Sélestat

Mindestens zwei Eckpfeiler des modernen Christentums gehen auf Schlettstadt zurück: die Tradition des Weihnachtsbaums und die erste, vom Schlettstädter „Erfinder des Buchdrucks“ Mentel zurechtgeletterte Bibel in deutscher Sprache. Entsprechend gigantisch fällt die (Ganzjahres?)Weihnachtstanne am Ortseingang aus, dessen äußerst chaotische Straßenführung allerdings die Aufmerksamkeit vom Baum auf das surreale Asfaltrhizom mit seinen zur optischen Zierde applizierten Zebrastreifen lenkt – alles in allem ein Gesamtkunstwerk von Ortseingang, das den Fremden nicht nur zum Nachdenken anstiftet, sondern auch zu äußerster Vorsicht bei der Straßenquerung animiert. Sélestat selbst entpuppt sich als hübsches, kleines, leicht verwirrend organisiertes Städtchen, dessen Architekturen erfreulich organisch miteinander verkehren, Fachwerk findet seine Fortsetzung und Multiplikation im Spiegelglas, Sandsteintöne sorgen für die richtigen Schwingungen, der dem Elsaß immanente und hochnotwendige Anschein von Abnutzung bleibt somit auch an jüngsten Gebäuden gewahrt, welche älteren Scharten wiederum den Schrecken nehmen, nichtmal Vaubans Tätigkeiten brechen das Stadtbild, treibende Rockmusik dringt aus Modeboutiquen und offenen Fensterluken der sympathisch-schmuddeligen Gassen, eingeglaste Pot-au-feus, in schwierigen Schraubfiguren gougelnde Houpfs und klobige Fleischpasteten im Brotmantel beherrschen die Schaufenster, verwaiste Storchennestpräparate tun ihr übriges, das Elsaß verwirft sich einmal mehr auf sich selbst in Sélestat und macht das an dieser Stelle ganz, ganz prima. Plus Illidyll: mit künstlichen Hindernissen versehen fungiert ein Abschnitt als fleißig genutzte Wildwassertrainingsstrecke, auf Les Tanzmatten zu rauscht und glupschert das Flüßchen, Perlenschnur der Region, Richtung Vollnatur, schmücken treibende Inseln aus Pappellaub das klare huschende Naß, ob`s Fische sind oder Schatten von Weidenzweigen, mit denen der freundliche Lauf parliert, gen Norden geht’s, in Milde flankiert von champignonbestandnen Wiesen, in größtmöglicher Unschuld dem Rhein zu. Îles flottantes gibt’s auch als Dessert zu den Fleischkrautmittagstischen auf den sonnenbestrahlten Terrassen des tarteflambierten Altstadtpflasters, die Restaurants und Bistrots tragen Traditionsnamen wie „Zur Rippe eines prähistorischen Tiers“ – kein Wunder, daß sich Europas größte Humanisten in diesem Städtchen einst pudelwohl gefühlt haben mußten.

Ins Elsaß

Fahles Licht, als sei`s aus der Gutedel-Rebe gekeltert. Wie ein kleines, der Region vorbehaltenes Weltwunder buckelt der Kaiserstuhl in grüngoldner Beleuchtung. Um ihn rum ziehn flache Bodennebelfelder in bedeutsamer Prozession. Eigentlich existiern solche Landschaften nur in christlich motivierter altmeisterlicher Lasur oder weltflüchtigen Airbrush-Fabelwelten. Fehlte noch, daß hündchengroße Einhörner umhertollten. Übern Rhein, übern Grand Canal ins gleichnamige Elsaß. Neuf-Brisach hat sich zum Herbst hin deutlich tiefer als sonst in die Erde gegraben, mühsam, doch gleichmäßig atmen die Häuser aus ihren knapp über Bodenlevel befindlichen Dachluken, der Überlandbus kreuzt die von Vauban symmetrisch im (benebelten?) Sinne einer Rosenblüte angelegten Straßen, niemand steigt ein und schon gar keiner aus – bis zum Frühjahr, wenn die derzeit so angegriffenen Häuser wieder selbstvergessen aus dem Erdreich lugen, wird es das letzte Linienfahrzeug gewesen sein, das, gleichsam touristisch, in die unnützeste aller Festungsstädte eindrungen ist. Schöner Kontrast: Raben picken das Weiß ausm Mittelstreifen, es geht auf Colmar zu, vorbei an Dörfern mit totalitär klingenden Namen (Wolfgantzen), die von den Namen ihrer Einwohner (Chertzinger) jedoch mindestens wieder neutralisiert werden. Das Farbempfinden des Elsässers sei eben ein anderes, weiß eine Dame aus der hintersten Sitzreihe: strohiger die Felder, brauner die abgeerntete Ackerkrume, goldner die sonnengesättigte Luft als auf der badischen Seite, den perwollgewaschnen Himmel schmücken ausflockende Kondensstreifen, von rostigem Wein und wohlgestalten Burgen bestanden die Vogesen, vermitteln sie „von den blauen Bergen kommen wir“ den Eindruck des Tors zum wilden Westen, „singing yeah, yeah, jippie, jippie yeah“!

