Delft

In Delft hielten wir uns eine geschlagene Stunde (längere Aufenthalte sind für Touristen offenbar nicht möglich) auf und wähnten uns dabei im Puppenstuben- bzw Märklinparadies. Womöglich diente Delft dereinst Schiedam, der ehemaligen holländischen Hölle, als nachbarschaftlich-antithetisches Vorbild. (Weil wir Schiedam nur perifer über die Literatur und von der Autobahn her kennen, muß es bei Mutmaßung bleiben.)

Bereits bei der Anfahrt auf Delft konfrontiert den Besucher ein unübersehbares Fänomen: über der Stadt schwang eine Himmelsglocke gefertigt aus delftschem Blau, einer nicht nur in Holland hochberühmten Farbe, die ihre euforisierende Substanz ausschüttete und sich dadurch von den trüben, wenn nicht gar falschen Himmelsfarben des restlichen Rheindeltas wohltuend abhob. Nicht nur das: bald hatte die Glocke uns ganz und gar absorbiert. Wie genau wir hineingeraten waren, wo wir parkten, was wir eigentlich vorhatten: all das ist uns nicht mehr erinnerlich. Dafür jedoch all jenes, was innerhalb der Glocke sich abspielte: kaum waren wir unter diese Glocke geraten, trafen wir, als sei ein Vorhang gefallen, auf ein grachtenliniertes Schmuckkästchen, das alte Delfter Zentrum, das zu betreten wir uns beinahe schämten, weil unsere Schritte sicherlich Abnutzungsspuren hinterlassen würden, dieweil das neuere und/oder zu erneuernde Delft, wo es sich an die Altstadt schmiegte, wirkte, und das sagen wir als Deutscher nun wirklich mit Beschämung, als sei es vor kurzem flächenbombardiert worden: eine klangintensive Großbaustelle mit relativ geringem Touristenaufkommen. Erstaunlicherweise rasten Tuk-Tuks durch diese Szenerie. Zuletzt hatten wir solche Vehikel in Thailand gesehen. Diese stammten jedoch aus Den Haag.

Doch zurück zur Delfter Altstadt: entlang der von Wasservögeln bevölkerten und wohl aus dem Rhein-Schie-Kanal zumindest teilweise gespeisten Grachten beschied sich ein Leben, das ausschließlich aus gesundem, wohldosierten Fahrradfahren, Caféterrassenbevölkern und beiläufigem Shopping zu bestehen schien. Trotz allen locker-flockigen Müßiggangs arbeiteten an diesem ewigen Sommersamstagnachmittag durchaus Menschen, die Servicekräfte nämlich, aber vielleicht, ein Fremder, zumal unter massivem Einfluß delftschen Blaus, muß nicht gleich sämtliche lokalen Bräuche auf Anhieb verstehen, waren das doch nur mit einem fantastischen Trick animierte Märklinfiguren, denn sie arbeiteten auf eine unglaublich entspannte Art und Weise, so, als könnten sie jederzeit mit ihren Gästen/Kunden die Rollen tauschen. Eine weitere angenehme Eigenart der Delfter Altstadt stellte das öffentliche Schlendern dar. Denn das Delfter Pflaster rollt unmerklich unter den Schuhsohlen der Touristen und Einwohner(darsteller?) ab und verkürzt auf diese Weise die Distanzen zwischen den Sehenswürdigkeiten. Und wer garnicht schlendern will, wird ganz sachte und langsam an der ganzen Pracht vorübergeschoben! Damit aber noch lange nicht genug der kommoden kleinen Wunder! Fantasieblättrige Bäume warfen federleichte Schatten über die teichrosenbedeckten Wasserflächen. Mindestens die Hälfte der angestammten Holländerinnen(darstellerinnen?) erfüllte das Weizenblondheitsgebot, überhaupt waren die zahlreichen Friseurläden gut besucht und von scherzhafter Atmosfäre erfüllt, als gäbe es zu der allenthalben gewählten, weil staatlich geförderten Blondierung die entsprechenden Witze gratis dazu. Gute Laune überall. Mit irren Details riefen selbst schlichte Wohnhausfassaden Frohsinn hervor. Alles schien zu quaken und zu sirren, mitten in der Stadt. Gerade hatte es noch gefehlt, da erklang Glockenspiel. Ein gepflasterter Markt, umstanden von mittelalterlichen Gebäuden, Schwindel beim Anblick der Oude Kerk: steht sie schief oder der Betrachter? Ist der Betrachter echt oder selber eine animierte Märklinfigur „Tourist“? Müßte er sich dann nicht leicht von uns beobachten lassen, von oberhalb der Tischhimmelsglocke aus delftschem Blau? Verstörende Fragen im Grunde, die wir angesichts der hübschen, ja beinahe schon niedlichen Umgebung keineswegs als lästig empfanden. Vielmehr luden sie ein, sie in einem der zahlreichen Cafés zu überdenken. Mechanisch genossen wir ein niederländisches Bier, lasen ein niederländisches Blatt, verspürten einen inneren Ruck, sprangen von der Caféterrasse auf ein Boot, das in Augenhöhe die Gracht durchmaß und würden wohl heute noch über Delfts Wasserwege tuckern, wären wir nicht plötzlich auf der Autobahn wieder zu uns gekommen. Eine denkwürdige Visite, während der unsere Kamera merkwürdigerweise komplett ausfiel. (Die Bilder, die zu Delft im Internet zu finden sind, stimmen jedoch hundertprozentig mit unseren Erinnerungen überein.)

Schiedam

schiedamDas prachtgebäudehohe Schnapsglas deutet Schiedams Erbe an. Die wie ein Vorort westlich an Rotterdam und seine rheindurchflossenen Häfen anschließende Stadt ist die Zentrale der niederländischen Genever-Produktion. Einst galt Schiedam, zumindest im Englischen und Französischen (so z. B. bei Erckmann-Chatrian und Thomas Hood), als gebräuchliches Synonym für Genever, einen Ginvorläufer und kontinentalen Wacholderschnaps mit diversen Gewürznoten, die ursprünglich zum Überdecken des Fuselgeschmacks beigefügt worden sein sollen. Herstellung und Vernichtung des Getränks bestimmten die Geschicke der Stadt auf Jahrhunderte, besonders aber zu Zeiten der Industrialisierung und brachten ihr den Spitznamen Zwart Nazareth (Schwarzes Nazareth) ein. Die BNG-Bank zeichnete Schiedams Erbe gerade aus, als wir auf der Autobahn den sagenhaften Ort passierten, und verhinderte mit ihrer potemkinsch-piktografischen Stellwand das Durchdringen der Oberfläche. Zwar schien der Himmel meerisch zu schwelen, von höllenrosenbekränzten schwarzen Vulkanausbrüchen, mit denen Ferdinand Bordewijk 1944 den Zustand Schiedams beschrieb, war an diesem Sommertag jedoch nichts mehr zu erblicken: “Des zomers lag zij te midden van het sappigst Hollands weidelandschap te braken als een zwarte vulkaan. De felle vuren der glasblazerijen omkringden haar in een krans helse rozen.”