Jules und Jim am Rhein

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Jules et Jim von François Truffaut, ein vielschichtiger Schwarz-Weiß-Klassiker der Nouvelle Vague, handelt von einer deutsch-französischen Männerfreundschaft. Jules (gespielt von Oskar Werner) und Jim (Henri Serre) lernen sich 1912 in der Pariser Künstlerszene kennen. Sie teilen ihre Vorlieben für Literatur, Kickboxen und Frauen und werden unzertrennlich. Als Jules Catherine (Jeanne Moreau) kennenlernt, deren Gesicht einem gemeinsamen Idealbild der Freunde entspricht, nimmt ein feingesponnenes Drama Anlauf. Jules und Catherine heiraten. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ziehen sie nach Deutschland, wo sie eine Tochter bekommen. Beide Freunde dienen im Krieg als Soldaten und sorgen sich, den jeweils anderen im Frontgewirr zu erschießen; beide überleben, ohne im Krieg aufeinandergetroffen zu sein. Nach Kriegsende laden Jules und Catherine Jim nach Deutschland ein. Ihr “Häuschen am Rhein” scheint eher abseits am Rande eines Gebirgsdorfes zu stehen; der Fluß ist in keiner Szene zu sehen. Jules eröffnet Jim nun, daß Catherine sich verändert habe und daß er fürchte, sie zu verlieren. Um Catherines Flucht zu verhindern, beginnen sie eine tödlich endende ménage à trois.
Das im Film vorkommende “Häuschen am Rhein”, tatsächlich ein ausgewachsenes, alleinstehendes Haus erinnerte uns an Oskar Werners versteckten Rückzugsort in Liechtenstein in den Hängen oberhalb des am Alpenrhein gelegenen Dorfes Triesen. So wie die Künstlertypen im Film das Mißtrauen der Dorfbewohner erregen, war auch der Schauspieler Werner in Liechtenstein ungelitten – die Triesener konnten mit dem zurückgezogen lebenden und für exzentrisch geltenden Weltstar nichts anfangen und Werners Versuch, in den 70ern ein Theaterfestival in Liechtenstein aus der Taufe zu heben, schlug fehl. Werner behielt bis zuletzt seine Liechtensteiner Zuflucht und wurde auf dem Triesner Dorffriedhof begraben.

Unter-Föhn-ein-Fluß

“Fluß, Du fließt in alter Weise / durch Dein programmiertes Tal” beginnt ein Ohrwurm aus den frühen Achtzigern (1). Gemeint ist der Rhein, nicht nur nach David Hume schönster Fluß der Welt (2), der auf immerhin gut zwanzig Kilometern als schlingernder Rebell, die Taschen voller Steine (3) das Fürstentum tangiert, bedrängt und mit seiner eigenartig-eingezwängten Rheinheit bestäubt. Es mag am Föhn oder der gerade aufkeimenden Leichtigkeit des klimawandelnden, bisher noch ewig wiederkehrenden Frühlings liegen, auch dürfte die Übersichtlichkeit Liechtensteins dazu beitragen, daß im Spannungsfeld dahingeträllert-erinnerter Liedzeilen und literarischer Zitate ganze Utopien und Dystopien für diesen Landstrich entstehen und zerfallen. So zeichnete bereits vor zwei Jahrhunderten der notorische Rheinromantiker Brentano ein kirmesartig überdrehtes “Vadutz” als Mischung aus verlorenem Paradies, Eldorado und Schlaraffenland, dessen Fluß die ganze Woche ein unzugängliches Steinmeer ist und nur am Sabbath seine Wogen bewegt (4), ein Land voller Absonderlichkeiten wie Schlüsselblumen-Champagner und wasserdichten Lobzetteln, ein Land aber auch des “Alles, wie es seyn soll und nie seyn wird” (5).

