Rheinische Seher und Propheten

Eine bisher zwar auch unerklärte, aber jetzt doch schon von vielen zugegebene Erscheinung ist das sogen. „Zweite Gesicht“, d. h. das Vermögen, wirkliche Begebenheiten der Gegenwart oder Zukunft fernschauend wie mit leiblichem Auge zu erkennen. Die „Vorgesichte“ – in Westfalen und am Niederrhein „Vorgeschichten“ genannt – sind, abweichend z. B. vom somnambulen Hellsehen, stets mit Rückerinnerung verbunden und nehmen nie eine religiöse oder übersinnliche Richtung, sondern halten sich ganz in der Sphäre des gewöhnlichen bürgerlichen Lebens, meist Todesfälle und Leichenbegängnisse, aber auch Brände, Hochzeiten, Geburten, Freundschaften, das Ankommen von (dem Seher oft ganz unbekannten) Fremden und dgl. betreffend. Die Gabe findet sich weit mehr bei Männern als bei Frauen, ist aber an kein besonderes Alter und keine bestimmte Zeit gebunden. Im Augenblick des Schauens ist der Seher ganz von seinem Bilde eingenommen, sieht und denkt nichts anderes und nimmt keine Notiz von seiner Umgebung: die Augenlider oft krankhaft einwärts gekehrt, sieht er starr vor sich hin. „Es giebt wenig Städte am Rhein,“ – wird 1822 berichtet – „wo nicht solche Geschichtler anzutreffen wären, und daß man bisher so wenig davon geredet hat, liegt in der nicht bloß am Rhein bekannten Erfahrung, daß die Aufklärung der Schriftgelehrten bereits so weit fortgeschritten ist, daß man in ihrer Gegenwart schon kein Faktum mehr erwähnt, was nicht durch sie anerkannt worden“. (…)

Schon im Jahre 1668 trieb in Andernach zur Zeit einer pestartigen Krankheit der Geisterseher Cornelius Schnegell sein Unwesen, indem er gegen das Verbot des Magistrats angebliche Geistererscheinungen in Umlauf setzte und dadurch Trauer und Schrecken über manche Familie brachte. Von erster Kindheit an – erzählte er – habe ich Geister geschaut, und in der letzten Matthiasnacht sind mir plötzlich die Augen derart erleuchtet, daß ich des Nachts ebenso klar sehe, wie bei Tage. Namentlich in den Prozessionen, die zur Abwendung der Pest gehalten werden, sehe ich im voraus das Schicksal meiner Mitbürger: die ich fallen und nicht wieder aufstehen sehe, müssen sterben; solche, welche nach dem Falle sich wieder erheben, werden zwar krank, sterben aber nicht; endlich diejenigen, welche bloß straucheln, werden nur von einem leichten Anfall getroffen. Ich sehe die Geister in weißen und schwarzen Kleidern und halte dafür, daß jene selig, diese verdammt werden. Wenn sie erscheinen, verbleibe ich bisweilen im Bette, häufig aber muß ich aufstehen und sie bis zur Thür begleiten. Diese Erklärung setzte den Rat, der selbst überall Spuk und Zauberei witterte, in nicht geringe Verlegenheit, obschon bekannt war, daß der Geisterseher mitunter freilich in seinen Vorhersagungen die Wahrheit getroffen, öfter aber „schändlich sich vertretten und seiner Zungen Zoll verfahren“ hatte. Man wandte sich deshalb um Auskunft an die gelehrten Franziskaner in Köln und legte ihnen die Frage vor, ob dergleichen Erscheinungen begründet und glaubwürdig seien oder nicht. Daß es kein bloßes Spiegelgefecht und keine Narrheit ist, fügt der Rat seiner Anfrage bei, kann man daraus abnehmen, daß oft in Kirchen, adligen und anderen Häusern Gespenster gehört oder gesehen werden und bald darauf Leichen folgen. Diese Erscheinungen haben auch solche, denen man nichts Böses nachsagen kann, ja die Heiligen haben solche absonderlich oft gehabt. Es ist ferner bekannt, daß in einigen Klöstern Patres eine Zeitlang vor ihrem Tode im Chor ohne Haupt erschienen sind. Dazu ist zu beachten, daß gemeldeter Cornelius von den Geistern genötigt wird, die Visionen bekannt zu machen und daß die Offenbarungen vielen zum besten gereichen, da diejenigen, welche noch nicht sterben werden, unnötige Arzneien sparen, solche dagegen, die bald sterben müssen, desto besser auf den Tod sich vorbereiten können. (…)

