Der Rhein von oben (2)

Auf Arte läuft seit gestern und noch bis Freitag um jeweils 19.30 Uhr eine fünfteilige, jeweils dreiviertelstündige neue Rheindoku: Der Rhein von oben. Der Sender verspricht „das wohl ausführlichste Bild des europäischen Stroms, das je gezeigt wurde“. (Aus der Luft mit der Cineflex-Kamera gefilmt mag das sogar zutreffen – Ausführlichkeits-Interessenten empfehlen wir nichtsdestotrotz das Vergleichsstöbern in mittlerweile deutlich über 1200 rheinsein-Einträgen.)

Die erste Teilfolge, Der Alpenrhein, widmet sich, logisch, den Quellen des Vorder- und Hinterrheins und endet beim Einfluß in den Bodensee. Die Macher (Regie: Luzia Schmid) verfahren nach zuletzt bei Rheindokumentationen bewährtem Strickmuster: beeindruckende Luftaufnahmen zu seicht-pathetischer Musik wechseln mit Kurzportraits bzw -interviews von/mit Anwohnern.

„Den Rhein möcht ich noch einmal machen“ hören wir zu Beginn Ernst Bromeis, der im und vor dem Tomasee posiert und dessen gescheiterter Versuch den Fluß der Länge nach zu durchschwimmen vergangenen Mai für öffentliches Aufsehen (und ein paar rheinsein-Notizen) sorgte. Sogleich beschleicht uns Furcht, daß wir den x-ten Aufguß allzu bekannter Anekdötchen aufs Auge gedrückt bekommen sollen. Eine unnötige Furcht, wie wir erfreut feststellen dürfen. Die Bodenbeiträge erweisen sich als wohlgewählt, erfrischend und kompetent und das Team scheut bei seinen alpinen Erkundungen keine Seitenpfade in selten geschaute Nebentäler, die doch von elementarer Bedeutung für das Verständnis des Alpenrheins und somit des gesamten Rheinsystems sind und bei vergleichbaren Gelegenheiten gerne übersehen werden.

Zwischen dem energiewerkenden Ex-Abt von Disentis und der tauchenden Archäologin in Sipplingen findet sich Platz für kleine Erkenntnisse über hunderte Schmelzwässer, den italienischen Rheinanteil, historisch bedingte Kuriositäten und den unterseeischen Wasserfall der Bodenseeeinmündung, in deren Hintergrund wir für einen Augenblick sogar Paradise Island zu entdecken glaubten, wenngleich die kontroverse Insel in Der Rhein von oben (noch) keine Rolle spielte.

der rhein von oben_rheinalpen_04(Pressebild: © WDR/Vidicom)

Der vergleichsweise gediegene Zeitrahmen jedenfalls scheint dieser Dokumentation zu bekommen wie auch der allenthalben eingefangene Respekt und das Staunen vor der Kraft des Wassers. Einziger Wermutstropfen bleibt die musikalische Untermalung. Die gestern ausgestrahlte und die kommenden Folgen sind rheinsein eine Empfehlung wert.

Die erste Folge ist derzeit in der Arte-Videothek verfügbar.

Wiederholungen der ersten Folge auf Arte:
Montag, 18.03.2013 um 12:05 Uhr
Samstag, 30.03.2013 um 12:30 Uhr

Zwischenbilanz (5)

Das erste Halbjahr 2012 verbrachten wir weitgehend als literarischer Gastarbeiter am Bosporus. Diese höchst relative Rheinferne (denn unsere unmittelbaren Nachbarn im Künstlerghetto von Kuledibi waren stets Rheinländer) trug zu einer Dämpfung der Artikelfrequenz bei, wie sie auch für die erste Jahreshälfte 2013 zu erwarten steht, in der wir uns vornehmlich mit subterranen Themen beschäftigen werden, welche die Rheinregionen allenfalls gelegentlich streifen dürften. Längere vorübergehende Stillegungen rheinseins im kommenden Halbjahr sind derzeit nicht angedacht, könnten aber notwendig werden. (Bitte nicht wundern, falls mal 14 Tage lang kein neuer Eintrag auftauchen sollte.)

Wichtigstes Jahresereignis hinsichtlich unserer Feldforschungen war sicherlich die Expedition zur Rheinquelle. Vergangenen Sommer gelang uns der langersehnte Aufstieg zum Tomasee, der meist als Hauptquelle des Rheins angesehen wird.

Für die zweite Jahreshälfte 2012 notieren wir die höchsten Zugriffszahlen seit Bestehen und zunehmend externe Kooperationsangebote.

2013 wollen wir uns vermehrt auch Fragestellungen und Analysen zum Thema “Schreiben/Publizieren zwischen Analog und Digital” (Digiloges/anatales Werken) widmen. Dh, dem formalen status quo, seinen Entwicklungsmöglichkeiten, auch den Produktionsbedingungen rheinseins soll mehr Gewicht (evtl in Gramm Papier meßbar) verliehen werden, wobei die üblichen, fahrig-flirrenden Schnellartikelchen hier sicher erstmal nicht aussterben werden.

Zu Weihnachten gab es eine Sonderedition von Das Lachen der Hühner zu verzeichnen, eine streng limitierte, überarbeitete, numerierte und signierte Auflage unseres Erfolgsgedichtbands über Liechtenstein.

Abschließend möchten wir erneut auf einen jungen Ismus hinweisen, der sich noch tüchtig auswachsen soll, nämlich den

Terrilismus
Die literarische Methode des Sammelns, Sortierens, Häufens und Schichtens, eine multiple Technik, deren sich rheinsein zum Wachstum bedient und aus der es sich gleichzeitig speist, hat im November 2012 in Loos-en-Gohelle in Nord-Pas-de-Calais eine Entsprechung im sogenannten Terrilismus gefunden, den wir gemeinsam mit dem französischen Kollegen Dominique Sampiero und dem polnischen Fotografen Arek Gola entwickelten, wobei sich Terrilismus auf das französische Wort terril, zu deutsch Abraumhalde, bezieht. Neben dem Potjevleeschismus bildet der Terrilismus eine der beiden Hauptsäulen des Topowskismus, den zu erläutern an dieser Stelle zu weit führte.
Abraumhalden bestehen aus mehreren (Abfall-)Produkten des Bergbaus, darunter Kohle, Schiefer und andere Gesteine, die weiter verwertet werden können, z.B. im Straßenbau oder als künstliche Berge (Wander-, Ski- und Gleitschirmsport). Nicht selten entzünden solche Halden sich selbst und beginnen von innen zu glimmen und schwelen (wobei neue Minerale entstehen), auch vermögen sie Rauch auszuatmen und seltene Vegetationen und Tiere anzuziehen. Es ist diese terrilistische Technik des Sammelns, Häufens und Schichtens, des Fusionierens und Recycelns u.a. Merkmal/Ausdruck moderner/neuartiger literarischer Arbeitsweisen, wie sie in der (ausnahmebestätigten) Regel, wenn wir uns dafür interessieren/daran werkeln, mit fünf bis zehn Jahren Verzögerung einen Medienhype erfahren. (Vor 2014 ist also eher nicht mit einem solchen Hype zu rechnen.)

Unseren LeserInnen wünschen wir einen guten Rutsch und ein gesundes, glückliches 2013!

