Abenteuer Rhein (2)

Abenteuer Rhein von Andreas Ewels und Christine Elsner, zuvor kräftig beworben, auch auf rheinsein vorab angekündigt, dann aber still und leise im Termin (auf den heutigen Sonntag) verschoben, wirkt, wie im Vorfeld anzunehmen war, vor allem über seine Luftaufnahmen aus dem Blimp (“Prallluftschiff”), d.h. einem ferngesteuerten Kleinzeppelin und war schon vor der Urausstrahlung auf planet e am heutigen Tag in der ZDF-Mediathek (welche den Vorteil bietet, Filme anzuhalten oder zu spulen) vorhanden.
Wie der Tomasee plötzlich hinter Bergkuppen, die er spiegelt, aufscheint und die Kamera dem Alpenrhein durch enge Schluchten talab folgt, gibt visuell durchaus Stimmungen wider, die uns dort oben noch vor Kurzem erfaßten. Aus den folgenden Bildausschnitten Sedruns, der Ruinaulta, der Via Mala hätte sich mehr machen lassen.
Freundliche, bisweilen etwas unmotiviert wirkende Kurz-Interviews markieren die menschlichen Bojen im Kamerafluß. Tiermotive bevorzugt: ein Bündner Steinbockhüter, die südbadische Biberbeauftragte, der Artenreichtum des Taubergießens und ein Schlangenexperte, der nächst Wiesbaden mähshreddergefährdete Äskulapnattern präsentiert, dabei seine eigene Frage, wie die Schlangen an den Rhein gekommen seien, unbeantwortet läßt.
Kitschige, in der verwendeten Art völlig unangebrachte Hintergrundmusik spült die Talgeräusche weich, überspielt sie die meiste Zeit. Doppelte Länge (sowohl für Bildeinstellungen, als auch Interviews) und deutlich höhere Geschmackssicherheit bei der Musikauswahl (bzw weniger Verblendung bei den Originalgeräuschen) hätten der Doku wohl getan.
Alles in allem ein typisches ZDF-Produkt mit Mut zu Lücke und Lenor und mehrkamerafachem Befliegen der Oberfläche. Welche dann auch häufig (und häufig nichtmal zu unrecht) hübsch aufscheint. Der zweite Teil folgt Sonntag in einer Woche, in der Mediathek vielleicht sogar früher.

Val Strem (4)

Bei den gröberen Kaskaden angelangt picknickten wir, nachdem ihre Farben mit denen des Himmels abgeglichen waren, die unterwegs gesammelten Blaubeeren, musterten bis zur Selbstverschwommenheit die Muster verschiedentlicher Flechten, stellten uns somit den Ängsten, welche die Bergnatur dem unbedarften Eindringling von hinten durch die Brust ins Auge einschenkt, und wurden dabei so übermütig wie der brüllende, sprühende Rhein, der wie ein mittelmäßig Irrer mit größter Selbstverständlichkeit und Beharrlichkeit gegen die Felsen klatschte, brüllten, einem unnennbaren Impuls folgend, ebenfalls, lauschten, ob sich das menschliche Gebrüll dem Tosen mischte, eine gemeinschaftliche Musik am Rande des Erträglichen (the worst & loudest of nature) zu erzeugen, eine befreiende zugleich, von soviel Idyll, daß es verfälscht wirkte, wie ein von ziemlich realistischen Figuren bevölkertes Computerspielszenario Gorrh of the Alps (ein Egorrhshooter) mit einzeln animierten Grashalmen digitaler Qualität, wobei verfälscht wiederum der falsche Ausdruck wäre, denn was erschaffen wird, kann schwerlich verfälscht sein, vielmehr schlecht nachvollzogen und kopiert (bei jeder Kopie entsteht Verlust), verfälscht: das wäre wohl eher Pfusch am Bestehenden, ein Eingriff zum Schlechteren hin, eine Prämisse, unter der wir mit uns selbst in Streit ausbrachen, ob unser Gebrüll ein naturverfälschendes oder ein Syntheseangebot vorstellte, bestimmte oder auch verstimmte Frequenzen zum Besseren zu organisieren, zu einem Mensch-Natur-Klangraum friedlicher Koexistenz und schöpferischer Grundlage wie er allenthalben bereits anzutreffen ist, aber kaum wahrgenommen wird, wenn wir zB ein mäßig entferntes Flußrauschen für ein fernes Motorrauschen halten oder umgekehrt oder beides sich zu einer akustischen Einheit mengt und wir uns, sobald wir es herausbekommen, wie im falschen Film fühlen, trotz allen längst formulierten Futurismus` und aller sich selbst überlappenden Moderne. Wir dachten bei den Kaskaden des Val Strem an die Liechtensteiner und ihre ungeheure, auch an Wochenenden ungebrochene Lärmbereitschaft, wenn es etwa um das Kupieren von Grünflächen geht (der Schweizer und Deutsche im Übrigen kaum nachstehen) und daß diese Freude (falls es überhaupt Freude ist) am Erzeugen nervtötender Antiklänge ihre Ursachen im heimlich ersehnten Überwinden brachialer oder sonstwie bangemachender Naturgeräusche liegen könnte und daß es daher erstaunlich sei, daß diese Nationen kaum nennenswerte Noise Art bisher hervorgebracht haben, wo doch jede Menge akustischer Emissionen allein schon von Haushalts- und Haushaltsumschwungsgeräten dringend einmal künstlerisch sublimiert werden müßten oder auch mörderisch verstärkt, um mal richtig einen Punkt zu setzen. Man darf das aber nicht von den andern fordern, man muß es am besten selber tun, dachten wir, und das war wohl der wahre Grund für unser im Rheintosen auf- und untergehendes Experimentalgebrüll und nicht, wie oben erwähnt, ein „unnennbarer Impuls“. Der Name Val Strem soll sich von extremus ableiten, da das Tal weit außen gelegen sei, jedenfalls nicht vom romanischen stremblir (zittern, beben), wozu es jedoch führen kann, sobald der Besucher auf extreme Gedanken verfällt. Auf dem gleichen Weg, den wir hinaufgestiegen waren, stiegen wir auch wieder gen Sedrun hinab.