In der Vaterstadt eines Rheinländers lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts ein unbemittelter Tagelöhner, den man, weil er für die Metzger die gekauften Kälber herbeiholte, „Kälber-Gerhard“, seiner Gesichte halber aber meist „Geisterseher“ nannte. Gewöhnlich um Mitternacht, doch zuweilen auch bei Tage, erblickte er die Gestalt derjenigen Person, die binnen weniger Tage sterben sollte, an derjenigen Stelle, wo sie den Geist aufgab, bald in ihren gewöhnlichen Kleidern, bald im Leichengewand, bald sitzend, bald liegend, und es trieb ihn dann mit Gewalt in die Wohnung, wo die betreffende Person wohnte, oder auf die Straße, wo der Leichenzug vorüberkam und er alle Leidtragenden genau erkannte. Nur einigemal hat er infolge übergroßer Müdigkeit dem Triebe, dem Gesicht zu folgen, gewaltsam widerstanden und sein Bett nicht verlassen; da aber – so erzählte er – sei ihm zur Strafe seines Ungehorsams der „Geist“ reitend auf die Schultern gesprungen und habe ihn durch Straßen und Felder so peinigend umhergetrieben, daß er in kaltem Schweiße gebadet und vor Erschöpfung krank nach Hause gekommen sei. Anfangs machte er aus der leidigen Gabe, die er dem Umstande zuschrieb, daß er in der St. Andreas-Nacht genau um 12 Uhr geboren sei, kein Hehl und offenbarte arglos, wen er des Nachts gesehen; da aber die von ihm genannten Personen stets bald darauf verstarben, bemächtigte sich der Einwohner eine solche Angst, daß sie ihm möglichst aus dem Wege gingen und er ihre Häuser schließlich selbst am hellen Tage und in Geschäften nicht ohne Furcht vor Prügeln betreten durfte. (…)

Auch für das sogenannte Sichselbstsehen sind Fälle genug vorhanden. Noch aus der Mitte dieses Jahrhunderts wird in Führt bei Neuß erzählt, daß der Küster abends in die Kirche gegangen, um dort die ewige Lampe zu schüren. Während er den Sohn erwartete, welcher ihm das notwendige Oel bringen sollte, hatte der Ermüdete sich in einen Beichtstuhl gesetzt und war darin unversehens eingenickt. Plötzlich wurde er durch den Ausruf: „Hier hast du deinen Rock!“ geweckt und sah eine dunkle Gestalt, die einen Sarg vor ihm hinstellte, dann aber mit dem Sarge eben so rasch wieder verschwand. Erschüttert kehrte der Küster heim und lag wirklich wenige Tage später als Leiche im Sarge. (…)

Schneider und Näherin hören die Schere schnippeln, wenn sie bald ein Totenhemd fertigen sollen; doch kannte Florentin v. Zuccalmaglio (1803 bis 1869) in seiner Jugend auch eine Näherin, die ihm oft blaue Male an ihren Armen zeigte, die sie Geesterpetsche (Geisterkniffe) nannte und für Anzeichen hielt, durch die sich die Verstorbenen bei ihr anmeldeten. (…)

Der Stadt Koblenz droht eine alte prophetische Sage: „Wehe! Wehe! Wo Rhein und Mosel zusammenfließen, wird gegen Türken und Baschkiren eine Schlacht geschlagen werden, so blutig, daß der Rhein 25 Stunden Wegs rot gefärbt sein wird“; auch Johann Peter Knopp meint: „Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz.“

Das Schlimmste jedoch soll Köln bevorstehen, das außer Knopp auch Rembold, Jasper und ein anderer westfälischer Spökenkieker als Schauplatz einer großen Schlacht bezeichnet haben. Der Magister Heinrich v. Judden, Pastor an Klein St. Martin zu Köln, fand um 1460 in einem alten Buche des dortigen Karmeliterklosters folgende Prophezeiung: „O glückliches Köln, wenn du wirst gut gepflastert sein, wirst du untergehen in deinem eigenen Blute. O Köln, du wirst untergehen wie Sodom und Gomorrha; deine Straßen werden von Blute fließen und deine Reliquien dir genommen werden. Wehe dir, reiches Köln, weil deine Einwanderer an deinen Brüsten saugen und an denen deiner Armen, die gemartert und gequält werden für dich.“ (…)

