Presserückschau (Dezember 2017)

1
Faule Vögel
“Schon die Kraniche hatten sich in diesem Herbst viel Zeit gelassen. Die Zugunruhe, in die sich die Vögel hineinsteigern, wenn sie sich in Massen sammeln und die sich natürlich durch den Futterdruck verstärkt, wenn zu viele Schnäbel an der gleiche Stellen nach Nahrung suchen, hat auch einen Temperaturregler. Der Thermostat klemmt, und die Vögel sind sich unschlüssig. Statt mit einem großen Startschuss gemeinsam in gewaltigen Formationen aufzubrechen, die uns am Boden staunen lassen, tröpfeln sie in kleineren Marschkolonnen über Land. Da kommt auch beim Beobachter nicht das typische Fernweh und die Herbstwehmut auf, die die „Schneegänse“ früher auslösten. (…) Am Niederrhein überwintern vor allem die Blässgänse, die in der europäischen und sibirischen Tundra brüten. Die auch bei uns als Brutvogel eingesessenen Graugänse hingegen, die früher an den Guadalquivir, nach Tunesien oder Algerien verzogen, machen jetzt gerade noch die Tour bis Holland. Die Saatgans macht schon Pause an der Ostseeküste, verstärkt aber auch die großen Winterpopulationen in Holland und am Niederrhein. Man merkt an dieser Aufstellung schon, dass man bei uns eigentlich nur mit der Graugans rechnen kann, und die ist zugfaul geworden.”
(Kölner Stadt-Anzeiger)

2
Schiffsunfall
“Auf dem Rhein bei Duisburg hat ein Hotelschiff eine Autobahnbrücke gerammt. Fast 30 Menschen wurden verletzt (…). Während des zunächst unübersichtlichen Großeinsatzes hatte es zuvor unterschiedliche Angaben über die Zahl der Verletzten gegeben. (…) Die 129 Menschen an Bord des Hotelschiffs „Swiss Crystal“ stammten (…) mehrheitlich aus Benelux-Staaten. Demnach war das Schiff in Richtung Niederlande unterwegs. (…) Das Schiff wurde bei dem Aufprall am Bug beschädigt. Ein zweites Passagierschiff kam der havarierten „Swiss Crystal“ zu Hilfe und nahm die 26 Besatzungsmitglieder und 103 Passagiere an Bord. Der Unfall sei angesichts der vielen Menschen an Bord vergleichsweise glimpflich ausgegangen, sagte ein Polizeisprecher in Duisburg.” (Handelsblatt)

3
50 Jahre San Bernardino-Tunnel
“Vor fünfzig Jahren wurde der San-Bernardino-Tunnel eröffnet. Es war damals mit 6,6 km der längste Tunnel durch die Alpen. Er veränderte das Leben im Dorf Hinterrhein nachhaltig. (…) Augenzeugen erinnern sich an die siebenjährige Bauzeit und daran, wie das Verkehrsaufkommen ständig zugenommen hat. (…) Auch das Postauto verkehrte nun häufiger, und so war es möglich, mal nach Thusis zum Einkaufen oder nach Bellinzona in den Ausgang zu gehen oder im Nachbartal eine Lehre zu machen. (…) Doch schon nach wenigen Jahren wich die Begeisterung der Ernüchterung. Die Autobahn brachte nämlich auch viel Lärm und Gestank. Die meisten Reisenden brausten an den Dörfern vorbei auf dem Weg ins Tessin oder ans Mittelmeer. Besonders in Hinterrhein erfüllte sich die Hoffnung auf eine neue goldene Ära des Tourismus nicht. Denn dort führt die Autobahn unmittelbar am Dorf vorbei. Wer mit offenem Fenster schlafen will, braucht Ohrstöpsel. Das Bild des idyllischen Bergdorfs ging so verloren.” (SRF)

4
Rheinwald
“Per 1. Januar 2019 werden die Gemeinden Hinterrhein, Nufenen und Splügen eine neue Gemeinde mit dem Namen Rheinwald bilden. An den (…) in den Gemeinden Hinterrhein, Nufenen und Splügen gleichzeitig stattfindenden Gemeindeversammlungen sagten die Stimmbürger sämtlicher drei Gemeinden Ja zur Fusion. Während in Hinterrhein 31 für und 7 Stimmberechtigte, bei einer Enthaltung, gegen den Zusammenschluss votierten, sagten in Splügen 70 Ja und nur zwei Nein. Sogar die mit Spannung erwartete Zitterpartie in Nufenen blieb aus, obwohl der Gemeindevorstand sich im Vorfeld der Abstimmung gegen eine Fusion starkgemacht hatte und in der Botschaft der Bevölkerung ein Nein zum gemeinsamen Weg empfahl. Nichtsdestotrotz sagte dennoch die Mehrheit der Nufner, nämlich 39:21, Ja zur Gemeinde Rheinwald.” (Südostschweiz)

5
Das einzige Dreiländer-Tram der Welt
“Alles ging schnell an der Landesgrenze (…): Der Basler Baudirektor (…) und weitere Honoratioren durchschnitten das obligate blaue Band. Nebenan hinter Gittern schwenkten ein paar elsässische Autonomisten von “Unser Land” rot-weisse Fahnen; ein Transparent hiess “Willkomma em Elsass”. Und dann ging’s in drei Sonder-Trams über das jungfräuliche Schienenpaar auf Elsässer Boden weiter: Vorbei am sanften Schutzwall zur Reha-Klinik, wo auch Wachkoma-Patienten liegen, einer EBM-Energiezentrale, dem Lycée Jean Mermoz in eleganten Winkeln bis zum Bahnhof der Stadt St-Louis. Knallkörper, leuchtende Raketen, ein poetisches Stelzenballet grüssten die rund 300 Offiziellen, die bei der Einfahrt auf den Bahnhofplatz, wo sich die Wendeschlaufe befindet, von zahlreichen nostalgisch kostümierten Passanten und einer Seifenblasen-Kanone empfangen wurden.” (Onlinereports)

6
Gänseprobleme
“Im Zusammenhang mit den Gänseproblemen an Rhein und Neckar haben sich jetzt auf Einladung der Stadt Ladenburg (…) Vertreter betroffener Gemeinden und beteiligter Behörden zu einem Informationsaustausch getroffen. (…) Auslöser der Problematik in Ladenburg, Hemsbach sowie in zahlreichen weiteren Städten und Gemeinden, ist eine Zunahme der Populationen invasiver Nil- und Kanadagänse und damit einhergehend eine Verkotung der Sport- und Freizeitanlagen sowie Fraßschäden auf landwirtschaftlichen Flächen mit zum Teil erheblichen finanziellen Auswirkungen. Dazu kommt noch die Verdrängung heimischer Wasservögel.” (Rhein-Neckar-Zeitung)

