Auf den Spuren Willy Brandts (10)

wesseling_willy-brandt-str_8Die Willy-Brandt-Straße in Wesseling erstreckt sich vom Südende der Innenstadt bis zum nächstgelegenen Stadtteil Urfeld. Als Fortsetzung der Konrad-Adenauer-Straße im Zentrum bestätigt sie das Appendixhafte bzw. Nachrangige, das nach Willy Brandt benannten öffentlichen Orten in der Regel eignet, insbesondere im Vergleich zu unmittelbar benachbarten Straßen, Orten, Plätzen, die nach Konrad Adenauer benannt wurden. Die Wesselinger Willy-Brandt-Straße vermittelt den Eindruck einer durchschnittlichen Verbindungsstraße. Böschungen säumen eine in gerütteltem Maße langweilige Gerade, die auf der Westseite von der Köln-Bonner Stadtbahntrasse, auf der Ostseite von einem kombinierten Rad- und Fußgängerweg begleitet wird. Gerade reifen die Brombeeren und verblüht die Wegwarte. Wir wandern die Willy-Brandt-Straße von ihrem Südende in Richtung Ortskern ab. In schöner wie für diese Website gemachter Koinzidenz kreuzt sie zunächst die nach Urfeld hinein führende Rheinstraße. Drückende Julihitze, wenig Verkehr. Die Bahnhaltestelle zieren ungelenke Schriftzüge: anonyme Liebesbeweise mit Eddingstift und gesprayte Ausdrücke jugendlicher Frustration. Eine Böschungslücke erlaubt den Blick über Getreidefelder auf eine Herde Strommasten; dahinter reckt sich in einer Rheinkrümmung die Shell-Raffinierie. wesseling_willy-brandt-str_19 Eingezäunt die Urfelder Photovoltaikanlage, Sonnenkollektorenreihen in strenger Ordnung, aus der Welt gefallene, sinistre Energieakkumulation. Mit haarig-stacheligen, reifenartigen Wesen des Graffitisten Seak bunt besprayt das Schalthaus der Bahnübergang-Sicherungsanlage. Das Zombiestatement “Tot und Hass dem VfL” findet sich in Großbuchstaben am Pfeiler einer Straßenüberführung. Auf dem Parkplatz vor dem Raffineriegelände mit zehn Toreinfahrten wie bei einer Autobahnmautstelle warten Tanklastzüge. Auf einem der Tanks prangt eine zehn Meter breite stilisierte Kölnsilhouette. (Kleinere Kölnsilhouetten-Varianten entdecken wir später alle naslang auf Pkws in der Wesselinger Innenstadt, bisweilen findet auch der Eiffelturm seinen Platz in diesen vor allem im Kölner Umland beliebten Kölnensembles zum Aufkleben.) Kurz vor Erreichen der Stadtgrenze sichten wir im Westen Fabrikleerstand und ein aus mintgrünen Wohncontainern bestehendes, übereinander gestapeltes Viertel, das zum Verkauf zu stehen scheint. Kurz danach ist der Wesselinger Zentrumsrand erreicht, der Jonny Grill eröffnet die Perspektive auf die kleinstädtische Konsummeile, die Nahtstelle zwischen Konrad-Adenauer- und Willy-Brandt-Straße in einer majestätischen Asfaltkurve lassen wir links liegen und fokussieren uns auf die Schönheiten Wesselings, falls denn solche den Tag bevölkern sollten. wesseling_willy-brandt-str_3

Presserückschau (August 2015)

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Anfang August beobachtet die Presse das Niedrigwasser im Rheinland, so der EXPRESS bei Bonn: “„Immer mal wieder taucht bei Niedrigwasser auch Kurioses auf“, so ein Sprecher der Wasserschutzpolizei (…). In Urfeld habe man 2003 sogar einmal ein komplettes Auto an einem Schiffsanleger gefunden. „Zum Glück saß niemand mehr drin“, so der Wasserpolizist. Auch Fahrräder, entsorgte Autobatterien, geknackte Zigarettenautomaten oder aufgebrochene Tresore gab der Rhein schon mehrfach frei.”

