Marcel Crépon vom Rheinfall

Liebes rheinsein,

Eine Wand des Zimmers, das ich zum Sommerende bewohnte, schmückte ein Ölgemälde. Wenn das Motiv (ein Stillleben mit Weintrauben, Apfel, Birne, einem Krug) der klassischen Tradition entspricht, so ist die Darstellung ungewöhnlich, indem der Maler die Vergänglichkeit der Dinge durch einen Schnipser angedeutet hat. Unsichtbar die dafür verantwortliche Hand, umso effektiver das Umkippen der mit verblassten Weintrauben gefüllten Schale. Durchs Fenster ließ sich auf der gegenüberliegenden Wand die Welt erblicken. Felder mit hochgewachsenem Hopfen im Vordergrund, der Bodensee, und im Hintergrund je nach Wetterlage die Voralpen. Berge. Everest, Ventoux, Kilimandscharo, Säntis, Berge sind da, damit wir hinauf gehen können, um, ist der Gipfel erreicht, auf andere Berge Ausschau zu halten. Aber nicht nur, wie ich ihnen nun berichten werde.

Mit dem Namen Agaric werden Sie wenig anzufangen wissen. Nach Pferdeschweiß, rostiger Rüstung und klirrenden Waffen klingt er – tatsächlich handelt es sich um einen Pilz. “Sebastian Münster”, erzählte mir mein Begleiter als wir eine Pause im Schatten einer Lärche einlegten, “erwähnt ihn in seiner “Cosmographie”, zitierte eine, benutzte jedoch zwei Schilderungen Plinius des Älteren, und brachte ein bisschen alles durcheinander. Da wo der Ingelheimer versicherte, der Pilz sei ein ausgezeichnetes Mittel gegen Kopfschmerz, sagte der Römer, er würde Cephalgie verursachen. Eigentlich beschrieb der Gelehrte den Lärchenschwamm (Polyporus officinalis. Bei Plinius: Agaricus officinalis), doch verwendete er dafür eine Zeichnung von Agaricus arvensis.” Mein Begleiter skizzierte die Holzradierung nach. Schnell jedoch bekam ich den Eindruck, dass dieser Agaric mehr einem Atompilz glich als einem Aspirin, oder dem Blatt einer Kreissäge, und nicht nur Migräne, sondern eine Menge anderes verschwinden zu lassen in der Lage war. “Irrtum, im Gegensatz zum Agaric Amanita muscaria ist Agaricus arvensis ganz harmlos, lässt sich ohne Gefahr fürs Kochen verwenden.” Was mich jedoch interessierte waren weniger die medizinischen oder kulinarischen oder sonstigen Eigenschaften des Pilzes, als vielmehr der Beiname, welchen mein Begleiter irgendwann fallen ließ: Schneeball.

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Ich hatte mal von einen Ritter gehört, der statt der üblichen Menagerie, Pflanzen und abstrusen Symbolen, etwas ähnliches als Wappen führte. Stellen Sie sich nur vor wie dieser Ritter einer Lawine gleich in die Schlacht galoppierte und mit Geschrei seinen Feinden drohte: “Ihr verfluchten feigen Säue! Eure Glieder werde ich zerhacken, eure Gedärme aufsaugen, eure Hirne wie Schneebällchen schmelzen lassen!” Schließlich erreichten wir unser Ziel, die Wetterstation auf der Säntisspitze. Unser Ziel war natürlich nicht eigentlich sie, sie stand nun aber da und konnte als solche wahrgenommen werden – und wurde es in der Tat, betrachtete man das bunt bekleidete Volk, das ebenfalls den Gipfel erobert hatte. Manche kamen noch zu Fuß. Einige hielten beim Gehen einen Stab vor sich hoch. Pilger vielleicht, die sich eine besondere Form der Buße ausgedacht hatten? So war es nicht. Keine Jakobsmuschel hing am Ende des Stabs befestigt, sondern: eine Kamera. Andere bevorzugten die Schwebebahn, darunter zwei eifrige alte Damen. Immer wieder ein Stück Zeitung nachlesend, untersuchten sie akribisch den Boden.

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(Fortsetzung folgt)

Schaftobelfall

schaftobelfall_lmDer Schaftobelfall, pittoresk stürzender Bestandteil des Schaftobelbachs, eines Nebenflußes der Albula, die als Quellarm des Rheins heuer kaum mehr Beachtung findet. Ein Lehrschild zu Füßen des Sturzes klärt über Wasserfälle als Fischgrenzen auf: “Zwar können einige Fischarten kleine Stufen und Schiessstrecken noch überwinden, aber Wasserfälle mit einer Fallhöhe von drei Metern und mehr lassen auch für den Wildlachs keine Wanderung mehr zu. Der einzige Fisch, der eine solche natürliche Barriere umgehen kann, ist der Aal. Aber auch er kann nur Fälle mit optimalen Bedingungen überwinden, so etwa den Rheinfall.” Hier widerspricht die moderne Lehrmeinung dem großen Kosmografen Sebastian Münster, der steif und fest über den Rheinfall behauptet hatte, “es mögen auch keine Fisch die Höhe dieser Felsen übersteigen, wann sie noch so lange krumme zeen hätten, wie das Mörthier Rosmarus oder Mors genannt”. Der Lehrtext endet in bestechender Logik: “Wenn in einem Gewässer also Fische oberhalb eines Wasserfalls vorkommen, so müssen sie entweder schon vor der Entstehung des Falles dort heimisch gewesen, oder durch den Menschen dorthin gebracht worden sein. Beispiele dazu lassen sich in verschiedenen alpinen und voralpinen Fliessgewässern finden, wo regelmässig Fischeinsätze durchgeführt werden”. Eine recht anthropozentrische Beweisführung, die völlig außer Acht läßt, daß Fische von anderen Tieren in die Höhe transportiert werden könnten, oder (als Quasibeiheftung des Wasserkreislaufs als ichthyöser Regen bzw als schlichtes sterntalerartiges Wunder, das aus dem Himmel fällt) aus der Höhe selbst darniederkommen könnten. (Bild: Lutz Mittler)

