Durchs Markgräflerland

In Freiburg vorm Haus „Zur lieben Hand“ umgedreht und eine Gedenktafel für Martin Waldseemüller erblickt, den jüngst erst in Sélestat entdeckten Buchdrucker, Kosmografen und ausgewiesenen Humanisten mit dem sinistren Pseudonym Hylacomylus. Das Haus „Zum Hechtkopf“ an dieser Stelle war sein Elternhaus und dient jetzt als Uni-Tiefgarage. Von dort unvermittelt weggeholt (sozusagen von der Straße geklaubt) und aufn Tuniberg chauffiert, der vor zwölftausend Jahren von Rentierjägern bevölkert oder gestreift worden sein soll. (Vielleicht besteht er ja aus Rentierdung.) Von oben Blicke auf die herbstlich geröstete Landschaft, einzeln im lauen Wind baumelnde Trauben geben das besinnlich-stille Glockenspiel. Waldverstellt der Rhein vor dräuenden Vogesen. Weiter nach Staufen, das sich seit einigen geothermischen Bohrungen 2007 monatlich um einen Zentimeter hebt, weil eine Wasserader Gipsschichten speist, die unterirdisch aufquellen, was einen beträchtlichen Katastrofentourismus nach sich zieht: fette Risse in den hübschen Altstadthäusern. Huchel lebte hier seine letzten zehn Jahre, wer wills ihm verdenken: ein pittoreskes Plätzchen mit Geschichte: „Anno 1539 ist im Leuen zu Staufen Doctor Faustus so ein wunderbarlicher Nigromanta gewesen, elendiglich gestorben und es geht die Sage, der obersten Teufel einer, der Mephistopheles, den er in seinen Lebzeiten lang nur seinen Schwager genannt, habe ihm, nachdem der Pakt von 24 Jahren abgelaufen, das Genick abgebrochen und seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortet.“ (Wirtshausinschrift) Wahrscheinlicher aber hat in der Leibhaftige mit Schladerer-Obstler ersäuft. Weitere schöne Inschrift, die auf die badische Revolution weist: „Ich, der Kronenwirt von Staufen, ich dulde es nicht, daß ich erschossen werde.“ Abschwirrn in die Umgebung: alle Straußenwirtschaften haben Ruhetag oder sind bereits dicht. Schäufele und Wildschweinwürscht müssen in Freiburg eingenommen werden. Merci mon frère, und happy birthday again!

Markgräflerland

Tempowechseln unterworfener Blick auf die Landschaft: Zug-, Fuß-, Baum-, Vogel-, Insekten- und Rheingeschwindigkeit. Aus der Zeitung lachen R(h)ein Adams – eine Bryan Adams Coverband. Was soll diesen Tag noch toppen? Im Zug bin ich umgeben von einzeln hervorgestoßenen Lautwolken, der örtliche Dialekt ist ursprünglich gediegener Ruhe verpflichtet, wird er für aufgeregtere Situationen verwendet, gleicht der Anwender schnell einem biomechanischen Blasebalg, der zischende Luftfetzen in die Gegend pumpt: „duweizzschz“, „schaemmemenett“, „pszzblsszufff“. Bald ist das Abteil gefüllt mit diesem dadaistischen Wahnsinn, eine Performance sondergleichen, in die sich auch noch einfältige Mutmaßungen pfälzischer Tageswanderer mischen: drinnen kreist die BILD – draußen buckelt und streckt sich gelassen der Tuniberg hinter wilden Kirschen, Wein, jungem Mais und Spargelkraut. Es tauchen Flecken auf wie Bad Krozingen, Müllheim oder Auggen. In Orten, in denen schon die Namensgebung schiefläuft, steigt man wohl besser garnicht erst aus. Allerdings stören sie auch kaum den luziden, stets sich selbst sublimierenden Anblick des Markgräflerlands mit seinen schrillen kleinen Klatschmohn-Emoticons (und ihrer wunderbaren Korrespondenz mit den signalgeringelten Schloten, drüben im Elsaß). Es sind sanft von Wind und Sonne bestrichene Anblicke, die dunklen Kirschen, drall und prall vor süßem Saft geben die erotischen Sprenkler in einem Tal, das Gott ganz nebenbei während einer wohlgelaunten Mußestunde entworfen haben mag. Die etwas später designte Menschheit mags ihm wiederum bis heut mit zahlreichen Wegkreuzen, Weinbergkapellen, Feldarbeit und Ausflugstätigeiten danken.