Flaschenpost (4)

„Womöglich war der Sache Ursprung, daß ich als Kunststudent (vor gut 20 Jahren) öfter das Gemälde „Das Narrenschiff“ von Bosch im Louvre betrachtete und in diesem Zusammenhang von Sebastian Brant erfuhr. Das Bild konnte ich also sehen – das Buch lesen jedoch nicht. Denn eine französische Übersetzung war nicht aufzutreiben und der Originalsprache war ich damals noch viel weniger mächtig als heute.
Daß man Träumen keinerlei Glauben schenken sollte: diese Erkenntnis erlangte ich, als ich nach einem Traum den “Leichnam Christi” von Holbein d. J. im oben erwähnten Museum vergeblich zu finden suchte (um das Gemälde mit Dostojewskis Beschreibung zu vergleichen).
Als ich 2006 in Basel zu Besuch war, nutzte ich die Gelegenheit um endlich den Holbein im Kunstmuseum zu sehen und warf danach einen Blick auf Kataloge, Bücher, Postkarten. Ich kaufte zwei Holbein-Postkarten und – siehe da! Zwischen mächtigen, dicken, prachtvollen und dementsprechend teuren Veröffentlichungen lag das kleine Reclambändchen von Brant: nicht in altdeutscher Schrift (die für mich so verständlich ist wie japanische Ideogramme), sondern in lesbaren lateinischen Lettern. Auf Deutsch zwar, aber inzwischen war viel Wasser unter diversen Brücken hingeflossen und die vorherige Sprachbarriere so gut wie überwunden.
Abends nach einem Spaziergang tranken B. und ich ein paar Biere, unterhielten uns und stellten irgendwann fest, daß der Wurf eines Objekts in einen von Süd nach Nord fließenden Fluß zwangslaufig dieses Objekt, da wir im Süden saßen, nach Norden schwimmen lassen würde. Dieser Fluß war der Rhein, die Wahl des potentiellen Empfängers fiel leicht.
Das passende Objekt für das Experiment stand bereits auf dem Tisch: eine leere Bierflasche. Es fehlte nur noch die schwimmenzulassende Botschaft. Brant bot sich natürlich an. Jedoch ist es bekanntermaßen viel einfacher für ein Kamel sich durch ein Nadelöhr zu schwingen, als für ein Buch (sei es nur ein Reclamheft) in eine Flasche Bier zu gelangen. So schrieb ich das Zitat (das ich heute vergessen habe) auf eine der beiden Postkarten, welche ich dann in die leere Pulle beförderte.
Am folgenden Tag, als wir über die Eisenbahnbrücke, die parallel zur Schwarzwaldbrücke verläuft, spazierten, warf ich die zur Flaschenpost beförderte Pulle in den Rhein, und wenn sie bis heute nicht angekommen ist, dann schwimmt sie wahrscheinlich noch.“

Ein (vierteiliger illustrierter) Gastbeitrag von Roland Bergère, von Rheinsein aus dem frz-dt ins virtuell-dt transkribiert. Erwähnte und fotografisch dokumentierte Flaschenpost, die natürlich an (das damals bereits als Geist über dem Wasser schwebende) Rheinsein adressiert war, hat sich inzwischen, und das ist Anlaß für den ganzen Artikel, selbstdigitalisiert und ist solcher Gestalt (oder Pixelifikation) beim Adressaten angelangt. Für diese Wegstrecke benötigte sie gute vier Jahre und womöglich einige Transformationsprozesse, die einst als Vorstufen zwischenweltlichen Beamens betrachtet werden mögen.