Val Strem (2)

Die versprochenen Gemsen, Steinböcke, Murmel des Val Strem hielten sich am Tage unserer Erkundung bedauerlicherweise zu kurzfristig anberaumten Artenschutz-Konferenzen in den Nachbartälern auf. Stattdessen erwartete uns ein gestreckt-geschwätziges platschual von Bilderbuch-Nebenrhein, das mit einigen Kaskaden in seine höheren Höhen lockte. Neben uns vor allem Strahler, leicht erkennbar an ihren Pickeln, dem forschen Schritt und der kargen allwettergestählten Art. Das Wetter war bestens expeditionsgeeignet, das Dorf schnell in unserem Rücken. Die liftbestandene Matte oberhalb Sedruns glich einem englischen Rasen (wir vermuteten robotorisiertes Heuen), an der Ostwand erblickten wir ein gleichsam exotisch organisiertes Baum-Stein-Ensemble erklecklichen Ausmaßes, das nicht recht an Ort und Stelle zu passen schien, sondern vielmehr, womöglich als Reminiszenz an die Himmelsrichtung, aber auch weil es recht exakt umgattert war, an die menschliche Komposition eines Japanischen Gartens erinnerte.

Bevor das Val Strem oberhalb der Skilifte stärker ansteigt und sich längs des Flußlaufs verengt, fielen uns nächst einer Rheinbändigungsvorrichtung von massiven Metalldeckeln gesicherte rundliche Bodenluken auf, die, nachdem wir sie eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet hatten, von flugs herbeigeeilten, finster dreinschauenden, romanisch sprechenden Vollbartträgern überprüft und als bestens verrammelt abgehakt wurden, dieweil wir die mißtrauischen Blicke der Prüfmänner ernteten. Mißtrauische Blicke aber beflügeln, ob von den Blickewerfern beabsichtigt oder nicht, umgehend unsere Fantasie. Einstiege wohin stellten diese an Schiffsluken erinnernden Pforten vor? Harrte unter uns in unterirdischen Hallen das Schweizer Militär? Handelte es sich um eine Schnittstelle zwischen der Menschen- und der Bergzwergenwelt? Wir stellten uns allerlei abartiges, gefährliches, monströses oder aber auch allzunützliches hinter diesen Luken vor, auf daß sie besser im Halbstundentakt auf ihre Verschlußsicherheit zu prüfen wären und der Gemeinde einige Arbeitsplätze sicherten/abrängen, die, weil die Arbeit äußerste Aufmerksamkeit erforderte, nur von den zuverlässigsten Kräften erledigt werden könnte, wozu in den eher entlegenen Alpenrheintälern traditionsgemäß die bärtigsten Männer zählen, niemals aber die Frauen, die sich jederzeit als striga entpuppen könnten – Arnold Büchli wußte ein paar tausend Seiten Material zu solchen und ähnlich gearteten Fänomenen zu sammeln, welches in der Kantonsbibliothek zu Chur zugänglich ist.

