Die Zukunft des Bodensees vor 100 Jahren

Wir leben in der Anfangszeit eines neuen Rheines. Sein Bild wird allmählich in tausend Einzelstrichen auf den Blättern der Fachzeitschriften und in weitreichenden Erörterungen lebendig. Die Möglichkeiten des Rheines, mit vielfältig verzweigten Energien immer tiefer in das Leben der Menschen hineinzuwirken, immer tiefer eine Wasserstraße in das Land zu werden und schließlich den Bodensee zum größten Binnenhafen Europas zu machen, gelten besonders für den Teil des Rheines, der fast noch dem Hochgebirge angehört, sie rufen Erwartungen auf, je mehr sich die Lage Europas unter dem Stachel von Versailles verschlimmert und je mehr die wirtschaftlichen, industriellen, verkehrstechnischen, topographischen und gesetzgeberischen Vorarbeiten fortschreiten. Wie ein gotischer Dom in seinem Emporwachsen die Stämme und Lichter des Waldes und das Felsgetüm des Berges wiederholt, aber das Vergängliche beiseite läßt, so plant eine kollektive und faustische Phantasie die ingenieurmäßige Gestaltung des Flusses, die Entfesselung und Zähmung in einem ist.
Der Oberrhein besteht aus zwei Flügeln, und sein Angelpunkt ist Basel. Der eine Flügel endet im Bodensee, der andere in jener Breite des Stromes, die schon zum Vorhof des Weltmeeres wird. Beide Flügel bieten schwierige und verlockende Aufgaben für eine staatenbauliche Kunst, die bereit ist, Verantwortung für das Schicksal von Millionen künftiger Menschen zu tragen. Natürlich ist dies hier nur eines der Probleme, die überall in der Welt vorhanden sind, wo man aufgehört hat, das Werden von Massenstädten und Industriegebieten dem Zufall zu überlassen. Es besteht die Absicht, den Bodensee durch eine Höherlegung seines Spiegels zum Speicher gewaltiger Wassermassen zu machen, deren Abfluß dann gleichmäßiger sein wird als bisher. Die Wasserkräfte des Oberrheins entsprechen der Brennkraft, die in den Vorräten eines unerschöpflich großen Kohlenbergwerkes schlummert. Man will sie in vierzehn Kraftwerken gewinnen, die mit den Wasserkräften des Schwarzwalds zusammen die Möglichkeiten einer neuen Industrielandschaft bieten, die ganz Baden, Schwaben, das Elsaß und die Nordschweiz umfassen könnte. Niemand zweifelt, daß die Aufgabe lösbar sei, aber die Lösung ist durchaus nicht sicher. Sie kann eine schlechte und kleinliche werden. Dann wird dieser Teil Europas vor anderen Ländern zurückbleiben, vielleicht für immer. Wenn aber die Lösung glückt und eine große Hand verrät, so werden künftige Geschlechter sie bewundern. Das Gemüt der Planenden müßte wohl ein wenig dem Gehäuse ähnlich sein, in dem einst Dürer den heiligen Hieronymus darstellte, mit dem Hund und dem Löwen schlafend zu seinen Füßen, in stillster Unbefangenheit den menschlichen Leidenschaften gegenüber, die so rasch erwachen, um sich über irgendeinen Brocken zu zerfleischen.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Der Rheinfall: so nichts und wieder nichts

Nachdem wir durch ein Dorf gegangen waren, befanden wir uns auf der Höhe eines Weinberges, und eine Minute hernach, hatte ich gegen über, in der Tiefe, den vollen Anblick des Rheinfalls. Wir stiegen den Berg hinab, ich stellte mich für mich allein hin, zu schauen, und fühlte mich einen kleinen Menschen! Meine schüchternen Blicke wagten es nur nach und nach diesen majestätischen Gegenstand zu umfassen; indes der dumpfe Donner der herabstürzenden Fluten mein Ohr betäubte. Ich fand keinen Ausdruck eine so herrliche Erscheinung zu begrüßen; ich konnte und mochte an nichts geringeres denken, als an den unendlichen Urheber der Natur, der durch solche unverkennbare Züge seiner Allmacht, sich dem beschränkten Sinne des Menschen offenbart, große und heilige Eindrücke im Innersten des Herzens aufregt, die sich dann in erhabne und trostvolle Gedanken ausbreiten!
Ich bin so glücklich gewesen, dieses unbeschreibliche, einzige Schauspiel zu vier verschiednen malen zu betrachten; es ward mir jedesmal erhabner, ehrwürdiger. Die großen Gegenstände in der Natur, ein hohes in die Wolken ragendes Gebrige, eine unabsehbare Meeresfläche; ein herabstürzender Strom – dürfen wohl mit Recht, die untersten Stufen und Fusteppiche, von dem in ein heiliges Dunkel verhüllten Throne des Allmächtigen genannt werden.
Nachdem wir uns alle eine Zeitlang der stillen Betrachtung überlassen hatten, wurden nunmehr Anstalten gemacht, über den Flus zu setzen, und den wunderbaren Anblick noch näher zu genießen. Dieses Unternehmen verursachte bey einigen von uns eine kleine Beklommenheit; doch sprachen die andern, die diese Fahrt schon mehrmals versucht hatten, Muth zu, und während dem, daß die Fährleute herbey gerufen wurden, sahen wir ein Beyspiel der außerordentlichen Kühnheit. Ein Wagehals kam in einem kleinen Kahne, den er grade nach dem in der Mitte des Falls emporragenden Felsen richtete, daher gefahren, und steuerte immer mitten in die heftigsten Wellen hinein. Der beherzte Schiffer ließ sich durch den harten Kampf, den er hier fand, von seinem Vorsatze nicht abschrecken; je näher er aber an den fürchterlichen Felsen kam, desto stärker schleuderte die Bewegung des Wassers sein Fahrzeug hin und her, so daß uns Zuschauern auf die Letzte nicht wohl dabey zu Muthe ward. Endlich erreichte er dennoch den Felsen, sprang aus dem Kahne, befestigte ihn, und kletterte nun triumphirend bis auf die höchste Spitze hinauf.
Jezt fuhren auch wir in zwey an einander befestigten langen, aber sehr schmalen Kähnen, dem Anscheine nach, auf die Mitte des Falles zu. Als wir auf der Hälfte des Flusses waren, fingen unsre Kähne ziemlich an zu tanzen. Die Gewalt der Wellen gab ihnen aber zugleich eine Richtung, die uns seitwärts an das Ufer trieb. Hier musten wir einen steilen Pfad an einem Felsen hinaufklettern, der gleichsam wie eine Pfoste an der einen Seite des Falls hinauf steht.
Oben ist ein altes Schlos, die Wohnung eines Zürcher Landvogts. Ach hier einen Sommermonat zu zu bringen! – Rings um die liebliche, grüne Verschanzung von Weinbergen, ein waldichtes Thal zu beyden Seiten des Flusses; unter den Fenstern der Rheinfall: grausend und herrlich hinab zu schauen! in der Ferne, nach Schwaben hinein, eine blaue Gebirgs=Landschaft; tiefer Schweiz einwärts, am Horizont die hervorragenden Spitzen der Schneeberge! – -
Wir holten uns hier oben einen Mann, der mit zum Falle hinabstieg, und uns eine kleine Gallerie öfnete, die an der Seite des Felsen hart an dem Bogen des herabstürzenden Wassers angebracht ist, so daß man von dem Getöse ganz betäubt wird, und die sonderbaren Wirbel, Kreise und Faltungen, die sich durch das Herabströmen der Fluthen und das heftige Abspritzen von den Steinen bilden, ganz nah beobachten kann. Der Rhein stürzt nemlich in seiner ganzen Breite über die Felsenwand in weißschäumender Flut; hin und her, wo die Theile des Wassers nicht so ganz aus einander getrennt sind, behält es seine natürliche Farbe, und zeigt sich in schönen hellgrünen Streifen. Zwey schwarze Felsen stehn in der Mitte des Wasserfalls mit sonderbaren Hölungen ausgezackt, und geben der Breite des Falls einige Abtheilungen. Unten am Ufer liegen große Steine, die die Gewalt des Wassers von Zeit zu Zeit mit herabreißt. Der Dunst von dem im Herabstürzen zerstiebenden Wasser, steigt in neblichten Wölkchen empor, und die Fall ab gewälzten schäumenden Wogen, von unaufhörlichen Nachkömmlingen verdrängt, werden in breiten Furchen ans Ufer gegen über geschleudert. Was dieser ganzen Scene noch einen fast überirdischen Reitz zusetzt, ist die das feine Wassergestäube durchscheinende Sonne, welche die mannichfaltigst durch einandergeschlungenen Regenbögen hervorbringt. -
So viel oder eigentlich so wenig, so nichts und wieder nichts, wag ich, in einer Beschreibung des oft beschriebnen und besungnen Rheinfalls zu berühren. O wie herzlich gönnt ich euch, meinen Lieben, und nicht nur euch, sondern allen guten, für die mächtigen Eindrücke des Großen und Majestätischen in der sichtbaren Natur empfänglichen, zu reinen Empfindungen gestimmten Seelen, hier selbst eine Viertelstunde des Anschauens!

