Ein Aal läßt sich nicht aufhalten

Kommissar Hunkeler ist vor allem am Hoch- und Alpenrhein ein Begriff. Die Kriminalromane Hansjörg Schneiders wurden vom Schweizer Fernsehen verfilmt und zur besten Sendezeit ausgestrahlt. In Hunkeler und die Augen des Ödipus geht es um eine kultivierte Rheinleiche, das Verhältnis zwischen dem Basler Großbürgertum und seinem Theater, um das Flair des Basler Hafens, die verzwickten Quickungen bzw verquickten Zwickungen des Dreiecklands und um Aale:

„(…) „Vor knapp dreißig Jahren“, sagte Hunkeler, „floss der Rhein hier rot. Das war nach der Chemiekatastrophe in Schweizerhalle. Damals wollten die Aale an Land kriechen. Es gelang ihnen nicht, wegen der Mauer. Ich habe gesehen, wie sie vorbeitrieben.“
„Sie sind längst zurück. Ein Aal läßt sich nicht aufhalten. Er schwimmt als kleiner Wicht vom Sargasso-Meer im Atlantik mehrere tausend Kilometer zur Rheinmündung und flussaufwärts bis zu uns. Wenn notwendig, kriecht er über Land. Er überwindet sogar den Rheinfall. Er kommt ein Jahr lang ohne zu fressen aus. Er verwandelt sich vom Meerfisch zum Süßwasserfisch. Wenn er nach mehreren Jahren zurückschwimmt ins Sargasso-Meer, um sich zu paaren und anschließend zu sterben, wird er wieder zum Meerfisch.“ (…)“

Die Unterwasserdschungel der Sargassosee, in denen die Aale sich paaren, gelten als der größte zusammenhängende Pflanzenwuchs unseres Planeten. Gilt der Orientierungsssinn des Wanderaals gleichsam als Wunder, so bezogen wir dies Wunder stets eher auf das Zurechtfinden in schier endlosen Algen- und Tangwucherungen, als in den Flußläufen Mitteleuropas. Daß Aale imstande seien, den Rheinfall zu überwinden, widerspricht im Übrigen einer andern, hier zitierten, allerdings etwas älteren Quelle.

Nun wird vor Hunkelers Augen ein Aal aus dem Rhein gezogen. Als Köder diente kein Pferdekopf (wie andernorts), sondern lediglich ein banaler Wurm:

„(…) Er zeigte auf zwei rötliche Flossen.
„Das hier sind die Brustflossen. Bauchflossen hat er keine. Die Schuppen sieht man nicht, die sind von der Haut versteckt. Der Unterkiefer steht vor, wie du siehst. Die Zähne sind feilenartig.“
Das Tier wand sich, ringelte sich. Über seinen Rücken zog sich eine lange Flosse, durch die wellenartig ein Zittern ging. (…)“

„Feilenartige Zähne“, das klingt ganz nach den hübschen lexikalischen Zuschreibungen, mit welchen die Zoologen Tiere näher zu bezeichnen pflegen, um sie zu systematisieren, auseinanderzuhalten und zu verwandtschaftlichen. Im Verlaufe des Romans werden die Aale verdächtigt, dem Mordopfer die Augen ausgefressen zu haben – ganz zu unrecht, wie Kommissar Hunkeler schließlich herausfindet. Unterdessen dienen die Schlangenfische in lakonischen Dialogen als Projektionsfläche für Gedanken über Naturzyklen und die Ferne und finden offenbar auch im Erzählschatz des Schweizer Volksglaubens Erwähnung:

„(…) Früher hat man sich erzählt, dass sie den Bauern nachts in die Ställe kriechen und die schlafenden Kühe melken. Aber das ist wohl ein Märchen.“ (…)“

Zitate aus: Hansjörg Schneider – Hunkeler und die Augen des Ödipus, Zürich 2010

Die Verfilmung von 2012 mit Mathias Gnädinger und Axel Milberg weicht von der Romanvorlage ab, selbst der Täter ist im Film ein anderer.

Am Ende der Rhein

Als schwarzen Sarg des Rheins stellt sich Roger Monnerat den Rotterdamer Hafen zu Beginn seines Erzähl-Essays Am Ende der Rhein. Vom Verschwinden der Realien im Hafen von Rotterdam vor. Das vor allem, weil der Basler Autor im Laufe der Sandoz-Katastrofe von 1986 sich mit niederländischen Tauchern unterhielt, welche die Reinigungsarbeiten auf dem Schweizerhaller Rheingrund gegenüber ihrer sonstigen Tätigkeit im Rotterdamer Hafen als „Sonntagsspaziergang“ bezeichneten: „Sie können da mit der stärksten Lampe hinuntergehen, Sie sehen Ihre Hand nicht vor dem Gesicht; es ist tintentuschekohlerabenschwarz dort unten, unerträglich kalt und klamm, unerträglich laut. Das Dröhnen von Motoren aus allen Richtungen läßt Sie die Orientierung verlieren, und bei jeder Bewegung haben Sie das Gefühl, schwarze Schleimschlingen würden nach Ihnen greifen und Sie in den Schlick am Grund hinunterziehen, wo sie von rostzerfressenen Stahlträgern aufgespießt oder von rostzerfressenen Stahlkanten zerschnitten werden. Sie sind in einem schwarzen Fass eingesperrt und wissen, dass die Rasierklingen aller Matrosen aus aller Welt nur darauf warten, Sie und die Schläuche Ihrer Ausrüstung aufzuschlitzen.“ Gut zwei Jahrzehnte später treibt es Monnerat nach Rotterdam, endlich das Ende des Rheins zu schauen, eine Reise, die auch zur Allegorie auf den gleichzeitig voranschleichenden Tod seines Vaters wird. Glaubt man den Ausführungen des Autors, so liefert Am Ende der Rhein wie nebenbei wahrscheinlich die erste ausführlichere Beschreibung Rotterdams, denn: „Bei meinen Reiseerkundungen stellte ich fest, dass Rotterdam offenbar keines Besuchs wert befunden wird. Es gibt weder auf Deutsch, Englisch oder Französisch einen Stadtführer für Rotterdam und in den Führern für Holland sind über Rotterdam nicht mehr als drei Seiten zu finden. Vermutlich, weil Reisende das Alte suchen und Rotterdam fast nichts zu bieten hat, das älter ist als ich.“ Monnerat streift also durch diese scheinbar geschichtslose, erst von den Bombardements der Wehrmacht, dann von jenen der Alliierten niedergemachte Stadt, beschreibt ihre heutige Architektur, den berühmten Hafen, kommt einem unerklärlichen Geheimnis desselben auf die Schliche, schweift ab in Assoziationen über gelesene Bücher und gesehene Bilder, übersieht bei Rotterdams Errungenschaften lediglich den Gabber Techno und liefert letztlich ein seltenes, dafür umso interessanteres, bildstarkes und persönliches Reisebüchlein, das über den Buchhandel garnicht so leicht zu erhalten ist, erschienen in der schlichtschönen édition sacré in signierter und numerierter 400er-Auflage und rheinsein eine starke Empfehlung wert.