Bald führt der Weg ins Rheinrausch-, Männertreu- und Blaubeer-Idyll, gelegentlich bevölkert von besagten Strahlern und alleinwandernden Heidis in ihren Endvierzigern. Und wenn die Steinböcke die Konferenz im Nachbartal nur vorgetäuscht haben? Wenn sie uns beobachten, perfekt im Fels getarnt, oder mit pflanzenstengelartigen Periskopen aus den ominösen Bodenluken? Mit ihren Hörnern könnten sie vermutlich leicht den Grund durchbrechen und plötzlich vor uns aufwallen und teuflisches, wie rückwärts abgespieltes und hernach perfide gedehntes, ächzendes, rachitisches Zeugs brabbelnd uns einen sagenhaften Wegzoll abverlangen. (Aus ihren Augen Blitze zu schleudern vermögen sie natürlich auch.) Was ist das für ein schon beinahe pervers (also sowas von dermaßen) weiß ausgewaschner Schädel dort unterm Uferwuchs auf einer Felsplatte, wie ein professionell-unabsichtlich plaziertes, umso triftiger Bedeutung aussendendes Accessoir im Rein da Strem? Ein menschlicher? Ein tierischer? Wie lang liegt er schon dort? Waren es die Bartleute, die ihn dort plazierten? Oder warum haben Ihro Zuverlässigkeiten ihn nicht längst entsorgt? Die Sonne knallt, sie hat an diesem Tag sonst nichts zu sagen. Über den Fels sickern Quellwässer mit sehr unterschiedlichen Mineraliennoten. Ein Falter faltet sich, bis er, des Faltens überdrüssig, flattert. Die wenigen Singvögel in dieser Höhe äußern, wenn überhaupt etwas, nur Schimpf und Hohn. Einmal, meinten wir, zog der dünne Schatten des Murdlers, der selber unsichtbar blieb, über uns hinweg. Schließlich erreichten wir die Wasserfälle, ils cascads.

Val Strem

il

Das Val Strem findet sich gleich hinter dem Sedruner Bahnhof. Es schien, als wir hineinstrebten, weil wir gehört hatten, dort seien nebst Murmeltieren auch Steinböcke und Gemsen an den Fällen eines idyllischen Nebenrheins anzutreffen, von einem rauchenden Vulkan bewacht. Tatsächlich performte/trainierte dort eine schauspielernde Bergwolke, die sich bei unserem Anblick rasch auflöste.

Expedition zur Rheinquelle (5)

