Die Grünfarbe

des mittelländischen Meeres, der Schweizerseen, selbst des Rheins, wird wohl daher kommen, daß diese Gewässer eine gelbliche Tiefe haben, worin sich das Blau des Himmels spiegelt.

(Arthur Schopenhauer, Der handschriftliche Nachlaß, Band 4,1 – Die Manuskriptbücher der Jahre 1830–1852, 2. Teil, Spicilegia (1846))

Die Sage von der Lurley

Hoch ob des Lurleys steilen Höhen
Jagt Pfalzgraf Albrechts kühner Sohn;
Der schönste Hirsch, den er gesehen,
Ist, nah schon seinem Speer, entfloh’n.

Er folgt ihm weiter, immer weiter
Bis an des Abgrunds starren Rand,
Und endlich wirft der wilde Reiter
Das Eisen glücklich und gewandt.

Getroffen sinkt von seinen Händen
Zur Erde hin das edle Wild.
Sieh – da entsteigt den Felsenwänden
Ein schilfbekränztes Frauenbild.

Hat er im Traume denn gesehen
Dies Antlitz, dieser Augen Blau?
Nein, ihre Locken sah er wehen
Vom Lurley oft durch’s Nebelgrau.

Oft hört er auch ein Lied erklingen,
Das süß um Lieb’ ihn angefleht,
Bald schien es aus der Fluth zu dringen,
Ward bald vom Fels ihm zugeweht.

Und oftmals dann im Mondenscheine,
Wenn leise der Gesang verhallt,
Taucht aus dem mild beglänzten Rheine
Empor die winkende Gestalt.

Wer wollt auf Männerschwur nicht bauen?
Stets flieht er treu zu seiner Braut,
Weil ihm vor Fee’n und Nebelfrauen
Und bleichen Wassernixen graut.

Doch endlich ist es ihr gelungen,
Er ward verlockt in ihren Bann,
Wo nun, vom Zauber rasch umschlungen,
Er nimmermehr entfliehen kann.

“Halt!” ruft sie jetzt mit sanftem Beben,
“Du jagtest auf verpöntem Land,
Und mir verfallen ist dein Leben,
Giebst du mir nicht ein hohes Pfand,

Tief unten in kristallner Helle
Steht mein uraltes Felsenhaus,
Leis’ rauscht darüber hin die Welle,
Und Fischlein ziehen ein und aus.

Viel schöne Frau’n und Recken wohnen
Bei mir in Frieden, still und gut,
Sie tragen schilfgeflochtne Kronen,
Und suchten Ruh’ einst in der Fluth.

Sie singen wunderbare Lieder
Und Sagen aus vergangner Zeit,
Die rauschen auf und rauschen nieder,
Mit Well’ und Wind in Ewigkeit.

Und willst du mein Gemahl nicht werden,
Und willst du nicht ihr König seyn?
Wir steigen fröhlich auf zur Erden,
Wir sinken seelig in den Rhein.

So gieb mir denn dein Herz zum Pfande,
Verfallen ist mir schon dein Leib,
Und nieder führ’ ich dich zum Strande
Als dein beglücktes, treues Weib.”

“Entfleuch du bleiches Bild von hinnen!”
Ruft Hugo jetzt voll Grau’n und Schmerz.
“Ich will kein Zauberweib gewinnen,
Und and’rer Liebe schlägt mein Herz.

Doch ob verfallen ist mein Leben,
Weil ich gejagt in deinem Bann,
D’rauf soll mein Schwert dir Antwort geben,
Wenn sie dein Kämpfer fordern kann.”

So spricht der Held mit strenger Stimme.
Doch weh’ ihm, dass er sie verschmäht,
Rasch fährt empor im wilden Grimme,
Die noch vor kurzem sanft gefleht.

Aus ihren Augen sprühet Feuer,
Aus ihren Locken brauset Sturm,
Zur Wetterwolke wird ihr Schleier
Und riesig wächst er wie ein Thurm.

“Schick Vater mir die weissen Rosse,”
So ruft sie laut hinab zum Strand,
Da brausen auf aus ihrem Schlosse
Zwei Wellen bis zum Felsenrand.

Sie schwingt ihn auf, sie fährt hernieder,
Vom hohen Lurley in die Fluth. -
Doch bald entsteigen sanfte Lieder
Der Tiefe, wo der Ritter ruht:

Er schläft auf weichem Lager,
Der kühne Heldensohn.
Ich hab ihn sanft gebettet,
Weh mir – er liebt ja schon.

Gern setzt ich eine Krone
Ihm auf das Lockenhaar,
Von tausend Diamanten,
Schön, wie noch keine war.

Gern gäb’ ich einen Scepter
Ihm in die starke Hand,
Vom Meere sollt’ er herrschen
Bis hoch in’s Schweizerland.

Wir lebten still in Frieden,
So lang der Rhein noch fliesst,
So lang den Lurleyfelsen,
Noch Mondenschein begrüsst.

Singt, Nixen, singt ihm leise
In’s Ohr mit Schmeichellaut.
Doch ach! er träumt vom Vater,
Er träumt von seiner Braut.

Am Ufer steht sie traurig
Und weint hinab zur Fluth,
Und auch sein greiser Vater
Klagt mit gebrochnem Muth.

Er zuckt im Schlaf zusammen,
Er fährt empor im Schmerz. – -
Schwer sind die Thränenperlen
Gefallen auf sein Herz.

Und tiefer, immer tiefer,
Neigt sich herab die Maid.
Weh mir! sie will ihm folgen,
In ihrem tiefen Leid.

Dann müsst ich ewig sehen,
Wie sie so glücklich sind.
Steigt auf, ihr weissen Rosse,
Tragt ihn an’s Land geschwind.

