Die drei Quellen des Vorderrheins

“Auf dieser Platte stellt sich das Schauerliche des Gegenstandes besonders dar. Wenn man das Auge nicht sehr hoch richtet, so sieht man keine Luft; ein auffallendes Gegenstück zu einem Anblick der offenen See, wo man nur Himmel und unbegränzte Wasserfläche sieht. In dieser geheimnisvollen Abgeschlossenheit, in dieser Felsenkammer, die den Wanderer, wie in einer Werkstätte der Natur, die erste Anlage ihrer Werke schauen läßt, wird das Gemüth wunderbar ergriffen. – Fettes, üppiges Grün auf der schmalen Ebene, die die Bäche durchschneiden; zwischen kahlen, nackten Steinen Schnee im heissen Sommer, neben dem Schnee einzelne Halme, weiter oben sparsam mit Moos bedeckte Felsenmassen. – Drey Bäche beleben dieses Bild durch ihr dumpfes Rauschen, mächtiges Brausen, und sanftes Rieseln. Jener Bach, gegen die Mitte hin, arbeitet sich geheimnissvoll aus der Tiefe hervor, und heisst aua (aqua) de Toma. Der zweite stürzt von der Höhe herab – aua del Parlet, der dritte rinnt bescheiden über die Fläche daher – aua del Badus. – In diesen drey verschiedenen Arten, sich zum Ganzen zu verbinden, liegt wohl manches Bedeutungsvolle des mächtigen Stroms. – Welch ein Genuss, das Grosse, Herrliche und Liebliche der Natur zu schauen, zu fühlen, und zu verstehen! -”
(Bildbeschreibung zu Johann Georg Primavesi: Die drei Quellen des Vorderrheins, Kupferstich, erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Autor des Textes ist unbekannt.)

Monsieur Crépon auf den Spuren von Victor Hugo

Es sind die schweren letzten Tage des Winters, die uns melancholisch stimmen, in denen die stetig wachsende Zahl unserer Toten im Bewußtsein rumort und wir uns fragen, wo die eine oder der andere Weggefährtin/Weggefährte abgeblieben sein mag. Mit den Februarblumen, die nichts als den März im Sinn haben, brechen zugleich die Pioniere des Frühlings aus der Erde, entstehen über Nacht verletzliche Krokuskolonien in den Parks, entlang grauer Hauptstraßen prozessieren bündelweise Osterglocken und künden Jesu Passion, die Bäume bilden baumelnde Primeln, ein fragiler Aufbruch, in den hinein datenstarke Post von Marcel Crépon uns erreicht, der zuletzt im elsässischen Rhinau für rheinsein auf Spurensuche sich begeben hatte, dann undercover ging, und nun mitten aus Paris sich mit erstaunlichen Erkenntnissen zurückmeldet, die wir in fünf Teilen voller Wunder und gelüfteter Geheimnisse präsentieren dürfen:

Liebes rheinsein,

“… mein Arm war sozusagen gelähmt, und mein Wille ohnmächtig, weder ihn, noch meine Hand oder einen Finger zu bewegen; dann bekam ich den Eindruck, jemand würde meinen Arm in Bewegung setzen, und gleich mit welcher Geschwindigkeit er agierte, konnte ich ihn daran nicht hindern. [...] Da diese Bewegungen denen des Schreibens ähnelten, holte meine Frau Papier und Stift [...], dann beruhigte sich meine Hand und zu unserem Erstaunen fing sie mit Schreibübungen an [...], erst waren es Striche, dann Pfosten… usw.” So in etwa schilderte einer Ihrer Landsleute (1) seine erste Erfahrung mit seiner Mediumnität, so beschrieb Mr. Prason fast mit den gleichen Worten seine Begegnung mit dem Rhein Hugos. Wie ich Mr. Prason traf, und was dann geschah, erzähle ich Ihnen nun.