Der Utopie wohnt die Dystopie wohl zwangsläufig inne – und umgekehrt. Und ein nur feiertags fließender Fluß gibt Grund zu grübeln. Was, wenn der Rhein, zum Eingewöhnen gerne zunächst nur unter der Woche, schließlich aber komplett vor Balzers Richtung Walensee abflösse? Eine Programmierung gewissermaßen, die schon einmal zum Einsatz gekommen sein soll, in einer Zeit allerdings, bevor es Menschen gab, die davon Zeugnis hätten ablegen können – während heute keine halbe Stunde verginge, bis eine solche Sensation im Internet stünde, mit Videobeweis und jeder Menge abstruser Äußerungen in der Kommentarspalte. Nicht nur würden wir derartige Wunder heute postwendend nachweisen, wir hätten sie wahrscheinlich selber bewerkstelligt, eben: programmiert. Es muß schließlich immer weitergehen. Daß ein Flußlauf sich korrigieren, stauen und angesichts des entstandenen Schlamassels hübsch renaturieren läßt, gehört längst zum kulturellen Repertoire der Menschheit.

Was die Schweizer mit dem neuen Flußverlauf anfingen, sei an dieser Stelle außen vor. Schauen wir auf die Chancen für das Fürstentum. Ohne Rhein würde es etwas trockener in Liechtenstein, gewiß, doch ließe sich mit dem gewonnenen Areal Begeisterndes beginnen. Das Rheingold entpuppte sich neuerdings als Bauland, auf den Kiesbänken wüchsen zunächst, was ihnen umgangssprachlich ohnehin innewohnt: Banken. Statt des Rheins strömte einfach noch mehr Geld durchs Land. Welchem ernstzunehmenden Menschen gilt heute die Metafer vom Leben, das als Wasserlauf betrachtet werden sollte (6)? Vielmehr liest sich ein modernes Leben in Kontoauszügen und Börsendiagrammen. Im Rheintal entstünde, Kapital zieht Kapital an, mit Kapital wird gebaut, wo gebaut wird kommen ungelernte Kräfte, die sich bekanntlich rasend vermehren, Schaan, Vaduz und Triesen machen es derzeit ganz zaghaft vor, eine Megalopole mit Angeboten weit über Brentanos nicht selten kindliche Vorstellungen hinaus, das planierte Rheinbett diente, endlich, als International Airport, die neuerdings animierten Bergzacken leuchteten als wechselnde Tageskurse ins Tal, die riesigen Fußballstadien von Ruggell und Triesenberg wären weithin gefürchtete Festungen, vermutlich in Planken siedelte unter einem überdimensionierten Schriftzug die Filmindustrie und das Fürstenhaus wäre tägliches Thema im deutschen Fernsehen. Klingt das phantastisch oder realistisch? Spinnerei und Business liegen viel näher beieinander, als allgemein angenommen wird. „Unsere Geldsorten schnitten wir aus Goldpapier“ (7) schrieb Brentano über sein Traumland Vadutz, als Liechtenstein Bauernland war – von seiner Vorstellungskraft läßt sich bis heute lernen.

Wie bitte, Sie würden den Rhein vermissen? Dieses eingedeichte Abziehbild von einem Fluß? Ist nicht nötig, noch ist er ja da. Besonders gut zu betrachten aus den höheren Warten. Im aktuellen Energiekonzept der Landesregierung wird er demnach als potentieller Energielieferant geführt. Das klingt nach Staustufen und Kraftwerksbauten und Rückfall in die Zukunft. Noch hat niemand die Verklappung des Flußlaufs unter eine Asfaltdecke vorgeschlagen, ein Projekt, welches Energie- und Siedlungspolitik sinnvoll vereinen könnte. Nutzen Sie also, falls Sie den Rhein wirklich vermissen würden, den Mai, machen Sie einen Ausflug auf den Damm, nehmen sie Bruce Springsteen im Kopfhörer mit, der unvergleichlich von Lügen gewordenen Träumen orakelte und ausgetrockneten Flüssen (8) und schauen Sie sich den Rhein nochmal in seiner jetzigen Form an. Wer weiß – Warnungen gibt es zuhauf (9) – wie lange das noch möglich ist.

