Sieben Jahre Bau am Gotthard

Sechshundert Mann und ein gescheitertes Bordell: der Sedruner Filmemacher Gieri Venzin findet seine Themen direkt vor und hinter den Pforten seines kleinen vorderrheinischen Dorfes, einem an manchen Stellen bereits geschliffenen, im Grunde aber immer noch als weitgehend roh auffaßbaren Diamanten der Surselva. Als ich vergangenen November dort herumstapfte, um erstmals den Rhein zu überspringen, fand ich wiederum, auf dem Weg zum alpin dahinplitscherplätschernden Fluß, der vom Hauptdorf einen für Flachländer schon ganz ordentlichen, zudem vereisten Hang hinabführte, ein vermeintliches Industriegebiet, das in Wirklichkeit den Ein- und/oder Ausgang der „Neuen Eisenbahn-Alpentransversale“ (NEAT) vorstellte, mit 57 Kilometern durch den Gotthard aktuell der längste Tunnel der Welt. La ruosna, das Loch, wird dieser Ort von den Einheimischen genannt, was sofort an das Kölner Loch erinnert, in dem vor fast genau einem Jahr das hiesige Stadtarchiv und zwei junge Männer verschwanden. Was das sursilvanische Loch angeht, habe man, was bei dergleichen Vorhaben selten sei, noch niemanden verloren und habe ich seine Bedeutung erst durch Venzins Langzeitdoku „Sieben Jahre Bau am Gotthard“ begriffen, obschon im Hauptdorf der Bau unübersehbar ausgeschildert und erklärt steht: mir war das gigantische Projekt in diesem zaubrischen Tal einfach unvorstellbar – die Wohncontainer für die Arbeiter z.B. hielt ich für abgefeimte Skitouristenunterkünfte und ähnliche Fehleinschätzungen mehr. Wahnsinn, dachte ich immer noch, als der Film mir längst erklärte, für Sedrun sei mit der „Porta Alpina“ ein unterirdischer Bahnhof geplant, dessen Ausmaße, zumindest in den im Film gezeigten Modellen, an Berliner Hauptstadtumbauten erinnerten, für ein 1500-Einwohner-Dorf, wohlgemerkt. Das aber mit 600 Tunnelarbeitern aus Italien, Österreich, Deutschland und der restlichen Schweiz natürlich erheblich aufgestockt und durcheinandergerüttelt wurde, „frisches Blut, das dem Tal ganz gut bekommen sei“ wie ein lokaler Politiker sinngemäß zum Ende des Films konstatiert. Welcher einerseits vom Vortrieb (mit riesigen Rollmeißelbohrern: 62zähnige Antisteinmonster) im Berginneren, andererseits von den Hoffnungen und Befürchtungen der Dorfbevölkerung samt mehr oder minder auf Zeit zugezogener Mineure handelt. Besonders eindrücklich die Geschichte eines Sedruners, der die Bauarbeiten als Chance für sein Geschäftsmodell „Bordell, Restaurant, Tanz- und Nachtbar, das/die einzige seines/ihresgleichen weit und breit“ betrachtet, jedoch über mangelnden Zulauf und Behördenrestriktionen zum Alkoholiker und zwei Jahre später wieder trocken wird, um seinen mittlerweile abgewrackten Schuppen erneut, diesmal rein gastronomisch und colatrinkend, zu betreiben. Ein toller Film, für dessen Ausstrahlung man unseren Kultursendern (in diesem Fall 3SAT) ernsthaft dankbar sein darf.

