Einfalte Delineation (4)

Rheinursprung
„Der andere Hof ist das Tawetscher Thal, eine Wildnus. Die ältesten Einwohner allhier hießen Aetuatii. Hier findet man die rudera des Schlosses Pultmenga, item die Nachbarschaften: 1. St. Jakob, 2. Selva, 3. St. Vigili, 4. Cumanils, 5. Cimunt, quasi cima del munt in Rhaetischer Sprach. Das ist der höchste Gipfel des Bergs, trifft auch schier ein, dann hier besteigt man den allerhöchsten Berg, der so zu sagen in der Welt zu finden, und komt man zum Ursprung des vordern Rheins aus dem Berg Crispalta, an welchem auf der einten Seiten Ursulen und der Gotthard, auf der andern Seiten der Berg Bicornus oder die Furken anstosen. Dieser überaus hoche Berg, aus deme der Rhein entspringet, wird sonsten auch genennet Badus. Auf dem Gipfel dieses Bergs ist ein See. Einige beschreiben diesen See groß, so gar dz etwelche in die Welt schreiben dörfen, er sey zwei Meilen lang und eine breit, – als wie Castelberg, Pfarrer in Tavetsch, deme es Escharbotj, französischer Dollmetsch, nachgeschrieben. Andere aber, denen mehr zu glauben und mit dergleichen einem ich auch selbst geredt, beschreiben diesen See klein, allso daß er kaum 1/4 Stund lang und breit in der Circumferenz.
Under diesem See entspringt der Rhein aus einem harten Felsen, formirt sogleich einen schönen Wasserfall und senkt sich mit praßlen und Geräusch eine gewaltige Tiefe hinunder, von welchem Fall in dieser Gegne auch im warmen Sommer ein so kalter rauchender Dampf erreget wird, dz die sich herzunachende selbigen keineswegs vertragen können. Bey bemeltem Berg Crispalta passirt man Sommerszeit über hoche Alpen auf Ursulen.
Auf der andern Seiten dieses Bergs, aus der Furka entspringt der Rhodanus, so Wallis durchströhmet, aus dem Grimsel, so ein Ast der Furka ist, entspringt die Aar, welche durch die Schweiz hinfließt. Allso, daß die Distanz der Quellen dieser drei Hauptflüssen nach geometrischer Ausrechnung nicht über 20 000 Schritt ausragt.
Zwischen der Aar und dem Rhein entspringet aus dem Gotthard auch die Reuß, und gegenüber auf der italiänischen Seiten entspringt der Thesin, item der Aracer, die Madian etc. und nicht weit davon die Muesa. Ist allso dieses fünfspizige Kreuzwerk in der Höche dieses Gebirgs gleichsam ein hydrophilacium, oder Wasserkammer, aus welcher sich viel Haubtflüsse in ganz weit von einander zertheilte Ende der Welt ergießen.“

Nolla
„Der Bach Nolla hat diese Eigenschaft, dz er über Jahr immer trüb komt, mehrentheils Zeit ist er recht schwarz, gleichsam wie Dinten. Das rührt daher, weil oberhalb under Tschoppina ein faul Gebirg ist, von welchem immerhin etwas von blauem Leim und Erden in den Bach reißet. Deßwegen dieses Bachwasser auch von sonderbarer Schwere ist – also dz wann ein starker Mann in diesen Bach fiele, auch wann er klein gehet, und seine Kleider damit benezte, so wäre es ihm ohnmöglich, sich allein ohne Jemands Hilf heraus zu wikeln, weil seine Kleider an ihm nicht anderst sind als wie ein bleyerner Mantel, allso dz er seine Glieder kaum regen kan. Die Proben sind schon mehrmalen gemacht. Dieser Bach wütet zu Zeiten erschreklich und verursachet bisweilen ziemlich Schaden. Von diesem Bach ist auch dieses curieuses zu annottiren, dz er das gemeinlich jederzeit ganz klare oder helle Wasser des hindern Rheins von seiner Vereinigung an bis hinab under der Fürstenauer Zoll Bruk bis an seine Hälfte tingirt, allso dz der hindere Rhein einen guten Strich under Thusis hinab halb weiß und halb schwarz anzusehen, weil sich das schwere, schwarze Nollawasser nicht sogleich durchaus mit dem Rheinwasser vermischet.“