Gerade in bedrängten Zeiten tauchen prophetische Stimmen am ehesten auf, und so erschienen Anfang April 1761 plötzlich auch in Köln zwei alte Männer von ehrwürdigem Aussehen, die auf eine sonderbare Art gekleidet und barfuß waren und nur Wasser und Brot genossen. Sie verkündeten auf öffentlichen Gassen den Zorn Gottes über die Menschen und weissagten, daß im Jahre 1765 sich in allen vier Weltteilen ein allgemeiner Krieg entzünden, 1766 Konstantinopel zerstört werden, 1767 England im Wasser untergehen, 1768 die ganze Welt den wahren Gott erkennen und 1769 ein großer Mann ein wichtiges Zeugnis davon ablegen, 1770 ein allgemeines Erdbeben stattfinden, 1771 Sonne und Mond samt den Sternen vom Himmel fallen, 1772 die Welt in Flammen untergehen und endlich 1773 das allgemeine Weltgericht einbrechen werde. Man verbot ihnen sogleich, ihre Mission fortzusetzen; sie aber widersetzten sich diesem Befehle und gaben sich für Propheten aus, die der Himmel abgesendet, die Menschen zu schleuniger Buße zu ermahnen. Dieserhalb gefänglich eingezogen, wurden sie von den Jesuiten einem Verhör unterworfen; sie antworteten in lateinischer, griechischer, hebräischer, chaldäischer und anderer Sprache und gaben vor, 700 Jahre alt und aus der Gegend von Damaskus gebürtig zu sein. Mit Erlaubnis der Obrigkeit von den Jesuiten gefesselt nach Rom geschickt, wollten sie dort die Richtigkeit ihrer Mission erweisen.

(Rheinische Seher und Propheten. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte von Dr. Paul Bahlmann, Münster 1901)

Zons

zons_platonsches himmelsgleichnisPlatons Höhlengleichnis in der Zonser Variante als Schattenspiel am Kreismuseum

zons_maria magdalenaZonser Verzweiflung: Maria Magdalena klammert sich ans Kreuz vor St. Martinus

zons_sternNicht nur farbliche Geschlossenheit herrscht in der Zonser Himmelsmetaforik

zons_sudden foxEin plötzlicher Fuchs bevölkert den Blick von Zons in Richtung Rhein, der einst an die Stadtmauern der mittelalterlichen Festung reichte, mittlerweile jedoch einen halben Kilometer Abstand bevorzugt

Venlo (2)

venlo_rot_martinikerkVenlorot: die katholische Martinikirche. Das Repertoire ihres mittäglichen Glockenspiels enthält Klassiker der Populärmusik mit Bezug zu christlichen Vorstellungswelten wie Led Zeppelins Stairway to Heaven oder Louis Armstrongs What a Wonderful World. venlo_rot_mauerVenlorot: Mauern
venlo_rot_tanzVenlorot: Tänzerin im Hinterhof

Emmerich (4)

emmerich_panoramakugel
Wie viele andere kleine Grenzstädte verlegt sich auch Emmerich auf den Einkaufstourismus. Die Schaufenster bieten teils bizarre Kunststoffprodukte und Emmerich-Devotionalien (Uhren, Tassen, Poster, Aquarien), die ausgestellte Provinzmalerei erfüllt mit Stolz ihre Quote, eine auffällige Überproportionalität erreicht die Zahl der auf Hörgeräte spezialisierten Läden (der augenscheinlich ambitionierteste zeigt die vier Hörrohre Beethovens als Frontrelief in Ziegelrot). Ladenschilder sind häufig zweisprachig (deutsch/niederländisch) verfaßt, manche Läden richten sich in ihren Aushängen sogar ausschließlich an die Kundschaft aus dem Nachbarland. In der mäßig bevölkerten Fußgängerzone Christoffelstraße scherzten drei niederländische Bohèmiens über zum Verkauf stehende Ölgemälde von bescheidener Qualität. Beinahe hätten wir für künftige rheinsein-Notizen neue

emmerich_kugelschreiber Kugelschreiber erstanden – wäre nicht der Laden wegen Urlaubs geschlossen gewesen. In der Fußgängerzone stießen wir auf den sprechenden Straßennamen Hinter dem Schinken, dessen Bedeutung (wie zuvor schon die Bedeutung des Emmericher Wappeneimers) jedoch verschlossen blieb: in der näheren Umgebung ließ sich weder ein realer Schinken, noch ein etwaiges Schinkenmonument aufspüren. Der Buntheit der Plastikprodukte, dem Anblick der in knalliger Optik beschrifteten Schnellimbisse und Nagelstudios überdrüssig wandten wir uns den Sakralgebäuden, markanten Eckpfeilern des Emmericher Stadtbilds zu. Den Turm