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In Alphen aan den Rijn ist ein Bauteil für die Julianabrücke über den Oude Rijn von einem Schiff gekippt und zog die Baukräne nach sich. Die Großteile stürzten in eine Häuserfront, ein Hund soll bei dem Unglück getötet worden sein, die Meldungen schwanken desweiteren zwischen null und ungefähr zwanzig verletzten Menschen: “Waardoor de kranen omvielen, is nog onduidelijk. De kranen stonden op een drijvend dek en vervoerden samen het brugdeel. Volgens een ooggetuige wiebelde de ponton voordat hij omviel enorm. Een woordvoerder van de Veiligheidsregio zei dat het erop lijkt dat het brugdeel is gaan schuiven en dat daardoor de kranen omvielen.” (Nederlandse Omroep Stichting)

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Das Rheinschwimmbad in Schwörstadt ist neuerdings durch einen Zaun vom Rhein abgegrenzt – aus Haftungsgründen, wie der SWR in einem dreiminütigen TV-Beitrag berichtet. In den sechzig Jahren seit sie, von ihrer Kindheit an, das Bad besuche, sei dort “noch nie jemand versoffe”, erzählt eine ältere Dame vor der Kamera, andere Badegäste fordern Aufstand und Rabatz, zum wenigsten jedoch ein Drehkreuz mit Haftungshinweisen, um nicht den weitläufigen Zaun umgehen zu müssen. Nach der Badesaison wollen sich die Schwörstädter Gemeindeverantwortlichen intensiver mit der Einzäunung beschäftigen.

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Auf dem Rhein bei Düsseldorf sind bei einer Frontalkollision elf Menschen verletzt worden: “Die Feuerwehr zählte 230 Menschen an Bord (eines Kreuzfahrtschiffes), davon 180 Passagiere und 50 Besatzungsmitglieder. In der Gegenrichtung war ein mit Mais beladener Frachter unterwegs. Um 10.20 Uhr kam es dann zwischen dem Fähranleger in Langst-Kierst und der Flughafenbrücke zum frontalen Zusammenstoß. Angaben des Frachtschiffführers zufolge soll das Bugstahlruder versagt haben.” (Rheinische Post)

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Über Szenen, die einem Actionfilm entstammen könnten, berichtet der Sarganserländer in typisch eidgenössischer Diktion: “Bei einem spektakulären Selbstunfall in Mastrils ist eine 25-jährige Lenkerin mit ihrem Auto in den Rhein gestürzt. (…) Die 25-Jährige fuhr von Mastrils kommend in Richtung Tardisbrücke. Auf der Höhe des Restaurant Tardis geriet sie mit ihrem Fahrzeug über den rechten Fahrbahnrand hinaus, steifte einen parkierten Lieferwagen, überquerte die Bushaltestelle und kollidierte mit einem Fahnenmasten. Von dort stürzte der Personenwagen die Rheinböschung hinunter, prallte auf das Rheinufer, worauf es das Fahrzeug überschlug und im Wasser auf dem Dach liegend zum Stillstand kam. Die Lenkerin, welche alleine im Fahrzeug sass, konnte den Unfallwagen verlassen. Glücklicherweise hörte ein Anwohner den Unfall, eilte zu Hilfe und konnte die Verunfallte aus dem Wasser ziehen.”

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Noch mehr Presseaufmerksamkeit als bei seinem Abgang vor rund zwei Jahren erfuhr die Bergung eines Polizeiautos, das bei einer Personenkontrolle aufgrund loser Handbremse in den Rhein bei Bad Säckingen gerollt, untergegangen und von Polizeisuchtrupps nicht geortet werden konnte. Ein Schweizer Hobbytaucher, der das Fahrzeug an einer tiefen Rheinstelle bei Mumpf ausmachte und die deutsche Polizei informierte, soll am Telefon zunächst abgewiesen worden sein, bis er die Beamten auf Umweltschäden, die vom Wrack ausgehen könnten, aufmerksam machte. Über die Bergungsaktion berichtet das Boulevardblatt Blick: “Das versunkene deutsche Polizeiauto ist endlich gehoben – mit enormem Aufwand. Rund 50 Pontoniere des Schweizer Militärs mussten bei Mumpf AG mit einer Schwimmbrücke aushelfen. Daneben: ein Dutzend deutsche Polizisten. Unter Wasser: deren Taucher. Die Aktion war ein Kraftakt. Erst nach sechs Stunden hing das Wrack am Haken, landete endlich auf dem Trockenen. Die Deutschen wollten ihren Streifenwagen nicht lange begutachten und schickten ihn umgehend zum Verschrotten.”

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Als Jahrhundertwerk feiert die WAZ in einem enthusiastischen Artikel die neue Reeser Flutmulde: “Fast sah es aus wie in Papenburg, wenn ein Kreuzfahrtschiff die Meyer-Werft verlässt. Die Köln-Düsseldorfer RheinFantasie, immerhin 85 Meter lang und 14 Meter breit, fuhr in die Flutmulde ein. Nur das Freideck war noch vom Reeser Ufer aus hinter dem Deich zu erkennen. Währenddessen näherte sich von der anderen Seite die Fähre einem über die Flutmulde gespannten schwarz-rot-goldenen Band. An Bord zum Festakt viel Prominenz, Minister, Staatssekretär, Bürgermeister, Verantwortliche der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung und Gäste.”