Es fing beim “Ägypter” an, ein Buchantiquariat mitten in einer Betonwüste. Die Kundschaft ließe sich als “äußerst zurückhaltend” bezeichen. Wie konnte der “Ägypter” da überleben? Wie kam er, bzw. wie kamen die Einwohner auf seinen Spitznamen? Mit Edmund Purdom hatte er kaum Ähnlichkeit, eher sah er wie Georges Moustaki aus, vielleicht deshalb? Vielleicht waren es die Bücher, die die Wände tapezierten und dem Laden das Aussehen einen Grabkammer verliehen? Lange dachte ich, die Leute würden Regale mit Büchern füllen, um ihre Wohnzimmer zu isolieren, doch stellte ich beim “Ägypter” fest, daß dies nicht immer der Fall ist. Die kalorische Eigenschaft der Meisterwerke glich Null, es herrschte dort Winter wie Sommer eisige Kälte. Ein zweites Zimmer gab es im Keller, MILP (2) genannt. Dort stapelte sich in Kartons, Kisten, auf verstaubten Regalen ein Durcheinander an Gedrucktem. Das Chaos vor dem Chaos nach dem Chaos. Bloße, zusammengebundene geistige Papiertücher, wie der “Ägypter” giftete: kaum gelesen, schon weggeworfen und vergessen. Oder, betrachtete man das Hirn als Ausscheidungsorgan: reines, mehrlagiges, beschmiertes Klopapier. Nach Fäulnis leicht duftend verschwanden dort langsam die Früchte des Schreibens im Zeitalter seiner krebsartigen, endlosen Ausbreitung. In dieser Welt gab es nichts, worüber kein Wort verloren wurde, und nichts wurde niedergeschrieben, ohne ausgiebig schriftlich kommentiert zu werden.

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Vom gleichgültigen Blick des “Ägypters” verfolgt besuchte ich ab und an diesen Unort. In einer Ecke wußte ich einen Turm aus alten Ausgaben des JORF (3), den ich all zu gern durchblätterte, auf der Suche nach Perlen wie dieser:

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Die Zeiten in Rhinau sind mir unvergesslich geblieben, doch einen Ort, an dem ich schon einmal war, kann ich unmöglich ein zweites Mal besuchen. Ob es mit Instinkt oder mit mir unbekannten geomagnetischen Kräften zu tun hat? Auf jeden Fall ist es eine Art Fluch. Die Wahrscheinlichkeit, daß das Rheinwasser, welches in der Nordsee verschwindet, irgendwann erneut im Tomasee fließen wird, ist zweifellos höher als die Wahrscheinlichkeit, daß ich Rhinau je wiedersehen werde. Aber die gute Frau Graff, wie hätte sie der Forderung gerecht werden können? Sie hätte ja eine Zeitreise vollbringen müssen, um vor Gericht erscheinen zu können und somit zu beweisen, daß sie zwar verschwunden, doch nicht verstorben war. Vor allem hätte sie erst die Anzeige lesen müssen… Meine Entdeckung ließ den “Ägypter” unberührt. Aus einem Lautsprecher mit parkinsonschem Innenleben zitterte und vibrierte eine Stimme mit viel Pathos und genauso vielen Aussetzern: “… silence du soir, … noir, … pour l’oreille … l’âme … de cette ombre disant … les eaux, … plaines … pleines …, dès que tout se tait, tout commence à parler.” (4)

- Meine Lieblingssendung: 7 um 11, also 7 Gedichte um 11 Uhr. Was Sie gerade hören, auch das was von Parasiten gefressen wird, stammt von Hugo, Victor.
- Hätte ich nicht erkannt, habe ihn auch kaum praktiziert.
- Kann man, muß man nicht, wie eine Nachbarin sagt. Er ist aber schwer zu vermeiden.
- Ich kann es. Was Poesie angeht, komme ich ganz gut damit (ich ließ die JORF-Seiten flattern) aus, dazu eine kleine wissenschaftliche Abhandlung und dabei versuchen, das Vornehmste zu begreifen, das übrige respektvoll beiseite zu lassen und über das restliche wohlwollend zu lächeln. Zur Zeit befasse ich mich mit Alfred Wegener, denn mich interessiert die Frage, ob die Kontinentaldrift auf den Gedanken zu übertragen wäre. (Fortsetzung folgt)

***

(1) B. Cyriax, Wie ich ein Spiritualist geworden bin (Leipzig 1893). In: Gabriel Delanne, Le phénomène spirite (Paris, 1897).
(2) Mein Index librorum prohibitorum.
(3) Journal Officiel de la République Française.
(4) V. Hugo, Oeuvres complètes: Océan – Tas de pierres (Posth.)

