Spin am Rhein

Im pfälzischen Bienwald läuft der Rhein auf den Spin. Jan Souman und seine Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen haben im Bienwald (dessen Name angeblich nichts mit Bienen zu schaffen hat, sondern auf keltische Wurzeln zurückzuführen ist und somit Waldwald bedeutet), unweit des Rheins, einige mit GPS-Empfängern ausgestattete Testpersonen durchs Gelände geschickt, die zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten kürzere Strecken möglichst schnurgerade hinter sich bringen sollten. Dies gelang ihnen nur, wenn sie Sonne oder Mond zur Kursbestimmung verfügbar hatten. Ansonsten, dh, wenn sie mit verbundenen Augen antraten oder keine äußerlichen Orientierungshilfen zur Verfügung standen, entwickelten selbst ein und dieselben Testpersonen nach spätestens 20 Metern Rechts- oder Linksdrall, bewegten sich in chaotischen Kurven und trafen immer wieder auf die eigenen Spuren. Im Durchschnitt entfernten sich die Testpersonen nicht mehr als 100 Meter von ihrem Ausgangspunkt. Der irritierende Einfluß von Bienwald und nahem Rhein mag durchaus vorhanden gewesen sein, ein Test in der tunesischen Sahara ergab jedoch vergleichbare Ergebnisse. Der schwedisch-amerikanische Navigationsexperte Erik Jonsson vertritt die Theorie, das Laufen im Kreis sei ein evolutionärer Mechanismus, der gewährleistet, daß fliehende Tiere letztlich wieder dorthin zurückkehren, wo sie sich auskennen. Das Fänomen jedoch scheint bisher wissenschaftlich ungeklärt. Für weitere Tests steht mittlerweile ein neu entwickeltes Laufband zur Verfügung, das sich in alle Richtungen bewegen kann. Sobald der mit Cyberview-Brille ausgestattete und durch virtuelle Landschaften stiefelnde Proband seine Laufrichtung ändert, reagiert auch das Laufband: der Proband dreht sich auf der Stelle vorwärts tretend im Kreis. Wieviel Rhein und Bienwald diese virtuellen Landschaften enthalten, war bisher nicht zu erfahren.

Rheinelefant

Aus der Abteilung Zwischen- und Mischwesen, säuberlich protokolliert von Dielhelm, der selber allmählich mystische Gestalt annimmt: “Andere Merkwürdigkeiten der Naturgeschichte hat man in Gestalt verschiedener Glieder von fremden und ungeheuren grossen Thieren aus dem Grunde des Rheins hervorgebracht und gehören insonderheit dahin zweene grosse Fischzähne, welche in der Pfalz bei Roxheim in der Nachbarschaft von Worms / von den Fischern herausgezogen und von D. Joh. Pincer an den Grafen von Solms geschickt worden, der sie in dem Schloß zu Lich an einer eisernen Kette aufhängen lassen. Es waren solches Backenzähne, die sich in viele Wurzeln vertheilten und noch in einem Stücke des oberen Kienbackens fest sassen. Der Doct. Pincer will an jetzt gedachtem Kienbacken zwey grosse Löcher oder Röhren beobachtet haben, durch welche der Fisch das eingeschluckte Wasser wieder in die Höhe geworfen habe. Allein, weil er selbst gestehet, daß diese Röhren nicht mehr ganz gewesen, so kan es wohl seyn, daß sie dasjenige nicht waren, wofür man sie angesehen, und daß besagte Backenzähne eigentlich einem Elephanten zuzuschreiben sind. Wie man denn von diesem Thier hier und dar um selbige Gegenden im Rhein Gliedmassen gefunden hat. Bey dem Apothecker Gmelin in Tübingen befindet sich auch noch ein Unterkiefer eines Elephanten, der zwey Stunden von Mannheim aus dem Rhein gebracht worden, und dem Unicornu fossili gleichet. Er ist sehr mörb und wiegt fünf und dreysig Pfund. Ein dabei gefundenes Horn ist ganz porös oder löchericht, und mithin leicht, dergestalt, daß es nur achthalb Pfund wiegt, ob es gleich eine Länge von ohngefehr zwey Schuhen hat.” Es geht noch ein wenig weiter mit der Beschreibung eines Elefantenschädels aus dem Neckar unter Zuhilfenahme veterinärmedizinischer Fachtermini. In Dielhelms spätbarockem Bericht steckt, trotz wissenschaftlicher Ansätze, die ganze Ungeheuerlichkeit einer vergessenen Spezies. Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang unbedingt auf Andreas Louis Seyerleins Seeelefantenforschungen resp. -betrachtungen, die zwar (noch) keinen direkten Bezug zwischen Seeelefanten und Rheinelefanten nachweisen, der Wunderlichkeit des Wesens an sich jedoch hier und an weiteren Stellen in Seyerleins unikem Blog particles in hohem poetischen Maße gerecht werden.