(aus Samuel Gottlieb Bürde: Erzählung von einer gesellschaftlichen Reise durch einen Theil der Schweiz und des obern Italiens, Halberstadt 1795)

Riesbeck über Köln (3)

(…) Die Religionsschwärmerey dieses kleinen Londons übertrift alle Züge, die man von dieser Art kennt. Man begnügt sich hier nicht mit einzeln Heiligen, sondern stellt sie in ganzen Armeen auf. Ich beschaute vor einigen Tagen die Kirche der heiligen Ursula, worin dieselbe nebst 11.000 englischen Jungfrauen begraben liegt. Die Wände und der Boden der Kirche sind mit Gebeinen und Särgen angefüllt. Da diese heilige Prinzeßin aus den Zeiten der sächsischen Heptarchie ist, so läßt sichs um so weniger fassen, wie sie in dem Gebiete ihres Vaters 11.000 Jungfrauen auffinden konnte, die sie durch Deutschland begleiteten. Unterdessen läuft man hier wirklich Gefahr, dieser heiligen Jungfrau und ihrem schönen Gefolge geschlachtet zu werden, wenn man nur Eine von den 11.000 subtrahiren wollte. So wunderbar diese Geschichte ist, so hat man doch noch einige andre Wunder zur Bestätigung derselben gebraucht. Unter andern ist an einer Säule ein kleiner Sarg angebracht, worauf zu lesen ist: Man habe ein unmündiges Kindlein in die Kirche begraben; aber so unschuldig es auch gewesen, so habe der mit dem reinsten Jungfrauenblut benetzte Boden der Kirche dasselbe doch nicht bey sich behalten, sondern wieder ausgespieen: Man habe also seinen Sarg auf einem Stein über der Erde anbringen müssen. Wenn du mit der Legende dieser heiligen Jungfrauschaften noch nicht bekannt bist, so wird es dir nicht ganz gleichgiltig seyn, zu wissen, daß die Legendenschreiber selbst über diese Geschichte nicht Eins sind. Die Italiäner behaupten, der Mönch, welcher dieselbe geschrieben, oder einer seiner ersten Abschreiber hätte aus Versehen wenigstens Ein Null zu viel gemacht. Ein Deutscher behauptet sogar, Eine der Jungfrauen, welche das Gefolge der Prinzeßin Ursula ausmachen, und von denen die Legende verschiedene nennt, habe Undecimilla geheissen, woraus man in den unkritischen Mönchzeiten leicht Eilf tausend machen konnte. – Auch liegt hier der heilige Gereon nebst 1.200 oder 12.000 heiligen Soldaten, denn auf Ein Null kömmts hier bey Heiligen nicht an, in einer sehr reichen Stiftskirche seines Namens begraben. – Einer der 3 Heumannsbrüder, von denen man einen elenden Volksroman in Deutschland hat, wirkt hier auch Wunder über Wunder. – Fast jede der 200 Kirchen, die hier sind, hat einige Heilige, von denen die Mönche und Bettler ihre Leibrenten ziehn. – Was mir von der Art hier am meisten auffiel, waren zwey hölzerne, weiß angestrichne Pferde, die auf dem schönen grossen Platz mitten in der Stadt durch die Fenster eines alten Gebäudes herabschauen. Man erklärte mir dieses Denkmal durch folgende Geschichte: Man begrub eine reiche Frau aus diesem Hause. Der Todtengräber sah viel kostbares Geschmeide an dem Leichnam, und kam nach einigen Tagen in der Nacht, um das Grab zu öfnen, und den Leichnam zu bestehlen. Kaum hatte er den Sarg aufgedekt, als die Frau aufstand, die Laterne, welche der entflohene Todtengräber in der Bestürzung zurükgelassen, in die Hand nahm, und ganz gelassen nach Haus gieng. Sie schellt an. Die Magd fragt zum Fenster heraus: Wer da sey? Auf die Antwort, es sey ihre Frau, läuft sie zum Herrn mit dieser unerwarteten Nachricht. Diesem mochte es nicht sehr lieb seyn, seine Frau wieder zu sehn. Es kann so wenig meine Frau seyn, sagt er, als meine Pferde aus dem Stall ins oberste Stockwerk hinauf laufen, und zum Fenster hinaus sehn. Gesagt, geschehn. Die 2 Schimmel spatzieren die Treppe herauf, und schauen noch auf den heutigen Tag zum Fenster heraus. Der Mann mußte nun seine Frau aufnehmen, die noch 7 Jahre lebte, und ein grosses Stük Leinwand spann und webte, welches man an einem gewissen Tag des Jahres in der benachbarten Apostelkirche dem Volk zeigt, wo man auch die ganze Geschichte gemahlt sehen kann. – Die Stadt ist unerschöpflich reich an solchen Geschichten.
Es ist hier nicht, wie an andern finstern Orten Deutschlands, wo solche Legenden bloß zur Unterhaltung des müßigen Pöbels dienen. Nein; der Kölner wird dadurch erhitzt und begeistert. Er betrachtet seine Vaterstadt als den angenehmsten Wohnsitz der Heiligen, und seine Erde selbst als heilig. Er ist bereit, augenblicklich die Wahrheit dieser Geschichten mit seinem Blut zu unterzeichnen, und ein Märterer für sie zu werden, oder den Zweifler zu einem Märterer zu machen. Sein galligter Humor umfaßt diese Gegenstände mit einer Hitze, die ihm beständig den Kopf schwindeln macht. Alle seine Legenden, wie du leicht an den obigen Beyspielen sehen kannst, haben daher auch das Gepräge von dem melankolischen, abentheuerlichen Unsinn und der Schwerfälligkeit, welche mit diesem Humor gepaart zu seyn pflegen. Die meisten Legenden der Katholiken an den Gegenden des Oberrheins, in Franken, Schwaben u. s. w. haben immer einige romantische Züge, die ihrem jovialischen Humor entsprechen, und die sanftern Gefühle reitzen.
Die hiesigen Pfaffen, besonders die Mönche, wissen durchaus nichts bessers auf die Kanzeln zu bringen, als solche Legenden. Einige meiner hiesigen Freunde versichern mich, daß sie auch in den Beichtstülen fast die ganze Sittenlehre der Beichtväter ausmachen. Die abscheulichsten Lügen vertreten hier die Stelle der sittlichen Belehrung. Klagt sich ein junger Mensch einer galanten Sünde an; so weiß ihm der Mönch nichts bessers zu sagen, als daß erst vor einigen Tagen in der Stadt 2 junge, unverehligte Leute todt beysammen im Bette gefunden worden, und ihnen der Teufel, dessen Klauen sehr erkenntliche Spuren auf den Körpern der Unglücklichen zurückgelassen, die Hälse herumgedreht hat. – Unter den vielen Predigern, die ich hier gehört habe und nach denen man in jeder Stadt den moralischen Zustand des Volks am sichersten beurtheilen kann, war ein einziger, ein Karmeliter, der nicht platten Unsinn predigte.
Eine nothwendige Folge davon ist, daß die Sitten des hiesigen Janhagels verderbter sind, als in irgend einer andern Stadt. Die Kirchen selbst sind hier das Rendezvous liederlicher junger Leute, wo alle Ausgelassenheit theils begangen, theils verabredet wird. Die Abendsandachten der vielen hiesigen Mönche sind der schönste Pendant zu den Winkeltheatern in den Vorstädten von Wien, in deren paarweis mit jungen Leuten besetzten Parterren man keine Hände sieht, und wo man eine starke Beleuchtung scheut. Die Gärten einiger Wirthshäuser sind ganz zur Paillardise angelegt, und die Labyrinthe und die mit Gesträuche bedeckten Grotten derselben sind auf die Sonn= und Feiertäge mit bunten Paaren angefüllt. An diesen Tägen ist aller Pöbel der Stadt betrunken, und tanzt und spielt und schlägt sich herum, daß er das lebendste Gemählde der alten Scythen und Deutschen darstellt.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Riesbeck über den Bodensee und seine Anwohner