Presserückschau (Februar 2016)

1
Sogar im Tomasee, den er zuvor als sauber eingeschätzt hätte, habe Rheinschwimmer Andreas Fath hohe Belastungswerte mit Plastikpartikeln festgestellt, berichtet das SWR-Fernsehen. Die Plastikteile gefährdeten im Rhein lebende Tiere, die Kunststoff bei der Nahrungsaufnahme nicht von natürlichen Partikeln unterscheiden können, daneben bestünde Verletzungs- und Erdrosselungsgefahr. Auch zögen die Plastikteile oberflächenaffine Giftstoffe an, die immer wieder in den Rhein geleitet würden und über die Nahrungskette schließlich beim Menschen landeten. Krankheitssymptome bei Muscheln könnten ebenfalls auf die Mikroplastikbelastung der Gewässer zurückgehen.

2
Trocken im Stil, äußerst bündig und dennoch auf positive Aspekte der Zuwanderung hinweisend eine WDR-Meldung zum rheinischen Karnevalsgeschehen: “In Krefeld hat ein 21-jähriger Zuwanderer aus Pakistan (…) nach Polizeiangaben einen 20-Jährigen aus dem Rhein gerettet. Der Mann aus dem Kreis Mettmann war beim Urinieren ausgerutscht und ins Wasser gefallen. Der Pakistaner sprang in den Fluss und rettete den anderen. Beide blieben unverletzt.”

3
“RHINE aus den USA liefern mit “An Outsider” ihr zweites Album ab. Hinter diesem Projekt steht Gabriel Tachell, der das Debüt “Duality” von 2011 im Alleingang aufnahm und nunmehr mit einer vollständigen Band antritt, um dem europäischen Metal im Allgemeinen, dem skandiavischen Metal im Besonderen Tribut zu zollen. Ein Schiff aus Seattle in fremdem Gewässern, wenn man so möchte. Das, aber auch die Art, wie die Musik sich windet und wie sie fließt, soll nach eigenen Angaben durch den Namen RHINE suggeriert werden. Und genau das bietet Tachell auch. Sein Schiff “An Outsider” fährt auf dem Rhein entlang, während vordergründig die “Vertebrae”-ENSLAVED (“Dreaming Of Death” ist ein guter Anhaltspunkt) und die “Ghost Reveries”-OPETH (vor allem der Titeltrack) immer wieder die Segel des US-Amerikaners aufblähen. In voller Fahrt segelt das Schiff so im Zickzack-Kurs zwischen ruhigeren, atmosphärischen Gewässern und aggressiven Wogen hin und her. Durch die geografische Begebenheit des Flusses hat die Musik selbstredend auch eine handvoll teutonischer Einflüsse abbekommen, die sich in den härteren, zum Teil thrashigen Passagen zeigen, sich wahlweise aber auch in Vikinger-Chören offenbaren, die in deutscher (!) Sprache von ihren Schlachten singen – und das noch nicht mal schlecht (“P.R.E.Y”).” (metal.de)

4
Der SWR berichtet von einem Fischfang bei Mainz: “Igor Hamm wollte eigentlich Zander angeln. Doch (…) dem 28-Jährigen aus Mainz-Kastel (ging) etwas deutlich Größeres an den Haken. In der Nähe der Bastion Schönborn biss ein Wels an. “Mir tut heute noch der Arm weh. Ich habe bestimmt eine Stunde mit dem Fisch gekämpft”, sagt Hamm (…). Schnell bildete sich ein Grüppchen Schaulustiger am Rheinufer: Spaziergänger blieben stehen, zückten Handykameras. Und auch ein Anglerkollege gesellte sich dazu, um Hamm beim Rausziehen des Riesenfisches zu helfen. “Wir konnten den Wels kaum zu zweit heben”, sagt Hamm, der seinen Fang auf 50 bis 60 Kilogramm schätzt. An Land legte sich der 1-Meter-80-Mainzer neben den Fisch. Nachgemessen habe sich eine Länge von 2,02 Meter ergeben, sagt Hamm.”