Der früheste Rheinfall

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Die Entstehung von Joachim Patinirs “Taufe Christi” wird auf den Zeitraum von 1515-1524 datiert. Es soll den Rheinfall bei Schaffhausen enthalten und wäre somit noch vor einer Illustration in Sebastian Münsters Cosmographia die erste bekannte bildliche Darstellung dieses Naturfänomens. Um die zentrale Taufszene erstreckt sich, von Gott aus einer Himmelslücke beobachtet, eine aus verschiedenen idealisierten Komponenten zusammengefügte Landschaft von wunderlicher Schönheit, ein frühes Fantasy-Gemälde. Jesu Tauffluß, der Jordan, springt hier aus einem schäumenden Wassersturz ins Bild, der tatsächlich stark an den Rheinfall erinnert.

Für die Neue Zürcher Zeitung hat der Kunstgeschichtler Prof. Felix Thürlemann Patinirs Gemälde und das darin enthaltene Rheinfallmotiv  in einem lesenswerten Artikel ausgedeutet.

Der frühe Rheinfall

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Dieser Stich aus Sebastian Münsters Cosmographia von 1544 galt bis ins vergangene Jahr als früheste bekannte Darstellung des Rheinfalls. Der Wassersturz wirkt deutlich höher und schlanker als spätere Ansichten, die aus der Strommitte ragenden Felsen fehlen. In Münsters Beschreibung der Cataracta Rheni sind die Fälle “etwan zehen oder zwölff clafftern hoch”, was knapp unter der heute angenommenen Höhe von rund 23 Metern liegt. Münster konstatiert ob dieser Falltiefe, daß kein Fisch die Fälle zu übersteigen vermag, nicht einmal solche Fische, welche so lange krumme Zehen wie ein Walroß besäßen.

Rheinische Tierwelt (19)

tierwelt_münster_murmelIch möcht wol vil von dissem thier schreiben / wan ich nit eylen müst in andere lender die zu besichtigen und zu beschreiben. Dan ich hab deren thier ein par in meinem hauß / die mir zugeschickt hat herr landvogt Johannes Kalbermatter / deshalb ich jr natur zum theil erkundiget hab / in den drey oder vier monaten die weyl sie bey mir gewesen. Plinius nent das thier murem alpinum / ist darnach genent worden mus montanus / das ist / ein bergmauß / wie es die welschen noch murmont nennen / aber die Teütschen nennen es mormelthier / felicht darumb das es morret / unnd korret all mal so es schlafft. Es sicht gleich wie ein groß künglin / hat aber abgeschnitten oren / ein schwantz der einer spannen lang ist / lang vorderzen / beißt übel so es erzürnt wirt / hat kurtz schenkel / die seind under dem bauch gantz dick von har gleich als hett es schlotter hosen angezogen / hat beren tapen und lang klawen daran / mit denen es gar onbillich tieff in das ertrich grebt. So man jm etwas zu essen gibt / nimpt es das selbig in sein vorder füß wie ein eichhörnlin / sitzt uffrichtig wie ein aff biß es solichs gessen hat. Kan auch uff den zweien hindern füssen ghan wie ein ber. Milchspeiß ißt es fast gern / und schmatzt darzu wie ein iung ferlin. So sie miteinander spilen / schreien und rerren oder bellen sie darzu wie die iungen hündlin. Sie schlaffen trefflich vil / und wann sie wachen mögen sie onfantisirt nit sein. Wann sie stro / hew / lumpen / dischlachen unnd dergleichen dingen finden / tragen sie es alles in jr nest / stossen auch das maul so voll / dass nichts mere darin mag / dz überig schleiffen sie hernach / ist fast kurtzwylig zu sehen. Sie essen allerley speiß / fleisch / fisch / milch / brot / suppen / gemüß / etc. Etlich seind graw und etlich rot farb. Die grawen sollen zamer sein dann die roten. Ich find in mein zweien das widerspil / So sie in den wilden bergen seind /unnd wollen auss jren löchern uff die weid ghan / bestellen sie eins das bey dem loch bleibt und die wacht halt / und das lugt fleyssig umb sich / und als bald es leüt oder viech sicht / faht es an zu pfeiffen oder bellen / dan lauffen sie alle zu dem loch. Ir geschrey laut gleich wie ein scharpffe pfeiff  / die eim in den oren wee thut / zeigen domit an enderung des wetters / wie wol sie auch also pflegen zu schreyen wann jn etwas widerdruß beschicht. Es schreibt Plin(ius) dass zu herbst zeyten so der winter her zu streicht / sie sich gar empsig rüsten und den winter leger zurichten. Sie faren aus jren löchern und lesen allenthalben helm und hew zusammen / und eins von jnen legt sich an rucken / richt die vier bein obsich / und die andern legen uff es gleich als uff ein wagen alles so sie zusammen geraspelt haben / nemen es darnach bey dem schwantz und ziehen es wie ein geladen wagen zu dem loch. Und doher kompt es / das sie zu der selbigen zeyt geschunden seind uff dem rucken. Wann sie nun das nest also zu bereit haben / beschliessend sie sich selber mit herd und grundt / dz kein lufft noch feüchtigkeit zum nest komme / ligen und marpfflen oder schlaffend also den gantzen winter biss zum früling oder glentzen / wickelen sich zusammen in die rundi wie ein igel. Daruff haben die leüt in den thälern gut acht / graben zu jnen und nemen sie herauß mit dem nest / sie erwachen auch nit biß man sie thut an die sonnen oder nahe zum feüwer daß sie wol erwarmen. Man findt / gemeinlich in eim nest 7, 9 oder 13. Ist ein edel essen den kintbetterin / auch ißt man sie für die muter und das krimmen im bauch / oder schmirt und salbet den bauch mit irem schmaltz. Dienet auch wol denen so übel schlaffen mögend. Sie seind über dem rucken trefflich feißt und ist sunst wenig fleisch an jnen / wie wol sie nit ein recht feißte haben / sunder ist gleich wie der brustkern in eim ochsen / dz weder fleisch noch feißte ist. (Sebastian Münster, Cosmographia)