1 Rheingold: Fluß
2 „the finest river in the world“ (David Hume: The Letters)
3 Richard Pietraß: Mit einem Bein in Liechtenstein
4 Clemens Brentano: Gockel, Hinkel und Gackeleia
5 Ebd.
6 „An individual human existence should be like a river“ (Bertrand Russell: Portraits from memory and other essays)
7 Clemens Brentano: a.a.O.
8 Bruce Springsteen: The River
9 Golgowski-Quartett: Am dreißigsten Mai ist der Weltuntergang

(Aktuelle Kolumne für das Monatsmagazin KuL des Liechtensteiner Vaterlands)

Der Untergang von Trisona

triesen gumpt_2Das Dorf Triesen war einst eine schöne Stadt und hiess Trisona. Die Bewohner aber lebten gottlos, so dass grosse Strafe über sie hereinbrach.
Es flog ein Engel mit einem feurigen Schwert in der Hand über die Stadt und rief: “Wer dem Untergang entgehen will, fliehe gegen Sant’ Amerta!” Aber nur ein einziges Weib folgte dem Ruf. Seine zwei Kinder liess es daheim und gab ihnen gedörrte Obstschnitze zum Naschen und Spielen. Das Weib kniete im Kirchlein nieder und betete, als ein furchtbares Getöse sie aufschreckte. Sie trat unter die Türe und sah zu ihrem Entsetzen das ganze Trisona durch eine Rüfe überschüttet. Jammernd schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und wusste nichts anderes zu tun, als wieder in die Kapelle zu fliehen und zu beten. Als sie abermals heraustrat, war ganz Trisona untergegangen, nur ihr Haus stand noch, und als sie dahinkam, sassen die zwei Kinder in der Stube hinter dem Tisch bei den Schnitzen.
Dieses Haus zeigt man noch heute. Es sticht durch Grösse und Altertümlichkeit von allen anderen Häusern ab und ist auch in der ganzen Gasse das einzige, das eine “Bsetzi” hat. st-mamerta_4Auf der Anhöhe über dem Dorfe steht unversehrt die St-Amerta-Kapelle.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bilder: Heidi Starck)

Das Luser-Wible

triesen-je-t-aime_klEin Triesner hatte eine böse Frau, und der Mann liebte die Reinlichkeit nicht besonders. Das Weib nannte ihn mit Vorliebe “Luser”, dem Mann war es aber auf Dauer zu bunt, und im Zorn warf er seine Ehehälfte kurzerhand in den Rhein.
Solange es dem Weiblein möglich war, rief es aus den Wellen heraus noch immer “Luser, Luser”, und als ihm das Wasser schon in den Mund floss und es nicht mehr reden konnte, hob es die Daumen und Zeigefinger beider Hände in die Höhe und deutete die Bewegungen des Läusefangens an; so standhaft war sie.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)

Die Irrwurzel

triesen_wunderland Ein Mann ging in einer Winternacht von Vaduz nach Triesen, doch er kam nicht ins Dorf. Vier Stunden lang lief er im Schnee, ohne das Licht eines Hauses zu sehen. Um zwei Uhr nachts war es ihm, als ob er aus einem Traum erwache, und er erkannte, dass er beim Galgen von der Straße abgewichen und nun beim Rhein draussen war, von wo er bald nach Hause kam.
Am nächsten Morgen ging er zum Galgen hinunter, um zu sehen, wo er gelaufen war. Die Spuren im Schnee zeigten ihm, dass er herumgeirrt war, vier volle Stunden lang. Er glaubte fest daran, dass er auf eine Irrwurzel getreten sei.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bild: Heidi Starck)

Rheinkiesel (6)

Digital StillCameraDer Rheinverlauf als Abbild seiner selbst auf einem Kiesel. Insbesondere der junge Rhein legt zahlreiche Informationen in seinen Mitführseln, den Kieseln, an und frei. Die wandernden Kiesbänke des heute begradigten Alpenrheins lassen sich demnach als ständig im Wandel begriffene Mosaiken betrachten, als Lithotheken, in denen der Fluß sein Wissen bewahrt, ausstellt, aufbahrt. Diese Autokartografie, die einen unbekannten Abschnitt zeigt, wurde auf einer Triesner Kiesbank entdeckt, was nahelegt, daß sie eine alpine Passage weit vor der Zeit der Flußbegradigung darstellt. (Bild: Heidi Starck)