7
Echte Seilbahn
“Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hat sich für eine Seilbahn zwischen Altstadt und Messe ausgesprochen. Ihr würde es gefallen, „wenn wir eine echte Seilbahn über den Rhein bauen würden“, sagte Reker (…). Neben einer weiteren Gondel-Strecke sei auch eine Fußgängerbrücke über den Rhein im Gespräch. Zwischen dem Kölner Zoo und dem Rheinpark auf der gegenüberliegenden Flussseite gibt es bereits eine Seilbahn. Im Sommer hatte sich dort eine Gondel verkeilt. 65 Menschen musste von Höhenrettern aus den stillstehenden Kabinen geholt werden. Seitdem ist die Seilbahn außer Betrieb.” (General-Anzeiger)

8
Ali-Kurt-Weg
“Die Tat ist unvergessen. Sie war heldenhaft und endete tragisch. Mit letzter Kraft versuchte Familienvater Ali Kurt (47) die damals sechsjährige Claudette aus dem Rhein zu ziehen (…) – dafür bezahlte der Familienvater mit seinem eigenen Leben. Jetzt erinnert eine Straße, die zum Rheinufer führt, an das Drama und den selbstlosen Kölner, Vater von drei Kindern. (…) Fast vier Jahre nach dem tödlichen Drama, das gleich zwei Familien ins Unglück stürzte, wurde nun ein Teil der Wiesdorfer Straße zu seinen Ehren in „Ali-Kurt-Weg“ umbenannt.” (Express)