5
Eine Prognose über künftige Rheinpegelstände, deren Genauigkeit nachfolgende Generationen überprüfen dürfen, stellt der Meteorologe Peter Krahe von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz im General-Anzeiger: “Wie sich der Wasserstand in Zukunft entwickeln wird, können Krahe und seine Kollegen (…) nur für die ferne Zukunft tendenziell voraussagen: “Man rechnet mit feuchteren Sommern und trockenen Wintern.” Angewandt auf hydrologische Modelle ergäben die durchschnittlichen Klimaszenarien für den Rhein bei Bonn im Zeitraum 2020 – 2050 im Winter eine Erhöhung der Wassermenge um fünf bis 20 Prozent. Bis zum Ende des Jahrhunderts erwarten die Prognosen im Winter zwischen fünf und 30 Prozent mehr Wasser. Für den Sommer zeigten die Prognosen erst ab 2070 einen markanten Trend – nach unten. Der Rhein könnte dann bis zu einem Viertel weniger Wasser führen als heute.”

6
Im Schnitt gut zwei Rheintote pro Monat meldet die Presse seit Jahren verlässlich. Die tatsächlichen Zahlen schätzen wir höher ein, da nicht jede/r Rheintote es in die Presse schaffen dürfte und nicht jede Pressemeldung uns erreicht. Diesen Monat war die Rede von drei treibenden Leichen: “Ein Schiffsführer hat eine im Rhein treibende Wasserleiche entdeckt. Sie wurde (…) auf der Höhe Rheinberg im Kreis Wesel in Nordrhein-Westfalen geborgen. Es handelt sich nach Angaben der Polizei um den Leichnam eines etwa 30 Jahre alten, unbekannten Mannes.” (t-online.de) “Ein Angler hat (eine) 94-jährige Frau, die (…) in Bad Krozingen vermisst wurde, auf der Höhe von Hartheim tot im Rhein gefunden. Offenbar ist sie dort ertrunken.” (Badische Zeitung) “Die Polizei Köln zog (…) in der Nähe der Deutzer Brücke eine Frau aus dem Rhein, die offenbar einen Selbstmordversuch unternommen hatte, wie ein Polizeisprecher (…) sagte. Bei der Rettungsaktion entdeckten sie plötzlich eine männliche Leiche im Wasser.” (Focus)

7
Wild lebende Flamingos am Rhein: “Im Zwillbrocker Venn ist die nördlichste Flamingobrutkolonie Europas zu Hause. Die langbeinigen Vögel können ab April bei Rangertouren im Naturschutzgebiet beobachtet werden. Den Winter verbringen sie am Ijsselmeer und im Rheindelta.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

8
Über die A 13 als Lebensader des Hinterrheintals schreibt Der Bund und daß ihre Wertschöpfung bescheiden geblieben sei. Ein Hotel beim Tunnelportal stehe seit einem Jahrzehnt leer und sei zurzeit eingeschneit: “Bisher zeigte sich das kleine Hinterrhein immer wieder innovativ: Vor kurzem eröffnete im Dorf wieder ein Restaurant – in einem ehemaligen Geissstall. Hier können sich die Wanderer und Skitourengänger verpflegen, die eine der wenigen Ferienwohnungen gemietet haben. Der Kleinbetrieb läuft so gut, dass er eben ausgebaut worden ist. Früh erkannt haben die Bauern im Tal auch den Trend zu Bioprodukten. 1992 stellten sie ihre Produktion allesamt um. Ihr Bündner Bergkäse wird seither in hippen Bioläden in Deutschland und in der Schweiz von Coop verkauft. Im Dorf selbst gibt es einen Tante-Emma-Laden, der allerdings im Herbst schliessen wird.”

Rheingold – Gesichter eines Flusses

Den Dokumentationsfilm von Peter Bardehle und Lena Leonhardt hatten wir vergangenes Jahr im Kino verpaßt. Nun lief er auf Arte. Wie die als Vorbild dienende Doku Die Nordsee von oben wurde der Film mit einer Hubschrauber-Cineflexkamera gedreht, die gestochen scharfe Luftaufnahemn auch aus großer Entfernung ermöglicht. Entstanden sei “ein bildgewaltiger und poetischer Film, der viele unbekannte Gesichter des gewaltigen Flusses zeigt”, verlautbart das Senderinfo. Tatsächlich besteht die Stärke des Streifens in seinen Bildern. Wie in den meisten Rheindokus geht die Reise von den Alpen Richtung Nordsee. Bereits die Arte-Doku Der Rhein von oben hatte den Fluß aus der Vogelperspektive unter Einsatz von Cineflextechnik abgehandelt: viel Unbekanntes zeigt Rheingold – Gesichter eines Flusses dem regelmäßigen Betrachter der regelmäßig von öffentlich-rechtlichen Sendern produzierten Dokumentationen definitiv nicht. Am heimischen Screen entsteht immerhin der Eindruck, daß die Bilderfolge im Kino enorme Sogkraft entfalten dürfte.