Wo beginnt der Kreis

Jünger als andere schätzt Horst Johannes Tümmers, ehemaliger Leiter der Kölner Stadtbibliothek, fleißiger Rheinwanderer und Verfasser des empfehlenswerten Buchs „Der Rhein. Ein europäischer Fluß und seine Geschichte“ das Alter des Rheins und packt diese Schätzung in einen anschaulichen Vergleich: „Die Erde, versichern Geologen, sei 4,5 bis 4,7 Milliarden Jahre alt. Den Rhein in seiner heutigen Gestalt gibt es erst seit dem Abklingen der letzten Eiszeit, seit etwa 10.000 Jahren. Die Geschichte des Rheins würde in einer Erdgeschichte von 230 Bänden zu je 1000 Seiten, wobei jede Seite 20.000 Jahre beschreibt, im letzten Band nur die letzte halbe Seite füllen.“ Dafür hat sich in diesen letzten rund zehntausend Jahren umso mehr Literatur über den Fluß angesammelt. Und überhaupt: diese Geburtsstundenfestmachungen – mit 200 Millionen Jahren Spielraum. Ein Fluß, solang er fließt, ist im Fluß, dh, es handelt sich um ein zyklisches Ereignis. Wo beginnt der Kreis? „Wie entstand der Rhein? Flußgeschichte gehört in den größeren Zusammenhang der Erdgeschichte. In ihren frühesten Anfängen raste die Erde – eine Art Kugel aus hochverdichteter, glutflüssiger, mit Gasen angereicherter Schmelze von 3000°C – 5000°C im Erdkern – mit hoher Geschwindigkeit um die Sonne. In ungezählten Jahrmillionen erkaltete ihre Außenhaut und bildete jene dünne Kruste von etwa 60 Kilometern Tiefe, die bis heute das glühende Magma des Erdinnern umschließt, im Vergleich nicht dicker als die Schale eines Apfels. Damals entstand auch das Wasser; es schlug sich aus der Atmosphäre als nicht enden wollender Regen auf der erkaltenden Kruste nieder. Diese Kruste ist das Grundgebirge, das aus Kristallin besteht. Der Rhein wird im Kristallin des Gotthardmassivs entspringen, in den ältesten Gesteinen der Erde also.“ Soweit Tümmers. In Kürze wird sich Rheinsein in diese Kristallinlandschaften begeben, um den Beginn des Kreises zu unter/suchen.

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”

Dielhelms Vorderrhein (2)

Über frühere Tage des ersten Rheinklosters Disentis weiß der Rheinische Antiquarius die eine und andere Anekdote (- nichts für schwache Nerven!): “Dies Dissentis / lateinisch Disertina, oder Desertum, genannt, ist eine uralte berühmte Benedictiner Mönchs=Abtey, dessen erster Ursprung von dem heiligen Siegbert / einem Schottländer und Jünger Sanct Columbanus hergehohlet wird, welcher im Anfang des siebenden Jahrhunderts nebst Sanct Gallus in die Schweitzerische Lande gekommen seyn, und allda den christlichen Glauben unter den noch meistentheils dem abgöttischen Heydenthum anhangenden Leuten zu predigen und zu pflanzen angefangen haben soll. (Anm.: und wie überall in Berg- und Kluftgegenden stehen jede Menge vermeintlicher, geraunter Kultstätten, Vorstellungen von blutig-orgiastischem Triefen evozierend, eigentlich ganz grau und harmlos im Gelände. Fortschritt durch Christentum.) Dieser Siegbert war ein Liebhaber des Einsiedlerlebens, derohalben er im Jahr 614. sich im Urseler Thal am Gotthardsberge in einer Zelle aufgehalten, und weil es ihm da nicht einsam genug zu seyn schiene, so begab er sich über den Crispaltenberg in die Räthische Gegend, und baute sich eine Zelle an dem Orte, wo jetzt das Kloster Dissentis stehet. Er wurde, sowohl seiner lehrreichen Predigten, als auch seines frommen und strengen Lebens halber, gar bald unter dem herum wohnenden Volke bekannt, bekam auch Jünger, die in seine Fußtappen zu treten verlangten, unter welchen sonderlich Placitus, ein zu Thrums (Anm.: wo immer das sei; womöglich verschwunden) wohnhafter Ritter und Oberherr dieser Landesgegend, war. Von diesem melden die Mönchshistorien und Legenden, daß, als er auf Befehl seines Landsherrn Victors (dessen Tyranney und ärgerliches Leben er gestraft habe) enthauptet worden, das abgeschlagene Haupt aufgehoben, in eine Tuch gewickelt habe, damit fort gewandert sey, solches einer ihm ohngefehr begegnenden Frauen zugeworfen (Anm.: oha, gegen die Damen impulsiv noch dazu, der fromme, strenge Herr!), und also ohne Kopf zu seinem Lehrmeister gekommen sey, welcher ihn mit grossem Schrecken und Herzeleid empfangen, und bey seiner Zelle begraben, eben an dem Orte, wo er, Siegbert / hernach auch hingelegt worden. (Anm.: verwundert nicht übermäßig, vor solcher Kulisse, ein derart freakiger letzter Gang, die Alpen stecken voller ziehendem Nachtvolk, Widergängern, Aufhockern und Kopflosen. Der Rhein als Gespensterrhein auf klösterlichem Terrain.) Lange Zeit darauf wurde alldorten eine Kirche zu Ehren des heiligen Placitus samt einem Kloster erbauet, welches endlich durch Mildthätigkeiten und Beysteuren vermöglicher Leute an Reichthum, und dessen Aebte an Ansehen angewachsen, und in den heutigen blühenden Stand gelanget ist. Der dasige Prälat führet den Titel eines Reichsfürsten, jedoch ohne Sitz und Stimme auf dem Reichstage; Den Bundstägen des obern Grauenbunds wohnet er gemeiniglich in Person bey, und hat bey der Wahl der Aemter und Behandlung der Polizeysachen die erste Stimme, auch das Recht, alle drey Jahre aus dem Hochgerichte Dissentis, den Boten des Grauenbunds drey Personen vorzuschlagen, aus welchen sie einen zum Landrichter und Haupt des Bundes erwählen können; allein auf dem allgemeinen Bundestage der Graubündter hat er keinen Sitz und Stimme, stehet anbey im Graubündtner Land in besonderm Ansehen und Gewalt, und hat die Münzgerechtigkeit. Im übrigen aber besitzet das Kloster vortrefliche Einkünfte, und genieset herrlicher Rechte und Freyheiten. Sonst giebt es in dasiger Gegend große Gebürge, worinnen unterschiedene Kupfer= Eisen= und Kießbergwerke anzutreffen sind, so dem dortigen Abt zuständig, und eine Zeit her fleißig sind gebauet worden. Von dem gemeldeten dasigen großen Gebürge sagt man: Montes hic celsissimi, Valles vero miserrimae, Beati, qui non vident & tamen credunt! Das ist: Hier sind die Berge am höchsten, die Thäler aber am elendesten. Seelig sind, die nichts sehen und doch glauben!” (Ob Spescha den Dielhelm kannte; ähnliche Beschreibungssystematik.)