Presserückschau (Juli 2012)

Sommerzeit ist Urlaubszeit und selbst rheinsein gönnte sich im gerade vergehenden Juli ein paar Offline-Tage hinter Felsblöcken und auf quellbachdurchzogenen Magerwiesen. Unterdessen schwemmten die Großen elektronischen Ströme reichlich artikelndes Treibgut an unser Laptop-Gatter. Darunter gar einen Beitrag von Matthias Kehle, Vorsitzender des baden-württembergischen Schriftstellerverbands, der sich in den Badischen Neuesten Nachrichten mit rheinsein beschäftigte. (Der Artikel wird nachgereicht.)

Bisher wurden durch die Linse des Sommerlochs keine exaltiert-exotischen Tiere im Rhein ausgemacht – möge der Sommer noch ein Weilchen vorhalten und etwaigen Seeelefanten, Fliegenden Fischen, Flußpferden et al. ihre Rheinchance einräumen. Wir resümmieren unterdessen die un/wichtigsten, informativsten, erstaunlichsten etc. Meldungen des Julis:

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Der Kölner Express interviewt Bläck Fööss-Mitgründer Ernst „Erry“ Stocklosa zu seinen wilden Jahren am Rhein. Zwei Kostproben: „Schwimmen habe ich im Rhein gelernt. Später sind wir auf die stromaufwärts fahrenden Lastkähne geklettert und bis nach Wesseling mitgefahren, sind da wieder ins Wasser gesprungen und haben uns nach Porz treiben lassen. Irgendwann begannen die Kapitäne daher, die Reeling mit Teer zu beschmieren.“ „Ich weiß noch jenau als ich drückzeh wor, domols bei uns op d’r Wiss, do hammer als Pänz manche Blödsinn jemaat, wie mer als Pänz halt su es. Bei Huhwasser hammeer e Floß uns jebaut, em Sommer de Wiss avjebrannt, un hät uns einer beim Rauche erwisch, Mensch Meier wat simmer jerannt.“

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„Frühzeitig informiert die Koblenz-Touristik: „Mit dem “Romanticum” ist von 2013 an die Rhein-Mosel-Stadt Koblenz um eine neue Attraktion reicher: Auf mehr als 750 Quadratmetern öffnet im nächsten Jahr eine spektakuläre Dauerausstellung, in der Besucher auf eine romantische wie virtuelle Rheinreise an Bord eines imaginären Dampfers gehen. Präsentiert wird unterhaltsam und kurzweilig viel Wissenswertes zu trutzigen Burgen, einmaligen Bauten, weltberühmten Felsen, grandiosen Rheinsichten und berühmten Rheinreisenden. Untergebracht wird die Schau in einem Neubau, der selbst ein Kunstobjekt ist: Das Kulturzentrum “Forum Confluentes” gilt schon vor seiner endgültigen Fertigstellung als architektonisches Meisterwerk der deutsch-niederländischen Star-Architekten Benthem-Crouwel.“

3
„Was nützt im Kampf gegen die Stechmücken?“ fragt, ein bekanntes Schreckensszenario wortmalend, der Südkurier: „Wenn die Sonne untergeht und sich die Gartenwirtschaften an Rhein und Bodensee füllen, fallen sie über uns her. Die Stechmücken, auch Schnaken genannt, bevorzugen nackte Haut, setzen sich aber auch gern auf Stoff. Sie fahren ihren Rüssel aus und stechen ihn hinein, um das Blut ihres Klienten aufzusaugen. Es sind vornehmlich Weibchen, die ihr Werkzeug so schnell und präzise einsetzen, dass die Hand meist erst viel zu spät niedersaust.“

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„Der neue Aalkönig mag gar keinen Aal“ titelt die Kölnische Rundschau. Auf den Monarchenfrevel geht der Artikel dann nicht weiter ein: „Willi Schürheck ist neuer Wesselinger Aalkönig. Den größten Fisch hatte der 44-jährige Urfelder bereits vor zwei Wochen aus dem Rhein gezogen. Es war beim ersten gemeinsamen Aalfischen, das der Fischerverein Urfeld in der Vorbereitungsphase für die Aalnacht 2012 organisiert hatte. Stundenlang hatte Schürheck bereits am Ufer gesessen. 15 bis 20 kleine Grundeln hatte er schon gefischt und wieder ins Wasser geworfen, als seine Rute gegen 23.30 Uhr plötzlich massiv ausschlug. Mit Hilfe von Kollegen konnte er schließlich den kapitalen Aal aus dem Rhein holen. Mit gut 70 Zentimetern Länge und einem Gewicht von 830 Gramm gehörte der Aal zu den größten und schwersten Exemplaren, die Vereinsmitglieder in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Rhein fischten.“