“(…) Beim Anblick des Bodensees war ich würklich entzückt. Ich will keine dichterische Beschreibung dieses herrlichen Anblicks versuchen. Das hieße, das größte mannigfaltige und lebhafteste Gemälde dir mit einem Gesudel von Kohlen vorzeichnen wollen. Ich will dir nur meine philosophischen politischen Beobachtungen über die Gegend und die Bewohner derselben mitteilen; denn was meine Gefühle betrifft, so weißt du, daß ich in Beschreibung derselben sehr unglücklich bin.
Auffallend ist vor allen, daß an diesem großen Gewässer, welches auf eine beträchtliche Strecke die Grenzscheidung zwischen Deutschland und der Schweiz ist, keine einzige Stadt von Bedeutung liegt. Konstanz, die beträchtlichste an den Ufern desselben, zählt kaum 6.000 Einwohner. Sie hat weder eine erhebliche Handlung noch die geringste Manufaktur, da Schaffhausen, St. Gallen, Zürich und einige andere nicht weit entlegene Städte, welche die vorteilhafte Lage nicht haben, sehr blühende Handelsstädte sind. Augenscheinlich ist der Schwabe überhaupt lebhafter und reger von Natur als der Schweizer in den angrenzenden Gegenden, und was das Landvolk betrifft, so bemerkt man sowohl in Rücksicht auf Sittlichkeit als auf Fleiß einen auffallenden Unterscheid zum Vorteil des erstern, da sich hingegen die helvetischen Städte ebenso stark zu ihrem Vorteil vor den schwäbischen in ihrer Nachbarschaft auszeichnen.
In Konstanz wird man stark versucht, den Mangel an Kunstfleiß, die Vernachlässigung der Vorteile, welche die Natur darbietet, und die herrschende Liederlichkeit der Religion zur Last zu legen. Schon im Elsaß und in dem untern Schwaben fand ich unter den Protestanten mehr Gewerbgeist als unter den Katholiken. Die Feiertäge, das häufige Kirchengehn, das Wallfahrten, die Möncherei und dergleichen mehr tragen viel, und noch viel mehr die übertriebenen Lehren von Verachtung zeitlicher Dinge und von Erwartung einer wundertätigen Unterhaltung von Gott, die Leichtigkeit, in Klöstern und der Kirche Versorgung zu finden, und die Eingeschränktheit der Begriffe, die man zum Behuf seines Glaubens bei einem Katholiken im Vergleich mit dem Protestanten voraussetzen muß, dazu bei. Unter dem großen Haufen der Bauern beider hier zusammengrenzender Völker gleicht sich das durch die natürliche Schwerfälligkeit und Wildheit des reformierten Schweizers, worüber ich dir mit der Zeit in meinen Briefen über die Schweiz Erläuterung geben werde, ziemlich zum Vorteil des Schwaben ab. Aber in den Städten machen die mehrern Kirchen und Klöster nebst obigen Ursachen auf Seite der Katholiken und die große Aufklärung auf Seite der reformierten Schweizer einigen Unterscheid, welcher aber noch außer der Religion durch eine Menge andre Ursachen unendlich vergrößert wird. (…)
Ein anderes Hindernis für den Kunstfleiß in diesen Gegenden ist der dumme, lächerliche Stolz des Adels. Während daß die Kaufleute und Fabrikanten in den benachbarten Städten Helvetiens Regenten sind, blickt der Domherr in Konstanz mit Verachtung auf den Bürger herab, der sein Vermögen nicht seiner zweifelhaften Geburt, sondern seinem Verstand und Fleiß zu verdanken hat, und bläht sich mit dem Register seiner sechzehn stiftmäßigen Ahnen, welches er beim Antritt seiner Pfründe beweisen muß, ohne zu bedenken, daß er vielleicht von einem Lakaien, Jäger oder Stallknecht in die Familie unterschoben worden. Auf den Bürger macht das einen sehr schädlichen Eindruck. Anstatt sein Kapital durch seinen Fleiß zu vergrößern, kauft er sich Titel oder Güter, sucht dem Herrn Baron ähnlich zu werden und verhöhnt dann mit noch viel erbärmlicherem Stolz seine Mitbürger.
Nebst dem trägt die sparsame Lebensart des Schweizer Bürgers sehr viel zur Aufnahme seiner Manufakturen bei. Das alltägliche Essen eines etwas bemittelten Einwohners von Konstanz wäre für einen von St. Gallen ein festlicher Schmaus. Aber freilich ist das zugleich auch die Ursache, warum der Schwabe einen bessern Humor hat als der Schweizer. (…)
Der Bischof residiert zu Meersburg, einem kleinen Städtchen an dem entgegengesetzten Ufer des Sees, und hat ohngefähr 70.000 Gulden Einkünfte. Er besitzt sehr ansehnliche Güter auf helvetischem Boden. Die übrigen nennenswürdigen Orte auf der deutschen Seite sind: Überlingen und Lindau, worin man die Spießbürgerei im größten Glanz sieht.
Die helvetische Küste dieses kleinen Meeres ist scheinbarer als die deutsche. Die schöne Mischung der nah gelegenen, zum Teil mit Weinstöcken bepflanzten Hügel, die zerstreute Lage der Bauernhöfe mit ihren vielen Fruchtbäumen umher und die kleinen Partien von all den vielen Arten des Feldbaues geben derselben ein um so lebhafteres Ansehen, da die schwäbischen Dörfer enge wie die Städte zusammengebaut sind und oft ein großes Getreidefeld oder weitläuftige Wiesengründe um sich her beherrschen. Im ganzen, glaube ich, sind beide Ufer nach dem Verhältnis gleich stark bewohnt. Das helvetische ist steinichter und von schwererem Boden als das deutsche, und obschon das Thurgau unter die besten Gegenden der Schweiz gehört, so muß es doch einen guten Teil seines ersten Bedürfnisses, des nötigen Getreides, aus Schwaben beziehen, wogegen es etwas Wein und Obst vertauscht.
In Holland denkt man wohl wenig daran, was man dem Bodensee zu verdanken hat. Kaum kann man jetzt sich daselbst des Sandes erwehren, welcher durch die Aare und verschiedene andere Flüsse aus den Alpen in den Rhein geschwemmt wird, die Mündungen dieses Stroms zu verstopfen droht und durch die großen Bänke, die er schon weit über seinem Ausfluß ansetzt, in diesem tiefen Lande mit der Zeit gewaltsame Revolutionen erwarten läßt. Wenn nicht in diesem ungeheuren Behältnis die ungleich größere Menge des Sandes aufgefangen würde, welche durch den reißenden Rheinstrom aus dem hohen Bündnerlande herabgespült wird, so läge jetzt schon Holland unter neuem Sand begraben, und die gehemmten Ausflüsse des Rheines hätten dem Lande schon lange eine ganz andere Gestalt gegeben. Es ist wahr, diese Veränderung muß ohnehin mit der Zeit notwendig erfolgen. So beträchtlich auch die Tiefe dieses Sees ist, denn an einigen Orten beträgt sie dreihundert Klafter, so muß er doch endlich und um so eher ausgefüllt werden, da der Strom von seinem Ausfluß bei Konstanz an, durch die höheren Gegenden Deutschlandes, immer sein Bette tiefer gräbt und der See also ebensoviel Wasser verliert, als er Sand gewinnt. Aber wenn man bedenkt, was ein so großer Umfang, wie der des Sees, fassen kann, wenn man seinen Inhalt, wie della Torre jenen des Vesuvs, berechnet, so haben sich die Holländer noch freilich durch viele Generationen zu trösten; und wenn der jüngste Tag so schnell kömmt, als er von den erleuchtesten unserer Theologen angekündigt wird, so ist diese Berechnung vollends überflüssig. (…)
Noch muß ich dich, ehe ich von Konstanz abgehe, eines Mannes erinnern, der vor einigen Jahren in den Zeitungen soviel Lärmen machte. In dieser Gegend fing der berüchtigte Gaßner, welcher in kurzer Zeit einige Millionen Teufel austrieb und einige hundert Gläubige heilte, sein Spiel an. Der Bischof von Konstanz verbat sich solche Wunder in seinem Sprengel, und nun flüchtete sich der Mann unter den Schutz des Prälaten von Salmannsweiler, der sich immer mit schwerem Gelde die Exemtion von der bischöflichen Gewalt vom Papst erkauft. Aus Eifersucht auf den Herrn Bischof nahm der Prälat die Partei des Flüchtlings mit aller Hitze, und nun war sein Glück durch seine Verfolgung gemacht. Der Ökonom der Prälatur fournierte ihm einige Fässer verdorbenes Öl und ähnliche Sachen, die Gaßner zur Heilung der Menschen weihte und wobei der erstere seine Rechnung fand. Ich teile dir diese Anekdote mit, weil ich sie von guter Hand habe, sie wenig bekannt ist und ich dir ein neues Beispiel geben kann, daß Mahomet und alle Propheten seiner Art ihren Ruhm der Hitze ihrer Verfolger und Patronen, die oft mit dem Prophetentum dieser Männer in gar keiner Verbindung steht, zu verdanken haben. Lebe wohl.”

Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris (anonym verfaßt), 1783

Die sieben Schwaben am Bodensee

XXVI
Wie die sieben Schwaben den See erschauten
Und was sie dazu sich zu sagen getrauten

Als die sieben Schwaben weiter giengen,
Kamen sie unweit von Ueberlingen
An ein Gewäßer sehr groß und tief.
Der Seehas die Gesellen zusammenrief,

Und sagt` einem jeden, was er da seh,
Das sei der See, ja der Bodensee.
Da gaben sie den Augen wohl die Kost
Und lugten Eines Lugens: „Bygost!“

Sagt der Allgäuer endlich verwundert:
“Das ist eine Lache, ich wett Eins gegen hundert,
Man könnte den Grindten darin versäufen,
So groß ist sie und von solcher Teufen.”

Der Spiegelschwab, welcher der witzigste noch,
Fragte den Seehasen: “Sag mir doch,
Sind das Wildenten dort in der Ferne?”
Es waren aber Schiffe; das glaubt` er nicht gerne.

Der Gelbfüßler wollte wißen, ob drüben
Auch wieder Leute wohnten, wie hüben?
Und also hatten sie Alle zu fragen,
Aber der Seehas wollt es auf Einmal sagen.

Dieß sei, sagt` er, das deutsche Meer,
Müßten sie wißen, und ohngefähr
Hab es einen Umfang von hundert Meilen
Und dabei müße man doch gewaltig eilen.

Und der See, sagt` er, habe gar keinen Grund
Und Boden, sagt` er, und aus diesem Grund
Heiße man ihn eben den Bodensee,
Wie das denn leicht zu begreifen steh.

Und bei stillem Wetter, sagt` er, und hellem
Sehe man unten tief in den Wellen
Versunkene Schlößer und Städte liegen,
Er sag es, sagt` er, und könne nicht lügen;

Und Fische geb es im Schwabenmeer
So groß wie das Costnitzer Münster und mehr;
Auch Nixen hab es die Menge, zu Land
Und zu Waßer, das sei bekannt.

Wenn aber der See zu stürmen beginne,
So werf er Wellen, so hoch wie die Zinne
Des Straßburger Münsters, oder der Sentis –
Es ist ein Berg, der also benennt ist.

Und er könne der Wunderdinge noch viel
Von dem See berichten, doch sei er am Ziel.
Was helf es den Blinden zu predigen und Tauben?
Denn wer es nicht sehe, der werd es nicht glauben.

Plotz Blitz! rief manchmal der Blitzschwab aus;
Die andern aber zogen die Stirne kraus
Und sagten kein Wörtle. Und also stande
Der Schwabenbund an des Schwabenmeers Strande.

(…)

(Karl Simrock: Die schwäbische Ilias, nach Ludwig Aurbacher, 1850)

Uhland vom Rheinfall

Schaffhausen, Samstag, 15. October 1853.

Liebste Emma!

Meine Reise ist bis jetzt gut abgelaufen. Daß ich in Rottweil bis Dienstag Abend verweilen mußte, habe ich nicht zu bedauern. Unter der Leitung des Stadtpfarrers Wolf, eines Freundes von Prof. Keller, besuchte ich den ältesten Sänger in Schwaben, Orpheus, und andere römische Alterthümer, dann besonders auch die in der Lorenzkapelle ein eigenes Museum bildende Sammlung alter Holzschnitzwerke. In Donaueschingen wurde ich wieder überall freundlich aufgenommen und eine handschriftliche Chronik voll Mährchen, Sagen, Schwänke und alter Volksgebräuche hätte mich vielleicht noch den vierten Tag festgehalten, wenn ich nicht hier in Schaffhausen an dem für meine Nachfragen ungünstigen Sonntag anzulangen gefürchtet hätte. So schiffte ich mich in strömendem Regen gestern Abend 10 Uhr auf dem Eilwagen nach Schaffhausen ein, kam hier zwischen 3 und 4 Uhr frühe an, begab mich dann im einfachen aber mir wohl zusagenden Gasthof zum Schwan noch auf mehrere Stunden zur Ruhe und verspürte am Morgen, der freundlich aufgieng, nichts mehr von der Nachtfahrt. Frauer ist in den Ferien abwesend. Aber sein Amtsvorgänger Götzinger, ein Bekannter von früherer Zeit, geleitete mich diesen Vormittag bei warmem, hellem Sonnenschein zum Rheinfall, an dessen Anblick ich Herz und Auge weidete. Götzinger gab sein Lehramt am Gymnasium auf, weil er auf der rechten Seite des Oberleibs gelähmt ist, geht jedoch rüstig und scheint gerne sich zu bewegen. Er will sich mir auch diesen Nachmittag und Abend widmen und seine Mittheilungen werden auch für meine Studien nicht unergiebig sein. Morgen um 8 Uhr fährt das Rheindampfboot von hier nach Konstanz ab, von wo ich dann Nachmittags werde nach Meersburg überfahren können. Ob ich dann am Dienstag, Mittwoch oder gar noch später mit der Eisenbahn nach Stuttgart fahre, wird davon abhängen, wie ich es bei Laßberg treffe. Er soll sich recht erfreulich erholt haben. Am wahrscheinlichsten wird der Dienstag mich nach Stuttgart bringen, ein späterer Tag nur, wenn ich besonderen Anlaß fände, mich länger zu verweilen. Ich freue mich innig darauf, Dich dort wiederzusehen, und je früher ich ankomme, werde ich um so eher auch für den Stuttgarter Aufenthalt zugeben können.

