Das Hungertuch

Ein zweijährlicher Preis, der von Künstlern an Künstler vergeben wird, die “mit experimentellem Pioniergeist im 21. Jahrhundert” zu neuem künstlerischen Terrain aufbrechen ist Das Hungertuch, vor 16 Jahren von Ulrich Peters initiiert. Bedacht werden die Sparten Bildende Kunst, Musik und Literatur mit besonderem Fokus auf interdisziplinär arbeitende Künstler. Dieses Jahr zählen zwei ständige rheinsein-Autoren zu den Preisträgern: Roland Bergère und Stan Lafleur, eine Auszeichnung also auch für rheinsein wie die Rheinische Post in einem Vorbericht zur heute in Neuss stattfindenden Preisverleihung schreibt:

“Das Hungertuch im Bereich Literatur wird der bekannte Spoken-Word-Performer und Lyriker Stan Lafleur (…) bekommen. Neben zahlreichen Buchveröffentlichungen, zuletzt: “Mini Welt”, gestaltet er seit 2009 sein gigantisches Netzprojekt rheinsein.de. Das Projekt strebt “eine komplexe, neuartige, literarisch basierte Hybridform um Faktisches und Fiktives zum Thema Rhein und zugleich die umfassendste zusammenhängende, stets wachsende Sammlung rheinischer Kulturgeschichte im Internet” an, wie er selbst es beschreibt. Dieser Blog enthält inzwischen über 2000 Beiträge, auch von anderen Autoren.”

Victor Hugo, Walter Benjamin und rheinsein

Eine ausführliche Reaktion auf den vorangegangenen Eintrag erschien auf acheronta movebo, dem Blog von Chris Bader. Ausgehend von Victor Hugos Zitat einer lautmalerisch niedergelegten Speisekarte zu Schaffhausen, assoziiert Bader nun auf acheronta movebo über das Flußmotiv, Sprachbrodeln und Lebensnarben und vergleicht rheinsein “in Hinblick auf die Materialfülle sowie auf Lafleurs erfrischendem Mix von Gestern und Heute, “High” and “Low”" mit dem Passagen-Werk Walter Benjamins, das von der Kritik als “Notizenfragment” und “Buch, das es nicht gibt” beschrieben wurde: “In seinem Blog zitiert Stan Lafleur den zitierenden Victor Hugo. Deshalb – weil er viel zitiert – hatte auch Walter Benjamin Victor Hugo gerne zitiert. Alle drei – Stan Lafleur, Walter Benjamin, Victor Hugo zitieren allerdings transparent: Sie zitieren in Achtung und Nennung der Quellen. Lesen also fremdes Material auf, kennzeichnen es als fremdes Material, integrieren es in ihr literarisches Mix: Damit outen sich alle Drei – Lafleur, Benjamin, Hugo (…) als Literatur-, Philosophie- und Quellen-DJs, die den alten Materialien einen neuen und jetzigen Kon-Text stiften, eine jetzige und heutige Ästhetik und damit Verdaulichkeit verleihen.” Daß rheinsein in Einzelteilen oder zur Gänze wahlweise als ausschnitthafte bis umfängliche Allegorie auf das menschliche Leben aufgefaßt werden kann, läßt sich zwischen den Zeilen und vollständig unter dem sprechenden Titel: “IN THE MIX: Schweizerisch-französische Onomato-Omelette-Poetik, gefunden von Stan Lafleur bei Victor Hugo. – Notizen zum Motiv der “Narbe” und zum Motiv “Fluss”” nachlesen.

Friedrich Schlegel, Adelheid von Stolterfoth und rheinsein

“Vom Quellgebiet im schweizerischen Kanton Graubünden bringt der Rhein bis Köln einige Kilometer hinter sich. Dichter der Romantik wie etwa Friedrich Schlegel oder Adelheid von Stolterfoth haben sich literarisch links- und rechtsrheinisch an den Ufern entlang abgearbeitet. Vor allem Schlegel war es, der sich nicht sonderlich begeistert zeigte von den industriellen Vorboten. Verständlich. In vielen Abschnitten ist der Rhein gefesselt und geknebelt durch Fabriken und Kanalmauern. Lässt man die schlegelschen Vorbehalte weg, ergeben sich genügend tolle Ansichten mit einem modernen Charme. Das aktuelle Befinden des Flusses beschreibt und bedichtet Stan Lafleur auf der Seite Rheinsein mit wunderbaren Beiträgen.”

