schwarzrheindorf

st.clemens steht noch. die doppelkirche, die reizende
statue des heiligen, in den altar gelassen, gekleidet
wie ein krieger, wie ein liebender verwundet
am hals. und auch der kleine friedhof,

die mitte der welt liegt still. die frau am grab sagt,
jedes frühjahr fragen die romantikforscher
nach dem ort. die schneegrenze sei nicht weit
von hier. in diesem kleinen nest am rhein: nach jahren

wieder. einmal hattest du gemeint ich höre
nur auf meine augen, glaubtest auch beim letztenmal
noch immer an ein wiedersehn. wir hatten uns
getroffen und nicht losgelassen, die hemden getauscht.

du warst verknallt in meine 49ers, in die baggypants.
du bissest mich, ich wollt ein kerl sein, nicht dein
junge: darum kämpften wir, und unsere beteuerungen
mischten sich im ersten schnee.

wir meinten einen abschied, als wir eines tages sagten;
ich wartete in einer nische, bis du
verschwunden warst auf dem damm.
dann versuchte ich zu beten.

(schwarzrheindorf ist ein Gasttext von Crauss., entnommen dem Gedichtband “alles über Ruth” (der Link führt zu weiteren Informationen und Bestellmöglichkeit), erschienen in der Lyrikedition 2000, mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags. Rheinsein dankt herzlich! Crauss. liest in drei Tagen, am 14. Januar in Siegen rheinische Texte, darunter auch den ein oder anderen von dieser Website – nähere Informationen dazu in der Rubrik “Termine”.)