Loreley im Regen und Deutsches Eck bei Nacht

Petersberg, Drachenfels,
Rolandseck und Oberwinter,
gegenüber Unkel.
Belgisches Frachtschiff “Pecunia”
flußaufwärts nördlich von Remagen, um 16 Uhr 40.
Bad Breisig rast vorbei (IC 2027).
Bei Strom-km 618 ein grauer
Hanomag-Trecker mit roten Rädern.
Namedy ca. zehn vor fünf. Roter
Barth-Traktor auf der Bundesstraße.
“Hotel Leyscher Hof” in weißen Großlettern
an die Uferbefestigung von Leutesdorf gepinselt.
Turm und Kirche von Andernach lassen sich
soeben erblicken, eh ein Güterzug
auf dem Gleis der Gegenrichtung
dazwischeneilt.
Weizen vor der Stadt Weißenthurm.
RWE-Kraftwerksturm, davor winzig wirkende Bagger.
In die Luft ragende Sand- und Kies-Verarbeitungsbänder
und Sand- und Kiesberge. Gemüsefelder,
gelbe Gleisreparaturfahrzeuge.
In Koblenz Hbf umgestiegen in den
RE 4298, Abfahrt 17 Uhr 26, Dieselzug, der nur sonntags fährt,
via Bingen mit Endhalt in Karlsruhe.
Schlösser am Hang,
Kirchen auf Hügeln,
Burgen auf Hügeln
(In den Tagen des Raubrittertums
mussten die Mädchen um ihre Unschuld fürchten,
umso mehr achteten darauf die Kirchen).
Rhensersprudel. Marksburg mit 3 Schornsteinen dahinter
(Blei- und Silberhütte Braubach).
Stromversorgung von Hausdach zu Hausdach.
Grüne Weinberge,
grüne Hügel,
angegrauter Himmel.
Km 574, der Rhein kurvt
südwärts nach links.
Dann Windräder auf Höhen,
eine Seilbahn am Hang,
kurz vor Boppard, genannt die Perle am Rhein.
“Bitte den Türbereich freigeben, damit wir abfahren können.”
“Einsteigen, bitte!”
“Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund von Kundenverhalten wird
sich unsere Abfahrt verzögern. Wir bitten, dies zu entschuldigen.”
Vor Stadtmauerresten die Bopparder Stadthalle. Tennisclub Rot-weiß.
Rechtsrheinisch ggü. weißgetüncht auf Ufermauer “Hotel/ Cafe Rheinkönig”.
Im Blickbereich Strom-km 567 zwei Burgen auf zwei Hügeln rechtsrheinisch.
Minuten später die Burgen Katz und Maus und Rheinfels.