Friederike Brun besucht die Via Mala

Vor uns steigen romantische Felsgestalten auf, und spalten bald in finstere Klüfte zerrissen, deren eine man mir als unsern Weg nach Via-mala bezeichnet. Warme Purpurtinten schiessen an die kalten Felszinken, Gold schwebt hoch in den Buschkränzen, — wir biegen um eine Bergecke, und das alte Thusis erscheint tief im Felskessel versenkt.
Den 10. Ich war lange vor der Sonne auf, die Nähe der Via-mala hatte mich nicht ruhen lassen. Schon der Name hat für ein Wesen meiner Art etwas einladendes; nur hörte ich beinahe mit Bedauern, dass sie bei weitem nicht so sehr via mala sey, wie ehedem; allein doch nur zu Pferde zu passiren. Noch standen die drei nackten Titanenhäupter der Felsen dunkelgrau mit mürrischem Ernst, und kleine Schneebärte hingen an ihnen herab; bald spielte ein lieblicher Sonnenstrahl quer durch eine Bergkluft noch unter ihnen an vergoldeten Waldbergspitzen: — die Murrköpfe achteten es lange nicht, bis das schmeichelnde Licht leise und freundlich (wie mit warmer Hand ein rosiges Mädchen die Stirn des grauen Grossvaters entrunzelt) bis an die nackten Scheitel stieg, die dann plötzlich vor der süssen Gewalt errötheten, und friedlich erhellt, gleichsam freundliche Blicke ins noch dämmernde tiefe Thal warfen, — durch welches wir über einen finstern Giessbach hinreiten, und bald an dem noch gegenüberstehenden Felsberge auf steilen Wegen uns erheben. Die begleitenden Tannen sinken neben uns; links kocht hart am Felssaum die schwarze Nola herunter; rechts steigen von Augenblick zu Augenblick höher die rund aus – und eingewölbten Felsenmauern; der Abhang links sinkt immer tiefer zum Abgrund; der Rhein entschwand uns schon gestern beim Anblick von Thusis; wir können ihm nicht ganz in seiner eignen Via-mala folgen, so ungern wir den lieben Freund auch verlassen haben.
Und nun ist eine einsame hohe Alpenwiese erreicht. Wir sehen die Sonne auf thauigem Grün funkeln; die schwarzen Köhler irren auf schwarzen Pfaden im hellen Grün, und sehen so unfreundlich aus, die Armen! als sey ihr ganzes Leben eine via-mala. Von hier beginnen die echten Alpensteige, von allen Schauern der Einsamkeit und Frühe durchwallt. Tief bergab versinkt Weg und Aug und Herz in die ewige Tannennacht! Uralte moosbehangene ungeheure Tannensäulen streben aus der Tiefe zu uns empor, hängen von grausenden Höhen auf uns herab, liegen um uns hergestürzt; fern, und dann immer näher kömmt uns das Aechzen des gefangenen Rheins entgegen; — wir sind an der ersten Brücke, sie ist kühn über dem Höllenschlund von einem umnachteten Gestade an das andere geworfen; der Rhein stönt in tiefer enger Kluft hindurch! Ich kann nicht viel Worte machen; ich
bin wirklich so beängstigt, dass ich kaum bei der zweiten Brücke auf immer mühsamer klimmenden Pfaden Luft geschöpft habe! Ein schäumender Wassersturz braust 80 Fuss hinab durch die Cozytische Finsterniss
«wo Todesahndungen walten
in grässlichen Spalten.«
Erst bei der dritten Brücke schöpfte ich Athem. Der Felsschlund reisst sich auseinander, man erblickt die Schneefelsen über dem hohen Schembserthale im Sonnenlicht. Rechts sind freundlich emporgetragene Wiesenhöhen mit Erlen, Buchen, Haseln- und Berberitzen-Büschen umkränzt. Links steht ein ungeheurer senkrechter, doch rund ausgewölbter Kalkfelsen. Der Rhein in ungebändigter Jugendkraft und Fülle tobt zwischen, unter, durch und über Granitblöcken, die er wohl selbst von den Wolkenhöhen der Urgebirge herabgerissen hat, muthwillig umher, und hüpft von Damm zu Damm, Wasserfall auf Wasserfall herab!
Hier frühstückten wir auf einem Felsenstück über dem laut-, doch fröhlichrauschenden Strom, uns des warmen Sonnenlichts inniglich erfreuend.
Und nun, lieber Leser, (oder wenn ihr nach Männerart zu störrig seyd) ihr meine lieben Leserinnen allein, seyd so gütig euch anzustellen, als wenn ihr noch gar nichts von der Via-mala gesehen hättet, sondern als wenn wir gestern vom Splügen herabgestiegen, und heute früh durch das Schambserthal bis hieher an die erste Brücke des Rheins beim Eintritt in die Via-mala geritten oder gegangen wären. Ich habe hiezu gute Gründe, denn erstens muss man grossen Ströhmen und grossen Menschen immer so nah wie möglich bis zu ihrem Ursprung folgen; — zweitens ist’s ja natürlicher, vom alten Italien hinab, als aus dem jungen Transalpinien hinaufzusteigen.
Nachdem wir genügsam ausgeruhet, verlassen wir unsern Standpunkt an der ersten Brücke und betreten muthig den finstern Weg, der anfangs leicht am Gürtel der umgrünten Felsen hinschwebt; über ungezählte Tannenlängen steigt das Auge wie von einer Leiter herab in die Tiefe, wo der zart-grüne junge Rhein mit schaumbedecktem Rücken hineilt: herrlich, voll Kraft und Harmonie, ist der Klang seines freudigen Rauschens! aber er versinkt schon allmählig tiefer zwischen wilderen Felstrümmern, doch scheint er sie noch mit unaufhaltbarer Kraft und Fülle, vielmehr vor sich hinzuschieben, als durch sie gehemmt zu seyn. Die immer engeren Pfade krümmen sich bergab in eine öde Wildniss, die eben der erste Sonnenstrahl über ungeheure Felsen steigend begrüsst; ein Giessbach schaümt links aus den steigenden Klippen über den Weg; eine hölzerne Lehne führt hinüber an ein gestürztes Felsenstück, welches Fluss und Abgrund verbirgt; um den Felsblock schlingt sich der Pfad; wir sind herum : — welche Wandlung! Das Gebirg hat sich plötzlich zusammengedrängt; erst senkrecht, dann überhängend, dann Luft und Himmel verschliessend, steigen sich die ungeheuren Klippen zusammen zur grausenden Schlucht, wo Stimm’ und Athem stockt; hoch
erscheint der Felsenrand mit Tannen behaart, im Abgrund windet der Rhein sich erst mühsam durch tiefe Engen, und wird dann von Sekunde zu Sekunde fester und finstrer umschlossen.
Die zweite Brücke erscheint von einer Klippenspitze auf die andere geworfen, und man steigt auf sie herab, doch hängt sie gleichsam am Absturz; denn rechts strahlt der Rhein in einem angstvoll gedrängten Sturz durch die enge, in die Felskluft gerissene Spalte tief in nächtliches Dunkel hinab. — Der Standpunkt auf der Brücke war nicht umfassend; neben ihr hing über dem Abgrund ein Häufchen abgerollter Steine ; ich stieg über die Brustwehr, und nahm Besitz von der schauerlichen Stätte! Die Sonne warf eben den ersten Blick (und es ist bald Mittag) durch die entsetzliche Spalte: die magische Wirkung dieser Erscheinung auf das grün in Schaum zerkochende Gewässer, auf die mit Wassertuff und Moosgrün angeflognen Höhlen und Ränder der Stromkluft — Lasst mich verschweigen! ich vergass dass ich über Grab und Tod, auf einem Häufchen gerollter Steine hing: dieser allmächtige Götterblick zog mich aus mir selbst empor!
Ach! ich sah nicht die Todesangst meiner lieben Gefährten, die theils vor dem Geräusch des Wasserfalls mir nicht zurufen konnten, theils mich gleich den Nachtwandelnden nicht wecken wollten, weil ein schneller Blick auf die Gefahr den Schwindel erregt, dieser aber unmittelbar den Tod nach sich gezogen hätte: ich stieg ruhig wieder über die Brustwehr, auf die Brücke; kaum war ein Bein hinüber, — so zogen sie mich pfeilschnell wie aus dem Feuer, — und es regnete Liebkosungen und Vorwürfe und Schmälen! Der Rhein aber gleitet nach seinem Salto-mortale, in die grässliche Tiefe unter der hochgewölbten Brücke, und wallt in ein kleines tiefes meergrünes Felsbecken, welches ihn wie ein Freundesschoos oder wie der Schlaf den Leidenden, ach! nur zur kurzen Ruh empfängt. Sogleich dämmen ihn zwei ungeheure Granitblöcke von neuem! Wie vom Schicksal getrieben, strömt er aus der stillen Gruft, umfluthet, überschäumt sie, und mischt im innern Kampf des Urstoffs, Schneeschaum und Krystallgrün in wechselnder Bewegung. Hohe, jetzt erst morgenröthlich bestrahlte Felsen, warfen ihren Abglanz hinab ins schaurig glatte Felsbecken, dann aufs Schaumgewoge, welches nie ein Sonnenblick erreichte. Bald waren wir zur dritten und letzten Brücke hinabgestiegen: — sie ist und bleibt doch der entsetzlichste Moment auf diesem Todeswege! Denn hier erstirbt alle Hofnung, hier wo die schwärzeste Nacht mit gleich schwerem Fittig den dunkelsten Abgrund und die schwindelndste Höhe umschwebt; wo fern, kalt und unerreichbar, des Aethers tiefe Bläue uber engem Raum dahingleitet, wo aus den Eingeweiden der Erde der klagende Laut des leidenden Stromes aus seinem kalten Kerker wie die Stimme eines Sterbenden ertönt! Dieser Ton des Rheines rührte mich bis zu Thränen; ich verweilte lange, ich vergass alles über ihm selbst, Felsen, Himmel und Erde! Er war mein junger unvorsichtiger, doch edler Freund. Er war hülflos im tiefsten Leid, er war mein Bruder! er war mein Sohn! Er war das erhabenste wahrste schönste Bild der menschlichen Jugend.
Jetzt wölben sich Felsendächer über dem engen Pfad, und nur verstohlen gleitet der Blick in die Höllennacht des Rheinbettes, wo er mühsam in Felsspalten sich durchkrümmt, — und bald wieder gänzlich entschwindet. Silberquellen rieseln von den Klippen über unsern Weg, wie Freundinnen mit sanftem Trostwort zu ihm in die Tiefe. Jenseit der Stromkluft steigen noch immer finster bewaldete unwirthbare Felsen; fernhallend seufzt er ungesehen aus der entsetzlichen Tiefe.
Plötzlich ist die Bergkluft auseinander gerissen, und der Blick fliegt wie ein entfesselter Adler dahin in die lächelnde Ferne des heitern weit aufgeschlossenen Domletschger Thales. — Dort spielt der Rhein muthwillig in der Ebene mit Hügeln und Wiesen, mit Dörfern, Schlössern und lieblichen Gebüschen umher.
»Vergessen ist all sein Leid,
«Er lebt in Herzensfreud.«
Ich war bei dieser Erscheinung der Zukunft wie festgewurzelt! Hier neben mir hör’ ich ihn aus tiefer Nacht unsichtbar klagen, — vor mir seh’ ich ihn unhörbar spielen! diese anti-Aristotische Schakespearische Zweiheit in der Handlung kann nur die
Alpennatur tu einem grossen Ganzen verschmelzen.

(aus Friederike Brun: Tagebuch einer Reise durch die östliche, südliche und italienische Schweiz, Kopenhagen 1800)

The Via Mala.