O Lurley, arme Lurley!
Dein Vater ist der Rhein,
Du fliehst mit deiner Liebe,
Mit deinem Schmerz allein.

Mancherlei Mähren und Sagen erzählt sich das phantasiereiche rheinische Volk aus der schauerlich erhabenen Bergschlucht, deren Hintergrund der Lurley bildet. Heilige, Gespenster und selbst der Teufel treten darin auf. Am lieblichsten aber ist die Sage von der Lurley, einer Undine, die hier in den Tiefen des Rheines wohnen soll. Der Felsenkoloß, welcher denselben Namen trägt, thürmt sich in seltsamen Formen und Zerklüftungen himmelan, und der Schall von Schüssen oder Waldhornklängen, in der Mitte des Rheines, oder gegenüber am rechten Ufer gegeben, tönt in vielfachem Echo zurück. Der Rhein, in ein enges Bett gedrängt, scheint sich mühsam einen Ausweg in freundlichere Gegenden zu suchen. – Rechts und links sind Salmenfänge, die vortreffliche Ausbeute liefern.
Schon im 13. Jahrhundert war der Lurleyberg von dem deutschen Minnesänger Murner, einem Zeitgenossen Frauenlobs, genannt.

(aus: Adelheid von Stolterfoth – Rheinischer Sagenkreis)

Rheinfall vs Staubbachfall

(…) Gleich nachdem wir vor dem Pfarrhause abgestiegen waren, und dies war Abends um 6 Uhr, eilten wir, so geschwind wir konnten, diesem Phänomen zu. Wir betrachteten den Fall lange sowohl von vorne als von beyden Seiten, allein wir stimmten alle in dem Urtheile zusammen, daß der Ruhm des Staubbachs viel grösser, als seine Verdienste sey, und daß man ihm zuviel Ehre erweise, wenn man ihn mit dem Rheinfalle bey Schaffhausen vergleiche. Der Anblick des Staubbachs, den man sowohl vor dem Pfarrhause, als auf der Gallerie desselben beständig vor Augen hat, gewährt zwar ein neues wunderbares Schauspiel, das die Neugierde reizt; bringt aber keine von den Rührungen und Betrachlungen hervor, die ich beym Rheinfall in mir wahrnahm. Man entdeckt nirgends Spuren von der unbegreiflichen Kraft und Geschwindigkeit, wodurch der Rheinfall so groß und Seelenerhebend wird, und wenn einmal die erste Neugierde befriedigt ist, ja selbst während der ersten Beobachtung, bleibt man eben so ruhig und kalt, als man vorher war. Zwar ist die Höhe, von welcher der Staubbach herabfällt, viel beträchtlicher, als die des Rheinfalls. Denn man schäzt die erstere, wie ich glaube, etwas übertrieben, auf neunhundert Schuh; allein diese Höhe, die mächtig wirken würde, wenn der Fels, von welchem der Staubbach sich herabstürzt, ganz allein da stünde, trägt jezt wenig zur Verstärkung des Eindrucks bey, da man seit dem Eintritt in das Lauterbrunner Thal beständig von eben so hohen oder noch höhern Bergen umringt war, und man noch überdem rund um sich her viel höhere Berge, besonders die unersteigliche Jungfrau vor sich sieht, deren niedrigster Fuß sich über die Felswand erhebt, an welcher der Staubbach herabschießt. Selbst das Geräusch, was der zerstäubende und sich wieder sammlende Bach verursacht, ist so geringe, daß man es nur in der Nähe hören kann, und daß es auch in der Nähe von dem fürchterlichen Getöse gleichsam verschluckt wird, was die in ziemlicher Entfernung und in der Tiefe strömende Lütschine hervorbringt. Wenn aber der Bach bey anhaltendem Regen, oder heftigen Ungewittern plözlich angeschwellt wird, so soll er mit einer furchtbaren Gewalt Felsstücke herabrollen, die durch ihre wiederhohlten Fälle von einer Wand auf die andre, ein unaufhörliches Donnern verursachen müssen. Nicht lange vorher, als wir in Lauterbrunnen anlangten, schien es, als wenn ein starkes Ungewitter kommen würde, allein in weniger, als einer Stunde zerstreuten sich alle Wolken, und mit ihnen verschwand die Hoffnung, den verstärkten Laut und Wiederhall des Donners in diesem engen, und mit den höchsten Bergen von Europa umgebenen Thal zu hören. Eben deßwegen, weil der Staubbach nichts wahrhaftig grosses hat, kann man ihn viel besser beschreiben, und zeichnen als den Rheinfall, und wenn Sie das Blatt , auf welchem Herr Aberli den Staubbach gezeichnet hat, aufmerksam betrachten, so werden Sie sich den Eindrücken, welche der wirkliche Anblick erzeugt, unendlich mehr nähern, als wenn Sie die Zeichnung eben dieses Künstlers vom Rheinfall, ansehen. Der Bach stürzt sich aus einer mit Tannen besezten Höhe in zween schäumenden Strömen, von welchen der rechte der stärkste ist, über den Rand einer steilen mehrere hundert Schuhe hohen Felswand weg, an welcher er in sichtbaren, aber sich immer verdünnenden Wellen bis ohngefahr an die Hälfte seines Falls herabzugleiten scheint. Dies Herabglitschen ist zwar eine blosse Täuschung, indem der Bach sich wirklich vom Felsen losreißt, und in den leeren Luftraum hinein stürzt; allein diese Täuschung schwächt doch den Eindruck des ganzen Schauspiels nicht wenig, da die Wassermasse durch das sanfte Hinabglitschen vieles von ihrer Kraft zu verlieren, oder eine sanftere Bewegung zu erhalten scheint, als man sich einbildet, daß sie sonst würde gehabt haben. Ohngefähr gegen die Mitte der Felswand ist es, als wenn der Bach aufhörte, eine zusammenhängende Wassermasse zu seyn, und als wenn seine sich immer mehr und mehr zuspitzenden und divergirenden Wellen, in Staubwolken aufgelöst würden. Diese aufgelösten Dünste sammlen sich aber bald auf einer hervorragenden Felsbank wieder, und rinnen in vier bis fünf kleinen Strömchen und unzähligen einzelnen Tropfen in ein nicht sehr tiefes Loch hinab, in welches wir ohne Gefahr und ohne einmal ganz durchgenäßt zu werden, hinuntersteigen konnten. Wegen der Höhe des Falls verbreiten sich die zerstäubten Tropfen, wie ein feiner Regen, auf einige hundert Schritte, aber nicht so stark und so weit umher, als ich nach mehreren Beschreibungen erwartete. Wenn man den Bach von der Seite betrachtet, so kommt es einem vor, als wenn man in eine Wolkenlaule hinein sähe, die durch beständig veränderte Windstösse, in jedem Augenblicke neue Richtungen, Gestalten, und wenn Sie dies Wort anders verstehen, Wallungen erhielte. Der Weg vom Pfarrhause bis an den Rand des Beckens, in welches der Bach hinabfällt, ist äusserst beschwerlich, weil man in dem nassen Grase eine beträchtliche Anhöhe hinansteigen muß, die allmälich aus den von oben herabgewälzten Steinen entstanden ist. Nachdem wir den Staubbach für diesmal genug beobachtet zu haben glaubten, legten wir uns unter den Fall, aber doch so, daß wir von dem Staubregen nicht erreicht werden konnten, auf den weichen mit wohlriechenden Kräutern und Gräsern reich bewachsenen Wiesengrund hin, um uns den Empfindungen ganz zu überlassen, welche der nahe und ungestörte Anblick eines der höchsten Schneeberge und seiner Nachbaren in uns hervorbringen würde. (…)