Via Mala
„Vor Zeiten gienge die Landstraß neben Ronggellen den gächen und hohen Berg hinauf bis auf die Höche desselben, und von danen wieder einen weiten Weg hinab bis in die Ebene von Schammß. Vor Jahren aber hat man durch Anwendung vieler Unkosten und Sprengung vieler Felsen die Landstraß durch Viamala, oder das sehr enge rauche gräßliche Felsen Thal hinein gemacht bis in Schamß. Dieses enge Thal hat auf beiden ganz gäche Wolken hoche Felsen neben sich, under sich fließt der Hinderrhein durch eine ungeheure tiefe Kluft hinunter gegen Thusis, da die Felsen an theils Orten zusammen ragen, und beynache an einandern stoßen, dz man nichts vom Rhein sehen mag, an theils Orten machen sie auch eine Oeffnung, dz man in einen entsezlichen abyssum hinunder sehen kan, wie der Rhein mit seinem Anputschen an die enge Felsen einen weisen Schaum zeiget, und einen Wasserstaub von sich wirft. Man kan nicht wohl ohne Grausen und Schwindel durch diese Felsenklüfte hinunder sehen.“

Bündner Gerstensuppe

Mündlich überlieferte Geschichten aus den Bündner Dörfern sammelte Arnold Büchli bis in die 1960er Jahre für seine „Mythologische Landeskunde von Graubünden. Ein Bergvolk erzählt“, drei fette, nach Regionen geordnete Bände von jeweils knapp 1000 Seiten Stärke. Hieraus eine aus der Ursprungsgegend des Vorderrheins: „Zwei Leutchen von Selva hielten Hochzeit und gingen nach Sedrun in die Kirche. Nachher sind sie in großer Eile heimgegangen und haben ihre Mehlsuppe mit Knollen gegessen. Es war im Frühling, und man trug Mist auf die Wiesen. Kaum waren die beiden Hochzeitsleute zu Hause angekommen, zogen sie ihre Werktagskleider an und machten sich ans Mistaustragen wie die Nachbarn. Ein paar Jahre später an einem Wintertag machte sich der gleiche Mann den Bart vor dem Fensterglas, hinter das er eine Schindel gestellt hatte. Eine Gesichtshälfte war schon sauber geschabt, da ist die Lawine gekommen und hat die bretterne Diele heruntergedrückt, und vor Schrecken schnitt er sich das Ohr ab. (…) Da kam gerade die Frau in die Stube und er hat ihr geklagt: jetzt habe er sich ein Ohr abgeschnitten. Sie hat aber gar nicht darauf geachtet, nur gejammert: „O weh, der Erzhafen mit dem guten Fleisch und der Gerstensuppe! Das ist das Schlimmste!“ Das Mittagessen reute sie, denn sie hat gemeint, es sei alles zugrunde gerichtet in der Küche. Diese war zum Teil gemauert, dort hatte die Lawine größern Schaden getan. (…) Aber der Erzhafen war unversehrt, alles in Ordnung, in einer Ecke das Feuer, nicht erloschen, und die Suppe kochte noch. Das hat die Frau gefreut. Aber das Ohr ihres Mannes galt ihr nichts.“ Eine Geschichte, so kräftig wie die Bündner Gerstensuppe selbst. Wie wohltuend diese z.B. gegen Kälte wirkt, erfuhr der Autor gestern Abend. Bereits den ganzen Tag war die Kastellanin mit der Zubereitung beschäftigt, zwei riesige Kessel dampften vor sich hin, die Bürgerversammlung wollte verpflegt sein, am Abend brachte sie auch dem zurückgekehrten, höhendurchfrorenen Gast einen Eimer in seinen Atelierflügel: deftig, heiß und stark. Fortab eine willkommene Bereicherung auf Rheinseins wachsendem, zunehmend international geprägten Wintersuppenspeisezettel.