emmerich_st aldegundisvon St. Aldegundis erblickten wir in Fensterscheiben gespiegelt und hinter Wohngebäuden verschanzt an verschiedenen Stellen der Stadt – allein: einen Zugang zu finden gelang uns nicht, weswegen wir geneigt sind, die Kirche als überaus gelungene optische Täuschung zu betrachten. Sehr wohl zugänglich gab sich hingegen die direkt am Rhein gelegene Pfarrkirche St. Martini. Der Kirchenschatz weist Splitter vom Kreuz und der Lanze Jesu auf, die auf wundersame Weise die weite Strecke an den Rhein überwanden, um in Emmerich steckenzubleiben. Im Schiff stießen wir auf verwirrende visuelle Eklektik,
emmerich_st martini darunter byzantinisch anmutende Mosaiken, zu Mauerwerk gestapelte Gesangbücher (“wall of written sound”), einen körperlosen Jesus und seltsame Schnitztiere im Chorgestühl, die jeweils auf eigene Winkel des Gebäudes verteilt das Gefühl erzeugten, durch mehrere katholische wie mindestens eine protestantische Kirche zugleich uns zu bewegen, eine zurückhaltend gemischte Heiligkeit mit Wirkung, die sich noch verstärkte, als wir durchs Portal ins Freie schritten, wo das Leuchtband des Rheins aufwartete, als wolle es uns ins grandiose, wenngleich winterlicher Depression nicht ganz enthobene, Zentrum von Licht und Wasser katapultieren.

Zaltbommel

zaltbommel_1Der brave Bursche marokkanischer Herkunft hat gerade Brot geholt bei der Bakker Bart-Filiale in Zaltbommel. Bakker Bart ist eine (aus Nijmegen stammende) Ladenkette, die mittlerweile das ganze Land überspannt. Sich dort als marokkanische Familie das Brot zu besorgen, darunter auch ein Brot typisch niederländischer Machart, kann man getrost als Anzeichen gelungener Integration bezeichnen.

Dies ist umso bedeutungsvoller in einem Ort wie Zaltbommel. So um 2010 herum gab es da jede Menge Wirbel und Besorgnis wegen einer Truppe junger Kerle marokkanischer Herkunft, die herumrandalierten und Frauen belästigten. Sie trieben es sogar so weit, dass sie den Bürgermeister bedrohten, der sich sehr negativ über sie geäußert hatte (er verkündete sogar die nie nachgewiesene Mär, die Kerle versuchten sich als sogenannte Loverboys Grundschülerinnen gegenüber). Natürlich war ihr Verhalten nicht in Ordnung, nur war die einseitige Fokussierung auf die marokkanische Komponente das auch weniger. Polizeiangaben zufolge gab es zu jener Zeit 276 kriminell auffällige Jugendliche in der Gemeinde, davon aber nur 38 marokkanischer Herkunft. Die übergroße Mehrheit entstammte also dem alteingesessenen Klientel des Bakker Bart. Solche Kerle aber galten zum verschmitzten Vergnügen ihres Umfelds vielleicht eher als bescheidene Fortsetzung der blutrünstigen Tradition des Maarten von Rossum, der ja hier geboren wurde, und auf den die Stadt immer noch stolz ist. Mittlerweile wohl auch auf die Teilnehmer der sogenannten “Vierteleltern”-Initiative, die seit einigen Jahren jeden Samstagabend ihre Runden läuft, um jeglicher kriminellen, jugendlichen Energie zuvorzukommen. Die wichtigste, von diesen Eltern gewonnene Erkenntnis: Die Jungs brauchen mehr Fußballplätze. Bemühungen in diese Richtung haben bislang offensichtlich gereicht: Es hat sich, auf angehender Schwerverbrecher-Ebene, in den letzten Jahren kaum noch etwas getan. Die Gerüchteküche brodelt, aber nie gibt es Ernsthaftes zu berichten.
Dass die Zaltbommeler Jungmarokkaner es nicht im Entferntesten so weit treiben wie die des Amsterdamer Bandenkrieges, wobei kürzlich einer sogar geköpft wurde, den Kopf dann aufgespießt bekam, kann man nur begrüßen. Aber wie wäre es mal mit einem Bürgervater, der nicht gleich schmutzige Sexualfantasien in die Welt hineinkatapultiert, auch nicht als ein wahrhafter Maarten van Rossum “Schlagt sie zusammen!” ruft, wenn es um Ladendiebe geht? Der Herr ist immer noch im Amt.

zaltbommel_2

Das könnte vielleicht mit der Verträglichkeit neuen Stils zu tun haben, die zu erleben man am Waalufer aufgerufen wird. Aber doch eher nur in dem Sinne, dass auch der Bürgermeister hin und wieder Gast sein dürfte bei “De verdraagzaamheid”, denn so heißt das in der Stadt führende Restaurant hier. Und auch die im Pflaster versenkte Aluminiumfigur vom Künstler Marcel Smink verweist nicht auf diese Affäre, sowie auch ihre Hand nicht grapscht: Sie zeigt die Höhe der neu errichteten Wasserschutzanlage an, geschmückt mit dem hier übersetzten Gedicht von Willem van Toorn:

Zwischen Stadt und Fluß möchte das Auge eine Grenze
gezogen sehen die klar andeutet wo
Schönheit in Gefahr hinüberfließen kann.
Wer aber das Maß überschreitet entnimmt dem Menschen

seine Sicht aufs Leben selber. Beim Verlassen
der Stadt durchs Tor möchte ein Bewohner Wasser
erleben, Schiffe, Deichvorlände
und über allem das Glänzen aus der straff

gespannten neuen Brücke. Keine Mauer
die den Anschein neuer Sicherheit verspricht
wird dem Auge dieses Strömen vorenthalten:
immer gleich und immer anders – der Fluß.

zaltbommel_3

Im Deichvorland hat der Junge im Pflaster noch einen Bruder, der genau dasselbe macht wie er, wobei er auf die Brücke Ausschau hält, von der im Gedicht von Van Toorn die Rede ist. Für literarische Bezüge hätte sie dieses Gedicht nicht mal gebraucht. Nicht von ungefähr wurde sie auf den, als es um Tiel ging, schon mal erwähnten Dichter Martinus Nijhoff getauft. Der nämlich schrieb in den 1930ern einen weiteren Lyrikklassiker, oder doch wenigstens eine der allerberühmtesten Anfangszeilen der niederländischen Literatur:

DIE MUTTER DIE FRAU

Ich ging nach Bommel um die Brücke zu sehen.
Ich sah die neue Brücke. Zwei Seiten gegenüber
die einst sich zu fliehen schienen
werden wieder zu Nachbarn. Gute zehn Minuten
wo ich da lag, im Grase, mein Tee getrunken
mein Kopf von der Landschaft weit und breit erfüllt–
Da wurde mir mitten aus der Unendlichkeit heraus
eine Stimme gewahr, dass mir die Ohren ertönten.

Es war eine Frau. Das Schiff, auf dem sie fuhr kam
gemächlich stromabwärts durch die Brücke gefahren.
Sie war alleine am Deck, sie stand am Ruder,

und was sie da sang, ich hörte es waren Psalmen.
Ach, dachte ich, ach, fuhr doch meine Mutter dort.
Lobe Gott sang sie. Bewahren wird Dich Seine Hand.

Die kleine alte Festungsstadt hat nebst Van Rossum und Nijhoff noch ein weiteres Wahrzeichen mit Bezug auf Sankt Martin, und das ist natürlich die Sint Maartenskerk. Ohne dessen stumpfen Turm ließe sich Zaltbommel kaum denken. Als ich klein war, war’s mir sogar, als gäbe es dort nur diesen einen Turm. Ich hatte ein Buch mit Aquarellen von niederländischen Kirchtürmen: Besonders der Zaltbommeler Turm war so dargestellt, als täte das menschliche Umfeld gar nicht zur Sache.
Das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft ist auch in Zaltbommel entschieden gekippt; auch hier, in der ehemaligen Grenzfestung der protestantischen Republik der sieben vereinigen Niederlanden, ist die Kirche in den Hintergrund gerückt.

zaltbommel_4

Die evangelische Sint Maartenskerk wird heutzutage sogar für nicht-kirchliche Eheschließungen zur Miete angeboten. Nichtgläubigen wünschen sich anscheinend doch den Anschein irgendeiner Transzendenz beim großen Lebensschritt, während Kalvinisten (nach gut niederländischer Tradition) eben auch über die Runden kommen müssen.
Ortsgerecht ist es aber auch deswegen, weil es in der Welt ohne Zaltbommel vielleicht nicht mal jenes eine Buch geben würde, das wie kaum ein anderes die gesellschaftliche Rolle des Geldes und des Kapitals unter die Lupe genommen hat: Das Kapital von Karl Marx wurde teilweise hier geschrieben, und zwar im weißen Haus im Hintergrund des Bildes.

zaltbommel_5

Da war Marx öfters zu Gast bei seiner aus Nijmegen gebürtigen Tante Sophie Presburg, die mit dem ortsprominenten Tabakhändler und -fabrikanten Lion Philips verheiratet war. Dessen Sohn Frederik sowie die Enkel Gerard und Anton Philips standen später an der Wiege des Philips-Konzerns. Die lebensfreudige Gangart der jungen Dame, die zuvor zusammen mit ihrer Familie die Plakette am Haus studiert hatte, muss also nicht unbedingt zu Ehren von Karl Marx gemeint gewesen sein. Vielleicht ist sie schlichtweg Fan vom Fußballer Luuk de Jong, der ohne die ehemalige Philips-Betriebself der PSV Eindhoven vielleicht nie seine fehlgeschlagene Auslandskarriere hätte gutmachen können.
Vielleicht schafft auch der brave junge Brötchenkäufer es irgendwann dorthin.
Oder aber er fragt sich, wieso denn gerade in einem Ort, wo Marx tätig war, Marokkaner nur über den sportlichen Weg zum Einklang mit der Gesellschaft zu bewegen sein sollten, während doch ein großer Teil der hellhäutigen Gesellschaft sich kaum beeindruckt zeigt vom ständigen Fluss neuer Jungprofis marokkanischer Herkunft, die sich auf niederländischen Fußballplätzen zu behaupten versuchen. Man könnte, nur mal eine Idee, für sie ja auch eine Lese-, ja gar Schreibegruppe gründen. Das könnte auch mal, sogar noch umso nachhaltiger, dazu beitragen, dass sie sich weniger als gesellschaftlichen Müll ins Abseits gedrängt fühlen würden.