Quietscheentchen Nadia (2)

Der Zuschauerfrage, wie viele Tage Reisezeit das Rheinwasser von der Quelle zur Mündung benötige, nahm sich die ARD-Sendung Kopfball (die heute ausgestrahlt wurde und bereits als Podcast zur Verfügung steht) an – wir berichteten. Das Kopfball-Team setzte Nadia, eine doppelte Quietscheente, auf dem Rheinstrom aus, ließ sie von Wasserwachtlern begleiten, stoppte und addierte Nadias Schwimmzeiten, um sie mit differenzierteren wissenschaftlichen Meßmethoden abzugleichen. Schweizer und deutsche Hydrologen erklären vor der Kamera die unterschiedlichen Fließgeschwindkeiten des Rheins. Der Bodensee wird von den Enten-Messungen ausgenommen, weil der Rhein in den See abtaucht, was eine Oberflächenmessung verunmöglicht. Daß das Rheinwasser sich (ganz im Gegensatz zu Ammianus` Einschätzung) weit in den See verteile, erfahren wir von einem heutigen Fachmann, und daß es von der Eintrittsstelle in den Bodensee bis zur Austrittsstelle, je nach Jahreszeit, mindestens drei Wochen benötige. Die übrige Wasserreisezeit vom Tomasee bis Hoek van Holland (wo die Ente nur bei Ebbe das offene Meer zu entern vermag) maß das Kopfball-Team mit rund zehn Tagen, was insgesamt (also die Bodensee-Querung hinzugerechnet) eine Mindestreisezeit von einem Monat ergäbe. Die Live- und Vorberichterstattung des medial beachteten Experiments auf den Internetseiten des WDR hatten wir seinerzeit lediglich überflogen; die für die halbstündige, kurzweilige Sendung zusammengeschnittenen Ergebnisse schienen uns jedenfalls von den ersten Auswertungen abzuweichen, was alles in allem eine schöne Unsicherheit bzgl der vorgestellten Resultate beläßt. Ob ein Quellwasser immer diegleiche Reisegeschwindigkeit aufnimmt oder ob es, je nach Geburtsdatum und -charakter eher als Trödelwasser, Eilwasser, Streb-, Verweil- oder Wechselwasser (in kausalarmen Tempointervallen) und in wievielen Tagen der Nordsee zustrebt: diese Frage wäre erst noch zu stellen und ließe sich in weiteren Experimenten eingrenzen bzw ausweiten.

Abenteuer Rhein (2)

Abenteuer Rhein von Andreas Ewels und Christine Elsner, zuvor kräftig beworben, auch auf rheinsein vorab angekündigt, dann aber still und leise im Termin (auf den heutigen Sonntag) verschoben, wirkt, wie im Vorfeld anzunehmen war, vor allem über seine Luftaufnahmen aus dem Blimp (”Prallluftschiff”), d.h. einem ferngesteuerten Kleinzeppelin und war schon vor der Urausstrahlung auf planet e am heutigen Tag in der ZDF-Mediathek (welche den Vorteil bietet, Filme anzuhalten oder zu spulen) vorhanden.
Wie der Tomasee plötzlich hinter Bergkuppen, die er spiegelt, aufscheint und die Kamera dem Alpenrhein durch enge Schluchten talab folgt, gibt visuell durchaus Stimmungen wider, die uns dort oben noch vor Kurzem erfaßten. Aus den folgenden Bildausschnitten Sedruns, der Ruinaulta, der Via Mala hätte sich mehr machen lassen.
Freundliche, bisweilen etwas unmotiviert wirkende Kurz-Interviews markieren die menschlichen Bojen im Kamerafluß. Tiermotive bevorzugt: ein Bündner Steinbockhüter, die südbadische Biberbeauftragte, der Artenreichtum des Taubergießens und ein Schlangenexperte, der nächst Wiesbaden mähshreddergefährdete Äskulapnattern präsentiert, dabei seine eigene Frage, wie die Schlangen an den Rhein gekommen seien, unbeantwortet läßt.
Kitschige, in der verwendeten Art völlig unangebrachte Hintergrundmusik spült die Talgeräusche weich, überspielt sie die meiste Zeit. Doppelte Länge (sowohl für Bildeinstellungen, als auch Interviews) und deutlich höhere Geschmackssicherheit bei der Musikauswahl (bzw weniger Verblendung bei den Originalgeräuschen) hätten der Doku wohl getan.
Alles in allem ein typisches ZDF-Produkt mit Mut zu Lücke und Lenor und mehrkamerafachem Befliegen der Oberfläche. Welche dann auch häufig (und häufig nichtmal zu unrecht) hübsch aufscheint. Der zweite Teil folgt Sonntag in einer Woche, in der Mediathek vielleicht sogar früher.

Quietscheentchen Nadia

Die Zuschauerfrage, wie lange ein Wassertropfen von der Quelle bis zur Mündung des Rheins brauchen würde, veranlaßte das Team der WDR-Sendung Kopfball zu einem vielbeachteten Quietscheenten-Experiment. Die Frage, wo Quelle und Mündung des Rheins liegen, wollen wir an dieser Stelle nicht erneut erörtern. Kopfball startete das Experiment am Tomasee. Eine wissenschaftliche Berechnung zu diesem Thema sei noch nicht vorhanden gewesen, lediglich Einzelstrecken seien gemessen, woraus sich die Gesamtflußdauer jedoch einigermaßen ergäbe. Ein auf der Wasseroberfläche schwimmendes Teil sei einem Rhein-Wassertropfen in dieser Hinsicht gleichzusetzen. Nun könnten wir entgegnen, daß schon die Frage nach der Wassertropfenwanderleistung sozusagen einen Modellwassertropfen voraussetze, einen idealen Tropfen im Sinne des Meßrekords, und keinen individuellen, Schilfrasten bevorzugenden oder mit den Fischen haschenden. Das Kopfball-Team wurde jedoch selbst mit diversen Schwierigkeiten der modernen Rheinforschung konfrontiert und geht offensiv damit um. So handelt es sich bei der für das Experiment verwendeten Quietscheente nicht um eine einzige authentische Quietscheente, sondern, den alpinen Gegebenheiten angemessen, zunächst um eine handelsübliche kleine, bevor, sobald das Rheinbett an Tiefe gewinnt, eine etwa fußballgroße, präparierte, kielgesteuerte mit GPS-Implantat zum Einsatz kommen konnte. Beide Enten neigten zum Hängenbleiben an Hindernissen wie Steinen oder Ufersäumen, weswegen ihre Reise- und Rastzeiten mit Stopuhren genommen wurden. Auch mußte die größere der beiden Enten, die irgendwann auf den Namen Nadia getauft wurde, bei Dunkelheit gelegentlich aus dem Wasser geholt werden, bewältigte zwar schadenfrei den Rheinfall und Kollisionen mit Schiffen, längst jedoch nicht jede Schleuse – allein die Querung des Bodensees hätte „bis zu vier Jahren“ in Anspruch nehmen können, weil der den Bodensee durchfließende Rhein eben doch einen gewaltigen Unterschied zwischen Haupt- und Oberflächenströmung macht. Die Genauigkeit des Experiments mußte also eine ungefähre bleiben. Und so entspricht das praktische Ergebnis dem trocken aus Einzelsummen errechenbaren von „etwa 12 Tagen“, ein Ergebnis zudem, daß wir durchaus schon irgendwo einmal gelesen zu haben meinen (bei Tümmers?) und auf daß sich – ungefähr – auch kommen läßt, wenn eine durchschnittliche Fließgeschwindigkeit von rund vier bis fünf Stundenkilometern angenommen wird, wie sie sich zb pi mal Daumen aus dem Abgleich von normaler Fußgängergeschwindigkeit mit Treibgut ergibt. (Soviel dann doch nochmal zur Glaubwürdigkeit von Zahlen, welche vorgeben, natürliche Vorgänge korrekt widerzugeben.) Das Ergebnis wurde im Internet veröffentlicht, die eigentliche Sendung steht noch aus. Die Zahl der Quietscheentenfreunde in Deutschland ist hoch, die populäre Ansprache dürfte gelingen, zumal Nadias Begleitteam (Kamera, Ortung, Aufdemwegerhalten) von ähnlichen Entbehrungen zu berichten weiß, wie wir sie auf unserer jüngsten Bibersafari erlitten. Der Film zum Experiment soll am 21. Oktober gezeigt werden.

Qualle

heiligmaessiger see

“Das hier ischt die Qualle!” (Gehört am Tomasee. Wir vermuten Basler Dialekt.)