Ausstieg in St. Goar.
Letzte Rückfahrmöglichkeit nach Koblenz um 00 Uhr 40.
Kurz vor 18 Uhr kreist ein ADAC-Hubschrauber
über St. Goarshausen, landet vor der Kirche.
Außengastronomiegäste in St. Goar filmen es mit ihren Smartphones.
Eine Mutter, ihr Kleines auf dem Arm, erklärt,
was ein Hubschrauber ist.
Der Schaufelraddampfer Goethe, 2013 Hundert Jahre
geworden, legt linksrheinisch an.
Beim Ablegen echoschallt
der schwere Schiffshornton vom Berg über
der Kirche St. Goarshausens wieder.
Vier ergraute ZZ Top-Fans.
“…Sitzplatzkarte übern Comjuter. Dat is jar nich’ jut. Ich hab’n
neues Hüftjelenk und muß mich viel bewegen.”
Drüben hebt der Hubschrauber ab, landet
wenige hundert Meter nördlich auf einer Wiese.
Die Goethe hat auf dem Rhein gedreht und
legt nun auch in St. Goarshausen ab.
Mit der Fähre Loreley VI übergesetzt, wobei man ein
rotes Armband bekommt als Nachweis, dass
die Rückfahrt bereits bezahlt ist (zus. 3,60 €).
Nach der Überfahrt einen vor einem Cafe sitzenden
Herrn gefragt, was los gewesen sei – Hubschrauber.
“Do is aner kollabiert, an der Fähr’.
Wor abä net so schlimm.”
Buslinie 535 Shuttlebus Loreley, wobei man ein zweites,
blaues Armband erhält, zum Nachweis, dass die Rückfahrt
bezahlt ist (in summa 5,50 €).
In den Berg rauf, vorbei an Hermannsmühle, Wasserwerk St. Goar,
ein Schild kündet vom kühlen Grunde.
Zwei Polizeikontrollen, 2 x 2 Streifenwagen, lässig stehen
ältere Beamte und eine Beamtin in der Landschaft.
Schon Western-mäßig.
Oben erstmal zu Fuß zur Felsspitze.
Bei Strom-km 554.
193,14 Meter über Normalnull und
125 Meter über dem Rhein, laut Schild.
Exotisches findet sich vor dem Eingang zur Freilichtbühne:
“Jeju Dolharbang”, von der Stadt Jeju in Korea (wohl Süd-?), welche der
“Region Loreley”, so der Gedenkstein, das “Kultursymbol”
“Dolharbang” schenkt, am 28.11.2009,
zwei steinerne Figuren, ein “Paar” aus
Zivilbeamten und “Militäroffizier”, die
zusammen die “Funktion eines Schutzgottes” hätten,
“der ein Dorf bewacht”. Unterzeichnet vom Bürgermeister in Jeju.
Die Figuren sind auch auf den zweiten Blick identisch.
Zu einem dritten bleibt keine Zeit,
da auf der Bühne Status Quo ihren Auftritt beginnen.
Also rein, um meinen Eindruck von vor 31 Jahren zu überprüfen.
Schon 1986 wippte ich, sechzehnjährig, mit, weil das
bei ihrer Art von Rock`n`Roll kaum zu vermeiden ist,
blieb aber eher beeindruckungsfrei. Ich respektiere sie.
Viele verehren sie.
Mit “Rockin’ all over the world” macht man auch alles richtig.
Gestandene Männer mit grauen Haaren und Halbglatze spielen
beseelt Luftgitarre.
Die jüngere Generation leicht in der Unterzahl.
Eher vereinzelt Mobiltelephone über die Köpfe gereckt
zwecks Videodokumentation.
Smartphonefilmen scheint eine Erinnerungstechnik
der Jüngeren zu sein, bis etwa Mitte 40.
Nicht, dass die Älteren keine Smartphones hätten, der Unterschied:
sie bleiben eher in der Tasche.
Mein Anwesenheitsgrund beginnt
staubtrocken
mit
“She got me under pressure,
she got me under preeesure”.
SWR 1 überträgt / zeichnet auf.
Mehrfach fallen mir dunkelhäutige Damen in
den T-Shirts des texanischen Trios auf.
ZZ Top spielen 12 Songs,
bis es weiter südlich überm Rheintal heftig blitzt.
Natürlich dabei “Gimme all your lovin’”
und “I’m bad, I’m nationwide”.
Irgendwann singt Billy F. Gibbons
“I’m shufflin` in Texas sand, but my head`s in Mississippi
on Loreley”
Gitarrentechniker Elwood Francis kommt als Gastmusiker
mit steel guitar auf die Bühne zu einem Song,
den Gibbons als “real country” ankündigt und als
“back to the real USA”.
(Nach Januar 2017 bedarf das kaum weiterer Worte.
Gerade ja auch wertkonservative Republikaner
hadern mit der Personalie der aktuellen Präsidentschaft.)
Bei “Sharp dressed man”,
es sind um die 15 Songs nun,
rücken die Blitze bedenklich näher.
“Legs” (“She’s my baby, she’s my baaaby”),
mit jeweils in weißen Plüsch gekleideten Bass- und Gitarrenkorpus
geht noch. Dann verschwinden die Musiker hinter
der Bühne, was als das übliche Ritual zwischen Gig und Zugabe
interpretiert werden kann.
Die Light Show imitiert sinnig das Wetterleuchten.
Die meisten wollen more,
nicht wenige strömen ob des einsetzenden Regens zum Ausgang.
Die Zugabe ist, natürlich, “La Grange”.
Allein dafür hat sich die Reise gelohnt.
Die Musiker kommen nicht dazu, sich zu verabschieden.
“Danke, ZZ Top. Sie hätten gern noch mehr gespielt.
Räumt jetzt bitte das Festivalgelände. Es kommt ein bißchen was.
Geht in Eure Fahrzeuge. Es geht um Eure Sicherheit.”
Wer nun automobil- bzw. wohnmobilfrei ist,
hätte gut daran getan, Schirme oder Regenzeug mitzubringen.
Die Schlangen vor den Shuttlebussen triefend nass.
Einer will mir meinen Taschenschirm (dm-Standard) abkaufen.
Für einen mittleren zweistelligen Betrag,
Freundlich lehne ich ab.
Letztlich verläuft alles geordnet.
Da ich Zeit habe (die Anschlusszüge nach Wuppertal
gehen erst morgen früh und ich bin auf eine Nachtwanderung
am Koblenzer Rheinufer eingerichtet),
erstmal raus aus der triefenden Menge.
In der Nähe untergestellt.
Eine auf freundliche Weise alkoholisierte Besuchergruppe
mit deren Smartphone fotografiert.
Einem gut abgefüllten Altrocker mit grauer Mähne
und Rauschebart war aufzuhelfen – er ist mit einer
Bierbank umgekippt.
Einige fliehen in eine Art Almhütte mit Ausschank,
der ob des Ansturms das Bier ausgeht.
Ein Tisch gröhlt los: “Wir lagen vor Madagaskar…”,
ein anderer Tisch stimmt lautstark ein.
Maßkrüge donnern auf Holz.
In die vermutlich viertletzte Shuttlebusfahrt
springe ich gerade noch, bekomme auch
die Fähre nach St. Goar.
Bei Regen nachts übern Fluss gesetzt.
Die Fährleute gelassen:
“Schiebt e bißchen. Mir wolle los.”