Der Tomasee hatte bergumstanden-bergespiegelnd etwas religiöses, gar kirchliches, jedoch nicht von einem Ort der Einkehr, sondern eher von einer touristisch stark frequentierten Kathedrale, also außerhalb der Gottesdienst- bzw Zufluchtszeiten. Zwar verteilten sich die Pilger um den kathedralen See herum sehr ordentlich (wurden beim Umrunden hinter Steinen und in den Matten, bis fast hin zum Verschwinden, immer kleiner) und standen sich hauptsächlich beim Einstieg (in voller Größe) auf den Zehen herum, doch waren z.B. die Felsplatten, auf denen sich über den austretenden Fluß bewegen (oder sozusagen mitten in den Rhein setzen) ließ, stets von Neugierigen bevölkert, zumal wir feststellen durften, daß sie zu einem zweiten Aufstieg/Abstieg führten, als Teil eines Wanderwegs, den wir ungelenk ein paar Meter über ein kleines grobkörniges Schneefeld hinabschlidderten, dieweil der Rhein zu unsrer Linken mit lässigem Drang über den Schotter glitt. Der Blick fiel dabei aus dem engen Flußlauf hinab ins besonnte Tal. Da stellte sich ganz unvermittelt ein Gefühl ein von Aufbruch und In-die-Ferne-ziehn. Das Wasser dünkte uns ein gerade mündig gewordener Sohn, der sich nun davonmacht in die weite Welt. Schmerzlichkeit und gute Wünsche. Anteile von Erlösung. Das Wissen um das so unwahrscheinliche wie zwangsläufige Anschwellen dieses frischen Bächleins zu einem wallenden, tödlichen, industrieguttragenden Strom voller Schlamm, Geröll und Öl, seine Auflösung in der Nordsee und schließlich im Wasserkreislauf. Sein Aufblühen und Scheitern. Lebenswege, Energieerhaltungssätze. Dann wieder, mit um 180 Grad gewendetem Blick auf den ruhigen See, ging uns durch den Sinn, daß das Markieren eines Quellpunkts am ehesten wohl dem menschlichen Bedürfnis nach Handfestigkeit und Verläßlichkeit, auch nach Selbsttäuschung entspräche, daß wir stattdessen lieber die zwonhalb Schmelzbäche oberhalb des Tomasees als eigentliche Rheinquellen betrachten sollten und davon ausgehen, daß zu andern Jahreszeiten auch mehr als zwonhalb oder weniger als zwonhalb Schmelzbäche in den Tomasee hinbabfließen dürften, daß also die Quellen des Rheins unfaßbar oder nur efemer greifbar, besser durchgreifbar bleiben (eben so, als wolle man Wasser „für immer“ in der eigenen Faust einfangen), daß sie auftauchen und verschwinden ganz wie es ihnen beliebt, wenngleich dabei zunächst nur vom Vorderrhein die Rede wäre und nicht vom Hinterrhein, den es ja auch noch gibt und ohne den in Betracht zu ziehen ein Rheinquellenempfinden immer unvollständig bleiben wird, eben so, wie es nachher in TV-Dokumentationen manifestiert daherkommt, die stets den Tomasee als Rheinquelle ansteuern/anbieten, wohl weil dort immerhin ein hübscher See zu sehen ist, aus dem ein Bach austritt, ein Flüßchen, dieweil am Hinterrhein das Ansteuern der „Quelle“ vermutlich am Gelände scheitert, in dem der Weg versickert (in Geröll aufgeht), von dem also bis auf weiteres angenommen werden darf, daß auch seine Quelle beweglich sein könnte, in etwa so beweglich wie der Gletscher, der sie behaust. Die Geisterhaftigkeit unsichtbarer Quellen, ihre selbstmythisierende Geistigkeit. Animus, anima, animum. Kernschmelze. Welt aus Welt, Wasser aus Wasser. Strömen, Pulsen, In-sich-Tragen. Das Wasser, aus dem wir bestehen, polte sich an diesem Ort, so schiens uns, ständig um. Daß es vor der Existenz des Rheins einmal keinen Rhein gegeben habe und daß der Rhein erdgeschichtlich betrachtet ein äußerst junger Spund sei, ging uns durch den Sinn und die Erinnerung an die mit fassungslosem Schrecken geäußerten Worte einer gebildet wirkenden Dame im Regionalzug bei Unkel, daß der Rhein „einmal wieder weg sein könnte, stellen Sie sich das nur vor!“

Am Abend ging es nach Sedrun, die Expedition mit Tujetscher Capuns zu beschließen, sowie mit Blutzcher und Marenghin, zwei sursilvanischen Biersorten mit Namen wie aus einem Beckett-Drama. (Neben Blutzcher und Marenghin existiert noch eine dritte sursilvanisch-beckettsche Biersorte: Rensch; die reimarme Landschaft um das Wort Mensch ein wenig zu beleben.) Die Radiosender verkündeten den heißesten Tag des Schweizer Sommers und daß es angesichts dieser Tatsache nicht mehr hip sei, Spritz zu trinken, wie noch im letzten Jahr, sondern ein Getränk namens Gustav oder Oskar oder Pascal, jedenfalls eins mit einem recht beliebigen Namen. Am Nebentisch saß ein Herr, der zu seiner Haxe immer abwechselnd einen Schluck Bier und einen Schluck Rotwein trank, was er sich beides in Literstärke bringen ließ: auch ein originelles Trinkverhalten, das es vielleicht in sieben bis neun Jahren, wenn Hipness unhip geworden ist, zum Radio-Sommertip bringen wird. Hinter den südlichen Bergen, dort wo wir das Tessin vermuteten, grollten Gewitterdonner wie das Geröhre streunender Großkatzen. Es hätte uns nicht gewundert, wäre über den Graten eine schwarze Pantherwolke erschienen. Wir strichen noch ein wenig durchs Dorf, bestaunten die abstrakt wirkenden Aushänge und versorgten uns mit andutgels und Sedruner Käse. In der Sonne, in der Erinnerung und durch das Bierglas gefiel uns die Gegend der vergangenen Stunden so gut, daß wir nach vollbrachter Expedition beschlossen, einen weiteren Tag in der Surselva anzuhängen, um wenigstens noch eines ihrer geheimnisvollen Nebentäler zu erkunden. Zurück im Hotel, das plötzlich einen seiner zahlreichen Ruhetage feierte, aber dennoch von uns bewohnt werden durfte, besichtigten wir die Stube mit ihren sursilvanischen Geweihvorkommen, den wunderbaren Stichen des alten Tujetsch, auf denen Tschamut noch kleiner als heute wirkte (eine ziemlich unvorstellbare, dafür umso besser gestochene Szenerie) und den fatalistischen Gästebucheintrag eines unbekannten Reimfreundes: „Grau, grün & blau die Bergwelt war / auch im zweitausendzehner Jahr“ (Ende)