Expedition zur Rheinquelle (5)

Der Tomasee hatte bergumstanden-bergespiegelnd etwas religiöses, gar kirchliches, jedoch nicht von einem Ort der Einkehr, sondern eher von einer touristisch stark frequentierten Kathedrale, also außerhalb der Gottesdienst- bzw Zufluchtszeiten. Zwar verteilten sich die Pilger um den kathedralen See herum sehr ordentlich (wurden beim Umrunden hinter Steinen und in den Matten, bis fast hin zum Verschwinden, immer kleiner) und standen sich hauptsächlich beim Einstieg (in voller Größe) auf den Zehen herum, doch waren z.B. die Felsplatten, auf denen sich über den austretenden Fluß bewegen (oder sozusagen mitten in den Rhein setzen) ließ, stets von Neugierigen bevölkert, zumal wir feststellen durften, daß sie zu einem zweiten Aufstieg/Abstieg führten, als Teil eines Wanderwegs, den wir ungelenk ein paar Meter über ein kleines grobkörniges Schneefeld hinabschlidderten, dieweil der Rhein zu unsrer Linken mit lässigem Drang über den Schotter glitt. Der Blick fiel dabei aus dem engen Flußlauf hinab ins besonnte Tal. Da stellte sich ganz unvermittelt ein Gefühl ein von Aufbruch und In-die-Ferne-ziehn. Das Wasser dünkte uns ein gerade mündig gewordener Sohn, der sich nun davonmacht in die weite Welt. Schmerzlichkeit und gute Wünsche. Anteile von Erlösung. Das Wissen um das so unwahrscheinliche wie zwangsläufige Anschwellen dieses frischen Bächleins zu einem wallenden, tödlichen, industrieguttragenden Strom voller Schlamm, Geröll und Öl, seine Auflösung in der Nordsee und schließlich im Wasserkreislauf. Sein Aufblühen und Scheitern. Lebenswege, Energieerhaltungssätze. Dann wieder, mit um 180 Grad gewendetem Blick auf den ruhigen See, ging uns durch den Sinn, daß das Markieren eines Quellpunkts am ehesten wohl dem menschlichen Bedürfnis nach Handfestigkeit und Verläßlichkeit, auch nach Selbsttäuschung entspräche, daß wir stattdessen lieber die zwonhalb Schmelzbäche oberhalb des Tomasees als eigentliche Rheinquellen betrachten sollten und davon ausgehen, daß zu andern Jahreszeiten auch mehr als zwonhalb oder weniger als zwonhalb Schmelzbäche in den Tomasee hinbabfließen dürften, daß also die Quellen des Rheins unfaßbar oder nur efemer greifbar, besser durchgreifbar bleiben (eben so, als wolle man Wasser „für immer“ in der eigenen Faust einfangen), daß sie auftauchen und verschwinden ganz wie es ihnen beliebt, wenngleich dabei zunächst nur vom Vorderrhein die Rede wäre und nicht vom Hinterrhein, den es ja auch noch gibt und ohne den in Betracht zu ziehen ein Rheinquellenempfinden immer unvollständig bleiben wird, eben so, wie es nachher in TV-Dokumentationen manifestiert daherkommt, die stets den Tomasee als Rheinquelle ansteuern/anbieten, wohl weil dort immerhin ein hübscher See zu sehen ist, aus dem ein Bach austritt, ein Flüßchen, dieweil am Hinterrhein das Ansteuern der „Quelle“ vermutlich am Gelände scheitert, in dem der Weg versickert (in Geröll aufgeht), von dem also bis auf weiteres angenommen werden darf, daß auch seine Quelle beweglich sein könnte, in etwa so beweglich wie der Gletscher, der sie behaust. Die Geisterhaftigkeit unsichtbarer Quellen, ihre selbstmythisierende Geistigkeit. Animus, anima, animum. Kernschmelze. Welt aus Welt, Wasser aus Wasser. Strömen, Pulsen, In-sich-Tragen. Das Wasser, aus dem wir bestehen, polte sich an diesem Ort, so schiens uns, ständig um. Daß es vor der Existenz des Rheins einmal keinen Rhein gegeben habe und daß der Rhein erdgeschichtlich betrachtet ein äußerst junger Spund sei, ging uns durch den Sinn und die Erinnerung an die mit fassungslosem Schrecken geäußerten Worte einer gebildet wirkenden Dame im Regionalzug bei Unkel, daß der Rhein „einmal wieder weg sein könnte, stellen Sie sich das nur vor!“

Am Abend ging es nach Sedrun, die Expedition mit Tujetscher Capuns zu beschließen, sowie mit Blutzcher und Marenghin, zwei sursilvanischen Biersorten mit Namen wie aus einem Beckett-Drama. (Neben Blutzcher und Marenghin existiert noch eine dritte sursilvanisch-beckettsche Biersorte: Rensch; die reimarme Landschaft um das Wort Mensch ein wenig zu beleben.) Die Radiosender verkündeten den heißesten Tag des Schweizer Sommers und daß es angesichts dieser Tatsache nicht mehr hip sei, Spritz zu trinken, wie noch im letzten Jahr, sondern ein Getränk namens Gustav oder Oskar oder Pascal, jedenfalls eins mit einem recht beliebigen Namen. Am Nebentisch saß ein Herr, der zu seiner Haxe immer abwechselnd einen Schluck Bier und einen Schluck Rotwein trank, was er sich beides in Literstärke bringen ließ: auch ein originelles Trinkverhalten, das es vielleicht in sieben bis neun Jahren, wenn Hipness unhip geworden ist, zum Radio-Sommertip bringen wird. Hinter den südlichen Bergen, dort wo wir das Tessin vermuteten, grollten Gewitterdonner wie das Geröhre streunender Großkatzen. Es hätte uns nicht gewundert, wäre über den Graten eine schwarze Pantherwolke erschienen. Wir strichen noch ein wenig durchs Dorf, bestaunten die abstrakt wirkenden Aushänge und versorgten uns mit andutgels und Sedruner Käse. In der Sonne, in der Erinnerung und durch das Bierglas gefiel uns die Gegend der vergangenen Stunden so gut, daß wir nach vollbrachter Expedition beschlossen, einen weiteren Tag in der Surselva anzuhängen, um wenigstens noch eines ihrer geheimnisvollen Nebentäler zu erkunden. Zurück im Hotel, das plötzlich einen seiner zahlreichen Ruhetage feierte, aber dennoch von uns bewohnt werden durfte, besichtigten wir die Stube mit ihren sursilvanischen Geweihvorkommen, den wunderbaren Stichen des alten Tujetsch, auf denen Tschamut noch kleiner als heute wirkte (eine ziemlich unvorstellbare, dafür umso besser gestochene Szenerie) und den fatalistischen Gästebucheintrag eines unbekannten Reimfreundes: „Grau, grün & blau die Bergwelt war / auch im zweitausendzehner Jahr“ (Ende)

Expedition zur Rheinquelle (4)

Wie schwierig oder wenig schwierig der Aufstieg einzuschätzen ist, läßt sich am besten daran ermessen, daß ca fünfjährige Kinder ihn problemlos bewältigten. Schweizer Kinder, wohlgemerkt, welche kaum der Mutterbrust entrissen in die Seinswelt der Berge geschleudert werden, wo sie gemsische Fähigkeiten entwickeln, die dem Flachländer je nach Gemüt und Fitness Bewunderung oder Skepsis abringen. Der erwachsene Schweizer schleppt Unmengen Ausrüstungsgegenstände auf seinem Rücken den Berg hinan, um sie und sich am See zu entfalten: Zelte, Campingausrüstung, Angeln (im Tomasee sollen Forellen und Saiblinge vorkommen, weil Gott oder einige seiner treuen Exekutivkräfte sie einst dorthinein entließen), Schweizer Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht auf eigenen Beinen in die Höhe steigen können/sollen/dürfen, imposantes Kameraequipment (wieviele hunderttausende hochaufgelöste Bilder muß es von diesem Bergsee geben!), Nachtsichtgeräte, Unterhaltungselektronik und weitere Gegenstände, welche seinen Rucksack aufs Äußerste dehnen, als befände sich darin ein gefährlicher lebender Organismus kurz vor dem Ausbruch. (Nur Tauchausrüstungen haben wir erstaunlicherweise nicht unter die Augen bekommen.)