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„Incroyable, mais vrai“ einerseits, sowie „peut étonnant“ andrerseits findet 3-ufer.com, daß und wie der französische Nationalfeiertag im Schwarzwald begangen wird: „La Fête Nationale a traversé le Rhin et samedi, on a rendu hommage à la France et à la Révolution Française au «Bareiss» à Baiersbronn-Mitteltal dans la Forêt Noire. Si le cadre d’une maison cinq étoiles ne se prêtait pas exactement à des activités révolutionnaires, il était parfait pour y fêter l’amitié franco-allemande. Lors de la 18ème edition de sa réception franco-allemande du 14 juillet, la famille Bareiss a réservé un chaleureux accueuil aux voisins français en soulignant l’amitié entre l’Alsace et le Pays de Bade. Peut étonnant que de nombreuses personnalités de part et d’autre du Rhin avaient fait le déplacement samedi dans cette vallée magnifique pour trinquer à ce qui nous unit.“

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Zahlreiche Medien berichteten von der Havarie bei Lorch, die von einem Matrosen ausgelöst wurde, doch nur der Berliner Kurier taufte den Unglücksraben „Hein Blöd“: „Da war wohl ein echter „Hein Blöd“ am Werk: Ein ungeschickter Matrose hat am Sonntag die Havarie eines französischen Passagierschiffs im Rhein bei Lorch ausgelöst! Der Mann war gerade dabei eine kaputte Sonnenliege zu entsorgen, als es zu dem Missgeschick kam: Als er den Müll verstauen wollte, kam er versehentlich an den Hauptschalter für die Spritzufuhr – und drehte dem Schiff so den Treibstoff ab. Kurz darauf fiel der Motor aus, das Schiff lief auf Grund. Die Folge: 143 Passagiere und 23 Besatzungsmitglieder mussten mit einer Autofähre von Bord gebracht werden.“

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Andernach verpflegt seine Bewohner und Besucher mit kostenlosen Gemüsen aus den städtischen Grünanlagen. Von solch paradiesischen Zuständen berichtet (natürlich! möchten wir meinen) das Kölner Domradio: „Das Rheinstädtchen Andernach hat sich seit drei Jahren dem Motto „Die essbare Stadt“ verschrieben. Ganz dicht an der wuchtigen Stadtmauer aus dem zwölften Jahrhundert leuchten Gärten mit Stauden und buntem Sommerflor, dazwischen behaupten sich Brunnenkresse und Weinreben, Mandel- und Feigenbäume, Salatköpfe, Zucchini und Zwiebeln.“ „Der 800 Quadratmeter große Nutzgarten gehört der Stadt und ist offen für alle. „Statt „Betreten verboten“ heißt es bei uns ausdrücklich „Pflücken erlaubt““, sagt Barbara Vogt, Verwaltungschefin im Rathaus und eine der Initiatorinnen des Projekts.“

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Die Internationale Rheinschutzkommission gibt bekannt: „Since the last great flood of the Rhine in 1995 the countries in the Rhine catchment have invested some 10.3 billion € into improved flood protection and have thus increased the protection of people and goods. Such is the result of the balance of the implementation of the Action Plan on Floods until 2010 presented by the International Commission on the Protection of the Rhine (ICPR) in Strasbourg. (…) According to the balance on the implementation of the Action Plan on Floods, and depending on the flood situation, retention areas along the Rhine downstream of Basel for up to 229 million m³ of water may be put into service to lower peak flows. 69 million m³ have been made available during the past 15 years. Due to the relocation of dikes and the deepening of river forelands in the Rhine delta, 55 km² of former floodplains along the Rhine have been regained. In addition, renaturing measures have been implemented along tributaries and smaller waters in the catchment.“

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Desweiteren warnt die DLRG, es gäbe im Rhein keine sicheren Stellen zum Schwimmen, verschiedene Städte von Emmerich bis Bonn wollen als Initiative Metropolregion Rheinland den Flußgrund vertiefen, um die Betuwe zu entlasten, das „traditionsreiche Bunkerschiff“ Rheintank 4 wird in den Ruhestand versetzt und Kölner Polizeitaucher finden eine im Strom verlorene Dienstwaffe wieder.