(aus: Christoph Meiners – Briefe über die Schweiz, Band 1, Erster Brief)

Beschreibung des Rheinfalls in der Zeitung für die elegante Welt

Der Rheinfall bei Schaffhausen im August 1809 gesehen.

Dieses erhabene Schauspiel der Natur ist schon so oft beschrieben worden, daß eine neue Beschreibung bei dem ersten Gedanken so unnöthig als vermessen scheinen möchte. Ich wage sie dennoch, nicht nur darum, weil jeder Mensch seine besondere individuelle Ansicht hat, und nur das Zusammenhalten und Vergleichen mehrerer einem Leser von etwas, das er nicht selbst sah, und keine Kunst treu nachzubilden fähig ist, ein schwaches Bild zu geben vermag, sondern vornehmlich deshalb, weil der Rheinfall vor einigen Jahren eine Veränderung erlitten hat, weil ferner viele ältere Beschreibungen dadurch undeutlich werden, daß die Bezeichnung der Ufer mit rechts und links, die durch die neuern Zeitereignisse so allgemein worden ist, sonst wenig üblich war. Man bediente sich daher anderer Bezeichnungen, wurde unrichtig und unverständlich. So z. B. spricht Meiners, dessen Kopf doch tiefe philosophische Begriffe aufhellten, und der die Sprache vor vielen andern Schriftstellern in seiner Gewalt hat, von einem Zürcher Ufer, welches in Wahrheit nicht besser ist, als, wenn man das rechte Rheinufer in der Nähe von Karlsruh oder Rastadt, das Wirtembergische nennen wollte. Die Bemerkung der Veränderung des berühmten Wasserfalles wird Lesern, welche selbst ihn zu bewundern so glücklich waren, nicht unwillkommen seyn; die übrigen Bezeichnungen können Reisenden zu einem sicherern Leitfaden dienen, als mancher von den früher angebotenen.

Von Basel aus liegt der Rheinfall diesseit Schafhausen. Ich stieg daher ungefähr 1 Stunde vor der Stadt aus und machte mich auf den Weg, welchen der Kutscher mir zeigte. Schon hörte ich das Brausen der beunruhigten Fluten, ob ich gleich etwa noch eine halbe Stunde davon entfernt war, mit einem nicht minder starken Geräusch, als ein beträchtliches Wehr ganz in der Nähe macht. Voll hoher Erwartung und mit einem Gefühle von Andacht erfüllt, wandelte ich weiter, und rief einen mir begegnenden Landmann an, um mich an den Fall und nachher in die Stadt zu führen. Er hatte schon mehrere Fremde geleitet, wußte manches zu erzählen, und verkürzte mir dadurch den Weg, welcher immer abwärts bis an das Ufer des Rheins hinläuft.