In Gottes oder in Teufels Namen

triesenin gottes oder teufels namen

Eines Abends wurde am Triesner Oberdorf um zehn Uhr, wie es Brauch war, eine Spinnstube geschlossen, und die Unterdörfler fuhren mit ihren Schlitten heimzu. Ein Bursche lud sein Mädchen zur Fahrt ein.
“Ja, so fahren wir halt in Gottes Namen”, sagte es. “Fahr du in Gottes Namen, ich fahre in Teufels Namen”, war die Antwort, und dahin ging es. Bald fiel das Mädchen vom Schlitten, nahm aber keinen Schaden. Der Bursche aber konnte nicht mehr halten, fuhr geradewegs in den Rhein und ertrank elendiglich.
Digital StillCamera

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966. Bilder: Heidi Starck)

Achill in Vaduz

Manchmal, wenn ich die Straße
vor dem Kunstmuseum in Vaduz überquere,
rüber will in den Laden, um mir ein Brot
zu kaufen, steht Achill vor mir, er
der Krieger, Sohn der Thetis, ein Halbgott,
bis auf die berühmte Ferse unverwundbar.
Er ist ein freundlicher Herr, gekleidet
in einen dunklen Anzug, er grüßt, lüpft
seinen Hut wie zum Scherz, dann nimmt er
den Speer, der neben ihm auf dem Boden
liegt, schleudert ihn leichthin, hoch,
mit seiner Rechten, an seinem Schild,
den er über dem Anzug in seiner Linken hält,
vorbei – eine grazile Bewegung, ganz
hoch hinauf, und ich sehe ihn fliegen,
höher und höher, aufblitzen im Licht,
der Sonne entgegen – dort hält er sich,
er scheint zu schweben, ganz langsam,
fast ohne Bewegung, da oben am Himmel,
bevor er dann gleitend verschwindet,
weit, hinter Nebel und Wolken,
Bergen und Schnee – auf dass er falle und lande,
auf der Landkarte irgendwo unten, seicht,
an des Mittelmeers kultreichen Stränden.

***

Achill in Vaduz markiert den Auftakt des gleichnamigen Bandes mit Gedichten und Zeichnungen von Wolfgang Heyder. Das unvermittelte Erscheinen des antiken Helden als freundlicher Anzugträger im Städtle, der Vaduzer Fußgängerzone, mag verblüffen. Verweist es auf eine der zahlreichen Skulpturen, mit denen das Städtle so vollgepackt ist, daß ihre Zahl diejenige der Passanten häufig überschreitet und die, als Kunstwerke, geflissentlich über sich selbst hinausweisen sollen? Oder handelt es sich um einen veritablen Liechtensteiner aus Fleisch und Blut, einen intellektuellen vielleicht gar, und seine Sehnsüchte, dem engen Nord-Süd-Korridor des von hohen Bergwänden begrenzten Rheintals zu entfliehen? Wo mag der Speer einschlagen? In Monaco vielleicht, einem weiteren Kleinststaat? ”Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus / Mutter, du weißt das alles; was soll ichs Dir noch erzählen?” (Homer, Ilias, herausgegeben von Johann Heinrich Voss) Gedichte sind selten dafür geschaffen, erklärt zu werden. Sie rühren in unserem Wissen. Gelingen sie, fügen sie einen frischen Schlag Sonstewas hinzu. Wolfgang Heyder zieht aus der Geschichte literarische Personen und Persönlichkeiten hervor und setzt sie im heutigen liechtensteinischen Alltag aus. Orpheus aus der Tiefgarage “(…) hat den Autoschlüssel vergessen / (…) noch im Dunkeln greift er zum Handy / (…)”, Kuhportraits gehören zwingend zu einer liechtensteinischen Dichtung: der heilige Stier beunruhigt Triesen, später am Abend löscht Hamlet seinen Durst auf der Schweizer Rheinseite in einer Buchser Beiz mit Fernet Branca.  Heyder geht in seinen Texten auch über die straff gezogenenen liechtensteinischen Landesgrenzen hinaus, die er mit dem texte trouvé Eine Werbung für Liechtenstein beschließt, einer Autoreklame der Marke Chrysler, die verkündet: “Das Leben vergeht viel / zu schnell. Holen Sie es ein.”