(…) About five miles south of the old market town of Thusis, the traveler comes to the fearful gorges of the Via Mala (…). The Via Mala is one of the most extraordinary defiles in the Alps. From the northern end of the Schamser Thal it extends four miles down the valley to within a short distance to the village of Thusis. The walls of this gigantic cleft are nowhere less than 1,500 feet in height, and in places they overhang the valley to such an extent as to approach within 30 feet of each other. The broad roadway is carried with marvelous ingenuity and skill, now on the face of one cliff, now spanning the ravine in a bold bridge, now on the face of the opposite wall of rock. In one part it pierces the rock for 220 feet – Verlorne Loch – in others the rocks are hollowed out so as to overhang the road as with a canopy. Far below the path the impetuous torrent rushes along, as Southey sings: “Recoiling, turmoiling, and toiling and boiling.” The remainder of the Splügen route from the Via Mala abounds in beauties and picturesque views. The lower part of the valley, known as the Domleschger Thal, is remarkable for the large number of old castles which crown many of the eminences on either bank of the Hinter Rhine, and also for the rich cultivation of the lower slopes of the mountains. (…)

(The Aldine. The art journal of America, New York, 1874-79)

Das Felsenloch von Pfäfers, die christliche Ehe und ein Saurier in der Via Mala

(…) “Aber wohin denn, Doktor?”
“Nach Pfäffers.”
“Pfäffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu?”
“Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizerbad mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden kann, war mal an diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ‘ne Beschreibung davon gemacht. Habe natürlich auch noch im Baedeker nachgeschlagen und unter anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina heißt. Erinnert ein bißchen an “Zauberflöte” und klingt soweit ganz gut. Aber trotzdem eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen, in den man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die Indianer hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf. Wer da nicht wieder zu Stande kommt, der kann überhaupt einpacken. Übrigens will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn das darf ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein Gliederreißen ehrlich verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf meine Frau gefallen ist.”
“Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe…”
“Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit “christlicher Ehe” auch immer bloß soso ist. Da hatten wir, als ich noch Militär war, einen Compagniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von so was hörte: “Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken in Burgunder. Das eine is immer da, aber das andere fehlt.”"
“Ja”, sagte Dubslav, “diese richtigen alten Compagniechirurgusse, die hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben… Und in solchem Pfäffersschen Backofen wollen Sie sechs Wochen zubringen?”
“Nein, Herr von Stechlin, nicht so lange. Bloß vier, höchstens vier. Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise schon italienisch sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land Italia hineinkucken. Und da haben wir denn also, meine Frau und ich, vor, von diesem Pfäffers aus erst noch durch die Via Mala zu fahren, den Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben, dann kehren wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen Mantel an (denn für die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee.”
“Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal rauskommen. Und bloß wenn Sie durch die Via Mala fahren, da müssen Sie sich in acht nehmen.”
“Waren Sie denn mal da, Herr Major?”
“Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer nur zwischen Berlin und Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen ins Bayrische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt man natürlich nach Dresden. Also Via Mala nie gesehen. Aber ein Bild davon. Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall, und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten sie mir leid. Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man doch so was, und war da auf dem Via-Mala-Bilde ‘ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr berühmten Malermenschen, der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß.”
“Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.”
“Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich. Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese Via Mala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein Brückenbogen, und ein Zug von Menschen (es können aber auch Ritter gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die Brücke.”
“Sehr interessant.”
“Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden aufmacht und nachsehen will, wie’s Wetter ist. Der aber, der an dieser Brücke da von ungefähr rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein Spießbürger, sondern ein richt’ger Lindwurm oder so was Ähnliches aus der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht dagegen ankann, und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu noch einen Augenblick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is weg.”
“Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier, soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die kriegt nämlich mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist immer was los.” (…)

(aus Theodor Fontane: Der Stechlin)

Coryat`s Crudities (2)

Coryats Stelle mit den Hüpffröschen ist gefunden („I never saw the hundreth part of them in so short a space in all my life: most of their meadowes being so full of them, that I could not step five or sixe steps but I should finde a little frogge“). Er sah diese Froschwiesen im Veltlin, also nicht ganz in Deutschland – es sei denn, es tauchen noch mehr solcher Stellen auf. Coryat sah allerdings nicht nur Unmengen Frösche in Rhätien, sondern auch Unmengen Schafe („I saw great abundance of sheepe here, which I met driven in the way in many great flocks, all the sheepe being according to my estimation at the least foure thousand“), und Freiluft-Kinderarbeit („I observed that the poore Alpine people dwelling in the mountaynous places of the Grison territory, doe send their children abroad into the high wayes with certaine hoddes tyed about their necks, to gather up all the horse-dung that they can finde, which (as I take it) serveth onely for the dunging of their gardens“). Bei Splügen erreicht er den Rhein: „From this place Splugen forward all the Grisons speake Dutch. Here at Splugen I entered into a third valley of the Grisons country, namely the valley of the Rhene, which is so called because a little arme of the noble river Rhene runneth through it. In this valley of Rhene I travelled tenne miles. The Rhene which runneth through this valley, flowes with such an extreme swiftnesse, that the water thereof in certaine places where it falleth downe from steepe cataractes, raiseth a certaine reaking mist to a great heigth, which proceedeth from the greate violence of the torrent. (…)“ Hinter Splügen erfährt Coryat, daß die Bündner Entfernungen nicht in Meilen, sondern in Stunden angeben, was ihn erstaunt, da doch jeder mit unterschiedlichem Tempo sich bewege und nirgends sonst unter christlichem Himmel solche Sitte vorzufinden sei. Das Bünderfleisch bezeichnet Coryat mit einem merkwürdigen Begriff: „Amongst many dishes that come to their table Martelmasse beefe is very frequent.“ Der neuzeitlichen Zumutung, er sei „der erste Tourist“ gewesen, widerspricht Coryat in seiner Rhätien-Passage übrigens höchstpersönlich, indem er vorherige und nachfolgende Reisende bittet, eine eingestreute Textpassage, eine Coryatsche Übersetzung einer lateinisch verfaßten Rede von Hermannus Kirchnerus, ein einziges Lobpreisen des Reisens in Deutschland, freundlich aufzunehmen.