Gleich unter dem Falle nimmt der Strom eine Wendung links, daher man den Fall auf dem rechten Ufer nicht sowohl von der Seite als von vorn sieht, wenigstens dem größten Theile nach, doch mit Ausnahme des Sturzes über den ganz nahe am linken Ufer stehenden Felsen, welcher eben unter der ganzen Partie den prächtigsten und erhabensten Anblick gewährt. Aus mehrern Beschreibungen, unter welchen die von Meiners, im ersten und dritten Bande seiner Briefe gelieferte, eine der ausführlichsten und gelungensten ist, war es mir bereits bekannt, daß dieser Wasserfall, an welchem eine Menge Dichter uud Prosaisten, Maler und Kupferstecher ihre Kräfte versuchten, von der rechten Rheinseite betrachtet minder schön und groß erscheint, wie von der linken. Gleichwohl blieb sein Anblick noch unter meiner Erwartung, welches zum Theil sehr natürlich mit daher kommen mochte, daß er wirklich seit einigen Jahren etwas von seiner Größe verloren hat. Von den Felsen, über welche sich die Fluten des Stromes herabstürzen, ragten, außer den auf dem linken Ufer befindlichen, mitten im Strombette drei, in ungefähr gleich weiter Entfernung etwa 15 Fuß hoch über die tobenden Fluten hervor. Der mittelste mußte nothwendig von dem Andrange der Wellen am meisten leiden. Jahrtausende widerstand ihnen seine Festigkeit, doch nach und nach löste des Wassers Gewalt den trotzenden Felsen auf, und führte ihn endlich im Sommer 1806 mit sich fort. Daher stürzt sich nun der Strom zwischen den beiden noch stehenden Felsen, ungefähr einige vierzig Fuß breit, zwar immer noch mit unbeschreiblicher Gewalt über das Felsenbett herab, doch der Kampf der Wogen gegen die sich entgegen stemmenden Felsen, die erhabenste Partie des ganzen großen Schauspiels, hat viel verloren.

Dieser Kampf zwischen zwei Riesenkräften ist es, was bei dem Anblicke des Rheinfalles das Gefühl am mächtigsten ergreift, zur Anbetung hinreißt, und Betrachtungen veranlaßt, deren Ausführung die Kunst des Redners oder Dichters bewähren könnte, und tiefen Eindruck auf den Leser machen müßte. Hier ist zu Versuchen dieser Art nicht der Ort.

Die Erhabenheit jenes Kampfes erblickt man vornehmlich an dem Felsen zur rechten Seite. Hier brechen sich die Fluten nicht blos mit Gebrüll an den Seiten, ein Theil schäumt mitten durch den Felsen, in welchen sie bereits eine beträchtliche Oefnung gerissen haben.

Ende August 1809 hatte der Rhein mehr Wasser, als es um diese Zeit öfters der Fall ist. Es war seit vierzehn Tagen sehr heiß gewesen, daher ihm von dem geschmolzenen Schnee der Berge in der obern Schweiz eine Menge Wassers zuströmen mußte. Der Fall war also sehr reich, da ich ihn am 27sten August sah, dennoch machte er, auf der rechten Seite, den erwarteten Eindruck nicht auf mich, theils aus der schon angegebenen Ursache, theils auch, weil ich ihn nicht so hoch fand, als ich mir ihn vorgestellt hatte. Die meisten Beschreibungen geben ihm 70 bis 75 Fuß Höhe, ich glaube hingegen, daß er im Strombette schwerlich über 50 Fuß hat. Höher ist der Fall über dem Felsen zunächst am linken Ufer, von diesem erblickt man aber am rechten wenig und auf der Gallerie unter dem Falle am linken, kann man die ganze Höhe auch nicht übersehen. Die wirkliche Höhe verliert freilich scheinbar auch dadurch, daß die herabstürzenden Fluten die vor ihnen gefallenen wieder emportreiben und schleudern, daher das, Wasser unmittelbar unter dem Falle weit höher ist, als etwa 100 Schritt weiter, bis wohin die tosenden und schäumenden Fluten sich allmälig abdachen und sich zu beruhigen anfangen. Alle Messungen nach bloßem Augenmaße sind überhaupt sehr unsicher, und mit dem Lothe wird der Rheinfall wohl nie gemessen werden. Mir schien er nicht so hoch, wie ein dreistockiges Hans mit seinem Dache, welches mit der von mir angegebenen Höhe ungefähr übereinkommen möchte. Wirklich ist das auf dem rechten Ufer erbaute Haus von drei Geschoß, das Erdgeschoß mit gerechnet, augenscheinlich höher, der Grund dieses Hauses liegt aber beträchtlich tiefer als die Stelle, wo der Fall ist.

Von diesem Hause, einem Weinhause, wäre zu wünschen, daß seine Gastzimmer die Aussicht auf den Rhein hätten, welcher man nur in etlichen Vorsaalfenstern und in einem Zimmer des obersten Stockes genießen kann. Hier, wo der Fall, wegen des höhern Gesichtspunkts noch weniger hoch erscheint, ließ ein Mann dessen Bild, vermittelst einer Dunkelkammer, auf einige an einander befestigte Bogen Papier fallen, und ich läugne nicht, daß mir der Wasserfall, auf dieser Seite betrachtet, im Bilde größer wie in der Wirklichkeit schien, weil man dort keine Gelegenheit hatte, seine wahre Größe nach Gegenständen der Umgebung zn messen.

In diesem Zimmer traf ich zwei Lehrer an der Akademie zu Lausanne, welche, in der französischen Schweiz geboren, beide Deutsch sprachen. Der eine mußte sich zuweilen mit Umschreibungen, auch wohl mit Einmischung französischer Wörter helfen, der andere sprach es aber, sowohl in Betref des Ausdrucks als der Aussprache, so treflich, daß ich mich darüber wunderte, bis er mir sagte, daß er in Jena, wo er studirt, dem Studium der deutschen Sprache viele Zeit gewidmet, und seine Aussprache vornehmlich im Umgange mit Cur- und Liefländern gebildet hätte.