Kinzig

“Das volck so bey der Kyntzig wohnet, besonders umb Wolfach ernehret sich mit großen Bawhöltzern, die sie durch das Wasser Kyntzig gen Straßburg in den Rhein flötzen und groß Gelt jährlich erobern.”
(Sebastian Münster, 1550)

“Du werthe Kintze du, die du mein Sittewaldt
Wilstätt, iezt wild und öd, mit deinem strohm beteichest,
Nicht über gross, doch gut mit Lachs und Holz bereichest,
Wilstätt, befreyter Lust vorhin ein auffenthalt,
Jetz, dass es Gott erbarm, ein eingeäschte Statt,
Du werte Kintze du, in deren ich geschwommen,
Jung, Muttig, ehe ich ward auss deiner schooss genommen (…)”
(Johann Michael Moscherosch, 1652)

“Sie kommt von Wittichen, hat einen sehr ungleichen Lauf, führt in ihrem Bett sehr groben Kies und derbe Wacken, geht an Offenburg vorbei, fließt nach der Seite von Straßburg hin und fällt bei einem Dorfe in den Rhein. Zuweilen schwillt sie gewaltig an.”
(Heinrich Sander, 1781)

“Regenbogen über der Kinzig  hat schönes Wetter in sich, Regenbogen über dem Rhein: dann regnets neun Tage drein.”
(Volksmund, undatiert)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben. (2)

Die ander oder vnder Germania / ist gewesen von Cöln abhin biß an das möre / vnd hat sich gegen vndergang gestreckt biß zu der Mas / vnd waren jre fürnempste stett / Agrippina Vbiorum / das ist Cöln / vn Tungri / do nachmals ein bisthum auffgericht ward / aber jetzunt zu Lüttich ist. Des gleichen hetten die Römer auff der Tonaw auch jre prouintzen / nemlich Rhetia / Norico vnd Pannonia. Sie vnderschieden Rhetiam in zwo prouintzen / die erst Rhetia begreifft in jr den Bodensee / vnd waren diß die fürnempsten stett darin / Bregentz / Arben / vnd was den Rhein hinauff biß ghen Chur zu gelegen ist / vnd item das Lintzgöw vn Allgöw biß an den Lech. Das ander Rhetia ist gangen von dem Lech biß an den Yn / vnd hat in jm begriffen Augustam Vindelicam / das ist Augspurg / do sich gehalten hat der schatzbehalter der selbige prouintz. Darnach seind zwo andern prouintzen komen / die haben geheissen prouintie Noricorii / die haben sich gestreckt über Oestereich biß in Ungerland / das laß ich hie anston / vnd kom widerumb auff vnsern Rheinstrom. Do Julius der erst keyser lag in Sequania bey Bisantz / kam gegen jm gezogen Ariouistus der hohen Teütschen künig / mit eine grossen hore das er über Rhein gefürt hat / aber er ward von dem keyser in die flucht geschlagen / vnd kamen wenig mit jrem leben daruon / die über den Rhein schwumen / oder sunst mit kleinen schifflin daruber kamen / vnd dem fyend entrunen. Dise schlacht sol geschehen sein ein meil wegs fern von Basel an dem ort das jetz heißt Apollinaris. Darnach legt sich diser Julius mit seine kriegßuolck auff de Rhein vnd schwam offt mit jnen darüber / vnd strit wider die Teütschen. Jm Niderland bey den Vbijs vnd Menapijs / das ist bey Cöln / vnd im Gellerlad / macht er zwo brucken von holtz über den Rhein / domit er mit gewalt möcht an die Schwaben setzen / die dozumal herschere biß an die Elb / vnd den überrheinische vil trangs anthete. Aber wan er sie ergriff / ertrunen sie jm vnd verlieffen sich vnd verborge sich in dem Hartzwald oder in den lachen / vnnd hülen / das er jnen nichts oder gar wenig mocht abgewinnen. Aber was über dem Rhein gegen Franckreich / vnd über der Tonaw gegen dem Alpgebirg ligt / bracht er vnd sein nachkommen Augustus alles vnder der Römer gewalt. Zum aller ersten überkamen sie das ober theil an dem Bodensee / darnach das Sunggöw vmb Bisantz / darnach den Straßburger strich vnnd das ober Germaniam / mit der reuier vmb Metz vnd Trier / darnach das ander Germania / vnd dar zwischen brachten sie auch vnder jren gewalt beide Rhetiam vnd Noricum vn Pannoniam / das ist das Allgöw / Lechgöw / Baierland / Oestereich / Steiermarck biß in Ungern / aber von dem rechten Teütschen land / zwischen dem Rhein vnd der Tonaw begriffen / hetten sie nichts. Sie strebte aber lange zeit mit allem vermögen darnach / vnd hetten es gerings vmb an disen wässern vmblägert mit kriegern vnd hauptleüten / vnder wölche der keyser Julius der erst was der sie anfieng zu kriegen. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben.

