Konkrete Poesie

Kreuzlingen_Kuhhorn Imbiss

Von einem überfallartigen Seefieber gegängelt schlagen wir uns den Seerhein entlang durch das Wohnviertel Paradies auf die Schweizer Seite durch, queren schwere schwarze Äcker voll untergejäteter Rüben und Randen, sowie die fiesen Schweizer Rheinsümpfe, in denen viele illegale Immigranten versinken: erst klingeln sie uns mit ihren Fluchtfahrzeugen von den Trampelpfaden der grünen Grenze, später sehen wir ihre Haarschöpfe aus dem Ried am Wegesrand ragen, als wüchsen sie schon ewig dort. Der Kuhhorn Imbiss hat sich die Lage an den Schmuggler- und Flüchtlingstrecks zunutze gemacht und erinnert an schummrige Saloons aus dem Wilden Westen. Rückwärtig warnt ein ausgebleichter Kuhschädel vor allzuhohen kulinarischen Erwartungen, frontal wurde (evtl. dem laufenden, grenzüberschreitenden Konstanzer Poesiefestival geschuldet) eine typisch schweizerische Mahnung im Stile der Konkreten Poesie angebracht. Wie dem auch sei: im Winterhalbjahr ist die Location verrammelt – wer sich in den gefährlichen Sümpfen nicht selbst versorgt, kann dabei umkommen.

Fiebrig durch Konstanz (2)

Von brennenden Ghettos schreibt Jochen Kelter in seinem Konstanz-Gedicht „Ruderer“ von 1982 und von acht Mann, die sich auf dem Seerhein ranlegen, als wollten sie übers schilpende Wasser bis Stein oder Rotterdam, während überm Ried der Mond mit der Republik seine Schärpe tauscht. Kräftige Bilder, an deren Entschlüsselung wir noch arbeiten. Das Konstanzer Ghetto ist auf unseren fiebrigen Erkundungsgängen nicht zu entdecken, wahrscheinlich ist es mittlerweile überbaut oder versteckt sich im Internet. Tatsächlich hat ein User auf Youtube einen Konstanzer Ghettorap eingestellt, in dem es unter anderem heißt: „Konstanz, diese Psychostadt ist krank / vor ihr hat sogar der Teufel Angst (…) Aufgewachsen bin ich in dunklen Gassen / wo Freunde dich verraten und eigentlich hassen (…) Abschaum City (…)“ Der relativierende Refrain: „Diese eine Stadt, in der ich aufgewachsen bin / diese eine Stadt, in der ich immer bleiben will / Das ist nicht nur Ghetto, sondern auch ein guter Shop“ Lyrische Zeilen über Konstanz, mutmaßen wir, sowohl von uns auf andere schließend, als auch aufgrund solcher Fremdzeilen, unterliegen offenbar, solang sie in der Gegend selbst entstanden sind, unmittelbar den Ausdünstungen des Seewassers. Deren Schwingungen versetzen nicht nur den Körper in erhöhte Temperatur, sondern auch den Geist in matschbirnigen Frohmut: „Durch die Gitter meiner Zelle / grüßt der See mich jeden Tag. / Lächelt mir mit jeder Welle, / und vergessen ist die Plag`“ schreibt Hans Arnold 1885 einen „Gruß aus dem Konstanzer Amtsgefängnis“. Der See wirkt also schon länger. Und die von ihm ausgelösten Fieberwellen bewirken, daß wir uns vorstellen müssen, wie es früher, als alles noch viel größer war, der See das Rheintal bis weit in die Alpen hinauf füllte, zugegangen sein mochte: welche Sorte Saurier wohl an seinen Ufern sich tränkten und fraßen, welche Urfelchen ihre Traumräume vom Landgang, vom Fortflug gar, verwoben, welche Außerirdischen die Gegend damals besuchten, um Bodenproben zu entnehmen und schicke abenteuerliche Postkartenmotive ausfindig zu machen, welche Grundschulkinder – jedoch nur in hirngewebeähnlicher Spontanmanifestation eines letztlich materielosen kugelblitzförmigen Welt/Geistes – in aus damaliger Sicht ferner Zukunft die brennenden Ghettos von Konstanz in Wasserfarben zu bannen hätten. Wir wollen uns solche Szenen nicht vorstellen, wir müssen es. Das Seefieber zwingt uns dazu. Die Wasseroberfläche säuselt – oder surrt wie eine Stechmücke, ganz nah am Ohr. Vielleicht meint Jochen Kelter mit seinen acht Ruderern heroische Kämpfer, die sisyfotisch versuchen, die Wasseroberfläche zu erschlagen. Vielleicht angelehnt bei den Sieben Schwaben, die ursprünglich einmal neun gewesen sein sollen. Und von denen einer Seehas geheißen haben soll. Wie man heuer die Konstanzer nenne oder diese sich selbst oder die Friedrichshafener sich oder andere am See. Weil der Hase ja (bei den Sieben Schwaben) ein Ungeheuer und als Seehas in Fisch-Hasen-Mischform… Es gibt eine Pille gegen das Seefieber. Wer die einwirft, hat für 24 Stunden davor Ruhe. Und vor allem anderen auch. Der dämmert weg in wohlige Welten, während am Horizont das leise Geknister und die Rauchzeichen brennender Vorstädte mit der Unerheblichkeit ausgestorbener, noch dazu niemals bekannter Randvölker und ihrer Dialekte vor sich hinwerkeln und nuscheln: aus Weltraumsicht, elf hoch fümmunzwanzig Galaxien weit entfernt von der Erde.