tomaseeDer Tomasee aus Sicht der fliegenden Kamera

Dafür sollte dann allerdings der Text ausgeblendet bleiben. Vater Rhein schwadroniert nämlich persönlich (Sprecher: Ben Becker) von seinen Befindlichkeiten. Als Pendant werden historische und sonstige Infohäppchen (Sprecherin: Anne Moll) aus dem Off gereicht. Ben Beckers tiefe Stimme soll das historische Alter des Stroms repräsentieren und Bedeutungsschwere vermitteln. Während die Kamera die Alpenfalten von oben abfährt und beeindruckende Strukturen und Lichtverhältnisse freilegt, erklingt ein bisher unbekannter Schöpfungsmythos: “Vor langer Zeit hausten noch Wunderwesen in den Bergen. Es gab Riesen, deren Scheitel fast bis zur Sonne reichte. Sie wären verbrannt, wenn nicht unser aller Mutter, das Meer, ihnen Wind, Eis und Schnee geschickt hätte. Zum Dank sandten ihr die Riesen zwei Wassermänner mit einem Gruß. Die Berge rückten zur Seite. So wurde ich geboren.” Der altbackene Text, den Vater Rhein in selbstreflexiver Absicht vor sich hinmurmelt, klingt bis auf die zitierte, vermutlich selbstgestrickte Schöpfungspassage, ganz nach den üblichen Bauweisen der letzten rund hundert Rheindokumentationen. Auch von den zwischengeschalteten Informationen wirkte nahezu jede einzelne aus vorangegangenen Filmen bekannt.

sandozRoter Rhein: Archivmaterial zur Sandoz-Katastrofe

soldatenfriedhof im elsaßSoldatenfriedhof im Elsaß

Ein durchgehendes Erzählmotiv bildet Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner: Elektrizität als modernes Rheingold, die ehemaligen Fiebersümpfe im Kühkopf als mutmaßliche Schatzinsel des Nibelungenhorts, der Tagebaubetrieb Garzweiler als Symbol menschlicher Gier und Maßlosigkeit, der dereinst vom Rhein geschwemmt werden soll. Neben der weiblichen Off-Stimme beschäftigt sich auch die Filmmusik von Steffen Wick und Simon Detel in elektronischen Remixes mit dem monumentalen Wagner-Stoff. Als klassische Bilderoper taugt der Film trotz auch aus der Vogelperspektive längst bekannter Landstriche und Szenen in hohem Maße, die akustischen Komponenten begannen wir nach einer Viertelstunde zu verdrängen.

speyrer domBlick auf den Fluß und den Speyrer Dom

rotterdamer hafenVon Robotern errichtete und ständig umgeschichtete Containerstadt im Rotterdamer Hafen

Der Film ist bis zum 26. September 2015 in der Arte-Mediathek verfügbar und wird darüberhinaus am 02. Oktober 2015 um 8.55 Uhr wiederholt.