Glück mischte sich mit Geschick: denn wir waren absichtlich früh losgezogen und bekamen von den beladenen Massen zunächst wenig mit. Stiegen und schauten stattdessen taumelnden Schwalbenschwänzen nach, ließen den Blick auf kürzlich geschmolzenen Schneefeldern ruhen, auf denen mitten im Hochsommer die Frühjahrsblüte ausbrach in Form von Gelber Alpenkuhschelle und Frühlingsenzian. Die Hochamsel lästerte. Wir fanden Stinkwurz und Saxifraga, notierten, notierten, umrauscht von Wasserläufen, den Geräuschen der Motorräder in den nah-fernen Serpentinen, der Kühe, Insekten und nach ein wenig Tändelei schließlich doch auch der kernigen Wandergruppen, die mit gefletschten Zähnen im Gänsemarsch von unten nachrückten und uns, falls wir weitertändelten, auf dem schmalen Pfad zu überrennen drohten. Die Schönheit der Berge, sie existiert in diesem Ausmaß erst seit sie käuflich ist, der Wohlstand hat sie sich herangezüchtet, zur Abwechslung von Bürozimmern.

Nach etwa anderthalb Stunden steten Steigens ist die Nähe des Sees zu spüren, der Weg geht streckenweise über nackten Fels und plötzlich steht der Pilger in einer Blickschneise, wie sie für ein Heiligtum nicht besser inszeniert sein könnte und schaut auf den nur von diversen Hinweisschildern verstellten, in einer schönen Bergmulde enthaltenen See, wie er flach und tiefblau und durchaus von einem gewissen Etwas gesättigt darniederliegt, während ihn Wiesenstreifen zieren und flechtengrüne helle Felsen umragen, am Himmel kein Wölkchen. Ein Abfluß ist erstmal nicht zu sehen, dafür zweieinhalb reins oder uals, die aus den Höhen herbeiströmen, den See zu speisen. Sind das? Ist einer? (Ein halber davon?) Müssen wir jetzt doch weiterlaufen? Es soll doch angeblich die Quelle im See sich befinden, also ein unterseeischer Wasseraustritt sein, auch wenn wir dafür noch keinen (etwa filmischen) Beweis finden konnten. Nun kommen aber diese Wasser aus der Höhe, genau auf der gegenüberliegenden Seite, während wir auf der unsrigen den Abfluß vermuten (den der Rheinschwimmer Ernst Bromeis nicht nahm, sondern von hier bis Disentis zu Fuß wanderte, was auch erstmal geschafft sein will). (Fortsetzung folgt)

Quellenangabe

rheinquelle

Direkt am Einstieg zum Tomasee ist ein Schild RHEIN-URSPRUNG angebracht, an seinem Nordufer ein weiteres: RHEINQUELLE. Beide Schilder tragen den gleichsam untertitelnden Hinweis 1320 km bis zur Mündung: Quellenangaben ohne nähere Quellenangabe. Der durchschnittliche Besucher fühlt sich offiziell behinweist und sucht nach der Quelle vergeblich. Weil es aber da steht, wird sie schon irgendwo sein. (Häufig am Ufer, von leicht hilflosem Unterton getragen, zu hören: “Der See ist die Quelle.”) Diverse Autoren (etwa Sererhard) behaupten, der Tomasee berge einen unterseeischen Rheinborn. Tauchgänge, diese Theorie zu überprüfen, unterließen wir jedoch.
Die Länge eines Flußorganismus` anzugeben, muß naturgemäß ein ungefähres Unterfangen bleiben. Aktuellen Meldungen zufolge, soll der Rhein eine ungefähre Länge von 1233 km aufweisen. Solche Zahlen schwanken, je nachdem, von wo bis wo (von wem) gemessen wurde. (Erst neulich lasen wir im Stadt-Anzeiger von Kölner Studenten, die der Meinung waren, der Rhein münde ins Mittelmeer.) Bis ins 18. Jahrhundert, lesen wir nun auf rheintal.de, schwankten die Längenangaben zum noch unbegradigten Rhein zwischen 550 km und 1100 km.

Expedition zur Rheinquelle (3)

Wer zum Tomasee aufsteigen möchte, muß eine günstige Wetterlage abpassen. Sowieso ist die einfache Wanderung dorthin nur im Sommer möglich. Nachdem wir beim spontanen Aufsuchen der Hinterrheinquelle ziemlich genau drei Jahre zuvor einen glücklichen Tag erwischt hatten (das Wetter stimmte und das Gelände, das militärisch genutzt wird, durfte betreten werden), den Gletscheraustritt des Hinterrheins jedoch ohne Schneeausrüstung unmöglich erreichen konnten und über die zahlreichen, namenlosen, womöglich saisonalen Quellbäche staunten, die dem „Rhein“ geradewegs aus dem Himmel, jedenfalls über die Bergkuppen hinweg zuzutosen schienen, studierten wir vor dem Aufstieg zum Tomasee über Tage hinweg mögliche Wanderrouten, lokale Wettercams und allerlei Prognosen, konsultierten Trekking-Ausrüster und unterzogen uns sogar der schamanischen Tierbefragung, um für unser Vorhaben den günstigsten Termin zu ermitteln. Am 23. Juli schließlich verließen wir Vaduz mit dem Ziel, die Rheinquelle zu besichtigen.

Wie schwierig dieser Quellbegriff ist und wie gerne Quellorte mittels fragwürdiger Etikettierung für die Tourismusförderung okkupiert werden, haben wir verschiedentlich bereits ausgeführt und wird im Laufe des Berichts erneut anzusprechen sein. Und wo wir im Gewebe der Hinterrheinquellarme noch ziemlich einsam und frei herumstapfen konnten, waren wir vor gänsemarschartigen Situationen beim Aufstieg zum Tomasee gewarnt. Die Rundwanderung, hatten wir gelesen, solle fünfeinhalb Stunden Fußmarsch in Anspruch nehmen, doch fanden wir vorort eine stark frequentierte Abkürzung, die drei Stunden sparte.

Daß man nicht eben so einfach zum Tomasee hinaufkommt erfuhr diesen Sommer ein ZDF-Filmteam, das die x-te Rheindoku bekannter Machart (Abfilmen markanter Rheinpassagen, Interviews mit Anwohnern) vor allem wohl mit dem Einsatz ungewöhnlicher/neuer Technik (ein ferngesteuerter kameratragender Zeppelin, Optokopter) rechtfertigte. Sursilvanischer Nebel machte der Crew einen Strich durch die Rechnung. Ob die neblig zustande gekommene Planabweichung beim Dreh ein Grund ist, daß die ursprünglich für vergangenen Sonntag angesetzte Ausstrahlung auf September verschoben wurde? Im hier abrufbaren Kurzfilm über Umstände des Drehs ist die Antwort nicht zu finden, dafür einige Eindrücke von Tschamut, Oberalppaß und Tomasee (unserem aktuellen Schwerpunkt), sowie den fliegenden Kameras.