Dielhelms Vorderrhein

Kiloschwer ist der Rheinische Antiquarius und paßt doch in meinen Laptop: “Was unsers so weitberühmten Rheinstroms Urquellen, oder dessen Ursprung betrift, welcher von einigen für doppelt, von andern für drey= und noch von andern für vierfach gehalten wird ((Anm.: von wieder anderen gar für hundert- oder tausendfach, auch für garnicht genau benennbar, für wechsel- und lückenhaft, sowie für spekulativ (wer bitte hat den Rhein mit eigenen Augen wo genau entspringen sehen? Rheinsein freut sich über Augenzeugenberichte!), jedenfalls aber so gut wie immer, auch wenn keine Belege für Quelltempel existieren, für heilig, kräftig, besonders.)); So entspringet derselbe in dem hohen und unzugänglichen Alpengebürge (*) bey den alten Räthiern oder den heutigen Graubündtnern, auf demjenigen Gebürge, so Cäsar / Strabo und Ptolomäus / Adula, die neuern Schriftsteller den Vogel heissen (Anm.: die allerneuesten grübeln noch über weiteren Poetisierungen); heutiges Tags aber von den dasigen Einwohnern der Sanct Gotthardsberg genennet wird, vielleicht dem Hildesheimischen Bischof Sanct Gotthard zu Ehren, welcher im Jahr 1131. vom Pabst Innocentius dem II. canonisiret ward. Insgemein werden von den meisten nur zwey Hauptquellen angegeben, welche der hintere und vordere Rhein genennet werden. (Anm.: auf diese Weise setzen sich Meinungen fest, werden mögliche Irrtümer canonisieret, dh eingeebnet in Zeitgeist, der Ableger wirft, “das Recht des Stärkeren”, auch wenn den Quellpilgernden das trügerische Gefühl für die Bergwässer eines Komplexeren, im Fluß befindlicheren lehrt.) Der eine Arm davon, so der Vorderrhein oder Oberrhein / lateinisch Rhenus Anterior, heißt, quillt auf dem Gipfel des Crispaltenberges aus einem steinharten Felsen ganz nahe bey den unersteiglichsten Alpen des Gotthardsbergs und der Urslerischen Einöde hervor, ohngefehr drey Meilen von dem Ursprunge der Rhone und zweene von der Gegend des Rheinwalds. Der besondere Theil des Bergs, wo dieser Fluß entspringt, wird von den Einwohnern Cima del Badur (Anm.: und nicht etwa: Lai da Tuma! Oder etwa doch?) genannt. Allda vermischen sich bald hier und dar andere Bergwasser mit diesem Rheinarm, als welche aus den Alpen Mugels und Cornera hervorkommen. Es fliesset dieser vordere Rhein von dannen zu erst auf die Dörfer Chiamuth / Juf / Sanct Jacob / Sanct Anna (Anm.: von welchen, auch nachfolgenden Heiligenfleckchen auf Google Maps nix mehr übrig ist) und zum Flecken Tavetsch / lateinisch Aeruarium benannt, welcher Ort von lauter welschen Graubündtnern bewohnet wird. Nachdem er von dannen zweene Meilen zurück geleget hat, und bis dahin Nordostwärts geflossen ist, richtet er seinen Lauf gegen Osten auf Sanct Agatha / und an dem Kloster Dissentis vorbey.