Lebewohl, sei mit Wilhelm und Mayer herzlich gegrüßt von

Deinem

L.

In Donaueschingen, wo ich den größten Theil des Tags auf dem Archiv zubrachte, hättest Du wenig Kurzweil gehabt, aber am Rheinfall hättest Du bei mir sein sollen.

Anne of Geierstein

Upon the Rhine, upon the Rhine they cluster.
The grapes of juice divine,
Which makes the soldier’s jovial courage muster;
0 blessed be the Rhine!

–Drinking Song

A cottage or two on the side of the river, beside which were moored one or two fishing-boats, showed the pious Hans had successors in his profession as a boatman. The river, which at a point a little lower was restrained by a chain of islets, expanded more widely, and moved less rapidly, than when it passed these cottages, affording to the ferryman a smoother surface, and a less heavy stream to contend with, although the current was even there too strong to be borne up against, unless the river was in a tranquil state.

On the opposite bank, but a good deal lower than the hamlet which gave name to the ferry, was seated on a small eminence, screened by trees and bushes, the little town of Kirchhoff. A skiff departing from the left bank was, even on favorable occasions, carried considerably to leeward ere it could attain the opposite side of the deep and full stream of the Rhine, so that its course was oblique towards Kirchhoff. On the other hand, a boat departing from Kirchhoff must have great advantage both of wind and oars, in order to land its loading or crew at the Chapel of the Ferry, unless it were under the miraculous influence which carried the image of the Virgin in that direction. The communication, therefore, from the east to the west bank, was only maintained by towing boats up the stream, to such a height on the eastern side, that the leeway which they made during the voyage across might correspond with the point at which they desired to arrive, and enable them to attain it with ease. Hence, it naturally happened, that the passage from Alsace into Swabia being the most easy, the ferry was more used by those who were desirous of entering Germany, than by travellers who came in an opposite direction.

When the elder Philipson had by a glance around him ascertained the situation of the ferry, he said firmly to his son, — “Begone, my dear Arthur, and do what I have commanded thee.”

With a heart rent with filial anxiety, the young man obeyed, and took his solitary course towards the cottages, near which the barks were moored, which were occasionally used for fishing, as well as for the purposes of the ferry.

“Your son leaves us?” said Bartholomew to the elder Philipson.

“He does for the present,” said his father, “as he has certain inquiries to make in yonder hamlet.”

“If they be,” answered the guide, “any matters connected with your honor’s road, I laud the Saints that I can better answer your inquiries than those ignorant boors, who hardly understand your language.”

“If we find that their information needs thy commentary,” said Philipson, “we will request it — meanwhile, lead on to the chapel, where my son will join us.”

They moved towards the chapel, but with slow steps, each turning his looks aside to the fishing hamlet; the guide as if striving to see whether the younger traveller was returning towards them, the father anxious to descry, on the broad bosom of the Rhine, a sail unloosed, to waft his son across to that which might be considered as the safer side. But though the looks of both guide and traveller were turned in the direction of the river, their steps carried them towards the chapel, to which the inhabitants, in memory of the founder, had given the title of Hans-Chapelle.

A few trees scattered around gave an agreeable and silvan air to the place; and the chapel, that appeared on a rising ground at some distance from the hamlet, was constructed in a style of pleasing simplicity, which corresponded with the whole scene. Its small size confirmed the tradition that it had originally been merely the hut of a peasant; and the cross of fir-tree, covered with bark, attested the purpose to which it was now dedicated. The chapel and all round it breathed peace and solemn tranquillity, and the deep sound of the mighty river seemed to impose silence on each human voice which might presume to mingle with its awful murmur.

When Philipson arrived in the vicinity, Bartholomew took the advantage afforded by his silence to thunder forth two stanzas to the praise of the Lady of the Ferry, and her faithful worshipper Hans, after which he broke forth into the rapturous exclamation, — “Come hither, ye who fear wreck, here is your safe haven! — Come hither, ye who die of thirst, here is a well of mercy open to you! — Come those who are weary and far-travelled, this is your place of refreshment!” — and more to the same purpose he might have said, but Philipson sternly imposed silence on him.

“If thy devotion were altogether true,” he said, “it would be less clamorous; but it is well to do what is good in itself, even if it is a hypocrite who recommends it. — Let us enter this holy chapel, and pray for a fortunate issue to our precarious travels.”

The pardoner caught up the last words.

“Sure was I,” he said, “that your worship is too well advised pass this holy place without imploring the protection and influence of Our Lady of the Ferry. Tarry but a moment until I find the priest who serves the altar, that he may say a mass on your behalf.”

(aus: Walter Scott – Anne of Geierstein, or The Maiden of the Mist, Kapitel 18, Edinburgh 1829)

Fiebrig durch Konstanz (2)

Von brennenden Ghettos schreibt Jochen Kelter in seinem Konstanz-Gedicht „Ruderer“ von 1982 und von acht Mann, die sich auf dem Seerhein ranlegen, als wollten sie übers schilpende Wasser bis Stein oder Rotterdam, während überm Ried der Mond mit der Republik seine Schärpe tauscht. Kräftige Bilder, an deren Entschlüsselung wir noch arbeiten. Das Konstanzer Ghetto ist auf unseren fiebrigen Erkundungsgängen nicht zu entdecken, wahrscheinlich ist es mittlerweile überbaut oder versteckt sich im Internet. Tatsächlich hat ein User auf Youtube einen Konstanzer Ghettorap eingestellt, in dem es unter anderem heißt: „Konstanz, diese Psychostadt ist krank / vor ihr hat sogar der Teufel Angst (…) Aufgewachsen bin ich in dunklen Gassen / wo Freunde dich verraten und eigentlich hassen (…) Abschaum City (…)“ Der relativierende Refrain: „Diese eine Stadt, in der ich aufgewachsen bin / diese eine Stadt, in der ich immer bleiben will / Das ist nicht nur Ghetto, sondern auch ein guter Shop“ Lyrische Zeilen über Konstanz, mutmaßen wir, sowohl von uns auf andere schließend, als auch aufgrund solcher Fremdzeilen, unterliegen offenbar, solang sie in der Gegend selbst entstanden sind, unmittelbar den Ausdünstungen des Seewassers. Deren Schwingungen versetzen nicht nur den Körper in erhöhte Temperatur, sondern auch den Geist in matschbirnigen Frohmut: „Durch die Gitter meiner Zelle / grüßt der See mich jeden Tag. / Lächelt mir mit jeder Welle, / und vergessen ist die Plag`“ schreibt Hans Arnold 1885 einen „Gruß aus dem Konstanzer Amtsgefängnis“. Der See wirkt also schon länger. Und die von ihm ausgelösten Fieberwellen bewirken, daß wir uns vorstellen müssen, wie es früher, als alles noch viel größer war, der See das Rheintal bis weit in die Alpen hinauf füllte, zugegangen sein mochte: welche Sorte Saurier wohl an seinen Ufern sich tränkten und fraßen, welche Urfelchen ihre Traumräume vom Landgang, vom Fortflug gar, verwoben, welche Außerirdischen die Gegend damals besuchten, um Bodenproben zu entnehmen und schicke abenteuerliche Postkartenmotive ausfindig zu machen, welche Grundschulkinder – jedoch nur in hirngewebeähnlicher Spontanmanifestation eines letztlich materielosen kugelblitzförmigen Welt/Geistes – in aus damaliger Sicht ferner Zukunft die brennenden Ghettos von Konstanz in Wasserfarben zu bannen hätten. Wir wollen uns solche Szenen nicht vorstellen, wir müssen es. Das Seefieber zwingt uns dazu. Die Wasseroberfläche säuselt – oder surrt wie eine Stechmücke, ganz nah am Ohr. Vielleicht meint Jochen Kelter mit seinen acht Ruderern heroische Kämpfer, die sisyfotisch versuchen, die Wasseroberfläche zu erschlagen. Vielleicht angelehnt bei den Sieben Schwaben, die ursprünglich einmal neun gewesen sein sollen. Und von denen einer Seehas geheißen haben soll. Wie man heuer die Konstanzer nenne oder diese sich selbst oder die Friedrichshafener sich oder andere am See. Weil der Hase ja (bei den Sieben Schwaben) ein Ungeheuer und als Seehas in Fisch-Hasen-Mischform… Es gibt eine Pille gegen das Seefieber. Wer die einwirft, hat für 24 Stunden davor Ruhe. Und vor allem anderen auch. Der dämmert weg in wohlige Welten, während am Horizont das leise Geknister und die Rauchzeichen brennender Vorstädte mit der Unerheblichkeit ausgestorbener, noch dazu niemals bekannter Randvölker und ihrer Dialekte vor sich hinwerkeln und nuscheln: aus Weltraumsicht, elf hoch fümmunzwanzig Galaxien weit entfernt von der Erde.