Unser Einstieg zum Wanderweg Richtung Tomasee fiel auf eine Stelle an der Paßstraße in ca 2000 Metern Höhe. Damit waren bis zum See noch über 300 Höhenmeter zu überwinden. Es heißt, daß die Luft ab 2000 Metern anfinge, dünn zu werden. Davon war jedoch nichts zu bemerken und unser früher Aufbruch bewirkte, daß wir dem gröbsten Gänsemarsch entgingen. Zwar ist Tujetsch (so lautet der romanische Name für die die Ortschaften in der oberen Surselva zusammenfassende Gemeinde, deutsch: Tavetsch) eher eine Winterferienregion, doch an schönen Sommertagen ist die Vorderrheinquelle bzw der Bergsee ein beliebtes Ziel. Unterwegs trafen wir auf Quellenpilger aus unterschiedlichen Schweizer Regionen, auf Deutsche und Niederländer. (Fortsetzung folgt)

Expedition zur Rheinquelle

rheinseins Basis für den Aufstieg zum Tomasee war das sympathische Straßenhotel Rheinquelle in Tschamut, der letzten (bzw ersten) kleinen Ortschaft in der Surselva, dem langgestreckten Tal des Vorderrheins unterhalb des Oberalppasses. Dorthin zu gelangen, mußten diverse Dörfer mit archaisch-wilden romanischen Namen wie Schluein, Rueun, Trun, Vuorz, Rabius, Sumvitg, Zarcuns oder Schnaus passiert werden. (Zarcuns gegen Schnaus, klänge das nicht beinahe noch rabiater als Godzilla gegen Frankenstein Junior?) Gaststätten wie Liug da Fiug und Zimmer für Passanten-Aushänge gingen unterwegs ins rheinsein-Notizbuch ein. Durch die mit teils serpentinischer Rasanz immer tiefer ins Tal vorstoßende Windschutzscheibe ließen sich trefflich Vergleiche zwischen der aktuellen hochsommerlich-grün-kiesgrubigen Talstimmung und der spätherbstneblig-gespenstisch-kiesgrubigen unseres Kurzaufenthalts vor zweieinhalb Jahren anstellen. Es wäre allerdings ungerecht zu behaupten, Kiesgruben beherrschten das Tal. Die Surselva bietet dem Auge nicht minder viele idyllische Winkel.

Am Vortag zum historischen Aufstieg rheinseins zur Quelle am Vormittag des 24. Julis 2012 stand zunächst die Visitation der näheren asfaltierten Umgebung an: Wanderweg-Einstiegschecks, Geissen-Pierres sehenswert antiquierter Straßenrand-Selbstzahlerkühlschrank mit Ziegenhartkäse und Salsiz, ein Schweizer Café Crème direkt an der Paßhöhe, deren Töffli-Sound zu sortieren und den Leuchtturmnachbau aus Rotterdam zu bestaunen, der in einem noch laufenden Projekt in himmelsnahe Höhen verfrachtet wurde, um am Rheinursprung an den Rheinverlauf und das Rheinende zu gemahnen. (Zusätzlich zum Leuchtturm soll noch ein Rheinfrachter auf den Berg gehievt werden.) Am Gestade des Oberalpsees verstreut lagen Fischeingeweide und in seinen kleinen Buchten lungerten fingergroße Fischlein, welche sich sofort auf die Eingeweide stürzten, die wir ins Wasser schnipsten. Ob es sich um einen kannibalischen Akt unter verschiedenen Forellengenerationen oder bei den Fischlein um die legendären Bammelin aus der Einfalten Delineation handelte, ließ sich nicht feststellen.

Als wir genug von der leuchtturmbestandenen Paßhöhe mit ihrer rätselhaften Fischwelt und den ächzenden Radsportlern hatten, die sich in der Säumergastronomie gruppenweise ihre Lungenpäuschen gönnten, verließen wir die Asfaltwelt und stiegen guten Mutes in die ewig-flockig-bockig lockenden Berge der Berge hinan. Plätscherte nicht unweit ein paradiesisch-pluomenumstandenes Pächlein und hörten wir nicht aus sonnigen Fernen die feurigen Fiffe der Chrüter und Munken? Sprang nicht dort droben edles schwerbehörntes Steinwild olympisch von Wolke zu Wolke, während Wolke für Wolke aus schaumigstem Willen und seidigster Flachländer-Vorstellung bestand? Dort wollten wir hin, solang die Beine trügen und das Wetter mitspielte.

diebergederberge

Und wie es gelang: “Camutsch, camutsch” klangs unsichtbar klar aus der Umgebung, die Stergbelze stupfte und zupfte am Wiesenmikro, blau (blau: blau) blühte der Enzian, freche Flatter falteten sich fleißig um unser flackerndes Haupt, um sich heimlich-hinterrücks erfrischt zu entfalten, das Nacktbad im weltverlassenen Steintrog einer wildbachgespeisten Viehtränke kühlte unser Mütchen mit mineralhaltigem Kaltwasser treulich alpinen Geschmacks, das Pater Spescha-Arnikaorchester begleitete unser gumpendes Wandergestiefel mit Yellow as we are, der würzigen Melodie aus den Anfangstagen des Bergfreizeitgedankens und die letzten Schneefelder gaben romantische Metafern wie “`s Häsle wo in Himmel flügt” oder “i bi mi`s Ütr gwöhnt” preis – Momente für die Ewigkeit.

enzianisches-blaulicht

(Fortsetzung folgt)

Rein da Tuma

wasserrunen

Der junge Vorderrhein (Rein Anteriur, Rein da Tuma) überschreibt bzw. übermalt die Felsbrocken im Tomasee (Lai da Tuma) mit einer bisher unentschlüsselten Runenornamentik. Das Foto entstand direkt am Ausfluß des Rheins aus dem Tomasee. Das Wasser ist so klar, das es fast nur über die Farbspektren der Sonneneinstrahlung wahrnehmbar ist.

Abenteuer Rhein

Das ZDF dreht dieser Tage eine Dokumentation über den Rhein „von der Quelle in der Schweiz bis zur Mündung in Rotterdam“. Als „die Quelle“ fungiert dabei der Tomasee. Weil Rheindokumentation dieser Art Legion sind und das ZDF, vertrauen wir seiner Pressemitteilung, im Vergleich zu den vielen vielen vielen vielen anderen und doch so sehr ähnlich gestrickten Rheindokus dem Fluß kaum neue Informationen abgewinnen wird (immerhin geht es „zu einem Ranger im (längst nicht mehr existenten; Anm. rheinsein) Kanton Säntis“), dient dem Team von Andreas Ewels und Christine Elsner ein zehn Meter langer, mit Helium gefüllter Zeppelin als Alleinstellungsmerkmal. Der Zeppelin wird an einer Leine am Rhein entlang spazierengeführt: „Unter dem Zeppelin hängt eine hochauflösende Spezialkamera, die Bilder der vorbeiziehenden Landschaft einfangen soll. Dabei wird an verschiedenen Stationen “gelandet”, um besondere Naturschönheiten filmisch vorzustellen. Es werden Menschen besucht, die diese Naturschönheit durch ihre Arbeit prägen und formen und einen wichtigen ökologischen Beitrag zu ihrem Erhalt leisten.“ Denn der Zweiteiler will zeigen, was jeder weiß: „dass der Rhein, der in den 70er Jahren ein totaler Problemfluss war, heute wieder unter vielen Aspekten eine intakte Flusslandschaft ist.“ Zwar lautet der Filmtitel „Abenteuer Rhein“, doch ist die Doku weniger entdeckungsfreudig angelegt als vielmehr detailliert geplant. So berichtet das ZDF vorab von Äskulapnattern unterm Niederwalddenkmal und davon, daß der Zeppelin in Köln „spektakulär zwischen den Türmen der Kathedrale hindurch fliegt“. Fliegen wird, bzw fliegen soll, müßte es eigentlich heißen. Seit vergangenen Donnerstag ist das ZDF-Team samt Zeppelin unterwegs, und wird, soweit das Wetter mitspielt, dieser Tage an folgenden Orten anzutreffen sein: 10. Juli: Schaffhausen, 11. Juli: Istein, 12./13. Juli: Taubergießen, 14. Juli: Speyer oder Worms, 15. Juli: Mainz (Dom), 16. Juli: Rüdesheim/Niederwalddenkmal, 17./18. Juli: Bingen/Mittelrheintal/Koblenz, 20. Juli: Neuwied/Drachenfels, 21. Juli: Köln (Rodenkirchen und Dom), 22. Juli: Duisburg, 23. Juli: Kalkar, 24./25. Juli: Rotterdam

Ausgestrahlt wird das Endprodukt an den Sonntagen des 19. und 26. Augusts 2012 um jeweils 13.30 Uhr in der Reihe planet e.

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein

Mitte April erhielt rheinsein einen Bericht aus den Badischen Neuesten Nachrichten, eine Ankündigung, daß der Schweizer „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis den Rhein komplett von einer seiner Quellen, dem Tomasee, bis zu einer seiner Mündungen, bei Hoek van Holland, durchschwimmen wolle. Die Aktion solle am 02. Mai starten und einen Monat beanspruchen.