Vom Fliegen der Murmeltiere oder: Neue Schifffahrtswege über die Alpen

Über einen in mehrerlei Hinsicht kolossal erscheinenden, vor 100 Jahren in Italien ernsthaft diskutierten Plan des Bündner Ingenieurs Pietro Caminada berichtet Till Hein für die Zeitschrift mare in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 84): eine Schifffahrtstrasse über die Alpen! Zu Beginn des längeren Artikels konstatiert der Autor, daß es zwar Naturgesetze gäbe, die besagten, daß etwa Murmeltiere nicht fliegen könnten, begeistert sich im Verlaufe des Artikels nichtsdestotrotz für einen Plan, der am Aufheben von Naturgesetzen kratzen dürfte:

„(…) Caminada (…) will Lastschiffe in einem Kanal über die Alpen schwimmen lassen, über den 2113 Meter hohen Splügenpass in Graubünden. Caminada schwebt ein durchgängiger Wasserweg von der Nordsee bis zum Mittelmeer vor – eine viele hundert Kilometer lange Wasserstraße, die von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass, den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee.“

1907, als Caminada an die Öffentlichkeit ging, wird über Umweltbelange wohl kaum diskutiert worden sein. Denn die natürliche Umwelt gilt noch eher als feindlich und bezwingens-, anstatt erhaltenswert. Wenige Jahrzehnte zuvor wurde die große Rheinbegradigung vollzogen, vermutlich galt der, immerhin nicht selten bedichtete, Rheinfall, für ein Handelswegprojekt als wenn schon nicht sprengens-, dann doch sicherlich umbuddelnswert. Den Hinterrhein, der bis heute trotz diverser Eingriffe Naturschönheiten (Rofla, Via Mala, Domleschg) aufweist, wollte Caminada mit einem Röhrensystem beehren, das, mithilfe von Wasserkraft und Spezialschleusen, 50 Meter langen Schiffen mit einer Lastenkapazität von 500 Tonnen das Überwinden der örtlichen Steigung von fast einem Kilometer ermöglichen sollte.

Auch wenn Murmeltiere nicht aus eigener Kraft fliegen können, ist es (nicht erst) mit heutigen technischen Gerätschaften unzweifelhaft möglich, sie fliegen zu lassen. Es wird ihnen als eingefleischten Troglodyten nur nicht sonderlich bekommen. In den Alpen fließt das Wasser seit Menschengedenken aus Fels und Gletscher zu Tal. Wer jemals sah, wie die, teilweise gebändigten, Rheine sich zu Tal bewegen, kann sich Schifffahrt an Vorder- oder Hinterrhein nur unter erheblichen Schmerzen vorstellen. Ohnehin schon durchbohrte Berge indes könnten statt Eisenbahntrassen natürlich auch druckregulierte Wasserleitungen für die Schifffahrt führen. Solche müßten einfach nur noch länger, größer, breiter gebohrt werden. Befürworter der Alpenflußfahrt jedenfalls finden sich bis heute: der Südtiroler Albert Mairhofer, „ein Wasserkraftaktivist und pensionierter Staatsbeamter, hat sich von Caminadas Projekt inspirieren lassen. Die Entwürfe des Pioniers seien “sehr beeindruckend”, schwärmt er, “aber etwas zu kompliziert”. Sein eigener Vorschlag kommt denn auch ohne raffinierte Doppelkammerschleusen oder hydraulische Schiffshebewerke aus: Statt über die Alpen will er mittendurch.“

Miss Tschingels Bekannter

W. A. B. Coolidge, eine Neffe der Alpinismus-Pionierin Margret Claudia Brevoort und in jungen Jahren guter Bekannter ihres Beagles Miss Tschingel, welcher beide auf zahlreichen Bergtouren begleitete und dafür die Ehrenmitgliedschaft im britischen Alpine Club zuerkannt bekam, was seinem Frauchen (o tempora, o mores) zeitlebens verwehrt blieb, dieser Coolidge verfaßte, herangereift und aus der Erfahrung seiner tantenbehüteten Gratwanderungen gespeist „The Alps in Nature and History“, darin beschrieben u.a. das sprachlich wie religiös hoch Verwirrende an den Lagen der Dörfer in den Rheinursprungstälern, und, so trocken als irgend möglich, auch die Via Mala, nämlich garnicht sie selbst, sondern die Geschichte ihrer Umgehung: „The San Bernardino (6769 ft.) route, like that of the Splügen, follows the course of the main or Hinter Rhine nearly to its sources, and then turns S. to cross the Alps. Throughout the entire Middle Ages it bore the name of „mons avium,“ „Vogelberg,“ or „Monte Uccello“ (i.e. „the pass of the birds,“ in three languages), and to this day there rises some way to its W. a peak called the Vogelberg, while on the E. the pass is overhung by another point, named the Pizzo Uccello. But some time in the second half of the fifteenth century, this name gave way to the present one, given in honour of San Bernardino of Siena, who had wandered through the N. parts of Lombardy as a missionary preacher and was canonised in 1450 – six years after his death. A chapel on the S. slope of the pass was dedicated to him. It is possible that the left wing of the Frankish army crossed this pass in 590 on its way to attack the Lombards. More certain is that in the winter 941 Willa (wife of Berengar, Marquess of Ivrea), though far advanced in pregnancy, fled across it, to escape from Hugh, king of Italy. Much later, in the winter of 1799, Lecourbe, with a French army, traversed the pass. But no doubt, it, like the Splügen, was kept for long in the background through the difficulties of getting through or round the Via Mala gorge, above Thusis. Probably it served only the traffic between the german-speaking colony at the sources of the Rhine with the Italian bailiwicks held by the Swiss, especially after, in 1496, the Val Mesocco (on its S. slope), came into the hands of the Raetians, who thus had direct access to the St. Gotthard route. In 1818-23 the present fine carriage road was built over the pass, and, like that of the St. Gotthard, lies for its whole length within Swiss territory. Most of the expenses were borne by the king of Sardinia, who wished to secure for himself a road across the Alps, which should not be in the hands of the Habsburgers.“

Nietzsche schreibt nichts von der Via Mala

“Ich schreibe nichts von den ungeheuren Großartigkeiten der Via mala: mir ist es als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt habe. Das ist meine Natur, und als wir in die Nähe des Splügen kamen, überkam mich der Wunsch, hier zu bleiben. Ich fand ein gutes Hôtel, und ein rührend einfaches Zimmerchen. Doch läuft ein Balkon an ihm vorbei, mit schönster Aussicht. Dieses hochalpine Thal (c. 5000 F.) ist ganz meine Lust: da sind reine starke Lüfte, Hügel und Felsblöcke von allen Formen, rings herum gestellt mächtige Schneeberge: aber am meisten gefallen mir die herrlichen Chausseen, in denen ich stundenweit gehe, theils nach dem Bernhardino zu, theils auf die Paßhöhe des Splügen, ohne daß ich auf den Weg Acht zu geben habe: so oft ich aber mich umsehe, ist gewiß etwas Großartiges und Ungeahntes zu sehen.”

Im Bauch der Berge

(Ein Gastbeitrag von Florian Blaschke, zuerst erschienen am 5. April 2008 in der Leipziger Volkszeitung. Rheinsein wollte schon lange wissen, was es mit solchen Behauptungen auf sich habe, die Schweizer Alpen seien von der Armee ausgehöhlt und dankt herzlich für diesen feinen Artikel!)

Das Artilleriewerk Crestawald bei Sufers war jahrelang strenger Geheimhaltung unterworfen. Heute ist die Festungsanlage als Museum dem Publikum zugänglich — und das will die Geschichte des Bunkers hören.