Ölfter im Ölften in Kölle

Wir haben dat Kölsch Bloot in langen Jahren allenfalls teiltransfusioniert bekommen, ging es uns durch den Sinn, als wir die Stadt vorgestern unterirdisch querten. Zwar ist es in Köln jederzeit und rund ums Jahr kein außergewöhnlicher Anblick, in der Bahn als Lukaspodolskis, Lappenclowns, Bürgermilizionäre, Hunninen und Marieisdatnitschöns verkleidete stolze Einwohner anzutreffen, die hohe Anzahl und Sitz- wie vor allem Stehplatzverteilung, sowie die Bereicherung um pralleutrige Kühe, teuflisch aufgemotzte Stiletto-Teufelchen und mit Bierfäßern umgetane Biergläser etc löste dann aber schnell unser geistiges Ticket in die fünfte Jahreszeit. (Es hatte also, auch wenn es nie richtig aufgehört hatte, wieder begonnen!) In der überfüllten und zunehmend überfüllteren Bahn wurde nach mancherlei anderem ein auffällig als Nippeser Intellektueller verkleideter Undercover-Karnevalist (in einem unaussprechlichen Fantasiekostüm) vor unsere Brust gequetscht – wir kannten uns vom Bundesliga-Gucken: er: ein waschechter Westfale. Aus einer Laune heraus fragte ich ihn nach dem Motto der diesjährigen Sause und er wußte Bescheid: „Schnapstot und komajeschwängert: dat muß nit sin. Kölner stonn zesamme. Keine Flönz für Pänz!“ Während wir noch über das ausnahmsweise so lebensnahe Motto und Marie-Luise Nikutas mögliche Interpretation sinnierten, nahm der Westfale die Gelegenheit, von der feiernden Masse in akute Nähe unseres linken Ohrs gedrängt worden zu sein, wahr, uns weitere Informationen zu stecken, die eigentlich noch geheim seien, weil sie die Zochwagen beträfen, die er aber von verschiedenen Karnevalsgesellschaften zugehörigen, streitenden Nachbarn am frühen Morgen, kaum verständlich zwar, wegen deren Lallen, erfahren hätte: „„De Neppeser Schwaadlappe vun Neppes, die jern jet schwaade don e.V.“ wollen tatsächlich elfhundert Prinzpoldis in pommes-polnischem rut-wieß mit kleinen Ickehäßlerkasperszeptern entsenden. Und „De janz jemötlich links eröm drehende Stippeföttcher vun ungerm Dömche Alt Kölsche KG“ schicken einen als Hennes VI.-Gotthabihnselig verkleideten Seniorentrupp mit löstig-überlangen Jeißbärchten, die an krummen Zweiteligakrücken humpeln: das wird fußballlastig dies Jahr, da kannst sogar du mitmachen!“ Aber das bestgehütete karnevalistische Geheimnis der Saison sei politisch: „Die gemeinen Stadtarschief-Wühlmäuse vum Vringsveedel ohne Haftung e.V.“ entsenden einen vom Oberbürjermeisterpersönlisch angeführten Einsturzaufklärungswagen mit Singsang und zwei offenen Särgen, aus denen die Opfer janz jeck wiederauferstehen, zur Versöhnung mit überdimensionalen Kölner Schnäuzern angetan. Alaaf, sar isch da!“ Noch ehe wir antworten konnten, war der Westfale von feiernden Bürohengsten unter eine Sitzbank gedrängt worden. Und wir von einer Gruppe als bekopftuchte Türkinnen verkleideten fetten Kölschen Mamas auf einen Bahnsteig. Rheinwellen gleich schwappten die Massen durchs Eingeweide der Stadt. Elftausend Jecken hoch wollten sie sich auf dem Heumarkt ihr offizielles Startgetränk einverleiben, und wir sinnierten, was für ein Gewoge erst die elftausend Jungfern bei ihrem Ankunftslandgang in der Altstadt ausgelöst haben mochten, als die Gassen noch eng waren und an U-Bahntunnel kaum zu denken. Auf dem Bahnsteig jedenfalls kündeten KVB-Lautsprecher in hochprofessioneller Dreisprachigkeit (rechtsrheinisch, linksrheinisch, alkoholisch-altripuarisch), das ab sofort der Frohsinn die Macht ergriffen habe und wie man unter dessen Einfluß sachgemäß die süßlich duftenden Bahnen zu betreten habe: erst die Bahninsassen aussteigen lassen, dann selber einsteigen! Wir wollten es gern versuchen, doch hatte uns stattdessen eine diffuse Abordnung Oben bleiben!-Heinzelmichel aus dem Herzen Schwabens unter nasalen Protestkaskaden ins Freie bugsiert, in dem wir plötzlich, nach einigen Kilometern Wanderschaft, wie die Rose von Jericho aufgingen.

Schweiz ohne Schweiz

„Schweiz ohne Schweiz“ lautet der für manchen wohl leicht provokante, wir würden sagen: lustige Titel einer Kunstausstellung, die derzeit und noch bis zum 26. September 2010 im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen läuft, und sich, wie der Beititel „Alpenlose Landschaften“ nahelegt, jener wenig bekannten Schweiz diesseits bzw jenseits der Alpen widmet, wie sie sich ua in unmittelbarer Rheinnähe zwischen Basel und Bodensee findet. Kuratiert hat die Ausstellung Markus Stegmann, bis vor Kurzem eine virtuelle Bekanntschaft aus gemeinsamen Zeiten im Forum der 13, der für den Ausstellungskatalog, welcher neben Abbildungen ausgewählter Exponate einige literarische, insbesondere lyrische Texte versammelt, auch bei Rheinsein fündig wurde: Rheinfallgedichte von Mörike und lafleur, eine freundliche Gegenüberstellung schwäbisch-euforischen Scheinbiedermeiers und badisch-bodenständigen Hochleistungstrashs, von genau den wuchtigen Wasserstürzen, deren Sinn und Kraft zur jeweils herrschenden Zeit die Gedichte in Worte zu fassen suchen, umbildert. Ansichten vom Rheinfall markieren denn auch den ersten und thematisch kompaktesten Schwerpunkt der Ausstellung, von klassischer Landschaftsmalerei bis hin zu Michael Lios spektakulärem, an ein Youtube-Still erinnernden Foto eines Känzeligumpers, der sich kopfüber in die schäumenden Wasser stürzt. Desweiteren zu sehen: entidyllisierte Idyllen, Agglomerationscharme, alleinerziehende Natur, himbeerfarbene Wälder, ein verwirrendes Servelatpicknick und ein ziemlich überraschender Otto Dix.