Zwar ist rheinsein zum Tomasee bisher nur virtuell vorgestoßen (und real auf dem Weg dorthin bisher nur bis knapp oberhalb Sedrun gelangt), doch schien uns, aufgrund solchen Halbwissens, ein konsequentes Durchschwimmen des gotthardischen Quellrheins, eine kaum ausführbare Ankündigung. Der BNN-Bericht stellte Ernst Bromeis` Pressemitteilung damals nicht in Frage.

Viel realistischer klingt nun des Rheinschwimmers Etappenblog Das blaue Wunder, in dem die gestrige „erste Schwimmetappe“ zu einem kurzen Eintauchen ins eisbedeckte Wasser des Tomasees mit einem symbolischen Armzug wird, um, nach sorgfältigem Abtrocknen und Aufwärmen, in eine Ski- und Fußwanderung nach Sedrun umzuschlagen: „Auf einer kleinen Brücke stehend erwarteten ihn dort seine allerersten Fans. Zwei Feriengäste aus Hamburg hatten zufälligerweise vom Projekt erfahren. Etwas überrascht waren sie, dass Ernst vom Hügel hinab stieg und nicht im Wasser daher kam.“

Nach einem Sportler-Mittagessen nahm der Rheinschwimmer erneut den Fußmarsch auf, um zwei Stunden später „in Disentis von einer beachtlichen Anzahl Einheimischer mit Alphornklängen und Polenta empfangen zu werden“.

So lustig dieser erste Schwimmbericht klingt, so gespannt macht er darauf, wie häufig der Rheindurchschwimmer auf den folgenden Etappen mit dem eisigen, vielerorts reißenden Alpenrheinwasser in Berührung kommt. Ernst Bromeis selbst: „Kann ich einen Monat lang im Fluss leben? Ich weiss es nicht.“

ein galoppirendes, oft dämonisches Leben

Wer im Frühling die Alpen besucht und sieht, wie von allen Schneefeldern, über alle Felsen, aus jeder Bergfurche kleinere oder größere Bächlein niederströmen, wird sich einen Begriff von der unendlichen Wassermasse bilden, die aus dem ganzen, gewaltigen Alpengebiete in das Tiefland geht und dort so vielfach zur Bedingung der Fruchtbarkeit und des Verkehres wird. Am mächtigsten ist aber der Wasserabgang zu Zeit der heißen Fönwinde und warmen Regenniederschläge. Ueberall entstehen dann neue Wasseradern; kleine Kieselbäche werden zu trüben, tobenden Strömen; die Abtropfbretter der Gletscher sind von hundert sprudelnden Rinnsalen durchzogen. Der heiße Wind des Südens, der die Thier- und Menschenwelt lähmt, erweckt in der Pflanzen- und Wasserwelt ein galoppirendes, oft dämonisches Leben. Wie viel Millionen Eimer Wassers das Rheinbett jede Minute aus den Hochgebirgen entführt, mag man ahnen, wenn man sich erinnert, daß zur Zeit der Schneeschmelze das dreiunddreißig Quadratstunden haltende Bodenseebecken 8-10 Fuß steigt, im Jahr 1770 aber um 20-24 Fuß sich gehoben hat. Bei manchen Strömen ist es schwer, die eigentliche Quelle anzugeben; ja diese eigentliche Quelle ist da blos illusorisch, wo mehrere Bäche von ungefähr gleicher Stärke zusammentreffen und nicht Eine Bachader als Stamm des Flusses sich heraushebt. So entsteht z. B. der Vorderrhein aus mehrern Bächen, von denen jeder „Rhein“ mit einer Localbezeichnung heißt. Die Quellen dieses berühmten 190 Meilen langen Stromes, der auf seinem Laufe 12,283 Flüsse und Bäche aufnimmt, liegen alle in der Alpenregion, die des Vorderrheins im Tomasee (7240′ ü. M.) und Krispalt (6710′ ü. M.), des Mittelrheines im Scursee (6670′ ü. M.), des Hinterrheines am Rheinwaldgletscher (5760′ ü. M.). Dabei gilt der Grundsatz, daß den eigentlichen Quellbächen stets vor den bloßen Gletscherabflüssen der Vorzug gegeben wird. Die drei Quellenbäche der Rhone empfangen vom Rhonegletscher zwei Eisabflüsse, die wol mit zwanzigmal reichern Massen aus den Eishöhlen hervorsprudeln, und doch haben nicht diese den Namen der Rhonequellen und verdienen auch nicht, da sie nicht eigentliche Quellwasser sind. Damit stimmt ganz die Verachtung zusammen, welche so häufig die Alpenbewohner gegen die „wilden“ Gletscherwasser bezeugen, und ihre Verehrung vor den „lebendigen“ Quellen. Und doch haben manche Ströme nur solche gering angesehene Gletscherquellen; so wird gerade die Aare durch die starken Bäche des Oberaar-, Finsteraar- und Lauteraargletschers gebildet, die bei ihrer Vereinigung 6270′ ü. M. liegen. Der einzige Bach, der lange durch die Alpenzone strömt und in ihr zum Flusse wird, ist der Inn; doch auch die Aare gewinnt rasch eine bedeutende Stärke durch die Zuflüsse aus allen den finstern Eisthälern, die sie in wildem, tobenden Gange durchströmt; dann geht sie ruhig durch das trostlos öde Aarbodenthal unter dem Grimselhospize weg, einer engen Schlucht zu, durch die sie von Stufe zu Stufe fällt und dem Röterisboden (4880′ ü. M.) entgegeneilt, bis sie oberhalb der Handecksennhütte einen hübschen Fall, unterhalb derselben aber (4260′ ü. M.) mit dem Aarlenbach zwischen den Granitfelsen in einen hundert Fuß tiefen Abgrund stürzend, den berühmten Handeckfall bildet, den einzigen großen Wasserfall der Alpenregion.

„Da ragen zwei mächtige Felsenkolosse
So dicht aneinander aus gähnendem Schlund;
Die Häupter bekränzet der Tannen Gesprosse,
Die Füße verbirgt der umnachtete Grund.

Und vor mir, hinab in die schaurige Hölle,
Ergießt sich der breite, gewaltige Fluß!
Wie zischen die Schäume, wie fliegt das Gerölle,
Wie stürmen die Wogen mit donnerndem Schuß!

Und siehe von grünender Höhe zur Linken,
Da rauschet der Arle zerstäubender Bach,
In schäumenden Güssen, mit silbernem Blinken,
Hinab in die Schlucht, in die klaffende, jach.“

Kurz nach diesem köstlichen Salto mortale tritt sie aus der Alpenregion hinaus. Die übrigen Wasserfälle der letzern sind nicht besonders wasserreich, da sie den Quellen zu nahe liegen, dafür aber sehr zahlreich und oft außerordentlich kühn. In allen höhern Revieren sieht man diese schwankenden Schaumfäden an den Felsen hängen, oder hört die jungen Bäche über die großen Felsenstufen ihrer Schluchten hinunterkommen; die Zahl der kleinern Wasserfälle unsers Alpengürtels übersteigt wol tausend.

(aus: Friedrich von Tschudi – Das Thierleben der Alpenwelt, Leipzig 1853)

Wie freudig blutet` hier der Edelknecht

Der Rhein.

O Sohn der Alpen, in krystallnen Wiegen
Genährt von Gletscherbrüsten, heil`ger Rhein,
Wenn du dem blauen Schweizersee entstiegen
Dich jauchzend warfst vom schroffen Felsgestein,
Und glorreich nun, ein Held nach frühen Siegen,
Das Thal durchwallst im laub`gen Kranz von Wein,
Zur Lust den Völkern und der Flur zum Segen:
Wie schlägt dir hoch das deutsche Herz entgegen!