Wolfgang Heyder: Achill in Vaduz. Liechtensteiner Gedichte und Lieder mit Zeichnungen des Autors, Corvinus Presse, Berlin 2013, 132 Seiten, 25 Euro. ISBN 978-3-942280-22-8. Das Buch kann auch direkt bei der Corvinus Presse bestellt werden.
(Achill in Vaduz mit freundlicher Genehmigung des Autors. rheinsein dankt!)

Tobelhocker

Bei 150 Jahre Zukunft fällt uns die Sache mit den Tobelhockern ein. Tobel ist eine alpenländische Bezeichnung für eine Schlucht. Es geht dabei also um Schluchtenhocker, zum Inderschluchthocken verdammte Gestalten, ein sehr lokalspezifisches Fänomen, das unseres Wissens einzig im Triesner Lawenatobel vorzufinden ist. Zwar fallen die Anfänge (auch die Gründe) des Tobelhockens ins Sagenhafte, gleichzeitig existieren in den Büchern konkrete Jahreszahlen aus der späten Ära der christlichen Hexenverbrennung und eine Furcht, die bis ins 21. Jahrhundert reicht. Das Besondere an den Tobelhockern ist, nebst ihrer Triesner Endemie, die Einzigartigkeit ihrer Leidensherkunft, da es sich beim Tobelhocken um eine (sonst nirgendwo festgehaltene) Strafe für das Denunzieren von Hexen handelt. Weswegen die Tobelhocker auch Brenner genannt werden und genau in der Schlucht ihre Strafe absitzen müssen, die in der Gegend zuvor als Hexentreff galt. Während die Hexen (wir bemühen eine moderne Vorstellung) dort einst quietschfidel quidditchend einhersausten, besteht der Fluch der Brenner darin, die Ewigkeit an selbiger Stelle gemeinsam schweigend auf Steinsitzen an einem großen Steintisch zu verbringen. Und nicht nur die Denunzianten trifft der Fluch, sondern ihre Nachfahren, auch solche durch Zuheirat, bis in die neunte Generation. Leicht vorstellbar, daß auf diese Weise bis zur Hälfte aller Triesner Familien mit dem Fluch beladen (gewesen) sein sollen.

Der bekannteste Historiker Liechtensteins, Peter Kaiser, beschrieb in seiner Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein von 1847 das Triesner Fänomen, wie er es von einem Alten als Sage erzählt bekam: „Die Brenner, welche so viele Menschen dem Scheiterhaufen zugeführt, hatten den Pfarrer von Triesen zu ihrem Opfer auserkoren. Sie traten in sein Zimmer und er, die Absicht ihrer Ankunft errathend, faßte sich schnell, holte Wein aus dem Keller und forderte sie zum Trinken auf. In den Wein aber hatte er schnell betäubendes und schlaferregendes Gewürz gemischt. Die Brenner wurden von dem Genuß des Weines bald trunken und sanken in tiefen Schlaf. Der Geistliche, diesen Umstand benutzend, entriß ihnen das Verzeichniß der Opfer, das sie bei sich führten. Er war der erste auf der Liste. Alsbald ließ er die Männer kommen, die mit ihm auf dem Verzeichniß standen und zum Feuertod bestimmt waren, machte sie mit der Gefahr bekannt und forderte sie auf, alles an Ehre und Leben zu wagen. Sie nahmen die Brenner fest, überlieferten sie der Obrigkeit und ihre Unthaten kamen zu Tage. Sie erlitten die gerechte Strafe und viele Familien, die um Ehre und Eigenthum gebracht worden, erhielten beides wieder.“ Und der Historiker merkt an: „Die Volkssage übte auch eine eigene Justiz gegen die Brenner, welche nicht gut genug zur Hölle, in ein finsteres Tobel, da, wo man zur Alp Lawena geht, gebannt sind und dort sitzen sie an steinernen Tischen stumm und starr; denn ihr Herz war auch hart, wie Stein und unerbittlich, und ihr Lügenmund ist geschlossen immerdar. Das Volk nennt sie „Tobelhocker“.“

Der heutige Volksmund variiert die Geschichte von den Tobelhockern: so hörten wir von einer Variante, bei der die Verdammten in Gletschertöpfen auf der Stelle um sich selbst zu kreiseln hätten.

