Hans! Gesegne dir’s Gott, Hans! So geschieht dir nichts!”
Kaum war ihm das über die Lippen gekommen, war alles verschwunden. Es ging gegen den Morgen, und der Geiger fand sich auf dem Vaduzer Galgen sitzend, statt des silbernen Trinkbechers einen Kuhhuf in der Hand.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966)

Vaduz (5)

störche-aufm-parkdeck_2(Foto: Heidi Starck)

Zum Galgen entrückt

holzbrücke vaduz_5Eine halbe Stunde von Grabs liegen in der Talebene einige Güter, und dorthin wollte sich bei Anbruch der Nacht ein Grabser begeben, sein Vieh zu besorgen.
Lange lief er schon und hatte sein Ziel immer noch nicht erreicht. Er lief, bis er sich todmüde niederlegen musste, und verlor sein Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einer fremden Gegend. Neben ihm standen gemauerte Säulen und über sich erblickte er einen Querbalken. Er hatte unter dem Galgen bei Vaduz gelegen.
Er war überzeugt, verhext gewesen zu sein, denn über den Rhein führten damals noch gar keine Brücken.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966; Bild: Heidi Starck)

Die Irrwurzel

triesen_wunderland Ein Mann ging in einer Winternacht von Vaduz nach Triesen, doch er kam nicht ins Dorf. Vier Stunden lang lief er im Schnee, ohne das Licht eines Hauses zu sehen. Um zwei Uhr nachts war es ihm, als ob er aus einem Traum erwache, und er erkannte, dass er beim Galgen von der Straße abgewichen und nun beim Rhein draussen war, von wo er bald nach Hause kam.
Am nächsten Morgen ging er zum Galgen hinunter, um zu sehen, wo er gelaufen war. Die Spuren im Schnee zeigten ihm, dass er herumgeirrt war, vier volle Stunden lang. Er glaubte fest daran, dass er auf eine Irrwurzel getreten sei.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)

Vaduzer Gleichung

vertrauen-durch-sicherheit_2sicherheit-durch-vertrauenDie sogenannte “Vaduzer Gleichung” (auch “Vaduzer Doppelgleichung”) ist eine Formel, die ursprünglich aus der Kundenwerbung im Bankenwesen stammt. Ende der 80er Jahre entdeckt, konnte die hypnotische Beruhigungswirkung der Gleichung 1991 erstmals wissenschaftlich nachgewiesen werden. Seither wird sie verstärkt auch in anderen Branchen eingesetzt, etwa in der dem Bankenwesen untergeordneten Politik, insbesondere zu Wahlkampfzeiten. Auch wenn die Wirkung der Formel nachweisbar ist, bleiben die Gründe dafür umstritten. Schwuttkes These, die Wirkweise der Formel begründe sich in ihrer inhaltlichen Selbstannullierung, welche auf die Menschen eine gleichsam mystisch manifestierte Anziehung ausübe, widerspricht Strondtner, der dem wörtlichen Inhalt der Formel keinerlei Bedeutung zumißt, sondern allein in der formalen Existenz der Doppelgleichung und ihrer zufälligen Bestückung mit den “richtigen” Buchstaben ihre Wirkweise sieht, was zugleich bedeute, daß die Formel ebensogut mit anderen Buchstaben bestückt werden könne, die dann eine ähnliche Wirkung entfalten. Insgesamt sei die ursprüngliche Gleichung, so Strondtner, bereits sehr gelungen, schlage sie doch bei 80 Prozent der Betrachter sofort an und erziele nachhaltige Wirkung bei immerhin jedem zweiten Probanden.

Achill in Vaduz

Manchmal, wenn ich die Straße
vor dem Kunstmuseum in Vaduz überquere,
rüber will in den Laden, um mir ein Brot
zu kaufen, steht Achill vor mir, er
der Krieger, Sohn der Thetis, ein Halbgott,
bis auf die berühmte Ferse unverwundbar.
Er ist ein freundlicher Herr, gekleidet
in einen dunklen Anzug, er grüßt, lüpft
seinen Hut wie zum Scherz, dann nimmt er
den Speer, der neben ihm auf dem Boden
liegt, schleudert ihn leichthin, hoch,
mit seiner Rechten, an seinem Schild,
den er über dem Anzug in seiner Linken hält,
vorbei – eine grazile Bewegung, ganz
hoch hinauf, und ich sehe ihn fliegen,
höher und höher, aufblitzen im Licht,
der Sonne entgegen – dort hält er sich,
er scheint zu schweben, ganz langsam,
fast ohne Bewegung, da oben am Himmel,
bevor er dann gleitend verschwindet,
weit, hinter Nebel und Wolken,
Bergen und Schnee – auf dass er falle und lande,
auf der Landkarte irgendwo unten, seicht,
an des Mittelmeers kultreichen Stränden.

***

Achill in Vaduz markiert den Auftakt des gleichnamigen Bandes mit Gedichten und Zeichnungen von Wolfgang Heyder. Das unvermittelte Erscheinen des antiken Helden als freundlicher Anzugträger im Städtle, der Vaduzer Fußgängerzone, mag verblüffen. Verweist es auf eine der zahlreichen Skulpturen, mit denen das Städtle so vollgepackt ist, daß ihre Zahl diejenige der Passanten häufig überschreitet und die, als Kunstwerke, geflissentlich über sich selbst hinausweisen sollen? Oder handelt es sich um einen veritablen Liechtensteiner aus Fleisch und Blut, einen intellektuellen vielleicht gar, und seine Sehnsüchte, dem engen Nord-Süd-Korridor des von hohen Bergwänden begrenzten Rheintals zu entfliehen? Wo mag der Speer einschlagen? In Monaco vielleicht, einem weiteren Kleinststaat? ”Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus / Mutter, du weißt das alles; was soll ichs Dir noch erzählen?” (Homer, Ilias, herausgegeben von Johann Heinrich Voss) Gedichte sind selten dafür geschaffen, erklärt zu werden. Sie rühren in unserem Wissen. Gelingen sie, fügen sie einen frischen Schlag Sonstewas hinzu. Wolfgang Heyder zieht aus der Geschichte literarische Personen und Persönlichkeiten hervor und setzt sie im heutigen liechtensteinischen Alltag aus. Orpheus aus der Tiefgarage “(…) hat den Autoschlüssel vergessen / (…) noch im Dunkeln greift er zum Handy / (…)”, Kuhportraits gehören zwingend zu einer liechtensteinischen Dichtung: der heilige Stier beunruhigt Triesen, später am Abend löscht Hamlet seinen Durst auf der Schweizer Rheinseite in einer Buchser Beiz mit Fernet Branca.  Heyder geht in seinen Texten auch über die straff gezogenenen liechtensteinischen Landesgrenzen hinaus, die er mit dem texte trouvé Eine Werbung für Liechtenstein beschließt, einer Autoreklame der Marke Chrysler, die verkündet: “Das Leben vergeht viel / zu schnell. Holen Sie es ein.”

Wolfgang Heyder: Achill in Vaduz. Liechtensteiner Gedichte und Lieder mit Zeichnungen des Autors, Corvinus Presse, Berlin 2013, 132 Seiten, 25 Euro. ISBN 978-3-942280-22-8. Das Buch kann auch direkt bei der Corvinus Presse bestellt werden.
(Achill in Vaduz mit freundlicher Genehmigung des Autors. rheinsein dankt!)