MJt was grosser müh vnd arbeit / ia kosten vnd verlust die Römer vorzeiten haben gestritten wider das Teütsch land / ist niemand on wissen der echter gelesen hat die alte historien. Es ist jnen gering gewesen vnder jren gewalt zubringen Hispaniam / Galliam / Britanniam / Greciam / Asiam / Egypten / Macedoniam vn ander villänder / aber Teütsch land wolt sich nit also liederlich ergeben / besunder das Teütsch land das der Rhein von occident / vnnd die Tonaw gegen mittag als starcke rinckmauren beschleüßt. Es hat manch tausent man müssen darüber zu grund ghan zu beiden seiten / wie du hören wirst. Dan die Teütschen theten solichen gewaltigen widerstand den Römern vnd allen jren fyenden / das vnder jren nachbauren ein solich sprichwort auß gieng. Will einer übel streiten / so reib er sich an die. Teütschen. Vnd wil einer streich lösen / so fahe er an ein zäck mit den Teütschen. Es habe die grausamme vnnd stäte überfäl der Teütsche gegen jren nachbauren den Römern so vil zu schaffen geben / das sie an eroberug Germanien offtermals verzweifflet / allein understünden jre prouintzen gegen den Teütschen vor überfal zu beschirmen / deshalb sie beide flüß Rhein vnd Tonaw auff jrer seiten mit vil trefflichen stetten vnd befestigungen verwaretend / als dan seind am Rhein / Bingen / Bopparten / Jngelheim / Mentz / Wormß / Speier / Rheinzabern / Seltz / Straßburg / Augst ob Basel / Keyserstul / Costentz / Arbon / vnd an der Tonaw / Augspurg / Regenspurg / Passaw / etc. Durch dies stett habe die Römer verhütet / das die Teütschen mit den jren / noch sie hinwider mit den Teütschen kein gemeinschafft dorffte haben. Der starck vnd namhafftig held Julius der erst keyser / legt sich zum ersten wider die Teütschen / vnd nam jnen die stett so an dem Rhein gelegen waren / die vor zeiten vnder den Galliern waren gewesen / aber durch die Teütsche erobert vnnd den Galliern ab getrungen / alsdann fürhin gemeldet ist / wie die Teütschen mit grossen scharen über den Rhein gefaren / die besten länder yngenommen vnd besessen haben. Do nun die Römer begerten des Rheinstroms vn den mit gewalt jnen zuziehen wolten / haben sich die Teütsche nit gesaumpt / sunder jnen fräuenlichen widerstand gethan. Doch mochte sie den Rheinstrom vo Basel an biß ghen Mentz nit behalten / sunder die Römer brachte jn zeitlich vnder jren gewalt / vnd besetzten alle stett vnd vn wärhafftige flecken mit haupleüten vnd kriegern. Die machten prouintzen darauß vnd vogteien / vnnd gaben den eroberten Teütschen ländern herzliche tittel vnd setzten grauen vnd hertzogen daryn. Die erst vnd gröst prouintz begreifft in jr Heluetiam / Sequanos vnd Rauracos/ das ist / Schweytzerland gegen Burgud / das Sunggöw biß ghen Bisantz vnd Baßler ladschafft biß ghen Colmar. Der hauptman diser prouintz hielt sich zu Bisantz / vnnd der vnder jm ander hauptleüt / vnder welchen einer sich hielt / bey Basel im Hole / der wartet das die Teütschen nitt über Rhein kämen / vnd den Römern in das land fielen. Nach diser prouintz kam Tractus Argentoratensis / das ist der Straßburger strich / vnd fieng an ob Schletstatt vnd gieng biß vnder Straßburg / wölche landschafft wir ietz zumal das vnder Elsaß nennen. Jr vorweser hieß der Straßburger graue / vnd was dem hertzogen zu Mentz vnderworffen. Do gieng an das erst Germania vnd begriff vnder jm das Straßburger land / Speirer land / Wormsser land vn Mentzer land. Die andern nennen es das ober Germaniam / vnd strecket sich biß in Lothringen. Ptolemäus streckt es biß an die Mosel / die er Obrincam nent. Sein oberster vorweser oder hauptman saß zu Mentz / vn her vnder jm eylff vögt / die hatten jre sitz / einer zu Salerion / das ist Seltz / einer zu Zabern / einer zu Vico Julio / jch acht es sey Weyssenburg oder Landaw / einer zu Speier / einer zu Alta ripa vnder Speier / das jetz heißt Altrip / einer zu Worms / einer zu Mentz / einer zu Bingen / einer zu Bodobriga / jetzunt Boppart / einer zu Confluentz oder Cobolentz / vn einer zu Antonaco / jetzunt Andernach. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Was bei den gletschern verstanden