Tomasee

Es ist dünne Luft hier oben. Das breitoffene Tal des Hochgebirges liegt in eine Unendlichkeit von Licht gebettet, Bergspitzen säumen den Horizont scharf und nackt wie Beile aus der Steinzeit, sandfarbene und verwitterte Häupter, weiß herüberglänzende Berggebilde, deren Rücken sich heben und senken wie Diagramme einer unumstößlichen Tatsachensprache. Unten aber sind die bewaldeten und samtbraunen Kuppen in weitem Wurfe abwärts gekrümmt. Den Gipfel, auf dem unser Fuß jetzt steht, sahen wir in der Morgenfrühe noch in der äußersten Ferne, wir fuhren im offenen gelben Postwagen der Alpenstraße auf ihn zu; er ist der am hellsten strahlende Winkel in der Schneewelt des Gotthard-Körpers, sein Name ist der Baduus. Nun liegt seine steile Wand im Schatten unter uns, Granitgestein in mürbem Schnee vergraben, buntes und mit Flechten überzogenes Felsgestein, aus dessen Löchern die Murmeltiere pfeifen, feuchtes Geröll, dessen Rinnsale in ein sumpfig rotes Gelände niederfließen. Wir sahen diese alabasterne Höhe, deren Lautlosigkeit vollkommen ist, im Gedräng der schattigeren Kämme und ahnten schon aus der Form dieses Gipfels, der wie ein Becher ist, den kleinen, kristallenen See. Die höchste Spitze des Berges lag fast durchsichtig im Mittagslicht, mit zwei brennend weißen Stellen, die funkelnden Augen glichen. Nun liegt ganz weit hinter allen sanften Biegungen des Tales das alte große Kloster mit dem Dorf zu seinen Füßen, die Kirche von Disentis, hochgewölbt mit goldüberladenen Altären, mit ihren kühlen, steinernen Treppengängen und dem sonnigen Obstgarten, aus dem uns ein Mönch, auf der Leiter stehend, eine Handvoll bernsteinroter Pflaumen vor die Füße warf. Wende ich den Kopf hier oben, so sehe ich vor dem weiß und schwarz gefleckten Abhang den See. Seine vier flachen, kleinen Buchten geben ihm einen regelmäßigen und länglichen Umriß. Sein Spiegel ist vollkommen klar, seine Tiefe scheint unergründlich. Feierliches und belebendes Gefühl, daß dieser geheimnisvolle Spiegel der Quell eines großen Stromes, der Urbeginn des Rheines ist, und dieses Gestein die kristallene Schale, in die aus Schneegefild und Wolken die meerentstiegenen Wasser niedertriefen. Könnte doch Europa sein Antlitz über diesen Spiegel neigen, seine zerrissenen Züge würden sich glätten, es würde gütigeren und reineren Herzens, mit den kleinen Blumen dieses Berges geschmückt, in seine Täler niedersteigen! Die Höhlen des Abhanges hier in der Nähe würden fromme Griechen einst dem Pan, dem Asklepios geweiht haben; vielleicht hätten sie zu Füßen dieses Berges, wo die Paßstraße in Schlangenwindungen zur Seite steigt und ein preisgegebenes Bahngeleise die Einöde der Hirten durchschneidet, ein gewaltiges Delphi errichtet mit tönenden Hallen und schimmernden Weihegaben.
Mir scheint, daß selten ein menschlicher Fuß den steilen, nur von blassen Enzianblümchen geschmückten Abhang hier oben betritt. Wir schöpfen Wasser, um eine Schale Tee zu kochen, ein Stück Brot und ein Apfel ist unser Mahl, die Sonne röstet unsere mit Schnee geriebene Haut. Wir steigen nochmals zum See hinab und gehen am Ufer entlang zwischen Felsentrümmern, die Sarkophagen, urweltlichen Thronen und Säulenstümpfen gleichen. Die Sonne vollendet jetzt ihren abendlichen Bogen; sie berührt die Bergspitze, das Wasser kräuselt sich unendlich leise von dem ersten kühlen Fallwind. Noch ruht warmes Licht auf unserem Abhang, aber das Kristall des Wassers färbt sich unendlich zart opalisch, es gibt stärker die grünliche und orangene Farbe des Himmels wieder, der Umriß des Berges, finster im Goldgrund des Himmels, wiederholt sich im See mit körperloser Dunkelheit. Und plötzlich, da die Sonne verschwindet, ist Winter hier oben, der ferne Bach, der durch ein Felsenmeer herabstürzt, rauscht fremd und eisig. Der See ist flaschengrün, von Schuppen überzogen, die anfangen, Wellen zu werden.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Louis Lourmais durchschwimmt den Rhein