Das blaue Wunder: Ernst Bromeis schwimmt durch den Rhein

Mitte April erhielt rheinsein einen Bericht aus den Badischen Neuesten Nachrichten, eine Ankündigung, daß der Schweizer „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis den Rhein komplett von einer seiner Quellen, dem Tomasee, bis zu einer seiner Mündungen, bei Hoek van Holland, durchschwimmen wolle. Die Aktion solle am 02. Mai starten und einen Monat beanspruchen.

Zwar ist rheinsein zum Tomasee bisher nur virtuell vorgestoßen (und real auf dem Weg dorthin bisher nur bis knapp oberhalb Sedrun gelangt), doch schien uns, aufgrund solchen Halbwissens, ein konsequentes Durchschwimmen des gotthardischen Quellrheins, eine kaum ausführbare Ankündigung. Der BNN-Bericht stellte Ernst Bromeis` Pressemitteilung damals nicht in Frage.

Viel realistischer klingt nun des Rheinschwimmers Etappenblog Das blaue Wunder, in dem die gestrige „erste Schwimmetappe“ zu einem kurzen Eintauchen ins eisbedeckte Wasser des Tomasees mit einem symbolischen Armzug wird, um, nach sorgfältigem Abtrocknen und Aufwärmen, in eine Ski- und Fußwanderung nach Sedrun umzuschlagen: „Auf einer kleinen Brücke stehend erwarteten ihn dort seine allerersten Fans. Zwei Feriengäste aus Hamburg hatten zufälligerweise vom Projekt erfahren. Etwas überrascht waren sie, dass Ernst vom Hügel hinab stieg und nicht im Wasser daher kam.“

Nach einem Sportler-Mittagessen nahm der Rheinschwimmer erneut den Fußmarsch auf, um zwei Stunden später „in Disentis von einer beachtlichen Anzahl Einheimischer mit Alphornklängen und Polenta empfangen zu werden“.

So lustig dieser erste Schwimmbericht klingt, so gespannt macht er darauf, wie häufig der Rheindurchschwimmer auf den folgenden Etappen mit dem eisigen, vielerorts reißenden Alpenrheinwasser in Berührung kommt. Ernst Bromeis selbst: „Kann ich einen Monat lang im Fluss leben? Ich weiss es nicht.“

