Titisee

Holzschnitzereien, Kuckuckspfeifen, Rübezahlen, Vesperbrettle, Bollenhüte, Touristenkitsch, Jugendleere, Schäufele, Sauerkraut und Schupfnudle, Hirschgulasch aus eigener Jagd, Rheingoldhotels, selbst hier oben 858 m.ü.M. Versammelt sich, was das Oktoberfest übrig läßt. Titisee Hexe (Kräuterlikör), Schwarzwald Creme (Sahnelikör mit Kirschwasser), Schwarzwald Teufel (hochprozentiger Kräuter zum Flambieren), Schwarzwald Hochzeit (Likör aus Kirschwasser mit Vanille und Sahne). Hinter der jahrmarktartigen Souvenirbudenzeile herrscht Seeblick mit Tret-, Ruder-, Elektromotorbootausleihe. Gutachaustritt nach Wutacheintritt oder vice versa, alles ist beschildert, nur das Flüßchen nicht, das den Titisee verläßt. Chinesentrauben, lautstark gestikulierend richten sie ihr technisch verlängertes Augenmerk auf ein paar Rotaugen und Blähdöbel im Flachwasser des künstlichen Ufersaums: „Happy fish?“ „(Chinesisches Glücksgurgeln)“. Wanderung um den See: allem Walde wohnt ein Grummeln inne. Hier zusätzlich noch Rundfahrtsschifflautsprecherdurchsagen und Verkehrstrassenrauschen. Reichlich Badeeinstiege, Speise-, ungenießbare und Kontaktgiftpilze, Heidelbeern`n`Sauerklee, sowie Blickwinkel auf den Ort Titisee, die dessen Disneylandismen aus diversen Fernperspektiven bestätigen. Der Griff ins klare Seewasser kündet von Badetemperaturen. Nordic walking-Horden. Die Wasserhaut des mythischerweise unermeßlichen Gewässers rillt und pfeilt sich zu Magnetfeldlinien, Geschichten aus dem Erdinnern, hier, an dieser vom Kosmos aus lesbaren Oberfläche, sachte nacherzählt.

Durchs Höllental

Höllisch stickig ists im Oberdeck (mit Panoramablick) der Höllentalbahn. Ein Opfer der in den Schlagzeilen grassierenden Fettleibigkeitsepidemie kollabiert auf dem Gang. Flugs wird er entsorgt, der Zug kann starten. „Reserviert für Klimahelden“ hängen Banner über den Fahrradstellplätzen der grünbeoberbürgermeisterten Umweltstadt. Bald plätschern und branden die grünen Hügelwellen des Hochschwarzwalds, spielen Ebbe um die Bahntrasse. Kirchzärtelnde Ortschaften fügen sich ins Altpelagial, Kraftfahrzeugherden unter Einfluß von Umleitungsschildern im Wechsel mit Weiden, Bächlein, Koppeln. Bussarde beim Herbstmanöver. Der Zugpilot hält direkt auf eine majestätische Hügelwelle, Ausweichen scheint unmöglich, doch zu Füßen der Welle stoppen Zug wie Landschaft ab und verharren in einer Himmelreich genannten Schneekugel, ein (ähnlich der Torte und dem Schinken) besonderes Schwarzwälder Fänomen, HURENSOHN steht an eine schmale, vom Strotzen der Sonnenblumen- und Gladiolenfelder niedergemähte Wand getagged, ein paar Häuser lungern seit Tagen herum beim Versuch sich zu zersiedeln. Der Zug taucht nun geradenwegs in die Welle, die eben noch verfestigt schien und sich jetzt fahrplanmäßig wieder löst. Seepferdchengroße Hirsche torkeln an den Panoramascheiben vorüber, schwarzwaldhüttenähnliche Korallen knospen knubbelig aus den Grünstürzen. Hirsche, und immer mehr Hirsche. Über plötzliche Asfaltschneisen schliddernde Rotwildhufe, von splitzenden Wildwassern gespült. In schnellem Wechsel dunkelts und tagts, in den Sonnenfasen räumen warnwestenbekleidete Hirscharbeiter die Piste von Tageswechselresten, Schwemmpflanzen und Kadavern. Zarge und halbzarge Spießtannen rauen die konischen Landschaftskuppen auf, plötzlich befinden wir uns mitten im Wald. Hier entsteht in klandestinen Senken mittels hinterzärtlerischer Verwirbelungen der Höllentäler, ein Fallwind, der hunderte Höhenmeter tiefer, drunten im Oberrheintal das altehrwürdige Freiburg mit Tannenduftatemluft versorgt. Der Zug quert zuletzt die berühmte Quadratmeile der Skisprungschanzen und Olympiasieger in Hügelwalddisziplinen. Dann erscheint Titisee.