zaltbommel_6

***

Der niederländische Autor Lucas Hüsgen erkundet für rheinsein den Waal, diesmal die Stadt Zaltbommel, ohne die es “Das Kapital” von Karl Marx vielleicht nicht gäbe.

In Nähe der südlichen Düssel

Ein Bäcker seit 1632,
in Düsseldorf seit 1889,
unweit der Ecke Suitbertus- und Brunnenstraße.
Dem (örtlich) schräg gegenüber:
ein sich Backkönig nennendes Ladenlokal,
ausweislich dessen Beschilderung es heißt: „wir backen, du König.“

Süß, wenn auch weniger lecker
riecht’s um die Ecke aus der Fabrik
in der Fruchtstraße.
Karton & Papier Rohstoff seit 1886.

Von St. Suitbert klingt die Mittagsglocke.
Zwischen den Aluminiumsilos der Fabrik
steigt Rauch auf.

Optimistisch, weiterhin, werden Opel und GM
vertrieben, in einem Autohaus mit Werkstatt in der Buysstraße.
Älterer Verkäufer, Silberfuchs,
und ein ganz junger mit dunklem Haar.

Unweit des Autohandels und der Papierfabrik
kann sich eine Eckkneipe halten, aus der es auch mittags leuchtet.
Nach Schichtende hat man dort Geld und Muße.
Das Zone-30-Schild bemoost.

Von der Ecke Karolinger- und Merowingerstr.
blickt man auf Abbruchgelände.
Ebenso wie vor Ewigkeiten diese Dynastien verschwand
kürzlich auch das zuletzt leerstehende Firmenareal
von Auto Becker, einer Firmengründung der Wirtschaftswunderzeit.
Begriffe wie Autos aus zweiter Hand, vor allem auch Luxusvertrieb von Ferrari
sind in Erinnerung.

Am Düsselufer;
Gebrauchte Fahrräder in großer Zahl,
mit schweren Sicherheitsschlössern am Geländer gesichert.
Gebräuchlichstes Individualfortbewegungsmittel der Gegenwart.

Höhe Bachstraße ein blauer Pontiac Strato Chief.
Viertürig mit Rechtssteuer (seinerzeit vermutlich für den australischen Markt).
Voluminös brummendes Motorröhren, Spritgeruch duftnostalgisch.
Schöner Wagen. Ein solitärer Veteran.
Vielleicht auch besser so. Würden mehr von seiner Sorte herumfahren,
wäre die Luftbelastung stärker und die Kriege um Öl noch härter.

Bleisatz im Fenster einer Druckerei
zeigt, von rechts nach links, deren Bestehen seit 1924 an.
Derweil arbeitet der Inhaber per Mausklick am Flachbildschirm.
Bach- Ecke Martinstraße:
Die genau hundert Jahre nach ihrer Begründung 1843
im Jahr 1943 durch Fliegerbomben zerstörte Bilker Sternwarte
hinterließ in ihren Trümmern den Rest des großen Fernrohrs,
das samt Sockel 1952 als Denkmal aufgestellt wurde,
mit Blickrichtung auf den goldenen Wetterhahn, Turmzierde von
Alt St. Martin, der wohl ältesten Kirche Düsseldorfs,
auf karolingischem Fundament erbaut, welches um 700 datiert.
Der Wetterhahn blickt stolz ins Land und
wenn überhaupt, dann mit gönnendem Wohlwollen
auf die beiden thailändischen Köche,
die an der rückwärtigen Gebäudeseite des ehemaligen Deutzer Hofes
an der Tür zu ihrer Küche rauchend Kaffeepause machen.

Als unauffälliger Passant wird man öfters angelächelt,
freundlich und einfach so,
natürliches rheinisches Laissez Faire.