Aktuell: Rhein-Vierteiler auf ARTE

Auf ARTE läuft seit gestern und noch von heute bis Donnerstag jeweils um 19.30 Uhr erstmals eine vierteilige Dokumentation aus dem vergangenen Jahr über den Rhein. Der erste Teil von Ralf Dilger bot die versprochen hübschen Luftaufnahmen, einige Halbunterwasserbilder und dokutypische Geschichtchen vom Vorder-, Hinter- und Alpenrhein plus ein paar seltenere Informationen. Der Film besitzt seine eigene Website , auf der die DVD zu erwerben ist und die nach einigem Anlaufgeholper zunehmend mit außerfilmischen rheinischen Kuriosa dient, z.B. der Geschichte über den Leuchtturm am Gotthard. Dort geht es auch an der Sedruner Staziun Alpina hinein in den Berg zum jüngst durchstoßenen längsten Eisenbahntunnel der Welt, wir erfahren, daß der für 100 Jahre ausgelegt sei, aber wohl auch 1000 Jahre halten würde, während überall 40°C warmes Gebirgswasser aus den Wänden dringt: das Schwitzen der Berge, ihre Lymfströme, Stein und Wasser, das alte Spiel. Es folgt die Erwähnung von Placidus Speschas „Entdeckungsreisen am Rhein“, ein recht frei stehender Bezug zum touristischen Wiederaufleben der Goldwäscherei bei Disentis, die Sprecherin betont den Ortsnamen auf dem e wie wir auch, bis wir die korrekte lokale (i-betonende) Aussprache vernahmen. Weiter gehts mit einer Gruppe in Neoprenanzüge gekleideter Passagiere der Räthischen Bahn, unterwegs nach Ilanz zum Ruinaulta-Rafting. „Schwarzes Loch“ wird eine dortige Stromschnellenstelle genannt und wir rufen unsere Leser dazu auf, einmal zu zählen, bzw uns davon zu erzählen, wieviele schwarze Löcher der Rhein insgesamt zu bieten hat. Vom Hinterrhein zeigt der Film vornehmlich die Rofflaschlucht. Doris Melchior, die Patronin des dortigen Ausflugslokals, berichtet wie bei Hochwasser das ganze Haus erzittert und führt zu einem bisher geheimen Wasserfall. Den Zusammenfluß bei Reichenau kommentiert Gian Battista von Tscharner, Schloßherr und selbsternannter Hofnarr von Schloß Reichenau: „in ganz Reichenau fließt es“. Der Mann, dessen breiten Rücken wir einst zwischen den Stauden seines Gartens verschwinden sahen, ist auch der erste Winzer am Rhein, die Spezialität unter seinen Rebsorten ist der Spätburgunder, seine Weine seien so dunkel, weil er eine schwarze Seele eigne. Schwarze Löcher, schwarze Seelen, schwarze Weine. Schwärzliche Würste, heißt es in unserm Hörspiel (s. obere Menueleiste). Adlerschwarz. Alpenschwarz. Schwarz ist die Trumpffarbe der alpinen Rheingegenden. Auf den Bodensee zu hält sich der Film bei Werner Wolgensinger auf, einem der wieder zahlreichen Rheinholzer im St. Galler Rheintal. Die Rheinholzer erhielten ähnlich den Goldwäschern zuletzt einige mediale Aufmerksamkeit. Angesichts der technisch eingeleiteten Bodenseemündung fällt schließlich das Wort vom „Kies als eigentlichem Rheingold“, ein hinkender Vergleich, aber besser als gar keiner.

Sieben Jahre Bau am Gotthard

Sechshundert Mann und ein gescheitertes Bordell: der Sedruner Filmemacher Gieri Venzin findet seine Themen direkt vor und hinter den Pforten seines kleinen vorderrheinischen Dorfes, einem an manchen Stellen bereits geschliffenen, im Grunde aber immer noch als weitgehend roh auffaßbaren Diamanten der Surselva. Als ich vergangenen November dort herumstapfte, um erstmals den Rhein zu überspringen, fand ich wiederum, auf dem Weg zum alpin dahinplitscherplätschernden Fluß, der vom Hauptdorf einen für Flachländer schon ganz ordentlichen, zudem vereisten Hang hinabführte, ein vermeintliches Industriegebiet, das in Wirklichkeit den Ein- und/oder Ausgang der „Neuen Eisenbahn-Alpentransversale“ (NEAT) vorstellte, mit 57 Kilometern durch den Gotthard aktuell der längste Tunnel der Welt. La ruosna, das Loch, wird dieser Ort von den Einheimischen genannt, was sofort an das Kölner Loch erinnert, in dem vor fast genau einem Jahr das hiesige Stadtarchiv und zwei junge Männer verschwanden. Was das sursilvanische Loch angeht, habe man, was bei dergleichen Vorhaben selten sei, noch niemanden verloren und habe ich seine Bedeutung erst durch Venzins Langzeitdoku „Sieben Jahre Bau am Gotthard“ begriffen, obschon im Hauptdorf der Bau unübersehbar ausgeschildert und erklärt steht: mir war das gigantische Projekt in diesem zaubrischen Tal einfach unvorstellbar – die Wohncontainer für die Arbeiter z.B. hielt ich für abgefeimte Skitouristenunterkünfte und ähnliche Fehleinschätzungen mehr. Wahnsinn, dachte ich immer noch, als der Film mir längst erklärte, für Sedrun sei mit der „Porta Alpina“ ein unterirdischer Bahnhof geplant, dessen Ausmaße, zumindest in den im Film gezeigten Modellen, an Berliner Hauptstadtumbauten erinnerten, für ein 1500-Einwohner-Dorf, wohlgemerkt. Das aber mit 600 Tunnelarbeitern aus Italien, Österreich, Deutschland und der restlichen Schweiz natürlich erheblich aufgestockt und durcheinandergerüttelt wurde, „frisches Blut, das dem Tal ganz gut bekommen sei“ wie ein lokaler Politiker sinngemäß zum Ende des Films konstatiert. Welcher einerseits vom Vortrieb (mit riesigen Rollmeißelbohrern: 62zähnige Antisteinmonster) im Berginneren, andererseits von den Hoffnungen und Befürchtungen der Dorfbevölkerung samt mehr oder minder auf Zeit zugezogener Mineure handelt. Besonders eindrücklich die Geschichte eines Sedruners, der die Bauarbeiten als Chance für sein Geschäftsmodell „Bordell, Restaurant, Tanz- und Nachtbar, das/die einzige seines/ihresgleichen weit und breit“ betrachtet, jedoch über mangelnden Zulauf und Behördenrestriktionen zum Alkoholiker und zwei Jahre später wieder trocken wird, um seinen mittlerweile abgewrackten Schuppen erneut, diesmal rein gastronomisch und colatrinkend, zu betreiben. Ein toller Film, für dessen Ausstrahlung man unseren Kultursendern (in diesem Fall 3SAT) ernsthaft dankbar sein darf.