Den letzten Zug nach Norden bekommen.
Nachts um halb drei am Deutschen Eck
im Regen und das freiwillig.
Poetischer Reichtum.
Die wahre 1%-Gesellschaft.

(Ein Berichtgedicht von GrIngo Lahr vom 09. Juli 2017, exklusiv für rheinsein.)

Lorefall

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Am 13. April 1992 bebte nächtens im Rheinland die Erde. Es war seit über 200 Jahren das bei weitem stärkste Beben in der Region. Sein Epizentrum lag unweit Roermond, weswegen das Geschehen als “Erdbeben von Roermond” Eingang in die Geschichtsbücher fand. Das Beben – wir erinnern uns noch gut – erschütterte seinerzeit unzählige Menschen. Die Erschütterung spürten auch die Fotografin Martine Klein, ihre Regale und vor allem ihre Vorstellungskraft. Seither versteht Martine Klein die Welt in erster Linie als tektonisches Abenteuer. Visionen traten in ihr Leben. Von riesigen Platten, die sich unter ihren Füßen verschieben; von Teilen Westeuropas, die spurlos in ozeanischen Weiten verschwinden; von der Umkehrung der Himmelsrichtungen und ganzen Bergen, die wie Ballons durch die Lüfte schweben. Eine ihrer rätselhaften Eingebungen ließ Martine Klein, Mitte der 90er Jahre, die Loreley am Rheinfall badend erblicken. Unmittelbar nach der Vision machte Martine Klein sich auf den Weg. Ausgerüstet mit fünf analogen Kameras fuhr sie zunächst nach Schaffhausen, belichtete ihre fünf Filme (à 36 Bilder) ein erstes Mal mit Ansichten des Rheinfalls, fuhr dann weiter nach St. Goarshausen und belichtete die zurückgespulten Filme unterhalb des berühmten Felsens ein zweites Mal, in der Hoffnung, daß wenigstens auf einem Bild tatsächlich die Loreley, am Rheinfall badend, zu erblicken wäre.

Loreleydarstellungen im öffentlichen Raum des Welterbes Oberes Mittelrheintal

loreley_malvira hahnLorch. Plakat zu einer Ausstellung mit Holzschnitten und Gedichten von Malvira Hahn im örtlichen Robert-Struppmann-Museum

loreley_goarshausen_2Straßenfront in der dem Loreleyfels nächstgelegenen Ortschaft St. Goarshausen

Bahnunterführung zum Multimedia-Mythosraum am südlichen Ortsausgang

Binger Mäuseturm

bingen_mäuseturm_merianMeüsthurn. Der Binger Mäuseturm auf einem Stich von Matthäus Merian 1646. Im rechten Bildmittelgrund die Nahemündung.

bingen_mäuseturm_lautersLithografie von Paulus Lauters vor der Turmrestaurierung 1854.

Der Mäuseturm als aufhellendes Wandgemälde einer düsteren Rheinsteig-Unterführung in St. Goarshausen. Die Geschichte um den ob seines Geizes und seiner Hartherzigkeit bei lebendigem Leibe von Mäusen (im seither sogenannten Mäuseturm) aufgefressenen Bischof Hatto gehört zu den brutalsten des deutschen Sagenschatzes.

Von Baugerüsten umgebener Mäuseturm und Burg Ehrenfels im Oktober 2014.

Mit dem Faltboot von Karlsruhe nach Köln (3)

4_bilgenentöler 8
Einen der schärfsten Schiffsnamen auf dem Rhein führt die Bilgenentöler 8. Selbstbewußt dringt sie voran in die…

4_loreley
Unaufhaltsamkeit der Geschichte: auf Höhe der Loreley blättert ein noch relativ frischer Tag ab…

4_old days new_2
dieweil sich per Flashlight ein etwas weniger frischer heraufbeschwören und hübsch fahrlässig ins Raum-Zeit-Kontinuum reintegrieren läßt. Der Rhein als romantischer Einheitsbrei…

4_brey
In Brey selbst werden blaulichterne Vorbereitungen für das “Rhein in Flammen”-Spektakel getroffen. Milchweiß strömet bis auf Weiteres der Rhein unter Deutschlands berühmt-farbfreiem Himmel dahin.