Jakob Waser sagt, rückblickend sei das alles wohl ziemlich sinnlos gewesen. Waser ist ein Mann von 65 Jahren, die grauen Haare militärisch kurz. 30 Jahre hat er geschwiegen über seine Arbeit, selbst gegenüber seiner Frau, denn »wenn einer geplappert hat, dann haben sie den geholt«. Das erzählt Jakob Waser heute, denn heute darf er erzählen.

Auch Hugo Zarn darf erzählen, dort, wo Waser Dienst geleistet hat. Er muss sogar, denn deshalb kommen sie. Deutsche vor allem, aber auch Holländer, Belgier, Luxemburger. Und Italiener. Sie wollen von dem 72-Jährigen wissen, wie das war mit dieser Festung vor der Tür, den Gerüchten, der Bedrohung, der Angst. Sie wollen die Geschichte von Crestawald hören.

Hinter der Viamala, dem Schlechten Weg, zieht sich vierspurig die neue A13 durch die Schweizer Alpen, an der Rofflaschlucht vorbei über den San Bernardino nach Italien — eine der wichtigsten Routen in den Süden. Vor der Talsperre Sufers zweigt die alte A13 ab, nach einigen hundert Metern verschwindet ein Weg im Wald, dahinter ein Schild: Festungsmuseum. Jahrzehntelang durfte es diesen Ort nicht geben, wie alle Stellungen in den Alpen. 10 000 Kubikmeter Gestein schleppen sie zwischen 1939 und 1941 aus dem Berg, 120 Mann, Tag und Nacht, mit Hammer und Meißel. Und sie bauen zwei schwedische Schiffskanonen ein, denen der Kommandant nach einem Glas zu viel die Namen seiner Töchter gibt: Silvia und Lukretia. Denn Geschütze über zehn Zentimeter Kaliber bekommen Mädchennamen, so ist das eben. Mehr als fünfzig Jahre hockt die Schweizer Armee bis an die Zähne bewaffnet in den Bergen und wartet auf einen Feind, der nie kommen wird. Auf die Deutschen und die Italiener, später auf die Russen, dann weiß nicht einmal die Militärführung mehr, auf wen sie noch warten soll. Selbst die Einheimischen witzeln heute über ihre mit Bunkern durchlöcherten Berge, sie sähen aus wie ein Emmentaler. 20 000 Anlagen sollen es auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gewesen sein — eine auf jedem zweiten Quadratkilometer.

Jakob Waser war Festungswächter in Crestawald, von 1967 bis 1995, da gibt es schon keinen echten Feind mehr. »Trotzdem wären wir in 24 Stunden einsatzbereit gewesen«, sagt er. Seine zehn Mann sorgen dafür, 365 Tage im Jahr. Sie kontrollieren die Turbinen und Munitionsaufzüge, veranstalten Rettungsübungen und tauschen Lebensmittel aus. Sie räumen Schnee und halten die Schuss-Schneisen frei. Sie füllen die Dieseltanks nach und schrubben die Abluftschächte. Und einmal pro Woche tritt Waser zum Rapport an: »Da haben sie uns wieder Geheimhaltung eingetrichtert.« Zu Hause erzählt er mit schlechtem Gewissen gerade so viel, dass die Familie nicht nachfragt. Seine Frau arbeitet im Krankenhaus, der Sohn ist Polizist. Die Wasers wissen, was Schweigen heißt.

Auch in Sufers erzählen sie sechzig Jahre nur, da sei was hinter dem See, irgendwas vom Militär. Alle paar Wochen feuern die Soldaten Übungsschüsse nach Süden, dann zischen Geschosse über die alten Häuser hinweg, mit etwas Glück sieht man sie am Horizont verschwinden. Was aber drinnen genau vor sich geht, im Berg, weiß niemand. Einmal im Jahr wird das Sperrgebiet zum Himbeerenpflücken freigegeben, sonst herrscht Ruhe.

45 Aperitif hat Zarn im vergangenen Jahr in der Festungsküche zubereitet, hat 46 Mittagessen und 27 Nachtessen serviert. Sogar ein Ehepaar hat hier schon seine Hochzeitsnacht verbracht — eine Überraschung des Gatten. Auch in diesem Jahr werden wieder Gruppen im Berg absteigen. Hugo Zarn wird ihre Menüwünsche entgegennehmen und einkaufen, er wird zwei Tage vor dem Besuch in die Festung fahren und die Heizung einschalten, er wird die Betten beziehen und seine eigene Pritsche. Seit eine Gruppe von 16 Mann hier für 800 Franken gezecht hat, bleibt auch er über Nacht. »Zu Hause schlafe ich nicht mehr richtig«, sagt er, gleich zweimal habe ihn der Feueralarm auf dem Nachttisch damals aus dem Bett geholt. Er wird mit den Besuchern die Notausgänge abgehen und das Abendessen machen. Vielleicht kocht er Bündner Gerstensuppe, serviert in der nierenförmigen Gamelle. Oder es gibt Schinken im Brotteig.

Und er wird sie durch die Festung führen, vorbei an den 66 Karabinern, Modell 31, zum Feuerleitstand und zum Maschinenraum, in dem es nach Diesel riecht. Er wird ihnen die Krankenstation mit den acht Pritschen zeigen und die Telefonzentrale, in der noch das Einsatzbuch liegt. Der letzte Eintrag stammt vom 24. Juni 1993. »Tagwache, weiter trüb« hat der Soldat eingetragen. »Nebel, Nieselregen, 5°«. Er wird mit ihnen zur Offiziersmesse gehen, wo hinter dem Tisch und den elf Stühlen eine Miniaturversion von Van Goghs Nachtwache hängt, und zur Stube des Kommandanten, dem seine Kameraden ein kleines Holzfenster auf die Betonwand über das Bett gezimmert haben. »Damit er auch mal rausgucken kann«, wird Zarn sagen und lächeln. Sie werden die 29 Stufen zur Druckschleuse hinaufsteigen, durch die fünf Tonnen schweren grauen Tore. Zwölf Eisenstufen werden sie zählen bis zur Lukretia, dann im fahlen Licht an den nackten Granitwänden entlang, an denen stetig Wasser herabtropft, sich in einer schmalen Rinne sammelt und die Gänge hinab fließt. Sie werden zur Totenkammer gehen, in der nie ein Toter gelegen hat, und merken, wie der Tunnel vor der steilen Treppe zum Beobachtungsposten langsam ansteigt. Dann ist Schluss, nach zwei Kilometern geht es nicht weiter.