Vic Hendry

Ich war auf den ersten Blick angetan, als ich in Sedrun Vic Hendrys Gedicht „Ruaussi“ in gleichmäßigen weißen Majuskeln, die etwas von hieroglyfen Schneeresten hatten, an eine dunkle Holzhauswand geschrieben fand. Zwar verstand ich kaum den Wortlaut des surselva-romanischen Texts, wohl aber Rhythmus, Knall-, Schleif-, Schwirr- und Schlepplaute, sowie die darin und dazwischen enthaltenen Naturkräfte, Silbenräume, die aus den winterbleichen Matten des Vorderrheintals und aus dem Strahlen des Himmels geschöpft schienen. Wer dieser Hendry sei, konnte ich mir nicht genau vorstellen: ob er noch lebte, und wenn ja, welchen Alters. Man erwartet dort oben ja unweigerlich Alpöhitypen. Zwar kam ich an einem Haus vorbei, an dem sein Name neben der Tür stand; dort einfach zu klingeln schien mir jedoch unpassend. Das Haus sah mittelständisch-wohlhabend aus und vor der Tür lag buntes Kinderspielzeug, ich meine aus Plastik, einem Material, das in den Bergen erhöhte Fremdartigkeit ausstrahlt. Vic Hendry dürfte, falls dem Internet zu trauen ist, ein lebender Mann von 89 Jahren sein, der dem heiligenbescheinten Sender gloria.tv (the more catholic the better) drei gefilmte Interviews (z.B. über die Profetenrolle des Dichters) gegeben hat, sodaß man ihn sich etwas klarer vorstellen kann. In der Kantonsbibliothek Graubünden finden sich zwei Gedichtbände, die ins Deutsche und andere Sprachen übertragen sind: auras (windzüge) und anemona alva (weiße anemone). Aus letzterem ein Beispiel für die karge Schönheit des Sursilvanischen, einer Sprache, die mit der sie umgebenden Landschaft aus Stein, Matten und Wasser, sowie den Wild- und Nutztieren (an anderer Stelle auch mit den ortsnotorischen Geistern), nicht zuletzt mit der jahrhundertealten Religiösität des Tals korrespondiert: „dils uauls e dils nuegls / vai jeu raquintau / dil matg culs utschals / masets el suitger / la stad sogn Martin / cun poppas da glin / dil trutg tras las vals / cun cufla el nas / selvadi e scart / han fatg vegnir ferms“ – zu Deutsch etwa: „von wäldern und ställen / hab ich erzählt / von vögeln im mai / meisen im holunder / von sommer bis martini / vom flechten des flachses / dem tälerquerenden pfad / der nase im schnee / herbe und mangel / gaben mir kraft“

Vorderrheincruising (2)