(Andreas Schneider im Reiseportal LocalPlayers)

Rhein-Meditation


Frisch aus dem Preßwerk ist ein neues Print-Derivat des rheinsein-Komplexes: Rhein-Meditation. “An individual human existence should be like a river”, lautet eine Erkenntnis des britischen Filosofen und Mathematikers Bertrand Russell. Die Rhein-Meditation nimmt ihren Anfang bei den Quellen und endet mit dem Meer als Analogien für Geburt und Tod. Die unterschiedlichen Landschaften des Rheins streifend, entwickelt sie einen Textfluß mit erzählerischen, journalistischen, poetischen und poetologischen Momenten.

Das Buch ist erschienen in der Edition 12 Farben bei rhein wörtlich, einer Reihe, die Prosatexte vornehmlich Kölner AutorInnen mit Poetologien in jeweils einem Band vereint. Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen. Im Laufe der nächsten Wochen werden an dieser Stelle kurze Textausschnitte vorgestellt. Erste Buchvorstellungen und Lesungen sind in der Rubrik “Termine” gelistet.

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Das Lachen der Hühner – Sonderedition (3)

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Nachdem wir vorgestern die Bände der limitierten Sonderedition signierten, sind sie nun auch geheftet und offiziell bei der parasitenpresse gelistet. Die neuen Schnitte Helena Beckers wirken, anders als die ursprüngliche Serie, die weitgehend unabhängig von den Texten entstanden war und in erster Linie die liechtensteinischen Gemeinden portraitierte, interpretierend und verstärkend. Besonders auffallend ist der im Vergleich zur ersten Serie formell sehr viel rundere, bisweilen geradezu zirkulierende Schnitt und die gebrochenen bzw panelartigen Perspektiven, welche die Kurven und Sprünge der Sonette aufzunehmen scheinen. (Foto: parasitenpresse)

Das Lachen der Hühner – Sonderedition (2)

Dieser Tage erscheint in der Kölner parasitenpresse eine Sonderedition von Das Lachen der Hühner. Liechtenstein-Gedichte und Papierschnitte. Was die Sonderedition besonders macht:

- Sie enthält eine komplett neue Papierschnittserie von Helena Becker. Die neue Serie wurde erstmals im September 2012 im Kunstmuseum Liechtenstein präsentiert.
Beckers Schnitte für die reguläre Ausgabe von Das Lachen der Hühner waren unabhängig von den Texten entstanden. Ihr erster Liechtenstein-Schnittezyklus zeigt in zumeist reduzierten Linien augenfällige ortstypische Architektur der fürstentümlichen Gemeinden, jeweils in alltagsschamanischer Kombination mit einem landesüblichen Tier.
Der Zyklus der Sonderedition befaßt sich nun konkret mit Textinhalten der ihnen gegenüberstehenden Gedichte. Die Schnitte sind im Vergleich zur ersten Serie häufig verspielter und insgesamt deutlich detailreicher ausgeführt.

- Die Gedichte haben wir für die Sonderedition nochmals überarbeitet. Einige kleine Änderungen da, ein beinahe neu geschriebenes Sonett dort (z`Planka), etwa die Hälfte der Texte blieb unverändert.

- Auch der Titel des Bandes hat sich für die Sonderedition ein wenig geändert, und zwar im Untertitel, der nun präzisierender Liechtenstein-Sonette (statt Liechtenstein-Gedichte) aufführt. Letzteres auf Anregung von Rainer Stöckli, der auch die Sonderedition als solche maßgeblich angeregt und unterstützt, und mit einem lose beiliegenden Geleitwort versehen hat.

- Die Auflage der Sonderedition ist auf 60 Exemplare limitiert, numeriert und von Helena Becker und uns handsigniert. Knapp die Hälfte dieser Edition ist bereits vor Erscheinen vergriffen. Die parasitenpresse liefert im Falle der Sonderediton also nur bis Exemplar Nr. 60/60 – während die reguläre Ausgabe weiterhin aufgelegt wird. Der Preis für die Sonderausgabe beträgt 15 Euro, und für die reguläre Ausgabe 9 Euro (bei Sendungen innerhalb Deutschlands jeweils inklusive Porto und Verpackung).

Bestellungen bitte direkt bei der parasitenpresse: hier!