Und traun, mit Fug. Denn deutschen Lebens Bild
Und Zeuge bist du, seit von süßen Zähren
Auf deinen Höh`n der Rebstock feurig schwillt:
All um dich her erwuchsen unsre Ehren;
Du sahst zuerst erhöht des Reiches Schild,
Des Reichs, nach dem wir fromm noch heut begehren,
Wir Waisen, nun im eignen Vaterlande
Ruhmlos zertheilt wie du zuletzt im Sande.

Den Kaisern warst du werth; die Starken zog
Der Starke, daß, was gleich, zusammenwohne;
Hier stand der Stuhl des großen Karl, hier bog
Konrad das Haupt vor Konrad, eine Krone
Mit Lächeln missend; hier im Festgewog
Schied der im rothen Bart vom ehrnen Sohne;
Siegestrunken mocht` er deinen Wirbeln lauschen,
Nicht ahnend, daß sein Tod bald solches Rauschen,

Auf deinen Burgen horstet` ein Geschlecht
Frei, wild und mild; es wohnt` in seinem Sinne
Von deiner Traub` ein Anflug, zum Gefecht
Befeuernd wie zu Harfenschlag und Minne.
Wie freudig blutet` hier der Edelknecht,
Wenn aus der Herrin Blick von hoher Zinne
Ein Gruß als erster, ach, und letzter Dank
Auf sein verströmend Leben niedersank!

Und Städte sahn voll Trotz in deine Welle,
Wo unterm Krummstab Bürgerfreiheit sproß
Und Füll` und Kunst, und wo dann morgenhelle
Die neue Zeit ihr Kinderaug` erschloß.
Denn war`s zu Mainz nicht, wo in stiller Zelle
Ein andrer Dädalus die Flügel goß,
Die stark das Wort in alle Winde tragen?
Ward nicht zu Worms die Geisterschlacht geschlagen?

Und heut! Welch reich Gewühl umbraust noch heut
Die Rebenufer, wo vom breiten Riffe,
Die Veste droht, und weit im Thal zerstreut
Die Essen rastlos sprühn! Mit grellem Pfiffe
Durchkeucht das Dampfgespann des Doms Geläut,
Und durch die Fluten wandeln Feuerschiffe,
Wie schwarze Riesenschwäne; Flaggen winken,
Und Winzerjubel schallt und Römer blinken.

Gebrochen sind die Burgen. Ihre Zeit
Ging aus. Doch sitzt an ihrer Thürme Scharten
Die Sage harfend noch, die Wundermaid,
Und lallt im Traum von Chriemhilds Rosengarten,
Vom Drachenstein und von der Nonne Leid.
Und stießt das Mondlicht um die Felsenwarten:
Da singt die Loreley und aus dem Dunkel
Der grünen Wasser glimmt des Horts Gefunkel.

Gruß dir mein Rhein! Wie leicht bei dir einst flossen
Die Lieder mir, die jedes Tags Gewinn!
Mein Sternbild stand im Aufgang; noch im Sprossen
Wie Laub um Pfingsten grünte frisch mein Sinn,
Gruß euch, die ihr mir damals wart Genossen
In Leben und Gesang! – Wo seid ihr hin?
Ach, auseinander weit seit jenen Tagen,
Zu weit hat uns der Kampf der Zeit verschlagen.–

(Emanuel Geibel)

Einfalte Delineation (4)

Rheinursprung
„Der andere Hof ist das Tawetscher Thal, eine Wildnus. Die ältesten Einwohner allhier hießen Aetuatii. Hier findet man die rudera des Schlosses Pultmenga, item die Nachbarschaften: 1. St. Jakob, 2. Selva, 3. St. Vigili, 4. Cumanils, 5. Cimunt, quasi cima del munt in Rhaetischer Sprach. Das ist der höchste Gipfel des Bergs, trifft auch schier ein, dann hier besteigt man den allerhöchsten Berg, der so zu sagen in der Welt zu finden, und komt man zum Ursprung des vordern Rheins aus dem Berg Crispalta, an welchem auf der einten Seiten Ursulen und der Gotthard, auf der andern Seiten der Berg Bicornus oder die Furken anstosen. Dieser überaus hoche Berg, aus deme der Rhein entspringet, wird sonsten auch genennet Badus. Auf dem Gipfel dieses Bergs ist ein See. Einige beschreiben diesen See groß, so gar dz etwelche in die Welt schreiben dörfen, er sey zwei Meilen lang und eine breit, – als wie Castelberg, Pfarrer in Tavetsch, deme es Escharbotj, französischer Dollmetsch, nachgeschrieben. Andere aber, denen mehr zu glauben und mit dergleichen einem ich auch selbst geredt, beschreiben diesen See klein, allso daß er kaum 1/4 Stund lang und breit in der Circumferenz.
Under diesem See entspringt der Rhein aus einem harten Felsen, formirt sogleich einen schönen Wasserfall und senkt sich mit praßlen und Geräusch eine gewaltige Tiefe hinunder, von welchem Fall in dieser Gegne auch im warmen Sommer ein so kalter rauchender Dampf erreget wird, dz die sich herzunachende selbigen keineswegs vertragen können. Bey bemeltem Berg Crispalta passirt man Sommerszeit über hoche Alpen auf Ursulen.
Auf der andern Seiten dieses Bergs, aus der Furka entspringt der Rhodanus, so Wallis durchströhmet, aus dem Grimsel, so ein Ast der Furka ist, entspringt die Aar, welche durch die Schweiz hinfließt. Allso, daß die Distanz der Quellen dieser drei Hauptflüssen nach geometrischer Ausrechnung nicht über 20 000 Schritt ausragt.
Zwischen der Aar und dem Rhein entspringet aus dem Gotthard auch die Reuß, und gegenüber auf der italiänischen Seiten entspringt der Thesin, item der Aracer, die Madian etc. und nicht weit davon die Muesa. Ist allso dieses fünfspizige Kreuzwerk in der Höche dieses Gebirgs gleichsam ein hydrophilacium, oder Wasserkammer, aus welcher sich viel Haubtflüsse in ganz weit von einander zertheilte Ende der Welt ergießen.“

Nolla
„Der Bach Nolla hat diese Eigenschaft, dz er über Jahr immer trüb komt, mehrentheils Zeit ist er recht schwarz, gleichsam wie Dinten. Das rührt daher, weil oberhalb under Tschoppina ein faul Gebirg ist, von welchem immerhin etwas von blauem Leim und Erden in den Bach reißet. Deßwegen dieses Bachwasser auch von sonderbarer Schwere ist – also dz wann ein starker Mann in diesen Bach fiele, auch wann er klein gehet, und seine Kleider damit benezte, so wäre es ihm ohnmöglich, sich allein ohne Jemands Hilf heraus zu wikeln, weil seine Kleider an ihm nicht anderst sind als wie ein bleyerner Mantel, allso dz er seine Glieder kaum regen kan. Die Proben sind schon mehrmalen gemacht. Dieser Bach wütet zu Zeiten erschreklich und verursachet bisweilen ziemlich Schaden. Von diesem Bach ist auch dieses curieuses zu annottiren, dz er das gemeinlich jederzeit ganz klare oder helle Wasser des hindern Rheins von seiner Vereinigung an bis hinab under der Fürstenauer Zoll Bruk bis an seine Hälfte tingirt, allso dz der hindere Rhein einen guten Strich under Thusis hinab halb weiß und halb schwarz anzusehen, weil sich das schwere, schwarze Nollawasser nicht sogleich durchaus mit dem Rheinwasser vermischet.“

Via Mala
„Vor Zeiten gienge die Landstraß neben Ronggellen den gächen und hohen Berg hinauf bis auf die Höche desselben, und von danen wieder einen weiten Weg hinab bis in die Ebene von Schammß. Vor Jahren aber hat man durch Anwendung vieler Unkosten und Sprengung vieler Felsen die Landstraß durch Viamala, oder das sehr enge rauche gräßliche Felsen Thal hinein gemacht bis in Schamß. Dieses enge Thal hat auf beiden ganz gäche Wolken hoche Felsen neben sich, under sich fließt der Hinderrhein durch eine ungeheure tiefe Kluft hinunter gegen Thusis, da die Felsen an theils Orten zusammen ragen, und beynache an einandern stoßen, dz man nichts vom Rhein sehen mag, an theils Orten machen sie auch eine Oeffnung, dz man in einen entsezlichen abyssum hinunder sehen kan, wie der Rhein mit seinem Anputschen an die enge Felsen einen weisen Schaum zeiget, und einen Wasserstaub von sich wirft. Man kan nicht wohl ohne Grausen und Schwindel durch diese Felsenklüfte hinunder sehen.“