rheinschwimmer louis lourmais

Der Bretone Louis Lourmais startete Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre einige Aktionen als Extremschwimmer – darunter die Durchschwimmung des Rheins der Länge nach. War zuletzt im Rahmen ähnlicher Projekte von Ernst Bromeis und Andreas Fath auch der vor zwei Jahren verstorbene Linzer Klaus Pechstein wieder ins Rampenlicht gerückt, der als erster Mensch den Rhein komplett der Länge nach durchschwommen haben soll, grub Thomas Förster für seinen Dokumentarfilm Flussgeschichten – Der Rhein, für den er Pechstein interviewte, auch Archivmaterial aus, das Louis Lourmais beim Rheindurchschwimmen zeigt. Lourmais soll erst bei Schaffhausen, also weit unterhalb der Quellen, in den Rhein gestiegen sein, somit auch die Bodenseequerung vermieden haben, wodurch ihm der an sich fragwürdige Rekord “Komplettdurchschwimmung” (denn der Rhein ist nicht ein Rhein und in Passagen der Quellregionen, auch unterhalb des Tomasees unschwimmbar) aus heutiger Sicht verwehrt bleibt. Rund 1000 Rheinkilometer absolvierte Lourmais, teilweise schwimmerisch begleitet von seiner Frau Liliane, bevor er in Rotterdam von der niederländischen Schwimmmeisterin Cocky Gastelaars und einer Abordnung Froschmänner in Empfang genommen wurde. Lourmais ist somit der früheste, bisher bekannte Rheindurchschwimmer, was ihm einen Ehrenplatz in der Ahnengalerie dieser Spezies einbringen sollte.

rheinschwimmer louis lourmais_2 (Bilder: Screenshots)

Der Rhein ist tatsächlich ein Fluß, der vom Himmel fällt

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Ein Ausschnitt des niederländischen Rheindeltas, vom Himmel aus gesehen. Per Zoom aufs reichlich vorhandene Grün läßt sich womöglich ein Kampfläufer zwischen den Halmen entdecken.

Auf Arte lief gestern die Schlußfolge der zweiteiligen Dokumentation Wilder Rhein (Regie: Jan Haft, 2013), der sich hauptsächlich der Tierwelt entlang des Stroms widmet und den Rhein vom Meer her aufzäumt: beginnend im verzweigten niederländischen Mündungsgebiet arbeitet sich der Film in gemessenen Sprüngen zum Tomasee hinauf. Die Tieraufnahmen sind beachtenswert gelungen und auf den Punkt ästhetisiert: die Kamera scheint im Unterwassergeschehen mitzuleben, lugt in Gebüsche, verläßt den Boden und analysiert das Flugverhalten diverser Luftbewohner. Die sparsamen Kommentare erreichen hin und wieder poetisches Niveau. Eher eine Seltenheit, daß in (deutschen) Rheindokus den niederländischen Flußparts zureichend Aufmerksamkeit zuteil wird: Wilder Rhein hält sich eine geschlagene Viertelstunde mit den Niederlanden auf, berichtet von “Gewinnern und Verlierern des Klimawandels” (Zugvögel, die erstmals oder nicht mehr an der Nordsee erscheinen), von Fischen, die mit der Flut in die Rheinläufe schwemmen und sowohl mit Salz- wie auch mit Süßwasser klarkommen, sowie von den rheinwasserschöpfenden Poldermühlen von Kinderdijk. Natürlich geht eine Rheindoku nicht ohne Schwenk auf den Kölner Dom, für die Kölner Tierwelt kommen überraschenderweise die winzigen Feenkrebse zum Zuge, wie sie in Pfützen der Wahner Heide anzutreffen sind. Weinhähnchen, Puppenräuber, Pappelglucke: welche Tiere diese sprechenden Namen tragen, hätten wir nicht auf Anhieb zu bestimmen vermocht. Im Taubergießen beobachten wir einen Hecht beim Beute machen, am Hochrhein ertönt das eigenartige Geräusch saugwilliger Biberbabies, der Kommentator gibt zu, daß er nicht weiß “ob Gänse beim Flügelschlagen auf das Wasser so etwas wie Glück empfinden” und beschließt die beiden Folgen angesichts des verschneiten Tomasees (der ebenfalls eine Art Delta aus ihm zulaufenden Gebirgsbächen besitzt), indem er ein auf rheinsein einst deutlich geäußertes Credo variiert: “Der Rhein ist tatsächlich ein Fluß, der vom Himmel fällt.”
(Die Dokumentation ist derzeit in der Videothek von Arte online abrufbar.)