Von vnnutzen buchern

Das jch sytz vornan jn dem schyff
Das hat worlich eyn sundren gryff
On vrsach ist das nit gethan
Vff myn libry ich mych verlan
Von büchern hab ich grossen hort
Verstand doch drynn gar wenig wort
Vnd halt sie dennacht jn den eren
Das ich jnn wil der fliegen weren
Wo man von künsten reden dut
Sprich ich, do heym hab jchs fast gut
Do mit losz ich benügen mich
Das ich vil bücher vor mir sych
Der künig Ptolomeus bstelt
Das er all bücher het der welt
Vnd hyelt das für eyn grossen schatz
Doch hat er nit das recht gesatz
Noch kund dar vsz berichten sich
Ich hab vil bücher ouch des glich
Vnd lys doch gantz wenig dar jnn
Worvmb wolt ich brechen myn synn
Vnd mit der ler mich bkümbren fast
Wer vil studiert, würt ein fantast
Ich mag doch sunst wol sin eyn here
Vnd lonen eym der für mich ler
Ob ich schon hab eyn groben synn
Doch so ich by gelerten bin
So kan ich jta sprechen jo
Des tütschen orden bin ich fro
Dann jch gar wenig kan latin
Ich weysz das vinu heysset win
Gucklus ein gouch, stultus eyn dor
Vnd das ich heysz domne doctor
Die oren sint verborgen mir
Man sah sunst bald eins mullers thier

(aus: Sebastian Brant – Das Narrenschiff, Basel 1494. Als wir jüngst in Großbasel am Rheinsprung an Brants ehemaligem Wohnhaus zum Sunnenlufft vorbei strichen, wehte uns tatsächlich ein Lüftlein vorreformatorischer Mahnung an, Hans Böhm schien seine ihm von Brant angedichtete Sackpfeife zu blasen, weit hinter den Hügeln (welche hinter den Hügeln hinter den dahinterliegenden Hügeln liegen) zwar, im Taubertal, doch unterschwellig eindringlich, als wäre da noch was aufzuarbeiten, während ein sich verflüchtigender schwarzer Fleck wie Jan Hus` Asche von Konstanz her den übergrünen Rhein hinabgetrieben kam, in einer ketzerischen Zeitschlaufe.)

Großbasel

Am Basler Theaterplatz der großartige Fasnachts-Brunnen von Jean Tinguely. Die kinetischen Plastiken tingeln, tangeln und tinguelyngeln, daß es unser Herz in Wallung bringt. Bespatzt, betaubt, bebaslert und betouristifiziert: ein Ausbund an UnSinn höchster Qualität und Lustigkeit und jedenfalls der effektvollste Brunnen, der uns an der Rheinschiene bisher unterkam. Wenige Meter entfernt stinkt Richard Serras wuchtige Intersection nach Urin. Eine reiche Stadt voller Kunst unterschiedlichster Provenienzen. Überraschend hügelig. Grüne Straßenbahnen ziehen durchs Gewimmel: Biofriseure, Lällkönige, Elfdausigjumpfere, Engelmengen, die rückwirken in eine Zeit, die einst eine Stunde vorging, die Basler Zeit, die sich unterdessen zwar der mitteleuropäischen gestellt hat, aber noch nicht völlig ausgependelt scheint: die Stadt weist Zeitlöcher auf, Zeitdehnungen, Zeitnischen, auch vorgetäuschte Zeitstillstände, kurzum: es herrscht Zeitgaukelei. Im Haus zum Sunnenlufft am Rheinsprung lebte Sebastian Brant. Stieg dort zum Münster mit seiner hochkomplizierten Baugeschichte und seinen Autofanten und sonstigen Figuren, insonderheit jener am Gallusportal, mannigfach teleobjektiviert nach Fernost privattransportiert. Im Kreuzgang des Münsters weitere Grabplatten auf Barockdeutsch und Latein, non ex multis unus wird da einer bezeichnet, epitafern. Von der Münsterbrüstung Blick übern grünen Rhein, in die Rheinfluchten und nach Kleinbasel, seit 1302 bereits sind beide Teile vereint, verrheint wie`s ebenfalls scheint. Das da-und-dorthin-Schweifen und -Streifen führt durch mehrere Straßen, Gassen, Wege, die den Rhein im Namen führen, durch die Kaianlagen auf den Barfüsserplatz, an dem sich zweierlei Sorten FCB-Hools in einer kurz darauffolgenden Zeitschleife eine veritable Schlacht liefern werden. Ankunft und Abfahrt vorbei an langgestreckten Technowänden des Zukunftsviertels. Das technoid geschriebene Wort verhält sich im Sonnenlicht wie ein kaltblütiges Tier, echst, pixelt und dimensioniert sich über Glasfassaden hinweg in Gedächtnisschlaufen, seiner Zeit voraus, sodaß ihm nur hinterhergeschrieben werden kann, während es in nahen, der Gegenwart bereits eingeschriebenen, Zukünften zum Leben erwacht (ist/sein wird).