Von der Benzenbergstraße Höhe Bilker Allee
in Blickrichtung Neusser Straße
wirken die hohen stolzen Gründerzeitgebäude
wie winzige Häuschen
vor dem Hintergrund der in den Himmel ragenden
Chrom- und Glashochhäuser

Doch wer von jenseits, vom Fürstenwall her
nach hier herüberblickt,
erkennt die Bilker Kirche mit ihren Flügeln zu beiden Seiten
wie einen imposanten Vogel,
der sich schützend vor das Viertel stellt.
Gleichwohl einladend.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr. rheinsein dankt!)

Zillis (3)

zillis_judaskuss_klDeckenbilder aus der Kirche St. Martin in Zillis. Oben links eine Szene aus Jesu Gefangennahme (Zweikampf zwischen Petrus und Malchus, dem es ans Ohr geht), rechts der Judaskuß. Unten Szenen aus dem Kindermord zu Bethlehem.
zillis_kindermord_kl

Der Rhein im und aus dem Weltall

Seit Ende Mai und noch bis Mitte November ist Alexander Gerst “unser” Mann im All auf der internationalen Raumstation ISS. Seine Astronauten-Ausbildung absolvierte Gerst in Köln beim Europäischen Astronautenzentrum (EAC). Auf seiner Mission fotografiert er immer wieder aus rund 420 Kilometern Höhe die Erde mit ihren Landschaften und Wetterfänomenen sowie Szenen aus dem Alltagsleben auf der Raumstation und stellt die Bilder mit knappen Kommentaren auf Facebook, wo sie sich einer riesigen Fangemeinde erfreuen. Auch rheinsein ist begeistert von Gersts täglichen Facebook-Einträgen und den durchweg großartigen Aufnahmen. Gersts Kommentare zeugen vom Glück gleichwie von Demut und Bescheidenheit anbetrachts seiner privilegierten Blickwinkel auf unseren Planeten. Vor einigen Tagen gestand die Mission dem Astronauten zu, eine halbe Stunde lang Fragen der Erdlinge zu seiner Mission auf Facebook zu beantworten. Unseren Lesern möchten wir Gersts Facebook-Präsenz wärmstens empfehlen. Besonders gefreut haben wir uns natürlich über Gersts Fotoeinträge zu Köln und zum Rhein und möchten sie an dieser Stelle gerne teilen:

alexander gerst_alpen mit rhein bodensee_klRheinursprünge in den Alpen, Bodensee, Hochrhein, Oberrheintal

alexander gerst_tatort im weltall_klKöln im Weltall: Tatortfolge mit Wurstbraterei, Groß St. Martin, Rhein und Dom auf der ISS; ESA-Maus aus Die Sendung mit der Maus als Maskottchen

Köln aus dem Weltall: Alexander Gersts flickr-Präsenz bietet fantastische Aufnahmen von der ISS. Durchklicken! (Am besten via voranstehendem Link zu flickr!)

“Es gibt keine Worte dafür, wie es sich anfühlt durch eine Aurora hindurch zu fliegen. / Words can’t describe how it feels flying through an aurora. I wouldn’t even know where to begin…” kommentierte Gerst jüngst zwei seiner Fotos, die von der Erdatmosfäre in den Weltraum abstrahlende Polarlichter zeigen. In den vergangenen Jahrzehnten rangen die vorwiegend naturwissenschaftlich ausgebildeten Astronauten immer wieder staunend um Worte, die Fänomene des Alls adäquat zu beschreiben und so dürfte die Zeit für den/die erste/n WeltraumdichterIn näherrücken.

Alexander Gerst stellt seine Bilder im Übrigen unter der Creative Commons-Lizenz zur freien unkommerziellen Verbreitung ins Netz. Das Copyright der Fotos bleibt bei ihm.

rheinsein wünscht Alexander Gerst weiterhin eine inspirierende Zeit in der Erdumlaufbahn und eine sichere Heimkehr!

Rheinische Fabelwesen

einhornfisch

Der fabulöse Rheinwels (siehe vorangegangene Einträge) erinnert uns an einige, womöglich mit ihm verwandte, Wesen, deren Darstellungen an der Kirchendecke von St. Martin zu Zillis (Bilder: Adrian Michael, Creative Commons) zu finden sind. Die Decke wurde von 1109 bis 1114 gemalt.

fischlefant

Gorrh (18)