Kleiner Exkurs mit Sebastian Münster zum mormelthierbewohnten Rhône-Gletscher und auf den Furkapaß mit unverkennbaren Analogien zum Rheinursprung:

“WJewol die gletscher nitt bergwerck noch metallen seind / seind sie doch gleichförmig in der reinigkeit den lautern Cristalle / werden zum mherern theil gefunden gegen mittag auff den höchsten vn wilden berge / die man nent schneeberg / ist aber nit schnee noch yß in seiner natur eigentlich / ist vil mere ein verherter eyß / dz auff der höhe der bergen nimmer zerschmiltzt / sunder vo zwey oder drei tausent jar her do gelegen ist / vn gar nahe zu eim stein worden. Vnd so ettwan ein stuck herab falt in ein thal / bleibt es lange zeit ligen ehe es zu wasser resoluiert wirt / on angesehen die grossen hitz des sumers od der sonnen glantz. Jst auch sein eigenschafft dz er sich selber purgiert vnd reiniget / das in jm kein erd / sand / stein / groß noch klein / auch kein andere matery bleibt / er duldet der ding keins / biß das er als rein wirt wie ein cristall. Jst an vil enden ongrüntlich tieff / macht auch zum offter mal grosse schrunden vnd spält / das gar sorglich ist in pässen / vn auch den jägern / besunders so die spält mit schnee bedeckt werde. An vil ende seind die vssgerissen schrunden drey oder vier hundert claffter tieff / ettlich ongrüntlich. So einer zu sumer zeiten anfahe spalten / ertönt darvo so ein grausams krache / gleich als wölt das erdtrich brechen. Die jäger hencken dz fleisch vnnd wilprät darein zu summer zeiten / darmit es darin gefrier / vnd wirt also darin behalten biß es jne füglich ist bey güter weyl zu verkauffen. Es braucht auch dz ladtvolck den gletscher in tödtlichen kranckheiten für artzney / nemlich darmit zustellen disenteria / dz ist / den rote schaden der von hitz kompt / vnd zu leschen acutas febres / das seind hitzige kranckheiten. Auch sagen sie das dz gletscherwasser zu vil dingenn gesundt sei. Es ist zu summer zeiten grimm kalt / gantz trüb vnd graw / gleich als were es mit äschen übersätet / vnd kompt allenthalben auß den thälern gelauffen mitt grossen becken. An ettlichen orten schüßt es oben herab von den hohen felsen / besunder zwüschen S. Moritzen vnd vnd Martinacht falt gar hoch ab einem felsen ein groß wasser / das ist grausam anzusehen. Es ist so eiß kalt ding vmb den gletscher / das man ein kanten mitt warmem wein mit eim stuck eins eyes gros grimm kalt machenn mag. Jch hab anno 1546. am vierdten tag des Augsts ein gesehen bey der Furcke / der ist bey zweier oder dreyer spieß dick / eines armbrust schutzes breit / der lenge mocht ich kein end über sich gesehen / ist fürwar ein grausamschen / es was ein stuck eines hauses groß daruon gefallen / das macht den anblick noch grausamer / es gieng auch ein bach mit wasser vnnd yß darauß / das ich mit meinem roß on ein brucken nit hinüber kommen mocht / Vn diß wasser soll der anfang sein des Roddans. Wiewol onfern vonn disem glettscher ein grosser brunnen herfür dringt vff dem berg / den hat man mir gezeigt als ein vrsprung des Roddans. Es lauffen auch allenthalben vonn den bergen wässer in disen ersten flusß / die meren gar bald den Roddan / fallenn mitt jm über berg vnnd felsen mitt eim solichenn rauschenn / das einer kaum mag gehören was sein gesell mitt jm redt / das wäret ab vnnd ab / biß man schier ghen Brig kompt das ein fall über den andern kompt / vnd menchmaldz wasser von hohem fallen in ytel schaum vnd nebel verkert wirt. Gleicher weiß beschicht vff der andren seiten über der Furcken mitt de wasser Rüß / dz sein ersten vrsprung nimpt ab de schnee vnd yß an der Furcken vnd andern noch vil höhern bergen die an die Furcken stossen / hangent. By vispisig deß Roddas vff dem berg grebt man vil Cristalle / es lauffen auch vil Mormelthier do / die lassen die menschen onbeschrauwen nit für ghan. Es ist vff der Furcken gar kalt / darumb auch ewiger schnee vnd yß darbey g fanden werden.”