Wie die Römer vor zeiten so hart vnd lang wider das Teütsch land gestritten haben. (2)

Die ander oder vnder Germania / ist gewesen von Cöln abhin biß an das möre / vnd hat sich gegen vndergang gestreckt biß zu der Mas / vnd waren jre fürnempste stett / Agrippina Vbiorum / das ist Cöln / vn Tungri / do nachmals ein bisthum auffgericht ward / aber jetzunt zu Lüttich ist. Des gleichen hetten die Römer auff der Tonaw auch jre prouintzen / nemlich Rhetia / Norico vnd Pannonia. Sie vnderschieden Rhetiam in zwo prouintzen / die erst Rhetia begreifft in jr den Bodensee / vnd waren diß die fürnempsten stett darin / Bregentz / Arben / vnd was den Rhein hinauff biß ghen Chur zu gelegen ist / vnd item das Lintzgöw vn Allgöw biß an den Lech. Das ander Rhetia ist gangen von dem Lech biß an den Yn / vnd hat in jm begriffen Augustam Vindelicam / das ist Augspurg / do sich gehalten hat der schatzbehalter der selbige prouintz. Darnach seind zwo andern prouintzen komen / die haben geheissen prouintie Noricorii / die haben sich gestreckt über Oestereich biß in Ungerland / das laß ich hie anston / vnd kom widerumb auff vnsern Rheinstrom. Do Julius der erst keyser lag in Sequania bey Bisantz / kam gegen jm gezogen Ariouistus der hohen Teütschen künig / mit eine grossen hore das er über Rhein gefürt hat / aber er ward von dem keyser in die flucht geschlagen / vnd kamen wenig mit jrem leben daruon / die über den Rhein schwumen / oder sunst mit kleinen schifflin daruber kamen / vnd dem fyend entrunen. Dise schlacht sol geschehen sein ein meil wegs fern von Basel an dem ort das jetz heißt Apollinaris. Darnach legt sich diser Julius mit seine kriegßuolck auff de Rhein vnd schwam offt mit jnen darüber / vnd strit wider die Teütschen. Jm Niderland bey den Vbijs vnd Menapijs / das ist bey Cöln / vnd im Gellerlad / macht er zwo brucken von holtz über den Rhein / domit er mit gewalt möcht an die Schwaben setzen / die dozumal herschere biß an die Elb / vnd den überrheinische vil trangs anthete. Aber wan er sie ergriff / ertrunen sie jm vnd verlieffen sich vnd verborge sich in dem Hartzwald oder in den lachen / vnnd hülen / das er jnen nichts oder gar wenig mocht abgewinnen. Aber was über dem Rhein gegen Franckreich / vnd über der Tonaw gegen dem Alpgebirg ligt / bracht er vnd sein nachkommen Augustus alles vnder der Römer gewalt. Zum aller ersten überkamen sie das ober theil an dem Bodensee / darnach das Sunggöw vmb Bisantz / darnach den Straßburger strich vnnd das ober Germaniam / mit der reuier vmb Metz vnd Trier / darnach das ander Germania / vnd dar zwischen brachten sie auch vnder jren gewalt beide Rhetiam vnd Noricum vn Pannoniam / das ist das Allgöw / Lechgöw / Baierland / Oestereich / Steiermarck biß in Ungern / aber von dem rechten Teütschen land / zwischen dem Rhein vnd der Tonaw begriffen / hetten sie nichts. Sie strebte aber lange zeit mit allem vermögen darnach / vnd hetten es gerings vmb an disen wässern vmblägert mit kriegern vnd hauptleüten / vnder wölche der keyser Julius der erst was der sie anfieng zu kriegen. (Aus Sebastian Münsters Cosmographia)

Von den fliessenden wässern Teütsches lands.

ES ist kein land in dem gantzen Europa / darin man so vil vnd so gros wässer findt als in Germania oder Teütschland. Under denen ist das erst vn das gröst die Tonaw / die im Schwabeland oder im Schwartzwald im dorff Doneschingen entspringt / vnnd laufft gegen Orient in das Pontisch möre / vnd schöpfft in sich sechtzig andere große vn schiffreiche wässer / ehe sie in das mör lanfft. Die alten nennen den berg darauß sie entspringt Abnobam / wie wol mer dan auff ein halbe meyl kein berg bey jrem vrsprug ist / sunder sie quelt mit einem grossen fluß auß einem bühel / der über zwo oder drey closster hoch nit ist / wie jch das eigentliche vnd wol besehen hab / vnd ein besunder tafel darüber gemacht. Es ist bey den alten gelerten männern ein gros begird gewesen den vrsprung dises wassers zu sehen / darumb auch ettlich von Rom härauß zogen / domit sie gesehen möchten seinen vrsprüngliche brunnen. Wir lesen auch von Tiberio / do er ein mal komme was zu dem Bodensee / nam er für sich ein tagreiß zu besichtigen den anfang der Tonaw.
Das ander groß wasser ist der Rhein / vnnd der entspringt hinder Chur im höchsten Schweytzer gebirg / Strabo nent den selbigen berg Adulam / vnd hat der Rhein daselbst zwen vrsprüng / vnd werden auch beide der Rhein genant / lauffen zusammen ein Teütsch meil ob Chur. Einer heißt der vorder vn der ander der hinder Rhein. Von vrsprung des vordern Rheins ist es ongeferlich drei stund fußgangs biß an vrsprung des Rhodans rechter distantz vnd nit weiter / wo es vor den obersten bergspitzen der richte nach zu wandlen möglich were. Do entzwischen in gerader lini ligt der berg Gotthart / vor zeite Sume Alpes / das ist das höchst Alp gebirg genant / darin entspringt Ticinus / laufft gegen mittag in Italiam. An der gegen seite die Rüß / laufft durch Vry in Lucerner see / vnd darauß gegen mitternacht in Rhein. Aber der obgenant Rhodan laufft anfangs gegen vndergag / vnd der vorder Rhein von seinem vrsprug biß ghen Chur gegen auffgang. Vnd also geben dies flüß alle vier bey jrem vrsprung auß fliessende / ein creütz / deß halb nit onbillich die höhe des gebirgs doselbst / Summe alpes genant werden. Der Rhein laufft anfangs biß ghen Chur / demnach wendt er sich gegen mitnacht / vn macht zwen grosse seen / der erst heißt der Brigantzer oder Costentzer oder Bodensee. Etlich meinen das er vorzeite Lemannus hab geheissen / aber mögen das nit gnügsam probieren. Diser see geüßt wider auß jm bey der statt Costentz den Rhein / vn nit fern von der statt theilt sich der Rhein in ein andern see / den die alten haben genent lacum Venetum / aber ietzundt nent man jn den Undersee oder den Cellersee / vnd do krümpt sich der Rhein gegen vndergang / vnd behalt auch den lauff biß ghen Basel / do kert er sich gegen mitnacht / etc. Das dritt wasser ist der Necker vn des vrsprung ist nit über drey oder vier stund fußgangs von dem anfang der Tonaw. Er wirt auch zimlich gros / ehe er in den Rhein kompt / durch andere vil wässer / die allenthalben von dem Schwartzwald daryn rinen / vnder wölchen die fürnempste seind die Entzg / die von Pfortzen härab kompt / der Cochar vnd die Jagt / die von Elbangen durch Schwaben vnd durch den Otenwald fliessen / vnd bey Wimpffen in Necker fallen. Das vierd schiffreich wasser ist der Mayn / der hinder Bamberg in Voitland entspringt / vnd darnach mit grossen krümmen durch das Francken land dem Rhein zu laufft. Das fünfft ist Amasus die Emß / die druch Frießland laufft / die Weser / die aus Hessen läd durch Brunschweigerland dem mör zu laufft. Das siebend ist Albis die Elb / von die kompt auß Behmer land und laufft durch Meyßen und Sachsen dem mör zu. Das acht Suenus / die Spre. Das neündt Viadus / die Oder. Das zehend Vistula die Wixel. Vnd über dem Rhein Obrinca / das ist die Mosel. On dise schiffreiche wässer / seind sunst onzelich andere wässer im Teütsch land / die jre beywonern nit zu kleinem nutz dienen / als die Nahe bey Creütznach / die Brüsch vnd Jll zu Sraßburg / die Murg in der Marggraueschafft / die Kintzig zu Offenburg / die Ar / die Limmat / vnd Rüsch im Schweytzerland / der Lech bey Augspurg / der vor zeiten die Baiern hat gescheiden von den Alemannern / die Vindelici hiessen. Die Jser bey München vnd Landshut / der Jn von Jnspruck gegen Passaw / item Anisus der Ens / der vor zeiten die Hunen hat gescheide von den Baiern. Gang jch über die Thonaw in das Mortgöw zu dem Fichtelberg / so find ich ein gantzen hauffen wasser die daraus fliessen vn do sein vrsprung nemen / als nemlich die Nab / die Sal / der Eger / vnd die Pegnitz.