In Gesellschaft der beiden Lausanner ließ ich mich über den Strom setzen. Dieß geschah nicht fern von dem Falle, wo der Strom immer noch sehr reißend ist, wo ihn noch hier und da der weiße Schaum der herabgestürzten, wieder emporgeschleuderten und endlich ansgelösten Wellen bedeckt, wo in seinem Bette eine Menge Felsentrümmern liegen, zum Theil über die Wasserfläche hervorragen. Stieße der leichte Kahn, worin die Ueberfahrt, wegen des reißenden Stromes, geschehen muß, an einen solchen Felsblock, so würde das Umschlagen freilich unvermeidlich, und man kann, wenn des Kahnes Vordertheil einer Gefahr drohenden Klippe vorbeirauscht, sich kaum der Furcht erwehren, daß der breitere Mitteltheil anstoßen werde; allein die geübten Schiffleute wissen ihr unsicheres Fahrzeug mit so geschickter und fester Hand zu regieren, und sind mit dem Terrain so genau bekannt, daß sie die gefährlichsten Stellen glücklich umfahren. Ungern würde ich indeß in stärkerer Gesellschaft als vier Personen, außer dem Schiffer, oder mit Leuten fahren, die nicht stille sitzen können oder ängstlich sind, und sich daher bei dem kleinsten Wanken des Kahnes auf eine Seite neigen, in der Angst nicht selten auf die, wohin des Kahnes Neigung geht.

Wer zu der Geschicklichkeit des Schiffers nicht volles Vertrauen, von sich selbst nicht das vollkommenste Bewußtseyn hat, auf dem Wasser furchtlos zu seyn, wird immer am besten thun, den Weg an beide Ufer auf dem Lande zu machen, um nicht sich und seine ganze Gesellschaft in Gefahr zu bringen. Von dem rechten Ufer, wo man die Beschauung anfangen muß, um den Eindruck durch den weit erhabenern auf dem linken Ufer nicht zu schwächen, muß er dann freilich nach Schaffhausen zurück, um über die Brücke zu gehen, und, auf einem weiten Umwege am linken Ufer, sich dem Wasserfalle wieder zu nähern. Auch verliert er dann die Ansicht des Falles bei der Ueberfahrt, und das zu erhabenen Gedanken begeisternde Hochgefühl, über den Rücken solcher Wellen, wie sie vor feinen Augen unbeschreiblich wild brausen, sich an den Felsen brechen und wüthend durch einander peitschen und schleudern, kaum einen Büchsenschuß davon sanft und sicher dahin zu gleiten. Im Vergleiche mit dem Strom des Lebens oder der Zeit — welche Bilder drängen einer regen Phantasie an dieser merkwürdigen Stelle sich auf! Mehr noch bei der Rückerinnerung; denn in den Augenblicken der Gegenwart wirbeln die Gegenstände außer uns, ihre Bilder und das Gedankenchaos in uns, wie die Fluten im Rheinfälle so kraus durch einander, daß man keines von dem andern zu scheiden, keins längere Zeit fest zu halten und auszuarbeiten vermag.

(Der Beschluß folgt.)

Wahlergebnis aus der Surselva

Weltweit gilt sie als vorbildlich: die teils sehr direkte Demokratie der Schweiz. Daß Schweizer eher langsame Menschen seien: kaum mehr als ein böses Gerücht. Komplexe Präzisionsvorgänge wie etwa Stimmauszählungen brauchen einfach ihre Zeit. Ein Beispiel von den just erfolgten Bündner Kantonalwahlen, aus einem Bericht von Die Südostschweiz: „Offiziell war die Schlusskontrolle für die Daten aus Chur bereits um 14.35 Uhr erledigt. Bekannt gegeben wurden die Resultate allerdings erst Stunden später. (…) Die 39 Einwohner zählende Gemeinde St. Martin in der Surselva war (…) die letzte von 178 Gemeinden, deren Daten noch fehlten. Wie sich im Nachhinein herausstellte, hatten die Verantwortlichen offensichtlich Mühe bekundet, die Resultate via Internet nach Chur zu übermitteln.“ Abgestimmt hätten in St. Martin nur ca acht Prozent der Stimmberechtigten, summa summarum: zwei Bürger. Während die Anzahl der angeblich stimmberechtigten Bürger St. Martins in verschiedenen Pressemeldungen vergleichsweise heftig (von 24 bis 39) schwankt – womöglich werden sie ja gerade noch kopfgenau erfaßt – sind sich alle Medien darin einig, daß aus St. Martin zwei Stimmen tatsächlich abgegeben wurden und daß niemand wisse, weshalb die übrigen Bürger St. Martins, das keine eigene Verwaltung besitze, sondern in Vals administriert werde, der Wahl ferngeblieben seien.

Ehrengäste am Rheinfall

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Seltene Gäste am Rheinfall beschäftigen den Schweizer Künstler Henri Dubois. rheinsein freut sich über die Zusendung einer Serie Dateien, aus denen wir unsere Lieblingsbilder auswählen dürfen! Hier zu sehen: Neil Armstrong und Buzz Aldrin beim angeblich ersten Betreten der Fälle – durch sie selbst. Nachdem sie in gemeinsamer Arbeit die Schweizerfahne (hier nicht im Bild) einem der rheinmittigen Felsen aufgepflanzt hatten, gingen sie, den Chroniken zufolge “noch ein wenig spazieren”. Spätestens mit diesem Besuch dürfte die Moderne am Rheinfall Einzug gehalten haben; gleichzeitig erfuhren Tischrheinfälle und Schweizaccessoires in us-amerikanischen Haushalten einen erheblichen Boom.

Romanshorn

Mit „Mut zur Heimat“ wirbt die SVP, Partei der Ober-, Voll-, Haupt-, Schweiz- und Totalschweizer, für sich. Wie solch ein SVP-Mut zur Heimat genau bestellt ist und worin er sich zB von rheinseins Mut zur Heimat unterscheidet, außer daß rheinsein sich nicht mit Heimatmut fürs Parlament bewirbt, sollen die Soziologen erforschen.

