Die Guschger Sennpuppe

In der Alpe Guschg am Schönberg haben im Sommer einmal die Alpknechte nicht gerade viel zu tun gehabt und infolgedessen zur Kurzweil allerhand Spässe getrieben. So haben sie einmal aus Lumpen eine grosse Puppe gemacht. Sie haben mit ihr geschwätzt, sie auf dem Arm gepöpplet, ihr auch Milch und Mus gegeben. Manchmal haben sie ihr auch Schläge gegeben, weil sie gar nicht zu reden anfangen wollte.
Wie der Herbst kam, haben sie wieder zu Tal fahren müssen, und alle Knechte haben noch einmal zusammen gegessen. Da hat auch die Puppe wieder dabei sein müssen, und während des Essens haben sie wieder allerlei Unfug mit ihr getrieben.
Bevor sie mit dem Essen fertig wurden, hat die Puppe auf einmal zu reden angefangen. Darüber sind alle zusammen sehr erschrocken und sind mäuschenstill geworden und haben einander nur so angeschaut. Ganz fürchtige Augen aber haben sie gemacht, wie die Puppe ganz ernst und böse einen nach dem anderen angeschaut und dann gesagt hat: „Ihr anderen könnt alle heimgehen, aber der Senn da – und sie hat auf ihn gezeigt – muss bei mir bleiben.“
Weil es dann so hat sein müssen, ist der Senn geblieben, und die anderen haben abgetrieben. Als sie ein Stück weit von der Hütte entfernt waren, haben sie an den Sennen gedacht und aus Neugier noch einmal zurückgeschaut. Da ist ein Schrecken durch sie gefahren, und am ganzen Leib haben sie gezittert. Denn auf dem Dach der Sennhütte haben sie die Haut des Sennen ausgespannt gesehen, und daneben sass die Puppe und lachte höhnisch.

(Otto Seger, Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966)

Freiburger Notizen (8)

Eine zünftige Freiburger Ankunft wird zwingend mit Münsterwurst („soll ich se Ihne zsammelege?“) begangen. Daß der Metzger ausgerechnet Möhrle heißt, paßt wunderbar zum ökologischen Ruch der Stadt. Die Auswahl besteht zwischen „Roter“, „langer Roter“ (zum Zsammelege) und „Thüringer Art“. Dazu gibt es auf Wunsch Röstzwiebeln ohne Aufpreis. Die Schlange vor dem Imbißstand auf dem Münsterplatz endet erst mit Ladenschluß, doch die Bedienung geht, für badische Verhältnisse beinahe unwirklich, zügig und freundlich vonstatten. Auf Wurst Wartende wähnen sich in einem internationalen Salon: Touristen und Einheimische, letztere an ihren ökologisch korrekten Frisuren erkennbar, stehen mitsammen am Büdchen und lachen gelegentlich kurz und fast herzlich über die stockende Kommunikation, welche ihre unterschiedlichen Soziolekte im Zusammenprall ergeben. Tauben picken die Reste der ewigen Wurstmahlzeit aus dem Pflaster, Brunnen plätschern, Gaukler gaukeln und die Sonne dreht auf über Freiburgs zentralstem place-to-be.

Freiburg ist allgemein eng gebaut. Am Gewerbebach über den Weltenlauf zu sinnieren, kann dazu führen, plötzlich von Menschenhorden umzingelt zu werden (Freiburger Kessel), die an selber Stelle einer Stadtführung lauschen, welche alsbald die eigenen Gedanken übertönt: im Mittelalter siedelten am durch die Stadtmitte verlaufenden Gewerbebach, der sich aus der Dreisam speist, aber ein eigener Kanal ist, alle Gewerbe, die auf Wasser („Wasser isch Energie“) angewiesen waren. Darunter die Fischer und die Gerber. Zwar fingen die Fischer im 30 Kilometer abgelegenen Rhein, doch hielten sie ihre Ware im Gewerbebach frisch. Dazu bedurfte es zeitlicher Absprachen mit den Gerbern, deren Abwässer die Fische nicht überlebt hätten. Auch die Bader waren am Gewerbebach ansässig. Gebadet wurde in Zubern, deren Wasserfüllung im Tagesverlauf allerdings nicht gewechselt wurde, weswegen ein Bad vom Morgen zum Abend hin deutlich an Sinn und Preis abnahm.

Der Schönberg bei St. Georgen bietet Promenaden im Wein mit kommentierten Ausblicken. Vor Kandel und Totenkopf schmiegt sich Freiburg an den Schwarzwald, die Hochhäuser der Stadt wirken wie Kästchen oder bedeutende Fußnoten einer universitären Versuchsanordnung. Hinter Kaiserstuhl und Tuniberg dampft der Rhein, hinter dessen Dunst wiederum, einem wildmathematischen Notat nicht unähnlich, die gefüllte Kurve der Vogesen mit ihrer Maximalerhebung, dem Grand Ballon. In den Weinbergen fallen die Mirabellen, flitzen und hüpfen und flattern die Tiere, Gottesanbeterinnen gibt es hier, Mäusebussarde und hartnäckige Grashüpfer. Um die ehemalige Erzmine herum hat sich anthroposofisch-biologisch denkendes Volk angesiedelt, nicht selten lassen sich in den frühen Abendstunden weibliche Exemplare in Zwiesprache mit Bäumen des grünen Energiekreises auf dem Gelände beobachten. Die Baumfrauen gelten als scheu und skeptisch: Abstand zu halten, um die fragilen Baumzwiesprachen nicht zu stören, bleibt daher des Beobachters vornehmstes Gebot.