Wir schließen mit einem Hinweis auf einen ausführlichen Text von Manfred Tschaikner, der dem Fänomen vor wenigen Jahren nachging und zu einigen aufschlußreichen Erlebnissen und Folgerungen gelangte.

Das Lachen der Hühner: Rezension (2)

In der aktuellen Juni-Ausgabe von Kultur, dem Monatsblatt für ebensolche und Gesellschaft in Vorarlberg ist eine Rezension zu Das Lachen der Hühner von Karin Jenny erschienen:

“Ein kleiner Lyrikband mit Sonetten handelt von Liechtenstein. Geschrieben von Stan Lafleur, dem Autor, der in Köln am Rhein lebt und sich den Rhein zum Bruder machte. Unzählige Veröffentlichungen erzählen von dieser Affinität. Ein möglicher Grund, warum er für einige Monate in Liechtenstein lebte und als Stipendiat der Kulturstiftung Liechtenstein seinen Blick auf das Fürstentum warf.

In dem kleinen Band „Das Lachen der Hühner“ veröffentlicht Stan Lafleur elf Gedichte/Geschichten, symbolisch für die elf Gemeinden Liechtensteins. Ergänzt werden die Texte durch Scherenschnitte von Helena Becker, die jede der elf Gemeinden Liechtensteins darstellt. Ihre Arbeiten sind losgelöst von den Texten Lafleurs entstanden und bilden einen eigenartigen Kontrast zu dessen sperrigen Texten.

„Fast keine Stimmung vorhanden. Autos parken
ein und aus. tauschen ihre schnell vergänglichen Menschen
in den Pausen dazwischen erneuert sich, ziellos, der Mittag
breiige Sonne, die mit zwei überschüssigen Strahlen die
Fahrbahn beschiesst: Softeis schmilzt auf Asfalt, die Strassen
fliessen sanft entlang an warmgestellten Einfamilienhäusern
vereinzeltes Himbeerblinken, bisweilen durchsegelt die
Luft ein ausgebleichter Geldschein. Wo liegt morgen,
wo gestern, wo heute?…“

Soviel zu Nendeln, dem Strassendorf im Liechtensteiner Unterland. Lafleur nimmt in seinen Texten die Befindlichkeit der „Fremdstauner“ auf, jener Auswärtigen, die der Tristesse dieses Strassendorfes erliegen. „Bremsspurenmandalas zieren Abzweige zu Seitenstrassen…“ Lafleur schmückt seine Sprache aus, als ob er dem Dorf dadurch einen neuen Glanz geben wollte, als ob es ihm leid tun würde, dass der Glanz nicht von selbst da ist. Die von ihm gewählte Interpunktion, die Anfänge mittendrin, das Mittendrin am Anfang verstärken die spröde Atmosphäre, die allem innewohnt. Er setzt die Syntax gegen die Form, das heisst, Lafleur geht damit über die Form hinaus. Er benutzt eine traditionelle lyrische Form „…geruch gärenden geldes“, nämlich die des Sonetts und setzt eine kritisch beobachtende Alltagssprache dagegen.

Seine Texte zu Eschen, Triesen oder anderen Orten sind nicht weniger sperrig, gleichwohl erlebt man sie als schön, wenn man es mag, dass da einer den Spagat zwischen schmückenden Wörtern und entlarvenden Gesten macht. Lafleur entlarvt, kennt kein Erbarmen und scheint doch ein Liebender zu sein, einer, der das, was er so schonungslos beschreibt, liebt.

Vielleicht ist es dieser gelungene Spagat, der diesen kleinen, von schlichten Klammern gehaltenen Band so einzigartig macht. Vielleicht ist es auch deshalb, weil Liechtenstein so schroff keiner beschreiben würde, der in dieser Rheinregion beheimatet ist. Der Rhein in diesen Breitengraden zeigt anderes als jener um Köln. Keine Erkenntnis, die vom Hocker haut – aber eine Möglichkeit, frühere Einfachheit aufzuspüren, sie heute noch zu orten und ihr eine Sprache zu geben. Lafleur schenkt Liechtenstein mit diesem Bändchen ein wunderbares sprachliches Werk, das lange nachklingt. (…)”

***

Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte, parasitenpresse, Köln 2011. 24 Seiten, ca. DIN A5-Format. Keine ISBN-Nummer.