***

Im Vergleich zu Arbon und Rorschach wirkten die Straßen in Romanshorn weitläufiger, dh noch leerer, was zum einen saisonal bedingt sein mochte, zum andern mitten in der Fußgängerzone ein Gefühl plötzlicher Einsamkeit, gewürzt mit einer Prise Euforie, auslöste, welches uns, nebst dem üblichen Schwanken, warum eigentlich leere Fußgängerzonen stets ansatzweise Euforie in uns auslösen (ob eine solche Reaktion etwa als krankhaft oder wenigstens menscheinfeindlich zu werten sei?), bewog, bei COOP zu speisen, denn wo ein Supermarkt ist, dort finden sich Menschen – so auch in Romanshorn. Der vorgefundene COOP entpuppte sich als zentrale Anlaufstelle derjenigen sehr wenigen, welche in Romanshorn sowieso als angestammte Romanshorner unterwegs waren oder, als Fremde, gerade im Zuge ihrer velozipedischen Bodenseeumrundung dort angelangt. In der Schweiz dienen Supermärkte häufig als Restaurants, zumal am frühen Nachmittag, wenn alle anderen Restaurants gerade geschlossen haben. Wir nahmen also die Gelegenheit in vollem Umfang wahr, bestellten Spiessli und bestaunten die opulenten Vermicelles, welche zu Dessertzwecken klappvitriniert in kastaniös-sahniger Edelmächtigkeit aus der Selbstbedienungstheke leuchteten. Die sehr wenigen anwesenden Schweizer schrieen unterdessen, vielleicht auch um im erweiterten Sinne Mut zur Heimat (somit ggf Loyalität zur SVP) zu demonstrieren, in Megafonlautstärke in ihre Mobiltelefone, typische Dinge ihres Alltags zu verhandeln. Man muß sich das in etwa so vorstellen: die Weite einer großzügig gehaltenen, menschenleeren Fußgängerzone, ausgeweitet auf eine autoleere, parkplatzartige, grau gepflasterte Bucht: den imposanten Vorhof eines Supermarktes nämlich, mit einem gut in Schuß gehaltenen überdachten Fahrradständer und unauffälliger Fußgängerzonenskulptur, welche von niemandem benutzt noch betrachtet werden. Ganz weit hinten in der einen Ecke, also fast schon nicht mehr sichtbar, steht ein gedrungener Schweizer und brüllt in sein Handy, sodaß er über den gesamten Supermarktvorplatz (akustisch) gut zu verstehen ist. Auf ihn ein fliegt (wahrscheinlich) eine Wespe. Der Mann versucht, sie mit der telefonfreien Hand zu verscheuchen. Die Wespe weicht aus und fliegt einen erneuten Vorstoß. Was sie von dem überlaut telefonierenden Mann möchte, ist beiden völlig unklar. Der Mann schlägt nach der Wespe, die Wespe weicht erneut aus und versucht es ein weiteres Mal. Vielleicht entsendet das Mobiltelefon Wellen, welche irrtümlich die Hormone der Wespe ansprechen. Der Mann schreit seinen Privatalltag („die Tochter solle von diesem Kerl die Finger lassen“, „der Soundso sei ein Geizhals sondergleichen, dem gäbe er keinen Auftrag mehr“, „die Frau solle dies und jenes einkaufen und wenn nicht: warum sie ihn denn überhaupt geheiratet habe?“) in sein Handy, während er nach der Wespe fuchtelt. Dieser Vorgang währt etwa zwanzig Minuten. In diesem Zeitraum fahren insgesamt zwei gepäcktaschenbepackte Bodenseeumrunder in professionellen Radfahreraufzügen vor, klimpern mit ihren Radlerschuhen übers Pflaster, versorgen sich im Supermarkt mit Energie, und verlassen, als wären sie nie dagewesen, geräuscharm die Szene, um wieder in ihre Bodenseeumlaufbahn einzutreten. Dabei passieren sie den anderen Mann am anderen Ende des endlos-leeren Supermarktvorplatzes, der dort in sein Handy brüllt: „Nei, muasch nüt! Muasch nüt, säg-i-d`r! Nei! Muasch nüt, nei! Nei, säg-i-d`r! Nei, muasch nüt! (etc)“ Im Gegensatz zum ersten Mann ist er nicht gedrungen, sondern schmal und lang. In seinen Sandalen trägt er als Einlegesohlen je eine Scheibe rohes Kalbfleisch. Der Schnitzelsaft durchtränkt von unten aufsteigend seine Tennissocken. Die über den Dächern installierte Sonne leuchtet ihn kontrastreich aus. – All das goutierten wir, bevor wir uns wieder auf den menschenleeren Weg machten. Auch außerhalb der Fußgängerzone erweckte Romanshorn den Eindruck eines verlassenen Nestes. Wir klauten eine handvoll wurmstichiger Feigen, denn mitten in diesem verlassenen Nest gedieh ein prächtiger Feigenbaum. Mit jedem Schritt da und dorthin in Romanshorn wurde es stiller um uns. Die Stille sammelte sich, verteilte sich, wechselte überraschend die Positionen und wurde immer schriller. Dh, sie entwickelte sich zur gefährlichen akustischen Waffe. Jetzt erblickten wir auch die ersten Leichen. Von der vagabundierenden Stille erwischt lagen sie, mitunter halb von Hecken verdeckt, einfach da. Es war immer noch früh am Nachmittag. Wir machten, daß wir davonkamen.