Rocket to Switzerland

minarrakete

Von der Konstanzer Seite lassen sich am Petershauser Seerheinufer verkästelte Neubauten erblicken, hinter denen ein Kosmodrom zu vermuten steht. Doch die vermeintliche Rakete entpuppt sich bei Näherung als Minarett, das weniger einer Moschee, als vielmehr einem Shoppingkarrée als Ausruf vorzustehen scheint. Dieses Minarett, mit 35 Metern bei seiner Erbauung vor neun Jahren das höchste Deutschlands, dürfte auch von manchen Punkten in Kreuzlingen auf der Schweizer Seite gut zu sehen sein. Dort hat die Bevölkerung vor rund einem Jahr dem vieldiskutierten Minarett-Verbot zugestimmt. Stellen wir uns die Neubautenfront einmal ohne dahinter aufragendes Minarett vor: würde dem Ensemble nicht die entscheidende Würze fehlen?

Rheinische Tierwelt (11)

Toter-Vogel

In artistischer Haltung, Blick in den Himmel, den Rücken vorbildlich durchgestreckt, fanden wir diese Vergrämkrähe bei den Bootsanlegern auf dem Konstanzer Seerhein etwas mehr als nur ihren Job tun. Vermutlich spielte auch hierbei das laufende Poesiefestival eine Rolle: Fluß und Vogel als selbstbewußte Inspirationsquellen schöngeistiger Verse bis tief hinein in die Moderne.

Selbstbeflockende Schwarzwaldtannen

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Mitten zwischen Oberrhein und Seerhein. Dürre Stämme, dem Betrachter abgewandte Haltung. Als wären sie den stündlich in beide Richtungen pendelnden Zug nicht gewohnt, flüchten sie zügig in den Wald. Gut zu erkennen: die erkaltete Schneeküche im mittleren Bildbereich. Wenn der Schneeherd erst zu Dampf, Dunst, Glunst und Rauch erhitzt ist, sammeln sich die Tannen um seinen Rand und beugen sich in den aufsteigenden Nebel. Das ergibt die typische Beflockung.

Mit der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz (3)