Das Lachen der Hühner – Sonderedition

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Helena Beckers in Papier geschnittene Variation über unser Sonett An Sonntagen, aus der in wenigen Tagen lieferbaren Sonderedition von Das Lachen der Hühner: Der märchenböse Zauber des vor sonntäglichen Säften strotzenden Liechtensteiner Bergwalds mit seinen insektuös-gottsuchenden Kraftübertragungen im Schwarzweiß einer sich hinfortkontrastierenden Ahnung.

Rheinische Agglomeration

Eine kleine rheinische Verklumpung bzw Verdichtung fanden wir dieser Tage auf Kulturnotizen – Grenzüberschreitende ArtIQlationen. Dort finden sich unter den Überschriften Am Rhein, Rheinsein und Ethnische Schmelztiegelpraxis Texte aus den Federn bzw Tastaturen der Herren Hagedorn, Lafleur und Zuckmayer. Klickens auf den Link und schauens (öfter) mal nebenan vorbei!

Berliner Rhein (2)

Eine rheinferne Rheinstraße findet sich im Berliner Stadtteil Friedenau. Wir zeigen Aufnahmen zweier historischer Besuche der Straße in den Jahren 1963 und 2012:

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Bild 1: Besuch des US-Präsidenten John F. Kennedy in Berlin (1963)

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Bild 2: Besuch des rheinischen Dichters Stan Lafleur in Berlin (2012)

(Bild 1: Bundesarchiv, B 145 Bild-F015843-0010 / Schmitt, Walter / CC-BY-SA; Bild 2: rheinsein)

Donald und Kohl

Ist es ein „Mitmachmuseum“, eine Art Archiv oder eine ganz neue Form des Veröffentlichens? Seit 2008 betreibt Stan Lafleur ein gewaltiges Internet-Blog, und zwar zum Thema „Rhein“, dem deutschen Fluss schlechthin. Über 1000 Artikel und somit Buchseiten, Hunderte von Fotos und Zitate hat er gesammelt, er hat Artikel, Reportagen und Gedichte selbst geschrieben und Leser kommentieren lassen. „Mein ganzes Leben lang habe ich in Rhein-Städten gewohnt“, sagt der gebürtige Karlsruher, der nun in Köln lebt. „Der Rhein ist Thema, seit es in Europa die Schrift gibt.“

Und so finden sich auf „rheinsein.de“ Texte des römischen Dichters Tacitus neben Meldungen aus Boulevard-Blättern. Vieles nimmt Stan Lafleur ironisch und kritisch aufs Korn: „Ich fand`s lustig, daß der Rheinschwimmer im Frühling bis Disentis zu Fuß marschiert ist und von einer Blasmusikkapelle empfangen wurde.“ In „Rheinsein“ tauchen viele skurrile Figuren auf wie etwa die Skulptur des „Nasentrompeters“ am Freiburger Münster, oder der Steinkleber, eine Wasserschnecke, die tatsächlich am Grunde des Rheins lebt.

„Ich habe eine Vorliebe für Fabelwesen“, sagt Lafleur und gibt schmunzelnd zu, dass er ein paar Gestalten in seinem digitalen Mammutwerk selbst erfunden hat. Spaziergänge am Karlsruher Rheinhafen oder Fahrradtouren, Gedichte über den Karlsruher Stadtteil Rüppurr, ja, sogar Frankenstein, der durchs Rheintal flieht – all das findet sich in Lafleurs Blog. „Rheinsein ist eine Art virtuelles Museum, das immer weiterwächst und nach allen Seiten ausfranst.“

Stan Lafleur ist Schriftsteller und gilt als einer der originellsten lebenden Dichter, der außerdem als einer der ersten deutsche Poetry-Slams durchgeführt hat. Das Dasein des 44-Jährigen wird immer mehr vom Rhein geprägt. Vorträge, Shows, ein Lehrauftrag an der FH Düsseldorf und immer wieder Erkundungen von Rhein-Landschaften bestimmen seinen Alltag. Bis zu 200 Leser täglich verfolgen dieses einzigartige Blog, und auch mindestens einen wissenschaftlichen Aufsatz gibt es über Lafleurs Projekt.

Es lohnt sich, immer wieder in Stan Lafleurs amüsantem, seltsamem und manchmal etwas durchgeknalltem Blog einfach mal zu stöbern und zu schmunzeln über das, was sich hinter Stichwörtern wie „Donald Duck“, „Helmut Kohl“ oder „Sowjetunion“ verbirgt.