Arbon

Ostwind-Exkursion an den rheindurchströmten Bodensee. Die Bahntrasse gesäumt von Golfspielern und stochernden Störchen. Ab Buchs und ganz verstärkt ab St. Margrethen zu beobachten: rapide steigende Passagieranteile von Seniorinnen und dunkleren Hauttypen, eine typische Szene für die Afrikanische (anderen Quellen zufolge: Indische) Schweiz. Das Tagesticket verführt zu Pingpong-Reisen zwischen dem St. Gallischen und dem Thurgauischen: Arbon, Rorschach und Romanshorn heißen die Stationen. Alle drei Orte besitzen ihre Häfen und Seepromenaden. WELLEN WOLLEN WALLEN hat jemand drei wagnersch-wuchtige Witzworte aus dünnen Brettern am Arboner Ufer zusammengezimmert; das Holzgespreite liegt flach im Schwappwasser und ist kaum lesbar, aber Kunst. Etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt steht ein Quader im See, der (”nur für Einzelpersonen!”) über ein Ziehleinenboot zu erreichen ist und als poetische Eremitage dienen soll, in der auch ein Nachtlager möglich sei:

eremit

Mehr solch öffentlicher Naherholungseinsiedeleien hier und dort und sonstwo überall am Rhein – und die aktuelle Dichterschwemme nähme womöglich tsunamisch-teuflische Ausmaße an. Ob in besagtem Eremitengehäuse gedichtet – oder doch außerhalb: eine lyrische Betrachtung von Maruen und J.A.Z., die das gesamte Wasserskulpturenensemble beschreibt, dem noch ein Eimerbrunnen mit amputierten Händen angehört, findet sich genau zu des Fotografen Füßen – man beachte das tiefsinnige Wortspiel mit Lancelot:

Lance l`eau

Au bout du quai
Et relié à la rive
A l`écart et à échelle humaine
Tendu vers un hypothétique départ
Et un retour certain
Espace aquatique clos

Juste une possibilitée d`écouter differemment
L`eau du lac jouant entre les planches
Celles du quai et celles du récipient
Seaux infirmes de leurs anses
Mains amputées de leurs poignets
Mais l`eau qui danse

Lance l`eau

***

Abseits zeitgenössischer Uferkunst besitzt Arbon eine Altstadt und sogar eine eigene Steinzeitkultur. Das Stadtwappen besteht aus einem stilisierten, nicht näher spezifizierbaren, aber glücklichen Laubbaum (arbor felix), in dessen Krone nicht näher spezifizierbare Vögel nisten, von denen einer senkrecht-kopfüber, also mit comichafter Waghalsigkeit in ein von zwei nicht näher spezifizierbaren prächtigen Fischen bevölkertes Gewässerhalbrund stürzt. Das Arboner Wappen flattert überall auf Fahnen über der Arboner Altstadt und macht deutlich mehr her als manches andere Stadtwappen. Die Arboner Kunsthalle sieht aus wie eine Remise und ist nur an seltenen Wochentagen für zwei Stunden geöffnet. Die Kunst im innerstädtischen, nicht direkt am Ufer gelegenen Raum besteht aus recht experimentellen Versen („Frau verbrüht / Waffen in / Polizei nimmt / der Xamax / Ex-Mann / mit Kabine“), deren typisch schweizerische Kargheit massig Interpretationsspiel läßt – oder aus herkömmlichen Preisungen des Herrn:

gott-hilft

Am Arboner Hafen sehen wir eine mondäne Dame in Kalbsschnitzel-Sandalen und lernen neue Wörter wie „Schlipf-Benützung“ und „Bilgenschwein“. Außerdem gibt es ein bisher völlig an uns vorbeigegangenes Verbot der großen Verbotsnation Schweiz zu entdecken:

verboten

Die totale Schweiz

Es ist stets möglich, daß wir fremde Gegenden, zB unbekannte Rheingegenden, ganz anders wahrnehmen als ihnen gebührte, insbesondere wenn die Besuche nur Minuten oder Stunden währen und kein Reiseführer zuvor bzw kein Einheimisches währenddessen uns die tieferen Geheimnisse des zu erfahrenden Raums entdeckt. Dieser Tage radelten wir, um dem Wachstumslärm zu entgehen, welchen Schaan werktagsüber entfacht, über den Fluß hinüber in die Schweiz. Das war nicht ganz leicht. Die Sonne hieb bereits über den Kartoffeläckern des fürstlichen Rheintals wie irre auf die wenigen Radler hinab. Die Pedalisten verfielen also ins Zickzack, den Stichen der Sonne zu entgehen. Das gab ein wahnhaftes Bild und war noch längst nicht alles: wir sahen und staunten über recht außergewöhnliche Helmtrachten mit Blitzableitern und anderen Deflektoren: die Raubvögel schrieen, sobald sie einen solchen Kopfschutz erblickten. Bei dem kleinen Deichanstieg im Galeriewäldchen wurden Baumstämme am Stück gehäckselt. Verschwitzt und mit Holzspänen gespickt überquerten wir den gletschermilchigen Strom mit seinen glitzernden Krönchen. Der Werdenberger See bot Schatten und neue Lärmqualitäten: daß der Aufbau eines Fest- oder Messezelts dieselben teuflischen Sounds zu entfachen vermag wie die Elektrowerkzeuge und Betonmischmaschinen des gewöhnlichen Hausbaus steht nun dreifach unterstrichen in unserem Tagebuch. Der umgehend einsetzende Fluchtreflex führte am Fuße der Berge entlang gen Süden. Diese Rheintalwinkel hatten wir bisher noch kaum erforscht, um ehrlich zu sein: wir dachten, da gäbe es nichts zu entdecken. Doch durften wir bald feststellen: die Schweiz sieht in diesem Abschnitt vollkommen aus wie die Schweiz wohl kaum in einem anderen Abschnitt vollkommener wie die Schweiz aussieht. Saftige kuhbestandene Matten wellen sich die Hänge hinan, urwüchsige Menschen grüßen behäbig von ihren Traktoren oder den in die obstbaumschattige Landschaft plazierten Stühlen, auf denen sie in maskulinen Posen ihre Bierflaschen verhandeln. Das nächste Dorf ist auf Nachfrage weit, anderthalb Kilometer, sehr weit also, die längstvorstellbaren anderthalb Kilometer überhaupt, denn das Dorf wartet ganz weit, also ziemlich weit in beinahe unvorstellbarer Entfernung, hinter der schweizerischsten aller schweizerischen Urlandschaften, mit den Errungenschaften der Zivilisation: Tankstelle, Postamt, Supermarkt. Wir radeln einige Kilometer, Stunden und Tage in Richtung dieses Dorfes. Die Landschaft läßt sich unterdessen sehr genießen. Sie ist grün und voller Kühe. Noch besser: tief in der Urschweiz stochert die gute Sommersonne nicht blindwütig nach den Menschen. Vielmehr erhellt sie, fern allen Baulärms, ihre Gedanken. Dh, sie erhellt die Umgebung, die auf diese Weise leichter zu durchschauen ist, was die Menschen wiederum denken läßt, sie hätten etwas an der Welt gewonnen. Genau dort, wo dies der Fall ist, erst rechts und dann links, führt ein Weg in den Bergwald hinauf. Es handelt sich um eine touristisch bisher unerschlossene Schlucht. Zu hören sind ein Plitschern, abgewechselt von einem Plätschern. Vom Waldrand her tönen Alphörner. Die Schlucht hinab fließt und stürzt durch sein zu sehenswerten Formationen geschliffenes Bett der Saarbach, ein Wildbach wie aus einigen allgemeinen Vorstellungen von einem Wildbach destilliert. Und mögen auch einige sein Rauschen demjenigen herkömmlichen Bau- oder Verkehrslärms nicht für unähnlich halten: so wie ein Wildbach rauscht nur ein Wildbach, basta. Etwas unterhalb des Wildbachs finden wir schließlich die zivilisierte Ortschaft Sevelen mit ihrem aufgeräumten Aldi-Markt und den aus Deutschland importierten Kassiererinnen. Es wäre eine überaus simple wie schlagkräftige Idee, das Geschehen in und um je einem Aldi Suisse und einem deutschen Aldi-Markt einen Tag lang dokumentarisch zu filmen, um aus dem gewonnenen Material die kulturellen Unterschiede zwischen beiden Nationen herauszuarbeiten. Wie auch immer, allein schon seine Klimaanlage macht den Aldi von Sevelen an heißen Sommertagen zu einem ähnlichen Geheimtip wie den Saarbach mit seinen Gletschertöpfen, Fließrinnen und Wasserstürzchen.

Porsche im Rhein

Beim Filtern sommerlochartiger Zeitungsmeldungen sind wir neben Loreley-Havarien (mit ihrer langen Geschichte) und Krokodilaufkommen im Rhein (mit ihrer mittellangen Geschichte) auf eine dritte bedenkliche Häufung (vergleichsweise sehr jungen Datums) gestoßen.

So berichtet das Oldtimer-Magazin meinklassiker.com von einem schmerzhaften Anblick, der am 29. Januar 2011 einen neuen Trend in der öffentlichen Rezeption eingeläutet haben mag: „Einen mit der vorderen Wagenhälfte im Wasser stehenden und erheblich beschädigten Porsche 356 C entdeckten Spaziergänger am Morgen (…) am Rheindamm unterhalb der Maxauer Brücke in Karlsruhe. Den Beamten der alarmierten Wasserschutzpolizei blutete das Herz, als sie den frisch restaurierten Oldtimer aus dem Rhein zogen. Nach (…) bisherigen Ermittlungen hatten Unbekannte den anthrazit-farbenen Wagen aus einer Garage im Rheinhafengebiet entwendet (…). Wieso die Täter das (…) Liebhaberfahrzeug dann (…) die befestigte Uferböschung hinab schoben und offenbar im Rhein versenken wollten, sollen nun die Ermittlungen der Kriminalpolizei klären.“

Etwas klarer liegt der Fall bei einem jüngst im Rhein geparkten Porsche auf Schweizer Terrain: „Wie die Kantonspolizei Zürich am Montag mitteilte, fuhr ein 24- Jähriger am Sonntag gegen 21 Uhr zum Einwasserungsplatz für Boote in Eglisau. Dort überliess er seinem 29-jährigen Kollegen das Steuer. Als dieser mit dem Wagen losfahren wollte, hatte er einen falschen Gang eingelegt: der Sportwagen machte einen Satz und landete im Rhein. Die beiden Männer konnten das Fahrzeug verlassen und ans Ufer schwimmen. Hilflos mussten sie mitansehen, wie die starke Strömung den Sportwagen in die Mitte des Rheins zog und das Auto dort schliesslich in den Fluten versank. (…)“ Soweit der Tagesanzeiger. Wie die Sache ausging, erfuhr die gesamte Schweiz aus der nationalen Tagesschau: „Der Occassionswagen ist so stark beschädigt, dass man nicht mehr damit fahren kann. An Land wird das kaputte Auto auf einen Abschleppwagen gehievt. Dieser transportiert es zum Stützpunkt der Zürcher Kantonspolizei nach Bülach. Der Eigentümer des Wagens darf das Auto dort besichtigen. Sein Kollege, der den Unfall verursacht hat, wird sich gemäss dem Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich, wegen Nichtbeherrschen des Fahrzeuges verantworten müssen und gebüsst werden. (…)“

Wer von unseren Lesern ebenfalls einen Porsche im Rhein beobachtet: rheinsein freut sich über Berichte und Bilder, um den möglichen Trend zu verifizieren.