Neuf-Brisach

In der nur gelegentlich von motorisierten Rasern durchbrochenen Sonntagsruhe legt sich die Landschaft in aller Sorgfalt und mehreren Klarlackschichten über sich selbst. Um Mittag herum kündigen sich für den Abend Regenwolken an, erst wollen sie aber noch was über die Vogesenkämme zockeln. Vorm Basler Tor (wieviele Basler Tore hab ich in den letzten Tagen gesehen: zehn? zwanzig?) der oktogonal-sternförmigen Vauban-Festung Neuf-Brisach am Square Rhin et Danube ein Denkmal in Schwertform („à nos frères d`armes 1870-71“) einerseits und ein sehr zurückhaltendes laminiertes Pappschildchen mit einer Hommage eines anonymen Autors an die Ehemaligen andererseits: „Oyez… Oyez vous qui passez. Jeunes gens souvenez vous la plus part ont disparu, ceux qui restent sont fatigués par le poids d`années. Comme toi ils ont eu vingt ans mais pour eux c`était la guerre. Ils ont combattu, ils ont connu la misère, ils ont vu la mort, ils ont souffert dans leurs chair et dans leur coeur, mais toujours ils ont gardé l`espoir du retour et d`un monde meilleur. Ils ne demandaient rien. Mais je vous dis, fermez les yeux et ayez une pensée pour eux. Merci.“ Dazu ein Bild mit Soldaten, hinter die Festungsmauer geduckt. Kaum ist der Vaubansche Stern geentert, erklingt Musik: aufm Rasenstreifen an der Mauer ist heut ein Freiluft-Super-Karaoke eingerichtet, wo die auch am Wochenende weißbekittelte Bäckereiverkäuferin Blondietitel und französische Schlager nachsingt, notfalls mit Vollplayback. Abgerissenes Publikum, Bier aus Plastikbechern. Der erste Eindruck innerhalb der Mauern bestätigt sich an jeder Ecke: ein versifftes Örtchen, das schon als militärische Festung niemals sonderlich taugte und nun hinter seinen denkmalgeschützten Wällen gegen jeden Ausbau gefeit im eigenen Saft vor sich hingart. Erinnert mich an die Geschichte jenes elsässischen pot-au-feu, eines ewigen Eintopfs in einem riesigen Kessel, der in einem namenlosen Traditions-Restaurant jeden Tag wieder neu aufgefüllt doch immer noch Reste vom Vortag enthalten soll, sodaß er bis heute die geschmacklichen Essenzen vergangener Jahrhunderte enthalte. In einem Schaufenster ausgestellte Einmachgläser enthalten Choucroute garniture royale (mit Bauchspeckstreifen) und Baeckaoffa, einen früher auf der Restwärme der Brotbacköfen erwärmten Eintopf. In einem weiteren Schaufenster steht auf einem handgeschriebenen Zettel, daß Väter ganz besondere Menschen sind. In der Mitte des Städtchens der Exerzierplatz, auf dem heuer Markt gehalten wird. Erinnert stark an Saarlouis. Vauban halt: mauerdick, mit Graben außenrum und Glacis in jede Himmelsrichtung. Man stellt sich lebhaft die Louis XIV-Perücken beim sternförmigen Spaziergang übern staubigen Kopfstein vor: voltieren, hecken, zecken. Die Kirchglocken sind mittlerweile (als Friedenssymbol) mit denen des Breisacher Münsters abgestimmt und beide Städte jumeliert. Nun denn, und weil außer einer langsam näher rückenden Regenfront so ziemlich gar nichts los ist: auf zurück gen Breisach!