Ganz und gar durchzogen von flachen, dünnen, geteilten, in ihren zerwühlten Betten zeitlos-unverständliches grummelnden Rheinen, blauschattigen Wiesen, versteckten Industrien und urigen Holzdörfern, behütet vom Skitourismus: die Surselvaner wachsen noch direkt aus den Böden ihrer Magerwiesen. Was die Maulwürfe hier oben wohl suchen? In Einmachgläsern sterilisierte Voressen zwischen deftigen schwärzlichen Würsten, in Mangoldblätter und Spätzleteig gewickeltes Trockenfleisch und Sedruner Käse unterfüttern das Dasein mit Nährsubstanz. „Wenns hagelt, dann Salsiz!“ Oder Dachlawinen. Das eine ins andre gewandelt per Photo Play. Zwischensaison schafft Zwischenwelten mit Zwischenwesen. Von Sedrun ein Spaziergang von Sommer zu Winter und retour. Leicht eisbedeckt die stark abfallende Straße ins hier inmitten heftigster Natur nie vermutete Kies- und Industriegebiet: Räumfahrzeuge und Laster, Schienen und energieentzogener Restrhein. Lärm, Eis, Schatten, Staub, Rauschen, Kälte. Röhren und Maschinen. Dazwischen überleben auf unbekannte Art leicht deplaziert anmutende Arbeiter in Signalwesten. Gauklerblume und Moorlurch leben hier sommers, direkt am Werkzaun weist ein Schild die Szenerie als Naturschutzgebiet aus. Es ist der 19. November 2009 um 12.36 Uhr, an der genauen Grenze zwischen Sommer und Winter, als es mir erstmals gelingt, mit einem einzigen Satz (und trotz der schweren Stiefel trockenen Fußes) über den Rhein hinwegzuspringen. Die Sonne brennt dieweil, weils besser aussieht, den Reif von Büschen und Matten, unterm verziehenden Reifdampf wandelt sich der verbliebene Tau in glitzernde Juwelen, als hätten die Maulwürfe die Wiese mit Perlensaat bestreut bzw. als seien diverse Sternschnuppensplitter über Nacht zu funkelnder Kitschbeleuchtung in Pipilottiristfarben gereift. Vergleichstest: schmeckte der Hinterrhein mineralisch, schmeckt der angeeiste Vorderrhein vor allen Dingen weich. Jenseits des Rheinflüßleins ragt der düstere Kaltwald, und diesseits auf Rueras, Sedrun, an dessen Holzhäusern Vic Hendrys romanische Heimatgedichte zu lesen stehen, blöken die Schafe vor fototapetentauglicher Bergkulisse ihr ewiges warum? warum? warum?

Bündner Gerstensuppe

Mündlich überlieferte Geschichten aus den Bündner Dörfern sammelte Arnold Büchli bis in die 1960er Jahre für seine „Mythologische Landeskunde von Graubünden. Ein Bergvolk erzählt“, drei fette, nach Regionen geordnete Bände von jeweils knapp 1000 Seiten Stärke. Hieraus eine aus der Ursprungsgegend des Vorderrheins: „Zwei Leutchen von Selva hielten Hochzeit und gingen nach Sedrun in die Kirche. Nachher sind sie in großer Eile heimgegangen und haben ihre Mehlsuppe mit Knollen gegessen. Es war im Frühling, und man trug Mist auf die Wiesen. Kaum waren die beiden Hochzeitsleute zu Hause angekommen, zogen sie ihre Werktagskleider an und machten sich ans Mistaustragen wie die Nachbarn. Ein paar Jahre später an einem Wintertag machte sich der gleiche Mann den Bart vor dem Fensterglas, hinter das er eine Schindel gestellt hatte. Eine Gesichtshälfte war schon sauber geschabt, da ist die Lawine gekommen und hat die bretterne Diele heruntergedrückt, und vor Schrecken schnitt er sich das Ohr ab. (…) Da kam gerade die Frau in die Stube und er hat ihr geklagt: jetzt habe er sich ein Ohr abgeschnitten. Sie hat aber gar nicht darauf geachtet, nur gejammert: „O weh, der Erzhafen mit dem guten Fleisch und der Gerstensuppe! Das ist das Schlimmste!“ Das Mittagessen reute sie, denn sie hat gemeint, es sei alles zugrunde gerichtet in der Küche. Diese war zum Teil gemauert, dort hatte die Lawine größern Schaden getan. (…) Aber der Erzhafen war unversehrt, alles in Ordnung, in einer Ecke das Feuer, nicht erloschen, und die Suppe kochte noch. Das hat die Frau gefreut. Aber das Ohr ihres Mannes galt ihr nichts.“ Eine Geschichte, so kräftig wie die Bündner Gerstensuppe selbst. Wie wohltuend diese z.B. gegen Kälte wirkt, erfuhr der Autor gestern Abend. Bereits den ganzen Tag war die Kastellanin mit der Zubereitung beschäftigt, zwei riesige Kessel dampften vor sich hin, die Bürgerversammlung wollte verpflegt sein, am Abend brachte sie auch dem zurückgekehrten, höhendurchfrorenen Gast einen Eimer in seinen Atelierflügel: deftig, heiß und stark. Fortab eine willkommene Bereicherung auf Rheinseins wachsendem, zunehmend international geprägten Wintersuppenspeisezettel.