Noch heute liegen am ganzen Hinterrhein verlassene Stellungen. Als Scheunen getarnte Bunker vor Splügen, eine Sperre in der Rofflaschlucht, dazu dutzende ehemals heiße Objekte. »Beinahe jede Brücke im Tal war mit Dynamit präpariert und wäre gesprengt worden«, erzählt Waser. Wahnsinn sagt er dazu. Als nach dem Ende des Warschauer Pakts auch seine Anlage geschlossen wird, muss er in Frührente gehen. »Ein Schlag ins Gesicht.« Heute ist sein ehemaliger Arbeitsplatz ein Museum. Viele Einheimische haben sich dagegen gewehrt, die Anlage einfach zuzuschütten. Vor acht Jahren dann haben sie einen Verein gegründet, der dieses Stück Geschichte bewahrt. Eine Geschichte, die auch die Schweizer erst nach und nach entdeckt haben und von der bis heute nur wenige Touristen etwas ahnen. »Auf der einen Seite kann ich das Projekt schon nachvollziehen«, sagt Jakob Waser. »Auf der anderen Seite ist der Aufwand eigentlich zu hoch.« Alleine für Strom zahlen sie pro Jahr 10 000 Franken, die Entfeuchter laufen 365 Tage am Stück. Bis zu 5000 Besucher pro Jahr und 400 Vereinsmitglieder braucht es, um solche Unkosten zu decken.

Wenn die Besucher wieder weg sind, wird die Arbeit für Hugo Zarn weitergehen. Dann wird er den Müll entsorgen und putzen, er wird zwischendurch auf die Uhr schauen, um die Zeit nicht zu vergessen. Er wird die Heizung abschalten und das Licht löschen — 57 Schalter, gleiche Reihenfolge wie immer. Und wenn ihm draußen auffällt, dass er doch einen vergessen hat, wird er den ganzen Weg wieder zurück gehen. Dann wird er die Alarmanlage scharf stellen, das Holztor zusperren, und in Crestawald wird wieder Ruhe einkehren.

Jakob Waser war seit der Eröffnung des Museums nur noch einmal dort, mit diesem Ort habe er abgeschlossen, sagt er. Mit dem Militär nicht ganz. Auf einem Bergrücken hoch über Andeer hat er einen alten Beobachtungsposten gekauft — als Hütte für die Gamsbockjagd.

Dielhelms Hinterrhein

“Der Hintere= oder Nieder=Rhein, lateinisch Rhenus Posterior, sammlet sich in dem Vogelberge aus einem Gletscher, oder Eisberge, der sich über zwey Stunden weit erstreckt. Er fließt aber unter dem Moschelhorn / von der Alp zum Port in vielen Bächen hervor und stürzet sich in einen sehr tiefen Schlund hinab. (Anm.: es ist, als würden die Berge überschwappen, als gäbe es dort oben, hinter bzw unterhalb der sichtbaren Kante Rheinwasserbecken mit geheimen Durchstichen in die belebbare Welt. Dazu verbreitet dieses Wasser überirdisches Rauschen. Dielhelm beschreibt hier äußerst profan und vermutlich nicht aus eigener Anschauung. Wer hat je die Rheinquellen gesehen und welchen Gewährsleuten wird geglaubt?) Es läuft dieser Rhein erstlich gegen Mittag, hernach gegen Morgen, wohl drey bis vier Stunden von seinem Ursprunge bis zum ersten Dorfe Hinter=Rhein (Anm.: heuer passiert er zuvor noch die gelangweilte Schildwache der Schweizer Armee und dieses Dorf Hinterrhein, auch wenn es einen Begriff von Asfalt, Motorfahrzeugen und womöglich sogar Internet hat, strahlt etwas seltsam (da unangemessen) abgeschiedenes aus, wirkt wie hingemalt und dann in der Moderne stehengelassen, heißt, es mischen sich die natürlichen Elemente Kuhglockensinfonie, Instalgeducktsein, granitne Verwachsenheit mit den Kompositionen des Paßstraßenbaus, der Elektrizität und des Schweizer Wahlrechts); eh er aber dahin komt, fliessen von der linken Seite hinein die Theiltobelach, die Weißbach / die Marsinbach / und die Steinbach / von der rechten Seite aber die Moselbach (Anm.: oder auch andere, mehrere, anderen oder gleichen Namens). Wenn er das Dorf Hinter=Rhein oder zum Rhein zurück gelegt hat, nimmt er in einer S und Wegs davon die Kirchalpenbach, Cadariolerbach und Saltmannsbach ein (Anm.: siehe letzte Anm.). Nach Einnehmung dieser Bäche gelanget der Hinterrhein auf Nuffenen, wo ihm in Zeit von einer halben Stunde abermals die Tellenbach, Reierbach, Praschelbach, Heinisbach, und Fuchstobelbach zufliessen. Unterhalb dieser Zuflüsse, bey dem Dorfe Ebene, oder Planura / empfängt der Rhein die Böbacher Bach / zur Linken aber die Mühlbach. Hierauf fliesset er nach Medels und in einer halben Stunde nach Splügen. Splügen, lateinisch Speluca, und vor Zeiten Tarvesedun und Trinnetia genant, ist ein vornehmer Flecken und Niederlage in dem sogenanten Rheinwalde, wenn man von Chur über den Vogelberg und den Urschler Berg in Italien reisen will, und sind dessen Einwohner alle deutsche Lepontier. Allda fliesset das Splüger Wasser, und die Wüterichbach / welche oft grossen Schaden thut, in den Rhein hinein. Hierbey ist zu merken, daß das Thal, welches sich von dem Ursprunge bis hierher ziehet, der Rheinwald heisset. Unter Splügen krümmet sich der Rhein gegen Südost, und läßt auf linker Seite das zerstörte Schloß zur Burg, und das Bergdorf Suffers liegen. In der Bergenge Rufeln stürzet sich der hintere Rhein, so bis dahin durch den Rheinwald ziemlich zahm gelauffen ist, über entsetzlich jähe Felsen hinunter, und formiret mitten im Walde bey der hohen Brücke einen gar schönen Wasserfall, worinnen man einen Regenbogen siehet. Von dannen wendet sich der Rhein gegen Norden, bald aber wieder gegen Osten, eh er noch in das Schamser Thal komt. Bey dem Dorfe Ander empfängt er sodann einen Zufluß, und geht zur Rechten an dem zerstörten Schloße Bärenburg hin. In dem Schamser Thal nimt er auf jeder Seite drey Bäche zu sich, daher auch dieses Thal den Namen Vallis Sexamina bekommen. Auf der Rechten liegen darinnen die Dörfer Ander, Zillis, und auf der Linken das zerstörte Schloß Castellatsch, nebst den Dörfern Clugin und Danet. An dem Ende dieses anmuthigen Schamser Thals unter der steinernen gewölbten Brücke, fängt der böse Weg, lat. via mala an, welcher nicht allein eine beschwerliche, sondern auch eine höchst gefährliche Straße ist. Denn dieselbe geht über ein grausam wildes und hohes Gebürge, so hin und wieder an vielen Orten in die harten Felsen eingehauen, welche felsigte Berge durch unterschiedene Brücken in entsetzlicher Höhe sehr schlecht aneinander gehängt werden, unter welchen der in der Tiefe fliessende Rhein mit ganz ungestümmen Rauschen fast immer Wasserfälle machet, und an manchen Orten drey, vier, bis fünf Klaftern tief, mit grossen Gestöß sich über die wilden Felsen und Klippen hinabstürzet. Welcher Anblick von diesen liederlichen Brücken sonderlich der übermäßigen Höhe wegen, einem Reisenden Furcht und Schauer verursachet, und es währen diese Wasserfälle bis zu dem Dorfe Roncaglia / ja bis ins Domleschger Thal beständig fort. (Anm.: ja, damals, als Bouldern noch kein Trendsport war.) Nachdem der hintere Rhein in dieses Thal eingedrungen ist, begiebt er sich auf Tusis, einen schönen Marktflecken. (Anm.: und den ersten, den Dielhelm menschlich zeichnet. Immerhin sind die ersten Rheindörfer ja allesamt bewohnt, von Menschen und Tieren teils außergewöhnlicher Gestalt. Dennoch wird über die Bewohner dieser Orte kaum ein Wort verloren, bei Spescha, später, werden zu jedem Dorf wenigstens Ethnie und Konfession genannt – und vielleicht ist das ja auch tatsächlich schon alles, was über die Rheinursprungsanwohner bekannt werden sollte, denn wenn ich Tuor richtig lese, scheint einiger Wahnsinn in den Bergmenschen und der sie umhüllenden und bedrückenden Natur zu brodeln.) Er liegt in dem obern Graubündten, an der Landstraße nach Italien, und zwar an des Rheins linken Ufer fünf Stunden oberhalb Chur. Von den Lateinern wird dieser Ort Tuscia, oder Tusciana vicus, oder Tusanna, statt Toscana, genant. Er hat seinen Ursprung von den Tußciern, oder Toscanern, den alten Einwohnern des heutigen Großherzogthums Toscana, welche durch die Gallier vertrieben worden, alsdann eine sichere Wohnung in den Gebürgen gesucht, und sich anfänglich allda niedergelassen, selbigen Ort erbauet, und nach ihres verlassenen Vaterlandes Namen Tuscia genennet haben. Anfangs war der Ort vermuthlich mit Ringmauern umgeben, so aber nach der Zeit zerstöret, und nicht wieder aufgerichtet worden. Indessen findet man allda noch stattliche Gebäude, auch ist daselbst eine berühmte Niederlage von Kaufmannsgütern, und ein gewöhnlicher Wochenmarkt, so mit großem Zulauf des Volks gehalten wird. Im Jahr 1727. brannte dieser Flecken bis auf einige Häuser völlig ab. (Anm.: heute steht er bekanntlich wieder, sogar ein paar Hochhäuser hat Thusis ins Tal gepflockt, die aus dem Boden ragen wie Versuchsanordnungen, die man nach zwei drei Fehlschlägen vergessen hat wieder mitzunehmen.)”