Loreley (5)

rendezvous_mit_lore
Eine weitere Rückansicht: wie frischgeduscht vom Himmel gefallen wirkt diese Lore, während der unbekannte Schöpfer der Komposition mittels  raumgreifender Ansage und verschnörkelter Majuskeln ein poesiealbumtaugliches Rendezvous heraufbeschwört. Der mythischen Wahrheit zufolge gehen entsprechende Rendezvous eher ruppig aus. Rechts unten ein Verweis auf St. Goarshausen, das wirklich rechts unterhalb der Szenerie liegt.

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE (2)

Den dritten Teil der ARTE-Rheindoku schauen wir zeit- und regionsverlagert, doch immer noch aktuell, in der Nachmittagswiederholung. Regisseur ist nun Klaus Kafitz und Startpunkt das Computerterminal des Mannheimer Hafens, vor dessen Abfertigungsrobotik wir durchs Filmkameraauge einem Architekturfotografen durchs Fotoobjektiv blicken dürfen: schwarzweiß und becherlastig. Schick beschleunigte und abgebremste Luftaufnahmen folgen dem leicht geschwungen eingefaßten Oberrhein vorbei an Worms zur Altrheinschleife Kühkopf-Knoblochsaue, in der Fisch- und Gewässerkundler Egbert Korte elektrokeschernd den Rhein als Black Box bezeichnet. Wir lernen die Weide als abzeichnungs- und flutungsgeeignetsten Baum Mitteleuropas kennen, sowie Treibholz als Transportmedium für Tierarten und Pflanzensamen. Aufscheint die weithin unterkellerte Ex-Metropole Oppenheim, in deren labyrinthischer Stadt unter der Stadt ein Mithrastempelgewölbe erkannt worden sein will. Rheinhessen und der Inselrhein: geraffte Luftaufnahmen. Eintritt ins weltbekannte Weltkulturerbe, dem schwerlich große Neuigkeiten abzuringen sind. Kafitz versuchts mit einer kleinen Flußinsel mit eigener Weinlage bei Bacharach: Winzer Friedrich Bastian ist zugleich Kammersänger, erklärt die Eigenheiten von kleinklimaausgesetztem Inselwein und knödelt uns eins. Der Rheinburgenweg bietet Mittelrheinalpinismus mit Loreleyblick: wie auch in gefühltermaßen drei bis vier weiteren Rheindokus pro Jahr. Reichlich Filmminuten erhält das St. Goarer/St. Goarshauser Rhein in Flammen-Spektakel über dem für eine Armada aus Fahrgastschiffen reservierten Fluß und wir erfahren, daß die lokalen Feuerwerker bei der letzten Musikfeuerwerksmeisterschaft in Kanada auf dem Siegertreppchen landeten. Insgesamt ein wenig inspirierter Filmteilabschnitt.

Loreley reaktiviert?

Das hat die Loreley getan, durchzuckte es, wenn wir die Anzahl der Rückmeldungen, die wir gestern zum Schiffsunglück bei St. Goarshausen erhielten, hochrechnen, nebst der unseren noch erkleckliche Quenten weiterer rheinischer Hirnmasse. Das haben uns Brentano, Heine und Konsorten tief eingespeichert. Zwei Schiffer sind vermißt, zwei wurden lebend aus dem winterlichen Rhein gezogen. Eine Tragödie. Und der gekenterte schwefelsäurehaltige Tanker, „ein sehr gutes Zwei-Hüllen-Schiff“ wie es in der Presse heißt, muß noch über Tage und Wochen gesichert und geborgen werden. Die Loreley allerdings galt über viele Jahre als inaktiv, ein Interview in einer japanischen Zeitung von 2008, das uns aus leicht obskurer Quelle zugespielt wurde, konnten wir leider aus Budgetgründen bis heute weder verifizieren, noch übersetzen lassen. Die hiesigen Zeitungen vermeiden bisher allzu mystische Spekulationen zu den Ursachen des Unglücks. Doch läßt sich Martin Mauermann, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes in Bingen, von der Presse bereits wie folgt zitieren: “Der Fall ist abstrus. Das Radarbild hat keinen Zusammenstoß oder ein Auflaufen auf das Ufer gezeigt. Plötzlich war das Schiff einfach vom Radarschirm verschwunden. Das kann bedeuten, daß das Schiff sich einmal komplett unter Wasser gedreht haben muß.“ Und was sollte das wiederum bedeuten? (Falls Aufklärung folgt, geben wir sie an dieser Stelle bekannt.)