Das Lachen der Hühner: Rezension

Eine erste Rezension (von Janine Köpfli) zu Das Lachen der Hühner erschien, flankiert von einem Foto des aufgeschlagenen Bändchens,  gestern im liechtensteinischen Kultur-Monatsmagazin KuL:

“Ein kleines, einfaches Heft, mit Heftklammern gebunden, gibt einen besonderen Eindruck von Liechtenstein. Stan Lafleur und Helena Becker kombinieren Gedichte und Papierschnitte – hübsch, kritisch und zum Schmunzeln.

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Bewusst unscheinbar und schlicht scheint Helena Beckers und Stan Lafleurs Büchlein gestaltet worden zu sein. Es erinnert ein wenig an selbst gebastelte Hefte – so wie man sie in der eigenen Schulzeit fertigte, um die ersten selbst geschriebenen Geschichten und passend dazu die Zeichnungen zu binden. Ein umweltschützendes Trennblatt, das ein bisschen dicker ist als normales Papier, dient als Umschlag – einfach, ohne Schnickschnack, kurz und bündig: «Das Lachen der Hühner» von Stan Lafleur und Helena Becker. Und doch ist es wie jenes Geschichtenheft aus der Schulzeit, das das Kind mit Stolz in den Händen hält, weil es viel mehr ist, als auf den ersten Blick ersichtlich. Schon das grobe Durchblättern zeigt die Qualität, die von der Schlichtheit – von diesem unspektakulären Schwarz und Weiss – ausgeht. Helena Beckers Papierschnitte zeigen Szenen aus Liechtenstein, vornehmlich architektonische Aspekte der elf Gemeinden, wie es in einem Pressetext zum Büchlein heisst. Ortstypische Tiere stehen im Vordergrund, Störche in Ruggell, Hasen in Schellenberg oder Maikäfer in Vaduz. Elf Papierschnitte, die nicht immer zu Stan Lafleurs Gedichten passen. Dies sei aber auch nicht die Absicht gewesen, denn Texte und Bilder entstanden «zu weit überwiegenden Teilen unabhängig voneinander», heisst es. Es sind zwei nebeneinander laufende Zyklen, Eindrücke, die selten die ländliche Idylle zeigen, die so gerne mit Liechtenstein verbunden wird. Vor allem Lafleurs Gedichte beschreiben die Aussensicht auf den Kleinstaat. Der Autor lebte mehrere Wochen und Monate in Liechtenstein. Er beschreibt Gottesreste und Strassenlärm, Almrausch und Geldkäfer, Treuhändersümpfe und zahnspangige Teenies, die sich in Fremdenfeindlichkeit üben und ihre Lehrer beleidigen. Papierschnitte und Texte gehen ihre eigenen Wege, im Gemeinschaftsband schreiten sie Liechtenstein aber parallel in Nord-Süd-Richtung ab und weisen hie und da thematische Gemeinsamkeiten auf. Herausgebracht hat das Heft voller Liechtenstein-Gedichten und Papierschnitten die Kölner «parasitenpresse» anlässlich der Leipziger Buchmesse vom 17. bis 20. März. Ein originelles Heft – einfach und unspektakulär und doch einzigartig in seiner Offenheit und Ehrlichkeit.”

Neues aus Hinterschellenberg (3)

Ein putzig-plustriges Wintergoldhähnchen gesichtet, es zirpte. Bißchen fad in den Endschnörkeln. Schniiiepzipzip-schniiepzipplipp, so in etwa, oder auch frrrrr-frrrrfr. Schwätzte halt so daher. Der Tag verging ganz von selbst. Im Fernsehen brachten sie was über Schellenberg, über das neue Gemeindelogo, das aussah wie der Mittelrhein an manchen Stellen. Es war dem Eschnerberg nachempfunden, der ja auch in der Nähe ist.

Neues aus Hinterschellenberg (2)

Um Schellenberg herum die Jungfraun vom heiligen Blute, blutend. Aus dem Boden schießen, Stopfen und Pfropfen gleich, prallwangig-rosige Kirschwasserbischöfe. (Das Ergebnis nur einer ereignisreichen Nacht.) Contrametheus stiehlt sich umher, löscht die nachspritzenden Funken. Contrametheus von der Berufsfeuerwehr. Pißstrahl im Dunkeln. Auf dem Grenzstrich, beherrscht von Halunken, werden die Berge abgezählt, nachgekartet und -gezackt. (Sitzen zwei Berge in der Dorfbeiz, trinken reichlich Enzian. Sagt der eine: Haste mal n Kamm? Nee, der ging anders. Sitzen erstmal zwei Berge in der Dorfbeiz, dann kommt noch ein dritter: Na holla, das ist ja wohl der Gipfel. Oder nee. Sitzen einmal alle Berge in der Dorfbeiz, kommt der Rüfenprüfer. Ach was.) Der Eschnerberg macht einen Buckel fürs neue Gemeindelogo. Der ferne Rhein als gelöste Schlinge oder versteiftes Seil peitscht die Würmer unter seinem Bett. Tonlos brüllende Wälder.