Iso Camartin

Bin ich Europäer? fragt sich der als Rätoromane zumindest sprachlich, aber auch (ab)flußtechnisch mit den besten Voraussetzungen fürs Europäat aufgewachsene Iso Camartin in seinem gleichnamigen Essay-Band, untertitelt: eine Tauglichkeitsprüfung, und wählt, „natürlich“ bin ich geneigt zu unterstellen, den Rhein zum Motiv, von dessen Klängen er beginnt, genauer von den Zuflüssen, den reins, des Vorderrheins, die in seiner Erinnerung je ihren eigenen Klang besessen hätten (was ich ihm stante pede abnehme) und fügt eine sprechende Anekdote an: „An der Rheinquelle im Tomasee traf man ab und zu Holländer, die nahe an einer der Rheinmündungen in die Nordsee wohnten. Ich erinnere mich, daß ein Holländer einen Freudentanz über dem kleinen Rinnsal vollführte, das den Tomasee verläßt. Er konnte nicht aufhören, von einem Bein aufs andere hüpfend, fassungslos auszurufen: „Das ist der Rhein! Das ist der Rhein!“ Als er sich wieder beruhigt hatte, hörte ich zum ersten Mal das weiche Gleitgeräusch, mit dem das Wasser sich vorsichtig auf die Wanderschaft macht (…). Es ist zunächst ein wunderbar leises Fließen, das nur durch kleine Unebenheiten im schmalen Bett etwas lauter wird. Bis das Gelände steiler abzufallen beginnt und die Stimme des Baches laut wird.“ Der Tavetscherrhein birgt, kurz vor seinem Zusammenfluß mit dem Medelserrhein, einer Stelle, die bereits von Römern, Karolingern, Staufern, Sarazenen etc passiert wurde, Geisterstimmen und Geschichten aus den menschlichen Zeiten der alten Welt. Als dritten Ort nennt Camartin den Zusammenfluß bei Reichenau: „Es ist eine stille Vereinigung, die da vor sich geht (…). Nur entdeckt man jetzt, daß etwas Mächtiges entsteht. Das Wasser hat durch diese Verbindung geheimnisvoll an Tiefe gewonnen. Nixen und Wasserfrauen kann man sich oberhalb von Reichenau im Rhein eigentlich nicht vorstellen. Das Wasser ist zu transparent dafür, das Flußbett zuwenig tief für Geheimnisse. Hier aber beginnt sie: die ganz neue Dimension eines Stromes, mit den rätselhaft lockenden Wesen, die ihn bewohnen. (…) Die Loreley läßt grüßen.“ Hier bin ich geneigt zu widersprechen: zwar fließen beide Rheine tatsächlich mit beinahe beängstigender Ruhe, gleichsam als Symbol für Einigkeit und Friede, für beider Machbarkeit, ineinander, doch die Geräuschkulisse wird deutlich beherrscht vom Straßen- und Schienenverkehr, intervallartig gar so sehr, daß mitten aus dem Zusammenfluß beizeiten virtuelle Schrottskulpturen wild eintauchender Autos und Eisenbahnwaggons aufragen, um wieder in Licht und unterschwellige Stille zu verfallen. Und schwer erklärbare Wasserwesen habe ich in den Rheinen oberhalb Reichenau mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Händen berührt.

Rheinquellen

Erquickend zu sehen, wie der Rhein bei Wikipedia verläuft. Die Informationen zum Thema wachsen und werden zunehmend differenzierter dargestellt. Bei Rheinseins letztem Wikipedia-Besuch sah die Informationslage zur Rheinquelle lediglich den Tomasee vor. Mittlerweile steht dort eine Beschreibung des Wassersystems aus zahlreichen Quellflüssen, wie sie klarer formuliert (und dazu noch kostenlos!) andernorts kaum zu haben sein dürfte. Zu erfahren ist nun also, daß die Entfernung der oberhalb des Tomasees liegenden Quelle des den Tomasee durchfließenden Rein da Tuma (der nach einem Keltenfürst benannt sein soll) bis zum Zusammenfluß von Vorder- und Hinterrhein etwa 71 Kilometer betragen soll. Sowohl im Vorder- als auch im Hinterrheingebiet existieren jedoch einige mündungsfernere Quellen: Rein da Medel, im Mittellauf auch Froda, in seinem Tessiner Oberlaufgebiet Reno di Medel genannt (etwa 76 Kilometer); Rein da Maighels (etwa 75 Kilometer); Rein da Curnera (etwa 74 Kilometer); Rein da Nalps (etwa 71 Kilometer); die beiden von den Gebieten Puozas und Milez (in der Nähe des Oberalppasses) herunterkommenden Quellbäche (etwa 70 Kilometer); der aus dem Val Val herunterkommende Quellarm (etwa 70 Kilometer). Ganz hervorragend die vagen Kilometerangaben, tragen sie doch der Beweglichkeit ihrer Objekte/Subjekte Rechnung. Im Gebiet des Hinterrheins, vereint mit dem Albula-Landwasser-System, kommen hinzu: Dischmabach (etwa 72 Kilometer); Flüelabach (etwa 70 Kilometer); desweiteren die in der Regel etwas kürzeren Totalpbach, Julia, Madrischer Rhein und der Albula-Quellarm Ava da Ravaisch. Auch die Aare, die bei ihrem späten Zusammenfluß mit dem Rhein die deutlich größere Abflußmenge aufbringt, wird nun im Artikel „Rheinquelle“ bedacht. „Die Rheinquellen“ lautet ein weiterer, der sich jedoch einer gleichnamigen Bündner Zeitung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts widmet. Nach den Literaten (s. Spescha, s. Rheinsein) kommen nun also auch die Wikipedianer zum Schluß, daß bei der Rheinherkunft von deutlich mehr als zwei Quellen gesprochen werden kann, darf, muß. Die weiteren Aussagen des Artikels beziehen sich eher trocken auf Abflußmengen, Einzugsgebietsgrößen und Subsysteme.

52 Tage bis zum Meer

Eine Filmdoku von Anke Riedel und Carsten Linder bereist den Rhein von den Quellen bis zur Mündung, unter Berücksichtigung wie auch Aussparung so manch interessanten Fleckens, in knapp einer halben Stunde – während der Strom selbst etwa 52 Tage für die berühmte Strecke benötigt. Die Kamera startet vom Hubschrauber aus überm Tomasee und landet recht bald im Wasser. Das flott das Vorderrheintal hinab und zügig auch in den Bodensee schießt und dabei jede Menge alpiner Kleinstlebewesen mit sich trägt. Im Bodensee faulenzt der Rhein zwölf schöne Urlaubstage lang, als Hochrhein zieht er weiter, fällt, fängt sich und schon befinden wir uns im Taubergießen und verweilen einen Moment beim Flutenden Hahnenfuß. Nebenan im Kanal schütten Kies-Schuten das Bett des regulierten Laufes zwischen den Staustufen auf, 400.000 Tonnen jedes Jahr. Rekorde, Rekorde: Europas größter Fischpaß bei Iffezheim, ein künstlicher Wildbach aus Beton. Unterm Loreleyfels erreicht der Strom seine Höchstgeschwindigkeit, was durch Zeitrafferaufnahmen von den Mythenklotz umfahrenden Containerschiffen veranschaulicht wird. Roboterisierte Häfen. Auf der Landzunge zwischen Nederrijn und Waal grasen Wildpferde. Rekorde, Rekorde: Das Rheindelta gilt als das am dichtesten befahrene Gewässer der Welt und somit größte europäische Nachreifezone für Normsüdfrüchte.