Fällt Schnee? Schnee fällt. Vor und hinter, über und unter sinkenden Flocken sinkende Flocken. Auch diagonal oder digital: zwischen den Flocken: Flocken. Heute dicke Flocken. Und jeder Flocke wohnt eine kleine Kälte inne, sozusagen das Gegenstück zu schwach aufgedrehter Heizung. Im Verbund gelingt den kleinen Kälten eine umfassende Netzwerkkälte, dh, die Kältestrahlen der einzelnen Flocken vereinen sich zu einer sirrenden Gesamtkälte – oder anders ausgedrückt: Schnee durch Schnee ist gleich Schnee. Eine wunderbare Winterlandschaft, gegeben im Schaufenster der Galeria Kaufhof. Eine kleine, zerzauselte, gegen den Strich gebürstete Gorrhpuppe in knitterfreier Martinsmantelhälfte hockt mittendrin, spielt E-Gitarre, singt: „isch glaub, isch bin so happig“, schlägt rhythmisch mit der Faust in die Luft, rebellische Geste, bangt head, kickt ass, fällt mit Batterieschaden aus. Vor dem Schaufenster Gorrh, der echte, als unscheinbare Bettlerin verkleidet, ein Glas Ahrschwärmer, ehemals Glühwein, nun mit einer Haube aus Zuckerguß, dh Schnee, denn auch draußen fällt Schnee, wenngleich nicht ganz so viel und gar so hübsch wie drinnen, in der Linken festgefroren. Vereinzelt Passanten, die sich ihre bibbernden Gebisse zeigen. Arbeitslose Jugendliche natürlich, die sich über die vermeintliche Bettlerin im Schnee lustig machen: „die letzte totale Mondcoolness is bei der aber auch schon paar zig`n`zwanzig Jährchen her“; Gorrh grinst undeutbar, putzt sich demonstrativ die Zähne mit Remoulade und sinniert über Hirnweichheit im Verhältnis zu demoskopischen Strukturen. Es sieht nicht gut aus für die Gesellschaft. Es sah mal gut aus für die Gesellschaft, es wird für die Gesellschaft auch mal wieder gut aussehen, aber im Präsens ist das nicht zu schaffen. Plötzlich steht etwas still. Die Schneeflocken bremsen, die Erdrotation kommt ans Ruckeln, ein Riß geht durch das gefrorene Glas Ahrschwärmer in Gorrhs linker Hand. Es ist Gorrhs mentale Stärke, die diesen Moment ausgelöst hat. Die Menschen reißt es erst leicht nach hinten, dann prallen sie, durch den Rückschlag des totalen Stillstands, heftig nach vorne in ihr weiteres Leben. „Wat war dat denn noch?“ Der Stillstand, so absolut Gorrh ihn auch inszenierte, hielt nur für Sekundenbruchteile, ein kleiner Warnschuß, Gelegenheit zum Innehalten, mehr nicht, vielleicht ein Scherz unter arbeitslosen Jugendlichen. Die nun auf Gorrh eintraten, der als Bettlerin verkleidet irre verkrümmt auf dem Boden lag. Anderntags die Zeitungstitel: „Gesellschaftliche Kälte im Schnee“, „Rheinland polar“ und „Hurra! Der Wahnsinn hat Methode!“ – ein einziger Aufschrei! Darunter Fotos von Fleisch- und Knochenresten arbeitsloser Jugendlicher mitten auf der Königsallee. Gut sichtbar im Schnee: Skalps mit CR7-Frisuren. Die Mordkommission ermittelt. Gorrh lehnt jede Stellungnahme ab. Der Präsident hält seine berühmte Rede vom Ruck, der durch das Land zu gehen habe.

Wahlergebnis aus der Surselva

Weltweit gilt sie als vorbildlich: die teils sehr direkte Demokratie der Schweiz. Daß Schweizer eher langsame Menschen seien: kaum mehr als ein böses Gerücht. Komplexe Präzisionsvorgänge wie etwa Stimmauszählungen brauchen einfach ihre Zeit. Ein Beispiel von den just erfolgten Bündner Kantonalwahlen, aus einem Bericht von Die Südostschweiz: „Offiziell war die Schlusskontrolle für die Daten aus Chur bereits um 14.35 Uhr erledigt. Bekannt gegeben wurden die Resultate allerdings erst Stunden später. (…) Die 39 Einwohner zählende Gemeinde St. Martin in der Surselva war (…) die letzte von 178 Gemeinden, deren Daten noch fehlten. Wie sich im Nachhinein herausstellte, hatten die Verantwortlichen offensichtlich Mühe bekundet, die Resultate via Internet nach Chur zu übermitteln.“ Abgestimmt hätten in St. Martin nur ca acht Prozent der Stimmberechtigten, summa summarum: zwei Bürger. Während die Anzahl der angeblich stimmberechtigten Bürger St. Martins in verschiedenen Pressemeldungen vergleichsweise heftig (von 24 bis 39) schwankt – womöglich werden sie ja gerade noch kopfgenau erfaßt – sind sich alle Medien darin einig, daß aus St. Martin zwei Stimmen tatsächlich abgegeben wurden und daß niemand wisse, weshalb die übrigen Bürger St. Martins, das keine eigene Verwaltung besitze, sondern in Vals administriert werde, der Wahl ferngeblieben seien.