(*) Alpen, ist ein celtisches Wort, welches soviel als Weydberge heisset, weil sie nämlich den alten Celten größten theils als Viehweyde dienen musten. Es bestehen aber dieselben aus einem erschrecklich hohen, breiten, und langen, dabey fruchtbaren Gebürge, das Italien, Frankreich und Ungarn von Deutschland scheidet (Anm.: zu Dielhelms Zeit allesamt führende Fußballnationen). Ihre oberste Gipfel sind die meiste Zeit mit Schnee bedeckt, und es erstreckt sich ihre Länge von dem Ligustischen / oder Genuesischen Meer über 150. Meilen in einer Reihe fort bis Thracien. Während dieser ihrer Länge bekommen sie der Lage nach unterschiedliche Namen und werden eingetheilet 1) in Alpes Maritimas, oder Meeralpen, bey der mittelländischen See, und der Genuesischen Stadt Savona (Anm.: Erinnerung an halluzinatorische Begebenheiten zwischen exakt jenen Alpen und dem Mittelmeer ca im Sommer 1988, als zwischen sehr vielen schlaflosen Stunden besagtes Savona ans Rotieren und Taumeln geriet, sich aber wieder fing und dennoch irgendwie anders dastand, aus dem Boden brachen damals deutschsprechende, in fatalistischem Chic gekleidete Damen mit fürchterlichen, sich im sonnendurchweichten Panorama lösenden Kriegserinnerungen), 2) in Alpes Cotties, oder Cottianas, das ist, Cottische Alpen, die Piemont von Dauphin scheiden; 3) in Alpes Grajas, oder Griechische Alpen, so Savoyen vom Thal Aosta absondert; 4) in Alpes Penninas, Apenninas, oder Penninische / so Mayland von Savoyen und Ober=Wallis abtheilen; 5) in Alpes Summas, oder höchste Alpen / so die Schweitz vom Mayländischen trennen, und unter allen die höchsten und eigentlich diejenigen sind, daraus der Rhein seinen Ursprung hat; in Alpes Lepontinas, oder Lepontinische und 7) in Alpes Rheticas, oder Rhätische Alpen / welche Mayland von der Schweitz und Graubündten unterscheiden; 8) (Anm.: etc. etc.)”