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Topographia Germaniae

Haufenweise frühe Informationen über Orte längs des Rheins liefert (ab 1642) die Topographia Germaniae von Matthäus Merian (Stiche) und Martin Zeiller (Texte), wobei sich letzterer auffällig oft auf Münster und Freher beruft. Im Netz fehlen bisher die Teilstücke Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae und Topographia Circuli Burgundici, wodurch der bisher im Internet vorhandene frühtopografierte Rhein hauptsächlich auf einen deutsch-elsässischen reduziert bleibt, wobei der schwäbische Part nebst eigentlich sehr Badischem auch noch Vorarlbergisches und Liechtensteinisches umfaßt. Die Texte sind schön ediert bei Wikipedia vorhanden, weswegen an dieser Stelle nicht sonderlich viel daraus zitiert werden soll. Sie bieten neben vielen historischen und geografischen Hinweisen vergleichsweise (s. Dielhelm) wenig Anekdotisches, eine Stelle über Germersheim fiel mir jedoch sofort ins Auge: kannte ich Germersheim doch zunächst, bei einer Annäherung per Fahrrad in den achtziger Jahren, als einen jenseits der Landstraße liegenden Ort im Hitzenebel der Müllverbrennung, deren ekelhaft süßer Gestank nach Erbrochenem meinen Besuch vollkommen vereitelte und für mehrere Jahrzehnte aufschob, bis ich mich vergangenes Jahr schließlich von der anderen Rheinseite heranwagte. Umso schöner diese die (offenbar auch prä-MVA-)typische Germersheimer Luft behandelnde Stelle aus der Topographia Palatinatus Rheni: „Es gibt gute Jagten / auch Fischereyen herumb / und wird das Gold da auß dem Rhein gebracht / und gewaschen; hergegen die Lufft / wegen Außlauff deß Rheins / und Morasts / so den Orth daher befestigt / nicht sonderlich gesund ist.“

Dielhelms Hinterrhein (2)

“Hinter dem Flecken Tusis fließt ein kleines Wasser, die Noll genant, hervor in den Rhein. Es entspringt solches drey Stunden hinter Tusis in Cepina / an einem wilden, doch bewohnten Orte an dem Fusse des hohen Spitzbeuerinbergs. Es führet einen luckern schwarzen Modderschleim bey sich, welcher von allerhand Wassern, insonderheit auch von dem Schneewasser aufgelöst, je mehr und mehr weggefressen und fortgeschleppet wird. Sonderlich läuft es vom starken Regen öfters dermassen an, daß es großen Schaden verursachet, und den Einwohnern in Tusis ganze Häuser und Ställe mit vieler Erde wegfrißt, anbey wegen seiner dickschwarzen Farbe, die ziemlich lang dauret, und den ganzen Rhein schwärzet, abscheulich anzusehen ist. Im übrigen scheidet es das Schamser Thal und das Domlesch von einander. Diesem Tusis gegen über, zur rechten Seite an dem Hinterrhein, liegt ein hoher Felsen, der Sanct Johannesberg von einem diesem Heiligen zu Ehren vor Alters allda erbauten Kirchlein genant. Es hat derselbe Felsen eine gerad aufsteigende Höhe, worauf das alte Schloß Hohen Realt, oder Rhätia, lat. Rhaetia alta, zu sehen ist, und soll von dem Fürsten Rheto, der Räthier uralten Stamm= und Namensvater erbauet, oder doch nach ihm seyn genennt worden. Nunmehro liegt es öde und ist Alterthums wegen verfallen, doch sind noch vier aufrecht stehende feste Thürne und sonst andere alte Mauren, als namhafte Ueberbleibsel, davon zu sehen. Von diesen Orten richtet der hintere Rhein seinen Lauf gegen Norden, und verschluckt unterhalb Sils den Albelfluß, fliesset sodann unter der Zollbrücke durch, auf das Bischöflich Churische Schloß und Flecken Fürstenau und das Frauenkloster Ratz oder Razes. Dieses Ratz oder Razis, lateinisch Chacias, war ehemals ein vornehmes adeliches Benedictiner Nonnenkloster im Domletzger Thal am hintern Rhein, anderthalbe Stunden von Chur. Im Jahr 758. hat solches Paschalis, ein Graf in Rhäthien und Bregenz und der vierzehende Bischof zu Chur nebst seiner andächtigen Gemahlin Aesopeia, die aber Münster und andere Schriftsteller jedoch unrecht Episcopia nennen, eine geborne Gräfin von Hohen Realt, samt ihrem Sohn Victor dem Ersten, so nach seinem Vater Bischof zu Chur worden, gestiftet. Zur ersten Abtißin haben sie ihre älteste Tochter Vespula, und zur Stiftsfrau ihre jüngste Tochter Ursina verordnet. Im Jahr 1537. hat die letzte Abtißin gelebet, nach deren Absterben der Obergrauenbund das Kloster secularisirt und reformirt, und dessen Einkünfte unter seine Gemeinde zur Erhaltung ihrer Kirchen und Schulen ausgetheilet. Seit dem Jahr 1666. ist dieses Kloster wieder hergestellet worden, und hat nun eine Priorin zur Vorsteherin. Von diesem Kloster richtet der hintere Rhein seinen Lauf nach dem Dorf Rotels / nach den beyden zerstörten Schlössern Ortenstein und Juvalt / wie auch auf Rothenbrunn / wo ein Bad ist, ferner auf Dumilz und Räzuns, oder Rezins / lat. Rezona, Raethia Ima, oder Raethium Castrum, wendet. Es ist dieses ein Schloß, so auch noch seinen Namen von obgedachtem Rheto führet, und den Titul einer Herrschaft hat, so dem Erzhause Oesterreich zustehet, welches daselbst einen Verwalter, oder Voigt hält. Es ist dieser Ort eine Feste, so das sogenante Dumlesch bedeckt. Die Freyherrn dieses Namens sind schon im Jahr 1459. abgestorben.”