Bündner Straßenbau

Auf das Jahr 1823 fällt die Befahrbarmachung der Bündner Pässe Splügen und San Bernardino. Heute besitzt das Hinterrheintal mit National- und Landstraße streckenweise mehr sich gegenseitig umwindende und untertunnelnde Asfaltstrecke als sonst etwas. Seinerzeit wurde der Straßenbau jedenfalls euforisch begrüßt – wie im folgenden Gedicht aus dem Band „Gedichte über die neue Strasse“ des Andeerer Pfarrers Mattli Conrad (1745-1832), das Analogien zwischen Politik, Ingenieurskunst und gottgefälligem Leben nicht scheuend das Schweizer Poesiealbum womöglich erstmalig um das Planierwesen bereichert:

Lobgedicht über die Erfinder, Beförderer
und Ausführer des neuen Strassenbaus

Wenn Erden-Söhne auch verdienen,
Dass man für schöne Thaten ihnen
Viel Ehrerbietung, Ruhm und Dank
Erschallen lässt durch Musenklang,
So seyt ihr Herren Wohlgeboren,
Und weis und kluge Consultoren
Des Strassenbaues, so wie Die
Ihn ausgeführt durch Kunst und Müh,
Und Actionairs und Liberalen
Die auch dazu noch Wohlgefallen
Beytrugen wohl des Ruhmes werth,
So lang die Strasse sicher währt.

Ruhm Ihnen! Glück dem Vaterlande!
Der Himmel schenke jedem Stande
Auch felsenfeste Frömmigkeit
Auf jeder Strass zur Ewigkeit
Die unser Mittler uns gebauet,
Und darauf zu wandeln uns ermahnet;
Zu unserm Glück und ew`gen Wohl,
Obschon der Weg ist Mühevoll!

Rofflaschlucht

Landstraße wie Via Spluga, die beizeiten eines sind, führen auf das praktisch gelegene Gasthaus der Familie Melchior-Lanicca. Deren Vorfahr Christian Pitschen Melchior erschloß, inspiriert von einem Besuch der Niagarafälle, in den Wintern von 1907 bis 1914 mit harter, ausdauernder (von den raren Nachbarn als Spinnerei bewerteter) Bohrarbeit und nicht zuletzt 8000 Sprengladungen den Wasserfall der Rofflaschlucht als Touristenattraktion: „Galerie zum romantischen Rofflafall und unter dem Rhein hindurch“ kündet heute ein zurecht selbstbewußtes Schild am Straßenrand – und zum zweiten Mal (nach der Durchquerung des unterrheinischen Kölner Fernwärmetunnels) begibt sich Rheinsein, nun, was eigentlich genau: unter?, hinter?, zwischen?, jedenfalls hautnah heran an: den (hier: reißenden, schluchtenbildenden) Rhein. „Zweimal war ich schon am Rofflafall, / und ich hoffe, daß ich bald schnall / wie Christian Melchior dies hat erbaut, / mit einfachem Werkzeug er nur hat in den Stein gehaut“, dichtet die dreizehnjährige Clara F. aus Duisburg unter solchen Eindrücken und Rheinseins eigenen Augen ins Gästebuch – und weiter: „Das Wasser rast an einem vorbei / und von den Sorgen ist man frei“. Ob der Rhein sie tatsächlich beichtvatergleich abnimmt, die Sorgen dreizehnjähriger Mädchen? In der Schlucht (romanisch-magisch: tgavorgia de la Punt Crap) finden sich immerhin regnende Felsen, holografischer Rheinwiderschein und ein respekteinflößender Rofflawicht aus grünlichem Stein bei der Flußmeditation. Für drei Fränkli ist das nicht zuwenig, und sofort meldet sich der Gedanke, eine Liste der Rhein(fall)attraktionen im Preisleistungsverhältnis aufzustellen.