Wir steigen aus auf der Baar, um einherzuwandeln. Der Bordkaffee (1 Euro!) hat uns gepusht, es hält uns nicht länger auf dem Sitze. Allmählich zeigt sich die Nacht zur schwarzen Gänze und spendet feinen Niesel. Gorrh reibt die Straßenbeläge damit ab. Das gibt einen eigenartigen Geruch. Der Glanz des Tristen, an frischer Luft. Out of Bräunlingen. Aus der Dunkelheit heulen, plunksen, grummeln Wesen. Künden die Stunde der Landgaschthöf und Moschtschöpfle. In deren geräumigen Innern trachtentragende Serviertöchter überdimensionierte Wurstsalat-Portionen jonglieren. Deren geräumige Innere bauchige Fiolen bergen, in denen wiederum der Mirabellenbrand auf genauer Zimmertemperatur seine weitreichendsten Effekte heranalchimisiert. Deren geräumige Innere so geräumig sein müssen, weil die von den Wänden prangenden Trofäen sonst versehentlich die besten Gäste aufspießen würden: solch mächtiges Gehörn und Geweih trägt weit und breit einzig das sagenumwobene Schwarzwaldwild. Der Geist der Mirabelle schärft den unsern, wenngleich bisweilen attackiert vom Geist der Zibarte. Als das geräumige Gasthofinnere sich gegen alle Raumgesetze durch eine wabernde Tür verengt, betreten wir den kühlen glatten Abendhimmel, an dessen Ende der Mond in Form und Farbe einer wunderbaren Mirabelle lockt. Gorrh hat ihn dorthin geschnalzt, als letzten Tagesakt. Wir folgen dem Mond, er führt uns im Kreis, das geht ein paarmal gut, dann steigen wir wieder ein, wo wir niemals ausgestiegen sind, entlang der jungen Donau gleitet die Schwarzwaldbahn Richtung Immendingen, 658 Meter über dem Meer. So steht es am Bahnhof angeschrieben und wird seit geraumer Zeit nicht mehr korrigiert worden sein. Nun sind aber Meeresspiegel eine bewegliche Sache und 658 Meter zwar ein ordentliches Stück, aber nicht die Welt, in Klimafasen- und Tiefseedimensionen gedacht. Das künftige Immendinger Unterwasserbahnhofsschild wird 23 Meter unter dem Meer anzeigen. Wir fahren weiter nach Engen. Das seinen Namen verdientermaßen zu tragen und aus lauter Einfamilienhäusern zu bestehen scheint, eine Art dicht beieinanderstehende Herde Familienglücker, fürimmerisiert in traulichem Beton. Da wohnen Lackabs neben Lustigs, da wohnen aber auch noch ganz andere. Die freistehenden Vulkankegel des Hegaus wissen das schon länger. An Singen verwundert uns die Schinderhannes Bar. Ist Johannes Bückler damals tatsächlich soweit in den Süden ausgewichen, oder existiert am Ort eine zeitversetzte Sympathisantenszene unter Maggi- und Schiesser-Mitarbeitern? In Radolfzell schließlich das Anschwappen des Bodensees, begleitet von einem neobeckettschen Dialog unter Mittelstuflern: „Kennsch n Panker namens John?“ „Sein Koffer isch schon da.“ Die Wasservögel am Ufer sind teils wohl Skulpturen. Allensbach: das mit dem Institut? Jedenfalls das mit einigem Fachwerk. In neobeckettschem Stumpfsinn: „Kennsch n Panker namens Allen?“ „Sein Bach isch schon da.“ Einfahrt nach Konstanz, Queren des Seerheins. Die Stadt ist voller Dichter. Das kann ja noch was werden!

Zum und am Rheinfall

Anreise über Orte wie Landschlacht, Gottlieben, Paradies, Mammern: sprechende Namen des spalierobstelnden oder obstisch-vorobstlerisch spalierstehenden Thurgaus. Der Rhein, aus dem Bodensee auftauchend, verneigt sich als eingeuferter Fluß (eine kurze Passage, die Seerhein genannt wird) und taucht sogleich wieder in den Untersee, bzw schnorchelt dort, um das silbrige Schuppenglitzern der berühmten Bodenseefelchen zu studieren, bzw umfängt der Untersee nochmals den Rhein wie ein leichter Umhang mit Segelbootmotiven auf changierendem Blau. See und Ufer wirken so sauber, so poliert, das alles hat etwas von: „wenn wir die Raffaelo-Werbung aus Kostengründen doch in Deutschland drehen müssen, dann hier in der Schweiz“. Schon bald entseet sich der Rhein, rheint sich ein, sein adlig-weiches Blau kippt ins Flaschengrüne, das ist Rhine as Rhine can, das zieht sich schon zusammen für den folgenden Sturz, da braut sich was, klart was vor, windet sich was im eigenen Panorama, konzentriert sich auf seine erste Massentouristifizierung, mit novizischer Gelassenheit und Nervosität. Die Landschaft zwischen Bodensee, Stein am Rhein und den Fällen: hübsch verspachtelte Vakui zwischen vielbesungenen Stätten. Am Rheinfall (nachdem der Wegweiser auf dem Bahnsteig von Schloß Laufen zunächst zum Hauptwegweiser wies, der auf diverse Subwegweiser aufmerksam machte, die „individuelle Weggestaltungen“ wiesen) schließlich fand sich ein sechsrohriger Geräuschumwandler, für den es eigentlich auch sechs Ohren am Haupte bräuchte, ihn effizient zu nutzen, dessen einzelne Rohre das Dauerrauschen der O-Natur in hellere Klänge verwandeln: Synapsenspüler, akustische Pustefixe – und wären die Rohre einander verschlungen, ineinanderlaufend und nicht nur entlang einer Schiene verstellbar, gäb dies Gerät garantiert einen prima Psychohelm ab, das Rauschrepertoire jeweiliger Umwelten zu beugen.