Bestellbar über den lyrikvertreibenden Buchhandel oder direkt beim Verlag: parasitenpresse@hotmail.com
Bei rheinsein eingehende Bestellungen werden an den Verlag weitergeleitet.
In Liechtenstein sind die Bände in den Buchhandlungen Bücherwurm/Vaduz, GMG/Schaan und Omni/Eschen vorrätig.

Preis für Besteller aus Deutschland: 9 Euro (inklusive Porto und Verpackung)
Preis für Besteller außerhalb Deutschlands: 9 Euro / 12 Schweizer Franken (plus Portopauschale)
Ladenpreis: 9 Euro / 12 Schweizer Franken

Fliechtenstein (Gewebeent- per Luftaufnahme)

An der Landesgrenze grüßen zwei Barockengel, die Wangen
aufgepustet, fehlt jeweils nur die Tuba, armbrustbewehrte
Hardcoreputten, einander Spiegelbild. Waah-Dutzz, Zaduff
Wudatz! geht’s mit Karacho übers Heiteckkraut in Triesens
Ritzen, Geruch gärenden Geldes, verdächtige Kühe. In den
Kellern: Killercupiden, nett frisierte Scharfschützen in
Corporate Identity-Klamotten (mit winzigen Hundertfranken-
Scheinen in die Kragenränder genäht), Argusbrüder vor
Videos mit Betonwänden zwischen unterirdischen Besucher-
Parkplätzen. Die leise Geste des Steinbrechs, in Grautönen
aufgezeichnet. Rotweiß walkt ein Pulk G`lump aufs Städtle
im leeren Stadion der hohen Niederlage die Sitzschalen in
Fürstenfarben. Als hätt er jemand im Genick, hastet der
Rhein, Holzbrückensplitter im Klarlack, Skater am Bein
als wollt er von Fliechtenstein lieber nix wissen, als
hing er an der Dialyse, übermüdet am Lügendetektor, als
hätt er die Power, hier einfach mal richtig durchzuziehen
(Mehrere Lösungen möglich.) Da! Zwei illegale Somalier!
In der Elfuhrschlange fürn Mittagstisch der Phüanthai-
Anstalt. Am Kreisel küssen sich in plötzlichen Anfällen
limegelben Widerscheins, von der Sonne verwöhnt, die
Busse. Das Tal ist friedlich gelegen, dahinter falten
sich rosa Vorderschinkenberge bis fast auf 3000 Meter
(in die modern gestalteten Höhlen wurden nach reiflicher
Überlegung geräuscharme Sushi-Fließbänder integriert)
sch-sch-Schaan, Schaan, zischt limousinierte Jetset-
Heiligkeit, im eignen Schatten versteckt (verdächtige
Kühe längs des Wegs längst auf Sprengsätze gecheckt)
durch den Regelverkehr. In den Supermärkten: so einiges
zu Trockenfleisch gehobelt, mit sternförmigen Rabatt-
Marken, in deren Innerstem (eine erste Vermutung) die
Staatengemeinschaft kulminiert. Tausendfrankenmost
original homegrown, heule nicht, Bauer, in den Kirchen
wartet nach wie vor Erlösung. (Vollständigkeitshalber
erfolgt die Entnahme eines Widderchens aus den Bergen)