Hölderlinien

Das meiste vermag die Geburt, und der Lichtstrahl, der dem Neugeborenen begegnet. Weswegen letzterer jauchzt. Gott will aber seinen Söhnen das eilende Leben sparen und lächelt, wenn unaufhaltsam, aber gehemmt von heiligen Alpen, ihm in der Tiefe die Ströme zürnen. In solch alpiner Esse würde dann auch alles Lautere geschmiedet, und schön sei`s, wie er, nachdem er die Berge verlassen, stillwandelnd sich im deutschen Lande begnügt und das Sehnen stillt, nach- oder indem er das gute Land erst baut, der alte Vater Rhein, und liebe Kinder nährt, in biederen Städten, die er gegründet, meint und deliriert recht wortgetreu der Dichter Friedrich Hölderlin in seinen Rhein-Hymnen. Das klingt alles schön, vielleicht anderthalb Spuren zu schwärmerisch und überkommen (aber durchaus brauchbar als originelles Zeitkolorit), die üppigen, seinem Freund Sinclair gewidmeten Zeilen mögen darob heuer kaum mehr Leser finden als das Klopstocksche Gesamtwerk, das besonders gern (ich finde: zu Unrecht) als verquast abgetan wird. Dafür leihen beide Dichter nach wie vor einer ansehnlichen Zahl Wohnstraßen ihre klingenden Namen. Hölderlin stammt vom gelbschlammigen Neckar, den er seine letzten rund 40 Lebensjahre aus einem schicken Tübinger Turmzimmerchen betrachten durfte. Dieses Türmchen erreiche ich auf Umwegen durch das trügerischere Wirrwarr schwäbischer Landstraßen im trüben Abenddämmer eines weiteren vernieselten Februartages: schließlich geht’s hinein nach Tübingen, das ich nach 23 Jahren wiedersehe, die Eingänge zur historischen Altstadt sind mit Tü amo-Bannern geschmückt, irgendwelche Italien-Kulturtage, ich fühle mich etwas fehl im studentischen Dunst, der abwassergleich aus allen Stadtporen fließt, am Frauenbuchladen grüßt mich eine alte Bekannte (ich kenne sie nicht) und erzählt mir, wie es Fritzi (die ich ebenfalls nicht kenne – vielleicht eine feminisierte Form von Hölderlins Vornamen, der/die als guter Geist durch die Stadtmauern wandelt?) in der Zwischenzeit ergangen ist. Im Frauenbuchladen selbst sitzt eine Dame, die ich nur vom Typus her kenne. Old school in lila, wenig entspanntes Lächeln. In diesen süßen kleinen Universitätsstädtchen voller Fachwerk und Nickelbrillentradition, in denen die Alternativkultur über die Jahre tatsächlich gesiegt und zum Mainstream sich ausgewachsen hat atmet es sich schwer touristisch; daß am Stadttor kein Eintritt genommen wird, kann sich einzig stundenlangen hitzigen Debatten in kulturpolitischen Plenen verdanken oder der generellen Gutartigkeit der TübingerInnen, mit der sie auch ihren Turmdichter pflegten, den Herrn Scardanelli seiner langen späten Jahre. Dem mag auf heißem Pfade unter Tannen oder im Dunkel des umgebenden Eichwalds, gehüllt in Stahl, Gott erschienen sein, oder auch in Wolken, er wird ihn jedenfalls gekannt haben, persönlich, schließlich war er beseelt von des Guten Kraft, nur später, als ihm das Lächeln des Herrschers verborgen blieb bei Tage, wenn fieberhaft und angekettet das Lebendige schien oder auch bei Nacht, wenn alles gemischt war, ordnungslos und wiederkehrend – so versuchte ich mich in Hölderlin einzufühlen, in langen stillen Sekunden am Grunde seines Turms, der noch zehn Minuten geöffnet hatte für Besucher, im Dämmer, im Niesel, direkt am schlammigen Neckar, da stand ich und verdrehte die Augen und es überkam mich und ich spürte sie haarfein und genau, die uralte Verwirrung.