(Soweit Sebastian Münster in seiner Cosmographia, hier zitiert nach der Ausgabe von 1550. Die Cosmographia liegt nun digitalisiert vor, in zwei deutschen (davon der hier zitierten, recht lesefreundlichen, der Uni Köln) und einer lateinischen Version.)

Topographia Germaniae

Haufenweise frühe Informationen über Orte längs des Rheins liefert (ab 1642) die Topographia Germaniae von Matthäus Merian (Stiche) und Martin Zeiller (Texte), wobei sich letzterer auffällig oft auf Münster und Freher beruft. Im Netz fehlen bisher die Teilstücke Topographia Helvetiae, Rhaetiae et Valesiae und Topographia Circuli Burgundici, wodurch der bisher im Internet vorhandene frühtopografierte Rhein hauptsächlich auf einen deutsch-elsässischen reduziert bleibt, wobei der schwäbische Part nebst eigentlich sehr Badischem auch noch Vorarlbergisches und Liechtensteinisches umfaßt. Die Texte sind schön ediert bei Wikipedia vorhanden, weswegen an dieser Stelle nicht sonderlich viel daraus zitiert werden soll. Sie bieten neben vielen historischen und geografischen Hinweisen vergleichsweise (s. Dielhelm) wenig Anekdotisches, eine Stelle über Germersheim fiel mir jedoch sofort ins Auge: kannte ich Germersheim doch zunächst, bei einer Annäherung per Fahrrad in den achtziger Jahren, als einen jenseits der Landstraße liegenden Ort im Hitzenebel der Müllverbrennung, deren ekelhaft süßer Gestank nach Erbrochenem meinen Besuch vollkommen vereitelte und für mehrere Jahrzehnte aufschob, bis ich mich vergangenes Jahr schließlich von der anderen Rheinseite heranwagte. Umso schöner diese die (offenbar auch prä-MVA-)typische Germersheimer Luft behandelnde Stelle aus der Topographia Palatinatus Rheni: „Es gibt gute Jagten / auch Fischereyen herumb / und wird das Gold da auß dem Rhein gebracht / und gewaschen; hergegen die Lufft / wegen Außlauff deß Rheins / und Morasts / so den Orth daher befestigt / nicht sonderlich gesund ist.“

Lemchen

Ein Gedichtband, Epigrammaton libri duo, verhagelte Simon Lemnius nachhaltig die Karriere. Wofür er sich, zumal ersterer weitgehend eingezogen und verbrannt wurde, mit einem weiteren rächte, der bis heute so wenig ausgegraben, so sehr sich jedenfalls in der Kantonsbibliothek Graubünden wohl zu fühlen scheint – und einen Haufen Derbheiten enthält, die Lessing veranlaßten, sie zu verteidigen und somit den “Schand-Poetaster” teilzurehabilitieren. Die Ungnade rührte vom großen Vorzeigedeutschen Martin Luther selbst, der sich (und weil das allein nicht gereicht hätte, auch jede Menge weiterer „wichtiger“ Persönlichkeiten) darin unvorteilhaft aufs Korn genommen witterte. Also drangsalierte er den jungen Bündner, der in den 1530ern bei Melanchthon in Wittenberg zum hoffnungsvollen Neulateiner ausgebildet wurde, nach seinen Möglichkeiten, dh schließlich per Hausarrest und Prozeßandrohung so zureichend, daß Lemchen mit dem zarten Namen und dem starren Sinn, sein Habe zurücklassend, die Flucht ergriff, die ihn durch die ostdeutsche Provinz und schließlich den Rhein entlang in seine Heimatgegend nach Chur verschlug, wo er nebst einer metrisch gelungenen Darstellung des Triesener Gemetzels im Schwabenkrieg von 1499 (also dem Krieg zwischen Schweizern und Deutschen, samt einer frühen lyrischen Erwähnung der liechtensteinischen Lande) in Die Raeteis ein obszönitätsbasiertes und -triefendes Schmähwerk gegen Luther, die Monachopornomachia (den Mönchs-Huren-Krieg), verfaßte, in dem er die ehelich-unehelichen Beziehungsgeflechte in Wittenberg ausweidet und den großen Reformator als gehässigen, dauernotgeilen Sachsenpapst, als „moguntinus satan, diabolissimus diabolus, merdosus pfaffius“ auflaufen läßt.

Bündner Allerlei

Im Räthischen Museum in Chur hängen aktuell in einer Sonderausstellung die Veduten Johann Jakob Meyers (1749-1829, Schüler von Heinrich Füssli, Lehrer von Karl Bodmer) mit Ansichten vom Hinterrhein, die der Maler während seiner Fußreise auf der Via Spluga skizzierte, konterkariert von den Fotografien Tino Sands, der knapp zweihundert Jahre später dieselben (doch nimmer dieselbigen) Blickwinkel einnahm, aufgelockert das Ganze von einigen flotten Zitaten des Reiseschriftstellers Johann Gottfried Ebel, der gemeinsam mit Meyer das Werk “Die Bergstrassen durch den Canton Graubündten nach dem Langen- und Comer-See” schuf, welches heuer um 25.000 Euro antiquarisch auf Liebhaber-Käufer harrt. So erfährt Rheinsein u.a. von den in manchen Gegenden äußerst mißtrauischen Alpenbewohnern, die zu knurren beginnen, wenn sie Reisende beim Zeichnen erblicken, was sie “das Land abreißen” nennen – und wenn sie zu knurren begönnen, sollte man schleunigst stiften gehen. Über das Fondueritual und seine Derivate finden sich die warnend an den Fremden gerichteten Zeilen: “Man hüte sich, von den fetten Käsen, besonders, wenn sie gebraten sind, viel zu essen; sie erregen dem Ungewohnten heftige Koliken.” Lepontisch beschriftete Stelen im Keller und ein buntes Sammelsurium an Bündner Allerlei machen das Museum darüberhinaus sehens- und hörenswert: die romanisch gesprochenen Filme überzeugen durch die Bank, besonders der Zwölfminüter “Vert cunter cotschen” (Grün gegen rot), in dem zwei Bergbauern die Liebe zu ihren Kleintraktoren der Marken Rapid und Aebi beschwören “das Schönste daran sind die Schalthebel”, und nebenbei fallenlassen, daß Mitnahmegabel auf Romanisch Mitnahmegabel heißt. Rheinsein erfährt von Bluzgern (Bündner Münzen) und Blakten, dem Alpenampfer, der gesotten einst als Sauerkrautersatz verwendet heute als Unkraut aus den Almen gerupft wird, sowie den Schwabengängern, Bündner Kindern, die sich um geringsten Lohn in den Sommern bei süddeutschen Bauern verdingten. Aus dem Handbuch Bündner Geschichte von 1558 eine Episode über das emigrativ expandierende Bündner Zuckerbäckertum: “Vor mir, dem Notar und dem Zeugen, hat Nuot Tretschins seinen Sohn Nott für vier Jahre dem in Venedig wohnhaften Meister Nott Christen übergeben, damit dieser ihn als Lehrling auf eigene Kosten nach Venedig bringe, ihm das Schulgeld für die Handwerkerschule bezahle, ihn während vier Jahren mit schicklichen Kleidern und Schuhen ausstatte und ihn im Zuckerbäckerhandwerk ausbilde. Wie einen Sohn soll er ihn ferner in anständigem Benehmen unterweisen und züchtigen und in allen Bereichen sich ihm gegenüber wie ein Vater verhalten; und ebenso soll der Lehrling Nott ihm gehorchen wie ein Sohn, lernen und arbeiten.”