Lemchen

Ein Gedichtband, Epigrammaton libri duo, verhagelte Simon Lemnius nachhaltig die Karriere. Wofür er sich, zumal ersterer weitgehend eingezogen und verbrannt wurde, mit einem weiteren rächte, der bis heute so wenig ausgegraben, so sehr sich jedenfalls in der Kantonsbibliothek Graubünden wohl zu fühlen scheint – und einen Haufen Derbheiten enthält, die Lessing veranlaßten, sie zu verteidigen und somit den “Schand-Poetaster” teilzurehabilitieren. Die Ungnade rührte vom großen Vorzeigedeutschen Martin Luther selbst, der sich (und weil das allein nicht gereicht hätte, auch jede Menge weiterer „wichtiger“ Persönlichkeiten) darin unvorteilhaft aufs Korn genommen witterte. Also drangsalierte er den jungen Bündner, der in den 1530ern bei Melanchthon in Wittenberg zum hoffnungsvollen Neulateiner ausgebildet wurde, nach seinen Möglichkeiten, dh schließlich per Hausarrest und Prozeßandrohung so zureichend, daß Lemchen mit dem zarten Namen und dem starren Sinn, sein Habe zurücklassend, die Flucht ergriff, die ihn durch die ostdeutsche Provinz und schließlich den Rhein entlang in seine Heimatgegend nach Chur verschlug, wo er nebst einer metrisch gelungenen Darstellung des Triesener Gemetzels im Schwabenkrieg von 1499 (also dem Krieg zwischen Schweizern und Deutschen, samt einer frühen lyrischen Erwähnung der liechtensteinischen Lande) in Die Raeteis ein obszönitätsbasiertes und -triefendes Schmähwerk gegen Luther, die Monachopornomachia (den Mönchs-Huren-Krieg), verfaßte, in dem er die ehelich-unehelichen Beziehungsgeflechte in Wittenberg ausweidet und den großen Reformator als gehässigen, dauernotgeilen Sachsenpapst, als „moguntinus satan, diabolissimus diabolus, merdosus pfaffius“ auflaufen läßt.

Liechtenstein (3)

Der Vandalismus hat Einzug gehalten im Liechtenstein der neuen, am (dreimal laut: haha!) sauberen (i.e. z.B. auch Köln beinhaltenden) Europa orientierten Ära. Molotowcocktails auf Wohnhäuser, eingeworfene Scheiben im unschuldigen Landesmuseum, zerstörte „Beleuchtungskörper“ der „Freizeitanlage“ in Mauren. So berichten beide Liechtensteiner Tageszeitungen „Volksblatt“ und „Vaterland“ ihrer Klientel über ein jahrzehntelang ungekanntes Horrorwochenende. Auf der Suche nach dem Liechtensteiner Ghetto fotografiere ich eine grasende Kuh vor zehngeschossigem Wohnhochbau, direkt am von ohrenschutztauben Laubbläsern gerockten Hang zwischen Vaduz und Triesen; darüber, im Dampfbad, die glitschigen Berge. Zentrale Straßen schreiben sich fort als peristaltische Reihung aus Bauernhöfen, Banken, Tanken, Gewerbe, Wohnhaus und Table Dance Bar, zwischen Landtag und Rathaus passen noch ein Souvenirshop (mit im fernen Ausland hergestellter, vorgeblicher Alpenware), ein Markenjuwelier und eine Pizzeria, die das Land durchziehende Hauptstraße als reißender Geldstrom, Kuhglocken und Motorrauschen, die argusbewachten Besucherparkplätze unterhalb der Stiftungen wachsen sich allmählich aus zu (noch nicht ganz) denkmalgeschützten Brachen einer soeben verwehenden Kultur. (Liechtenstein war einst=bis vor kurzem, proportional zu sich selbst gesehen, einer der größten bewachten Besucherparkplätze der Welt.) Autos verschwinden im Niesel, andere tauchen daraus auf. Ihre Geschäftigkeit hat etwas modernes, plastikbasiertes, zwischen Playmobil- und Echtwelt. Triesen beginnt entsprechend verspielt mit einem McDrive, in fosforgrünen Bussen grasen behütete Kinder der von allgemeiner Geldpotenzierung auf schnellen Reichtum verworfenen Neo-Bourgeoisie, üben heimlich das Zähnefletschen unter Aufsicht der fürstlichen Bastion. So wächst festverwurzelte bäurische Identität sich langsam aus und hinein in eine monetär bedingte Internationalität, ein geschmackvoll eingerichtetes Fake aus Weltläufigkeit innerhalb wohlstandsgedehnter Provinzialgrenzen (Dehnungen, die zuvorderst nach innen hin statt finden und erstaunliche Blasen werfen, doch:) begrenzt sind alle Ewigkeiten, so schließlich auch die Fassungslosigkeit.