Übersetzung ins Liechtensteinische

Im Vorfeld von Das Lachen der Hühner hat der liechtensteinische Kollege Stefan Sprenger eines unserer Gedichte in sein rares Landesidiom übertragen. Das Gedicht Am Rhein, für den Liechtenstein-Band Ufm Rhidamm betitelt, handelt von einer alpinen Loreley nach Karriereende:

Am Rhein

die Frau, die ein Fisch ist, geht mit dem Rhein
sie will etwas sagen, doch fällt ihr nichts ein
die Schnellen. Kiesbänke. die Drift nach Nord
von Winter zu Sommer zu… undsofort. die Frau

will sprechen. die Berge schweigen. die Frau
sieht die Berge sich über sie neigen. die Frau
die ein Fisch ist, fährt BMW. die Berge tun
ihr in der Seele weh. sie schwimmt im Fluß

der sich selbst überholt. die Schwere der Berge
im Radio als Lied. die Frau, die ein Fisch ist
spürt wie ihr geschieht. sie ist auf Nord und

auf Süd gepolt. durch sie hindurch strömt das
ganze Land. sie fährt das Auto über den Damm
von unter den Wellen her schaut sie was an

In Liechtenstein ist der Rhein komplett eingedeicht. Der Rheindamm bildet mit 20 bis 25 km die längste Gerade des Landes und ist teilweise auch mit dem Auto befahrbar. Der Fluß selbst schüttet innerhalb der Deichmauern zahlreiche Kiesbänke auf, durch deren Gefüge er reißend mäandert. Von liechtensteinischer Seite wachen jenseits des Ufers schweizerische Bergwände, welche täglich einige Sonnen verspeisen. Auf Liechtensteinisch liest sich das Gedicht wie folgt:

Ufm Riitamm

Dia Frau, wo an Fesch isch, goot met am Rii
well eppis säga, abr fallt‘ra nüüt ii
d‘ Schnälla, Keesbenk, s‘Rotscha gi Nord
vom Wintr zom Summr zom… undsofort

dia Frau well reda. d‘Bärg sägn nüüt. dia Frau
sächt dr Bärg, wo se öbr si büügt. dia Frau
wo an Fesch isch, faart BMW. dia Bärg
tuand‘ra i dr Seel aso wee. sie schwimmt im

Wassr wo sich sälb öbrholt. s‘Gwecht fo da Bärg
usm Radio als Liad. dia Frau, wo an Fesch isch
spürt was‘ra passiert. uf Nord und uf Süd

hätt ma si poolt. s‘ganz Land flüüst
dor si dori. si faart dr Karra aha for Baa
vo untr da Wälla luagat si‘s aa

Schaan

Rheinsein erobert seinen Lieblingszwergstaat, das Fürstentum Liechtenstein, verortet sich zumindest im dortigen Schaan. Genauer gesagt: ziemlich exakt zwischen lokalem Programmkino und Migros, umspült von jeher kühl und klar schießenden, mit improvisierten, nichtsdestotrotz vertrauenswürdigen Bretterkonstruktionen überbrückten Gießen, unweit der restlos alle sieben Wochentage bis zum Schluß geöffneten Damage Bar, gegenüber dem an die Durchgangsstraße zur Schweiz eingebuchteten Ha Long Take-Away. Schaan… hat Elan, behauptet die Eigenwerbung dieser mit der fürstlich-liechtensteinischen Hauptstadt Vaduz mittlerweile zum kaum mehr überschaubaren Agglomerationsgebiet zusammengewachsenen Rheinmetropole. In der Tat, Schaan… hat Elan: die Bautätigkeit ist enorm, die Busse fahren grob nach Plan. Auch alpenbestanden büßt das Rheintal nichts von seinen verkehrs- und baulärmerischen Qualitäten ein. Zumindest nicht in Liechtenstein. In den Gärten reifen auf verheißungsvollste Art formschöne Spalierbirnen, wälzen sich frühe Glasäpfel waidwund auf meditativ rasierten Rasenflächen. Spielerisch, ungelenk und sinnlos sich bespringende Kühe mitten im stets Richtung Zukunft orientierten Schaaner Zentrum; Geruch frischgebügelter Fränklinoten mit Akzenten von Pferdeschweiß. Im össara Loma schießt der Ribelmais. In den Vorgärten schwellen Hortensien: kalbskopfgroße Blumenmonster saisonaler Schönheit zwischen den Bergrücken. Es muß mal gesagt sein: von der Eisenbahntrasse zwischen Sargans und Buchs sieht Liechtenstein sehr niedlich und winzig aus, ziemlich genau so wie in allen billigen Witzen über dieses erstaunliche Land – doch ist dieser äußerst rare Flecken erst einmal betreten, weitet und vertieft er sich plötzlich ungemein, die Straßen werfen, nebst ihren Baustellen, lauter bedeutungsschwere Häuser auf. In denen lauter ungewöhnliche Begriffe lagern. Wie Zustupf (dt.: Geldgabe/Spende) z.B. Dies nur als kleiner, randseitiger, beliebig mit tausend anderen multiplizierbarer Ansatz interkulturellen Verstehens, Scheiterns, Liebens etc. Rheinsein jedenfalls ist soeben erst in der Alpenregion angekommen, sucht noch ein wenig Orientierung, und mag jubelnd vermelden, daß der Geist des Schaaner Autors Stefan Sprenger sich dankenswerterweise einfach mal so, aus dem angewandten Weltverständnishandgelenk, als guter Stern über alle anstehenden Regionalerkundungen an den Rheinsein aktuell verfügbaren Abendhimmel emporgeschwungen hat; welch letzterer mit den Sternbildern des Milchbrötchens und des iMacs in übernatürlicher Klarheit protzt, eine seltene stellare Konstellation, die sowohl auf übermäßigen Wortfluß hinweist, als auch auf feinste (resp. gröbste) alpine Zerdrängung.