Durchs Unterland

Von Haldenstein etappenweis mit Rhätischer und Schweizer Bahn rheinauf-rheinab. Von Buchs aus entwickelt sich eine spontane Parforce-Tour durchs Liechtensteiner Unterland. Den Segen dafür holt sich Rheinsein an der ersten Station, der Lourdesgrotte zu Bendern, einer „getreuen Nachbildung der weltweit bekannten Grotte im französischen Wallfahrtsort Lourdes“ zu Ehren der hellblau umschleiften Muttergottes, von deren Hilfsbereitschaft im Falle der Anrufung etwa 30 handgemachte Dankestafeln Zeugnis ablegen. Außerdem schenkt der Ort uns das Wort „Grottenkasse“. Auf dem Bendner Kirchhügel schworen die Männer des Unterlands (Frauen kamen damals noch nicht vor) erstmals dem Hause Liechtenstein (d.h. seinem Feldkircher Vertreter und Sachwalter) die Treue, zwölf Jahre bevor das heutige Fürstentum vom Hause Liechtenstein komplett zusammengekauft war. Auf demselben Hügel steht das Liechtenstein-Institut, eine Forschungsstätte für alle Liechtensteiner Belange, dahinter zieht sich der Eschnerberg gen Österreich – berühmt als Flüchtlings- und Schmuggelpfad. Im Gampriner Frohsinn traf sich einst der Liechtensteiner Underground, spielten Bands wie Les Reines Prochaines mit Pipilotti Rist, heuer herrscht dort landesuntypischer Leerstand. Im Gampriner Gemeindezentrum ist Rebel z`Morga angesagt, nicht etwa Rebellenfrühstück, auch wenn die anwesenden Trachtler durchaus eine Spur Alters- (resp. Sonntags-)wildheit verströmen, vielmehr handelt es sich um den berühmten Rheintalribel, in Butter geschmälzten Türkenmaisschrot, der mit Sauerkäse und Apfelmus serviert, in Kaffee getunkt zu Most genossen über Jahrzehnte das typische, tägliche, heuer nur noch an Folkloretagen gereichte Frühstück und Abendessen der Region darstellte. Als unterlandspezifisch, erklärt uns ein freundlicher Ortsforscher, gelten die durchweg romanischen Ortsnamen (außer Schellenberg), Gamprin leite sich beispielsweise von Campus Rheni ab – was plausibel klingt. Von einem lachenden, auf der Stelle fliehenden und winkenden Spitzbuebe verabschiedet geht’s denn auf Schellenberg, zunächst, aus dessen Kirche teuflisch langsame Psychedelic Rock-Tunes dringen, dessen Nonnenkloster vom kostbaren Blut offenbar auch vom Landesbischof mitbewohnt wird, dann auf Hinterschellenberg, hart bei Österreich, zu, wo das Russendenkmal an den Grenzübertritt von 500 russischen Soldaten, die unter dem Kommando von Generalmajor Arthuro Holmston-Smyslowsky auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion gekämpft hatten und schließlich im Fürstentum Asyl fanden, erinnert. Auf der Grenze grast einjähriges Vieh mit nieselfeuchten Frisuren, die gestutzten Hörner mögen noch in ihren Schädeln tröten, so schaun sie zumindest drein: bißchen unterwürfig, halbblöd, eins scheint grad das Katzbuckeln zu erlernen und führt den aktuellen Trainingsstand vor. Bißchen abenteuerlich, schmugglerlike, geht’s querfeldein über elektrobezaunte Weiden und laubbedeckte Waldhänge im fortgeschrittenen Orientierungslauf durch Feldwaldwiesen-Österreiche zurück nach Hinterschellenberg, wo an einer Hausfassade, als biblische Geschichten getarnt, in vier Wandgemälden die an solchem Ort kaum vermutete Prometheus-Passion zu entdecken steht.