(Badische Neueste Nachrichten, von Matthias Kehle, 18. Juli 2012. rheinsein dankt dem Autor fürs Überlassen des Artikels für diese Website.)

Das Lachen der Hühner: Rezension (4)

Die baden-württembergische Literaturzeitschrift allmende fokussiert, dokumentiert und begleitet seit gut drei Jahrzehnten das literarische Geschehen am Ober-, Hoch- und Alpenrhein. In der soeben erschienenen Nr. 89 schreibt Simone Nitsche über Das Lachen der Hühner:
“Auf gut 20 Seiten umweltfreundlichen Papiers entfalten Stan Lafleur und Helena Becker eine gewitzte Bestandsaufnahme ihrer Liechtensteiner Umgebung in Wort und Bild. Elf poetisch außerordentlich komplexe Sonette werden von ebenso vielen Papierschnitten begleitet, die der Bewegtheit der Gedichte als ruhender Pol gegenüberstehen. Die leicht gelbliche Färbung des Papiers verleiht Helena Beckers Arbeiten ein gewisse Sanftheit, wodurch die Radikalität der Landschaftsbilder, die Stan Lafleurs Lyrik entwirft, etwas gemildert wird. Lafleur erfasst punktgenau das Eindringen der Globalisierung in die beschauliche Ländlichkeit des Fürstentums Liechtenstein. Seine mitunter von Dialekt durchsetzte und zugleich poetisch klare Sprache bildet den Soundtrack einer Verzerrung, der Verzerrung des Althergebrachten. Hier, wo die Natur geradezu aufdringlich wirkt – in An Sonntagen dichtet Lafleur: „nach Waschmittel riecht der Wald (…) voll aufgedrehtes Bächleinplätschern“ – inmitten dieser Hochglanzidylle also entwickelt sich die Natur in Anbetracht des nie versiegenden Touristenstroms zu einer Parodie ihrer selbst. Frei nach der Formel: „Tausche Postkartenkulisse gegen Realität“ liefern Helena Becker und Stan Lafleur mit ihrem schmalen Band Das Lachen der Hühner einen aufschlussreichen Einblick in die Art und Weise, in der sich unsere Welt verändert.”

Mein Rhein

für Stan Lafleur und Enno Stahl

Das Wort „erschlagen“ machte nie zuvor
mehr Sinn. Schwitzend stand ich schon
fünf Kilometer südwärts der Potemkin-

schen Treppen am Schwarzmeerstrand
fühlte nicht dasselbe, auch nicht als ich
in Lima den gewundenen Pfad nach unten

nahm, die achtzig Meter, der Pazifik
plusterte sich vor mir auf, die Neo-
prensurfer glänzten in der Abend-

dämmerung und selbst am weißen Strand
hinter der Hochhauszeile, Ipanema,
Rio, dieses Stelldichein der Straßenverkäufer,

und Badenixen, vielleicht auch die ein oder
andere weltbekannte Schönheit, die ich nicht
erkannte, auch am Ende Europas

am Cabo de Roca, wo Portugal den Atlantik
küsst, verspürte ich nicht dasselbe, meine
Freunde, wie an diesem verregneten Scheiß-

Tag in Düsseldorf, im verkaterten Nachgang
zu einem runden Geburtstag, an dem ich irrte
wie ein nichtgebriefter Tourist aus Fernost

durch die Gassen der Amüsiermeile. Froh
bin ich, da der Fluss nichts abverlangte und
mich mit einer alleeartigen Promenade

empfing, nass wurde ich trotzdem, doch
glücklich trocknete ich Knochen im grie-
chischen Café jenseits der Kaufmeile

ich dachte an die Glücklichen deren Portemonnaie
locker sitzt und an die Freunde, das Wasser
das ewig und drei Tage, den Fluss hinunter-

fließt, unbeeindruckt, vom Werk der Menschen,
den Knieproblemen, dem Hafenaushub, dem Turm,
dessen Beton erste Risse an den Tag legt

sich über alles andere schwingt oder den Elstern,
die Laute von sich geben, nicht singen, oder
demjenigen, der durchnässt einen Punkt setzt.

(Ein Gastbeitrag von Timo Berger, rheinsein dankt!)