Sélestat – Bibliothèque humaniste

Die Humanistische Bibliothek in Sélestat hatte Rheinsein sich „irgendwie anders vorgestellt“: menschenleer, grau in grau, im Grunde wohl wie einen seit Jahrhunderten nicht mehr gefegten, von Papierstapeln überlasteten Speicher. Tatsächlich trifft der willige Bibliotheks-Besucher in einem etwas kuriosen Vorraum ein, der einiges Gerümpel beherbergt, das sich bei näherer Betrachtung als lokalhistorische Ausstellungsgegenstände entpuppt, auf wie grad nicht benötigte Wäscheständer beiseitegeschobenen Klappstellwänden tut die aktuelle Sonderausstellung mit Illustrationen des Genji Monogatari ihr bestes, mit den einheimischen Werken zu korrespondieren, zwischendrin hocken auf kirchenbankartigen Studiervorrichtungen mit Kameras bewehrte Wissenschaftler und filmen die nackten Innereien alter Bücher. Der gemeine Besucher wird auf samttuchbedeckte Vitrinen im Hauptsaal verwiesen. Darin befinden sich die aufgeschlagenen Schmuckstücke der Sammlung, welche großteils dem Lokalhumanisten Beatus Rhenanus zu verdanken ist: Merowingisches Lektionar (7. Jh.), ein liturgisches Werk mit Texten aus dem Alten Testament, der Apostelgeschichte sowie einer apokryfen Schrift, das Kapitularbuch Kaiser Karls des Großen (9. Jh.), Vitruvs de architectura libri X (also der zehnte Band über Baumaschinen, mit Bauzeichnungen, 10. Jh.), das Wunderbuch der heiligen Fides (karolingische Minuskel, 11./12. Jh.), Pergament-Abschriften der Werke Ovids und Horaz mit Leserglossen aus dem Mittelalter, Macrobius In Somnium Scipionis (13. Jh.), eine illustrierte lateinische Bibel (13. Jh.), Otto von Passaus Die minnende Seele, 1430 vom Schlettstädter Schuhmacher Jakob Leistenmacher (!) abgeschrieben und selber illustriert. Dem Heute inadäquat bis konträr: der Schreiber Versenkung in der Aufgabe (Selbstaufgabe), ablesbar an der überwältigenden Ausstrahlung über hunderte und tausende Seiten gestochener, dem Werk gebührender Schönschrift, während Briefe etwa deutlich nachlässiger verfaßt daherkommen. Ab den 1450 Jahren betrieb Mentel dann seine Druckerei in Straßburg: auch diese Inkunabeln zeichnen sich, ganz in der Tradition der Handschriften, durch eine geradezu anmaßende Schönheit des Satzes aus. Darunter: die Constitutiones von Papst Clemens V. (1471). Jakob Wimpfeling, Vertreter des Humanistendramas, Adolescentia (1500). Die Cosmographiae introductio von Matthias Ringmann und Martin Waldseemüller mit der ersten schriftlichen Erwähnung der neuen Welt als „America“ nach Vespucci (1507). Erasmus Lobgedicht auf Schlettstadt „Encomium Selestadii Carmine Elegiaco per Erasmum Roterodamum“ (1515) und desselben Opera Omnia, geschätzte zwanzig Kilo schwer (1540). Sebastian Münsters Kalendarium Hebraicum, aufgeschlagen mit Holzschnitten zu den Fasen der Sonnenfinsternis (1527). Jakob Spiegels Zivillexikon (1538). Johannes de Sacroboscos Allstudien de Sphera, mit Glossen von Beatus Rhenanus. Dessen Rerum germani carum und Kollegheft an der Sorbonne (das von äußerster Disziplin beim und Achtung gegenüber dem Schreibvorgang zeugt). Die unglaubliche Cosmographia Universalis von Münster, ein wahrer Brocken vor dem Herrn (1554). Natürlich enthält die Bibliothek auch die seinerzeit wichtigsten Schriften etwa von Augustinus oder Thomas von Aquin, sowie Meßbücher, Karten und ein Dokument, das die erste schriftliche Erwähnung des Weihnachtsbaums enthält. Eine besonders hübsche Zeichnung des Wald-Sanikels (als Sanickel). Gerahmt das ganze von Heiligenkrust und alten Stadtmodellen, sowie Zellen, in denen ehrfurchtsgebietend dunkel eingebundene Folianten in Regalen schnarchen, hin und wieder geweckt vom schrillen, und wie das Sicherheitspersonal jovial versichert, selbstauslösenden Alarm. Nur vordergründig erstaunlich, daß so viele Menschen sich Bücher hinter Glas anschauen wie in der Humanistischen Bibliothek von Schlettstadt, denn wer diese Bücher einmal gesehen hat, weiß fortab um ihre Attraktivität, und kaum auszudenken, was passieren könnte, falls die Stadt einmal zu einer Größe heranwächst, welche U-Bahn-Baupläne aufs Tablett bringen könnte.