Rheinverläufe

Es kursieren, in der Zweiten stärker als in der Ersten Welt, durchaus ernstzunehmende Gerüchte, der Rhein sei nicht schon immer dort lang geflossen, wo er eben schulkundlich und augenscheinlich heut gewohntermaßen lang fließt – und beziehen sich weniger auf die weithin im Volksglauben akzeptierten, menschengemachten Rektifizierungen (Domleschg, Alpenrhein, Oberrhein), die ja lediglich Korrekturen am gewohnten Bett darstellen, als vielmehr auf gewaltige Ausbrüche aus dem so normal erscheinenden Verlauf, welche größere Regionen trockenzulegen imstande gewesen sein mußten, und Kulturgeschichte umgeschrieben hätten, hätte denn damals schon Kultur bestanden. Die ganze Wirksamkeit solcher Behauptungen zeigt sich in der Verunsicherung selbst von Natur aus standhafter Bergvölker, wie z.B. dem Liechtensteiner Oberländer beim Panoramablick auf sein eingedeichtes Tal: „Stell dir das mal vor, es heißt, der Rhein wär einstens beinah Richtung Walensee abgeflossen, dann hätten die Walenstädter ihn gehabt und wir nicht, das wär ja furchtbar, das will man sich ja garnicht vorstellen.“ Auch das Tal auf den Walensee zu ist im Gesamtblick enthalten, ganz ohne Rhein scheint es dennoch zu funktionieren. Um den Oberländer zu beruhigen, entgegne ich: „Das war sowieso mal alles Wasser hier.“ Denn de facto behaupten Geologen, auch wenn diese Stimmen im breiten Volk nicht immer ankommen, der Rhein sei bereits einstens Richtung Walensee abgeflossen, um sich dann auf Höhe der Aaremündung wieder zu treffen. Auch sei Liechtenstein einst nichts weiter als Bodenseeboden gewesen, in vorvorvorfürstlicher Zeit. Ein weiteres Geologengerücht geht von Rhein und Rhône, die beide (der Rhein mit seinem Vorderteil zumindest) dem Gotthardmassiv entspringen. Kurz hinter Basel sei der Rhein einst einfach nordseeunlustig umgebogen, um sich der Rhône, somit dem Mittelmeer zu mengen. Wahrscheinlich gab es damals Holland noch nicht, und keine Menschen, Theorien, Webcams dergleichen. Eine Zeit also, über die sich recht viel behaupten läßt. Heute gibt es allerdings den Canal du Rhône au Rhin, anhand dessen eine solche Katastrofe für alle Rheinländer modellhaft vorstellbar zu machen wäre; letztendlich wollen die Rheinländer sich ohne Rhein jedoch rein garnichts vorstellen.

Lederstrumpf am Rhein

In der Einführung zu seinem Roman The Heidenmauer berichtet Lederstrumpf-Autor James Fenimore Cooper von seinen raschen, historisch inspirierten rheinischen Einsichten: „At Aix-la-Chapelle we bathed, visited the relics, saw the scene of so many coronations of emperors of more or less renown, sat in the chair of Charlemagne, and went our way. The Rhine was an old acquantaince. A few years earlier, I had stood upon the sands, at Katwyck, and watched its periodical flow into the North Sea, by means of sluices made in the short reign of the good king Louis, and, the same summer, I had bestrode it, a brawling brook, at the icy side of St. Gothard. We had come now to look at its beauties in its most beautiful part, and to compare them, as far as native partiality might permit, with the well-established claims of our Hudson. Quitting Cologne, its exquisite but incomplete cathedral, with the crane that has been poised on its unfinished towers five hundred years, its recollections of Rubens and his royal patroness, we travelled up the stream so leisurely as to examine all that offered, and yet so fast as to avoid the hazard of satiety. Here we met Prussian soldiers, preparing, by mimic service, for the more serious duties of their calling. Lancers were galloping, in bodies, across the open fields; videttes were posted, the cocked pistol in hand, at every hay-stack; while couriers rode, under the spur, from point to point, as if the great strife, which is so mennacingly preparing, and which sooner or later must come, had actually commenced. As Europe is now a camp, these hackneyed sights scarce drew a look aside. We were in quest of the interest which nature, in her happier humors, bestows. There were ruined castles, by scores; grey fortresses; abbeys, some deserted and others yet tenanted; villages and towns; the seven mountains; cliffs and vineyards. At every step we felt how intimate is the association between the poetry of Nature and that of art; between the hill-side with its falling turret and the moral feeling that lends them interest. Here was an island, of no particular excellence, but the walls of a convent of the middle ages crumbled on its surface. There was a naked rock, destitute of grandeur, and wanting in those tints which milder climates bestow, but a baronial hold tottered its apex. Here Caesar led his legions to the stream, and there Napoleon drew his corps d`armée on the hostile bank; this monument was to Hoche, and from that terrace the great Adolphus directed his battalions. Time is wanting to mellow the view of our own historical sites; for the sympathy that can be accumulated only by the general consent of mankind, has not yet clothed them with the indefinable colors of distance and convention.“