Donauquelle

Die hübsch gefaßte Donauqualle, eine schöne Lau, für deutsche Verhältnisse beinahe antik, sagenhafte Schöpferin des unbeschreiblichen Blautopfblau, Kopf voll arschlanger Nesselfäden, fersenlanger Tentakeln, leicht besingbar, Suse und Meduse, mit den Jahren glycerin davongeschwemmt untern Wasserspiegeln. Schade, schade. Traditionsvereine pflegen ihr Andenken mittels heidnisch inspirierter Rituale besonders im Sommer am Rande abgelegener Baggerseen und vergleichbarer Lachen im südsüdwestdeutschen Raum.
„Verunreinigungen u. Beschädigungen der Anlage sowie das Fischen in der Quelle nach Gegenständen jeder Art, wird polizeilich verfolgt.“ (Fürstlich Fürstenbergische Liegenschaftsverwaltung)
Die Donauquelle, die offizielle wesenshelle Karstaufstoßquelle mit ihren blibbernden blabbernden Blubberblasen, säumen markige Sprüche, feist in Stein gemeißelt. Was dort hochsteigt aus dem Grund derer zu Fürstenberg, in einer Art sublimierten Volkskochtopfs, zwar nicht zuletzt weil die katholische Stadtkirche St. Johann sich in ihm spiegelnd Reines verheißt inmitten sektiererisch veranlagten Berg- und Waldchristentums: diese klare Suppe ergibt zunächst den unterirdisch abfließenden Donaubach, der sich am Rande des Schloßparks in einem heidnisch inspirierten Tempel der Brigach vereint, deren Zusammenfluß mit der Breg den eigentlichen Donauursprung markiert, nach anderer offizieller Rechnung (von denen es einige weitere gibt).
An der Quelle stehen und in ihren münzengefüllten Topf glotzen schafft Gefühlswallungen. Aus diesem ungetrübten Diamantwässerchen wächst dieselbe braune Donau, wie sie in Wien zu sehen ist oder in Budapest, die zickige weichherzige Rheinschwester, Tochter der Mutter Baar, Vater unbekannt, mit ihrem nibelungischen Ostverlauf eine ziemlich kräftige Mythenmaschine: doch hier in Donaueschingen werden in homöopathischen Dosen bereits die Wellen erzeugt, in denen im Flußverlauf Heutiges, Einstiges, Künftiges unwiderruflich vergeht, während es sich in religiöser Ekstase und natürlicher Logik einander auf Deibelkummnaus vermengt. Das ist groß, größer als die Touristenhorden, das hat bereits Sebastianus Munsterus begriffen, in präpauschaltouristischer Zeit und somit festgelegt in seiner Cosmographia, Beschreibung aller Lender, in welcher begriffen Aller völcker, Herrschafften, Stetten und namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glauben, secten vnd hantierung, durch die gantze welt, vnd fürnemlich Teutscher nation. Was auch besunders in iedem landt gefunden, vnnd darin beschehen sey. Alles mit figuren vnd schönen landt taflen erklert, vnd für augen gestelt. Damit der geneigte weniger welt- und wandererfahrene Leser sich auch zuhaus in einer ruhigen Stunde in etwa eine Vorstellung von Gottes Wundern machen kann.

Ansichtskarten vom Rheinfall

Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Händen,
Mir entstürzte, vor Lust zitternd, das meinige fast.
Rastlos donnernde Massen auf donnernde Massen geworfen,
Ohr und Auge, wohin retten sie sich im Tumult?
Wahrlich, den eigenen Wutschrei hörete nicht der Gigant hier,
Läg` er, vom Himmel gestürzt, unten am Felsen gekrümmt!
Rosse der Götter, im Schwung, eins über den Rücken des andern,
Stürmen herunter und streun silberne Mähnen umher;
Herrliche Leiber, unzählbare, folgen sich, nimmer dieselben,
Ewig dieselbigen -, wer wartet das Ende wohl aus?
Angst umzieht dir den Busen mit eins, und wie du es denkest –
Über das Haupt stürzt dir krachend das Himmelsgewölb!

(Eduard Mörike)

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Es ist ein grausam Ding zu sehen. Dieser Fall heißt zu unseren Zeiten am Lauffen. Es wirrt das Wasser so es oben herab fallt, zu einn gantzen schaum, es steubt über sich gleich wie weißer rauch. Do mag kein Schiff herab kommen, anderst es zerfiel zu stucken. Es mögen auch keine Fisch die Höhe dieser Felsen übersteigen, wann sie noch so lange krumme zeen hätten, wie das Mörthier Rosmarus oder Mors genannt.

(Sebastian Münster)

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Hier ist eine Wasserhölle. Kein Schauspiel der Natur hat mich je so ergriffen. Meiner Sophie wankten die Kniee und sie erblaßte… Grauenvolles, doch seliges Staunen hielt uns wie bezaubert. Es war mir als fühlte ich unmittelbar das praesens numen. Mit dem Gedanken an die geoffenbarte Macht und Herrlichkeit Gottes wandelte mich die Empfindung seiner Allbarmherzigkeit und Liebe an. Es war mir als ginge die Herrlichkeit des Herrn vor mir vorüber, als müßte ich hinsinken auf`s Angesicht und ausrufen: Herr Herr Gott, barmherzig und gnädig!

(Jakob Michael Reinhold Lenz)

***

volle shampoonade! faellt der schweizerrhein
durch die touristenschleuse mitten in geweitete
objektive. ganz natuerliche randale. echt recht
erschwinglich brausts & tosts & tolle blickwinkel

von ueberall aufm kaenzeli: am himmel wehen
schweizerkreuze, aufgeregt flattern eintrittsbillets
durch wacklige handkamerasequenzen, gehen
baden in der schlagsahne des betagten stroms

ueber beiden ufern aufgespannt schiebt so`n
doppelregenbogen dienst, grueszt militaerisch
vermarktbar ist der flecken allemal. in die wildnis
geschippte busladungen bewundern gottes

spaetwerk: mensch tausend kubik pro sekunde!
aufm parkplatz im gourmet imbiss wartet das
schnitzel danach. baeumt sich auf in der pfanne
nichts ist von dauer, steht auf den papierservietten

(stan lafleur)